Von Wunderlist zu Microsoft To-Do: Die neue Strategie hinter der Aufgaben-App

Ohne digitale Aufgaben-Listen können viele Wissensarbeiter von heute gar nicht mehr ihren Alltag bestreiten. Wunderlist zählt zu den beliebtesten Apps fürs Task-Management. Daher war das Bedauern groß, als Microsoft bekanntgab, die App zugunsten der Nachfolger-Anwendung Microsoft To-Do einzustellen. Noch größer wurden die Bedenken, als im April 2017 eine öffentliche Vorab-Version von To-Do erschien, die dem Vorbild noch nicht das Wasser reichen kann. Warum Microsoft dennoch diesen Schritt gegangen ist und inwiefern To-Do am Ende viel besser als Wunderlist sein soll, erklärte uns Ori Artmann im Interview. Er ist bei Microsoft Deutschland General Manager für die Task-Management-Tools Microsoft To-Do und Wunderlist. In dieser Funktion verantwortet Artman am Berliner Standort des Unternehmens alle Bereiche der Produktentwicklung: von Design über Engineering, Business Development und Marketing.

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Microsoft-Manager Ori Artmann (Image by Ori Artmann)

Netzpiloten: Die Bewertungen der Preview-Version von To-Do im Play Store und im App Store waren insbesondere kurz nach dem Launch im April 2017 zum Teil vernichtend. Können Sie die Kritik nachvollziehen?

Ori Artmann: Die Kommunikation mit der Community gehört zum Kern der Preview und zur Philosophie von Microsoft, denn wir entwickeln unsere Anwendungen in enger Zusammenarbeit mit den Anwendern und ihren Bedürfnissen. Bei Windows 10 haben wir dadurch beispielsweise sehr wertvolles Feedback erhalten – noch heute kann die Community aktiv an der Gestaltung teilhaben. Durch einen solchen Testbetrieb erfahren wir viel mehr über ihre Anforderungen oder Bedürfnisse als wenn wir versuchen, die App im stillen Kämmerlein zu entwickeln. Ich kann die Kritik also nicht nur nachvollziehen; sie ist sehr willkommen und für die Weiterentwicklung von Microsoft To-Do essentiell.

Eine unfertige Version zu veröffentlichen, selbst wenn sie als Preview gekennzeichnet ist, ist riskant. Inwiefern hat sich das Risiko gelohnt? Was haben Sie bisher aus dem Feedback gelernt?

Man kann das natürlich als riskant bezeichnen – aber auch als Chance. Aus unserer Sicht ist es viel mehr die einzige Möglichkeit, um unser Ziel zu erreichen, Anwendungen zu entwickeln, die den Nutzern wirklich helfen und die Menschen und Organisationen dazu befähigen, mehr zu erreichen. Dafür müssen wir die Anforderungen der Anwender in den Entwicklungsprozess einbeziehen. Anfänglich kritische Stimmen begreifen wir nicht als Risiko, sie sind für uns vielmehr hilfreich. Die Bewertungen in den App Stores haben sich nach den Updates auch bereits verändert. Das Feedback zeigt uns, dass die Grundidee bei den Nutzern sehr gut ankommt. Im Entwicklungsprozess lassen wir nun die weiteren Punkte einfließen.

Viele Nutzer sind enttäuscht, dass Microsoft Wunderlist den Stecker zieht. Wie gehen Sie damit um?

Microsoft To-Do stammt aus der Feder des Wunderlist-Teams, die Idee der App lebt in To-Do also weiter. Wir finden es aber noch wichtiger, dass sich die Idee von Wunderlist in To-Do auch weiterentwickelt, wir möchten sie auf ein neues Level bringen. Die neue Aufgabenverwaltung lebt von der genialen Einfachheit von Wunderlist, wird aber intelligenter, persönlicher und intuitiver sein – und noch tiefer in Office 365 integriert. Wunderlist war ein erster Schritt zum besseren Management von Aufgaben – Microsoft To-Do ist der nächste.

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Microsoft To-Do

Sie haben angekündigt, To-Do enger mit Microsoft Office zu verzahnen. An welche Programme denken Sie: OneNote, Outlook, andere?

Wichtiger als die Verzahnung mit einzelnen Programmen von Office 365 ist die Verzahnung des Task-Managements mit einzelnen Funktionsbereichen. Die Integration von Microsoft To-Do wird dort stattfinden, wo es sinnvoll und notwendig ist: in der Termin- und Aufgabenverwaltung von Outlook zum Beispiel, die sich automatisch mit To-Do synchronisieren und dann überall und auf jedem Gerät synchron zur Verfügung stehen wird. Dazu kommen auch SharePoint, Microsoft Planner, Microsoft Teams oder der Microsoft Graph, der uns dabei unterstützt, die richtigen Informationen und richtigen Funktionen zur richtigen Zeit zur Verfügung zu stellen. To-Do wird sich überall dort integrieren, wo es etwas zu erledigen gibt.

Der Markt mit Aufgaben-Apps ist recht voll. Welche Philosophie steckt hinter To-Do? Was soll die App anders machen als bestehende Task-Anwendungen?

Microsoft To-Do ist integraler Teil von Office 365 – das ist der wichtigste und größte Unterschied. Durch diese Integration wird es möglich sein, nicht nur eigene To-Do-Listen zu führen, sondern solche Listen auch teamintern zu erstellen, zu verwalten und zu teilen. Es geht bei einer Task-App nicht unbedingt darum, etwas ganz anders zu machen, sondern darum, es besser zu machen als andere. Microsoft To-Do ist, wenn Sie so wollen, die organische Weiterentwicklung von Wunderlist und stellt die persönliche Produktivität in den Mittelpunkt. Wir übernehmen die Philosophie der Einfachheit und Benutzerfreundlichkeit von Wunderlist, werden aber mit der Integration in Office 365 auch neue Funktionen und intelligente Technologien aus der Cloud implementieren.

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Microsoft To-Do / My Day

Welche Cloud-Features sprechen Sie konkret an?

Microsoft To-Do ist Teil der hochsicheren Microsoft-Cloud und bietet dieselbe Sicherheit wie Microsoft Azure und Office 365. Daten werden bei Übermittlung und Speicherung verschlüsselt, die Berechtigungen einzelner Benutzer können über Azure Active Directory und Intune ebenso verbindlich und für alle Arten von Anwendungen, Daten und Geräten verwaltet werden, wie für andere Cloud-Dienste von Microsoft.

Wie sieht Ihre Roadmap bei Microsoft To-Do generell aus?

Wir werden in den kommenden Monaten sukzessiv die Integration von Wunderlist in Microsoft To-Do vorantreiben. Dazu gehören zum Beispiel die Option, Listen zu teilen, aber auch Apps für Mac, iPad und Android-Tablets sowie die Integration von To-Do in weitere Microsoft-Services. Die Weiterentwicklung von Wunderlist haben wir bereits im April 2017 eingestellt und liefern seitdem keine Bugfixes und Updates mehr aus. Seit diesem Datum empfehlen wir den Umstieg auf Microsoft To-Do.

Wird die Mac-Version genauso gut integriert werden wie die Windows-Version oder wird es – wie auch bei Office selbst – Unterschiede geben?

Unser Ziel ist es, allen Nutzern von Office 365 überall denselben Bedienkomfort zu bieten. Allerdings ist es, bedingt durch unterschiedliche Hardware und Betriebssysteme, nicht möglich, komplett identische Versionen für alle Geräte zu entwickeln. Zudem verfügen einzelne Geräte über zusätzliche Features; zum Beispiel arbeiten das Surface Book oder das Surface Studio mit dem sehr fein auflösenden Surface Pen, sodass wir dort Windows Ink natürlich auch in Office nutzen. Bei den neuen MacBooks gibt es die Touch Bar, mit der sich die Bedienung auch von Office erleichtern lässt. Gut möglich, dass wir Microsoft To-Do in diese Touch Bar integrieren.

Die Entwicklung von To-Do bleibt, wie die bisherige Arbeit an Wunderlist, in Berlin. Warum keine Verlagerung an die US-Westküste?

Berlin ist ein Hotspot mit vielen faszinierenden Menschen, großer Vielfalt und einer lebendigen Startup-Kultur. Es ist kein Zufall, dass Wunderlist genau hier entstanden ist. Für mich ist es daher ein sehr logischer Schritt, die Weiterentwicklung eines ehemaligen Startups innerhalb von Microsoft Deutschland in Berlin voranzutreiben. Wir glauben, dass die einmalige, kreative Atmosphäre der Stadt auch weiterhin das richtige Umfeld für das Team ist. Nicht nur die Idee von Wunderlist lebt in Microsoft To-Do weiter; für Kontinuität sorgen auch zahlreiche Mitarbeiter von Wunderlist, die jetzt an To-Do arbeiten.

Warum engagiert sich Microsoft in der Hauptstadt?

Unser Standort „Unter den Linden“ in Berlin hat viele Funktionen: Es ist unser Treffpunkt für Dialog und Vernetzung mit Protagonisten aus den Bereichen Politik, Bildung und Gesellschaft. Mit dem Microsoft Accelerator ist er seit vielen Jahren auch eine wichtige Anlaufstelle für Startups. Die Digital Eatery ist ein beliebter Treffpunkt und eine etablierte Veranstaltungslocation. Von diesem spannenden Mix werden auch wir profitieren. Am besten, Sie schauen einmal selbst vorbei.

Sie müssen aus einer beim Publikum beliebten App eine neue, noch bessere machen und außerdem das Erbe eines der gehyptesten deutschen Startup-Exits verwalten. Warum machen Sie diesen Höllenjob eigentlich?

Wie kommen Sie darauf, dass das ein Höllenjob ist? Tatsächlich ist es eine tolle Aufgabe, mit den Machern von Wunderlist und mit vielen anderen kreativen Menschen sowie der Community an der Weiterentwicklung von Wunderlist zu arbeiten – in einer Stadt, in der Innovation großgeschrieben wird, und für ein Unternehmen, das es ernst meint, wenn es davon spricht, Menschen zu mehr befähigen zu wollen. Ich kann mir viele Jobs vorstellen – aber zur Zeit keinen besseren.

Das in Zusammenarbeit mit Microsoft entstandene Interview wurde schriftlich geführt.


Image by Ori Artmann

Images by Microsoft


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Berti Kolbow-Lehradt

Berti Kolbow-Lehradt

ist Freier Journalist und Texter. Für die Netzpiloten sowie unsere Geschwisterseiten Androidpiloten und Applepiloten befasst er sich mit Technik-Themen. Die Dissertation zur Geschichte der Fotoindustrie hat der Wirtschaftshistoriker erfolgreich abgebrochen, um sich der Digitalen Fotografie und vielen anderen Bereichen der Consumer Electronics und IT in der Gegenwart zu widmen. Mitglied des Netzpiloten Blogger Networks.

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