Vom geldgierigen Apple zum datenhungrigen Google

Mehr als eine Milliarde aktivierter Android-Geräte, mehr als 700 Millionen verkaufter iOS-Geräte: Apple und Google sind die beiden vorerst unbesiegbaren Champions der mobilen Welt. Doch auf welche Seite schlägt man sich als Konsument? Als langjähriger iPhone-Nutzer habe ich vor einigen Monaten den Wechsel auf die andere Seite gewagt – und sowohl gute als auch schlechte Erfahrungen damit gemacht.

Weil mich das iPhone 5 bzw. 5S nicht mehr so angesprochen hat wie die ausgezeichneten Vorgänger-Modelle 4 und 4S, habe ich mich vor einigen Monaten entschieden, auf Googles Android zu wechseln. Denn da drüben, im anderen Lager, gibt es mittlerweile einen Haufen attraktiver Smartphones, und das Nexus 5 von Google/LG (399 Euro, 16 GB) hat mich dann letztendlich überzeugt. Das sind 300 Euro weniger als für das neueste Apple-Smartphone.

Wenn ich heute mein Android-Gerät auf den Tisch lege, fragen mich nicht wenige Bekannte, die mich in den vergangenen vier Jahren als iPhone-User kannten, warum ich bloß gewechselt habe. Meine Antwort: Der günstigere Preis ist nur ein Grund von vielen. Apple ist in den vergangenen zwei Jahren nicht mehr innovativ genug. Der Fingerabdruck-Sensor des iPhone 5S in Ehren, aber ohne diese Spielerei kann ich auch ganz gut weiterleben. Wichtiger als die Hardware (hohe Display-Auflösungen, schnelle Prozessoren und ganz gute Kameras haben eigentlich eh schon fast alle Modelle) ist mir ohnehin die Software – und da hat Apple mit seinem iOS 7 bekannterweise ein wenig gepatzt. Kindisch, bunt, wie aus den 1970ern: Auch wenn auf drei von vier iOS-Geräten die siebente Version des mobilen Betriebssystems installiert ist, heißt das nicht, das alle User zufrieden damit sind – die meisten meiner Bekannten mit iPhones meinen, dass man sich halt an den neuen Look gewöhnen und im Prinzip das Gerät weiter wie bisher nutzen könne.

Bei Android bzw. seiner aktuellsten Version KitKat fühlt man sich als langjähriger iPhone-Nutzer schnell zu Hause (eine Anleitung zum Umzug findet sich etwa bei Google-Chef Eric Schmidt). App-Symbole, nach rechts Wischen zu den weiteren Homescreens, der Rollbalken von oben mit den Notifications, ein gemeinsamer Posteingang für alle E-Mail-Konten, Schnellzugriff auf die Kamera usw. – das ist dem iPhone alles sehr ähnlich (wer hier von wem abgeschaut hat, ist Gegenstand vieler anderer Artikel). Was es beim iPhone aber immer noch nicht gibt, sind die Widgets: So kann man sich etwa eine große Uhr auf den Homescreen legen oder über eine Schaltfläche und ohne Extra-Befehl Bluetooth, WLAN, GPS oder Bildschirmhelligkeit steuern.

Während Apples Sprachsteuerung Siri für mich nur ein Party-Gag war und im Alltag wenig Nutzen bewies, wird der unheimliche, weil Nutzerdaten verarbeitende Android-Assistent “Google Now” (hier mein Testbericht dazu) immer praktischer – etwa, wenn er unaufgefordert schon mal die Route zum nächsten Termin berechnet. Und eines steht bei den Nexus-Smartphones, die Google gemeinsam mit Partnern wie LG, Samsung oder HTC entwirft, natürlich stark im Vordergrund: die Suche. Beim Nexus 5 etwa findet sich auf jedem Homescreen ein prominent platziertes Suchfeld – so prominent, dass ich die App des mobilen Browsers gar nicht mehr benutze. Nachteilig ist jedenfalls, dass es bei Android nicht jede App gibt bzw. ihre iOS-Versionen noch immer von ihren Entwicklern bevorzugt behandelt werden.

Dass die Google-Suche bei Android-Handys sehr präsent ist, zeigt exemplarisch natürlich eines auf: So, wie man sich beim iPhone dem System Apple ausliefert, ist es genauso hier. Auch wenn man immer die Möglichkeit hat, Alternativen zu installieren (z.B. Firefox statt Chrome, Wuala statt Google Drive, Yahoo Mail statt Gmail, etc.), sind Android-Geräte natürlich in erster Linie datensammelnde Satteliten des Google-Imperiums. An immer mehr Stellen drängen sich Google-Dienste in den Vordergrund – etwa, wenn die vorinstallierte SMS-App “Hangouts” heißt und nicht nur SMS senden und empfangen kann, sondern auch gleich eine Anbindung an den gleichnamigen Google-Chat ist, oder wenn die eigene Kontaktliste um Google-Suchergebnisse aus der Umgebung angereichert wird.

Googles Hauptgeschäft liegt darin, Nutzerdaten zu Werbezwecken auszuwerten, während Apple vorrangig mit dem Verkauf von Hardware sein Geld macht. Netzwertig-Autor Martin Weigert etwa argumentierte deswegen kürzlich, dass er das “dumme iOS” deswegen dem “smarten Android” vorziehe, weil er sich dem alles auswertende Google-System nicht “bedingunslos ausliefern” wollen würde. Dieses Argument hat natürlich etwas für sich. Aber: Auch bei Apple liefert man sich dem System des Unternehmens aus. Apps müssen (mal abgesehen vom Jailbreak) im App Store erlaubt sein, iMessages funktioniert nur im Zusammenspiel mit anderen iOS-Geräten, und die Apple Maps sind in vielen Anwendungen integriert, die in irgendeiner Form etwa mit Ortung zu tun haben (von Foursquare über Yelp bis Facebook). Bei Android hat man immerhin die Möglichkeit, sich einfach Apps für verschlüsselte Kommunikation wie RedPhone, Orbot oder TextSecure zu installieren, während diese und andere Verschlüsselungs-Apps (z.B. auch CryptoCat) bei Apple nicht zugelassen sind – das ist im NSA-Zeitalter ein klarer Vorteil von Android.

Insgesamt ist der Wechel von iPhone zu Android wenig dramatisch und mit Hilfe der Cloud, in der E-Mails, Facebook, Twitter, Spotify-Musik, Evernote-Notizen, Flickr-Fotos lagern, einfach zu bewerkstelligen. Der Umstieg ist einfacher als viele denken, weil sich die beiden Betriebssysteme eigentlich sehr ähneln. Bei welcher Firma man nun schlechter aufgehoben ist – beim geldgierigen Apple oder beim datenhungrigen Google -, bleibt Ansichtssache. Als Neo-Androide könnte ich argumentieren, dass man bei Google für seine Daten mehr Nutzen zurückbekommt als bei Apple für sein Geld. Oder einfach darauf warten, bis es ein alltagstaugliches Crypto-Fair-Phone zu einem angemessenen Preis gibt.


Image (adapted) “iPhone vs. Android“ by nrkbeta (CC BY-SA 2.0)


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Jakob Steinschaden

Jakob Steinschaden

ist seit 2006 publizistisch auf Papier und Pixel tätig. Er arbeitet in Österreich als Journalist und hat die beiden Sachbücher "Phänomen Facebook - Wie eine Webseite unser Leben auf den Kopf stellt" (2010) und "Digitaler Frühling - Wer das Netz hat, hat die Macht?" (2012) veröffentlicht. In seinem Blog “Jakkse.com” und in Vorträgen schreibt und spricht er gerne über die Menschen und ihr Internet – von Social Media über Mobile Business und Netzpolitik bis zu Start-ups.

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