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Treppenlift: Unterstützung für ein unabhängiges und selbstbestimmtes Wohnen

Für Menschen mit eingeschränkter Mobilität stellen Treppenstufen eine große Herausforderung, wenn nicht sogar ein echtes Hindernis dar. Da es Treppen schon seit der Steinzeit gibt und Gehbehinderungen sowieso, steht die Menschheit buchstäblich seit Urzeiten vor diesem Problem. So wundert es auch nicht, dass die ersten Lösungen ebenfalls seit Jahrhunderten existieren, nämlich spätestens seit Anfang des 16. Jahrhunderts.

So soll etwa der britische Monarch Henry VIII einen handbetriebenen Treppenlift besessen haben. Einen regelrechten Durchbruch erlebte der Treppenaufzug dann aber im Amerika der 1930er Jahre als die Nachfrage nach Treppenliften durch Betroffene von Kinderlähmung drastisch anstieg. Doch obwohl sich die Menschen seit fast 100 Jahren dieser modernen Technologie bedienen können, sind hierzulande noch immer die wenigsten Häuser und Wohnungen mit einem Treppenlift ausgestattet. Schätzungen liegen laut Stiftung Warentest zwischen 3.000 und 7.000 eingebauten Treppenliftanlagen pro Jahr.

Barrierefreies Wohnen nützt allen

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Woran liegt das? Barrierefreies Wohnen ist nicht nur die Grundlage für ein selbstbestimmtes Leben in den eigenen vier Wänden, sondern es nützt allen Menschen mit und ohne Behinderung. Aber wenn die Barrierefreiheit nicht schon beim Hausbau mitbedacht wird, muss sie nachgerüstet werden und das hat meistens seinen Preis. Darüber hinaus können Scham, Sicherheitsbedenken, der bauliche Aufwand und schlechte Beratung bei Betroffenen dazu führen, dass sie eher auf die unterstützende Technologie verzichten, statt von ihren Vorteilen zu profitieren.

Doch wenn man einige Punkte beachtet, kann auch das Nachrüsten eines Treppenlifts zur erfreulich barrierefreien Angelegenheit werden. Von der Planung über den Einbau bis hin zur Wartung des Treppenlifts, gibt es verschiedene Herausforderungen, die sich meistern lassen, indem man das Projekt Treppenlift erst einmal durchdenkt und sich Zeit dafür lässt. Mit dieser Checkliste lassen sich die wichtigsten Faktoren bei der Anschaffung vorab klären:

Planung: Wer nutzt den Treppenlift?

Da es unterschiedliche Aufzugvarianten gibt, muss man sich vorher genau überlegen, für welches Bedürfnis und in welcher Situation man den Lift benötigt. Die beiden wichtigsten Fragen dazu lauten: In welchem Maß ist die Beweglichkeit eingeschränkt und welche Treppe will man überwinden? Davon abgesehen sollte ein Treppenaufzug immer ohne fremde Hilfe zu bedienen und mit einem Notfall-System ausgerüstet sein.

Je nach Bedarf kommen drei gängige Typen von Treppenliften zum Einsatz:

    1. der Sitzlift, für Personen, die sich bewegen und selbstständig aufstehen können mit festem oder hängendem Sitz.
    2. der Plattformlift als Aufzug mit einer Plattform zum Stehen oder als größere Variante mit Rollstuhlplattform. Plattformlifte eigen sich für den Gebrauch im Haus, aber auch im Außenbereich.
    3. der Hub- beziehungsweise Hebelift. Diese Lifte haben eine Beförderungshöhe von rund einem Meter bis hin zu drei Metern und lassen sich auf kleinem Raum und ohne Umbaumaßnahmen einfach aufstellen.

Anschaffung: Ein sicherer Kostenfaktor

Eine der größten Unsicherheiten bei der Anschaffung eines Treppenlifts stellt der Kostenfaktor dar. So ist es kaum möglich, einen konkreten Preis zu recherchieren, weil es keine Pauschalpreise für ein derart individuelles Produkt gibt. Der Preis variiert nicht nur mit dem System selbst und seinem Funktionsumfang, sondern auch mit der Länge der Treppe und ihrer Bauweise. Hier gilt ebenfalls das genaue Abschätzen und Erwägen zwischen Bedürfnissen und Anforderungen.

Anschließend lassen sich konkrete Angebote einholen und vergleichen sowie gezielt Probefahrten und Vororttermine organisieren. Diese Fachberatung sollte immer kostenlos und unverbindlich sein. Und zur Sicherheit: Die Bezahlung des Treppenlifts erfolgt ebenfalls erst, wenn er vollständig installiert ist und einwandfrei funktioniert. Bedenken sollte man jedoch auch die jährlichen Wartungs- und Servicekosten von 200 bis 300 Euro.

Finanzierung: Alle Möglichkeiten prüfen

Je nachdem für welches System man sich entscheidet und wie die Treppe beschaffen ist, kann ein Treppenlift zwischen rund 3.500 und 15.000 Euro kosten. Da es sich um eine Verbesserung des Wohnumfeldes handelt, zahlt die Pflegekasse in bestimmten Fällen einen Zuschuss von bis zu 4.000 Euro. Ebenfalls können Berufsgenossenschaft oder Haftpflichtversicherung zur Leistung verpflichtet sein, wenn man den Treppenlift etwa aufgrund eines Unfalls benötigt. Außerdem können finanzielle Förderprogramme von Bundesländern und Kommunen oder das Sozialamt einspringen.

Nachdem geklärt ist, welche Zuschüsse man in Anspruch nehmen und wie viel aus der eigenen Tasche fließen kann, kommen weitere Möglichkeiten in Betracht, wie sich der Treppenlift günstig finanzieren lässt. So können je nach Bedarf auch Mietmodelle oder gebrauchte Anlagen in Frage kommen.

Baubehörde: Prüfung und Zulassung

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Die Baubehörden der Bundesländer ticken sehr unterschiedlich, wenn es um baurechtliche Vorschriften beim Einbau von Lifteranlagen geht. So brauchen Treppenliftnutzer in Hamburg auch bei der Installation in Privathäusern eine Baugenehmigung, während Berliner Behörden erheblich entspannter gegenüber barrierefreier Technik sind. Über etwaige Prüf- und Zulassungsverfahren muss der Dienstleister seine Kunden informieren. Ebenfalls ist er dafür zuständig, die notwendigen Genehmigungen einzuholen.

Es empfiehlt sich vorher bei der zuständigen Baubehörde nachzufragen, ob ein Mitarbeiter den Treppenlift nach der Installation prüfen und abnehmen muss. Erst wenn die Treppenlift-Firma alle Unterlagen wie eben eine Prüfbescheinigung vorgelegt hat und der Treppenlift keine Mängel aufweist, sollten Kunden die Kaufsumme begleichen. Anschließend greift bei Montage- und Produktmängeln ein zweijähriges Reklamationsrecht.

Dieser Artikel erschien in Zusammenarbeit mit der Beko Käuferportal GmbH.


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Mythos Work-Life-Balance: Wenn man beim Sex kurz die Mails vom Chef checkt

apple-macbook (adapted) ( Image by Free-Photos [CC0 Public Domain] via Pixabay)

Work hard, play hard – ein beliebtes Motto, um sich heutzutage ins Arbeits- und Feierabendleben zu stürzen. Dennoch hat sich über die Jahre keine Begrifflichkeit so etabliert wie unsere geliebte Work-Life-Balance.

Dabei sehe ich den Begriff an sich schon als problematisch. Wie Liebe und Hass, stellt die Balance einen Gegensatz dar: Arbeit vs. Leben. Der gängige Ausdruck „frei“ zu haben, wenn man nicht zur Arbeit muss, macht jedoch deutlich: Der Gegensatz von Arbeit ist Freizeit. Der Begriff „Work-Life-Balance“ wird von Wissenschaftlern daher sehr kritisch gesehen.

Im alltäglichen Gebrauch versteht man unter der Work-Life-Balance jedoch ein Gleichgewicht, dass dafür sorgen soll, dass das Private und der Spaß neben der Arbeit nicht zu kurz kommen. Firmenevents, Tischtennisplatten im Keller und Ausflüge auf Kosten des Unternehmens können damit gemeint sein. Kollegen werden zu Freunden – würde nicht jeder von uns gerne mit seinen besten Kumpels im Büro sitzen und Freitagnachmittags das Bier aus dem Firmenkühlschrank plündern? Natürlich würden wir das.

Der Heiligenschein beginnt zu flackern

Doch wenn man genauer hinsieht, muss man sich eingestehen, dass der Heiligenschein der angepriesenen Work-Life-Balance zu flackern beginnt: Ein paar Überstunden zu machen, wenn die Deadline eines Projektes ansteht, ist schon okay – doch dass es bereits Studien darüber gibt, wie oft Menschen beim Sex kurz aufs Handy schauen, um ihre Mails zu checken, ist einfach nur erschreckend. In seinem Buch nennt Markus Väth dies als einen Beweis, dass der Kapitalismus keine Privatsphäre kennt.

Des Weiteren nennt Väth die Digitalisierung als schwarzes Schaf, die der Work-Life-Balance einen Strich durch die Rechnung macht. Die „immer online“- Gesellschaft zerstört die verletzliche Grenze zwischen Arbeit und Privatleben, die in den 90ern durch die „nine-to-five“-Jobs existierten: Es wird zeitzonenübergreifend gearbeitet und man ist immer und überall erreichbar.

Mit der Digitalisierung wurde somit der Begriff des „Work-Life-Blendings“ geboren (aus dem Englischen von „to blend“: sich überschneiden), der beschreibt, dass Arbeit und Privatleben ineinander übergehen. Doch auch das Work-Life-Blending stellt eine ernstzunehmende Gefahr für den Einzelnen dar, denn durch die kontinuierliche Erreichbarkeit wird die arbeitsfreie Zeit verkürzt. Und auch die Firmenausflüge und das Freibier haben nur einen Zweck: Sie wollen die Verbundenheit zum Unternehmen stärken. Wenn alle Kollegen länger bei der Arbeit bleiben, dann tut man es eben auch –  die angepriesene Gleitzeit wird zur unbezahlten Arbeitszeit. All diese Faktoren treiben den Menschen nicht selten über die Grenzen seiner Belastbarkeit hinaus.

Die Arbeit steht auf dem Siegertreppchen

Bye bye, Privatleben, könnte man sagen – die Leistungsgesellschaft hat den ersten Platz an die Arbeit vergeben. In Vorstellungsrunden folgt nach dem Namen direkt der Beruf, die Arbeit wird zum Teil der Identität. Dies ist nicht weiter verwunderlich, wenn man bedenkt, dass das Arbeitsleben der Deutschen im Schnitt 34,5 Jahre dauert: 34,5 Jahre, fünf Tage die Woche, eine Tätigkeit. Neben täglichen Besorgungen und der Familie scheint es schon bewundernswert, dass man es schafft, privat noch einem Hobby nachzugehen.

Kritiker der Work-Life-Balance würden an dieser Stelle auch die Zukunft der Arbeit erwähnen, die im Zuge der Digitalisierung und Automatisierung gewaltige Veränderung in der Arbeitswelt herbeiführen wird. Wenn die Lohnarbeit durch die Automatisierung entfallen wird oder durch die Digitalisierung immer mehr Menschen in prekären Verhältnissen arbeiten müssen, werden Prognosen einer Life-Life-Balance, oder besser: einer Work-Work-Balance gar nicht mehr so unrealistisch.

Die Work-Life-Balance ist ein individuelles Konzept

Ob es sich bei der Work-Life-Balance jedoch um einen generellen Mythos handelt, sei mal so dahingestellt. Fakt ist: Die Work-Life-Balance, also das Gleichgewicht zwischen Arbeits- und Privatleben, ist ein Konzept, das weder vom Staat noch vom Unternehmen in Schutz genommen wird. Wie bei den meisten Dingen des Lebens sind wir für uns selbst verantwortlich und müssen lernen, wo wir die Grenze ziehen. Explizites Abschalten sehe ich dabei von großer Bedeutung. Zudem lehnen nach Christoph Koch moderne Konzepte eine immer gleich bleibenden Balance zwischen Arbeit und Leben ab: Das Leben sollte vielmehr in Phasen gedacht sein, in der sich Müßiggang und Vollgas abwechseln.

In der Praxis scheint meiner Ansicht nach – vor allem für junge Menschen – der Ansatz sinnvoll, sich so früh wie möglich mit einem geeigneten Beruf auseinanderzusetzen: Sucht man sich eine Arbeit, die mit den privaten Interessen einhergeht, so wird der Drang nach einem Ausgleich nach der Arbeit vermindert. Die Yogastunden zur Stressreduktion kann man sich nach der Arbeit dann vielleicht sogar komplett sparen.


Image (adapted) „apple-macbook“ by Free-Photos (CC0 Public Domain)


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Die Netzpiloten sind Partner des INTERACTIVE Festival 2017

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In Köln findet am 16. und 17. August das INTERACTIVE Festival 2017 statt. Bei dieser Veranstaltung treffen die Themen digitale Kultur und Wirtschaft aufeinander. Zum fünften Mal kommen in der Rheinmetropole Experten und Interessierte zusammen und passend dazu gibt es dieses Jahr auch fünf Schwerpunkte der Veranstaltung: Retail, Community, Media/VR, Sports und Growth.

Das Wissen vermitteln euch die Experten mithilfe verschiedener Module. Es handelt sich um Vorträge, interaktive Panels und Workshops, bei denen euch geballtes Wissen und die neuesten Erkenntnisse aus unserer digitalisierten Gesellschaft erwarten.

Darum gibt es das Festival

Ins Leben gerufen wurde das INTERACTIVE Festival im Jahr 2012/ 2013. Ortsansässige Kreative und Macher stellten fest, dass Köln durchaus das Potenzial einer Digitalstadt besitzt. Allerdings gab es zu der Zeit noch kein Forum für diese Strömung. Aus der Not machten sie eine Tugend – und so fand schon im darauffolgenden Sommer, im Juni 2013, das erste Festival statt, damals noch unter dem Namen INTERACTIVE Cologne. Von Anfang an beeindruckte das Festival mit einem außergewöhnlichen Format-Mix, den es sich auch im fünften Jahr bewahrt hat.

Wer hier genau richtig ist

Das INTERACTIVE Festival spricht ein breites Publikum an. Alle, die Teil der Kreativ- und/ oder Digitalbranche sind, sollten sich das Festival nicht entgehen lassen, aber auch User und Bürger, die die digitale Transformation und Disruption verstehen wollen, kommen hier auf ihre Kosten.

Wie wird digitale Technologie unser Leben verändern? Macht sie Dinge einfacher oder komplizierter? Welche Auswirkungen hat sie auf die Wirtschaft, auf die Politik, oder auf jeden von uns? Das Festival wird Antworten auf diese Fragen liefern, indem es sie in Vorträgen, Workshops, bei Hackathons und Parties thematisiert.

Interessante Speaker und spannende Vorträge

Freut euch unter anderem auf diese Speaker:

Das INTERACTIVE Festival findet in der Industrie- und Handelskammer zu Köln statt. Hier bekommt ihr eure Tickets.

+++ Rabattaktion +++

Mit uns kommt ihr günstiger an Tickets! Statt 150 Euro zahlt ihr für euer Ticket nur noch 99 Euro. Gebt dazu einfach den Rabattcode „NETZ2017IAC“ ein und sichert euch eure vergünstigten Tickets.

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Die vermessene Ökonomie – Es könnte auch alles ganz anders sein

Es ist wohl ein Mythos, dass Unternehmen den Wettbewerb befürworten oder gar fördern. Sie hassen den Wettbewerb, sie tun alles, um ihn auszuhebeln. Sie wollen den maximalen Erfolg, aber nicht den maximalen Wettbewerb. Um wirklich uneingeschränkt effizient am Markt agieren zu können, müssen wir uns in egozentrische und amoralische Rechenmaschinen verwandeln, schreibt Colin Crouch in seinem Buch „Die bezifferte Welt“: „Wenn wir uns selbst als Rechenmaschinen begreifen, sind wir bei der Ausrichtung unseres Handelns moralischen Kriterien gegenüber immun.“

Alles soll berechenbar sein

Es dominiert der Primat der Zahlungsfähigkeit, der jegliche inhaltlichen Aspekte auslöscht. Bürger, Kunde, Objekt. Ein zentraler Anspruch der neoliberalen Ideologie und der neoklassischen Märchenerzählung ist, dass sie das Individuum in den Mittelpunkt rücke und daher humaner sei. Die Wirtschaftstheorie fischt lediglich ein bestimmtes Merkmal heraus und verabsolutiert es: unsere Fähigkeit zur pseudo-rationalen Berechnung unseres Vorteils und der Wege, auf denen wir ihn maximieren können. „Außerdem verlangt sie, dass sich dieser Vorteil in Form eines Geldbetrags ausdrücken lassen muss, da sie Geld zum einzigen Maßstab der Bemessung des Werts von Waren und Gütern einerseits und zum einzig verlässlichen Motivator unseres Handelns andererseits erklärt. Damit der Markt funktioniert, müssen alle Dinge, nach denen Menschen ein Bedürfnis haben, miteinander verglichen werden können. Andernfalls ist eine rationale Entscheidung der Frage, wo unser größter Vorteil liegt, nicht möglich. Infolgedessen werden alle Dinge, die sich entweder nicht in einen Geldwert umrechnen lassen oder durch diese Umrechnung irreparabel Schaden nähmen, als unbedeutend verworfen“, so Crouch.

Auch der Ökonomismus ist ein Werturteil

Alles andere blendet man aus, weil es ja zu verzerrenden Werturteilen führen könnte. Eine Erfahrungswissenschaft dürfe keine verbindlichen Normen oder Ideale ermitteln, um daraus für die Praxis Rezepte ableiten zu können. Im Gefolge des Werturteilstreits hat sich die Mehrheit der Ökonomen der Ansicht angeschlossen, die Wirtschaftswissenschaften hätten nicht über die Ziele des Wirtschaftens zu befinden, sondern dienten allein einer Aufklärung über den intelligentesten Gebrauch knapper Mittel, erläutert Professor Claus Dierksmeier vom Weltethos-Institut im ichsagmal.com-Interview.

Aber schon diese Reduktion ist ein Werturteil. Etwa die Anwendung des Ökonomismus auf alle Lebensbereiche, von Schule bis Medizin. Wir werden ausschließlich als Kunden betrachtet, als Objekt der Begierden. Man merkt es an der Unternehmenskommunikation, die darauf ausgelegt ist, uns mit weltweit führenden Wortblähungen zu verscheißern. Wir werden mit wohlklingenden Versprechungen umworben, also mit Angeberei und haltlosen Behauptungen. Und das führt zu einer fatalen Schieflage: „In einer Gesellschaft, in der alle öffentlichen Räume von Botschaften überflutet werden, die im Konsumieren die Antwort auf alle Lebensfragen versprechen, hat es ein an Wahrhaftigkeit ausgerichteter Diskurs um das gute Leben schwer. Dies untergräbt die kulturellen Voraussetzungen moralischer und politischer Autonomie“, kritisiert Dierksmeier in seinem Opus „Qualitative Freiheit“.

Scheinheilige Abstinenz in der Ökonomik

In der Ökonomik regiert eine scheinheilige Abstinenz bei Werturteilen. Etwa bei der „Konsumentensouveränität“, die einfach die Egozentrik von Einzelentscheidungen aggregiert und sie in der Summe als Wohl der Allgemeinheit ausspuckt. Wie von Geisterhand. Eine mathematische Schimäre, die politischen Reformen im Weg steht – zum Nachteil des Gemeinwohls und zum Vorteil für privilegierte Machteliten. Wir beschränken uns auf eine abstrakt-quantitative wirtschaftliche Freiheit eines Konsumentenstaates auf Kosten von qualitativen Freiheiten einer realen Bürgergesellschaft. Dierksmeier plädiert für einen qualitativen Liberalismus in Konfrontation mit oligarchischen und plutokratischen Strukturen. Pseudo-Liberale, die sich unter dem Deckmantel wirtschaftlicher Freiheiten ausbreiten, demontieren die Freiheit- und Bürgerrechte. Wer anderen vorschreibt, Freiheit sei allein quantitativ zu verstehen, also als Maximierung von Erträgen, Nutzen, Profiten und Einkommen, der verstößt selber gegen jene von Liberalen hochgehaltene Freiheit zur bürgerlichen Selbstbestimmung, betont Dierksmeier.

Die Kollateralschäden der Deregulierung

Man braucht sich nur die Kollateralschäden der Deregulierung anschauen, um die  Werturteilsfreiheit, die in VWL-Lehrbüchern fast religiös gepredigt wird, werten zu können. Etwa beim Investment-Banking, beim Buchhaltungsrecht oder im Sicherheitssektor. Stichworte wie WorldCom-Pleite, Lehman-Untergang, Savings and Loans-Debakel, Enron-Arthur-Andersen-Skandal mögen da ausreichen. Wir könnten jetzt noch VW, Deutsche Bank, Thyssen, RWE und Co. hinzufügen. Es gibt kein Naturgesetz und keinen Automatismus in der Ökonomik, um für Wohlfahrt zu sorgen. Es sind qualitative Bedingungen, die auch ganz anders gestaltet werden können, meint der Astrophysiker und Naturphilosoph Harald Lesch in der Philosophie-Sendung von Richard David Precht.

Was kann man ändern jenseits der Erbsenzählerei, die sich in Algorithmen, ceteris paribus-Formeln und sonstigen von Menschen gemachten mathematischen Rechenexempeln verstecken.

Auch in Algorithmen verstecken sich Werturteile

Der Mensch ist viel mehr als die Summe von Daten, die die Wirklichkeit gewichten und somit manipulieren. Es gibt in der Ökonomik keine störungsfreie Laborsituation. „Die Wirklichkeit wird durch qualitative Entscheidungen bestimmt“, sagt Lesch. Mit den Methoden der Himmelsphysik, wo im luftleeren Raum alles funktioniert, kommen wir in der Gesellschaft nicht weiter. Jeder ist gefordert, seine Entscheidungen zu begründen und sich nicht hinter Formeln, Kennzahlen, Rankings, aufgeblähten Umsätzen und Renditen zu verstecken. „Es muss grundsätzlich eine Änderung der Ökonomik herbei geführt werden, die nicht mehr von mechanistischen Paradigmen geprägt ist“, fordert Dierksmeier.

Auch Formelkonstrukteure müssen sich einem normativen Diskurs stellen

Es geht immer um Wertentscheidungen. Auch jeder ökonomische Formelkonstrukteur ist gefordert, seine Weltsicht zu erklären. Wer sich verweigert, Ziele für ein gutes Leben darzulegen, ist nicht in der Lage, einen wissenschaftlichen Diskurs zu pflegen. Das Notiz-Amt sieht die Notwendigkeit für eine Radikalkur an wirtschaftswissenschaftlichen Fakultäten. BWL- und VWL-Studiengänge sollten wie Kunstakademien gestaltet werden.

Das hat der bildende Künstler Jürgen Stäudtner im Abschlussgespräch der diesjährigen Next Economy Open trefflich bemerkt.


Image “economic” by falovelykids (CC0 Public Domain)


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Warum Menschen auch nach Feierabend noch über ihren Job schreiben

Young woman thinking with pen while working (Image by Karolina Grabowska [CC0 Public Domain] via Pexels)

„Weißte, vielleicht muss ich das gerade einfach erzählen, sorry. Aber sagt man nicht, dass Ihr Taxifahrer irgendwie wie Therapeuten seid?“

„Da ist schon was dran, aber ich sag’s gleich: Was uns von Therapeuten unterscheidet, ist: Wir können nicht so gut helfen.“

„Ich hab mein Leben ruiniert, ich werd‘ alles neu anfangen müssen, es ist alles vorbei!“

Das Blog von Taxifahrer Sascha Bors liest sich wie eine Mischung aus Tagebuch, Action und Sitcom. Seit rund acht Jahren schreibt der gebürtige Schwabe auf Gestern Nacht im Taxi über seinen Alltag als Taxifahrer in Berlin. Leser bekommen hier nicht nur lustige bis nachdenklich stimmende Anekdoten von Bors Fahrten geboten, sondern auch viele Informationen über die Arbeit als Taxifahrer. Ein Beruf, der mit vielen Vorurteilen behaftet ist und oft missverstanden wird, findet Bors. Denn viele Kollegen arbeiten seiner Meinung nach viel zu viel, verdienen zu wenig und müssen sich dafür oft noch die neunmalklugen Sprüche der Fahrgäste anhören. Da jeder der Meinung sei, er könne Autofahren, würde oft unterschätzt, wie stressig der Job sein könne, erklärt er gegenüber den Netzpiloten: „Man kriegt da zu hören dass man Klausis Hinterhofkaschemme in 12878 Arsch-der-Welt ja wohl kennen müsse, dass es uns eigentlich noch zu gut ginge oder dass das Trinkgeld heute natürlich ausfällt, weil sorry, also bei ’nem Opel als Taxi …?“

Nach Feierabend auch noch über den Job schreiben?

Sascha Bors
Aus dem Taxi ins Blog: Sascha Bors

Das Schreiben über seinen Berufsalltag ist daher für Sascha Bors eine Mischung aus Tagebuch und Aufklärung. Er findet das Notieren seiner Geschichten nach Feierabend wie eine Therapie: Ist etwas schlecht gelaufen, kann er das beim Schreiben verarbeiten. Gibt es gute Nachrichten, kann er sie mit anderen teilen. Darüber hinaus nutzt er sein Blog eben auch, um seine Meinung zu äußern und um sein Wissen über die Taxifahrerei weiterzugeben.

So ähnlich sieht es auch sein Bloggerkollege Heiko Schneider. Auf kreidefressen schreibt er über seinen Alltag als Lehrer und das deutsche Schulsystem. Das Blog als persönliches Tagebuch zu nutzen, ist dabei nur ein Grund für seine Schreiberei. Schneider hatte es vor allem satt, wie der Mainstream über Lehrer berichtet. Wie Bors wehrt er sich so mit seinem Blog gegen Vorurteile: „Ich ärgere mich oft über die klischeehafte Auseinandersetzung mit dem Lehrerberuf,“ sagt Schneider zu den Netzpiloten. „Am Ende bleibt dann bei den Lesern wieder nur hängen: Dauerurlaub, Hitzefrei, faule Säcke und ungerechte Beurteilung.“ Sein Blog bietet ihm hier die Möglichkeit, dem ein Gegengewicht entgegenzustellen.

Heiko Schneider und Sascha Bors sind dabei bei Weitem nicht die einzigen im deutschsprachigen Raum, die über ihren Beruf bloggen. Zahlreiche Polizisten, Kellner oder Anwälte schreiben über ihren Beruf im Netz – um nur einige wenige Beispiele zu nennen. Viele davon anonym. Einerseits um sich und ihre Inhalte vor neugierigen Lesern und Nachfragen zu schützen, andererseits aber auch um persönlicher über ihren Berufsalltag berichten zu können.

Heiko Schneider
Heiko Schneider

Denn wer öffentlich bloggt, muss sich natürlich auch über rechtliche Konsequenzen im Klaren sein. Berufsblogger müssen darauf achten, Orte oder Personen zu verfremden und ihre Inhalte gegebenenfalls auch mit dem Arbeitgeber abzustimmen. So haben Berufsblogger, die unter ihrem richtigen Namen schreiben, möglicherweise nicht die gleiche Freiheit wie anonyme Blogger.

Doch egal ob öffentlich, unter Pseudonym oder ganz anonym: Was motiviert Menschen eigentlich dazu, auch noch in ihrer Freizeit über den Job zu schreiben? Grundsätzlich scheint es dabei drei große Motivationsfaktoren zu geben, sagt Sonia Lippke, Psychologin und Professorin für Gesundheitspsychologie und Verhaltensmedizin an der Jacobs University in Bremen.

Der erste Faktor ist der Abbau von Stress. Schreiben wirkt wie eine Therapie und hilft den Bloggern, das Erlebte vom Tag zu verarbeiten. Der zweite Motivator ist eine Art Selbstreflexion, in der man sich und seine Rolle im Berufsalltag aus verschiedenen Perspektiven heraus betrachtet. Und dann gibt es natürlich auch Menschen, die gerne das Wissen aus ihrem Beruf an andere weitergeben möchten: „Es gibt eine große Gruppe von Bloggern, die sich voll und ganz mit ihrem Beruf identifizieren und auch sehr stolz auf ihre Arbeit sind und dann gerne darüber schreiben,“ sagt Sonia Lippke im Gespräch mit den Netzpiloten.

Bloggen zwischen Stressfaktor und Spaßfaktor

Zu dieser Gruppe gehört auch Günter Schütte, Landarzt in Ostfriesland. Auf seinem Blog, Hausarzt Ditzum, Nachrichten vom anderen Ende der Medizin, hat Schütte so etwas wie eine Onlinesprechstunde aufgebaut. Er schreibt hier genauso über Hilfe gegen Kater wie über Schlaflosigkeit oder über Brustkrebs. Im Netzpiloten-Interview erklärt er, dass er über all das schreibt, was seine Patienten in der Sprechstunde bewegt: „Ich habe mit meinem Blog vor Jahren angefangen, weil ich  meinen Patienten zuverlässige medizinische Informationen liefern wollte.“ Auch wenn er seit 2015 in Rente gegangen ist, bloggt er auch jetzt noch regelmäßig über medizinische Themen. Das Schreiben hat er dabei nie als belastend oder anstrengend empfunden: „Abschalten brauche ich nicht. Arbeit ist für mich ein Hobby und ich bin sehr traurig, dass ich meine Praxis nicht mehr führen kann.“

Sonia Lippke
Sonia Lippke

Die Work-Life-Balance Expertin Sonia Lippke findet auch nicht, dass Arbeit und Freizeit zwei streng getrennte Bereiche sein müssen. Es käme viel mehr darauf an, sich auf eine Sache zu konzentrieren: „Der Mensch ist nicht für das Multitasking geschaffen. Unser Gehirn kann einfach mehrere Prozesse gleichzeitig nicht gut verarbeiten. Das ist auch bei der Work-Life-Balance wichtig. Wir müssen lernen, im Hier und Jetzt zu leben.“ Das bedeutet: Wenn wir arbeiten, sollten wir uns auf den Job konzentrieren und in unserer Freizeit sollten wir nicht noch nebenher Arbeitsemails checken. Das Problem liegt dabei nicht darin, dass Arbeit und Freizeit immer mehr miteinander verschmelzen. Die Krux ist eher, dass wir nicht völlig abschalten können und uns dann nicht auf den Moment einlassen können, in dem wir uns gerade befinden – weil das Handy vielleicht gerade vibriert oder die E-Mail Alerts uns ablenken. „Wir müssen daher zum Teil wieder lernen, uns auf die Situation zu konzentrieren, in der wir gerade sind und den Augenblick voll und ganz zu genießen.“ Denn sonst kann auch das Schreiben über den Beruf irgendwann von der Entspannung zum Stress werden. Daher ist wichtig, dass man den Spaß beim Bloggen nicht verliert.

Peter Wilhelm (Image by Peter Roskothen)
Peter Wilhelm (Image by Peter Roskothen)

Diese Gefahr läuft Peter Wilhelm sicher nicht. Der studierte Psychologe und ehemalige Bestattungsunternehmer ist wahrscheinlich nicht nur Deutschlands bekanntester Bestattungsexperte, sondern auch einer der humorvollsten. Auf Bestatterweblog lässt er sich auf satirische Weise über den Alltag im Bestatterleben aus und beantwortet auch die vielen Fragen seiner Leser über den Tod, das Sterben und Beerdigungen. Ohne das Komische an diesem Job zu sehen, ginge das gar nicht, erzählt Wilhelm den Netzpiloten: „In jedem Beruf, der sich mit den unschöneren Seiten unseres Daseins befasst, ist es wichtig, eine gute Portion Humor zu haben. In meinen Werken jedoch dient mir der Humor und ein unterhaltsamer Erzählstil dazu, die bittere Pille der Information mit dem Zuckerguss der Unterhaltung zu überziehen. Süß rutscht besser!“

So schreibt Wilhelm nicht nur über seinen vorigen Beruf als Bestatter, er ist auch der Chefredakteur der Publikation Bestatter heute, er unterhält Menschen von der Bühne aus mit einer satirischen Show über das Sterben und er hat auch mehrere Bücher zu diesen Themen herausgebracht. Titel wie „Darf ich meine Oma selbst verbrennen?“ zeigen, dass er das ernste Thema Tod auch immer mit einem Schmunzeln betrachtet.

Günter Schütte
Günter Schütte

Dabei geht Wilhelm mit allen Fragen zum Sterben sehr ernsthaft und respektvoll um. Schließlich geht es ihm auch darum, den Menschen – wenn auch nicht die Angst vor dem Sterben und dem Tod – dann wenigstens die Angst um das Drumherum zu nehmen.

Daneben möchte er auch, ähnlich wie Sascha Bors oder Günter Schütte, das Wissen über seinen Beruf mit seinen Lesern teilen: „Als Bestatter ist man es gewohnt, dass die Menschen einem mitunter etwas distanziert gegenüber stehen. Wer beschäftigt sich schon gerne mit der eigenen Endlichkeit? In lockerer Runde kommt dann aber sehr schnell der Punkt, an dem jeder die Chance nutzt, um endlich mal die Fragen zu stellen, die er immer schon stellen wollte. Werden Toten wirklich die Knochen gebrochen? Wachsen die Haare nach dem Tod weiter? Kann man als Scheintoter versehentlich begraben werden? Es waren und sind immer dieselben Fragen.“ Was lag also näher, als all diese Fragen in einem Blog zu beantworten.

Berufsblogs als neue Gesprächsform

Auch Landarzt Günter Schütte greift viele Fragen seiner Patienten oder Leser auf. Das geht oft weit über rein berufliche Fragen hinaus. Denn egal ob Landarzt, Bestattungsunternehmer, Lehrer oder Taxifahrer: Fremde Berufe erregen immer Neugierde und die Menschen lesen gerne etwas über einen anderen Arbeitsalltag – gerade wenn sie zu einem Thema besonders viele Fragen haben.

So kann das Berufsblog dann sogar zu einer neuen Form der Kommunikation werden. Gerade wenn Blogger dann zu sozialen Netzwerken wie Facebook oder Twitter greifen, um sich mit ihren Lesern auszutauschen, entsteht über den Berufsblog im simpelsten Fall eine Art Fragestunde, im besten Fall aber ein neuer und interessanter gesellschaftlicher Dialog.


Image „Young woman thinking with pen while working“ by Karolina Grabowska (CC0 Public Domain)


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Warum wir immer verlängerte Wochenenden haben sollten

Car driver (image by Unsplash [CC0 Public Domain] via Pexels)

Wenn wir uns ein paar freien Tagen im August oder einem verlängerten Wochenende nähern, könnten wir über die Zeit nachdenken, die wir der Arbeit widmen. Was wäre, wenn jedes Wochenende drei oder sogar vier Tage dauern würde? Was wäre, wenn der Großteil der Woche für Aktivitäten zu Verfügung stehen würde, statt für die Arbeit? Was wäre, wenn unsere Zeit für arbeitsfreie Aktivitäten unserer Wahl reserviert wäre?

Diese Fragen zu stellen, lädt geradezu zu utopischem Denken ein. Während weniger Stunden zu arbeiten prinzipiell eine gute Idee ist, ist es in der Praxis nicht durchführbar. Tatsächlich würde diese Errungenschaft mit dem Risiko des niedrigen Verbrauchs und der erhöhten wirtschaftlichen  Not einhergehen.

Für einige Befürworter der Arbeitsmoral liegt der Weg zu Gesundheit und Glück in der Verewigung in der Arbeit und nicht in dessen Reduktion. Arbeit macht uns gesünder und glücklicher. So eine arbeitsbejahende Ideologie wird für die Legitimation von Sozialreformen eingesetzt. Damit werden die Arbeitslosen, unabhängig von deren Lohnsätzen und qualitativen Merkmalen, zur Arbeit gezwungen. Es bietet auch eine ideologische Barriere für den Fall, weniger Zeit bei der Arbeit verbringen zu wollen. Weniger zu arbeiten, wird als eine Bedrohung für unsere Gesundheit und unser Glück präsentiert – und nicht als eine Möglichkeit, diese zu verbessern.

Dennoch ist die Idee, weniger zu arbeiten, nicht nur möglich, sondern auch die Grundlage für eine bessere Lebensqualität. Es ist ein Zeichen dafür, wie es dazu kam, dass wir Arbeit und dessen Einfluss in unserem Leben akzeptieren und wir diese Idee nicht sogleich begreifen.

Der Preis für mehr Arbeit

Immer mehr Studien zeigen die Kosten der Verlängerung der Arbeitszeit für die Menschen auf. Dazu kommt noch eine schwindende körperliche und geistige Gesundheit. Lange Arbeitszeiten können das Risiko für einen Schlaganfall, koronare Herzerkrankungen und die Entwicklung von Typ-2 Diabetes erhöhen.

Weil wir die meiste Zeit arbeiten, verlieren wir potentielle Zeit für unsere Freunde und Familie. Desweiteren geht uns die Möglichkeit verloren, einfach zu leben und Dinge zu tun, die das Leben wertvoll und lebenswert machen. Unser Leben ist oft zu sehr mit unserer Arbeit verbunden, als dass wir wenig Zeit und Energie für die Suche für alternative Lebensweisen finden – kurz gesagt, unsere Fähigkeit, unsere Talente und Potenziale zu finden, ist durch unsere Arbeit eingeschränkt. Arbeit lässt uns nicht selbständiger werden, sondern sie hemmt uns und macht es schwieriger, unsere Wünsche auszuleben.

All dies spricht für die Notwendigkeit, weniger zu arbeiten. Wir sollten die Arbeitsmoral herausfordern und alternative Lebensweisen vorantreiben, die weniger arbeitsorientiert sind. Und wenn weniger Lebenszeit bei der Arbeit verbracht wird, sondern wir uns mit der Beseitigung von Arbeitsausbeutung beschäftigen, können wir auch die eigenen Vorteile von Arbeit an sich besser erkennen. Weniger zu arbeiten, mag nicht nur ein Mittel sein, um besser zu arbeiten, sondern auch, um das Leben mehr zu genießen.

Hindernisse für weniger Arbeit

Der technologische Fortschritt wurde in den vergangenen Jahrhunderten kontinuierlich vorangetrieben, um die Produktivität zu steigern. Nicht immer hat der Produktivitätsgewinn jedoch zu kürzeren Arbeitszeiten geführt. Zumindest in der Neuzeit wurde dieser Überfluss dazu verwendet, um die Erträge der Kapitalseigentümer zu erhöhen. Dies geschah zumeist auf Kosten der gleichbleibenden Löhne für die Arbeiter.

Der mangelnde Fortschritt bei der Arbeitszeitverkürzung in den modernen kapitalistischen Wirtschaften spiegelt stattdessen den Einfluss von Ideologie und Macht wider. Einerseits haben die Auswirkungen des Konsums starke Kräfte zugunsten längerer Arbeitszeiten geschaffen – die Arbeitnehmer sind ständigen Überredungsversuchen ausgesetzt, mehr zu kaufen und sind damit zu mehr Arbeit gezwungen, um mit dem neuesten Trend oder Mode mitzuhalten und bei ihren Kollegen nicht hintenanzustehen.

Andererseits hat die geschwächte Kraft der Arbeit verglichen mit der des Kapitals ein Umfeld geschaffen, das sich zur Verlängerung der Arbeitszeit eignet. Die kürzlich bekannt gewordenen Arbeitspraktiken bei Amazon sprechen für die Macht des Kapitals, den Arbeitern schlechte Arbeitsbedingungen einschließlich übermäßiger Arbeitsstunden aufzuerlegen. Die Auswirkungen der steigenden Ungleichheit hat auch eine Kultur langer Arbeitszeiten genährt, welche durch die Erhöhung der wirtschaftlichen Notwendigkeit mehr zu arbeiten hervorgerufen wurde.

David Gräber tätigte die provokante Behauptung, dass sich zeitgleich mit der Weiterentwicklung der Technologie die – wie er es nennt – „bullshit“ oder sinnlosen Arbeitsplätze vervielfacht haben. Das ist der Grund, warum wir bei Keynes Vorhersage nicht umsetzen konnten, dass wir alle als Folge des technischen Fortschritts im 21. Jahrhundert nur 15 Stunden in der Woche arbeiten.

Stattdessen leben wir in einer Gesellschaft, in der Arbeit geschaffen wird, die keinen sozialen Wert hat. Der Grund dafür ist nach Gräber die Notwendigkeit der herrschenden Klasse die Arbeiter in der Arbeit zu halten. Während die Technik mit dem Potenzial, die Arbeitszeit zu verkürzen, existiert, ist die herrschende Klasse nicht bereit, dieses Potenzial zu erkennen. Dies begründet sich mit der politischen Herausforderung einer arbeitenden Bevölkerung mit verfügbarer Zeit. Weniger arbeiten wäre möglich und wünschenswert, wird jedoch durch politische Faktoren blockiert.

Arbeiten für den Wandel

Wie oben erwähnt, sind die Kosten für lange Arbeitszeiten schlechtere Gesundheit und ein geringeres Wohlbefinden der Arbeiter. Für die Arbeitgeber entstehen dadurch Kosten in Hinblick auf eine geringere Produktivität und eine geringere Rentabilität. Jedoch bleiben diese Kosten trotz Beweise für deren Existenz unbemerkt. Auch hier kann politisch erklärt werden, warum kürzere Arbeitszeiten von vielen Arbeitgeber nicht angenommen wurden.

Experimente für kürzere Arbeitszeiten existieren bereits. Uniqlo, ein japanischer Einzelhändler für Bekleidung, ermöglicht es seinen Mitarbeitern, für vier Tage in der Woche zu arbeiten. Über dieses Modell wurde auf positive Weise ausschweifend berichtet. Die Mitarbeiter profitieren von einer besseren Work-Life-Balance, während das Unternehmen die Vorteile von niedrigeren Arbeitskosten aufgrund der geringeren Umsatzkosten erntet.

Doch bei näherer Betrachtung hat das neue Schema von Uniqlo seine Schattenseiten. Als Gegenleistung für eine viertägige Arbeitswoche wird von den Arbeitern erwartet, dass sie in zehnstündigen Schichten während ihrer Einsatztage arbeiten, eine 40-Stunden-Woche wird also in vier Tage gequetscht.

Dies ist nicht nur eine Erweiterung der normalen Länge eines Arbeitstages, sondern bringt die möglichen Gewinne einer viertägigen Arbeitswoche in Gefahr. Arbeiter könnten nach dieser vier-Tage-Woche dermaßen erschöpft sein, dass sie einen ganzen Tag für die Erholung dieser Strapazen benötigen. In diesem Fall wird sich ihre Qualität der Arbeit und des Lebens überhaupt nicht verbessert haben, sondern diese wird durch die möglicherweise erlittenen negativen Auswirkungen gemindert, die erst durch Übermüdung verursacht werden.

Ironischerweise veranschaulichen die Systeme, wie sie von Uniqlo eingeführt wurden, die Hindernisse, welche bestehen bleiben, um weniger Arbeit zu erreichen. Nur eine Reduktion der Wochenarbeitszeit auf 30 Stunden oder weniger kann als ein echter Fortschritt für das Erreichen der kürzeren Arbeitszeit angesehen werden.

Damit wir ein drei- oder idealerweise viertägiges Wochenende erreichen – und genießen – können, bedarf es einer Gesellschaft, die die vorherrschende Arbeitsmoral untergräbt. Wir müssen die Idee,  weniger zu arbeiten, als ein gut gelebtes Leben wahrnehmen. Wir müssen ein leben ablehnen, in dem Arbeit als Ein und Alles und das Ende allen Erlebens gilt.

Genießen wir unsere freien Tage, solange wir können. Wir sollten es als eine Erinnerung an ein Leben ansehen, das machbar sein könnte – ein Leben, das wir zu erreichen versuchen, indem wir  Lösungen finden, um die wirtschaftlichen und politischen Barrieren für weniger Arbeit zu überwinden.

Dieser Artikel erschien zuerst auf „The Conversation“ unter CC BY-ND 4.0. Übersetzung mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.


Image „Car driver“ by Unsplash (CC0 Public Domain)


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Gefangen im Zeitparadoxon: Wieso Warten so lange dauert

Backward Clock (Image by Keith Evans [CC BY SA 2.0], via geograph.org)

Das kennen wir alle: Wir warten auf das Ende eines langweiligen Meetings oder darauf, dass der Bus endlich kommt, und die Zeit scheint sich viel schleppender hinzuziehen als gewöhnlich. Unsere schönsten Momente scheinen jedoch mit Blitzgeschwindigkeit vorbeizuzischen. Es erscheint offensichtlich, dass eher langweilige Ereignisse länger zu dauern scheinen als solche, die uns stimulieren. Doch es gibt noch einen anderen Grund, warum wir Zeit manchmal unterschiedlich erleben.

Wenn wir verstehen, was ein Ereignis auslöst oder wenn wir es selber auslösen, scheint die Zeit zwischen der Ursache und dem Effekt kürzer zu sein als bei einem Ereignis, das wir nicht kontrollieren können. Dieses Phänomen, das bekannt ist als „Temporal Binding“ (deutsch: „zeitliches Verbinden“), kann uns helfen, einige wichtige Wahrheiten über die Verbindung zwischen Ursache und Wirkung aufzudecken und zu klären, inwiefern wir für unterschiedliche Handlungen tatsächlich verantwortlich sind.

Temporal Binding funktioniert auf eine merkwürdige Art. Die Ursache eines Ereignisses scheint auf einen späteren Zeitpunkt geschoben zu werden, was sich auf die Wirkung bezieht, die wiederum auf einen früheren Zeitpunkt hin zur Ursache geschoben wird. Aus unserer Sicht werden die beiden Ereignisse aufeinander bezogen und zeitlich miteinander verbunden.

Patrick Haggard und seine Kollegen an der UCL waren die Ersten, die auf dieses Phänomen aufmerksam wurden. Sie baten Freiwillige, einen Knopf zu drücken, bei dem nach einer kurzen Pause ein Ton hervorgebracht wurde. Die Freiwilligen schätzten die Ursache, das Drücken des Knopfes, und die Wirkung, das Ertönen des Signals, als zeitlich enger zusammen ein als in den Fällen, wo sie für das Drücken des Knopfes nicht verantwortlich waren.

Absichtliches Verbinden

Derselbe Effekt trat nicht auf, wenn der Ton nach einem unfreiwilligen Muskelzucken (hervorgerufen durch eine Stimulation des Gehirns) erfolgte oder wenn nach derselben Verzögerung ein weiterer Ton ertönte. Die Wissenschaftler nannten dieses Phänomen „Intentional Binding“ (deutsch: „absichtliches Verbinden“), denn sie sind der Überzeugung, dass es die freiwillige Beteiligung (und die Absicht zu handeln) der Personen war, die Handlung und Wirkung zeitlich miteinander verband. Schnell wurde das Phänomen als eine neue Möglichkeit angesehen, um herauszufinden, wie sehr sich Personen in gewissen Situationen als der Lage Herr einschätzen, ohne sie tatsächlich darüber befragen zu müssen.

Kürzlich haben Forscher das Phänomen des „Temporal Binding“ auf das bekannte Elektroschock-Experiment von Milgram angewandt, um zu überprüfen, ob Menschen sich verantwortlich für Handlungen fühlen, zu denen sie genötigt werden. Milgrams ursprüngliches Experiment bestand darin, Teilnehmer zu instruieren, sich einander Elektro-Schocks zuzuführen, um zu überprüfen, ob Menschen einer Anweisung folgen, die anderen körperlichen Schaden zufügt.

Haggard benutzte einen ähnlichen Versuchsaufbau, bat aber die Teilnehmer anschließend einzuschätzen, wie lang die Zeit zwischen dem Drücken des Knopfes, der den elektrischen Schock auslöst, und dem Moment, in dem der Schock zugefügt wird, war. Die Forscher fanden heraus, dass die Teilnehmer die Zeit zwischen Handlung und Auswirkung länger einschätzten, wenn sie zum Verabreichen des elektrischen Schocks gezwungen wurden, als wenn sie aus freiem Willen handelten.

Auf dieser Grundlage schlussfolgerten die Forscher, dass, wenn man Personen nötigt eine Handlung auszuführen, sich diese weniger als Herr der Lage und weniger verantwortlich für ihre eigenen Taten fühlen, als wenn sie aus freiem Willen handeln. Dies hat faszinierende Auswirkungen für Situationen wie Kriegsverbrecherprozesse, in denen die Angeklagten oft aussagen, sie hätten lediglich Anweisungen Folge geleistet und seien daher nicht verantwortlich für ihre Taten.

Das Phänomen des „Temporal Binding“ wurde außerdem eingesetzt, um Krankheiten zu untersuchen und hat auch hier für einige interessante Resultate gesorgt. Wissenschaftler fanden heraus, dass Menschen mit Schizophrenie das zeitliche Verbinden stärker erleben als solche, die von dieser Erkrankung nicht betroffen sind. Dies deutet darauf hin, dass die Betroffenen ein übermäßiges Gefühl der Kontrolle über die Auswirkungen ihrer Handlungen haben, was wiederum erklären könnte, warum sie wahnhafterweise glauben, dass sie Kontrolle über Dinge besitzen, für die sie tatsächlich gar nicht verantwortlich sein können.

Grund statt Kontrolle

Obwohl das Phänomen des „Temporal Binding“ sich schnell als eine Möglichkeit etablierte, Kontroll- und Verantwortungsgefühl zu messen, hat Marc Buehner von der Universität Cardiff gezeigt, dass es bei diesem Effekt hauptsächlich um Kausalverbindungen geht. Buehner fand heraus, dass wir zeitliches Verbinden selbst dann erleben, wenn wir bloß zuschauen, wie eine Sache eine andere verursacht, also selbst dann, wenn wir gar nicht direkt verantwortlich sind – zum Beispiel, wenn ein mechanischer Hebel einen Knopf betätigt, der dann ein Signal auslöst.

Im Grunde wurde gezeigt, dass unsere Wahrnehmung von Zeit durch unsere Annahmen über Ursache und Wirkung beeinflusst und geformt werden kann. Das Binding ist stärker, wenn menschliches Handeln involviert ist, was daran liegen könnte, dass menschliches Handeln und dessen Konsequenz einfach eine spezielle Verbindung von Ursache und Wirkung ist.

Ein interessanter Ansatz ist, dass Binding für uns ein Weg zu sein scheint, die Welt zu verstehen. Vielleicht verpacken wir Ereignisse, die miteinander verbunden sind, um es uns leichter zu machen zu verstehen, wie die Welt funktioniert, wie Dinge miteinander verbunden sind und wie unsere Handlungen die Welt um uns herum beeinflussen. Um diese Theorie zu testen, untersuchen Wissenschaftler der Universitäten Belfast und Cardiff, wie Kinder Binding erleben. Vielleicht erfahren Kinder stärkeres Binding als eine Methode, effizient eine Welt verstehen zu lernen, von der sie weniger wissen als die Erwachsenen.

Auf der anderen Seite kann es ebenso sein, dass Kinder Binding zu einem weitaus geringeren Ausmaß erleben, da sie möglicherweise einfach nicht so sehr in der Lage sind, Informationen aus der Umwelt herauszufiltern und zu nutzen. Binding könnte jedoch auch im Laufe unseres Lebens gleichbleibend sein und eine integrierte, unveränderliche Art des Erlebens und Lernens über die Welt reflektieren. Was auch immer das Ergebnis sein wird, könnte uns diese Forschung Informationen unschätzbaren Werts darüber liefern, wie wir die Welt verstehen lernen.

Dieser Artikel erschien zuerst auf “The Conversation” unter CC BY-ND 4.0. Übersetzung mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.


Image „Backward Clock“ by Kith Evans (CC BY 2.0)


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Snapchat kann verändern, wie wir uns erinnern

Snapchat (adapted) (Image by Maurizio Pesce [CC BY 2.0] via Flickr)

Die sozialen Medien haben sich verändert. Nach zehn Jahren der Nutzung geht es in unseren Facebook-, Twitter- oder Instagram-Profilen nicht mehr nur um den aktuellen Moment oder um schnelle Verbindungen. Statt einfach unsere momentanen Gedanken und Erlebnisse zu verbreiten, sind diese Plattformen zu einem biografischen Archiv unserer Leben geworden, indem sie unsere Fotos speichern und aufzeichnen, wo wir waren und mit wem. Das Resultat dieses Archivierens ist, dass die sozialen Medien nunmehr eine neue Rolle in der Art und Weise, wie wir uns an Dinge erinnern, einnehmen.

Selbst die flüchtigste aller Social-Media-Plattformen, Snapchat, wird mit dem Start seines neuen Features nun Teil des Archivierungsprozesses. Bis jetzt war Snapchats Alleinstellungsmerkmal, dass die gesendeten Bildnachrichten innerhalb von Augenblicken nach dem Senden wieder verschwanden. Mit der neuen Funktion ist es jetzt möglich, „eine persönliche Sammlung Ihrer Lieblingsmomente“ (also Archivbilder, die mit dem Smartphone aufgenommen wurden) aufzubauen, die privat gehalten oder geteilt werden kann.

Der Soziologe Mike Featherstone argumentierte, dass der Mensch einen mächtigen Impuls zum Archivieren habe. Dies sehen wir sogar in der Geschichte des modernen Staates, der heute große Mengen an Informationen über das Leben der Menschen einfangen und sammeln möchte. Smartphones und das Internet bedeuten, dass wir diesem Drang nun innerhalb unseres alltäglichen Lebens gerecht werden können.

Wenn wir uns also mehr und mehr auf die sozialen Medien verlassen, um unsere Erinnerungen zu archivieren, wie wird dies verändern, wie wir uns erinnern? Mit der Zeit werden immer mehr Leben in diesen Profilen festgehalten werden. Wenn wir uns unserer Leben erinnern wollen, und der Leben derer, mit denen wir verbunden sind, werden wir uns unvermeidlich an die Daten wenden, die in diesen Archiven der sozialen Medien gespeichert sind. Unsere Erinnerungen könnten dann dadurch geformt werden, wie wir uns entschieden, in unseren sichtbaren Social-Media-Profilen zu teilen – oder in weniger zugänglichen Orten, die durch unsere Privatsphäre-Einstellungen geregelt werden (wie es in der Erinnerungen-Funktion möglich ist).

Featherstone argumentierte außerdem, dass ein Archiv – als ein Ort, an dem Dokumente gesammelt und klassifiziert werden – „ein Platz für das Kreieren und Überarbeiten von Erinnerungen sei. Was wir in unsere Social-Media-Profile stecken und wie wir es klassifizieren, wird dann formen, an was sich erinnert und wie auf diese Erinnerungen zurückgegriffen wird. Zum Beispiel beeinflussen die Tags und Labels, die wir unseren online gespeicherten Medien zufügen, wie wir uns an diese Gegebenheit und die Menschen, die dabei waren, später erinnern werden. Unsere Social-Media-Profile sind gefilterte Versionen unserer Leben, die eine verwaltete Rolle wiederspiegeln, sodass von der Erschaffung eines Archivs auszugehen ist, das bestimmte Typen favorisierter Erinnerungen enthalten wird, die dieser Rolle entsprechen.

Social Media über die Vergangenheit

Da wir uns zunehmend auf die sozialen Medien als Archiv verlassen, wird sich die Art und Weise, wie wir ihnen Inhalte hinzufügen, unvermeidlich ändern. Wir werden nicht mehr nur im Moment posten, sondern immer auch ein Auge auf die Zukunft haben. Wir werden darüber nachdenken, wie unsere Inhalte rezipiert werden, und uns vorstellen, wie es als Grundlage dienen wird, wenn wir von einem unbekannten Punkt in der Zukunft aus auf unsere Vergangenheit zurückschauen möchten. Wir würden beispielsweise über unseren Urlaub in einer Art und Weise posten, wie wir uns wünschen, eines Tages darauf zurückblicken zu wollen. Es wird verändern, wie wir die sozialen Medien nutzen, um einen Moment oder eine Zeitspanne in unserem Leben speichern.

Gelöbnis an die Zukunft“. Wir fällen Urteile darüber, was wir einschließen und mit welchen Tags wir Dinge versehen wollen, basierend darauf, wie wir uns vorstellen, dass es in Zukunft genutzt werden wird. Wenn die Leute also Snapchat oder ähnliche Services nutzen, dann werden sie die Inhalte basierend auf einer Vision davon gestalten, wie sie sie in der Zukunft zum Wecken von Erinnerungen werden nutzen wollen.

Dieser Einsatz der sozialen Medien für das Erinnern – mit unseren Profilen als individuelle und kollektive Archive unserer Leben – bedeutet, dass die kreierten Inhalte unsere zukünftigen Erinnerungen formen werden. Diese Erinnerungen werden durch die Wahl, die wir darüber treffen, was wir in unsere Profile einfügen, erschaffen und bearbeitet. Sie stellen außerdem ein Produkt dessen dar, wie wir uns diese Denkmalsetzung für die Zukunft vorstellen. Sozialen Medien mag es um das Teilen unserer Leben und um das Verbinden mit Netzwerken gehen, doch diese neuen Funktionen bedeuten, dass sie eben auch auf einem „Gelöbnis“ an zukünftige Erinnerungen basieren.

Dieser Artikel erschien zuerst auf “The Conversation” unter CC BY-ND 4.0. Übersetzung mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.


Image (adapted) „Snapchat“ by Maurizio Pesce (CC BY 2.0)


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Zurückgeblickt: Talkshow-Zombies und das richtige Leben

Smartphone (adapted) (Image by Yacine Petitprez [CC BY-SA 2.0] via flickr)

Handy-Nacken, WhatsAppitis, Kurzsichtigkeit, willenlose Gehilfen der Digitalindustrie werden herangezogen, reihenweise werden Menschen von Straßenbahnen ins Jenseits befördert – die Folgen des Smartphones sind kaum absehbar. Und natürlich für die Menschheit „weit schlimmer als es Nikotin je war“. Das meint zumindest der Gehirnforscher Manfred Spitzer, wenn man seiner Vorstellung bei der letzten Ausgabe „hart aber fair“ vom 23. Mai glauben kann. Die Sendung behandelte das Thema „Immer online – Machen Smartphones dumm und krank?“ Das schöne an einer solchen Frage als Ausgangsgedanke für eine Diskussion ist ja, dass die Redakteure, die für den Inhalt der Sendung verantwortlich sind, sich jederzeit darauf berufen können, dass das eine offene Frage sei, die ja erst noch zu beantworten ist. Aber sie gibt schon die Richtung vor. Diese – so viel darf ich jetzt schon verraten – selten dämliche These muss dann nämlich erst einmal entkräftet werden. Das gelingt vor allem Frank Thelen, Start-Up-Investor aus der TV-Show Die Höhle der Löwen und Wissenschaftsjournalist Ranga Yogeshwar. Aber das hier ist keine Rezension der Sendung, es geht nicht um das Für und Wider von Smartphones im Alltag und warum die beiden Herren natürlich Recht haben, wenn sie sagen, dass Kinder früh mit dem Digitalen in Berührung gebracht werden müssen, damit Deutschland nicht noch weiter abfällt im internationalen Digitalisierungs-Vergleich. Das ist ein Text, in dem ich Dampf ablassen muss. Über Manfred Spitzer und Frank Plasberg und den Umstand ihrer schlechten Vorbereitung. Hört man den beiden zu, könnte man meinen, wir befänden uns im Jahr 2007. Damals hat Apple mit dem iPhone den Startschuss für den Siegeszug der wichtigsten Technologie der jüngeren Vergangenheit gegeben. Und deswegen passen die anachronistischen Anmerkungen der Herren Spitzer und Plasberg auch so wunderbar hier hin, in eine Reihe, die ich sonst nutze, um Jahre in die Vergangenheit zu schauen, alte Artikel und Videos hervorzukramen. Es geht schon damit los, dass Plasberg zu Beginn der Sendung „ausnahmsweise mal eine private Mitteilung“ an seine Ehefrau machen möchte: „Anne, leg Dein verdammtes Handy weg! Wenigstens, wenn Du ‚hart aber fair’ guckst.“ Nein, Frau Gesthuysen, legen Sie das Smartphone bitte niemals weg während der Sendung Ihres Mannes. Schauen Sie sich lieber bei Twitter an, was die Zuschauer über den Quatsch denken, den Ihr Gatte dort redet. Dann fragt Plasberg: „Ab wann verstellt der Blick auf den Bildschirm den Blick auf das richtige Leben?“ Hier schnappt die Schere in meinem Kopf besonders heftig zu. Wie soll ein Jugendlicher oder junger Erwachsener oder überhaupt irgendeine Person, die nicht trennt zwischen on- und offline, sich ernstgenommen fühlen, wenn ihm zu Beginn der Sendung gesagt wird, dass das, was er da mit dem Smartphone macht, nicht das richtige Leben ist? „Sorry“, meine ich da rauszuhören‚ „was Ihr an Euren Geräten unternehmt, ist Ablenkung von der Realität.“ Als Manfred Spitzer dran ist, möchte er direkt mal beweisen, dass der Jugend ja durchaus bewusst ist, wie willenlos sie werden durch die Benutzung ihrer Smartphones und führt die schlechteste Begründung an, die mir nach Stunden des Überlegens in den Sinn gekommen wäre: „Smombie“, und während er weiter spricht, neigt Spitzer leicht den Kopf, will seinem Argument so wohl Nachdruck verleihen, „das Jugendwort des Jahres 2015 – Smartphone-Zombie.“ Und weiter: „Das ist nicht mein Wort. Das haben die Jugendlichen gemacht. Und ich muss sagen, da bin ich jetzt sehr optimistisch, die Leute kommen ja selber drauf.“ Falsch. Hätte die Langenscheidt-Jury die Entscheidung der Jugendlichen akzeptiert, dann wäre das Jugendwort des Jahres „merkeln“ gewesen, Smombie hätte eigentlich keine Chance gehabt. Dazu hier ein Text, den hat sogar ein Jugendlicher geschrieben. Im Laufe der Diskussion wird deutlich, dass Spitzer die Radikalität des jugendlichen Digitaldrangs vollkommen überschätzt. Früher haben sie noch gemalt, sind auf Bäume geklettert, haben Abenteuer erlebt und haben das Leben so richtig kennengelernt. Ach je, die guten alten Zeiten. Herr Spitzer, das machen Jugendliche auch heute noch, sie filmen sich nur oft dabei und schicken ihren Freunden Bilder von ihren Abenteuern. Es ist keine Entscheidung, die zwischen Smartphone und anderen Aktivitäten getroffen werden muss. Es gibt so viele junge Künstler, die ganz „altmodisch“ malen. Der einzige Unterschied zu früher ist, dass sie ihre Werke viel schneller einem viel breiteren Publikum zur Verfügung stellen können, als es vor dem Smartphone möglich war. Spitzer holt sich zudem Hilfe aus dem Reich der Toten und sagt: „Steve Jobs hat gesagt, iPads sind nichts für Kinder.“ Wenn wir über die neuesten Technologien sprechen, dann können wir doch nicht ernsthaft einen Mann zitieren, der seit bald fünf Jahren tot ist. Wenn wir mit den Überzeugungen der Vergangenheit die Gegenwart gestalten, dann können wir Kleinkindern auch wieder Cola geben, ist ja eine Medizin. Ach ja, Rauchen ist auch total gesund, hat mal jemand in einer Werbung behauptet. Mein persönliches Highlight der Sendung ist allerdings Frank Plasbergs Reaktion auf einen Einspieler, in dem gezeigt wird, was heute alles in einem Smartphone steckt: Enzyklopädie, Fernseher, Schachspiel, Terminkalender, Atlas, Wörterbuch, Wasserwaage, Taschenrechner, Reiseführer, Digitalkamera, Radio, Wecker, Diktiergerät, und, und, und. Plasberg daraufhin allen Ernstes: „Alles drin, aber wer braucht das alles gleichzeitig?“ Natürlich niemand. Aber vieles brauche ich in meinem Alltag ständig. Über meinen Kalender lasse mich direkt zu Terminen navigieren. Ich kann bei der Arbeit vor Ort Bilder machen, die ich dann per Facebook und E-Mail schnell an die Redaktion schicken kann. Ich habe eine Liste von Artikelideen in meinem Smartphone gespeichert, die ich unterwegs ergänzen kann. Ich habe auch schon per Übersetzungs-App mit Flüchtlingen kommuniziert und zu meinem Archiv ist mein Smartphone ebenfalls geworden. Ich leihe spontan Roller aus und nehme Interviews mit der Diktiergerät-App auf. Aber klar, gleichzeitig kann ich das nicht nutzen. Die analogen Äquivalente der Apps übrigens genauso wenig, die nehmen dafür aber eine Menge Platz weg. Machen aber eben nicht dumm, das Smartphone schon. Verquere Logik. Das Thema der Sendung hätte heißen sollen: „Was müssen wir tun, damit wir in der Digitalisierung nicht den Anschluss verlieren?“ Da wäre dann noch praktischer Nutzen enthalten gewesen und nicht bloß eine Diskussion zum Fremdschämen. Einer Redaktion, die ihre Gäste ernstgenommen hätte, wäre für die Social-Media-Volontärin der ARD, Duygu Gezen, zudem eine bessere Bezeichnung als „bekennender Online-Fan“ eingefallen. Ich persönlich find ja offline ganz cool, aber online ist auch ziemlich genial. Aber ich kann mich gerade nicht entscheiden, habe keine Zeit, das richtige Leben wartet auf mich.


Image (adapted) „Smartphone“ by Yacine Petitprez (CC BY-SA 2.0)


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Ein Tag im digitalen Leben der Teenager

Girl (Image by marcino [CC0 Public Domain], via Pixabay)

Mit jeder Generation beschwört das öffentliche Bewusstsein eine neue Gefahr für unsere Jugend herauf: War es einst der Rock’n’Roll, so ist es heute die Sorge, dass das Leben der Teenager von digitalen Medien dominiert wird. Es ist die Angst, dass die digitale Überflutung Auswirkungen auf die Fähigkeit zu lernen, sich zu unterhalten, korrekt zu buchstabieren und vieles mehr haben könnte.
Haben sie keine Zeit für die gemächliche, althergebrachte Face-to-Face-Kommunikation, für gemeinsame Zeit mit der Familie oder für einen ungestörten Nachtschlaf, der nicht durch den aufleuchtenden Bildschirm des Smartphones unterbrochen wird? Ich habe ein ganzes Jahr mit einer Schulklasse voller 13-Jähriger verbracht, um genau das herauszufinden.

Die Forschung erforderte es, dass ich Zeit mit den Teenagern in der Schule, zu Hause, bei Freunden und online verbringe. Mich trieb weniger die Sorge um ihr Wohlergehen an, sondern vielmehr war ich fasziniert davon, wie sie es schaffen, den großen Einfluss digitaler Geräte und digitaler Inhalte, die ihr Leben füllen, zu organisieren.

Die Ergebnisse und Überlegungen, die ich aus meiner Feldforschung erhielt und die ich in meinem Buch The Class: Living and Learning in the Digital Age niederschrieb, zeigen eines ganz besonders: Nämlich, dass es der größte Wunsch der Teenager ist, Kontrolle darüber zu haben, wie und mit wem sie ihre Zeit verbringen – und nicht nur, um digitale Medien um ihrer selbst Willen zu benutzen. Zur Veranschaulichung folgen hier drei Momente eines Tages im Leben der digital ausgestatteten Teenager von heute.

In der Schule

Das morgendliche Ankommen in der Schule war stressig, denn die Teenager mussten zunächst umschalten zwischen der Schläfrigkeit und Gemütlichkeit von zu Hause und einem wachen, aufmerksamen Geisteszustand innerhalb der beschränkenden Regeln in der Schule. Ein Teenager, Fesse, kam üblicherweise zu spät – zum Teil, weil er bis spät in die Nacht X-Box gespielt hatte, aber auch, weil er sich darauf verließ, dass seine ältere Schwester ihn jeden Morgen aus dem Haus bugsierte. Eine andere Schülerin, Salma, erschien jeden Morgen ordentlich und ruhig, den sie hatte bereits im Vorfeld mit ihren Freundinnen gechattet, um den gemeinsamen Schulweg zeitlich aufeinander abzustimmen, sodass sie auf dem Weg zur Schule bereits quatschen konnten.

Für einen großen Teil des Tages schaute die Klasse auf das Smartboard, das vorn im Klassenraum stand, und mit dessen Hilfe die Lehrer YouTube-Clips und andere elektronische Ressourcen in ihren Unterricht integrieren. Natürlich sind die Lehrer noch dabei, die Anwendung zu optimieren und den Nutzen zu evaluieren. Wir erlebten eine Reihe von Schwierigkeiten, die Technologie zum Laufen zu bringen, und erlebten manchmal auch, dass es schwierig sein kann, die Schüler für die digitalen Inhalte im Zusammenhang mit dem Fach zu begeistern. So baute zum Beispiel die Musiktechnologie in der Schule nicht so sehr auf Fesses oder Giselles enthusiastischen Musikexperimenten aus ihrer Freizeit auf.

Erfolgreicher schneidet die Anwendung des SIMS, d.h. des Schul-Informations-Managements-Systems, ab, in dem die An- oder Abwesenheit der Schüler, gutes oder schlechtes Benehmen, Noten sowie Fortschritte jeden Tag durch die Lehrer notiert werden.

In der Zwischenzeit

Der Nachhauseweg ist ein bedeutender Moment für die Teenager – eine entspannte Zeit zwischen einer Sache und der nächsten, außer Reichweite der prüfenden Blicke der Erwachsenen. Oft ist dies die letzte Möglichkeit, mit seinen Freunden von Angesicht zu Angesicht zu reden, bevor man nach Hause zurückkehrt – wo die Teenager dann online wieder zusammenkommen werden. Sie mögen es, auf dem Weg nach Hause zu trödeln, um vom fordernden Rhythmus des täglichen Schulbesuchs abschalten zu können. Während sie ihre Telefone die ganze Zeit in der Hand hielten, um regelmäßig Nachrichten zu überprüfen und sich gegenseitig auf dem Laufenden zu halten, war der springende Punkt jedoch, dass sie Zeit zusammen verbringen wollten, und zwar von Angesicht zu Angesicht.

Zu Hause

Die Hausaufgaben wurden oft von Facebook begleitet, sei es, um sich abzulenken oder um Freunde um Hilfe zu bitten. Manche ließen sich bald in die Welt der PC-Spiele hineinziehen. So spielte Nick mit seinen Schulkameraden, die er bereits den Tag über gesehen hatte, und Adam mit Leuten aus einem Multi-Player-Spiel, in dem er eine Identität annehmen konnte, von der er meinte, sie entspräche ihm am meisten. Giselle hingegen spielte mit Familie und Freunden das unfassbar populäre Spiel Minecraft.

Abby wurde von ihrer spritzigen, kommunikativen Familie empfangen und in Gespräche verwickelt – und das alles mit permanenter Hintergrundbeschallung durch Musik. Megan arbeitete an ihrem Online-Auftritt auf Tumblr – so vergingen unbemerkt einige Stunden. Max, Jenna und Alice trafen sich bei Alice, um zu chatten, rumzualbern und über Harry Potter zu reden. Shane dagegen unternahm Fahrradtouren, so oft er konnte.

Alle waren aber – wenn auch in unterschiedlichem Ausmaß – empfänglich für das Bestreben ihrer Eltern, die Familie zum Abendessen an einen Tisch zu bekommen, um über gemeinsame Hobbys, Haustiere oder das Fernsehprogramm zu sprechen – obwohl jeder sein Smartphone oder Tablet griffbereit hatte, um anschließend wieder auseinander zu gehen.

An- und abschalten – nach eigenem Bedarf

Dieser Einblick in das Leben von 28 Teenagern offenbart, wie unterschiedlich ihre Leben und Routinen sind. Zwar besitzen fast alle ein Smartphone und benutzen Facebook, wenden diese aber unterschiedlich an, um verschiedenen Interessen nachzugehen: Sei es, um sich mit anderen zu verbinden oder um sie ab und zu auszublenden.

Dafür gibt es viele Gründe, doch je mehr wir über das Leben der Teenager lernen, desto offensichtlicher wird es, dass die jungen Leute nicht mehr daran interessiert sind, pausenlos am Netz zu sein, wie die Erwachsenen um sie herum es sind. Die teenager wollen vielmehr die Wahl haben, wann und wo sie sich von der oft regelgebundenen und konfliktgeschwängerten Welt der Erwachsenen, in der sie sich befinden, abtrennen können.

Die digitalen Geräte und die Anwendungsmöglichkeiten, die sie bieten, ermöglichen den Teenagern ihre Agenda geltend zu machen – sie sind ein Schutzschild gegenüber bestimmerischen Eltern, nervigen jüngeren Geschwistern oder scheinbar kritisch auftretenden Lehrern. Sie sind auch ein Mittel, um sich mit mitfühlenden Freunden zu verbinden oder sich mit den neuesten Gerüchten auf dem Laufenden zu halten. Tatsächlich zeigt sich die große Wichtigkeit der Möglichkeit zur Abgrenzung darin, wie die Schüler dem zunehmenden Einsatz von digitalen Mitteln in der Schule skeptisch gegenüberstehen: Auf den Einsatz von digitalen Medien durch die Lehrer im Unterricht, via E-Mail oder über das Internet, um sie zu Hause zu kontaktieren, reagieren die Schüler mit Geflüster und noch umständlicheren Nachhausewegen – als ob sie die Zeit, die sie unbeobachtet von Erwachsenen mit ihren Freunden verbringen können, ausschöpfen wollten.

Als Erwachsene und als Eltern sollten wir weniger Zeit damit verbringen, uns zu sorgen, wie die Teenager ihre Zeit gestalten. Stattdessen sollten wir darauf Wert legen, mit ihnen gemeinsam Zeit zu verbringen und darüber zu reden, welche Herausforderungen als Erwachsene vor ihnen in einer zunehmend verknüpften Welt liegen werden.

Dieser Artikel erschien zuerst auf “The Conversation” unter CC BY-ND 4.0. Übersetzung mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.


Image „Girl“ by marcino (CC0 Public Domain)


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Wie die Digitalisierung kurzen Prozess mit kulturellen Klischees gemacht hat

she spy (adapted) (Image by Kangrex [CC BY 2.0] via flickr)

Löcher in der Zeitung, geheime Gespräche am Münztelefon und falsch gehaltene Landkarten sind Vergangenheit – die Digitalisierung beraubt die Kultur um Klischees. Es gibt seit Jahrzehnten bestimmte Kniffe, die Regisseure und Autoren benutzen, um einer Szene Spannung zu verleihen, einen Dreh in die Handlung zu bringen oder bestimmte Personengruppen abzubilden. Die fortschreitende Digitalisierung hat dazu beigetragen, dass diese klischeehaften Handlungsoptionen mehr und mehr verschwinden. Mittlerweile wird dieser Agententrick wohl nur noch scherzhaft angewandt: Kein ernsthafter Geschichtenerzähler wird seinen Detektiv noch ein Loch in die Zeitung schneiden lassen, damit dieser eine Person beschatten kann. Doch das Schema ist bekannt. Am besten trägt der Protagonist dazu noch einen langen Trenchcoat und Hut. Wer damit angefangen hat, ist nicht mehr zu ermitteln, doch das Prinzip hat sich über Jahrzehnte gehalten. Wer sich beim Trierer Informationsbüro für Kinder einen der Spielekoffer in Detektiv-Ausführung sichert, bekommt sogar direkt eine Zeitung mit Loch. Die Zeitungskrise mit schwindenden Auflagen wird wohl irgendwann (lieber später als früher) dazu führen, dass gedruckte Nachrichten nur noch von Exoten gelesen werden. Wer dann mit einer Zeitung in der Gegend rumsteht oder in einem Café sitzt und sich das Blatt vor das Gesicht hält, fällt unweigerlich auch ohne Loch darin auf. Wer liest heute noch gedruckte Zeitungen? Pff, niemand, wird die Antwort früher oder später heißen. Zeit für neue Überwachungsmethoden. Doch ein Loch ins Tablet oder Smartphone bohren und durch dieses blinzeln, wird keine Lösung sein. Wenn Drohnen erst einmal Einzug in jeden Haushalt gefunden haben, wird sich kein Verbrecher mehr wundern, wenn eine Drohne über ihm surrt. Ist ja vollkommen normal geworden, oder? Der Detektiv von morgen steuert die Beschattung mit dem Smartphone.

Münzzelefon (Image by Hendrik Geisler)
Münztelefon (Image by Hendrik Geisler)
Münzzelefon (Image by Hendrik Geisler)
Münztelefon (Image by Hendrik Geisler)

Das Münztelefon ist ein weiterer Stereotyp, der dem Rezipienten zeigt: „Hier passiert was Geheimes.“ Der Held auf der Flucht muss einen wichtigen Anruf machen? Entweder bricht er bei jemandem ein und benutzt dessen Telefon (siehe „Die drei Tage des Condor“ mit Robert Redford) oder, klar, der Klassiker: Ein Münztelefon. Und wenn ein Bösewicht verhindern möchte, dass er geortet wird, benutzt er auch einen der Fernsprecher. Hier natürlich ganz wichtig: Bloß nicht länger als 15 Sekunden telefonieren, so lange brauchen die Ermittler nämlich, mal länger, mal kürzer. In der klassischen Detektiv-Serie „The Lone Wolf“ wird eine Telefonzelle auch schon mal als klandestines Versteck benutzt. Man könnte meinen, dass Münztelefone bloß noch als Zeugen des Verfalls und der fortschreitenden Digitalisierung als mahnende Beispiele in Städten hängen, die den Passanten sagen wollen: „Auch ich war früher unersetzlich. Jetzt seht mich an!“ In Köln hängt ein besonders schönes Exemplar. Der Hörer ist mitsamt Schnur abgerissen worden, ein paar rote Kabel kommen aus der Verkleidung, und an der Seite hängt ein Schild: Öffentlicher Fernsprecher. Ganz ehrlich: Wer hat das letzte Mal eine Telefonzelle benutzt außer als Schutz vor Regen (klassische, gelbe Ausführung) oder weil sie einen Hot Spot hat (pinke Telekom-Version)? Ein direkter Ersatz für das Münztelefon als Mittel des Erzählens ist aber nicht in Sicht. Für geheimes Telefonieren reicht es auch nicht, die Nummer auf dem Handy zu unterdrücken. Wer schon einmal erlebt hat, wie detailliert Ermittler heutzutage den Standortverlauf eines Handys nachvollziehen können, weiß, dass sie dafür keine 15 Sekunden in der Leitung sein müssen. Der Verbrecher muss dafür nicht mal telefonieren. Dass das Handy angeschaltet ist, reicht schon aus. Eine Handlungsoption, die auch immer wieder in Stories eingebaut wurde, war das falsche Halten einer Landkarte. Ein Roadtrip endet im Nirgendwo, eine Familie im Urlaub landet am falschen Ort und die Schatzsucher sind auf dem Holzweg. Da hat doch wieder einer die Landkarte auf dem Kopf gelesen. Wer als Geschichtenerzähler glaubhaft die Gegenwart abbilden will, wird auf andere Mittel zurückgreifen müssen. Landkarten sind noch immer ein gutes Mittel – halt dann, wenn der Handy-Akku leer ist. Natürlich kann das Orientieren mit einer Landkarte noch etwas Abenteuerliches und Aufregendes an sich haben, aber Navigationsdienste auf dem Smartphone sind so viel praktischer. Allein die Aufgabe, eine Karte wieder richtig zu falten, ohne dass man sie zerreißt, kann eine schwierige Aufgabe sein. Und dann erst mal herauszufinden, wo man eigentlich ist. Viel zu umständlich. Puristen werden mir widersprechen, aber ich meine: Papierlandkarten werden wieder wichtig, wenn die Zombie-Apokalypse kommt und das Internet zusammenbricht. Selbst eigenstehende Navigationssystem sind schon überflüssig geworden. Es gibt noch mehr Beispiele für das Verdrängen erzählerischer Klischees durch die digitalisierte Gegenwartstechnik. Zum Beispiel der Polizist, der Cop, der nachts durch das schrille Klingeln seines Telefons geweckt wird. 2016 stellt er mit einem Handgriff das Smartphone lautlos und schläft ohne Unterbrechung. Oder der Haufen von Papierkugeln, den ein Schriftsteller oder Journalist produziert, weil der von ihm gewählte Ansatz wohl doch nicht der richtige war. Hat er einen Einstieg geschrieben, der ihm kurz darauf nicht mehr gefällt, löscht er ihn heute einfach und schreibt einen anderen. Der Cursor, der die Wörter frisst, ist das Motiv, das als Ersatz gewählt werden kann. Kultur ist immer ein Spiegel der Realität. Und die Realität ist heute, dass das Digitale zum Alltäglichen geworden ist. Jeder trägt sein Telefon mit sich rum und ebenso die Landkarte. Wir sind leichter zu verfolgen und das, was wir mit unseren Geräten produzieren, schlechter greifbar. Kulturmacher haben auch die Aufgabe, Wege zu finden, unsere Lebenswirklichkeit zu zeigen. Es ist eine andere geworden. Auch Stereotype ändern sich.


Image (adapted) „she spy“ by Kangrex (CC BY 2.0)


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Wie die Eltern so die Kinder: Wird die Berufswahl vererbt?

Builder (Image by skeeze [CC0] via pixabay

Neulich auf Facebook: Das soziale Netzwerk begibt sich auf wissenschaftliche Pfade. In einer hauseigenen „Studie“ wirft Facebook die Frage auf, ob wir die gleichen Berufe ausüben wie unsere Eltern. Dazu hat Facebook anhand der angegebenen Daten von englischsprachigen Nutzern analysiert, die sowohl ihren Beruf als auch Beziehungen zu ihren Geschwistern und Eltern angegeben hatten.

Das Ergebnis: Auch wenn die meisten Kinder nicht den gleichen Berufsweg gehen wie ihre Eltern, ist es dennoch wahrscheinlicher, dass jemand Arzt wird, wenn ein Elternteil es auch ist als wenn niemand in der Familie als Mediziner arbeitet.

Facebook Berufswahl
Bild: Cluster

Aus wissenschaftlicher Sicht ist die Facebook-Studie natürlich nicht repräsentativ. Schließlich kann man beispielsweise nicht überprüfen, ob die angegebenen Berufe tatsächlich stimmen oder ob es sich innerhalb der untersuchten Familienkonstellationen um biologische oder adoptierte Kinder handelt. Dennoch wirft Facebook eine Frage auf, die Wissenschaftler schon sehr lange beschäftigt: Wer oder was beeinflusst unsere Berufswahl? Ist es die Kultur, in der wir aufwachsen? Sind es unsere Eltern, die uns beeinflussen? Oder ist unsere Berufswahl etwa genetisch beeinflusst? Die Antwort auf diese Fragen ist, um es mit einem Facebook-Beziehungsstatus auszudrücken, kompliziert.

Zunächst mal ist der Weg zur Berufswahl kein einheitlicher Prozess, sondern kann, je nach Blickweise, etwas ganz anderes bedeuten. Die Berufswahl kann:

  • ein Findungsprozess zwischen individuellen Interessen und Fähigkeiten und beruflichen Anforderungen sein
  • ein Kompromiss-Prozess sein
  • als das Ergebnis von Erwartungen und Werten betrachtet werden
  • als Selbstsozialisation gesehen werden
  • als lebenslange Selbstfindung beschrieben werden
  • das Ergebnis bestimmter Charaktereigenschaften sein
  • von bestimmten Genen beeinflusst werden

Je nachdem welcher Schule man angehört, hat man also auch eine andere Sichtweise auf den Prozess rund um die Berufswahl.

Der sozialwissenschaftliche Ansatz

Eltern spielen nach Meinung vieler Sozialwissenschaftler eine wichtige Rolle bei der Berufswahl der Kinder. So haben zum Beispiel Dirk Baier und Andreas Hadjar untersucht, inwiefern Leistungsorientierung von einer Generation an die nächste weitergegeben wird. Ihre These ist, dass Werte wie eben Leistungsorientierung hauptsächlich über die Erziehung und das Vorleben eben dieser Werte durch die Eltern an die Kinder weitergereicht werden. Ob und wie stark diese dann aber von den Kindern übernommen werden, entscheiden die Kinder selbst. Wenn die Eltern also vorleben, wie sehr sie ihren Beruf lieben oder wie wichtig es ist, zu arbeiten, geht das an den Kindern nicht spurlos vorbei und beeinflusst so auch indirekt ihre Berufswahl.

Wie genau dieser Einfluss wirkt, das hat Markus Neuenschwander genauer erforscht. Bei seinem Forschungsprojekt hat er untersucht, wie Eltern die Berufswahl ihrer Kinder beeinflussen. Er ist der Meinung, dass eine absolut freie und unvoreingenommene Berufswahl ein Irrglaube ist. Wir können nie ALLE Berufe kennen und wählen so aus den Karrierewegen, die uns bekannt sind und die uns als eine realistische Option erscheinen.

Wie viele Optionen uns dabei offen stehen und wie wir an diese Berufswahl herangehen, wird seiner Meinung nach tatsächlich stark vom Elternhaus beeinflusst. Je nachdem, wie stark Eltern Kinder fördern und ihnen die Wichtigkeit von schulischen Leistungen erklären und dies auch selbst vorleben, wirkt sich dies auf die Berufswahl der Kinder aus. Wenn die Eltern beispielsweise ihre Kinder ermutigen, in der Schule ihr Bestes zu geben, setzen sich die Kinder viel aktiver mit ihrer eigenen beruflichen Zukunft auseinander. Darüber hinaus ist es laut Neuenschwander auch so, dass Eltern den Berufswahlprozess mit Vorschlägen aktiv beeinflussen können.

Wählen deshalb Kinder automatisch die gleichen Berufe wie die Eltern? Sicher nicht! Dennoch orientieren sich Kindern natürlich zu einem gewissen Grad bei ihrer Berufswahl auch an dem, was ihre Eltern beruflich machen und an den Ratschlägen der Eltern.

Der psychologische Ansatz

Bei den psychologischen Studien zur Berufswahl stehen weniger die Eltern im Vordergrund, sondern der Einzelne, der einen bestimmten Beruf gewählt hat. Verschiedene Studien zeigen, wie gewisse Charaktereigenschaften die Berufswahl prägen. So haben beispielsweise Claudia Harzer und Willibald Ruch in ihrer Studie „The relationships of character strengths with coping, work-related stress, and job satisfaction“ einen Zusammenhang zwischen bestimmten Charakterzügen und der Jobzufriedenheit hergestellt. Wer als Mensch Eigenschaften wie Freundlichkeit, Ehrlichkeit und Beharrlichkeit mitbringt, ist meistens zufriedener im Beruf als andere Menschen. Dabei helfen uns ganz bestimmte Charaktereigenschaften auch dabei, mit dem Stress im Job besser umzugehen. In ihrer Studie haben Harzer und Ruch herausgefunden, dass Menschen, die in Pflegeberufen arbeiten, besser darin sind, sich von negativen Ereignissen abzulenken und auf das Positive zu fokussieren.

Das legt natürlich nahe, dass die Berufswahl stark von unserer Persönlichkeit abhängt. Neugierige, wissbegierige, extrovertierte Menschen sind wahrscheinlich eher Journalisten als Buchhalter. Genau so sind zielstrebige und risikobereite Menschen wohl öfter Unternehmer als Lehrer.

Der genetische Ansatz

Der genetische Ansatz geht wiederum von dem Standpunkt aus, dass ALLE unsere Charaktereigenschaften vererbbar sind. Wenn wir also davon ausgehen, dass wir so sind, wie wir sind, weil unsere Eltern und Großeltern uns dies zum Teil vererbt haben, dann sind auch die Charaktereigenschaften, die uns zu einer bestimmten Berufswahl treiben, genetisch bedingt. Das zumindest behauptet ein Team um den Forscher Zhaoli Song. Sie sagen, dass vor allem zwei genetische Marker darüber entscheiden, ob wir in unseren Jobs glücklich sind oder nicht: Dopamin DRD4 und Serotonin 5-HT. Sie haben untersucht, wie diese beiden Marker sich auf unsere Zufriedenheit im Beruf auswirken. Ihr Ergebnis: Es gibt tatsächlich Hinweise darauf, dass die genetische Veranlagung dieser beiden sich stark darauf auswirkt, ob wir in unserem Beruf glücklich sind oder eben nicht.

Das Forscherteam geht sogar noch einen Schritt weiter. Sie behaupten, dass es sehr wahrscheinlich ist, dass die Gene, die wir vererbt bekommen, eine entscheidende Rolle bei unserer Berufswahl spielen. Andere Studien scheinen dies zu bestätigen. So haben Forscher herausgefunden, dass die Berufswahl von biologischen Kindern viel öfter den Berufen der Eltern ähneln als bei Adoptivkindern. Es ist also durchaus etwas dran an der These, dass unsere Berufswahl teilweise vererbt wird.

Dass die Gene generell einen großen Einfluss auf unseren Berufsweg haben, scheint immer besser bewiesen zu sein. So zeigen Studien, dass attraktive Menschen im Schnitt 12% mehr verdienen als ihre nicht so attraktiven Kollegen und Menschen, die größer sind als der Durchschnitt, öfter in Führungspositionen befördert werden als kleinere Menschen.

Nature vs. Nurture – oder doch alles zusammen?

Wenn man all diese Ansätze betrachtet, scheint an jeder Theorie etwas dran zu sein. Das Aufwachsen im Elternhaus beeinflusst unsere Berufswahl genauso wie unsere Persönlichkeit oder bestimmte genetische Faktoren. Wahrscheinlich ist es aber nicht nur ein einziger Faktor, sondern eine Mischung aus all diesen Aspekten, die unsere Berufswahl letztlich beeinflussen.


Image „Builder“ by skeeze [CC0]


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Wie mein Smartphone mein Leben kontrolliert

Two Dreamers and a Smartphone Addict (adapted) (Image by Jake Stimpson [CC BY 2.0] via Flickr)

Das Smartphone ist fester Bestandteil unseres Lebens, manchmal schon zu sehr. Wer meine Kolumne aufmerksam verfolgt, wird inzwischen wissen, dass mein mobiles Endgerät einen hohen Stellenwert in meinem Leben hat. Um mich selbst zu zitieren: “Ohne mein Handy fühle ich mich leer und einsam.” Äh, ja. Daran hat sich auch nach dem Defekt im Oktober nichts geändert. Mit meinem neuen alten Gerät ist es genau das Gleiche. Vielleicht kennt ihr das ja. Man fühlt sich irgendwie abhängig, aber abhängig wovon? Vom Gerät an sich? Den unbegrenzten Möglichkeiten, mit Freunden und Bekannten zu kommunizieren? Den vielen bunten Bildchen? Oder vielleicht auch von einer Mischung aus allem?

Wie auch immer, wenn es dir bewusst wird, nervt es umso mehr. So geht es mir jedenfalls. Dass der Besitz eines Smartphones inzwischen überall – und gerade im Medienstudium – vorausgesetzt wird, macht es nicht unbedingt besser. Ich will ja gar nicht permanent online sein. Deshalb schalte ich das Ding auch gelegentlich ab. Nur in der Zeit kommen dann natürlich besonders viele Nachrichten. Als hätten die Leute das geahnt.

Manchmal kommt es mir echt so vor, als ob dieses Ding mein Leben kontrolliert. Da gibt es zum Beispiel diese fehlende Synchronisation zwischen Facebook und seinem Messenger, die mich regelmäßig in den Wahnsinn treibt. Angenommen, ich habe die Seite am PC geöffnet und erhalte eine Nachricht, diese lese und beantworte ich direkt am Computer. Etwas später schaue ich auf mein Handy. Dort wird mir eine ungelesene Konversation angezeigt. Es ist dieselbe, die ich schon längst gelesen und beantwortet habe. Trotzdem falle ich jedes Mal drauf rein.

Schnelle Reaktion auf Nachrichten

Darüber hinaus habe ich mir irgendwann mal angewöhnt, mein Smartphone unterwegs ständig in der Hand zu halten und gelegentlich darauf zu gucken. Das hat einen ganz praktischen Grund: Falls eine wichtige Nachricht eintrifft oder ein Anruf eingeht, kann ich sofort darauf reagieren. Außerdem spart es Zeit, morgens auf dem Weg zur Uni die Mails zu checken. Andererseits kann man sich mit dem Gerät in der Hand so schön unauffällig wichtig machen: “Schaut her, ich bin ja so beschäftigt!”

Eigentlich stimmt das sogar. Nur manchmal – das gebe ich zu – tippe ich nur auf meinem Smartphone herum, um vor meinen Mitmenschen besonders cool zu wirken. Was mich aber am meisten stört: Das sogenannte Phantomvibrieren. Ein Phänomen, dem man wahrscheinlich nur als Hardcore-Handy-Nutzer begegnet. Das heißt, ich bilde mir nur ein, dass mein Handy vibriert, in Wirklichkeit passiert aber – nichts. Trotzdem gucke ich natürlich sofort auf das Display. Gerade, wenn man ungeduldig eine wichtige Nachricht erwartet, taucht das auf. Also bei mir jedenfalls.

Ich muss zugeben, manchmal wäre es mir lieber, wenn auch mein Ersatz-Smartphone kaputt ginge, so blöd das auch klingt. Dieses permanente Online-Sein ist nämlich vor allem eins: Stressig! Und hält mich von anderen Dingen ab. Klar, man hat es sich angewöhnt, den Leuten über Whatsapp oder Facebook Messenger zu schreiben. Aber, seien wir ehrlich: Wer mich wirklich erreichen will, findet auch andere Wege. Und sei es via klassischer SMS. In den 2000ern hat das schließlich auch funktioniert.


Image (adapted) “Two Dreamers and a Smartphone Addict” by Jake Stimpson (CC BY 2.0)


 

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Generation Moderat

In unseren bildungsbürgerlichen Realität wird die öffentliche Auslebung exzessiver Charakterzüge nur bei Kleinkindern und einem enggezirkelten Künstler- und Intellektuellenkreis tatsächlich und vollständig toleriert.

Denn es dämmert dem Heranwachsenden schnell, dass jeder deutlich publizierte Gefühlsausdruck in den wenigsten Fällen mit Wohlwollen bewertet wird. Schreien, Fluchen und Trotz führen zu ersten unangenehmen Sanktionen, verzwirbelte Verrücktheiten zu sorgenschweren Mienen und ein zu schnell reifendes Selbstbewusstsein zu hinterhältigen Unterdrückungsritualen.

Das hat zur Folge, dass wir allesamt und moderat weichgespült durch die Strassen wandern. Man hat so viel im Kopf und kann es doch nicht ausdrücken. Man hat so viel im Herzen und kann es doch nicht zeigen. Man hat so viel zu tun und weiss nicht, wie es anzufangen ist… Weiterlesen »

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Moments – Leben, Video, schön

Das Video „Moments“ von Will Hoffman hat mich ein wenig an die Doku „Ein Tag im Leben der Endverbraucher“ erinnert. Darin wurde der Tagesablauf eines Menschen anhand der Fernsehwerbung nachgespielt. In Will Hoffmans Video „Moments“ wird dagegen die andere Seite des Lebens eine Menschen berachtet: Welche Phasen durchlaufen wir in westlichen Zivilisationen im Laufe eines Lebens? Weiterlesen »

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