Quartz passt sich mit einer neuen App an seine Leser an

Seit dem Launch im Jahr 2012 befand sich Quartz immer unter den am schnellsten wachsenden und am meisten beobachteten digitalen News-Seiten. Die zu Atlantic Media gehörende Seite war den Medientrends oft voraus, indem sie den Fokus auf Mobile-First und dem Teilen auf den sozialen Netzwerken, Email-Newslettern und hochqualitative Apps legte. In einem Memo, das der Quartz-Herausgeber Jay Lauf und Redakteur Kevin Delaney am Donnerstag an die Belegschaft veröffentlichten, heißt es, dass der Umsatz der Seite 2015 um 85 Prozent gestiegen ist und die Homepage allein im Dezember 16,8 Millionen Besucher hatte – teilweise bis zu 65 Prozent mehr als zur gleichen Zeit im Jahr 2014.

Mit Blick auf 2016 haben Lauf und Delaney festgehalten, dass Quartz plant, seine erste offizielle iPhone-App zu starten, die Email-Angebote zu erweitern und zusätzliche Funktionen bei Atlas hinzuzufügen – die eigene Plattform zur Erstellung und zum Teilen von Tabellen. Die Financial Times berichtete zudem im letzten Monat, dass Atlantic Media sich in Gesprächen befindet, in denen es darum geht, Quartz zu verkaufen. Eine Sprecherin von Atlantic Media äußerte sich dazu: “Wenn man sich die Ambitionen Quartz gegenüber ansieht, dann wäre es enorm nachlässig von uns, wenn wir die Möglichkeiten nicht nutzen würden, sobald sie sich bieten.” Lauf und ich haben vor kurzem über diese Trends geredet und darüber diskutiert, was die Zukunft für Quartz bringen kann.

Joseph Lichterman: In dem Memo sagten Sie, dass Quartz “bis zum 19. Januar 2016 mehr Geld erwerben konnte als im gesamten Jahr 2014.” Was hat zu diesem Wachstum beigetragen?

Jay Lauf: Das ist ein Hinweis darauf, dass wir in einer sehr kurzen Zeit eine glaubwürdige und kreditwürdige Firma aufgebaut haben. Wir haben eine Marke geschaffen, die für etwas steht und mit der Vermarkter zusammen arbeiten wollen.

Ein anderer wichtiger Punkt ist, dass unsere Erneuerungs-Rate stark bleibt. Ein Satz, den ich immer wieder sage und den mein Team bestimmt nicht mehr hören kann ist, dass unser Job dann anfängt, wenn wir unseren Auftrag bekommen. In den ersten zwei Jahren habe ich angenommen, angesichts meiner eigenen Erfahrung in der Industrie, dass es bestimmt einen großen Kader an Vermarktern geben würde, die einen Teil ihres Budgets in etwas Neues und Spannendes stecken würden. Ich sagte zu meinem Team, dass wir wahrscheinlich unsere Zelte abbrechen und nach Hause gehen könnten, wenn wir es nicht schaffen würden, dass diese Kunden es wenigstens mit uns ausprobieren.

Ich weiß, dass wir ein Stück vom Business-Kuchen abbekommen werden, aber das Wichtigste ist, dass die Kunden mit der Investition so zufrieden sind, wenn sie uns ausprobiert haben, dass sie gern wieder zurückkommen. Das ist es, was wir gesehen haben. Wir haben eine 90 prozentige Rückhalterate unter unseren Inserenten. Es gibt mehrere Firmen, die zu uns zurückkehren und das mit größeren Werbeeinkäufen für längere Zeit und so behalten wir Kunden, aber helfen ihnen auch ihr Business zu erweitern, während wir an ihnen wachsen.

Lichterman: 42 Prozent der Werbeeinnahmen von Quartz kommen durch mobile Geräte, was eine wirklich hohe Quote ist, wenn man es mit den anderen Konkurrenten vergleicht. Das ist wirklich faszinierend.

Lauf: Es ist sehr ermutigend. Ich glaube unsere Absicht ist, dass Quartz zuerst in der mobilen Welt greift und dass wir weltweit agieren. Wenn Inserenten und Vermarkter darüber nachdenken mit uns zu arbeiten, sind diese zwei Punkte der Beginn für sie.

Lichterman: In letzter Zeit gab es eine Menge Diskussionen darüber, wie man Werbung auf mobilen Geräten und dem Desktop blockiert. Ist das etwas, worüber Sie sich Sorgen machen?

Lauf: Ich denke die allgemeine Antwort für alle Herausgeber ist, dass man immer ein Auge auf die aktuellen Geschehnisse haben muss. Es wäre naiv zu sagen, dass wir uns nicht genau ansehen, was hier gerade passiert.

Wir machen uns allerdings keine Sorgen, und dafür gibt es viele Gründe. Beginnend damit, dass Quartz seit 2012 ein Werbemodell entwickelt hat, das sich zuallererst um den Benutzer dreht. Das bedeutet, dass wir nicht sonderlich viel Massenwerbung schalten oder welche, die sehr aufdringlich ist, denn die sind es, die zu Adblocking geführt haben. Wir haben uns auf die Nutzererfahrung gestützt, wo man eventuell tatsächlich eine Produktwerbung begrüßt.

[Adblocking] hat unserem Business im letzten Jahr nicht geschadet. Wer sich an den vergangenen September und Oktober erinnert, ungefähr damals als iOS 9 heraus kam und die Adblocker wirklich anfingen zu greifen, wurden ungefähr 11 bis 15 Prozent unserer Seitenaufrufe geblockt. Ein Prozent oder vielleicht auch weniger davon waren auf den mobilen Geräten. Man sieht klar, dass diese Blocks bei uns mehr auf den Desktops passieren.

Wir haben außerdem gesehen, dass die Zahlen momentan sinken. Im letzten Monat lagen sie bei sechs Prozent. Wir erkennen zudem, dass der Einfluss von Adblockern nicht steigt, ganz im Gegenteil. Wir führen das zurück auf unser Wachstum im mobilen Bereich. Immer größere Teile unseres Publikums rufen in immer höherer Anzahl unsere Seite von mobilen Geräten ab. Ein großer Teil davon wird von In-App-Browsern, bei Twitter oder Facebook durchgeführt, bei denen die Adblocker bisher noch nicht aktiviert sind. Das Thema betrifft uns praktisch kaum mehr.

Lichterman: Eine andere Sache, die in der Memo angesprochen wurde, ist die erscheinende App und ich hoffe, dass Sie mir erzählen können, wie das Ganze aussehen wird.

Lauf: Was ich Ihnen sagen kann ist, dass unsere App irgendwann im ersten Quartal diesen Jahres gelauncht wird. Allerdings kann ich Ihnen nicht mehr preisgeben, vor allem wenn es darum geht, worum es sich handelt, wie das Interface aussieht und der ganze Rest.

Lichterman: Zach [Seward] sagte 2012 zu AllThingsD “Jeder kann jeden unserer Artikel direkt ansteuern. Das kann man bei den App-Stores nicht machen.” Warum dann nun eine App?

Lauf: Im Jahr 2012 war unsere Strategie, das Wachstum der Seite so reibungslos wie möglich zu gestalten. Man fängt zuerst völlig ohne Publikum an. Wir wollten keine Mauern errichten, was das Entdecken oder Teilen unseres Inhalts angeht. Also, egal ob es sich um eine Paywall handelt oder eine App, die man erst downloaden musste und von der wir hofften, dass die Leute sie auch öffnen würden – dies sind alles Grenzen, die dem Einführen einer neuen Medienplattform im Wege stehen.

Eines der Kennzeichen von Quartz ist die Wendigkeit und die Fähigkeit sich zu verändern, wenn es notwendig ist und sich die Umstände ändern. Wenn Sie ein anderes Memo über Quartz als Programmierschnittstelle von Zach lesen, dann ist dies ein gutes Beispiel. In den letzten vier Jahren haben sich die Orte an denen Leute Zeit verbringen, um zu lesen, stark verändert. Wir versuchen uns dort zu positionieren, wo immer diese Nutzer sind. Etwas was sich andauernd bei den Apps verändert, sind die Benachrichtigungen. Diese werden immer beliebter als Mechanismus, der einem dabei hilft, immer die neuesten Neuigkeiten und Informationen zu haben und sich mit bestimmten Marken zu verbinden. Apps geben einem definitiv die Möglichkeit dazu. Die App erlaubt uns zudem, mit verschiedenen Inhalten zu experimentieren und gibt uns Möglichkeiten, mit denen wir unsere journalistische Arbeit durchführen können, die besser in die App-Landschaft passen als ins klassische Internet.

Lichterman: Mich interessiert außerdem, wie Sie sich in Sachen Mails ausbreiten wollen. Ich weiß, dass der Service ‘Daily Brief’ ein großer Bestandteil Ihrer Strategie ist.

Lauf: Es gibt keine spezifischen Pläne bei uns, was die Erweiterung der Mails angeht. Allerdings waren Mails schon immer sehr beliebt bei uns. Man könnte einen Newsletter entwickeln, der vielleicht regionsspezifisch ist, dann gäbe es noch Potential für eine Anpassung von Inhalten wie einem Technik- oder Finanznewsletter, irgendetwas dergleichen könnte man entwickeln.

Es gibt auch Interesse an einem Newsletter nach Maß oder mit White-Labeling. Wir haben Klienten in der Werbung, die daran interessiert sind ihre eigenen Newsletter mit mehr Quartzigen Elementen zu bestücken, besser lässt es sich nicht sagen. Das könnte etwas sein, was wir mit unseren kreativen Diensten anbieten. Man kann sich vorstellen, dass man damit den Inhalt in diesen Fällen weiterverkaufen kann.

Lichterman: Nachdem Sie letztes Jahr Atlas gestartet haben, gab es Gespräche darüber, dass man diese Sache auch anderen Leuten zugänglich macht, die dann von außen dort Beiträge beisteuern können.

Lauf: Wir sind nur noch wenige Wochen davon entfernt, dass wir endlich mehr über die Entwicklung von Atlas sprechen können und wie diese aussieht.

Lichterman: Gibt es denn noch irgendetwas anderes, an dem Sie gerade arbeiten oder worüber Sie nachdenken?

Lauf: Ich glaube nicht, außer dem, was die andere Sache in unserem Memo anging: Unsere Konzentration auf die globale Erweiterung und die internationalen Märkte. Wenn Sie sich unsere Möglichkeiten ansehen, was die Freigabe von Geldmitteln im internationalen Bereich angeht, und wenn Sie die Mission von Quartz bedenken, in der es darum geht, die globale Wirtschaft für die Leserschaft weltweit abzudecken, wollen wir in diesen Bereichen im kommenden Jahr noch besser werden. Das ist ein großes Alleinstellungsmerkmal für uns und es ist etwas, in dem wir sehr gut sind. Das wollen wir weiterhin so fortführen.

Lichterman: Was suchen Sie, wenn es um die internationale Erweiterung geht: Mehr Märkte, oder verschiedene Ansatzpunkte?

Lauf: Es wird wahrscheinlich mehr Mitarbeiter geben, die in der Welt verteilt sind, jeweils auf Seiten des Journalismus und im Businessbereich. Dies würde uns erlauben eine tiefergehende Berichterstattung abzuliefern, mehr Leser anzusprechen und mehr Werbetreibende auf uns aufmerksam zu machen. Wir haben ein Büro in London aufgebaut, da arbeiten nun schon 16 Leute und es wird wohl noch weiter wachsen. Wir werden weiter an unserem Bestreben arbeiten nach Indien und Afrika zu gehen. Wir sehen auch weiterhin die Möglichkeit für Erweiterungen des Journalismus in Asien, vielleicht auch in Australien, oder an anderen Orten in Europa wie beispielsweise Deutschland. Ich denke aber nicht, dass wir in diesem Jahr noch ein anderes Projekt starten werden.

Lichterman: Gibt es irgendwelche Neuigkeiten oder Debatten über die Angelegenheit von Atlantic Media und dem Verkauf von Quartz? Vor ein paar Wochen zitierte die Financial Times eine Sprecherin von Atlantic Media, die sagte: “Wenn man sich die Ambitionen Quartz gegenüber ansieht, dann wäre es enorm nachlässig von uns, wenn wir die Möglichkeiten nicht nutzen würden, sobald sie sich bieten.” Gab es in dieser Hinsicht irgendwelche Entwicklungen? Können wir annehmen, dass Quartz den Weg allein beschreiten wird?

Lauf: Hier gibt es überhaupt nichts Neues zu berichten. Wie Sie schon sagten, die Aussage der Pressesprecherin ist nur mehr eine Richtlinie, beziehungsweise die einzige Aussage, an der man sich festhalten kann. Es gibt wirklich keine neuen Entwicklungen, über die man zu diesem Zeitpunkt reden kann.

Dieser Artikel erschien zuerst auf “Nieman Journalism Lab” unter CC BY-NC-SA 3.0 US. Übersetzung mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.


Image: Video-Screenshot by Quartz


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Joseph Lichterman

Joseph Lichterman

schreibt für das an der Harvard Universität angesiedelte Nieman Journalism Lab über Innovation in der Medienbranche. Davor arbeitet er für die Nachrichtenagentur Reuters und berichtete über den wirtschaftlichen Niedergang von Detroit.

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