Spieleentwickler gegen Fake News

Was ich toll an dem Spiel finde, ist, dass ich sehr schlecht darin bin und dass andere Leute sehr schlecht darin sind.“ Möchtest du deine eigenen Fake News erstellen? Ja, dafür gibt es eine App. Möchtest du Spaß dabeihaben, wenn du lernst, wie du Fake News von deinem Medienkonsum entfernst? Zum Glück gibt es dafür auch einige Apps.

Die Epidemie von Fake News während und nach der Präsidentschaftswahl in den USA brachte mehrere Spieledesigner und Journalisten dazu, über den Tellerrand hinauszuschauen, um gegen das Problem anzugehen. Sie sagen, dass große Geister ähnlich denken – und drei verschiedene Gruppen haben drei ähnliche Apps entwickelt, um Usern zu helfen, wie sie den Unterschied zwischen marktschreierischen Schlagzeilen und tatsächlichen Fakten erkennen können.

„Es ist heutzutage anstrengend, politisch aufmerksam zu sein”, meint Christopher Cinq-Mars Jarvis, der Entwickler eines Spiels, das auf überprüften Behauptungen von PolitiFact basiert. „Etwas, das es etwas erreichbarer macht und Hilfe anbietet. Dies funktioniert nicht nur mit Politik, sondern mit einer Vielzahl an Dingen.“

Nach der Wahl war Jarvis inspiriert, sich mit PolitiFact zusammenzutun, um das Handyspiel PolitiTruth zu entwickeln. Die Agentur für Digitale Medien ISL mit Sitz in Washington D.C. kreierte ‚Fake News: The Game‘ und veröffentlichte es als eine App und als Handyspiel für Spielautomaten, wie sie in manchen Bars stehen. Und Maggie Farley, ein Mitglied der JoLTan der American University und ehemalige L.A. Times-Korrespondentin, entwickelte das Konzept eines Fake News-Spiels mit Lindsay Grace, der Geschäftsführerin von AU Game Lab, sogar noch vor der Wahl – obwohl das Labor kurz vorher die Version 2.0 von Factitious veröffentlichte. Dabei handelte es sich um ein browserbasiertes Spiel.

Die Spiele haben alle etwa das gleiche Setup: Der Spieler bekommt eine Überschrift, einen Artikel oder eine Behauptung und muss dann den Wahrheitsgrad erraten. Nichts davon ist ausgedacht – alles ist irgendwo online veröffentlicht worden, entweder auf einer Website, die bekannt für Fake News ist, oder auf einer Seite einer wirklich existierenden Organisation. ‚Fake News: The Game‘ zeigt nur eine Überschrift und Facticious bezieht einen kleinen Ausschnitt eines Artikels mit einer Überschrift und einer Quelle ein, wenn man dies auswählt. (Factitious ist ein Open Source-Projekt, das mit der Knight Foundation entwickelt wurde, die für Gaming im Journalismus gewährt wird. Knight unterstützt auch das Nieman Lab.)

PolitiTruth bezieht aus dem Archiv von PolitiFact aus überprüften Behauptungen bestimmte Zitate und den Namen der Person, von der es stammt. Auch wird drn Kontext, der besagt, wann und wo das Zitate entstanden ist, angegeben. Der Spieler muss dann den Wahrheitsgrad der Behauptung des Zitats erraten. Man erhält Punkte für richtige Antworten. Bei manchen Spielen werden die auf einer weltweit einsehbaren Liste angezeigt.

Machen diese Spiele so süchtig wie Pokemon Go oder Candy Crush? Das ist zu hoffen. „Die globale Pandemie von falschen Informationen ist offensichtlich unvermeidbar und wahr und wenn wir auch nur eine winzige Rolle spielen können, um dagegen angehen zu können, dann sind wir erfreut und gespannt, dass wir etwas für die gute Seite tun können“, sagt D.J. Saul, Marketingchef und Geschäftsführer von ISL.

Gaming im Journalismus ist ein Konzept, das zunehmend Erfolg hat. Das bestätigt zumindest Rose Eveleth kürzlich in unsererem Schwestermagazin, den Nieman Reports:

Da die digitale Technologie es ermöglicht, immer mehr aus unserem Leben als Kunden mit einzubringen, zu spielen, Punkte zu sammeln oder gegen andere anzutreten, haben sämtliche Firmen Dinge wie Spiele in ihre Strategien eingebunden. Energielieferanten bewerten deine Energieeffizienz im Vergleich zu anderen Haushalten in deiner Nachbarschaft; Krankenversicherungen motivieren dich, Punkte zu sammeln, indem du Sport machst und aktiv bleibst. Foursquare motiviert seine Nutzer, regelmäßig ihre Lieblingsorte zu besuchen, um zu „gewinnen“ und Bester zu werden.

Für Journalisten bieten diese Art Spiele eine attraktive Möglichkeit, um Geschichten zu erzählen. Sie können komplexe System simulieren, bei denen verschiedene Entscheidungen unterschiedliche Enden bewirken können. Sie können Emotionen und Dringlichkeit in den Spielern hervorrufen. Und sie können die Menschen mit Erfahrungen in Verbindung bringen, die sie womöglich niemals im echten Leben haben werden. „Unser Job als Journalisten ist es, die Öffentlichkeit zu informieren“, sagt der Journalist und Spieledesigner Sisi Wie. „Indem wir Emotionen und Empathie nutzen, wird es durch das Spiel für den Leser möglich, sich auf eine neue Weise zu informieren, die die Leser sofort verstehen und sich auch später noch daran erinnern können.“

Nach links oder rechts zu wischen, um eine Entscheidung zu fällen, iwie es bei Dating Apps wie Tinder und Bumble üblich ist, kann hier genauso hilfreich sein. Ich habe mit Mitgliedern aus jedem Entwicklerteam gesprochen, um zu sehen, was sie wirklich aus ihren Fake News-Spielen gelernt haben. Dies haben sie herausgefunden:

Ein Fake-News-Spiel ist nicht so weit hergeholt

Lindsay Grace, der Geschäftsführer des AU Game Lab, ist fasziniert vom Konzept von Spielen in Nachrichtenproduktion. The Onion ist eine besondere Spieleform. Wo hat dies einen Platz im großen Mediensystem?“ sagt er. „Die Menschen verbinden Unterhaltungsnachrichten, Leute wie Jon Stewart und die vielen Daily Shows mit traditionellen Nachrichten und sie verschmelzen miteinander… Wir haben herausgefunden, dass es innerhalb der Spielewelt ebenfalls Verschmelzungen gibt. Wir haben das Konzept die ernsten Spiele verkauft. Hier glaubt man, dass Spiele uns helfen, uns anders zu entwickeln, Lernmöglichkeiten und Möglichkeiten bieten, um komplexe Systeme zu verstehen. Warum sollte man dies nicht miteinander verbinden?“

Jarvis, der Entwickler von PolitiTruth, ist als Programmierern geboren. Mit dem Journalismus hat er nicht so viel am Hut, obwohl PolitiFact ihm durchaus ein Begriff ist. „Es entstand eine abhängige Beziehung seit der letzten Wahl“, erzählt er. Seine Idee für ein Fake News-Spiel „entstand, als ich sah, dass sie eine offene Programmierschnittstelle haben. Ich dachte, dass dies eine optimale Gelegenheit ist, um etwas zu erschaffen, wo man die Menschen motivieren kann, sich diesem tollen Journalismus zu stellen und sie in gewisser Weise auszutricksen, indem es in einen Wettkampf umwandelt.“

Manchmal braucht man mehrere Versuche, um das richtige Spieledesign zu schaffen

Factitious von AU begann vor der Wahl als Gameshow Spiel. Aber es wurde schnell klar, dass für Personen, die nichts mit Nachrichten zu tun haben, das Spiel zu steuern, erläutert Grace. „Die erste Version dieses Spiels passte nicht wirklich zu dem, was wir über die Aufmerksamkeitsspanne von Menschen wissen, wie die Interaktion Spaß macht und wie man eine schnelle mobile Erfahrung designt. Die zweite Version hat all diese Punkte bereits eingebaut.“ Die Änderung zahlte sich aus: das erste Spiel hatte nur ein paar hundert Spieler, aber Grace meint, dass Factitious mehrere Millionen Mal in den wenigen Monaten gespielt wurde, in denen es live erreichbar ist.

Das Wischen wie bei Tinder funktioniert

Grace gab zu, dass die Einführung vom „Wischen nach links oder nach rechts, um zu sehen, ob ein Artikel echt ist oder unter Fake News fällt“, einen entscheidenden Unterschied für das neue Design machte. Jarvis von PolitiTruth bemerkte einen ähnlichen Erfolg: „Als wir das Spiel bei der E3 [die Electronic Entertainment Expo in Los Angeles] bekanntgaben, nannten die Menschen es gerne ‚Tinder für Fake News‘.“

Informationen wollen aufgesaugt werden

In den ersten drei Tagen von Factitious spielten sich die Teilnehmer laut Grace durch 1,6 Millionen Artikel. Das durchschnittliche Ergebnis für Menschen, die die 15 Artikel des Spiels durchspielten, liegt bei 82 Prozent richtigen Antworten. „Wenn man gut spielen möchte, kann man den Inhalt jedes Artikels überprüfen, bevor man wischt“, sagt er. „Das ist eine Verhaltensänderung, die sonst nur durch Twitter oder Facebook scrollen und nur teilen, ohne zu überprüfen, ob es wahr ist.“

Saul von ISL führt aus, dass die Daten von ‚Fake News: The Game‘ zeigen, dass die Menschen immer akkurater werden, je öfter sie spielen. Die Spieler haben einen Durchschnitt von 65 Prozent in der korrekten Identifizierung von realen oder falschen Überschriften.

Die Nutzer von PolitiTruth haben eine weltweite Erfolgsrate von 70 Prozent, meint Jarvis. „Das Spiel wäre kein nützliches Mittel, wenn man immer 100 Prozent erreichen würde.“ Er merkte an, dass die Ausschnitte in dem Spiel tatsächlich manche Nutzer informieren. „Die Menschen sollen nicht denken, sie müüssen den ganzen Artikel lesen, aber sie können es tun. Wenn etwas merkwürdig erscheint, können sie direkt auf die Nachrichtenseite weitergeleitet werden. Sie können sogar sehen, wie Kommentarschreiber und andere Menschen auf diese journalistische Erhebung geantwortet haben“, sagte er.

Die Menschen sind davon überrascht, wie schlecht sie abschneiden

“Es macht viel Spaß, den Menschen dabei zuzuschauen, wie sie das Spiel spielen. Sie können nicht glauben, dass manche Ergebnisse tatsächlich wahr sind. Sie glauben jedoch auch nicht, dass etwas falsch ist – auch wenn sie die Antwort bereits kennen“ berichtet Saul. (Zusätzlich zur App reist ‚Fake News: The Game‘ durch verschiedene Bars in der Region von D.C. im Stile eines Arcade-Spiels aus den Neunzigrn.)

“Was ich an dem Spiel wirklich toll finde, ist, wie schlecht ich darin bin und wie schlecht andere Menschen darin sind”, schlussfolgert Jarvis über PolitiTruth. „Sogar Menschen, die insgeheim denken, dass sie wissen, was passiert, wischen nach links und liegen komplett falsch. Es ist eine große Herausforderung für das politische Bewusstsein.“

Jedoch kann es Menschen frustrieren, weswegen sie das Spiel schnell verlassen. Grace schloss daraus, dass es einen deutlichen Unterschied zwischen Menschen gibt, die Zeit damit verbringen Factitious durchzuspielen und denen, die das Spiel vorzeitig verlassen. „Die Menschen, die aufgeben, erzielen meistens schlechte Ergebnisse und verlassen das Spiel vor dem vierten ALevel,“ erläutert er und bemerkt, dass diese Gruppe rund 20 bis 30 Prozent der Spieler ausmacht. „Sie sind frustriert und kriegen nicht die Antwort, die sie erwarten.“

Auch die Entwickler lernen – aus den Daten der Spieler

„Wir führen detaillierte Statistiken, die wir hoffentlich demographisch analysieren können, um gezielt zu sehen, woher die Fake News kommen und wer dafür am anfälligsten ist,“ fasst Jarvis zusammen. Aaron Sharockman, Geschäftsführer von PolitiFact, führt aus, dass diese Einblicke in das Verhalten der Nutzer dem zukünftigen Faktencheck behilflich sein können. „Die Menschen spielen das Spiel gerne, aber wir kriegen viele Informationen nebenbei, die wir nutzen können“, sagte er.

„Wir können darüber nachdenken, was wir auf Fakten überprüfen und wie wir das machen.“ Als Teil der Knight Foundation, die die Produktion des Spiels unterstützt, hat das Factitious Team vor, die Daten mit verschiedenen Nachrichtenorganisationen zu teilen. „Wir können es dort auslegen und unsere Zielgruppe das Spieldurchspielen lassen“, erklärt Grace. „Nachrichtenorganisationen können Dinge machen, wie das Bild tauschen… Überschriften bearbeiten, den Haupttext einsehen.“

Diese Spiele sind nicht das Ende

ISL überlegt, seine Sets zu verkaufen, sodass die Menschen die Arcadeversion von ‚Fake News: The Game‘ selbst aufbauen können, aber auch, dass Spieler das Spiel mit Alexa von Amazon mit einem von ISL entwickelten Skill zu nutzen. Saul erklärte, dass ein vorgeladener O-Ton von Donald Trump den Nutzern mitteilt, ob sie richtig oder falsch liegen.

Da Factitious ein Open-Source-Projekt ist, ist AU Game Lab vorsichtig in Bezug auf Fake News-Produzenten, die falsche Versionen des Spiels anbieten. „Wir haben es so gestaltet, dass es leicht erreichbar ist. Die Herausforderung ist, dass wir auch in Bezug auf Branding vorsichtig sein müssen,“ sagt Grace. „Wenn jemand ein Fake News Spiel entwickeln möchte und sämtliches schädliches Material einbauen möchte, müssen wir aufpassen.“ Andererseits ist PolitiFact gespannt PolitiTruth als ein neues Mittel für Reichweite zu haben. “Während wir alles versuchen, um so transparent und objektiv wie möglich zu sein, gibt es Teile in der Bevölkerung, die uns als voreingenommen betrachten,“ sagt Sharockman. „Das Spiel wäre ein neuer Weg, um Leser in einem anderen Format zu erreichen, mit ihnen in einer neuen Weise zu interagieren und langzeitig zu sehen, ob wir das Vertrauen in den Faktencheck und PolitiFact selbst verbessern können.“

Sharockman fügte in diesem Herbst hinzu, dass PolitiFact verschiedene Experimente veröffentlichen wird, um die Verbreitung von Fake News mit der Unterstützung der Knight Foundation zu bekämpfen. Dieses Spiel ist einer dieser Experimente und Sharockman hofft auch, dass das Spiel Einzug in die Schulen halten wird, um für mehr Nachrichtenkompetenz sorgen zu können.

Dieser Artikel erschien zuerst auf „NiemanLab“ unter CC BY-ND 4.0. Übersetzung mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.


Image (adapted) „Spiel“ by Pexels (CC0 Public Domain)


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Christine Schmidt

Christine Schmidt

hat 2017 eine Fellowship für das Google News Lab beim NiemanLab erhalten. Erst vor Kurzem machte sie ihren Abschluss in Staatswissenschaften an der Universität von Chicago. Zudem war sie als Autorin bei The Dallas Morning News und NBC4 in Los Angeles tätig.

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