Surface Book vs. iPad Pro – ein Vergleich für Journalisten

Mal Laptop, mal Tablet: Mit hybriden Mobilrechnern buhlen Microsoft und Apple um die Gunst von Anwendern, die kreativ und geschäftlich unterwegs sind: Grafikdesigner, Fotografen, Blogger, Filmemacher, Journalisten und viele mehr. Unterwegs aus Ideen Ergebnisse produzieren, ganz ohne Abstriche bei der Rechnerleistung – reicht dafür ein kompaktes Tablet oder muss ein hochgerüsteter Laptop her? Genau diese Frage soll nicht mehr gestellt werden, werben die Hersteller. Aber wie sieht die Praxis aus? Aus der Sicht eines Text-Journalisten, der oft auch fotografiert, habe ich zwei aktuelle Referenzgeräte getestet.

Das 13,5 Zoll große Surface Book ist laut Microsoft “der ultimative Laptop”. Wie die kleinere Schwesterserie Surface Pro lässt sich der Bildschirm mit Fingern und Digitalstift bedienen und von der Tastatur entkoppeln. Aber mit einem stärkerem Akku und dezidierter Grafikkarte ab dem zweitkleinsten Modell bietet das Surface Book mehr Power. Zum Vergleich habe ich das große iPad Pro (12,9 Zoll) – der erste Flachrechner von Apple mit Digitalstift- hinzugezogen. Eine eigene Ansteck-Tastatur hat Apple dafür ebenfalls im Programm. Klar, in der Laptop-Liga schickt Apple eigentlich das MacBook Pro ins Rennen, aber auf Stift und Touch-Display verzichtet es weiterhin. Daher halte ich einen Vergleich von Surface Book und iPad Pro für angemessen.

Schreiben

Es klingt profan angesichts der geballten Hochtechnologie, aber letztlich ist Schreiben meine Haupttätigkeit. Daher lege ich viel Wert auf ein effizientes Tipp-Erlebnis. Das Surface Book gibt sich hier keine Blöße. Die Tasten bieten einen angenehmen Hubweg und Druckpunkt. Dank Hintergrundbeleuchtung sind sie auch im Dunkeln gut erkennbar. Das Touchpad reagiert auch sehr geschmeidig.

Anders als beim Surface Book ist das Smart-Keyboard von Apple ein optionales Zubehör und für zusätzliche 179 Euro erhältlich. Es fungiert gleichzeitig als Display-Cover. Daher ist es sehr flach im Design, besteht durchweg aus einem wasserdichten und schmutzabweisenden Material und macht somit Hubweg, Druckpunkt und Tippgeräusch der Tasten gewöhnungsbedürftig. Dass die Tastatur nur im US-Layout verfügbar ist, stört mich allerdings nicht, da ich blind schreibe und die Software ein deutsches Tastatur-Layout unterstützt. Dadurch, dass die Tasten nach innen gewölbt sind, treffe ich auch ohne Sichtkontakt keine Nachbartaste. Nach kurzer Eingewöhnungszeit geht das Schreiben flott voran, zudem ermöglicht das Smart-Keyboard auch Kurzbefehle, wie ich sie von Mac oder dem PC kenne. Negativ fällt mir jedoch die instabile Verbindung zwischen Tastatur und Tablet auf. Wenn ich das Gerät verrücke, löst sich der Magnetverschluss oft ungewollt.

Digitalstifttest iPad Pro VS Surface Book (Image by Berti Kolbow-Lehradt)

Notizen festhalten

Als Text-Journalist finde ich es sehr lästig, handschriftliche Notizen abzutippen. Ich sehne ein papierloses Workflow herbei. Das Surface Book kommt diesem Ideal etwas näher als das iPad Pro. Das liegt an der Verzahnung des im Lieferumfang enthaltenen Digitalstifts “Surface Pen” und dem Notizprogramm “OneNote”. Mit einem Druck auf die obere Seite des Stiftes öffnet sich OneNote automatisch. Handschriftliche Notizen mit dem Surface Pen festzuhalten, geht somit leicht von der Hand. Zudem lassen sie sich in einen Drucktext konvertieren. Nettes Extra: Der Tablet-Teil des Surface Books – Microsoft nennt es “Clipboard” – lässt sich mit dem Display nach oben an der Tastatur verankern und kann als erhöhte Schreibunterlage genutzt werden. Digitalstift iPad Pro VS Surface Book (Image by Berti Kolbow-Lehradt)

Auch mit dem “Apple Pencil” (optional, ab 109 Euro) lässt sich in der “OneNote” App für iOS formidabel schreiben. Mittels eines Microsoft-Kontos werden die Notizen umgehend mit anderen Geräten synchronisiert. Eine Umwandlung in Drucktext geht unter iOS (und auf dem Mac) jedoch nicht. Stattdessen kann ich der Sprachassistentin Siri Notizen diktieren, damit es in Drucktext festgehalten wird. Das funktioniert auch recht flüssig, trotz Korrektur weniger Missverständnisse. Hingegen versteht Cortana, die Software-Butlerin von Microsoft, noch keine längeren Text-Diktate.

Fotobearbeitung

Inzwischen sind professionelle Desktop-Softwares aus vielen Kategorien auch als iOS-Version verfügbar, zum Beispiel meine Lieblings-Fotoprogramm “Lightroom”. Auf dem großen Display meine Bilder durchzublättern und zu sortieren, macht Spaß. Fotos an andere Anwendungen wie Photoshop Fix im Splitscreen-Modus weiterzuleiten und zu bearbeiten, geht ebenfalls leicht von der Hand. Die Leistungsstärke des iPad Pro wird dabei längst nicht ausgereizt. Mit dem Apple Pencil kann ich zwar noch etwas präziser arbeiten als mit dem Finger, aber ich brauche ihn nicht wirklich. Noch sind wirklich wenige Apps für das iPad mit Stiftbedienung ausgelegt. Außerdem bieten die iOS-Ableger bekannter Desktop-Softwares weniger Funktionen. Hier kann das Surface Book punkten.

Das Surface Book läuft mit Windows 10 und akzeptiert daher auch Desktop-Programme. Je nach Variante läuft es mit schnellen i5- oder i7-Prozessoren von Intel sowie mit einen Arbeitsspeicher von bis zu 16 Gigabyte. Damit ist die Leistung stark genug für Hardware-hungrige Bild- und Videobearbeitungsprogramme. Ab dem Modell mit der zweitkleinsten Ausstattung gibt es eine dezidierte Grafikkarte von Nvidia für eine zusätzliche Leistung. Der Import von Hunderten von Bildern funktioniert sehr flüssig. Ich kann sie auf die Workflow setzen, die ich bereits auch vom Desktop gewohnt bin. Mit einem Unterschied: Die Schaltflächen sind nicht für die Fingerbedienung auf einem 13,5-Zoll-Display vorgesehen. Um sie präzise zu treffen, brauche ich im Clipboard-Modus dringend den Surface Pen. Somit gibt es für ausgewählte Desktop-Programme einen Touch-Modus auf dem Surface Book.  Angesichts der generell exzellenten Abstimmung von Hard- und Software bei iOS-Geräten ist das aber ein eher schwacher Trost.

Und was macht das Surface Book für einen Lärm! Im Gegensatz zum iPad Pro arbeitet im Surface Book ein aktiver Lüfter. Er springt überraschend schnell an und ist in ruhiger Arbeitsumgebung unangenehm laut.

Schnittstellen und Speicherplatz: Surface Book und iPad Pro als stationärer Rechner

Jetzt noch unterwegs, später in der Redaktion, im Agentur-Büro, Coworking-Space oder Home Office – Kreative profitieren von den 2in1-Rechnern, die flexibel einsetzbar sind. Nicht so das iPad Pro – dass Apple seine Mobilgeräte für die drahtlose Vernetzung ausgelegt hat, zeigt sich auch hier. Außer dem Lightning-Anschluss bietet es keine physischen Schnittstellen. Dafür muss dann eben doch ein MacBook Pro her. Ganz anders das Surface Book: es gibt einen Slot für SD-Karten, zwei Steckplätze für schnelles USB 3 und einen Mini-Display-Port für einen großen Bildschirm. Das optionale Surface Dock (229,99 Euro) ergänzt weitere Anschlüsse wie ein LAN-Anschluss. Das funktioniert aber nur, wenn Clipboard und Sockel verbunden sind, das Tablet selbst verfügt über keine Schnittstellen. Als Komplettpaket lässt sich das Surface Book recht gutals alleiniger Hauptrechner in ein  Büro-Setup einbinden. Die Leistung passt ohnehin – mit bis zu 512 Gigabyte bietet auch die SSD-Festplatte viel Platz. Beim iPad Pro ist hingegen bei 256 Gigabyte Massenspeicher Schluss – für ein Mobilgerät ist das mehr als okay.

Mobilität: Mit dem 2in1-Rechner unterwegs

Apropos: In Sachen Mobilität schlägt das iPad Pro das Surface Book. Das beginnt schon beim mobilen Internet. Gegen einen Aufpreis ist das iPad Pro auch mit LTE erhältlich. Das Surface Book funktioniert dagegen nur über WLAN und Bluetooth, daher muss unterwegs im Zweifelsfall das LTE-fähige Smartphone als Hotspot herhalten. Maße und Gewicht nehmen sich beide im reinem Vergleich der Tablets wenig. Das iPad Pro ist mit 6,9 Millimeter in der Tiefe und 723 Gramm Gewicht (LTE-Variante) nur etwas kompakter als das Surface Book (7,7 Millimeter, 726 Gramm). Rechnet man das Smart-Keyboard beim iPad Pro bzw. den Sockel beim Surface Book dazu, werden hier die Nachteile klar – dann wiegt das Surface Book mit 1,5 Kilogramm genauso viel wie andere Ultrabooks, das iPad Pro wiegt dagegen aber nur 938 Gramm.

 Eine Akku-Ladung des iPad Pro hält bis zu neun Stunden. Das Surface Book schafft bis zu 12 Stunden – aber nur wenn Clipboard und Sockel verbunden sind, so dass insgesamt zwei Akkus Strom liefern. Der Akku im Clipboard macht allein deutlich schneller schlapp. In einem Fall war schon nach 90 Minuten Schluss, andere Tester berichten von vier Stunden Laufzeit. Einen ganzen Tag lang kommt das Clipboard des Surface Book jedenfalls nicht allein klar.

Dass der Surface Pen magnetisch am Gehäuse des Surface Book befestigt werden kann, bietet unterwegs leider keinen Vorteil. In einer Tasche löst sich der Stift leicht und muss dann genauso separat verstaut werden wie der Apple Pencil.

Fazit

Beide Geräte sind für Journalisten empfehlenswert. Einen klaren Gewinner sehe ich jedoch nicht. Es kommt auf das Setup an. Wer einen mobilen Allround-Rechner sucht, der bei Bedarf zum Hauptcomputer werden soll, greift zum Microsoft Surface Book. Es ist ein erstklassiger Laptop mit Tablet-Fähigkeiten als Bonus. Als eigenständiges Tablet kommt das Surface Book nicht an das iPad Pro heran. Das iPad Pro mit 12,9-Zoll-Display ist inklusive Smart-Keyboard und Apple Pencil ideal für kreative Anwender, die ein Companion-Gerät im Apple-Universum für unterwegs suchen und im Büro am iMac oder MacBook Pro arbeiten. Das Konzept des Hybridrechners wird immer besser, lässt in der Praxis aber noch Luft nach oben. Die Grundsatzentscheidung zwischen Tablet und Notebook ist zwar Vergangenheit, allerdings bleibt die Frage bestehen, ob Anwender mehr Tablet-Anteile oder mehr Notebook-Anteile bevorzugen.

Getestet wurden: Microsoft Surface Book, i7, 16 GB RAM, 512 GB SSD, Windows 10 Pro (2919 Euro); Apple iPad Pro 12,9, 128 GB, LTE (1238 Euro) inklusive Apple Pencil (109 Euro) und Smart-Keyboard (179 Euro).

Images by Berti Kolbow-Lehradt

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Berti Kolbow-Lehradt

Berti Kolbow-Lehradt

ist Freier Journalist und Texter. Für die Netzpiloten sowie unsere Geschwisterseiten Androidpiloten und Applepiloten befasst er sich mit Technik-Themen. Die Dissertation zur Geschichte der Fotoindustrie hat der Wirtschaftshistoriker erfolgreich abgebrochen, um sich der Digitalen Fotografie und vielen anderen Bereichen der Consumer Electronics und IT in der Gegenwart zu widmen. Mitglied des Netzpiloten Blogger Networks.

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