Benedict SchultheißZukunft Zeitung, mehr Flexibilität gefordert?

Dank dem Internet ist Informationsübermittlung wesentlich einfacher, aktueller und vielfältiger geworden. Davon sollten doch alle, vor allem auch die regionalen Zeitungen profitieren. Doch warum verliert die Tages- und Regionalzeitung immer mehr an Gewicht? Warum geht die Anzahl der Leser stetig zurück?

Setzkasten Schwaebische Zeitung (Bild: Andreas Praefcke [Public domain], via Wikimedia Commons)

Vergangene Woche fragte der Blogger Richard Gutjahr 6 sogenannte Medienprofis, wie die Zukunft der Zeitung aussehen wird. Allen war klar, dass die Printmedien sich verändern müssen. Warum, hat ein 18-jähriger Schüler in einem Kommentar unter dem Blogpost am besten zusammengefasst. Für Netzpiloten.de hat Benedict Schultheiß seine Ansichten noch einmal niedergeschrieben.

Medienkonsum zwischen dem globalem Internet und dem gedruckten Regionalteil

Viele eignen sich ihr Wissen über das aktuelle Geschehen Deutschlands, Europas oder der ganzen Welt über das Internet an. Dort bekommt man – je nach Portal – eine sehr gut recherchierte, ansprechende, aber auch zum größten Teil objektive und neutral gehaltene Berichterstattung, was einem ein eigenes Meinungsbildung zu den behandelten Themen ermöglicht. Besonders wertvoll sind die Verlinkungen zu Hintergrundinformationen. Ein gutes Beispiel ist das Portal tagesschau.de. Liest man dort ganz aktuell einen Artikel über die jetzige Situation in Nord- und Südkorea, bekommt man umgehend Links zu Seiten mit Hintergrundinformationen angeboten. Dort ist zum Beispiel zu lesen, warum es den Konflikt gibt. So können beispielsweise junge Menschen schneller und besser Vorkommnisse verstehen, die auf jahrzehntelangen Ereignissen basieren.

Allerdings sind auch Blogs oder Fachzeitschriften dafür geeignet, um sein Wissen in ganz bestimmten Themen zu vertiefen. Fachzeitschriften erscheinen aber nur in längeren Zeitabschnitten, während in Blogs sofort über aktuelle Themen berichtet wird. Inhaltlich stehen Blogs den Fachzeitschriften keinesfalls nach, denn auch in den Kommentarbereichen oder Foren der Blogs halten sich viele kompetente Menschen auf. Hier wird das Berichtete auf Pro und Kontra beleuchtet, Verknüpfungen zu anderen Themen hergestellt und Unklarheiten oder Fragen beseitigt. Diese Möglichkeiten gibt es bei Fachzeitschriften nur sehr begrenzt. Um nicht die einzelnen Blogs im Internet aufrufen zu müssen, helfen verschieden Programme auf Computer, Handy und Tablet. Das ermöglicht einen schnellen Überblick über die Artikel und deren Inhalt, so wird das Selektieren beschleunigt und für das eigentliche Lesen bleibt mehr Zeit.

Doch möchte man natürlich auch erfahren, was in der direkten Umgebung passiert. Darüber berichten die großen Verlage und Rundfunkanstalten nicht, und regionale Blogs findet man noch zu selten. Also wird zur Regionalzeitung gegriffen, die in fast allen Haushalten abonniert ist und täglich zwischen 3 Uhr und 4 Uhr in unseren Briefkästen landet. Viele besitzen die Zeitung nur, weil sie noch Familienmitglieder im Haus haben, die sich nicht mit der Technik um ins Internet zu gelangen auseinander setzen wollen, oder sich selbst noch nicht damit auseinander gesetzt haben oder können. Fast alle Zeitungen bieten Digitalabos, oder auch kostenlose Inhalte auf ihren Webseiten.

Man kämpft sich also zum Regionalteil vor und überblättert dabei schon die ersten Rubriken der Zeitung, denn in diesen steht das globale Geschehen, das man im Internet bei den großen Medienanstalten schon ein Tag früher erfahren hat. Nur hatte man dort mehr Möglichkeiten das Thema zu verstehen und zu vertiefen, da der Inhalt durch die Grafiken, Videos und Audioinhalte viel besser veranschaulicht wurde, als nur über Schrift die Informationen aufzunehmen. Nach einigem Blättern und den damit verbundenen Déjà-vus, gelangt man dann also zum Regionalteil. Dieser gliedert sich in zwei Teile: Zum einen geht es um Themen, die den Landkreis und das grobe Umfeld betreffen. Das können Beschlüsse des Kreisrates, Debatten über die Kreiskliniken oder Vergleichbares sein. Sie haben einen gut recherchierten, verständlichen, qualitativen und hochwertigen Inhalt. Zum anderen gliedern sich die noch regionaleren Informationen in einem extra Bereich. Hier findet man Berichte über Konzerte, Fußballspiele oder anderweitige kommunale Ereignisse.

Leider finden sich beim Lesen dieser Artikel immer wieder störende Fehler, so werden zum Beispiel bei Konzerten die Namen der Dirigenten oder der einzelnen Werke falsch aus dem Programmheft abgeschrieben. So setzt sich der Inhalt aus falsch geschriebenen Namen, der Reihenfolge der Stücke und einem Standard-Schlusssatz wie: „Das Publikum ließ seiner Begeisterung durch einen lautstarken und langen Applaus freien Lauf.“ zusammen. Doch eine kritische und objektive Meinung, wie also das Konzert gespielt wurde, wird leider nicht in Erfahrung gebracht, weshalb man sich lieber auf der Homepage des Orchesters informiert, um dort wenigstens die richtig geschriebenen Titel und Namen zu lesen. Das Konzert dient hierbei nur als Beispiel, denn ein Großteil des Kommunalteils ist so aufgebaut und geschrieben.

Lokaljournalismus fehlt es an Qualität und fruchtbarer Konkurrenz

Mangel an fähigen Journalisten, Geld und keine Konkurrenz, sind die Gründe, die zu so einem dürftigen Ergebnis führen. Es fehlen Journalisten, die ein Fachgebiet haben und durch einbringen ihres Wissens einen Inhalt ansprechend und informativ gestalten. Es genügt nicht, wie es aber leider oft der Fall ist, einem Abiturienten eine Kamera in die Hand zu drücken und ihn auf Veranstaltungen zu schicken, obwohl er dafür nicht das richtige Hintergrundwissen besitzt oder die Fähigkeit zu schreiben. Personalkosten sind hoch und an diesen wird gespart.

Ein anderes Problem stellt die mangelnde Konkurrenz dar. Zwischen Ulm und Bodensee ist den meisten wohl nur ein Medienhaus bekannt, das der Schwäbischen Zeitung. Es gibt keine Alternativen zwischen denen der Konsument wählen könnte. Die Schwäbische Zeitung besitzt somit keinen Grund etwas an ihrer Berichterstattung zu ändern, solange diese Zeitung noch gekauft wird. Dem Konsumenten kann man hierbei keinen Vorwurf machen. Um immerhin noch ein wenig über die Region informiert zu werden, bleibt ihnen nichts anderes übrig, als in den sauren Apfel zu beißen und auf die Inhalte des einen Medienhauses zuzugreifen.

Hinzukommend fällt auf, dass der Kommunalteil keine kritischen Artikel enthält. Die Befangenheit der Autoren könnte ein Grund sein. Sie leben selbst in den Orten über die sie schreiben. Schreiben sie dort etwas kritisches, so sinkt ihr Ansehen. Diejenigen, die für ein Ereignis verantwortlich sind, fühlen sich schon beleidigt, wenn in einem Artikel auch die negativen Seiten erwähnt werden. Es fehlt das Verständnis für positive und negative Kritik. Auf Seiten der Rezipienten, als auch auf der Seite der Journalisten. Die Verlage müssen an ihren Inhalten arbeiten. Sie brauchen nicht das abzudrucken, was schon von großen Medienhäusern publiziert wurde. Die „kleinen“ Regionalzeitungen haben keine Chance dort mitzuhalten, denn die Konkurrenz besitzt eine Menge Auslandskorrespondenten, sowie viele verteilte Studios auf der Welt. Der globalen Berichterstattung haben sich die öffentlich rechtlichen Sender angenommen. Die „kleinen“ Verlage haben eine Chance im Regionalen. Es müssen mehr ansprechende und qualitative Artikel zu Geschehenem, oder Impressionen zu Vorausgehendem aus der Region geben. Durch einen vermehrten Einsatz von Video, Audio und Bildern ist das möglich. Beispielsweise bietet es sich an im Anschluss einer Kulturnacht eine professionelle zehnminütige Reportage mit ausreichend qualitativem Videomaterial zu veröffentlichen, um einen reellen Eindruck zu vermitteln.

Auch würden sich bei Konzerte Audiomitschnitte anbieten. Diese könnten pro Werk 1-2 Minuten dauern. Das ist eine geeignete  Möglichkeit für den Konsument sich seine eigene Meinung zum Konzert zu bilden. Durch den Zugriff über Browser und benutzerfreundlichen Apps für Tablets und Handys wäre es für den Rezipient unkompliziert diese Informationen abzurufen.

Bei den oben genannten Techniken entstehen natürlich immense Kosten. Man benötigt Personal mit ausreichendem Know-how für solch eine Berichterstattung. Eine Alternative wäre für Video- oder Fotoaufnahmen einen externen Dienstleister zu beauftragen. Dies hat zudem noch den Vorteil: Sind mehrere Dienstleister zur Auswahl, erfolgt eine Qualitätssteigerung durch zunehmende Konkurrenz. Einzelnes und unkompliziertes kaufen der Artikel würde zwei weitere Vorteile bringen. Erstens: Der Leser kauft nur das, was er lesen möchte und zweitens: Lässt sich eine Provision an die Redakteure, die sich anhand der Leserzahlen und Weiterempfehlungen der Artikel orientiert, auszahlen. Das verstärkt die Motivation beim Journalisten qualitativ hochwertigere Artikel mit interessanten Inhalten zu schreiben.

Warum etwas lesen, das gestern schon im Internet stand?

Zeitungen sollen also nicht das abdrucken, was bei 100 anderen Quellen schon zu lesen ist, sondern sich auf einen Bereich „spezialisieren“, um dort professionelle und ansprechende Artikel mit Hilfe der unterschiedlichsten Medien (Video, Foto, Audio)  gestalten und diese einzelne Artikel unkompliziert zum Kauf anbieten. So kann sich jeder die Informationen nach seinen Wissensbedürfnissen zusammenstückeln. Die Verlage werden sich meiner Meinung nach früher oder später mit diesem Thema aktiv auseinander setzen müssen. Nämlich dann, wenn es für die Leser andere Alternativen gibt, wie zum Beispiel Regionalblogs, die auch Liveticker oder zeitnahes Berichten über Ereignisse in Audio, Video oder Bild ermöglichen. Dann wird kaum noch jemand bis zum nächsten Tag warten, um einen stumpfen Artikel in der Zeitung zu lesen. Auch die Motivation sich mit der Bedienung neuer Medien auseinanderzusetzen, um die Informationen schnell abrufen zu können wird bei jedem steigen.

Trotzdem möchte ich anmerken, dass diese Kritik an unseren regionalen Zeitungen auf sehr hohem Niveau ist. Wir in Deutschland haben das Glück Pressefreiheit zu erleben. Dies ist immer noch nicht in allen Ländern dieser Erde der Fall. Das zeigt ein ganz aktueller Bericht vom Montag aus Myanmar. Dieser Staat hat seit Montag wieder nach einem halben Jahrhundert private Tageszeitungen, die (vorerst einmal) ohne Staatseinfluss berichten dürfen. Doch für uns gilt: „Wenn man von der Quelle trinken kann, sollte man sich nicht mit abgestandenem Wasser zufrieden geben.“ (Heinz Lüthi)


Teaserimage by NS Newsflash (CC BY 2.0 )


Image by Andreas Praefcke (Public Domain)



Über den Autor / die Autorin
ist Abiturient am sozialwissenschaftlichen Gymnasium in Ehingen und seit 10 Jahren aktiver Musiker. Er ist interessiert für die unterschiedlichen Arten von Medien, sowie den vielen verschiedenen Formen der Öffentlichkeitsarbeit. Nach dem Abitur wird er an der Dualen Hochschule Ravensburg Wirtschaftsinformatik studieren. | Twitter, Google+, Facebook

 

4 Kommentare zu “Zukunft Zeitung, mehr Flexibilität gefordert?”
| Mo schreibt:

Wer ein paar gute Impressionen erhalten möchte, wie moderner Lokaljournalismus aussehen kann: http://www.zoom-Berlin.com
Dort wird Lokaljournalismus auf die Spitze getrieben. Es geht um eine einzige Straße, die Oranienstraße in Berlin.

 
| Dieter Brodbeck schreibt:

einfach treffend erfasst. Eigentlich müssten die Verlage anhand ihrer Abonenntendaten das Datum errechnen können, zu dem die Vertriebskosten die Papierkosten nicht mehr decken werden. Die no@Generation, zu deren morgentliches Ritual die Tageszeitung gehört, stirbt weg. Und daran lässt sich nichts schön reden ….

 
| Bücherrevolution | ZAFUL schreibt:

[…] irgendwie passend: Zukunft Zeitung auf Netzpiloten, ein Beitrag von Benedict Schultheiß, der auf den unbedingt lesenswerten Artikel […]

 
| Maillot Bresil Pas Cher schreibt:

I have no idea how you do this but I’m completely fond of this blog.

 
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