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Warum Menschen auch nach Feierabend noch über ihren Job schreiben

Young woman thinking with pen while working (Image by Karolina Grabowska [CC0 Public Domain] via Pexels)

„Weißte, vielleicht muss ich das gerade einfach erzählen, sorry. Aber sagt man nicht, dass Ihr Taxifahrer irgendwie wie Therapeuten seid?“

„Da ist schon was dran, aber ich sag’s gleich: Was uns von Therapeuten unterscheidet, ist: Wir können nicht so gut helfen.“

„Ich hab mein Leben ruiniert, ich werd‘ alles neu anfangen müssen, es ist alles vorbei!“

Das Blog von Taxifahrer Sascha Bors liest sich wie eine Mischung aus Tagebuch, Action und Sitcom. Seit rund acht Jahren schreibt der gebürtige Schwabe auf Gestern Nacht im Taxi über seinen Alltag als Taxifahrer in Berlin. Leser bekommen hier nicht nur lustige bis nachdenklich stimmende Anekdoten von Bors Fahrten geboten, sondern auch viele Informationen über die Arbeit als Taxifahrer. Ein Beruf, der mit vielen Vorurteilen behaftet ist und oft missverstanden wird, findet Bors. Denn viele Kollegen arbeiten seiner Meinung nach viel zu viel, verdienen zu wenig und müssen sich dafür oft noch die neunmalklugen Sprüche der Fahrgäste anhören. Da jeder der Meinung sei, er könne Autofahren, würde oft unterschätzt, wie stressig der Job sein könne, erklärt er gegenüber den Netzpiloten: „Man kriegt da zu hören dass man Klausis Hinterhofkaschemme in 12878 Arsch-der-Welt ja wohl kennen müsse, dass es uns eigentlich noch zu gut ginge oder dass das Trinkgeld heute natürlich ausfällt, weil sorry, also bei ’nem Opel als Taxi …?“

Nach Feierabend auch noch über den Job schreiben?

Sascha Bors
Aus dem Taxi ins Blog: Sascha Bors

Das Schreiben über seinen Berufsalltag ist daher für Sascha Bors eine Mischung aus Tagebuch und Aufklärung. Er findet das Notieren seiner Geschichten nach Feierabend wie eine Therapie: Ist etwas schlecht gelaufen, kann er das beim Schreiben verarbeiten. Gibt es gute Nachrichten, kann er sie mit anderen teilen. Darüber hinaus nutzt er sein Blog eben auch, um seine Meinung zu äußern und um sein Wissen über die Taxifahrerei weiterzugeben.

So ähnlich sieht es auch sein Bloggerkollege Heiko Schneider. Auf kreidefressen schreibt er über seinen Alltag als Lehrer und das deutsche Schulsystem. Das Blog als persönliches Tagebuch zu nutzen, ist dabei nur ein Grund für seine Schreiberei. Schneider hatte es vor allem satt, wie der Mainstream über Lehrer berichtet. Wie Bors wehrt er sich so mit seinem Blog gegen Vorurteile: „Ich ärgere mich oft über die klischeehafte Auseinandersetzung mit dem Lehrerberuf,“ sagt Schneider zu den Netzpiloten. „Am Ende bleibt dann bei den Lesern wieder nur hängen: Dauerurlaub, Hitzefrei, faule Säcke und ungerechte Beurteilung.“ Sein Blog bietet ihm hier die Möglichkeit, dem ein Gegengewicht entgegenzustellen.

Heiko Schneider und Sascha Bors sind dabei bei Weitem nicht die einzigen im deutschsprachigen Raum, die über ihren Beruf bloggen. Zahlreiche Polizisten, Kellner oder Anwälte schreiben über ihren Beruf im Netz – um nur einige wenige Beispiele zu nennen. Viele davon anonym. Einerseits um sich und ihre Inhalte vor neugierigen Lesern und Nachfragen zu schützen, andererseits aber auch um persönlicher über ihren Berufsalltag berichten zu können.

Heiko Schneider
Heiko Schneider

Denn wer öffentlich bloggt, muss sich natürlich auch über rechtliche Konsequenzen im Klaren sein. Berufsblogger müssen darauf achten, Orte oder Personen zu verfremden und ihre Inhalte gegebenenfalls auch mit dem Arbeitgeber abzustimmen. So haben Berufsblogger, die unter ihrem richtigen Namen schreiben, möglicherweise nicht die gleiche Freiheit wie anonyme Blogger.

Doch egal ob öffentlich, unter Pseudonym oder ganz anonym: Was motiviert Menschen eigentlich dazu, auch noch in ihrer Freizeit über den Job zu schreiben? Grundsätzlich scheint es dabei drei große Motivationsfaktoren zu geben, sagt Sonia Lippke, Psychologin und Professorin für Gesundheitspsychologie und Verhaltensmedizin an der Jacobs University in Bremen.

Der erste Faktor ist der Abbau von Stress. Schreiben wirkt wie eine Therapie und hilft den Bloggern, das Erlebte vom Tag zu verarbeiten. Der zweite Motivator ist eine Art Selbstreflexion, in der man sich und seine Rolle im Berufsalltag aus verschiedenen Perspektiven heraus betrachtet. Und dann gibt es natürlich auch Menschen, die gerne das Wissen aus ihrem Beruf an andere weitergeben möchten: „Es gibt eine große Gruppe von Bloggern, die sich voll und ganz mit ihrem Beruf identifizieren und auch sehr stolz auf ihre Arbeit sind und dann gerne darüber schreiben,“ sagt Sonia Lippke im Gespräch mit den Netzpiloten.

Bloggen zwischen Stressfaktor und Spaßfaktor

Zu dieser Gruppe gehört auch Günter Schütte, Landarzt in Ostfriesland. Auf seinem Blog, Hausarzt Ditzum, Nachrichten vom anderen Ende der Medizin, hat Schütte so etwas wie eine Onlinesprechstunde aufgebaut. Er schreibt hier genauso über Hilfe gegen Kater wie über Schlaflosigkeit oder über Brustkrebs. Im Netzpiloten-Interview erklärt er, dass er über all das schreibt, was seine Patienten in der Sprechstunde bewegt: „Ich habe mit meinem Blog vor Jahren angefangen, weil ich  meinen Patienten zuverlässige medizinische Informationen liefern wollte.“ Auch wenn er seit 2015 in Rente gegangen ist, bloggt er auch jetzt noch regelmäßig über medizinische Themen. Das Schreiben hat er dabei nie als belastend oder anstrengend empfunden: „Abschalten brauche ich nicht. Arbeit ist für mich ein Hobby und ich bin sehr traurig, dass ich meine Praxis nicht mehr führen kann.“

Sonia Lippke
Sonia Lippke

Die Work-Life-Balance Expertin Sonia Lippke findet auch nicht, dass Arbeit und Freizeit zwei streng getrennte Bereiche sein müssen. Es käme viel mehr darauf an, sich auf eine Sache zu konzentrieren: „Der Mensch ist nicht für das Multitasking geschaffen. Unser Gehirn kann einfach mehrere Prozesse gleichzeitig nicht gut verarbeiten. Das ist auch bei der Work-Life-Balance wichtig. Wir müssen lernen, im Hier und Jetzt zu leben.“ Das bedeutet: Wenn wir arbeiten, sollten wir uns auf den Job konzentrieren und in unserer Freizeit sollten wir nicht noch nebenher Arbeitsemails checken. Das Problem liegt dabei nicht darin, dass Arbeit und Freizeit immer mehr miteinander verschmelzen. Die Krux ist eher, dass wir nicht völlig abschalten können und uns dann nicht auf den Moment einlassen können, in dem wir uns gerade befinden – weil das Handy vielleicht gerade vibriert oder die E-Mail Alerts uns ablenken. „Wir müssen daher zum Teil wieder lernen, uns auf die Situation zu konzentrieren, in der wir gerade sind und den Augenblick voll und ganz zu genießen.“ Denn sonst kann auch das Schreiben über den Beruf irgendwann von der Entspannung zum Stress werden. Daher ist wichtig, dass man den Spaß beim Bloggen nicht verliert.

Peter Wilhelm (Image by Peter Roskothen)
Peter Wilhelm (Image by Peter Roskothen)

Diese Gefahr läuft Peter Wilhelm sicher nicht. Der studierte Psychologe und ehemalige Bestattungsunternehmer ist wahrscheinlich nicht nur Deutschlands bekanntester Bestattungsexperte, sondern auch einer der humorvollsten. Auf Bestatterweblog lässt er sich auf satirische Weise über den Alltag im Bestatterleben aus und beantwortet auch die vielen Fragen seiner Leser über den Tod, das Sterben und Beerdigungen. Ohne das Komische an diesem Job zu sehen, ginge das gar nicht, erzählt Wilhelm den Netzpiloten: „In jedem Beruf, der sich mit den unschöneren Seiten unseres Daseins befasst, ist es wichtig, eine gute Portion Humor zu haben. In meinen Werken jedoch dient mir der Humor und ein unterhaltsamer Erzählstil dazu, die bittere Pille der Information mit dem Zuckerguss der Unterhaltung zu überziehen. Süß rutscht besser!“

So schreibt Wilhelm nicht nur über seinen vorigen Beruf als Bestatter, er ist auch der Chefredakteur der Publikation Bestatter heute, er unterhält Menschen von der Bühne aus mit einer satirischen Show über das Sterben und er hat auch mehrere Bücher zu diesen Themen herausgebracht. Titel wie „Darf ich meine Oma selbst verbrennen?“ zeigen, dass er das ernste Thema Tod auch immer mit einem Schmunzeln betrachtet.

Günter Schütte
Günter Schütte

Dabei geht Wilhelm mit allen Fragen zum Sterben sehr ernsthaft und respektvoll um. Schließlich geht es ihm auch darum, den Menschen – wenn auch nicht die Angst vor dem Sterben und dem Tod – dann wenigstens die Angst um das Drumherum zu nehmen.

Daneben möchte er auch, ähnlich wie Sascha Bors oder Günter Schütte, das Wissen über seinen Beruf mit seinen Lesern teilen: „Als Bestatter ist man es gewohnt, dass die Menschen einem mitunter etwas distanziert gegenüber stehen. Wer beschäftigt sich schon gerne mit der eigenen Endlichkeit? In lockerer Runde kommt dann aber sehr schnell der Punkt, an dem jeder die Chance nutzt, um endlich mal die Fragen zu stellen, die er immer schon stellen wollte. Werden Toten wirklich die Knochen gebrochen? Wachsen die Haare nach dem Tod weiter? Kann man als Scheintoter versehentlich begraben werden? Es waren und sind immer dieselben Fragen.“ Was lag also näher, als all diese Fragen in einem Blog zu beantworten.

Berufsblogs als neue Gesprächsform

Auch Landarzt Günter Schütte greift viele Fragen seiner Patienten oder Leser auf. Das geht oft weit über rein berufliche Fragen hinaus. Denn egal ob Landarzt, Bestattungsunternehmer, Lehrer oder Taxifahrer: Fremde Berufe erregen immer Neugierde und die Menschen lesen gerne etwas über einen anderen Arbeitsalltag – gerade wenn sie zu einem Thema besonders viele Fragen haben.

So kann das Berufsblog dann sogar zu einer neuen Form der Kommunikation werden. Gerade wenn Blogger dann zu sozialen Netzwerken wie Facebook oder Twitter greifen, um sich mit ihren Lesern auszutauschen, entsteht über den Berufsblog im simpelsten Fall eine Art Fragestunde, im besten Fall aber ein neuer und interessanter gesellschaftlicher Dialog.


Image „Young woman thinking with pen while working“ by Karolina Grabowska (CC0 Public Domain)


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Ist mein Chef ein Psychopath? – Hilfe aus der Jobfalle

Watch your head (adapted) (Image by Kenny Louie [CC BY 2.0] via flickr)

Ein Unternehmen zu leiten, erfordert eine zielstrebige oder sogar rücksichtslose Denkweise, die Fähigkeit, sicher aufzutreten und die Zügel in der Hand zu haben. Man sollte energisch und berechnend und ein akribischer Planer sein – Eigenschaften, die nur wenige besitzen. Aber es gibt eine Kategorie von Personen, die diese Eigenschaften im Überfluss hat: Psychopathen.

Der Forscher Robert Hare schätzt, dass diese Profilbeschreibung auf etwa ein Prozent der Bevölkerung zutrifft, aber der Anteil an CEOs könnte vier Mal so hoch sein. Kevin Dutton, Psychologe an der Oxford University, hat 5.400 Personen mit einer Vielzahl an Berufen untersucht. Er hat eine Liste der Top Ten-Berufe zusammengestellt, welche in der Rangfolge der Psychopathie ganz oben stehen. Den ersten Platz belegen die CEOs, gefolgt von Anwälten, Medienpersönlichkeiten, Verkäufern und Chirurgen. Während es für psychopathische Individuen wahrscheinlicher ist als für andere Menschen, dass sie Verbrechen begehen, schaffen es die meisten von ihnen, ein erfolgreiches Leben zu leben. Ihre psychopathische Persönlichkeit hilft ihnen dabei sogar. Das Problem besteht darin, dass es der psychopathische Chef ist, der die Kultur und den Umgangston für die Art und Weise festlegt, wie manche Organisationen ihren Geschäften nachgehen.

Zieht der Chef es vor, ethisch vertretbar zu arbeiten, oder bewegt man sich in der Grauzone zwischen einer ethisch fragwürdigen und einer sich noch im legalen Bereich befindlichen Tätigkeit? Oder schlimmer noch, überschreitet er gern die Grenze der Legalität, wenn die Risiken gering sind und die Vorteile die rechtliche Verbindlichkeit überwiegen? Wer für so einen Chef arbeitet, kann manchmal in die Bredouille geraten. Um den Chef nicht aufzuregen, entwickeln solche Menschen eine Art ethische Blindheit. Diese Angestellten sind sich meist nicht bewusst, dass sie unethisch handeln, das Management hat schlicht und ergreifend eine Umgebung geschaffen, in der Ethik nicht viel Beachtung geschenkt wird. Das gestattet es andernfalls anständigen Menschen, sich in diesem Verhalten zu etablieren. Wenn eine ansonsten anständige Person mit einer schädlichen Umgebung konfrontiert wird, vielleicht eine, die von einem psychopathischen Chef geschaffen wurde, fällt es dieser Person sehr schwer, nicht in ethische Blindheit und schädliches Verhalten abzurutschen.

Wonach man Ausschau halten sollte

Der Psychologe Phillip Zimbardo, bekannt für sein Stanford-Prison-Experiment, wartet mit einem Set von sozialen Prozessen auf, die „das Böse beschleunigen“. Diese zu lesen ist eine Erinnerung, wie wir alle auf dem höchsten Punkt unserer eigenen schiefen Ebene sitzen:

  • Gedankenlos den ersten kleinen Schritt tun

Es ist einfach, wenn es viel zu erreichen und wenig zu verlieren gibt. Es ist der „schmale Grat am Rand“, der die Vorwärtsbewegung auslöst. Im Geschäft könnte man von Ihnen erwarten, dass ein paar Einsparungen ein akzeptabler Teil der Arbeit ist. Wenn die Zeit vergeht, bewegt sich diese Praxis von der Überlegung, ob man das Richtige tut, hin zu den Gedanken, wie man damit durchkommen kann – ein Übergang, der in einer Kultur der ethischen Blindheit leicht fällt.

  • Entmenschlichung von anderen

Wenn das Stammesdenken von „uns und denen“ die Leute dazu bringt, Außenstehende als Untermenschen anzusehen. Die blutgetränkte Geschichte der Kriegsführung verdeutlicht das destruktive Potenzial dieser Denkweise. Wenn ein Chef jedem sagt, dass hier gerade Krieg herrscht, dass wir „die Konkurrenz zerschmettern müssen“ oder „sie begraben“, wird eine feindliche Umgebung geschaffen, in der das Überleben davon abhängt den Feind zu töten.

  • Anti-Individualisierung des Selbst (Anonymität)

Menschen, die ihre Identität maskieren, werden sich wahrscheinlich antisozialer Verhaltensweisen bedienen, da Anonymität uns die Erlaubnis gibt, uns schlecht zu benehmen. Wenn ein Arbeiter ein anonymes Zahnrad in einer maschinenartigen Organisation ist, fühlt er sich selbst weniger menschlich, und daher auch weniger regiert vom menschlichen Anstand

  • Zerstreuung der persönlichen Verantwortung

Lassen Sie sich von der Mentalität des Mobs (wie beispielsweise einem Lynch-Mob) mitreißen, und Sie sind zu fast allem fähig. Tausende von normalerweise gesetzestreuen Londonern wurden in den Unruhen von 2011 zu Plünderern und Brandstiftern, weil „alle anderen es auch gemacht haben“. Ein Arbeitsplatz, an dem eine Kultur des Zweckes herrscht, der die Mittel heiligt, macht es Menschen einfach, das zu tun, was alle anderen ebenfalls tun.

  • Blinder Gehorsam gegenüber Autorität

Wenn eine Autoritätsperson wie der Chef von Ihnen verlangt, etwas zu erledigen, ist es schwer abzulehnen – insbesondere, wenn das Nichtbefolgen der Anweisung ernste Konsequenzen mit sich bringt. In der Vergangenheit konnte solcher Ungehorsam tödlich sein.

  • Unkritische Angepasstheit an Gruppennormen.

Normen üben einen machtvollen Einfluss auf unser Verhalten aus, besonders wenn Ungehorsam oder Nonkonformität dazu führt, dass Sie aus der Organisation geworfen werden. In der evolutionären Vergangenheit war sozialer Ausschluss gleichbedeutend mit Tod, daher tendieren unsere Instinkte zur Anpassung.

  • Passive Toleranz des Bösen durch Nichtstun oder Gleichgültigkeit.

Wie Edmund Burke vermerkte, „ist das einzige, was für den Triumph des Bösen notwendig ist, dass die anständigen Leute nichts tun.“ Sie müssen kein Täter sein. Es reicht, einfach passiv daneben zu stehen.

Führung von unten nach oben

Sie können sich trotzdem als ethische Person in Ihrem eigenen Einflussbereich etablieren, vorausgesetzt, Ihr Chef ist nicht diabolisch. Das ist eine Form der Führung von unten nach oben, welche anderen ein gutes Beispiel bietet, es Ihnen gleich zu tun. Wenn sich genügend Einflussbereiche überschneiden, verändert sich die Unternehmenskultur. Letzten Endes kann es für Sie die beste Option sein, sich nach einem anderen Job umzusehen und in Würde zu gehen. Aber unterschätzen Sie nicht die Macht des kollektiven Handelns, um eine ethische Arbeitsumgebung zu schaffen.

Dieser Artikel erschien zuerst auf „The Conversation“ unter CC BY-ND 4.0. Übersetzung mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.


Image (adapted) „Watch your head“ by Kenny Louie (CC BY 2.0)


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Von der Sekretärin zum persönlichen Manager: Der Aufstieg der virtuellen Assistenten

laptop (Image by parthshah000 [CC0 Public Domain] via Pixabay)

Telefonate entgegennehmen, Blogeinträge schreiben, Social Media-Accounts managen, Rechnungen aufsetzen, die Finanzplanung übernehmen – und das alles auf einmal. Gibt es nicht? Gibt es doch! Während die Wissenschaft es immer noch nicht geschafft hat, die eierlegende Wollmilchsau zu erschaffen, gibt es sie in der Arbeitswelt schon längst. Sie nennen sich virtuelle Assistenten (VA) und sind so etwas wie die Schweizer Taschenmesser der digitalen Ära: Es gibt wenig, das sie nicht können und kaum etwas, das sie nicht bereit sind zu lernen. Mit ihren vielfältigen Talenten von WordPress Organisation bis Buchhaltung sind sie dabei weniger Sekretäre, sondern vielmehr persönliche Manager.

Diana Ennen und Kelly Poelker, selbst virtuelle Assistentinnen und Autorinnen der VA-Bibel Virtual Assistant. The Series definieren die virtuellen Assistenten als „hochqualifizierte und hochspezialisierte Fachleute, die Unternehmer, Manager, Verkaufsprofis und all diejenigen unterstützen, die mehr Arbeit als Zeit haben.

Von der Sekretärin zur virtuellen Assistentin

Ein virtueller Assistent ist also ein externer Fachmann, der Firmen oder Unternehmen bei gewissen Aufgaben unter die Arme greift. Je nach Qualifikation des Assistenten und Kundenwunsch umfasst der Aufgabenbereich der VA dabei so unterschiedliche Felder wie Kundenrecherche, Organisation von Reisen, Marketingberatung, das Abtippen von Protokollen, Übersetzungen oder Webseitenbetreuung. Einige virtuelle Assistenten arbeiten als Freelancer, andere nutzen spezielle Agenturen für die Kundenvermittlung, während wiederum andere eigenständige Unternehmer sind.

Während es persönliche Assistenten und Sekretäre natürlich schon seit dem Beginn des 19. Jahrhunderts gibt, wurde der Begriff „virtueller Assistent“ laut Ennen und Poelker im Jahr 1997 zum ersten Mal verwendet. Demnach war es Lifecoach Thomas Leonard, der in einem Interview davon berichtete, wie eine Assistentin so ziemlich alles für ihn managte, wozu er selbst keine Zeit fand. Da er diese Assistentin allerdings noch nie persönlich getroffen hatte, nannte er sie seine virtuelle Assistentin. Ein neuer Beruf war geboren.

Trendjob Virtueller Assistent

Dennoch war der Beruf in dieser Zeit noch eine Seltenheit. Vor zehn Jahren gab es gerade mal eine Handvoll VAs, heutzutage boomt der Job – ermöglicht durch das Internet und die weltweit voranschreitende Digitalisierung. Zwar gibt es nur grobe Schätzungen über die genaue Anzahl von virtuellen Assistenten weltweit, doch der Trend zeigt klar nach oben. Mit Statistiken, die voraussagen, dass der Online-Arbeitsmarkt bis 2018 einen Wert von rund 4,4 Milliarden Euro haben wird, steigt die Nachfrage nach virtuellen Assistenten weiter.

VA Google Trend

Outsourcing ist also keine Modeerscheinung mehr, sondern längst Realität. Je komplexer die Aufgaben sind, je globaler Firmen arbeiten und je spezialisierter unsere Berufe werden, Firmen auf das Verlagern von Aufgaben. Callcenter in Osteuropa, Webdesigner aus Indien oder Produktionsstätten in China sind die Ausmaße von Outsourcing bei großen Konzernen. Doch auch Kleinbetriebe, Solopreneure und mittelständische Onlineunternehmer sind auf externe Hilfe angewiesen. Seitdem Tim Ferris 2007 in seinem bahnbrechendem Bestseller zur vierstündigen Arbeitswoche die Weichen für Online-Unternehmen legte und die Idee der virtuellen Assistenten ins Spiel brachte, boomt der Begriff.

Mutter + Vollzeitstelle = Virtuelle Assistentin

Es war auch zu ungefähr dieser Zeit, als Zeina Barker zum ersten Mal den BZeina Barkeregriff hörte. Sie war gerade Mutter geworden und wollte einerseits mehr Zeit mir ihrer Familie verbringen, andererseits aber auch wieder in ihren Job zurückkehren. Doch auch wenn ihre Arbeit mit internationalen Unternehmen der Londonerin viel Freude bereitete, stundenlanges Pendeln wollte sie dabei nicht mehr in Kauf nehmen. Gleichzeitig arbeiten und mehr Zeit zu Hause verbringen, schien daher zunächst nicht machbar – bis sie über die Onlinestellenbörse People per Hour stieß: „Hier beschloss ich dann, meine Erfahrung und meine Ausbildung zu nutzen, um ganz neu als virtuelle Assistentin anzufangen. Das ist nun sieben Jahre her, aber ich habe es nie bereut. Es war zwar nicht immer einfach und ist auch jetzt noch oft eine Herausforderung, aber gleichzeitig auch unglaublich erfüllend“ erklärt sie gegenüber den Netzpiloten. Barker arbeitet immer noch hin und wieder als Freelancerin, betreibt aber gleichzeitg auch ihre eigene VA-Firma vefficient.

Barkers Weg zur virtuellen Assistentin verkörpert einen weiteren Trend dieses Berufs: Nach Umfrage der Virtual Assistant Networking Association sind 96,8 Prozent der Befragten Frauen und über drei Viertel haben Kinder. Das zeigt, dass Mütter weder bei der Familie noch in ihrem Job zurückstecken wollen. Gerade in den USA entscheiden sich viele Frauen für das Arbeitsmodell der „work-at-home-Mom“, also der berufstätigen Mutter im Homeoffice.

„Ich werde für´s Lernen bezahlt“

Die Vielfalt der Aufgaben und der leichte Einstieg in den Job als virtuelle Assistentin könnten Gründe dafür sein, warum viele Frauen als Neulinge in der digitalen Arbeitswelt gerade diesen Onlineberuf wählen. „Virtueller Assistent ist ein idealer Einstiegsberuf für alle, die noch nie online gearbeitet haben“ sagt etwa Vera Ruttkowski, eine der bekanntesten deutschen virtuellen Assistentinnen, im Netzpiloten-Gespräch. Ruttkowski arbeitet seit gut zwei Jahren als virtuelle Assistentin und betreut mittlerweile als SelVera Rutkowskibstständige sechs feste Kunden. Ihre Dienstleistungen reichen unter anderem von Blogbetreuung über Finanzmanagement bis hin zur Social Media-Betreuung. Gerade diese Abwechslung, gepaart mit dem steten Lernprozess durch immer neue Aufgaben, machen den Beruf so attraktiv für sie: „Es ist unglaublich spannend, mit meinen Kunden mitzuwachsen. Ich habe die Chance, sehr viel Neues zu lernen – und werde dafür auch noch bezahlt. Was will man mehr?!“

Auch Zeina Barker, die sich auf e-Marketing, Projektmanagement und Übersetzungen (sie spricht Englisch, Französisch und Arabisch) spezialisiert hat, liebt die Vielfalt ihres Arbeitsalltags. „Alle Kunden sind sehr verschieden und bei mir gleicht wirklich kein Tag dem anderen. So wird es nie langweilig!“

Selbstverständlich erfordert eine solch freie Form der Arbeit aber auch straffe Selbstorganisation, Disziplin, Zuverlässigkeit, eine sehr gute Kommunikationsfähigkeit, Offenheit für Neues und Flexibilität. „Das schwierigste an dem Job ist für mich das Organisieren meiner Zeit“ sagt Ruttkowski. Barker wiederum glaubt, dass die virtuelle Kommunikation mit Kunden per E-Mail oder Skype manchmal mehr Zeit raubt als spart.

Dennoch lieben sowohl Barker als auch Ruttkowski ihren Beruf. Neben der eigentlichen Arbeit ist es vor allem eins, das sie an ihrer Tätigkeit schätzen – ihre Unabhängigkeit. Für Barker ist dies ein unglaublicher Ansporn: „Ich kann alles machen, was ich will, es gibt wirklich keine Grenzen für meine Fähigkeiten. Ich finde das sehr erfüllend und motivierend!“


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Wie die Eltern so die Kinder: Wird die Berufswahl vererbt?

Builder (Image by skeeze [CC0] via pixabay

Neulich auf Facebook: Das soziale Netzwerk begibt sich auf wissenschaftliche Pfade. In einer hauseigenen „Studie“ wirft Facebook die Frage auf, ob wir die gleichen Berufe ausüben wie unsere Eltern. Dazu hat Facebook anhand der angegebenen Daten von englischsprachigen Nutzern analysiert, die sowohl ihren Beruf als auch Beziehungen zu ihren Geschwistern und Eltern angegeben hatten.

Das Ergebnis: Auch wenn die meisten Kinder nicht den gleichen Berufsweg gehen wie ihre Eltern, ist es dennoch wahrscheinlicher, dass jemand Arzt wird, wenn ein Elternteil es auch ist als wenn niemand in der Familie als Mediziner arbeitet.

Facebook Berufswahl
Bild: Cluster

Aus wissenschaftlicher Sicht ist die Facebook-Studie natürlich nicht repräsentativ. Schließlich kann man beispielsweise nicht überprüfen, ob die angegebenen Berufe tatsächlich stimmen oder ob es sich innerhalb der untersuchten Familienkonstellationen um biologische oder adoptierte Kinder handelt. Dennoch wirft Facebook eine Frage auf, die Wissenschaftler schon sehr lange beschäftigt: Wer oder was beeinflusst unsere Berufswahl? Ist es die Kultur, in der wir aufwachsen? Sind es unsere Eltern, die uns beeinflussen? Oder ist unsere Berufswahl etwa genetisch beeinflusst? Die Antwort auf diese Fragen ist, um es mit einem Facebook-Beziehungsstatus auszudrücken, kompliziert.

Zunächst mal ist der Weg zur Berufswahl kein einheitlicher Prozess, sondern kann, je nach Blickweise, etwas ganz anderes bedeuten. Die Berufswahl kann:

  • ein Findungsprozess zwischen individuellen Interessen und Fähigkeiten und beruflichen Anforderungen sein
  • ein Kompromiss-Prozess sein
  • als das Ergebnis von Erwartungen und Werten betrachtet werden
  • als Selbstsozialisation gesehen werden
  • als lebenslange Selbstfindung beschrieben werden
  • das Ergebnis bestimmter Charaktereigenschaften sein
  • von bestimmten Genen beeinflusst werden

Je nachdem welcher Schule man angehört, hat man also auch eine andere Sichtweise auf den Prozess rund um die Berufswahl.

Der sozialwissenschaftliche Ansatz

Eltern spielen nach Meinung vieler Sozialwissenschaftler eine wichtige Rolle bei der Berufswahl der Kinder. So haben zum Beispiel Dirk Baier und Andreas Hadjar untersucht, inwiefern Leistungsorientierung von einer Generation an die nächste weitergegeben wird. Ihre These ist, dass Werte wie eben Leistungsorientierung hauptsächlich über die Erziehung und das Vorleben eben dieser Werte durch die Eltern an die Kinder weitergereicht werden. Ob und wie stark diese dann aber von den Kindern übernommen werden, entscheiden die Kinder selbst. Wenn die Eltern also vorleben, wie sehr sie ihren Beruf lieben oder wie wichtig es ist, zu arbeiten, geht das an den Kindern nicht spurlos vorbei und beeinflusst so auch indirekt ihre Berufswahl.

Wie genau dieser Einfluss wirkt, das hat Markus Neuenschwander genauer erforscht. Bei seinem Forschungsprojekt hat er untersucht, wie Eltern die Berufswahl ihrer Kinder beeinflussen. Er ist der Meinung, dass eine absolut freie und unvoreingenommene Berufswahl ein Irrglaube ist. Wir können nie ALLE Berufe kennen und wählen so aus den Karrierewegen, die uns bekannt sind und die uns als eine realistische Option erscheinen.

Wie viele Optionen uns dabei offen stehen und wie wir an diese Berufswahl herangehen, wird seiner Meinung nach tatsächlich stark vom Elternhaus beeinflusst. Je nachdem, wie stark Eltern Kinder fördern und ihnen die Wichtigkeit von schulischen Leistungen erklären und dies auch selbst vorleben, wirkt sich dies auf die Berufswahl der Kinder aus. Wenn die Eltern beispielsweise ihre Kinder ermutigen, in der Schule ihr Bestes zu geben, setzen sich die Kinder viel aktiver mit ihrer eigenen beruflichen Zukunft auseinander. Darüber hinaus ist es laut Neuenschwander auch so, dass Eltern den Berufswahlprozess mit Vorschlägen aktiv beeinflussen können.

Wählen deshalb Kinder automatisch die gleichen Berufe wie die Eltern? Sicher nicht! Dennoch orientieren sich Kindern natürlich zu einem gewissen Grad bei ihrer Berufswahl auch an dem, was ihre Eltern beruflich machen und an den Ratschlägen der Eltern.

Der psychologische Ansatz

Bei den psychologischen Studien zur Berufswahl stehen weniger die Eltern im Vordergrund, sondern der Einzelne, der einen bestimmten Beruf gewählt hat. Verschiedene Studien zeigen, wie gewisse Charaktereigenschaften die Berufswahl prägen. So haben beispielsweise Claudia Harzer und Willibald Ruch in ihrer Studie „The relationships of character strengths with coping, work-related stress, and job satisfaction“ einen Zusammenhang zwischen bestimmten Charakterzügen und der Jobzufriedenheit hergestellt. Wer als Mensch Eigenschaften wie Freundlichkeit, Ehrlichkeit und Beharrlichkeit mitbringt, ist meistens zufriedener im Beruf als andere Menschen. Dabei helfen uns ganz bestimmte Charaktereigenschaften auch dabei, mit dem Stress im Job besser umzugehen. In ihrer Studie haben Harzer und Ruch herausgefunden, dass Menschen, die in Pflegeberufen arbeiten, besser darin sind, sich von negativen Ereignissen abzulenken und auf das Positive zu fokussieren.

Das legt natürlich nahe, dass die Berufswahl stark von unserer Persönlichkeit abhängt. Neugierige, wissbegierige, extrovertierte Menschen sind wahrscheinlich eher Journalisten als Buchhalter. Genau so sind zielstrebige und risikobereite Menschen wohl öfter Unternehmer als Lehrer.

Der genetische Ansatz

Der genetische Ansatz geht wiederum von dem Standpunkt aus, dass ALLE unsere Charaktereigenschaften vererbbar sind. Wenn wir also davon ausgehen, dass wir so sind, wie wir sind, weil unsere Eltern und Großeltern uns dies zum Teil vererbt haben, dann sind auch die Charaktereigenschaften, die uns zu einer bestimmten Berufswahl treiben, genetisch bedingt. Das zumindest behauptet ein Team um den Forscher Zhaoli Song. Sie sagen, dass vor allem zwei genetische Marker darüber entscheiden, ob wir in unseren Jobs glücklich sind oder nicht: Dopamin DRD4 und Serotonin 5-HT. Sie haben untersucht, wie diese beiden Marker sich auf unsere Zufriedenheit im Beruf auswirken. Ihr Ergebnis: Es gibt tatsächlich Hinweise darauf, dass die genetische Veranlagung dieser beiden sich stark darauf auswirkt, ob wir in unserem Beruf glücklich sind oder eben nicht.

Das Forscherteam geht sogar noch einen Schritt weiter. Sie behaupten, dass es sehr wahrscheinlich ist, dass die Gene, die wir vererbt bekommen, eine entscheidende Rolle bei unserer Berufswahl spielen. Andere Studien scheinen dies zu bestätigen. So haben Forscher herausgefunden, dass die Berufswahl von biologischen Kindern viel öfter den Berufen der Eltern ähneln als bei Adoptivkindern. Es ist also durchaus etwas dran an der These, dass unsere Berufswahl teilweise vererbt wird.

Dass die Gene generell einen großen Einfluss auf unseren Berufsweg haben, scheint immer besser bewiesen zu sein. So zeigen Studien, dass attraktive Menschen im Schnitt 12% mehr verdienen als ihre nicht so attraktiven Kollegen und Menschen, die größer sind als der Durchschnitt, öfter in Führungspositionen befördert werden als kleinere Menschen.

Nature vs. Nurture – oder doch alles zusammen?

Wenn man all diese Ansätze betrachtet, scheint an jeder Theorie etwas dran zu sein. Das Aufwachsen im Elternhaus beeinflusst unsere Berufswahl genauso wie unsere Persönlichkeit oder bestimmte genetische Faktoren. Wahrscheinlich ist es aber nicht nur ein einziger Faktor, sondern eine Mischung aus all diesen Aspekten, die unsere Berufswahl letztlich beeinflussen.


Image „Builder“ by skeeze [CC0]


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Wer nur abnickt, haftet – Über die Kontrollpflichten der Aufsichtsräte

Anzüge (image by snapwiresnaps.tumblr.com [CC0 Public Domain] via Pexels)

Früher konnte sich ein Aufsichtsrat mit dem Hinweis entlasten, über bestimmte Themen nicht informiert worden zu sein. Man traf sich in noblen Hotels in Flughafennähe, genoss ein üppiges Buffet und nickte die Beschlussvorlagen des Vortandes ab. Fertig. Diese Zeiten sind vorbei. Die Anforderungen steigen.

“In vergangenen Jahren, insbesondere seit der Finanzkrise 2008, hat sich die Rechtsprechung grundlegend verändert”, weiß Johannes Steinel von PWC.

Fakten über unzureichende Liquidität oder Fehler des Top-Managements müssen von den Mitgliedern der Kontrollgremien eingeholt werden. Die Beweislast hat sich umgekehrt. Ein Ratsmitglied sollte daher jederzeit nachweisen können, dass man der Unternehmensführung die richtigen Fragen gestellt und den richtigen Rat erteilt hat. Verschärft haben sich zudem die Anforderungen auf die Reaktionsgeschwindigkeit der Kontrolleure.

Zustimmend zur Kenntnis genommen

“Der Aufsichtsrat sollte bereits im Falle erster Frühindikatoren einer sich abzeichnenden Krise eine aktivere Rolle spielen und gestalterisch eingreifen. Es reicht folglich nicht mehr aus, Beschlussvorlagen nur zustimmend zur Kenntnis zu nehmen”, betont Steinel im Interview mit dem Wirtschaftsmagazin Boardreport.

Die verschärften Anforderungen, die man aus der jüngeren Rechtsprechung ableiten kann, sollten sich auch in der Zusammensetzung des Aufsichtsrates wiederspiegeln. Man braucht Aufsichtsratsmitglieder mit Erfahrungen im Controlling, bei der Aufbereitung und Analyse von Geschäftszahlen, bei bilanziellen Themen und bei juristischen Fragen.

Kein Frühstücksjob

Vielen Aufsichtsratskandidaten ist nicht bewusst, dass es sich immer seltener um eine reine Nebentätigkeit handelt, die man problemlos der Hauptbeschäftigung unterordnen kann. “Kandidaten für Kontrollgremien sollten sich zunehmend intensiv über ihre Rechte und Pflichten informieren, sich aber auch Gedanken über ihre persönlichen Risiken machen, die sie im Aufsichtsrat eingehen”, rät der PWC-Experte.

Es gebe in Deutschland eine begrenzte Anzahl von Persönlichkeiten, die als professionelle Aufsichtsräte in Krisensituationen tätig sind, die üblicherweise in ihrer Karriere früher als CFO oder CEO tätig waren, die ihre Kontrollfunktion mit Tiefgang wahrnehmen, Schwachstellen und logische Brüche in den Zahlen unmittelbar erkennen können und das Management intellektuell herausfordern.

Sattelfeste Persönlichkeiten gesucht

Die richtigen Kandidaten zu finden, sei eine Herausforderung. Man brauche vor allem sattelfeste Persönlichkeiten für Krisensituationen. “In den meisten Sanierungsfällen, die ich in den vergangen Jahren erlebt habe, wurde zumindest ein Teil des Aufsichtsrates vom tatsächlichen Ausmaß der Krise überrascht”, sagt Steinel.

Wenn Sanierungserfahrung im bestehenden Team nicht vorhanden ist, sollten qualifizierte Berater vorgeschlagen werden. Der Aufsichtsrat verfügt in der Krise nicht nur über Informationsrechte, sondern auch über Mitentscheidungs- und Initiativrechte. Zu den Mindestanforderungen zählen die wöchentliche Überprüfung der Liquiditätssituation und die monatliche Überprüfung des Eigenkapitals.

Üppiger Haftungskatalog

Auch wesentliche geschäftsspezifische Indikatoren, die zur Beurteilung der aktuellen Situation und zur Überwindung der Krise notwendig sind, müssen angefragt werden.

Die Liste der Haftungsrisiken ist lang. Das Notiz-Amt benennt die wichtigsten Versäumnisse: Insolvenzverschleppung, Unterlassung von Schadensersatzforderungen gegenüber dem Management, Billigung von Investitionen ohne jegliche Erkundung über die Herkunft des Kapitals, Nicht-Einberufung einer Sondersitzung in der Krise, Nicht-Überwachung des Vorstandes in der Krise. Jeder dieser Anklagepunkte war in den zurückliegenden fünf Jahren Gegenstand rechtlicher Schritte gegen den Aufsichtsrat insolventer Unternehmen.


Image “Anzüge” (adapted) by Snapwiresnaps.tumblr.com (CC0 Public Domain)


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5 Lesetipps für den 24. November

In unseren Lesetipps geht es um den Bewertungskapitalismus, das Interesse für IT-Berufe, wie aus Marken Medien werden, die Abnahme des TV-Konsums durch Streaming und einen Antrag des Europäischen Parlaments. Ergänzungen erwünscht.

  • BEWERTUNGEN Spiegel Online: Uber, Airb’n’b & Co.: Bewertungskapitalismus statt Regulierung?: Bewertungen sind inzwischen zur Grundlage unseres Handelns im Internet geworden. Doch sie entscheiden nicht nur darüber, ob wir ein Produkt kaufen oder eine Dienstleistung in Anspruch nehmen, sondern der bewertungsbasierte Kapitalismus entscheidet auch darüber, ob Einzelpersonen oder sogar ganze Unternehmen ihr Geschäft fortführen können, wie Christian Stöcker schreibt. Wer würde schließlich in ein Auto bei Uber einsteigen, dessen Fahrer nur mit zwei Sternen bewertet wurde? Laut Stöcker könne so die Regulierung durch Gesetze und Behörden wegfallen. Stattdessen würden sich die Qualitätsstandards crowdbasiert durch Bewertungen ergeben. Was gut bewertet wird, ist schließlich auch gut. Lediglich die Kunden, die dann ständig aufgefordert werden würden, alles zu bewerten, dürften genervt sein.

  • IT-BERUFE Golem: Studie: Mädchen interessieren sich quasi gar nicht für IT-Berufe: Laut einer aktuellen Studie interessieren sich nur 0,5 Prozent der Schülerinnen für einen Beruf in der IT. Bei den Jungen sind es immerhin sechs Prozent. Das Ergebnis ist verheerend, bedenkt man, dass mit aufwendigen Aktionen wie dem Girls Day massiv für Berufe aus den Bereichen Technik und den Naturwissenschaften geworben wurde. Alleine in diesem Jahr nahmen an diesem mehr als 100.000 Mädchen teil. Insgesamt entsprechen die Ergebnisse der Studie weitgehend dem „klassischen Rollenmuster“.

  • MARKEN Dirk von Gehlen: Marken werden Medien: Anhand des Fußballspielers und WM-Torschützen Mario Götze beschreibt Dirk von Gehlen, wie Marken zu Medien werden. Schon längst ist Götze nicht mehr nur ein Fußballspieler oder die Werbeikone eines Unternehmens, er ist selber ein Medium. Auf Instagram erreicht Götze mit seinen Bilder und kurzen Videos beispielsweise mehr als 2,2 Millionen Follower. Mehr als 100.000 Fans liken durchschnittlich seine Bilder. Dazu betreibt der Fußballspieler eine eigene Website, die einem Magazin ähnelt. Somit ist aus der Marke Mario Götze ein Medium geworden. 

  • STREAMING DIE WELT: TV-Konsum nimmt durch Filmstreaming ab: Mit Netflix, Maxdome und Co. verändert sich der Fernsehkonsum. Das ist das Ergebnis einer repräsentativen Umfrage des High-Tech Verbandes Bitcom. Momentan schauen laut der Umfrage ca. 40 Millionen Deutsche Online-Videos und jeder dritte Nutzer von Videostreaming verzichtet komplett oder teilweise auf das klassische Fernsehen. In den USA hat sich der TV-Konsum mittlerweile sogar um 20 Prozent reduziert. Dadurch müssen sich Sender und Produzenten auf eine veränderte Medienwelt einstellen. Neben den kostenpflichtigen Streaminganbietern verstärken auch die illegalen Streamingportale wie kinox.to oder movie4k.de den Streaming-Trend.

  • GOOGLE CNet: European Parliament to call for breakup of Google, report says: Das EU-Parlament erwägt den Suchmaschinenriesen Google zu zerschlagen – das geht aus einem Report der Financial Times hervor. Dafür sollen die Abgeordneten einen Antrag bei der Europäischen Kommission gestellt haben, die hierüber entscheidet. Unterstützt wird der Antrag von der christdemokratischen Europäischen Volkspartei und den Sozialdemokraten. Ob die Europäische Kommission dem Antrag folgen wird, ist aber unwahrscheinlich, da diese bereits seit vier Jahren gegen Google ermittelt und angekündigt hat, das Wettbewerbsverfahren beizulegen. Am Donnerstag soll nun erst mal im Parlament über den Antrag abgestimmt werden.

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