All posts under Studien

CIOs als Avantgarde der Digitalisierung

Geschaeftsmann (adapted) (Image by Visual Hunt) (CC0 Public Domain) via Pexels

Während knapp zwei Drittel (63 Prozent) der Unternehmen ihre Technologiestrategie aufgrund der globalen Unsicherheit angepasst haben, halten 86 Prozent ihre Investitionen in Innovation aufrecht oder steigern sie, auch solche in digitale Arbeitskräfte. Fast ein Drittel (30 Prozent) investieren in flinkere Technologieplattformen, um ihre Organisation in Innovation und Erneuerung zu unterstützen. Das sind die Ergebnisse der diesjährigen internationalen Studie zu CIOs von Harvey Nash und KPMG.

Der Anteil der befragten Organisationen, die unternehmensweite digitale Strategien verfolgen, stieg in nur zwei Jahren um 36 Prozent, und die Anzahl der Organisationen, die einen Chief Digital Officer als Verantwortlichen für ihre IT-Infrastruktur haben, hat sich im vergangenen Jahr um 32 Prozent erhöht. „IT-Führungskräfte werden immer wichtiger, da CEOs und andere Führungsorgane sich an sie wenden, um bei der Navigation durch die Komplexität, die Bedrohungen und die Chancen in der digitalen Welt Unterstützung zu erfahren“, so Mark Hayes, Country Manager bei Harvey Nash.

Packt man Aufgaben hinzu, die sich aus der Erfahrungswelt der sozialen Netze speisen, aus Open Source-Projekten, Co-Kreation, freie Entwickler, Cloud-Belegschaften, dezentrale Szenarien, Data Science, Big Data-Analysen, maschinelles Lernen, Data Mining oder Computer Vision, merkt man sehr schnell, dass CIOs interdisziplinäre Fähigkeiten mitbringen müssen.

Brauchen Unternehmen neue CIOs?

„Unternehmen brauchen neue CIOs“, proklamiert daher Johannes Wiele in einem Fachbeitrag für den Sammelband „Führungsmanagement“, erschienen im Symposion-Verlag: „Externe Berater für Unternehmensanwendungen, Kommunikation und Sicherheit wissen in der Mehrzahl von CIOs zu berichten, die auf Trends lediglich reagieren und ihnen inzwischen geradezu nachlaufen. Ihre Anforderungen erhalten sie von den Fachabteilungen und dem Top-Management, die ihrerseits teils auf wirtschaftlichen, teils auf kulturellen Wandel reagieren oder die Veränderungen kreativ begleiten wollen, ohne dabei alle Implikationen für die Informationstechnik im Haus zu verstehen.“

Der rasante, meist vom Marketing getriebene Einstieg in die sozialen Netzwerke sei ein Paradebeispiel dafür, wie entkoppelt die CIOs und ihre IT-Abteilungen inzwischen von der realen Nutzung der IT-gestützten Kommunikationsmittel sind. Wiele fordert daher eine andere Einstellungspraxis: „Rein technisch ausgebildete IT-Fachleute können den Anforderungen nur genügen, wenn sie sich soziokulturell, medienwissenschaftlich und psychologisch weitergebildet haben. Quereinsteiger aus anderen Disziplinen als der Informatik verdienen Vertrauen, wenn sie sich ihrerseits technisches Wissen erarbeitet haben und mit Technikern zusammenarbeiten können.“

Warum steigen CIOs nicht in den Vorstand auf?

Es sei nicht verwunderlich, warum klassische CIOs in Unternehmen nur selten Vorstandsrang bekommen, meint der IT-Experte Lutz Martiny: „Der CIO versteht nur in Ausnahmefällen das Geschäft des Unternehmens und der CFO und die Vertreter der Eigentümer, die den CEO bestellen, verstehen in der Regel nicht genug von IT, Vernetzung, Social Media und ihren Möglichkeiten für das Geschäft.“

Aufgrund der Schnelllebigkeit des Marktes müsse der CIO in der Lage sein, sich abzeichnende Trends genauso wie Technologien, die keine Zukunft mehr haben, einstufen und beurteilen zu können. „Daneben sind stete Beobachtung des relevanten Marktes und die Fähigkeit zur Einschätzung langfristiger Entwicklungslinien für Investitionsentscheidungen, mit denen hohe Beträge auf lange Zeit festgelegt werden, unerlässlich. Der CIO muss die Möglichkeiten, die die Technologien eröffnen, nicht nur ahnen und beurteilen, er muss sie auch aktiv im Unternehmen umsetzen“, erläutert Martiny. Er benötige bereichsübergreifende Kompetenzen und sollte sich als Generalist positionieren. „Das bekräftigt die Forderung nach der Position eines CIO, der die technologische mit der betriebswirtschaftlich-unternehmerischen Seite verbindet.“

AI first-Strategien gefragt

Damit Unternehmen und CIOs zur Avantgarde der Digitalisierung aufsteigen, reicht es nach Ansicht von Axel Oppermann nicht mehr aus, „Cloud first, Mobile first“ zu proklamieren. „AI first“ ist gefragt. Heute müsse es um eine erweiternde Intelligenz gehen. Cloud und Mobile seien dann nur noch unterstützende Aktivitäten: „Automatisierung, Beschleunigung, Co-Existenz von Algorithmus und Mensch. Das Zusammenspiel von Mensch und Maschine, die Kompensation von Mensch durch Maschine. Substitutionseffekte durch neue Maschinen. Das sind die Themen, mit denen sich Unternehmenslenker, CIOs, Betriebsräte, aber auch IT-Pros beschäftigen müssen. Auf dieser Basis werden neue Geschäftsmodelle geboren; das ist die DNA der Zukunft“, schreibt Oppermann in einem CIO-Kurator-Beitrag. Der CIO stehe in der Pflicht, ein Umfeld für sich und das Unternehmen zu schaffen, das diese Anforderungen erfüllt. Das Notiz-Amt sieht hier einen gewaltigen Qualifizierungsbedarf.


Image (adapted) „Geschäftsmann“ by Virtual Hunt (CC0 Public Domain)


Weiterlesen »

Was Sie schon immer über Hypnose wissen wollten

Pendulum (adapted) (Image by innerwhispers [CC0 Public Domain], via Pixabay)

Manch einer behauptet, dass Hypnose nur ein Trick sei. Andere verorten sie am Rande des Übersinnlichen – eine mysteriöse Verwandlung von Menschen in hirnlose Roboter. Nun deckt eine Neubetrachtung einiger Studien zum Thema auf, dass es tatsächlich nichts von beidem ist. Hypnose ist möglicherweise lediglich ein Aspekt normalen menschlichen Verhaltens.

Hypnose weist auf eine Reihe an Vorgängen hin, die eine Einweisung beinhalten – man kann sich auf ein Objekt fixieren, sich besonders entspannen oder sich etwas Bestimmtes ganz aktiv vorstellen – gefolgt von einem oder mehreren Vorschlägen, wie beispielsweise „Du wirst nicht in der Lage sein, deinen Arm zu bewegen“. Das Ziel der Induktion ist es, im Inneren der Teilnehmer einen Geisteszustand herbeizuführen, in dem sich diese auf die Instruktionen eines Experimentleiters oder Therapeuten konzentrieren und nicht von alltäglichen Sachen abgelenkt sind. Teilnehmer berichten oft davon, dass ihre Antworten automatisch folgen und sie keine Kontrolle über sich zu haben scheinen. Das ist ein Grund, wieso Hypnose für Wissenschaftler so interessant ist.

Die meisten Induktionen produzieren gleichwertige Effekte. Aber Induktionen sind tatsächlich nicht wirklich wichtig. Überraschenderweise hängt der Erfolg der Hypnose nicht von speziellen Fähigkeiten des Hypnotiseurs ab – auch wenn die Bildung eines harmonischen Verhältnisses in einem therapeutischen Zusammenhang sicherlich wertvoll ist. Vielmehr liegt der Hauptfaktor für eine erfolgreiche Hypnose in dem Grad der „hypnotischen Beeinflussbarkeit“. Dies ist der Begriff, der beschreibt, wie beeinflussbar wir in Bezug auf Vorschläge sind. Wir wissen, dass die hypnotische Beeinflussbarkeit sich über die Zeit hinweg nicht verändert und vererbbar ist. Wissenschaftler haben sogar herausgefunden, dass Menschen mit bestimmten Gen-Varianten eher beeinflussbar sind als andere.

Die meisten Menschen sind nur mittelmäßig für Hypnose empfänglich. Das bedeutet, dass sie als Reaktion auf hypnotische Beeinflussungen deutliche Verhaltensänderungen durchleben. Dagegen ist ein kleiner Prozentsatz (etwa 10 bis 15 Prozent) der Menschen überwiegend nicht beeinflussbar. Der Großteil der Forschung im Bereich der Hypnose konzentriert sich jedoch auf die kleine Gruppe (10 bis15 Prozent), die am ehesten beeinflussbar sind.

Innerhalb dieser Gruppe kann Hypnose dafür genutzt werden, um Gefühle des Schmerzes zu unterbinden oder um Halluzinationen und Amnesie herbeizuführen. Untersuchungen von Gehirnscans haben aufgedeckt, dass diese Menschen die Reaktion nicht nur vorspielen. Das Gehirn reagiert anders auf Beeinflussung durch Hypnose als wenn sie dieselben Reaktionen nur vorspielen oder sich vorstellen.

Eines der spärlichen Forschungsergebnisse hat gezeigt, dass der präfrontale Cortex der höchst beeinflussbaren Menschen sehr ungewöhnlich funktioniert und reagiert. Hierbei handelt es sich um eine Hirnregion, die bezüglich psychologischen Funktionen, wie der Handlungsfähigkeit und der Überwachung des Geisteszustands, eine wesentliche Rolle spielt.

Es gibt ebenso Hinweise darauf, dass höchst beeinflussbare Menschen bei kognitiven Aufgaben, die vom präfrontalen Cortex abhängen, wie beispielsweise das Erinnerungsvermögen schlechter abschneiden. Diese Ergebnisse werden jedoch aufgrund der Möglichkeit, dass es möglicherweise verschiedene Subtypen innerhalb der hoch beeinflussbaren Menschen gibt, verkompliziert. Diese neurokognitiven Differenzen mögen uns einen Einblick darin bieten, wie die besonders beeinflussbaren Menschen auf Vorschläge reagieren: Sie sind vielleicht reaktiver, weil sie sich weniger über die zugrunde liegenden Absichten ihrer Reaktionen bewusst sind.

Wenn beispielsweise der Vorschlag gemacht wird, keinen Schmerz zu spüren, können sie den Schmerz unterdrücken – sie sind sich jedoch über ihre Absicht, dass sie hierzu in der Lage sind, nicht bewusst. Dies mag ebenso erklären warum die Erfahrungen außerhalb ihrer Kontrolle stattfinden. Studien zu Neuroimaging haben diese Hypothese noch nicht verifiziert, jedoch scheint die Veränderung der Hirnregionen, die in der Überwachung des Geisteszustandes, der Selbstwahrnehmung und verwandten Funktionen verwickelt sind, innerhalb des Hypnosezustands zu geschehen.

Auch wenn die Effekte der Hypnose zunächst unmöglich klingen, wird der dramatische Einfluss von Überzeugungen und Erwartungen auf die menschliche Wahrnehmung nun weitestgehend akzeptiert. Tatsächlich ähnelt dies sehr dem Placebo-Effekt, bei dem ein Medikament ohne Wirkstoff oder eine therapeutische Behandlung nur deswegen angewandt wird, weil der Patient an die Wirkung glaubt. Vor diesem Hintergrund scheint Hypnose vielleicht doch nicht so bizarr zu sein. Scheinbar sensationelle Reaktionen auf Hypnose mögen nur markante Vorfälle der Kräfte von Beeinflussbarkeit und Überzeugungen sein und das Ziel haben, unsere Wahrnehmung und unser Verhalten zu steuern. Unsere Erwartungen, was passieren wird, werden letztlich genau dem entsprechen, was wir erleben.

Für eine Hypnose benötigt man die Zustimmung des Teilnehmers oder Patienten. Im Gegensatz zu Vermutung der Popkultur kann niemand gegen seinen Willen hypnotisiert werden – und es gibt keine Hinweise darauf, dass man dazu gebracht werden kann, unmoralische Handlungen gegen den eigenen Willen auszuführen.

Hypnose als medizinische Behandlung

Meta-Analysen sowie Studien, die Daten vieler Untersuchungen zu einem bestimmten Thema zusammengetragen haben, haben gezeigt, dass Hypnose sehr gut funktioniert, wenn es um die Behandlung verschiedener Krankheiten geht. Hierzu zählen beispielsweise das Reizdarmsyndrom oder chronische Schmerzen. Geht es um andere Probleme, denen man sich entledigen will, wie Rauchen, Angstzustände oder auch einer posttraumatische Belastungsstörung, gibt es weniger eindeutige Ergebnisse – vor allem, weil hier zuverlässige Daten fehlen.

Auch wenn Hypnose bezüglich verschiedener Krankheiten und Symptome einen wertvollen Beitrag leisten kann, ist sie kein Allheilmittel. Wer dennoch über Hypnotherapie nachdenkt, sollte dies nur in Verbindung mit einer geschulten Fachkraft tun. Leider kann in manchen Ländern, wie beispielsweise in Großbritannien, jeder als Hypnotherapeut arbeiten. Allerdings sollte jeder, der Hypnose in einem klinischen oder therapeutischen Zusammenhang verwendet, eine Ausbildung in der jeweiligen Disziplin, wie beispielsweise klinische Psychologie, Medizin oder Zahnmedizin erhalten, um sicherzustellen, dass man über ausreichende Kenntnisse auf dem Gebiet verfügt.

Wir glauben, dass Hypnose wahrscheinlich durch eine komplexe Interaktion zwischen neuropsychologischen und psychologischen Faktoren zustande kommt – manche wirken, wie hier beschrieben, andere sind eher unbekannt. Es scheint, dass diese von Mensch zu Mensch unterschiedlich sind.

Während die Wissenschaft in ihren Erkenntnissen voranschreitet, wird zugleich immer deutlicher, dass dieses faszinierende Phänomen das Potential besitzt, uns einzigartige Einsichten zu geben, wie das menschliche Hirn funktioniert. Dies beinhaltet grundlegende Aspekte der menschlichen Natur, beispielsweise wie unsere Glaubensvorstellungen unsere Wahrnehmung der Welt beeinflussen, und wie wir die Kontrolle über unsere Handlungen erleben.

Dieser Artikel erschien zuerst auf „The Conversation“ unter CC BY-ND 4.0. Übersetzung mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.


Image (adapted) „Pendulum“ by innerwhispers (CC0 Public Domain)


Weiterlesen »

Eltern und Roboter-Babys: Neues über die Eltern-Kind-Bindung

Angeregt durch die schrumpfende Bevölkerung hat sich in Japan ein neuer Trend entwickelt, bei dem mechanische Babys dazu genutzt werden, Paare dazu zu ermutigen, sozusagen „Eltern“ zu werden. Die verschiedenen Herangehensweisen unterscheiden sich sehr voneinander und werden durch unterschiedliche Geisteshaltungen angetrieben, die auch einige Fragen aufwerfen – wie nicht zuletzt, ob diese Roboter-Babys das Ziel erreichen, für das ihre Entwickler sie konstruiert haben.

Um all dies zu verstehen, lohnt es sich, die Gründe hinter dem so dringend beworbenen  Bevölkerungswachstum in Japan zu erforschen. Das Problem stellt die unverhältnismäßige Zahl alter Menschen dar. Laut Prognosen der UN sollen im Jahr 2050 mehr als doppelt so viele Japaner über 70 Jahre alt sein als es 15- bis 30jährige geben wird.  Dies wird auf eine Reihe von Faktoren zurückgeführt, unter Anderem auf die sogenannten Parasiten-Singles, außerdem auf immer mehr unverheiratete Frauen sowie auf einen Mangel an Einwanderung.

Was sind also die verschiedenen Herangehensweisen, um mehr Menschen die Elternschaft schmackhaft zu machen? Man preschte mit verschiedenen Lösungen vor: Angefangen bei Robotern, die ein Baby oder dessen Verhaltensweisen nachahmen bis zu Robotern, die ziemlich lebensecht aussehen. Bei Toyota haben die Ingenieure kürzlich den Kirobo Mini auf den Markt gebracht. Der Roboter soll eine Maßnahme sein, die emotionale Reaktion des Menschen hervorzuheben. Der Roboter sieht nicht aus wie ein Baby, aber er verhält sich so „hilflos“ wie ein baby. Beispielsweise erkennt und reagiert er auf Menschen in einer hohen Tonlage und bewegt sich tapsig und unsicher, eben wie ein echtes Baby.

Am anderen Ende des Spektrums steht Yotaro, ein motorgetriebener Baby-Simulator, der eine Projektionsfläche für den Gesichtsbereich hat, sodass Emotionen und Gesichtsausdrücke angezeigt werden können. Der Simulator reagiert, wenn er berührt wird und kann verschiedene Stimmungen darstellen. Mithilfe einer Schniefnase kann er sogar so tun, als sei er krank.

Ermutigend oder abschreckend?

Die Befunde der Vergangenheit suggerieren möglicherweise, dass man das Bevölkerungswachstum fördern könnte, wenn man Paaren mechanische Baby-Simulatoren gibt. Vor kurzem wurden Experimente mit Roboter-Babys und Jugendlichen durchgeführt. In den USA und in Australien hat man unter anderem herausgefunden, dass sie trotz der Überprüfung der Babys getestet wurden, um vor Schwangerschaften in der Jugend zu warnen. Die Roboter haben diese Umstände in der Gruppe, der die mechanischen Babys zugeteilt wurden, im Vergleich zur Kontrollgruppe erhöht. Dennoch wäre es zu einfach, zu sagen, dass es bei allen Nutzern von Roboter-Babys dasselbe Ergebnis wäre. Sowohl das Alter als auch kulturelle Unterschiede spielen beim Ausgang eine wichtige Rolle.

Genauso wie darauf abgezielt wird, ein Bevölkerungswachstum zu bewerben, zielen Forscher auch darauf ab, junge Paare auf die längerfristigen Bedürfnisse eines heranwachsenden Babys vorzubereiten. Man entwickelte eigens Roboter, die Kinder in verschiedenen Altersgruppen repräsentieren sollten, vom „neun Monate alten Noby“ zum „zwei Jahre alten“ Kleinkindern, wie des CB2 (obwohl letzterer das Ergebnis einer Forschung ist, die die Entwicklung eines biometrischen Körpers erforschte).

Während ein deutlicher Fokus darauf gelegt wurde, was in einen Baby-Roboter gelangt, gibt es potenzielle emotionale Probleme für die „Eltern“. Es gab eine nicht geringe Anzahl an Studien, die die Beziehung zwischen Mensch und Roboter untersuchten. Forscher haben entdeckt, dass ein hoher Grad an Bindung zwischen beiden entstehen kann, wenn die Maschine ein sozialer Roboter ist, der über ein menschenähnliches Aussehen verfügt oder menschenähnliche Verhaltensweisen an den Tag legt.

Es gibt einige interessante Vorsichtsmaßnahmen zu dieser Faustregel, wie zum Beispiel das sogenannte verblüffende Tal, das Mashiro Mori ermittelt hat. Es zeigt auf, dass es eine Reihe an realistischen menschlichen Eigenschaften gibt, die Menschen eher abstoßend als anziehend finden.

Momentan ist die Entwicklung recht einseitig, wenn man schlichtweg menschliche Eigenschaften auf den Roboter projiziert. Aber es gibt zurzeit einige Projekte, bei denen Roboter entwickelt werden, die sich die Techniken der künstlichen Intelligenz zu Nutze machen, sodass sie ihre eigene Beziehung zu den Menschen formen können.

Dies führt dann zu den ethischen Fragen nach der angebrachten Verwendung von Robotern. Moralisten fragen sich und uns, ob der Einsatz eines Roboters innerhalb eines speziellen Gebiets akzeptabel ist und auch, ob sich der Roboter selbst moralisch korrekt verhält. Die Roboter-Babys betreffend, sind bereits jetzt eine Reihe an Problemen aufgetaucht. Sollte es den „Eltern“ beispielsweise gestattet sein, sich die Eigenschaften ihres Roboters auszusuchen? Sollten Eltern vielleicht therapiert werden, wenn sie ihr Roboter-Baby abgeben? Und soll das „Baby“ später auf die gleiche Weise von jemand anderem verwendet werden?

Diese Probleme werden möglicherweise während der gesamten Lebensspanne des „Kindes“ immer wieder auftauchen. Wenn ein Punkt erreicht wird, an dem Eltern ihr Roboter-Baby aufgrund von Defekten gegen ein anderes austauschen müssen oder weil sie zum Beispiel ein älteres „Kind“ möchten, wie wird dann die emotionale Bindung zum ersten „Kind“ auf den Ersatz übergehen, wenn man bedenkt, dass diese Maschine dieselbe „Person“ darstellen soll?

In praktischer Hinsicht wäre dies vielleicht durch Software-Updates möglich, ähnlich wie die heutigen Updates bei Smartphones – oder indem man Komponenten verpflanzt, um zu ermöglichen, dass das sich entwickelnde „Kind“ Charakteristiken und Erinnerungen beibehält, ähnlich wie beim Austausch einer Festplatte in einem Computer.

Doch selbst wenn man Asimovs drei Gesetze der Robotik berücksichtigt, wird es problematisch, abhängig von der Interpretation dieser Gesetze. Zum Beispiel sagt das erste Gesetz aus, dass ein Roboter einem menschlichen Wesen nicht schaden soll. Was ist, wenn man Schaden auf emotionaler oder psychologischer Ebene betrachtet? Man könnte argumentieren, dass einem Menschen möglicherweise als ein Resultat der Aktionen des Roboters Schaden zugefügt wird, wenn er eine Bindung zu einem Roboter-Baby aufbaut .

Im Allgemeinen wirft die Nutzung sozialer Roboter viele Probleme auf, sowohl in ethischer als auch in technischer Hinsicht. Die sinkenden Geburtenraten sind tatsächlich ein echtes Problem, das zudem immer mehr zunimmt. Roboter-Babys werden vielleicht auch nicht die Lösung sein, aber eventuell könnten sie zu Forschungen führen, die ein besseres Verständnis und einen Einblick in das Problem der sinkenden Geburtenrate ermöglichen.

 

Dieser Artikel erschien zuerst auf „The Conversation“ unter CC BY-ND 4.0. Übersetzung mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.


Image „partner“ by ThomasWolter (CCO Public Domain)


Weiterlesen »

Ticken Entrepreneure anders?

lisbon-image-by-stefy-89-cc0-public-domain-via-pixabay

Was haben Entrepreneure, was andere Menschen nicht haben? Diese Frage fasziniert seit jeher die Finanzwelt und die Wissenschaft gleichermaßen. Was treibt jemanden an, völlig neue Wege zu gehen? Und wie schaffen es diese kreativen Denker, nicht nur neue Produkte auf den Markt zu bringen, sondern damit unsere Gesellschaft zu verändern?

Geschäftsmänner wollen Gewinne machen, Entrepreneure die Welt verändern

Entrepreneure ticken einfach anders. Das ist die einfache Antwort auf all diese Fragen. Dabei muss man zunächst den Entrepreneur, Gründer oder Unternehmer vom klassischen Geschäftsmann unterscheiden. Denn nicht jeder Mensch, der ein Unternehmen hat, ist auch automatisch ein Entrepreneur. Viele von ihnen sind schlicht und einfach Geschäftsleute. Ein Geschäftsmann will Geld verdienen. Ein Unternehmer dagegen möchte Dinge fundamental verändern. Während Manager etwa eine klare Zielvorgabe haben – nämlich Gewinne maximieren – definieren Unternehmer ihre Ziele selbst, in Form von vielen Möglichkeiten.

Unternehmerisches Denken vs. Geschäftssinn
Unternehmerisches Denken vs. Geschäftssinn via Effectuation.org (Quelle:Effectuation.org)

Diese Grafik zeigt, wie Entrepreneure sich von anderen Menschen unterscheiden. Sie denken nicht in Zielsetzungen, sondern in Problemstellungen. Wissenschaftler nennen dieses Mindset auch Effectuation.

Dieser Begriff ist vornehmlich von Saras D. Sarasvathys bahnbrechender Forschungsarbeit zum unternehmerischen Denken geprägt. Nach Sarasvathy wird den meisten von uns beigebracht, kausal-rational zu denken. Das bedeutet: Es gibt ein Ziel und verschiedene Wege, um zum Ziel zu gelangen. Wir lernen unser Leben lang, den optimalen – also den schnellsten, billigsten, effizientesten – Weg zum Ziel zu finden. Unternehmer wiederum ticken ganz anders. Sie werden oft von Idealismus angetrieben. Geldverdienen steht für sie oft erst an zweiter Stelle. Das erlaubt es ihnen auch, um die Ecke zu denken. Das ist es was Sarasvathy „Effectuation“ nennt. Die Society for Effectual Action definiert den Begriff folgendermaßen: „Effectuation ist eine Idee mit Zielstrebigkeit – ein Wunsch, durch die Schaffung von neuen Firmen, Produkten, Märkten, Dienstleistungen und Ideen, den Zustand der Welt und das Leben von Individuen zu verbessern.“

Vorsicht vorm Klischee „Entrepreneur“

Es braucht also einen ganz bestimmten Typ Mensch für solch unternehmerisches Denken. Effectuation ist dabei nicht alles, was einen Entrepreneur ausmacht. Studien haben gezeigt, dass Entrepreneure generell offener, selbstbewusster aber auch neurotischer sind als Otto Normalverbraucher.

Psychologischer Vergleich Entrepreneure vs. Angestellte.(Quelle: Barclays (PDF))
Psychologischer Vergleich Entrepreneure vs. Angestellte.(Quelle: Barclays (PDF))

Auch wenn es natürlich nicht DEN Entrepreneur gibt und Wissenschaftler immer wieder davor warnen, das Klischee des risikobereiten, kreativen, ehrgeizigen Unternehmers zu verbreiten, scheint es trotzdem etwas zu geben, das Forscher an Entrepreneuren fasziniert. Vielleicht liegt das gerade daran, dass Unternehmer anders denken, wir aber immer noch nicht ganz verstehen, warum. Das erklärt wahrscheinlich auch, warum es so viele oft auch widersprüchliche Studien zu diesem Thema gibt.

Neue Studie zeigt: Entrepreneure haben „kundschaftlerische Hartnäckigkeit“

Eine neue Studie der Universität Trier versucht, darauf neue Antworten zu geben. In ihrer Arbeit legen die Forscher nahe, dass es grundlegende psychologische Unterschiede zwischen Entrepreneuren und anderen Menschen gibt. In einem Experiment mit knapp 450 Teilnehmern konnten sie feststellen, dass Gründern so etwas wie eine kundschaflterische Hartnäckigkeit inneliegt. Die Forscher nennen dies „exploratory perseverence“ und meinen damit eine grundlegende Offenheit beim Treffen von Entscheidungen. Diese „exploratory perserverence“ ist nach Meinung der Forscher eine grundlegende Eigenschaft von Unternehmern.

In ihrem Versuch zeigen die Wissenschaftler, dass Entrepreneure ihre ganz eigene Art haben, Entscheidungen zu treffen. Das gilt nicht nur für Geschäftsentscheidungen, sondern grundsätzlich. Damit zeigen die Forscher, dass Entrepreneure tatsächlich psychologisch anders gestrickt sind.

Zunächst brauchen sie oft viel länger, um sich zu entscheiden. Das liegt daran, dass Unternehmer gerne erst alle Fakten, Statistiken und Informationen sehen und abwägen möchten, bevor sie einen bestimmten Weg einschlagen. Gleichzeitig ist ihnen dabei auch klar, dass jede Entscheidung auch schief gehen kann. Der Studie nach haben Unternehmer für Fehlentscheidungen eine höhere Toleranz als andere Menschen. Das liegt laut Forschungsteam auch daran, dass Entrepreneure dieses Scheitern eher als Lernprozess begreifen und sie auch daraus wertvolle Informationen für zukünftige Geschäftsentscheidungen ziehen können.

So waren die Unternehmer in der Studie bereit, auch offensichtlich fehlerhafte Entscheidungen länger zu verfolgen. Während also ein typischer Mensch bei einer Fehlentscheidung schnell einen neuen Kurs einschlägt, warten Entrepreneure länger ab und schauen, wohin dieser fehlerhafte Kurs eigentlich führt.

Ein weiteres interessantes Ergebnis der Studie: Entrepreneure haben oft das Gesamtbild im Kopf. Sie denken bei Lösungswegen eher parallel als linear. Das heißt: Wenn es eine Auswahl an mehreren Optionen gibt, sind Unternehmer eher bereit, mehrere dieser Optionen zu betrachten und sie dabei auch immer wieder aus neuen Blickwinkeln zu prüfen. Denn es könnte ja sein, dass ihnen beim ersten Mal etwas entgangen ist. So sind Entrepreneure auch eher bereit, gescheiterten Ideen eine zweite Chance zu geben.

Auch wenn es also keinen typischen Entrepreneur gibt, Gründer ticken offensichtlich anders. Ihre Form zu denken ist nicht geradlinig und selten nur an finanziellen Ergebnissen orientiert. Sie sind im Grunde Idealisten mit einem riesigen Tatendrang. Während es also in vorigen Jahrhunderten oft die Entdecker waren, die uns neue Wege aufzeigten, sind vielleicht die Entrepreneure die Weltveränderer des 21. Jahrhunderts.


Image „Lissabon“ by stefy89 (CC0 Public Domain)


Weiterlesen »

Wie Personifizierung unsere Identität verändern kann

identitaet(image by TheDigitalWay[CC0 Public Domain] via Pixabay)

Wo auch immer wir online gehen, versucht jemand, unsere Weberfahrung zu personifizieren. Unsere Vorlieben werden vorweggenommen, unsere Absichten und Motivationen vorhergesagt. Der Toaster, den man sich vor drei Monaten kurz angeschaut hat, taucht immer wieder auf und geistert im Browser bei den Anzeigen in der Seitenleiste herum, die speziell auf uns angepasst wurden.

Und das passiert nicht nur auf diese Weise. Tatsächlich beeinflussen die ziemlich unpersönlichen Mechanismen mancher Personifizierungs-Systeme womöglich nicht, wie wir die Welt sehen, sondern wie wir uns selbst sehen.

Es passiert allen von uns, jeden Tag, wenn wir online sind. Der News-Feed auf Facebook versucht, speziell angepasste Inhalte zu liefern, die den individuellen Benutzer am meisten interessieren. Die Empfehlungsmaschine auf Amazon nutzt persönliche Datenverfolgung, kombiniert mit anderen Surfgewohnheiten der Benutzer, um relevante Produkte vorzuschlagen.

Google passt Suchergebnisse an und noch viel mehr: die Personifizierungs-App Google Now versucht zum Beispiel „uns die Informationen zu geben, die wir im Verlauf des Tages brauchen, bevor wir überhaupt danach fragen“. Solche Personifizierungs-Systeme zielen nicht einfach nur darauf ab, den Benutzern Relevanz zu liefern – mit Hilfe von genau geplanten Marketingstrategien erzielen sie durch viele der kostenlosen Webservice-Angebote auch Profit.

Die vielleicht bekannteste Kritik dieses Prozesses ist die sogenannte Bubblefilter-Theorie. Vorgeschlagen durch den Internet-Aktivisten Eli Pariser legt diese Theorie nahe, dass Personifizierung die Web-Erfahrung der Nutzer negativ beeinflussen kann.

Statt sich mit universellen und verschiedensten Inhalten auseinandersetzen zu müssen, wird den Nutzern über Algorithmen Material geliefert, dass zu ihren zuvor bestehenden, selbstbestätigenden Ansichten passt. Der Bubblefilter stellt deshalb ein Problem für das demokratische Engagement dar: indem man den Zugang zu herausfordernden und variierenden Ansichten einschränkt, sind Nutzer nicht dazu in der Lage, an kollektiven und kundigen Debatten teilzuhaben.

Versuche, Beweise für den Bubblefilter zu finden, haben unterschiedliche Resultate erzielt. Einige Studien haben gezeigt, dass Personifizierung in der Tat zu einer ‚kurzsichtigen‘ Ansicht zu einem bestimmten Thema führen kann. Andere Studien haben herausgefunden, dass Personifizierung in verschiedenen Kontexten sogar dabei helfen kann, gemeinsame und unterschiedliche Inhalte zu entdecken.

Meine Forschung suggeriert, dass die Personifizierung nicht einfach beeinflusst, wie wir die Welt sehen, sondern wie wir uns selbst sehen. Zusätzlich kann der Einfluss, den die Personifizierung auf unsere Persönlichkeit hat, möglicherweise nicht auf Bubblefilter des Verbrauchs zurückgeführt werden, sondern auf die Tatsache, dass Online-Personifizierung in einigen Fällen überhaupt nicht ‚persönlich‘ zugeschnitten ist.

Datenverfolgung und die Vorversorgung der Nutzer

Um dies zu verstehen, ist es sinnvoll, zu bedenken, wie Online-Personifizierung erreicht wird. Obwohl Personifizierungs-Systeme unsere individuellen Bewegungen im Web zurückverfolgen, sind sie nicht dafür geschaffen, unsere Identität als Individuum zu ‚kennen‘. Stattdessen sammeln diese Systeme die Echtzeit-Bewegungen der Nutzerin riesigen Datensätzen und suchen nach Mustern und Übereinstimmungen zwischen den unterschiedlichen Nutzerbewegungen.

Die gefundenen Muster und Übereinstimmungen werden dann in Identitätskategorien übersetzt, die wir möglicherweise wiedererkennen (wie zum Beispiel Alter, Geschlecht, Sprache und Interessen) und in die wir möglicherweise passen könnten. Da man sich die Massenmuster anschaut, um relevante Inhalte für eine jeweilige Person zu finden, basiert Personifizierung tatsächlich auf einem eher unpersönlichen Prozess.

Als die Bubblefilter-Theorie erstmals im Jahr 2011 auftauchte, argumentierte Pariser, dass eines der größten Probleme mit Personifizierung die Tatsache wäre, dass die Nutzer gar nicht wissen, das diese passiert. Heutzutage sind sich viele der Nutzer, trotz der Einsprüche gegen die Datenverfolgung, bewusst darüber, dass sie verfolgt werden. Sie erhalte im Gegenzug kostenlose Dienstleistungen. Ihnen ist bewusst, dass diese Verfolgung eine Form der Personifizierung ist. Weniger klar sind hingegen die Einzelheiten, wann und wie wir verfolgt werden und was die Personifizierung für uns bedeutet.

Das „Persönliche“ finden

Meine Forschungen suggerieren, dass manche Nutzer vermuten, dass ihre Erfahrungen auf sehr komplexe Weise personifiziert werden. In einer tiefergehenden qualitativen Studie mit 36 Internetnutzern, bei der sie Werbung für Produkte zur Gewichtsabnahme auf Facebook sahen, berichteten einige weibliche Nutzer, dass sie vermuten, Facebook würde sie als übergewichtig oder zumindest als gesundheitsbewusst einstufen.

Tatsächlich wurden diese Gewichtsabnahme-Werbungen generisch allen Frauen im Alter von 24 bis 30 gezeigt. Dennoch können solche zugeschnittenen Werbungen einen schädlichen Einfluss darauf haben, wie die Benutzer sich selbst sehen, da diese über die unpersönliche Natur mancher Personifizierungs-Systeme nicht Bescheid wissen. Um es etwas flapsig auszudrücken: Man muss übergewichtig sein, weil Facebook bestimmt, dass man es ist.

Nicht nur angepasste Werbungen können diesen Effekt erzielen: in einer ethnographischen und längslaufenden Studie, die mit ein paar 18- und 19-jährigen Google-Now-Nutzern durchgeführt wurde, fand ich heraus, dass manche Teilnehmer annahmen, dass die App zu einer Personifizierung bis zu einem außerordentlich hohen Grad fähig wäre. Die Nutzer berichteten, dass sie glaubten, Google Now würde ihnen deshalb Aktienkurse zeigen, weil Google weiß, dass ihre Eltern Aktien besitzen oder dass Google (fälschlicherweise) ein Wort wie „pendeln“ in „arbeiten“ geändert hätte, weil die Teilnehmer einmal auf ihren YouTube-Konten gelogen hatten und angegeben hatten, dass sie nicht mehr im Schulalter seien.

Selbstverständlich muss nicht noch zusätzlich erwähnt werden, dass diese kleine Studie nicht sämtliche Google Now-Nutzer repräsentiert. Doch sie suggeriert durchaus, dass für diese Individuen die versprochenen Voraussagen von Google Now beinahe unfehlbar waren. Tatsächlich legen Kritiken des nutzerorientierten Designs nahe, dass die eigentlichen Schlussfolgerungen von Google sehr viel unpersönlicher sind: Google Now nimmt an, dass ihr idealer Nutzer ein gewisses Interesse an Aktien hat – oder zumindest haben sollte – und dass alle Nutzer erwerbstätig sind und pendeln.

Solche Kritiken heben hervor, dass es diese Vermutungen sind, die zu großen Teilen den Rahmen für die Personifizierung Googles strukturieren (zum Beispiel durch die Festhaltung der App an vorgefertigten Karten-Kategorien, wie etwa ‚Sport‘, die während meiner Studie den Nutzern lediglich erlaubte, Männer-Fußballclubs statt Frauen-Fußballclubs in Großbritannien zu folgen).

Statt die Annahmen der App in Frage zu stellen, legt meine Studie dennoch nahe, dass die Teilnehmer sich selbst außerhalb der erwarteten Norm platzierten: sie vertrauten Google, dass es ihnen sagen würde, wie ihre persönlichen Erfahrungen auszusehen haben. Obwohl dies möglicherweise wie extreme Beispiele für unpersönliche algorithmische Schlussfolgerungen scheint, ist die Tatsache, dass wir nicht sicher sein können, was Personifizierung ist und wie und wann sie stattfindet, das größere Problem.

Für mich heben diese Aussagen der Nutzer hervor, dass das Anpassen der Online-Inhalte Auswirkungen hat, die über die Schädlichkeit für die Demokratie hinausreichen. Wenn wir nicht damit anfangen, zu verstehen, dass Personifizierung manchmal über höchst unpersönliche Programmiergerüste operieren kann, könnten wir eventuell zu viel Hoffnung darin setzten, dass uns die Personifizierung sagt, wie wir uns verhalten sollen und wer wir sein sollen – statt andersherum.

Dieser Artikel erschien zuerst auf „The Conversation“ unter CC BY-ND 4.0. Übersetzung mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.


Image ”Identität” by TheDigitalWay (CC0 Public Domain)


Weiterlesen »

Algorithmen können fairer sein als Menschen

code(image by geralt [CC0 Public Domain] via Pixabay)

Amazon hat kürzlich damit angefangen, Lieferungen am selben Tag in ausgewählten großstädtischen Gegenden anzubieten. Das mag für viele Kunden gut sein, doch die Markteinführung zeigt auch, wie computerisierte Entscheidungsfindung eine hohes Maß an Diskriminierung fördern kann.

Sinnvollerweise begann die Firma mit ihrem Service in Gegenden, in denen die Lieferkosten am niedrigsten waren, indem sie die Postleitzahlen von dicht besiedelten Orten sowie die Anzahl existierender Amazonkunden ermittelten, deren Einkommensniveau hoch genug war, um regelmäßig Produkte, für die Lieferung am selben Tag verfügbar waren, zu erwerben. Die Firma gab eine Internetseite an, auf der Kunden ihre Postleitzahl eingeben konnten, um zu sehen, ob eine Lieferung am selben Tag bei ihnen möglich wäre. Enthüllungsjournalisten bei den Bloomberg News nutzten diese Seite zur Erstellung einer Karte, die die Gegenden mit dem Amazon-Lieferangebot am selben Tag zeigt.

Die Bloomberg-Analyse zeigte, dass viele ärmere, städtische Gegenden von diesem Service ausgeschlossen waren, während in wohlhabenderen Nachbarschaften dieser Service angeboten wurde. Viele dieser ausgeschlossenen armen Gegenden wurden vorwiegend von Minderheiten bewohnt. Beispielsweise wurde in Boston das komplette Stadtgebiet abgedeckt – bis auf den Bezirk Roxbury. Der Service deckte in New York City beinahe sämtliche Bezirke ab, während die Bronx außen vor blieb. In Chicago wurde die verarmte South Side ausgelassen, während die wohlhabenderen nördlichen und westlichen Vorstädte mit einbezogen wurden.

Man ist versucht, zu denken, dass datenbasierte Entscheidungen unvoreingenommen sind. Jedoch zeigen Forschung und wissenschaftliche Diskussionen nach und nach, dass Unfairness und Diskriminierung bestehen bleiben. In meinem Onlinekurs zu Datenethik lernen die Studenten, dass Algorithmen diskriminieren können. Allerdings gibt es einen Silberstreif am Horizont: Wie auch die Bloomberg-Studie zeigt, kann es die Tatsache, die Entscheidungsfindung auf Daten zu gründen, auch einfacher machen, aufkommende Vorurteile zu entdecken.

Voreingenommenheit kann unbeabsichtigt sein

Unfaire Szenarios, wie bei der Lieferpolitik von Amazon, können aus vielen Gründen entstehen, inklusive versteckter Verzerrungen – beispielsweise der Annahme, dass die Bevölkerung einheitlich über die Stadt verteilt ist. Die Entwickler von Algorithmen haben wahrscheinlich nicht die Absicht, zu diskriminieren, und merken es möglicherweise gar nicht, dass sich ein Problem eingeschlichen hat.

Amazon erklärte Bloomberg, dass man keine diskriminierenden Absichten verfolgte, und alles spricht dafür, dass diese Aussage wahr ist. Als Antwort auf den Bloomberg-Bericht haben Stadtbeamte und andere Politiker Amazon dazu aufgerufen, dieses Problem zu beheben. Die Firma reagierte schnell darauf und fügte die ehemals ausgeschlossenen ärmeren städtischen Postleitzahlen zu ihren vom Service abgedeckten Gegenden hinzu.

Eine ähnliche Frage hat sich bei Uber gestellt. Hier sah es zunächst so aus, dass in Gegenden, die eher von einer weißen Bevölkerung bewohnt wurde, ein  besserer Service angeboten wurde. Es ist wahrscheinlich, dass noch mehr Einzelhandel- und Serviceindustriebeispiele in Zukunft gefunden werden, die unabsichtlich durch Algorithmen diskriminieren.

Wird von den Algorithmen zu viel verlangt?

Wir sollten einen Moment innehalten, um zu prüfen, ob wir übermäßige Ansprüche an die Entscheidungen von Algorithmen stellen. Firmen, die stationär arbeiten, treffen ständig standortbezogene Entscheidungen und beziehen dabei Kriterien ein, die sich nicht allzu sehr von denen Amazons unterscheiden. Solche Filialen versuchen, Standorte zu finden, die für eine große Menge potenzieller Kunden mit Geld zum Ausgeben in Frage kommen.

Konsequenterweise entscheiden sich nur wenige Geschäfte dafür, sich in ärmeren innerstädtischen Nachbarschaften niederzulassen. Vor allem im Zusammenhang mit Lebensmittelgeschäften ist dieses Phänomen ausführlich erforscht worden, und der Term „food desert“ („Lebensmittelwüste“) wird benutzt, um städtische Gegenden zu beschreiben, in denen die Einwohner keinen geeigneten Zugang zu frischen Lebensmitteln haben. Diese Standortverzerrung ist weniger gut untersucht, wenn es zu Einzelhandelsgeschäften im Allgemeinen kommt.

Als ein bezeichnendes Beispiel schaute ich mir die 55 Standorte von Target, einer großen Einzelhandelskette, in Michigan an. Als ich jede Postleitzahl in Michigan danach sortierte, ob das Durchschnittseinkommen verglichen mit dem landesweiten Durchschnittseinkommen hier in der unteren oder oberen Hälfte lag, fand ich heraus, dass nur 16 der Targetläden (29 Prozent) in den Gegenden mit Postleitzahlen aus der unteren Einkommenshälfte lokalisiert waren. Mehr als zweimal so viele, 39 Läden, befanden sich in den Gegenden mit den Postleitzahlen der reicheren Hälfte.

Diskriminierung identifizieren

Darüber hinaus findet sich keine einzige Target-Filiale in Detroit, während sich in den reicheren Vorstädten von Detroit diverse Läden befinden. Trotzdem gab es noch keinen öffentlichen Aufschrei mit dem Vorwurf, dass Target durch seine Niederlassungsentscheidungen arme Menschen diskriminiert. Es gibt zwei Hauptgründe, warum die Sorge über Amazon gerechtfertigt ist: Rigidität und Dominanz.

Rigidität hat sowohl mit dem Entscheidungsfindungsprozess des Online-Einzelhändlers als auch mit dem Ergebnis zu tun. Amazon entscheidet, welche Postleitzahlgegenden in das Servicegebiet fallen. Wenn ein Kunde nur eine Straße von der Grenze, die Amazon gesetzt hat, entfernt wohnt, liegt er außerhalb der Servicegegend und kann wenig dagegen tun. Im Gegensatz dazu kann jemand, der in einer Postleitzahlgegend ohne Target-Filiale lebt, dennoch bei Target einkaufen – auch wenn er länger braucht, um dorthin zu kommen.

Es ist außerdem wichtig, wie dominant ein Einzelhändler in den Köpfen der Verbraucher ist. Während Target nur einer von vielen Sportartikelverkäufern ist, genießt Amazon als Interneteinzelhändler Marktdominanz und zieht daher mehr Aufmerksamkeit auf sich. Solch eine Dominanz ist charakteristisch für die heutigen Internetgeschäfte, die nach dem Motto „The Winner takes it all“ funktionieren.

Während ihre Rigidität und Dominanz unsere Sorge über Onlinegeschäfte vergrößern mögen, so helfen sie uns doch auch, ihre Diskrimination besser zu entdecken als bei stationären Geschäften. Bei einer traditionellen Ladenkette müssen wir schätzen, wie lang ein Anfahrtsweg für den Kunden maximal sein darf. Wir müssen uns außerdem des Zeitfaktors bewusst sein: Fünf Meilen zur nächsten Autobahnausfahrt ist nicht das gleiche wie fünf Meilen durch vollgestopfte Straßen in Richtung der anderen Seite der Stadt. Außerdem kann die Anreisezeit selbst in Abhängigkeit von der Tageszeit stark variieren. Nachdem man identifiziert hat, in welchen Gegenden ein Geschäft wahrscheinlich seinen Service anbietet, werden diese Gegenden nicht eins zu eins deckungsgleich mit den geographischen Einheiten sein, für die uns Statistiken über Rasse und Einkommen vorliegen. Zusammengefasst ist die Analyse chaotisch und bedarf eines großen Aufwands.

Im Gegensatz dazu haben Journalisten bei Bloomberg wohl nur wenige Stunden gebraucht, um eine Karte mit der Servicegegend Amazons zu erstellen und diese mit dem Einkommen oder der Rasse in Beziehung zu setzen. Wenn Amazon das betriebsintern vollzogen hätte, hätten sie dieselbe Analyse in nur wenigen Minuten durchführen können – und sie hätten vielleicht die Probleme gesehen und schon vor der Einführung des Services der Lieferung am selben Tag behoben.

Wie vergleichen Menschen?

Lassen Sie uns einen Blick auf ein ganz anderes Beispiel werfen, um zu sehen, wie die gleichen Punkte auf viele Dinge zutreffen. ProPublica hat eine exzellente Analyse von Rassendiskriminierung durch einen Algorithmus, der die Wahrscheinlichkeit, dass ein Krimineller wieder das Gesetz bricht voraussagt, veröffentlicht. Dieser Algorithmus berücksichtigt Dutzende Faktoren und kalkuliert eine Wahrscheinlichkeitseinschätzung. ProPublicas Analyse fand signifikante systematische Rassenverzerrungen, und das, obwohl Rasse nicht einmal unter den spezifischen berücksichtigten Faktoren war.

Ohne den Algorithmus würde ein menschlicher Richter eine ähnliche Einschätzung abgeben, als Teil einer Strafzumessung oder Bewährungsentscheidung. Die menschliche Entscheidung würde vielleicht ein umfassenderes Set von Faktoren berücksichtigen, so wie beispielsweise das Auftreten des Kriminellen vor Gericht. Aber wir wissen aus psychologischen Studien, dass menschliche Entscheidungsfindung voll von Verzerrung und Vorurteilen ist, selbst wenn wir versuchen, möglichst fair zu sein.

Jegliche Fehler, die aus den Verzerrungen in Entscheidungen menschlicher Richter entstehen, sind aber voraussichtlich bei verschiedenen Richtern unterschiedlich bewertet worden – und sogar bei verschiedenen Entscheidungen, die von ein und demselben Richter getroffen werden. Insgesamt mag es Rassendiskriminierung durch unterbewusste Vorurteile geben, dies aber endgültig festzustellen, ist schwierig. Eine amerikanische Studie des Justizministeriums fand deutliche Hinweise darauf, dass bei der Verurteilung weißer und schwarzer Häftlinge Unterschiede bestehen, konnte aber nicht klar bestimmen, ob die Rasse selbst ein Faktor bei diesen Entscheidungen war.

Im Gegensatz dazu wird der Algorithmus, den ProPublica überprüft hat, bei tausenden von Fällen über viele Staaten hinweg genutzt. Seine Rigidität und das hohe Volumen erleichtern die Aufgabe, eine mögliche Diskriminierung festzustellen – und kann Wege bieten, das Problem effizient zu beheben.

Das Nutzen von Informationstechnologie scheint die Unterschiede und Daten deutlicher und leichter verfügbar zu machen. Was gestern noch unter den Teppich gekehrt werden konnte, schreit heute nach Aufmerksamkeit. Während wir immer mehr Nutzen für datengelenkte Algorithmen finden, ist es noch nicht üblich, deren Fairness zu analysieren, vor allem vor der Einführung eines neuen, datenbasierten Services. Um dies zu erreichen, muss ein langer Weg des Messens und Verbesserns der Fairness dieser immer wichtiger werdenden computerisierten Kalkulationen gegangen werden.

Dieser Artikel erschien zuerst auf „The Conversation“ unter CC BY-ND 4.0. Übersetzung mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.


Image ”Algorithmen” by geralt (CC Public Domain)


The Conversation

Weiterlesen »

Flexibles Arbeiten lässt uns länger schuften

Frustrated man at a desk (Image by LaurMG [CC BY SA 3.0], via Wikimedia Commons)

Freiheit ist Sklaverei. (George Orwell, 1984)

Stellen wir uns vor, wir könnten arbeiten wann und wo wir wollen. Würden wir weniger arbeiten und somit die Zeit mit Familie und Freunden genießen? Oder würden wir ununterbrochen arbeiten, sodass die Arbeit das restliche Leben bestimmt?

Viele Menschen können sich nicht vorstellen, was diese Freiheit bedeutet. Ungefähr ein Drittel aller Angestellten in Großbritannien verfügt über Flexibilität bezüglich der Arbeitsstunden und ungefähr ein Fünftel aller Menschen arbeitet gelegentlich von Zuhause aus. Etwa 17 Prozent aller Angestellten in der EU haben Gleitzeit, was bedeutet, dass der Arbeitsbeginn sowie das Arbeitsende flexibel sind. Weitere fünf Prozent können selbst bestimmen, wann und wie lange sie arbeiten.

Nun sieht es vielleicht so aus, dass Menschen mit mehr Kontrolle über ihren Arbeitsplan mehr arbeiten, als Menschen mit weniger Kontrolle. Tatsächlich neigen Menschen dazu, Mehrarbeit zu leisten, wenn ihnen flexible Arbeitszeiten erlaubt sind, verglichen mit Menschen, die fixe Arbeitszeiten haben.

Diese Ergebnisse stammen von einer Studie, die von meiner Kollegin Yvonne Lott und mir kürzlich durchgeführt und im European Sociological Review veröffentlicht wurde. Wir untersuchten Daten von Arbeitern aus Deutschland, um die Anzahl der Überstunden zu analysieren, die sich seit der Verfügung über mehr Kontrolle über die Arbeitszeiten in den letzten Jahren ergeben haben.

Diese Tendenz stellte sich als zutreffend heraus, wenn Menschen über mehr Kontrolle verfügen. Wir berücksichtigten auch eine Vielzahl von weiteren Faktoren, die einen Einfluss auf die Wahrscheinlichkeit haben, länger zu arbeiten. Solche Faktoren sind beispielsweise das Autoritätslevel und die Art der Tätigkeit. Der Anstieg der Arbeitszeiten war am höchsten, wenn Arbeiter ihre Arbeitszeiten selbst bestimmen konnten.

Diese Ergebnisse stimmen mit ähnlichen Forschungen von Arbeitern aus Großbritannien, an denen meine Kollegin Mariska van der Horst und ich arbeiteten, überein. Die Ergebnisse werden bei einer Konferenz im September präsentiert. Wir haben ein ähnliches Verhalten herausgefunden: Wenn Arbeiter mehr Eigenständigkeit über ihre Arbeitsstunden haben, verlängert sich sehr oft die Dauer ihrer Arbeitszeit.

Warum härter arbeiten?

Es gibt einige Gründe für dieses Verhalten. Ein Grund dafür könnte durch die „Gabentausch„-Theorie erklärt werden. Das bedeutet, dass Menschen die Freiheit als Geschenk ihres Arbeitgebers sehen, den sie im Gegenzug mit harter Arbeit entlohnen wollen. Die Arbeiter wollen beweisen, dass man ihnen diese Eigenständigkeit zutrauen kann.

Ein weiterer Grund könnte in der Selbstständigkeit liegen, die den Menschen gegeben wird. In vielen Fällen wird dies als Teil von erhöhten Personalleistungen gesehen, bei dem die Arbeit von spezieller Zeit unterschieden wird, aufgabenbezogener ist und das Einkommen in vielen Fällen von erbrachten Ergebnissen abhängt. Dies kann ein Anreiz für viele Menschen sein, härter zu arbeiten und in stärkerer Konkurrenz zu anderen Arbeitern zu stehen. Es erlaubt Arbeitgebern aber auch, das Arbeitspensum zu erhöhen ohne durch das Arbeitsrecht eingeschränkt zu sein, welches beispielsweise die Höchstarbeitszeit der Arbeiter regelt.

Aufgelockerte Grenzen zwischen Arbeit und anderen Lebensbereichen können auch zu einer Beeinträchtigung der Arbeit bezüglich Freizeit oder Zeit mit der Familie führen, speziell für Menschen, die sich der Arbeit widmen oder die Prioritäten setzen. Das ist der Grund, warum Menschen in leistungsstarken Jobs diese Eigenständigkeit wahrscheinlicher als Paradoxon sehen und Freiheit über die eigene Arbeit mit Selbstausbeutung endet. Elon Musk arbeitet 80 bis 100 Stunden in der Woche – im Silicon Valley wird die Anzahl der geleisteten Arbeitsstunden zelebriert und die Menschen sehen dies als Grund zum Prahlen.

Flexibilität muss nicht unbedingt etwas Negatives bedeuten. Viele Studien zu diesem Thema zeigen, dass ein gewisses Maß an Eigenständigkeit und Kontrolle über die Arbeit möglicherweise das Verhältnis zwischen Berufs- und Privatleben verbessert. In unserer Arbeit fanden wir heraus, dass Arbeiter mehr verdienen, wenn sie flexibel – statt länger – arbeiten. Es gibt Anzeichen von Leistungsprämien, wenn auf diese Weise gearbeitet wird.

Die Kluft zwischen den Geschlechtern

Wir haben auch einige Unstimmigkeiten zwischen Männern und Frauen herausgefunden. Frauen, die in Teilzeit arbeiten, leisten weniger Überstunden als Männer, die flexibel arbeiten. Dies ist wahrscheinlich der Fall, weil sich Frauen neben der Teilzeitarbeit zusätzlich um die Familie kümmern und die Arbeitszeit somit eingeschränkt ist.

Frauen, die einer Vollzeitbeschäftigung nachgehen, leisten gleich viele Überstunden wie Männer mit flexibler Arbeitszeit – sogar als Mutter. Und das, obwohl sie nicht dieselbe Anerkennung hinsichtlich der Entlohnung wie Männer erhalten. Es kann sein, dass Arbeitgeber diese Flexibilität nicht anerkennen, wenn diese für persönliche Gründe genutzt wird.

Arbeitgeber denken auch, dass Frauen Flexibilität hauptsächlich für familiäre Zwecke nutzen. Dies führt dazu, dass Frauen nicht auf dieselbe Weise wie Männer belohnt werden, wenn sie Flexibilität, ohne Rücksicht auf das Ausmaß der Hingabe, nutzen. So kann eine Steigerung der Arbeitsflexibilität zu einer Verstärkung von traditionellen Geschlechterrollen und zu einem größeren Unterschied zwischen den Geschlechtern führen.

Mehr Flexibilität und Eigenständigkeit bezüglich Arbeit klingt zunächst verlockend und kann durchaus eine neue Ära einer verbesserten Work-Life-Balance ankündigen. Bis jetzt deutet jedoch vieles auf das Gegenteil hin. Wir müssen die Situation besser verstehen, um gegen einige dieser negativen Konsequenzen anzukämpfen.

Das bereits bestehende Arbeitsrecht schützt Arbeiter vor einer Ausbeutung seitens des Arbeitgebers. Wahrscheinlich brauchen wir Gesetze, die davor schützen, dass sich der Arbeitnehmer selbst ausbeutet. So wie das von Frankreich vorgeschlagene „Recht auf Abschalten“, um E-Mails außerhalb der Dienstzeiten zu regulieren. Freiheit muss nicht Sklaverei bedeuten – wir müssen nur verstehen, wie wir damit umgehen sollen.

Dieser Artikel erschien zuerst auf “The Conversation” unter CC BY-ND 4.0. Übersetzung mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.


Image „Frustrated Man at a desk“ by Wikimedia Commons (CC BY SA 3.0)


The Conversation

Weiterlesen »

Nie mehr die Klappe halten: Spoiler können die Vorfreude steigern

Talk Shows On Mute (adapted) (Image by Katie Tegtmeyer [CC BY 2.0] via Flickr)

Im vergangenen Dezember hatte ich Tickets für „Star Wars: The Force Awakens“ besorgt, um diesen in der Nacht nach der Premiere zu sehen. Als ich an dem Tag bei der Arbeit war, wurde mir etwas mulmig: Was, wenn ich jemandem zuhören muss, der über den Film spricht? Was, wenn ich aus Versehen online etwas sehe, dass einen wichtigen Handlungstwist verrät? Viele kennen diese Erfahrung, sich von Spoilern fern zu halten: man nutzt kein Social Media mehr, muss vor Kollegen flüchten, die gerade aktuelle Handlungsentwicklungen diskutieren, Artikel mit vielversprechenden Überschriften werden schnell weggeklickt. Die Angst dabei besteht darin, dass man sich dieses Erlebnis der Ersichtung komplett ruiniert – oder zumindest fürchtet man, das Erlebnis nicht so sehr genießen zu können, wie man es gewollt hätte. Deshalb gibt es heutzutage überall Spoiler-Warnungen (wie auch gerade in den Artikeln über den neuen „Ghostbusters“ Film) – auch, weil das Teilen von ungewollten Spoilern als enorm unfaires Verhalten gilt. Aber manchmal ist unser Verhalten nicht besonders logisch – wenn es beispielsweise so wichtig für das Sehvergnügen ist, dass man vorher nicht weiß, was passieren wird – wieso schauen wir dann Filme, die wir mögen, überhaupt öfter als ein Mal? In den letzten paar Jahren wurden einige Studien durchgeführt, die den Effekt, den Spoiler im Alltag haben, getestet. Achtung: Die Studienergebnisse könnten dafür verantwortlich sein, dass sich der Blick auf bestimmte Handlungsstränge verändert.

Eine Studie mit einer überraschenden Wende

In einer Studie der Psychologen Jonathan Leavitt und Nicholas Christenfeld mussten 819 Studenten Kurzgeschichten von bekannten Autoren wie Roald Dahl und Anton Chekhov lesen. Bevor sie anfingen, die Geschichten zu lesen, mussten einige Studenten vorher einen Absatz lesen, bei dem versehentlich das Ende der Geschichte verraten wurde. Andere lasen die Texte ohne Spoiler. Nachdem die Studenten die Geschichten gelesen hatten, mussten sie bewerten, wie sehr diese ihnen gefallen hat. Die Wissenschaftler fangen heraus, dass im Durchschnitt den Studenten die Geschichten etwas mehr gefallen haben, die vorher gespoilert wurden. Selbst nachdem die Ergebnisse auf die verschiedenen Genres heruntergebrochen wurden, blieb das Ergebnis das selbe, sogar für Thriller und für Handlungen mit überraschenden Wendungen – also bei Geschichten, bei denen man davon ausgeht, dass der Spaß dabei entsteht, dass man nicht weiß, wie die Geschichte endet.

Befriedigt durch Vorwissen

Es ist doch recht überraschend, dass jemand den Film noch mehr genießen kann, der bereits gespoilert wurde. Eine mögliche Erklärung ist das psychologische Konzept der „Geläufigkeit“. Umso mehr geläufig etwas ist – egal ob es eine Geschichte, ein Lied oder Gesicht ist – desto einfacher ist dies zu verarbeiten und zu verstehen. Viele psychologische Studien haben gezeigt, dass etwas umso mehr gemocht wurde, je einfacher es zu verarbeiten war. Eine Möglichkeit, wie Vorwissen dafür sorgt, dass eine Geschichte einem Spaß bereitet, ist, dass man dazu neigt, das Bedürfnis danach, bestimmte (möglicherweise auch falsche) Schlussfolgerungen zu ziehen, in welche Richtung die Geschichte sich entwickeln wird oder was ein Charakter denkt oder fühlt, zu verringern. Jeder hat diesen Effekt möglicherweise schon einmal beim Musikhören erlebt: Das erste Mal, wenn man ein Lied hört, denkt man möglicherweise, dass es nichts Besonderes ist. Aber sobald das Lied einem vertrauter wird und man weiß, wie es weitergeht, bemerkt man, dass es einem tatsächlich gefällt – eben weil das Lied einem jetzt mehr geläufig ist und man sich selbst dabei erwischt, dass man es umso mehr genossen hat. In einer weiterführenden Studie haben Leavitt und Christenfeld die Geläufigkeits-Theorie getestet, indem sie ihr Experiment an einer anderen Gruppe von 240 Studenten wiederholt haben. Diesmal haben die Wissenschaftler Artikel genutzt, die für Schüler geschrieben wurden und bereits bekannte Handlungsbausteine nutzen. Sie argumentierten, dass bei diesen einfachen und ziemlich vorhersehbaren Geschichten die Geläufigkeit bereits sehr hoch sein müsste und deshalb die Spoiler keine große Auswirkung auf das Vergnügen haben sollten – wenn sich dieses wirklich an der Vertrautheit misst. Wie bereits zu ahnen war, fanden sie heraus, dass die Studenten die Geschichten mit und ohne Spoiler gleich bewertet haben.

Manch einem zerstören Spoiler das Sehvergnügen

Die Ergebnisse suggerieren, dass das obsessive Vermeiden von allem, das möglicherweise eine Handlungsentwicklung verraten könnte, möglicherweise unberechtigt ist, denn man wird den Film, das Buch oder die Serie so oder so genießen. Aber was, wenn man davon überzeugt ist, dass man einem Spoiler ausgesetzt war und es tatsächlich das Lese- und Seherlebnis ruiniert? Man darf nicht vergessen, dass die Ergebnisse von Leavitt und Christenfeld reiner Durchschnitt waren. Es bedeutet nicht, dass jeder eine Geschichte mehr genießt, nachdem er gespoilert wurde. In der Tat unterstützt eine aktuelle Studie von Judith Rosenbaum und Benjamin Johnson die Idee, dass es eine Frage des Charakters ist, wie man auf Spoiler reagiert. Die Wissenschaftler haben sich auf zwei Persönlichkeitseigenschaften konzentriert: das „Bedürfnis nach Erkenntnis“ und das „Bedürfnis nach der Beeinflussung.“. Hier stellte sich Folgendes heraus: Menschen, die ein hohes Bedürfnis nach Erkenntnis haben, denken und suchen lieber mehr nach Aktivitäten, die kognitives denken voraussetzen – wie bei einem Kreuzworträtsel. Gleichermaßen ist es bei Menschen mit hohem Bedürfnis nach der Beeinflussung. Diese fühlen und suchen lieber nach emotionalen Aktivitäten, wie beispielsweise ein herzerwärmendes Video auf YouTube zu schauen. Obwohl diese beiden Persönlichkeitseigenschaften wie Gegensätze aussehen, sind diese unabhängig voneinander – es ist also für eine einzelne Person durchaus möglich, bei beiden Eigenschaften deutiche Anzeichen zu zeigen – oder bei keiner von beiden. Die Wissenschaftler haben bei einer weiteren Studie mit 368 Studenten herausgefunden, dass Menschen, die einen hohen Bedarf nach Beeinflussung haben, im Durchschnitt eher zu den nicht gespoilerten Geschichten tendieren. Das kann möglich sein, da Menschen, die eher emotionale Erlebnisse genießen, eher von einer gewissen Ungewissheit darüber profitieren, wie die Handlung weitergehen könnte. Als ein Teil der Studie haben die Wissenschaftler den Studenten kurze Beschreibungen mit verschieden Geschichten präsentiert. Dann haben sie die Studenten gefragt, wieviel davon sie den anderen vorlesen möchten. Einige dieser Geschichten enthielten Spoiler, andere nicht. Interessanterweise fanden sie heraus, dass die Studenten mit einem gringen Erkenntnisbedarf im Durchschnitt eher die Spoiler zu den Geschichten lesen wollten. Das kann daher erwachsen, dass Studenten erwarten, dass Geschichten mit Spoilern einfacher zu verarbeiten sind. Allerdings haben diese Studenten später gleichermaßen das Lesen von Geschichten mit und ohne Spoiler genossen. In anderen Worten war hier die Intuition der Studenten über Spoiler absolut falsch – in diesem Fall hätten sie gespoilerte Geschichten mehr genossen. Diese Ergebnisse decken sich mit meiner Erfahrung. Als ich „The Force Awakens“ zum zweiten Mal gesehen habe, war der Film für mich bereits gespoilert – und zwar von mir selbst. Eine Recherche über Spoiler gibt vor, dass meine Erfahrung nicht sonderlich ungewöhnlich war. Es ist eine gute Erinnerung daran, dass wir nicht immer unserer Intuition über unser eigenes Verhalten trauen sollten. Dieser Artikel erschien zuerst auf “The Conversation” unter CC BY-ND 4.0. Übersetzung mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.


Image (adapted) „Talk Shows on Mute“ by Katie Tegtmeyer (CC BY 2.0)


Weiterlesen »

Frühaufsteher oder Nachteule – wer ist produktiver?

late night (adapted) (Image by Mike McCune [CC by 2.0] via flickr)

Morgenstund‘ hat Gold im Mund, heisst es in einem altbekannten Sprichwort. Doch ist das wirklich so? Sind die Menschen, die früher aufstehen, tatsächlich produktiver? Wer sich mal die Bekenntnisse erfolgreicher Manager und Führungspersönlichkeiten anschaut, wird hier fast ausschließlich Lerchen finden, also Typen, die jeden Tag um 5 Uhr morgens aus dem Bett hüpfen, um noch vor der Arbeit Sport zu machen oder einem sonstigen Hobby nachzugehen. So sagt zum Beispiel Apple Manager Tim Cook, dass er jeden Tag um 4:30 Uhr aufsteht, um als erste Tat des Tages ins Fitnessstudio zu gehen und Angela Merkel steht angeblich um 6:00 Uhr auf, um ihrem Partner das Frühstück zu machen. Es scheint auf den ersten Blick logisch, dass Führungspersönlichkeiten ihren Tag vor allen anderen beginnen. Denn wer früh aufsteht, ist damit allen anderen ein Stück voraus und hat schon direkt von Tagesbeginn an die Nase vorn. Ist also das frühe Aufstehen ein Erfolgsrezept?

Studien zeigen: Frühaufsteher sind glücklicher, aber Nachteulen sind intelligenter

Ganz so einfach ist die Sache nicht. Denn etliche wissenschaftliche Studien zu diesem Thema konnten bisher noch keine eindeutige Antwort liefern auf die Frage, ob Frühaufsteher oder Nachteulen im Vorteil sind. So hat beispielsweise Biologieprofessor Christoph Randler von der Universität Heidelberg in einer Studie unter mehr als 300 Studenten herausgefunden, dass Frühaufsteher glücklicher sind als Langschläfer. In einem Interview mit der Harvard Business Review erklärt er seine Ergebnisse:

Beim Erfolg im Beruf haben Morgenpersönlichkeiten ganz klar die Nase vorn. Meine vorigen Studien haben gezeigt, dass Morgentypen dazu tendieren, bessere Noten in der Schule zu bekommen, was sie wiederum in bessere Universitäten bringt, was dann zu besseren Jobmöglichkeiten führt. Frühaufsteher neigen ebenfalls dazu, Probleme voraussehen und verringern zu wollen. Sie sind proaktiv. Viele Studien haben eine Verbindung zwischen Proaktivität und bessere Jobperformance, mehr Erfolg im Beruf und höheren Löhnen aufgezeigt.

Randler gibt aber auch zu bedenken, dass Frühaufsteher möglicherweise deshalb glücklicher sind, weil unser aktuelles Gesellschafts- und Arbeitsmodell für sie ausgelegt ist. Der klassische Arbeitstag von 8 Uhr morgens bis 5 Uhr nachmittags begünstigt die Menschen, die gerne früh aufstehen. Hinzu kommt, dass das lange Schlafen gesellschaftlich negativ belastet ist. Wer bis Mittags schläft, wird als Faulpelz bezeichnet. Dabei zeigen Studien, dass es zwei Typen von Menschen zu geben scheint: Solche, die mit den ersten Sonnenstrahlen produktiv werden und andere, die erst im Morgengrauen ins Bett gehen. Beides ergibt evolutionsbiologisch gesehen Sinn. Denn während in der Zeit der Jäger und Sammler die Frühaufsteher sich zeitig auf Nahrungssuche machten, konnten die Nachteulen sicherstellen, dass die Gruppe in der Nacht vor Angriffen geschützt war. Doch mit der agrarischen sowie der industriellen Revolution ist der zweite Typ nach und nach in Verruf geraten. Zu Unrecht, wie viele Wissenschaftler finden. Denn Nachteulen sind demnach im Vergleich zu den Lerchen schlagfertiger, intelligenter und haben ein besseres Gedächtnis. So hat Dr. Philippe Peigneux von der Universität Liege in Belgien mithilfe von Gehirnscans nachgewisesen, dass Nachttypen am Abend schneller arbeiten und weniger schläfrig sind als Morgentypen. Berühmte Nachteulen sind beispielsweise Charles Darwin, Winston Churchill sowie Adolf Hitler, die selten vor 4 Uhr morgens ins Bett gingen. So überrascht es vielleicht auch nicht, dass Untersuchungen zeigen, dass Nachteulen eher zur „dunklen Triade“ aus Narzissmus, Machiavellismus und Psychopathie neigen als Frühaufsteher. Wenn man sich überlegt, dass antisoziales Verhalten im Dunkeln eher verborgen bleibt, scheint das diese Verhaltensmuster gut zu erklären.

Kreative Arbeitsmodelle, um volles Potential auszuschöpfen

Ob wir Frühaufsteher oder Nachteulen sind, scheint genetisch bedingt zu sein. Um herauszufinden, zu welcher Sorte man selbst gehört, kann es helfen, ein Energietagebuch zu führen, in dem man genau notiert, wann der persönliche Energielevel am höchsten ist. Doch was hilft es, wenn wir herausfinden, dass wir Nachteulen sind, unser Job uns aber jeden Morgen dazu zwingt, um 7:00 Uhr das Haus zu verlassen? Mit der aktuellen Arbeitsaufteilung haben die meisten von uns keine Wahl im Berufsleben. Wenn wir die Hälfte der Bevölkerung dazu zwingen, entgegen ihrer inneren Uhr zu arbeiten, geht damit gleichzeitig sehr viel kreatives und produktives Potential verloren. Zwar kann frühes Aufstehen auch gelernt werden und mit bestimmten Tricks wie dem, den Wecker gute 15 Minuten früher zu stellen oder am Abend den nächsten Tag vorzubereiten, erleichtert werden, doch eine Nachteule kann wohl nie gänzlich in eine Lerche verwandelt werden. Hier sind kreative Arbeitsmodelle gefragt, die es beiden Aufsteh-Typen ermöglichen, ihr volles Potential auszuschöpfen. Erfindungen wie Jobsharing oder die Tatsache, dass immer mehr Arbeitnehmer der Generation Y freiberuflich arbeiten, sind möglicherweise ein Hinweis darauf, dass unsere Gesellschaft erkennt, dass nicht nur der frühe Vogel den Wurm fängt, sondern auch die zweite Maus den Käse kriegt.


Image (adapted) „late night“ by Mike McCune (CC BY 2.0)


Weiterlesen »

Warum uns das Internet nicht klüger macht

Volunteer Duty Psychology Testing (adapted) (Image by Tim Sheerman-Chase [CC BY 2.0] via flickr)

In dem Zeitraum , in dem ich mich das erste Mal hingesetzt habe, um diesen Text zu schreiben, teilte mir mein Laptop mit, dass die NBA dementieren musste, sie hätte damit gedroht, ihr 2017 All-Star-Spiel wegen eines neuen LGBT-Gesetzes in North Carolina abzusagen – eine Geschichte, die von vielen Nachrichtenquellen wiederholt wurde, einschließlich der amerikanischen Nachrichtenagentur. Die Echtheit des viralen Videos, in dem ein Bär eine weibliche Snowboarderin in Japan jagt, wurde infrage gestellt. Und nein, Ted Cruz ist nicht mit seiner Cousine dritten Grades verheiratet. Es ist nur eine von vielen auf uns einstürmenden Halbwahrheiten und sogar Lügen der Sorte „Wer einmal lügt, dem glaubt man nicht“, die auftauchen, während wir uns für das amerikanische Wahljahr 2016 aufwärmen.

Je länger ich die menschliche Psyche studiere, desto beeindruckter bin ich von der reichhaltigen Wissensschatz, über das jeder einzelne von uns verfügt. Wir alle verfügen über ein intelligentes Webmuster aus Fakten, Zahlen, Regeln und Geschichten, die es uns erlauben, einen erstaunlichen Umfang an täglichen Herausforderungen anzugehen. Aktuelle Studien bewundern gerade, wie enorm, organisiert, ineinandergreifend und beständig diese Basis an Wissen ist.

Das ist die gute Nachricht. Die schlechte Nachricht ist, dass unsere Gehirne es übertreiben. Sie speichern nicht nur hilfreiches und notwendiges Wissen, sie sind ebenso empfänglich für falsche Ansichten und Fehlinformationen.

Alleine was den Bereich der Biologie angeht, glauben viele Menschen, dass Spinat eine gute Eisenquelle ist (tut mir leid, Popeye), dass wir weniger als zehn Prozent unseres Gehirns nutzen (nein, es wäre zu energieaufwändig, das zuzulassen) und dass manche Menschen an einer Überempfindlichkeit gegenüber elektromagnetischer Strahlung leiden (wofür es keinen wissenschaftlichen Beweis gibt).

Hier kommt jedoch die besorgniserregendere Nachricht: Unser Zugang zu Informationen – seien es gute oder schlechte – hat sich nur noch erweitert, seit unsere Finger ins Spiel gekommen sind. Mit Computertastaturen und Smartphones haben wir nun Zugang zu einem Internet, das einen enormen Vorrat an Informationen beinhaltet, der das Maß dessen, was ein einzelnes Gehirn fassen kann, bei Weitem übersteigt – und das ist nicht immer etwas Gutes.

Ein besserer Internetzugang bedeutet nicht bessere Informationen

Dieser Zugang zu der großen Reichweite des Internets sollte es uns ermöglichen, klüger und besser informiert zu sein. Die Menschen nehmen das zumindest an. Eine aktuelle Yale-Studie zeigt, dass Internetzugang Menschen dazu bringt, einen allzu überzogenen, trügerischen Eindruck davon zu bekommen, wie klug und gut informiert sie doch seien.

Jedoch gibt es ein zweifaches Problem mit dem Internet, und dieses beeinträchtigt sein grenzenloses Versprechen.

Zunächst einmal ist es – genau wie unser Gehirn – empfänglich für Fehlinformationen. Tatsächlich sieht das Weltwirtschaftsforum die „massive digitale Fehlinformation“ als eine Hauptbedrohung für die Gesellschaft. Eine Untersuchung von 50 Seiten über „Gewichtsreduktion“ ergab, dass nur drei davon gesunde Diät-Ratschläge lieferten. Eine andere von ungefähr 150 YouTube-Videos über Impfung ergab, dass nur die Hälfte davon die Maßnahme ausdrücklich unterstützt.

Gerüchtemacher, Politiker, persönliche Interessen, eine sensationsgierige Presse und Menschen mit dem intellektuellen Beil, das alles zu zermahlen, bringen falsche Informationen ins Internet.

Das Gleiche tun viele Menschen, die zwar gute Absichten hegen, aber falsch informiert sind. Tatsächlich hat eine Studie, die in der Januar-Ausgabe 2016 des Wissenschaftsmagazins „Proceedings of National Academy of Science“ veröffentlicht wurde, dargelegt, wie schnell sich dubiose Verschwörungstheorien über das Internet verbreiten. Im Einzelnen haben die Forscher verglichen, wie schnell sich diese Gerüchte im Verhältnis zu Geschichten über wissenschaftliche Entdeckungen über Facebook verbreiteten. Sowohl Verschwörungstheorien als auch wissenschaftliche Nachrichten verbreiteten sich schnell, wobei sich der Großteil der Ausbreitung beider Arten von Geschichten über Facebook innerhalb eines Tages abspielte.

Was die Sache noch schlimmer macht, ist, dass es schwer ist, falsche Informationen von echten Tatsachen zu trennen. Sie sehen oft genauso aus und fühlen sich genauso an wie die Wahrheit. In einer Reihe von Studien, die Elanor Williams, Justin Kruger und ich 2013 im „Journal of Personality and Social Psychology“ veröffentlichten, baten wir Studenten, Problemstellungen in intuitiver Physik, Logik und im Finanzwesen zu lösen. Diejenigen, die sich durchweg auf falsche Fakten oder Grundlagen verlassen haben – und somit genau die gleiche falsche Antwort zu jeder Fragestellung gaben – äußerten genau so viel Zuversicht in Bezug auf ihre Schlussfolgerungen wie diejenigen, die jedes einzelne Problem richtig lösten.

Zum Beispiel waren diejenigen, die immer dachten, ein Ball würde einer kurvenreichen Strecke immer weiter folgen, nachdem er aus einer gebogenen Röhre gerollt war (nicht korrekt), nahezu genauso sicher wie diejenigen, die die richtige Antwort wussten (der Ball folgt einer geraden Strecke).

Verteidigen Sie sich

Also, wie trennen wir im Internet Wahres von Falschem?

Zuallererst: Nehmen Sie nicht an, dass Falschinformationen deutlich von richtigen Informationen zu trennen sind. Seien Sie vorsichtig. Falls die Angelegenheit wichtig ist, können Sie Ihre Suche vielleicht mit dem Internet beginnen,  beenden Sie sie nur nicht dort. Erwägen und berücksichtigen Sie andere Kompetenzquellen. Es gibt einen Grund dafür, dass Ihr Arzt das Medizinstudium über sich ergehen ließ, oder dafür, dass Ihr Finanzberater studiert hat, um diese Lizenz zu erwerben.

Zweitens, tun Sie nicht das, was Verschwörungstheoretiker in der Facebook-Studie getan haben. Sie verbreiten bereitwillig Geschichten, die sowieso schon zu ihrer Weltanschauung passen. Als solche praktizieren sie einen Hang zur Bestätigung, indem sie Beweisen Glauben schenken, die unterstützen, was sie schon vorher geglaubt haben. Als Folge haben sich die Verschwörungstheorien, die sie unterstützt haben, in Facebook-Gemeinschaften mit Gleichgesinnten eingegraben, die kaum ihren Wahrheitsgehalt in Frage gestellt haben.

Seien Sie stattdessen skeptisch. Psychologische Forschungen zeigen, dass Gruppen, die einen oder zwei ihrer Mitglieder dazu bestimmen, den Provokateur zu spielen – indem sie jegliche Schlussfolgerung infrage stellen, zu der die Gruppe neigt – zu besser durchdachten Entscheidungen von besserer Qualität beitragen.

Wenn sonst niemand da ist, zahlt es sich aus, Ihr eigener Provokateur zu sein. Glauben Sie nicht einfach, was das Internet zu sagen hat, sondern stellen Sie es infrage. Praktizieren Sie einen Hang zur Widerlegung. Falls Sie nach Informationen zu einem medizinischen Problem suchen, hören sie nicht bei der ersten Diagnose, die Ihnen richtig erscheint, auf. Suchen Sie nach alternativen Möglichkeiten.

Nach Gegenbeweisen suchen

Suchen Sie zusätzlich nach Möglichkeiten, nach denen diese Diagnose falsch sein könnte. Forschungen zeigen, dass „das Gegenteil annehmen“ – das aktive Nachfragen, auf welche Weise eine Schlussfolgerung falsch sein könnte – eine nützliche Übung dafür ist, unberechtigtes Vertrauen in eine Schlussfolgerung zu verringern.

Schließlich sollten Sie auf Mark Twain hören, der uns, laut dutzender verschiedener Websites gewarnt hat: „Seien Sie vorsichtig beim Lesen von Büchern über Gesundheit. Sie könnten wegen eines Tippfehlers sterben.“

Weise Worte, bis auf die Tatsache, dass eine etwas genauere Nachforschung genauere und besser recherchierte Quellen mit dem Beweis auftut, dass es nicht Mark Twain, sondern der deutsche Physiker Markus Herz war, der das sagte. Ich bin nicht überrascht; nach meiner Internet-Erfahrung habe ich gelernt, misstrauisch gegenüber Twain-Zitaten zu sein (bei Will Rogers ebenso). Er war ein brillanter Geist, aber er bekommt viel zu viel Anerkennung für gern zitierte geistreiche Bemerkungen.

Falsche und richtige Informationen ähneln sich oft furchtbar. Der Schlüssel zu einem informierten Leben mag es nicht so sehr erfordern, Informationen zu sammeln, als die Einfälle, die Sie bereits haben oder auf die Sie kürzlich gestoßen sind, zu hinterfragen. Das mag eine unangenehme Aufgabe sein und eine nicht endende obendrein, aber es ist die beste Art, sicherzustellen, dass ihr kluger geistiges Webmuster nur wahrer Farben zur Schau stellt.

Dieser Artikel erschien zuerst auf „The Conversation“ unter CC BY-ND 4.0. Übersetzung mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.


Image (adapted) „“Volunteer Duty“ Psychology Testing“ by Tim Sheerman-Chase (CC BY 2.0)


The Conversation

Weiterlesen »

Licornes vs. Haters – mit Einhörnern gegen Cyber-Mobbing

Lego Einhorn (Image by d97jro [CC0 Public Domain], via Pixabay

Es tummelt sich zuviel Hass in der virtuellen Welt. Um den Diskriminierungen entgegenzuwirken, ersetzt die französische Assoziation „Respect Zone“ in ihrer originellen Kampagne „Licornes vs. Haters“ (dt. etwa: Einhörner gegen Neider) Beleidigungen von Internetnutzern mit niedlichen Emojis. Anhand eines Plugins werden in den Kommentarbereichen von Blogs, Informationsseiten oder Foren respektlose Publikationen nach Veröffentlichung durch harmlose Bildchen ausgetauscht.

„Solche {Wölkchen} wie dich sollte man alle {Häschen}!“

„Du Nutte“ (das Schimpfwort, das im Übrigen Tabellenführer der meist genutzten Beleidigungen laut “Respect Zone” ist) wird dann zu „Du {Muffin + Wolke}“. Auf der Videoplattform YouTube wirbt die französische Vereinigung, die sich seit 2014 für mehr Respekt im Internet einsetzt, für ihr Projekt „Licornes vs. Haters“ und zeigt dabei Situationen aus dem Alltag:

In der Sprache der Jugendlichen

Die klare Zielgruppe der Kampagne sind Schulkinder und Jugendliche. Und das aus gutem Grund: Laut einer Studie des französischen Bildungsministeriums im November 2014 geben zwei von zehn Schülern an, bereits Opfer von Cyber-Mobbing via SMS, Mail oder in den sozialen Netzwerken gewesen zu sein.

Nicht anders sieht es in Deutschland aus: Laut einer internationalen Studie von Vodafone und dem Meinungsforschungsinstitut YouGov im September 2015 ergab sich unter deutschen Jugendlichen ein ähnlich bedenkliches Bild. Fast jeder fünfte Jugendliche gab an, schon einmal unter Hassattacken im Internet gelitten zu haben.

Die Idee der Kampagne ist, den Hass lächerlich zu machen: „Wir bieten Kontra mit einer Geste, die die Sprache der Jugendlichen spricht – die Botschaft kommt an, ohne dass wir belehrend sind“, erklärt Philippe Coen, Präsident und Gründer von Respect Zone. Beleidigungen ins Leere laufen zu lassen, soll gerade den jungen Internetnutzern einen Denkzettel verpassen. „Das Ziel ist, dass sich jeder Nutzer selbst zu zügeln lernt. Er muss wissen, dass das, was er schreibt, Personen verletzen kann.“

Die Charta für ein respektvolles Online-Verhalten

Ein wenig schulmeisterlicher geht es auf Respect Zone selbst zu: Regeln für ein besseres, respektvolleres Verhalten sind in der eigenen Charta zusammengefasst. Diese wurde bereits auf Englisch, Italienisch, Griechisch und Niederländisch übersetzt und zusammen mit dem Logo zum Download bereitgestellt. Ein lobenswertes Engagement, das von namhaften Organisationen wie der UNESCO bereits anhand der Einbindung des Logos auf der Homepage unterstützt wird.

Die Einhorn-Kampagne wartet bisher noch auf den durchschlagenden Erfolg – obwohl die Reaktionen bei der Präsentation der Projekts in Schulen und Workshops meist mit einem „Genial!“ und großer Begeisterung quittiert wird, beklagt Coen.  „Das zeigt die Verlegenheit der Medien auf die schwierige Frage der Moderation ihrer Seiten und den Fakt zu reagieren, dass mindestens 27 Prozent der Kommentare beleidigend, gewalttätig oder hasserfüllt sind.


Image „Lego Einhorn“ by d97jro (CC0 Public Domain)


Weiterlesen »

Wie Ego-Manager in geschlossenen Netzwerken scheitern

In der Organisationstheorie sind sie gut erforscht: Geschlossene Netzwerke punkten bei Kooperationen und Verlässlichkeit. Sie sind stabiler, aber auch inflexibler. “Einer durch ein festes Normengefüge abgesicherten, verlässlichen Kooperation steht somit der Nachteil mangelnder Anpassungsfähigkeit gegenüber”, erklären die Wissenschaftler Mark Ebers und Indre Maurer. Die Beharrungskräfte der Netzwerk-Akteure können negative Auswirkungen haben. Empirische Studien belegen, dass es Führungskräften in solchen Formationen nicht gelingt, neue Tätigkeitsfelder zu erschließen – hier sind Netzwerke mit offenen und losen Verbindungen überlegen.

Habermas und die Omnipräsenz der Ereignisse

Es wird immer schwerer, Vertraulichkeit und Privatsphäre zu bewahren. In einer vernetzten Ökonomie funktionieren die geschlossenen Einheiten und Absprachen hinter den Kulissen nicht mehr.

Man könnte es auch als Omnipräsenz der Ereignisse definieren oder als Strukturwandel der Öffentlichkeit im Sinne des Soziologen Jürgen Habermas. CEOs agieren zunehmend unter ständiger Beobachtung ihrer Stakeholder. “Alle Handlungen und unternehmerischen Entscheidungen werden von Mitarbeitern, Investoren und weiteren Interessengruppen kommentiert, diskutiert und interpretiert”, bemerkt der DAX-Flüsterer Alexander Geiser.

Kaminkarrieren reichen nicht

Es gibt kaum noch Ruhezonen, schon gar nicht in sozialen Medien, wo jeder Empfänger von Botschaften gleichzeitig auch Sender sein kann. Das passt allerdings nicht zur DNA der Führungskräfte in Deutschland, die sich als Betriebswirte, Ingenieure und Juristen in klassischen Laufbahnen hochgearbeitet haben. Das Ideal des neuen Managertyps sieht anders aus: Eine von Russell Reynolds Associates durchgeführte Studie zeigt, dass Führungskräfte, die Unternehmen erfolgreich bei Innovation, Digitalität und Kundenzentrierung begleiten, signifikant andere Fähigkeiten und Persönlichkeitsmerkmale aufweisen. Mit dem radikalen Umbau des Suchmaschinenkonzerns Google zum Digitalkonglomerat Alphabet haben sich Larry Page und Sergey Brin als Archetypen dieser “Productive Disruptors” erwiesen.

Sie vereinen Persönlichkeitsmerkmale und Managementfertigkeiten, die sich eindeutig von denen eines klassischen Executives abheben. Die Russell-Reynolds-Berater sprechen von einem Digitalquotienten (DQ) – analog zum Intelligenzquotienten (IQ) und zum emotionalen Quotienten (EQ). Manager, die über einen hohen DQ verfügen, sieht die Analystin Georgia Stegmann als Speerspitze und Erfolgsgaranten einer gelungenen digitalen Transformation. Sie sind flexibel, furchtlos, kompetent im Veränderungsmanagement und bereit, organisatorische Widerstände zu überwinden. Sie sind Meister darin, Chancen wie Risiken des digitalen Wandels zu erkennen und dieses Wissen zum Wohle des Unternehmens einzusetzen. Ein weiteres Ergebnis der Studie: In den USA finden sich “Productive Disruptors” häufiger als in anderen Teilen der Welt als CEO an der Unternehmensspitze. In Europa hingegen und insbesondere in Deutschland ist die aktuelle Manager-Generation schon biografisch nicht optimal für die neuen Herausforderungen gerüstet:

Stromlinienförmigkeit, Stallgeruch und Kaminkarrieren der Deutschland AG reloaded erweisen sich immer mehr als Hindernis für wirtschaftliche Prosperität. Ausführlich nachzulesen demnächst in der Frühjahrsausgabe des Wirtschaftsmagazins Boardreport mit dem Schwerpunkt “Kunst des Wechsels”, die Ende März erscheint.

Narzissten im Brennglas des Netzes

Das Notiz-Amt verweist darüber hinaus auf das Werk “Leadership in der digitalen Welt” von Peter Paschek. Der Autor behandelt das Auseinanderklaffen von Innen- und Außensicht der Top-Leute im Management. In den vergangenen 25 Jahren seien vor allem narzisstische Führungskräfte herangezogen worden, die die Interessen anderer besonders wenig achten. In den USA erlangen narzisstische Persönlichkeiten mit viel höherer Wahrscheinlichkeit einen Vorstandsposten als ihre nicht-narzisstischen Kollegen. Das Internet macht diese Defizite im Führungsverhalten sichtbarer – es fungiert wie ein Vergrößerungsglas. Wer als Egozentriker unterwegs ist, wird kaum Fähigkeiten zur offenen Kommunikation und Kritikfähigkeit mitbringen. Im Ego-Modus pflegt man eher das Bild des Machers, der alles im Griff hat. Management in einer komplexen und vernetzten Welt funktioniert so aber nicht mehr.


Image by “Mann-Cooperate” by Unsplash (CC0 Public Domain)


Weiterlesen »

Tratschen ist eine soziale Kompetenz – kein schlechter Charakterzug

Woman (adapted) (Image by oTschOo [CC0 Public Domain] via Pixabay)

Vor Leuten, die gerne tratschen, schrecken wir oftmals zurück. Dabei kann gerade erfolgreiches Tratschen der Beweis dafür sein, dass man ein guter Teamplayer ist. Seien wir ehrlich: Tratschen hat einen schlechten Ruf. Wir sehen selbstgefällig aus einer moralisch höhergestellten Perspektive auf andere herab, und mit der Sicherheit, dass wir diesen schlechten Charakterzug nicht teilen, weisen wir diejenigen als oberflächlich von uns, die von den Angelegenheiten anderer besessen sind.

Und in der Tat ist Gossip in seiner rauesten Form eine Strategie, die von einzelnen genutzt wird, um das eigene Image und die eigenen Interessen auf Kosten anderer zu stärken. Meine durchgeführten Studien zeigen, dass Gossip auf brutale Art und Weise für egozentrische Zwecke genutzt werden kann.

Andererseits: Wie viele schaffen es, sich von einer pikanten Story zu lösen und sie für sich zu behalten? Sicherlich hat jeder von uns schon einmal selbst erfahren, wie schwer es ist, über spektakuläre Neuigkeiten, die sich auf jemand anderes beziehen, zu schweigen. Bei aller Herabsetzung übersehen wir die Tatsache, dass dies ein essentieller Bestandteil unserer sozialen Welt ist. Diese fiese Eigenschaft überschattet die gutartige Seite, die es bewirkt.

Tatsächliche kann Tratsch nicht etwa als schlechter Charakterzug, sondern als hochentwickelte soziale Fähigkeit betrachtet werden. Diejenigen, die das nicht beherrschen, sind oft nicht in der Lage, Beziehung aufrecht zu erhalten, und finden sich häufig als Betrachter von außen wieder.

Als soziale Wesen sind wir mit dem Tratschen fest verbunden

Ob es einem gefällt oder nicht: Wir sind die Nachkommen von Wichtigtuern. Evolutionäre Psychologen sind der Meinung, dass unsere Voreingenommenheit mit dem Leben anderer ein Nebenprodukt des prähistorischen Gehirns ist.

Laut Wissenschaftlern kannten sich unsere prähistorischen Vorfahren sehr genau, da sie in relativ kleinen Gruppen lebten. Um Feinde abzuwehren und in einer unwirtlichen Umgebung zu überleben, mussten sie innerhalb der Gruppe zusammenarbeiten. Sie nahmen jedoch auch wahr, dass die gleichen Gruppenmitglieder die Hauptkonkurrenten um Gefährten und begrenzte Ressourcen waren. Unter solchen Lebensbedingungen hatten unsere Vorfahren zahlreiche Probleme, sich sozial anzupassen: Wer ist zuverlässig und vertrauenswürdig? Wer ist ein Betrüger? Wer ist der beste Gefährte? Wie können Freundschaften, Allianzen und familiäre Verpflichtungen abgestimmt werden?

In solchen Umgebungen ist ein ausgeprägtes Interesse an den privaten Angelegenheiten anderer praktisch – und wird stark von der natürlichen Selektion bevorzugt. Menschen, die sich ihre soziale Intelligenz zu Nutze machen konnten, um das Verhalten anderer zu interpretieren, vorherzusagen und zu beeinflussen, waren erfolgreicher als diejenigen, die das nicht getan haben. Die Gene dieser Individuen wurden von Generation zu Generation weitergegeben.

Tratsch vermeiden: Die Eintrittskarte in die soziale Isolation

Heutzutage sind Schwätzer einflussreiche und populäre Mitglieder sozialer Gruppen. Geheimnisse miteinander zu teilen, ist eine Möglichkeit, zwischenmenschliche Verbindungen aufzubauen, und Lästereien sind ein starkes Zeichen von Vertrauen: Man signalisiert, dass man der Person gegenüber glaubt, dass sie die sensible Information nicht gegen einen selbst verwenden wird.

Daher wird jemand, der gut lästern kann, auch über ein großes Netzwerk an Leuten verfügen. Gleichzeitig wird er diskret Kenntnis darüber erlangen, was sich innerhalb der Gruppe abspielt.

Andererseits wird jemand, der beispielsweise nicht Teil des Tratsch-Netzwerks im Büro ist, zum Außenseiter – jemand, der weder Vertrauen noch Akzeptanz seitens der Gruppe erfährt. Sich als selbstgerechtes Gemüt zu präsentieren, das nicht am Klatsch und Tratsch teilnimmt, bedeutet also den ersten Schritt in die soziale Isolation. Studien haben gezeigt, dass harmloser Gossip im Arbeitsumfeld die Gruppenbindung und die Moral fördert.

Tratschen hilft zudem den Neuen der Gruppe, die Mehrdeutigkeit bezüglich der Gruppennormen und -werte zu überwinden. In anderen Worten: Dem Urteil anderer Menschen über das Verhalten anderer zu lauschen, hilft dem Neuling herauszufinden, was akzeptiert wird und was nicht.

Angst vor Lästerern hält uns wachsam

Andererseits kann der Umstand, dass uns die Lästerfreudigkeit der Anderen bewusst ist, uns durchaus wachsam halten. Innerhalb einer Gruppe von Freunden und Kollegen kann die Gefahr, das Ziel des Tratsches zu werden, eine positive Kraft sein: Es kann Trittbrettfahrer und Betrüger abhalten, die zur Nachlässigkeit neigen oder Ihren Vorteil auf Kosten anderer suchen.

Klatsch-Mädchen-Gruppe (Image by Baruska(CC0)via Pixabay)
Image (adapted) „Klatsch Mädchen Gruppe Porträt Schule“ by Baruska (CC0 Public Domain)

Der Biologe Robert Trivers hat die evolutionäre Bedeutung der Entlarvung von plumpen Betrügern (diejenigen, die sich auf selbstlose Taten hin nicht erkenntlich zeigen) und subtilen Betrügern (diejenigen, die sich erkenntlich zeigen, jedoch weniger geben als sie bekommen) diskutiert. Tratsch kann das Schamgefühl dieser Trittbrettfahrer wecken und sie zügeln.

Studien über kalifornische Viehzüchter, Hummerfänger aus Maine und College-Ruderteams bestätigen, dass Tratsch in einer Vielzahl von Situationen genutzt wird, um Individuen zur Rechenschaft zu verpflichten. In jeder dieser Gruppen wurden Individuen, die die Erwartungen bezüglich des Teilens von Ressourcen nicht erfüllten und ihren Verantwortlichkeiten nicht nachkamen, Ziel von Tratsch und Ausgrenzung. Dies drängte Sie wiederum dazu, bessere Teammitglieder zu werden.

Zum Beispiel wurden Hummerfischer, die die etablierten Gruppennormen und Regelungen, wann und wie Hummer geerntet werden, nicht respektiert, schnell von den Kollegen bloßgestellt. Die Hummerfischerkollegen mieden sie und weigerten sich zeitweise, mit ihnen zu arbeiten.

Tratschen über Berühmtheiten hilft uns tatsächlich in vielerlei Hinsicht

Die belgische Psychologin Charlotte de Backer unterscheidet zwischen strategischem Lerntratsch und Reputationstratsch. Wenn sich Tratsch um eine bestimmte Person dreht, sind wir nur daran interessiert, wenn wir die Person kennen. Einiger Gossip ist jedoch interessant, egal, um wen es sich dreht. Diese Art von Gossip kann Geschichten von Situationen um Leben oder Tod oder besonderen Leistungen beinhalten. Wir schenken ihnen Aufmerksamkeit, weil wir von ihnen Strategien ableiten können, die wir in unserem Leben anwenden können.

In der Tat entdeckte de Backer, dass unser Interesse an Promis diesen Durst, Lebensstrategien zu lernen, stillt. Wir schauen wohl oder übel auf die gleiche Art und Weise auf Berühmtheiten, wie unsere Vorfahren auf Vorbilder innerhalb ihres Stammes blickten. Unsere Fixierung auf Promis ist im Kern die Reflexion eines angeborenen Interesses am Leben anderer Menschen.

Von einem evolutionären Standpunkt betrachtet ist ein “Promi” ein neues Phänomen, das vor allem auf die Explosion der Massenmedien im 20. Jahrhundert zurückgeführt werden kann. Unsere Vorfahren jedoch entdeckten die soziale Bedeutung in den intimen Details des Privatlebens jedes anderen, da jeder in ihrer kleinen sozialen Welt von Bedeutung wahr.

Anthropologe Jerome Barkow führt jedoch an, dass uns die Evolution nicht darauf vorbereitet hat, zwischen den Mitgliedern unserer Gemeinschaft, die einen wirklichen Einfluss auf uns haben, und denen, die in Bildern, Filmen und Liedern existieren, die unser tägliches Leben begleiten, zu unterscheiden.

Von TMZ bis hin zu US Weekly, die Medien befeuert die Maschinerie aus Klatsch und Tratsch, die den Klatsch in unseren Arbeitsumgebungen und Freundesgruppen nachahmen. Unserem Gehirn wird ein Gefühl der Freundschaft oder zumindest der Intimität mit diesen Berühmtheiten vorgetäuscht – was uns wiederum dazu veranlasst, sogar noch mehr davon zu wollen. Letztendlich muss jeder, den wir so häufig sehen und von dem wir so viel wissen, sozial wichtig für uns sein.

Mit Hilfe des Gefühls der Intimität, das wir bei Berühmtheiten verspüren, können diese eine wichtige soziale Funktion erfüllen: Sie sind vielleicht die einzigen “Freunde”, die wir mit unseren Nachbarn und Kollegen gemein haben. Sie sind gemeinsame kulturelle Berührungspunkte, die die Art informeller Interaktionen erleichtern, die den Menschen dabei hilft, uns in neuen Umgebungen zurechtzufinden. Auf dem aktuellen Stand der Leben von Schauspielern, Politikern, und Athleten zu bleiben, macht eine Person zum sozialen Experten im Umgang mit Unbekannten und kann sogar den Weg in neue Beziehungen bereiten.

Die Quintessenz des Ganzen ist, dass wir die Rolle des Tratschens in unserem alltäglichen Leben überdenken müssen. Es gibt keinen Grund, davor zurückzuschrecken oder beschämt zu sein. Erfolgreiches Tratschen bedeutet, ein guter Teamplayer zu sein und die Schlüsselinformationen auf eine Art und Weise zu teilen, die nicht als selbstsüchtig angesehen wird. Es geht darum zu wissen, wann es angebracht ist, über etwas zu reden, und wann es besser ist, den Mund zu halten.

Dieser Artikel erschien zuerst auf “The Conversation” unter CC BY-ND 4.0. Übersetzung mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.


Image (adapted) „Woman“ by oTschOo (CC0 Public Domain)

Weiterlesen »