Warum uns das Internet nicht klüger macht

In dem Zeitraum , in dem ich mich das erste Mal hingesetzt habe, um diesen Text zu schreiben, teilte mir mein Laptop mit, dass die NBA dementieren musste, sie hätte damit gedroht, ihr 2017 All-Star-Spiel wegen eines neuen LGBT-Gesetzes in North Carolina abzusagen – eine Geschichte, die von vielen Nachrichtenquellen wiederholt wurde, einschließlich der amerikanischen Nachrichtenagentur. Die Echtheit des viralen Videos, in dem ein Bär eine weibliche Snowboarderin in Japan jagt, wurde infrage gestellt. Und nein, Ted Cruz ist nicht mit seiner Cousine dritten Grades verheiratet. Es ist nur eine von vielen auf uns einstürmenden Halbwahrheiten und sogar Lügen der Sorte „Wer einmal lügt, dem glaubt man nicht“, die auftauchen, während wir uns für das amerikanische Wahljahr 2016 aufwärmen.

Je länger ich die menschliche Psyche studiere, desto beeindruckter bin ich von der reichhaltigen Wissensschatz, über das jeder einzelne von uns verfügt. Wir alle verfügen über ein intelligentes Webmuster aus Fakten, Zahlen, Regeln und Geschichten, die es uns erlauben, einen erstaunlichen Umfang an täglichen Herausforderungen anzugehen. Aktuelle Studien bewundern gerade, wie enorm, organisiert, ineinandergreifend und beständig diese Basis an Wissen ist.

Das ist die gute Nachricht. Die schlechte Nachricht ist, dass unsere Gehirne es übertreiben. Sie speichern nicht nur hilfreiches und notwendiges Wissen, sie sind ebenso empfänglich für falsche Ansichten und Fehlinformationen.

Alleine was den Bereich der Biologie angeht, glauben viele Menschen, dass Spinat eine gute Eisenquelle ist (tut mir leid, Popeye), dass wir weniger als zehn Prozent unseres Gehirns nutzen (nein, es wäre zu energieaufwändig, das zuzulassen) und dass manche Menschen an einer Überempfindlichkeit gegenüber elektromagnetischer Strahlung leiden (wofür es keinen wissenschaftlichen Beweis gibt).

Hier kommt jedoch die besorgniserregendere Nachricht: Unser Zugang zu Informationen – seien es gute oder schlechte – hat sich nur noch erweitert, seit unsere Finger ins Spiel gekommen sind. Mit Computertastaturen und Smartphones haben wir nun Zugang zu einem Internet, das einen enormen Vorrat an Informationen beinhaltet, der das Maß dessen, was ein einzelnes Gehirn fassen kann, bei Weitem übersteigt – und das ist nicht immer etwas Gutes.

Ein besserer Internetzugang bedeutet nicht bessere Informationen

Dieser Zugang zu der großen Reichweite des Internets sollte es uns ermöglichen, klüger und besser informiert zu sein. Die Menschen nehmen das zumindest an. Eine aktuelle Yale-Studie zeigt, dass Internetzugang Menschen dazu bringt, einen allzu überzogenen, trügerischen Eindruck davon zu bekommen, wie klug und gut informiert sie doch seien.

Jedoch gibt es ein zweifaches Problem mit dem Internet, und dieses beeinträchtigt sein grenzenloses Versprechen.

Zunächst einmal ist es – genau wie unser Gehirn – empfänglich für Fehlinformationen. Tatsächlich sieht das Weltwirtschaftsforum die „massive digitale Fehlinformation“ als eine Hauptbedrohung für die Gesellschaft. Eine Untersuchung von 50 Seiten über „Gewichtsreduktion“ ergab, dass nur drei davon gesunde Diät-Ratschläge lieferten. Eine andere von ungefähr 150 YouTube-Videos über Impfung ergab, dass nur die Hälfte davon die Maßnahme ausdrücklich unterstützt.

Gerüchtemacher, Politiker, persönliche Interessen, eine sensationsgierige Presse und Menschen mit dem intellektuellen Beil, das alles zu zermahlen, bringen falsche Informationen ins Internet.

Das Gleiche tun viele Menschen, die zwar gute Absichten hegen, aber falsch informiert sind. Tatsächlich hat eine Studie, die in der Januar-Ausgabe 2016 des Wissenschaftsmagazins „Proceedings of National Academy of Science“ veröffentlicht wurde, dargelegt, wie schnell sich dubiose Verschwörungstheorien über das Internet verbreiten. Im Einzelnen haben die Forscher verglichen, wie schnell sich diese Gerüchte im Verhältnis zu Geschichten über wissenschaftliche Entdeckungen über Facebook verbreiteten. Sowohl Verschwörungstheorien als auch wissenschaftliche Nachrichten verbreiteten sich schnell, wobei sich der Großteil der Ausbreitung beider Arten von Geschichten über Facebook innerhalb eines Tages abspielte.

Was die Sache noch schlimmer macht, ist, dass es schwer ist, falsche Informationen von echten Tatsachen zu trennen. Sie sehen oft genauso aus und fühlen sich genauso an wie die Wahrheit. In einer Reihe von Studien, die Elanor Williams, Justin Kruger und ich 2013 im „Journal of Personality and Social Psychology“ veröffentlichten, baten wir Studenten, Problemstellungen in intuitiver Physik, Logik und im Finanzwesen zu lösen. Diejenigen, die sich durchweg auf falsche Fakten oder Grundlagen verlassen haben – und somit genau die gleiche falsche Antwort zu jeder Fragestellung gaben – äußerten genau so viel Zuversicht in Bezug auf ihre Schlussfolgerungen wie diejenigen, die jedes einzelne Problem richtig lösten.

Zum Beispiel waren diejenigen, die immer dachten, ein Ball würde einer kurvenreichen Strecke immer weiter folgen, nachdem er aus einer gebogenen Röhre gerollt war (nicht korrekt), nahezu genauso sicher wie diejenigen, die die richtige Antwort wussten (der Ball folgt einer geraden Strecke).

Verteidigen Sie sich

Also, wie trennen wir im Internet Wahres von Falschem?

Zuallererst: Nehmen Sie nicht an, dass Falschinformationen deutlich von richtigen Informationen zu trennen sind. Seien Sie vorsichtig. Falls die Angelegenheit wichtig ist, können Sie Ihre Suche vielleicht mit dem Internet beginnen,  beenden Sie sie nur nicht dort. Erwägen und berücksichtigen Sie andere Kompetenzquellen. Es gibt einen Grund dafür, dass Ihr Arzt das Medizinstudium über sich ergehen ließ, oder dafür, dass Ihr Finanzberater studiert hat, um diese Lizenz zu erwerben.

Zweitens, tun Sie nicht das, was Verschwörungstheoretiker in der Facebook-Studie getan haben. Sie verbreiten bereitwillig Geschichten, die sowieso schon zu ihrer Weltanschauung passen. Als solche praktizieren sie einen Hang zur Bestätigung, indem sie Beweisen Glauben schenken, die unterstützen, was sie schon vorher geglaubt haben. Als Folge haben sich die Verschwörungstheorien, die sie unterstützt haben, in Facebook-Gemeinschaften mit Gleichgesinnten eingegraben, die kaum ihren Wahrheitsgehalt in Frage gestellt haben.

Seien Sie stattdessen skeptisch. Psychologische Forschungen zeigen, dass Gruppen, die einen oder zwei ihrer Mitglieder dazu bestimmen, den Provokateur zu spielen – indem sie jegliche Schlussfolgerung infrage stellen, zu der die Gruppe neigt – zu besser durchdachten Entscheidungen von besserer Qualität beitragen.

Wenn sonst niemand da ist, zahlt es sich aus, Ihr eigener Provokateur zu sein. Glauben Sie nicht einfach, was das Internet zu sagen hat, sondern stellen Sie es infrage. Praktizieren Sie einen Hang zur Widerlegung. Falls Sie nach Informationen zu einem medizinischen Problem suchen, hören sie nicht bei der ersten Diagnose, die Ihnen richtig erscheint, auf. Suchen Sie nach alternativen Möglichkeiten.

Nach Gegenbeweisen suchen

Suchen Sie zusätzlich nach Möglichkeiten, nach denen diese Diagnose falsch sein könnte. Forschungen zeigen, dass „das Gegenteil annehmen“ – das aktive Nachfragen, auf welche Weise eine Schlussfolgerung falsch sein könnte – eine nützliche Übung dafür ist, unberechtigtes Vertrauen in eine Schlussfolgerung zu verringern.

Schließlich sollten Sie auf Mark Twain hören, der uns, laut dutzender verschiedener Websites gewarnt hat: „Seien Sie vorsichtig beim Lesen von Büchern über Gesundheit. Sie könnten wegen eines Tippfehlers sterben.“

Weise Worte, bis auf die Tatsache, dass eine etwas genauere Nachforschung genauere und besser recherchierte Quellen mit dem Beweis auftut, dass es nicht Mark Twain, sondern der deutsche Physiker Markus Herz war, der das sagte. Ich bin nicht überrascht; nach meiner Internet-Erfahrung habe ich gelernt, misstrauisch gegenüber Twain-Zitaten zu sein (bei Will Rogers ebenso). Er war ein brillanter Geist, aber er bekommt viel zu viel Anerkennung für gern zitierte geistreiche Bemerkungen.

Falsche und richtige Informationen ähneln sich oft furchtbar. Der Schlüssel zu einem informierten Leben mag es nicht so sehr erfordern, Informationen zu sammeln, als die Einfälle, die Sie bereits haben oder auf die Sie kürzlich gestoßen sind, zu hinterfragen. Das mag eine unangenehme Aufgabe sein und eine nicht endende obendrein, aber es ist die beste Art, sicherzustellen, dass ihr kluger geistiges Webmuster nur wahrer Farben zur Schau stellt.

Dieser Artikel erschien zuerst auf „The Conversation“ unter CC BY-ND 4.0. Übersetzung mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.


Image (adapted) „“Volunteer Duty“ Psychology Testing“ by Tim Sheerman-Chase (CC BY 2.0)


The Conversation

David Dunning

ist Professor für Psychologie an der Universität von Michigan. Seine Forschung konzentriert sich auf die Psychologie, die dem menschlichen Irrglauben zugrunde liegen. Seinen Doktor in Psychologie machte er im Jahre 1986 an der Universität Stanford.


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