Unheimlich praktisch: Smartphone-Assistent Google Now im Test

Das zukunftsträchtige Feature für Android und iOS-Geräte ist es noch nicht wert, sich so tief in die eigenen Daten blicken zu lassen. // von Jakob Steinschaden

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Es ist kein großes Geheimnis: Smartphones sollen uns als persönlicher Chefsekretär dienen und durch den Tag begleiten. Während Apples Siri bisweilen eher wegen ihren versteckten Witzen auffällt, versucht sich Google Now auf Android-Handys (ab Jelly Bean 4.1) und auf iOS-Geräten (in der Google Search-App) nützlich zu machen. Das funktioniert teilweise schon ganz gut, ist aber auch gruselig – denn Google Now zeigt auch, wie sehr uns der Internetkonzern bereits durchleuchtet.


  • Anders als Apples Siri wird Google Now nicht aktiv gefragt, sondern läuft im Hintergrund.
  • Google Now durchleuchtet die Google-Dienste des Nutzers nach auswertbaren Daten.
  • Bis Werbung unter die Informationen gemischt wird, ist nur eine Frage der Zeit,

Roman hat heute Geburtstag, gratuliere ihm auf Google+” – “Heute Abend 20:45 spielt Juventus Turin gegen AC Mailand” – “Am Montag hat es 17 Grad, leicht bewölkt” – “In die Arbeit dauert es per Auto 22 Minuten” – “Die Tesla-Aktie ist um 4,43 Prozent gestiegen”. Informationen wie diese liefert Google Now Millionen Nutzern aufs Handy-Display. Ob auf Android oder iOS – um die Daten auf den Touchscreen zu holen, reicht es, Google-App bzw. das Widget anzutippen. Denn der Dienst werkelt stets im Hintergrund und will die Daten immer bereithalten, damit man gar nicht danach fragen muss. Insofern unterscheidet sich Google Now stark von Apples Siri: Den bekannten iOS-Assistenten, erdacht von Siri-Erfinder Adam Cheyer, muss man immer erst etwas fragen und hoffen, dass die Software die Frage auch versteht. Now hingegen wertet Suchanfragen aus, liest E-Mails aus, ortet die Wetterlage, scannt den Verkehr, checkt den Kalender oder schlägt im TV-Programm nach und errechnet daraus die virtuellen Kärtchen, auf denen die Infohappen zeitgerecht und durchaus ansprechend präsentiert werden.

Voraussetzung für den kostenlosen Service ist natürlich, dass der Nutzer auch “Ja” dazu sagt – und sich viel in der Google-Welt bewegt. Denn die Daten zieht Now aus Google-eigenen Diensten – werden Termine in einer Apple-App eingegeben, Geburtstagserinnerungen bei Facebook gelesen oder E-Mails per Microsofts Outlook verschickt, hat Google natürlich keinen Zugriff darauf und dementsprechend kleine oder große blinde Flecken. Search, Maps, Gmail, Kalender, Google+ – damit Now auch wirklich effektiv ist und möglichst viele Daten zusammenführen kann, muss man schon ein ziemlicher Google-Liebhaber sein. Selbst eingefleischten Fans des kalifornischen Internetkonzerns könnte der Dienst dann auch unheimlich werden. Etwa, wenn man nach einem Restaurant googelt und Now gleich den passenden Anfahrtsweg berechnet, als hätte es (er? sie?) erraten, das man dort reserviert hat. In den USA kann der Dienst bereits an Veranstaltungen erinnern, wenn man ihn in die E-Mails schauen lässt und er dort elektronische Eintrittskarten findet.

Auch als Reiseführer will Google Now auftrumpfen: Die Software erkennt bei Erlaubnis auf GPS-Zugriff, ob man gerade auf Reisen ist und zeigt dann Umrechnungskurse, Übersetzungen oder Sehenswürdigkeiten in der Nähe an. Doch so wertvoll sind diese Informationen, die im Ausland wegen Daten-Roaming einiges kosten können, dann auch wieder nicht.

So aufregend Google Now klingt, so unspektakulär ist es letztendlich. Sicher ist es toll, dass jeden Tag die Fahrzeit zur Arbeit errechnet wird – aber welcher Autofahrer, der jeden Tag die selbe Strecke fährt, braucht diese Information wirklich? Fragwürdig ist auch, warum Google will, dass man seine Pendlerstrecke automatisch im hauseigenen Netzwerk Google+ veröffentlicht. Die Kontakte (und vielleicht auch der Chef) bekommen dann die spannende Information, dass man jetzt am Heimweg ist. Google liegt hier einer Fehleinschätzung auf: Google+ ist nur für die wenigsten ein Freundes-Netzwerk wie Facebook, sondern lebt ähnlich wie Twitter vom Kontakt zu Branchenbekannten. Deswegen ist es auch ziemlich unnötig, Google+-Geburtstage in “Now” angezeigt zu bekommen. Hier kocht Google noch zu sehr sein eigenes Süppchen, während Apples Siri bereits Anbindungen an Twitter, Facebook, Yelp, Fandango, OpenTable oder Wolfram Alpha bekommen hat.

Praktischer erscheint es da schon, dass der Dienst Sportbegeisterte auf dem Laufenden halten will und über die Spielstände von Lieblingsmannschaften in Echtzeit informieren kann. Das klingt toll, ist aber noch dürftig umgesetzt. Beispiel Champions League: Derzeit kann man offenbar nur Mannschaften aus den vier großen Fußballnationen Deutschland, England, Spanien und Italien verfolgen. Benfica Lissabon? Olympique de Marseille? Austria Wien? Fehlanzeige. Was in Europa auch nicht funktioniert, sind die TV-Karten, die passend zum Fernsehprogramm Informationen etwa über Schauspieler aufs Smartphone oder Tablet (Stichwort “Second Screen”) liefern.

Insgesamt ist Google Now für mich kein echter Zugewinn. Der Preis für eher banale Informationen, an die man leicht auch anders (Apps, Web, Fenster) gelangt, ist ziemlich hoch; immerhin durchleuchtet Google Now in bester Spionagemanier E-Mails, Freizeitgewohnheiten und Bewegungsmuster. Das Smartphone wird so nur noch ein Stück mehr zum Tracking-Gerät. Und in den Marketingabteilungen des Konzerns rattern sicher schon die Gehirne, um sich Wege ausdenken, wie man Now bewirtschaften kann. Denn was spricht eigentlich dagegen, dem Nutzer (auf hoffentlich gekennzeichneten Now-Karten) bestimmte Restaurants, Shops oder Fernsehsendungen zu präsentieren, die zu seinen Vorlieben passen? Mi dem Einverständnis des Users, versteht sich.


Teaser & Image by Google

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Jakob Steinschaden

Jakob Steinschaden

ist seit 2006 publizistisch auf Papier und Pixel tätig. Er arbeitet in Österreich als Journalist und hat die beiden Sachbücher "Phänomen Facebook - Wie eine Webseite unser Leben auf den Kopf stellt" (2010) und "Digitaler Frühling - Wer das Netz hat, hat die Macht?" (2012) veröffentlicht. In seinem Blog “Jakkse.com” und in Vorträgen schreibt und spricht er gerne über die Menschen und ihr Internet – von Social Media über Mobile Business und Netzpolitik bis zu Start-ups.

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