Insta-Urlaub oder Analogferien: Was verpassen wir, wenn wir unsere Erinnerungen inszenieren?

Auf einer Konferenz vor wenigen Wochen prophezeite Nicola Mendelsohn, die Geschäftsführerin von Facebook, dass die sozialen Netzwerke in fünf Jahren „vollständig aus Videos“ bestehen würden. “Wir sehen von Jahr zu Jahr eine Abnahme des Textanteils“, sagte sie. „Wenn ich wetten müsste, würde ich sagen: Video, Video, Video.“ Unterdessen berichtete ein Artikel in der New York Times jüngst über das Leben einer Gruppe junger Partylöwen – dem „Snap Pack“ – die ihre Nächte um das Knipsen von Fotos herum planen, die mit ihren Followern geteilt werden können. Der Reporter erklärte:

Für sie ist das Schießen von Fotos und Drehen von Videos für Instagram und Snapchat nicht eine Möglichkeit, um die Partynacht in Erinnerung zu behalten – es ist das Hauptevent der Nacht.

Diese beiden Geschichten zielen beide auf das gleiche Ergebnis ab: Bilder kommen an die Macht. Bilder sind zunehmend entscheidend für die Kommunikation mit anderen geworden, sie erhalten Aufmerksamkeit und dokumentieren neue Erlebnisse. Und obwohl es so scheint, als würde eine Flut von Farben, Pixeln, Gesichtern und Landschaft unsere Vorstellungskraft nur bereichern und zu einer Steigerung unseres Engagements für die Welt führen würde, ist wohl das Gegenteil der Fall.

In ihrem Artikel „Instagram is Ruining Vacation“ beschreibt die Journalistin Mary Pilon, wie eine Gruppe Touristen bei einer Besichtigung eines Tempels in Kambodscha so beschäftigt damit war, das perfekte Bild einzufangen, das sie anschließend in den sozialen Netzwerken teilen konnten, dass ironischerweise infolgedessen „niemand wirklich präsent war“.

Tatsächlich ist dieser zwanghafte Drang, sich unmittelbar elektronisch auszustellen, ein Phänomen, das durch unser digitales Zeitalter auf einzigartige Weise möglich gemacht wird. Ja, es liegen Vorteile in der Fähigkeit, mehr Bilder mit einem größeren Publikum zu teilen. Aber der Impuls, unaufhörlich zu dokumentieren und zu posten, ist wichtiger geworden als sich zu konzentrieren und auf direkte menschliche Kontakte einzugehen. Während es schwierig sein kann, diesen Wandel genau zu messen, beginnen Forscher in vielen verschiedenen Disziplinen, die Konsequenzen dessen zu sehen und zu verstehen.

Das Leben in einer selbstreflektierenden Blase

Wie die Psychologin Sherry Turkle in „Alone Together“ schreibt, „ist das Leben in einer Medien-Blase ganz naürlich geworden“ im 21. Jahrhundert. Mit der Hilfe unserer Handys und Computer sind wir, egal wo wir oder bei wem wir sind, konstant mit anderen vernetzt und stehen mit ihnen in Interaktion. Aber das Aufnehmen von Fotos und Erstellen von Videos sind ein zentraler Teil dieses digitalen Wandels geworden.

Psychologie-Professor John R. Suler interpretiert das ständige Fotografieren und Teilen der Fotos als Streben nach Aufmerksamkeit. Er schreibt:

Wenn wir Fotos teilen, hoffen wir, dass andere die Facetten unserer Identitäten, die wir in diese Fotos hineinbetten, wertschätzen. Zu wissen, dass andere die Bilder sehen können, gibt ihnen mehr emotionale Macht. Durch Rückmeldung anderer kommt sie uns greifbarer vor.

Auf der Suche nach digitaler Bestätigung werden sogar normale Erlebnisse Futter für Fotos. Anstatt präsent zu bleiben – also einfach dort zu sein (und tatsächlich wahrzunehmen), wo wir sind – geht unser Impuls dahin, alle erlebten Erfahrungen als eine Möglichkeit, uns selbst zu repräsentieren und visuell herauszuheben, zu vermarkten. Eine Sache, die bezüglich dieser Art von beständiger Dokumentation beunruhigend ist, ist der schmale Grat zwischen Repräsentation oder Ausdruck und – wie beim „Snap Pack“ – dem Vermarkten oder der Kommerzialisierung des täglichen Lebens.

Persönliche Foto-Sammlungen, wie sie durch Anwendungen wie Instagram und Facebook publiziert werden, laufen Gefahr, ein Werkzeug der Selbstdarstellung zu werden. Öffentliche Rückmeldung für jedes gepostete Foto kann von den Nutzern permanent gemessen werden. Sie könnten sich möglicherweise sogar ermutigt fühlen, die visuelle Repräsentation ihres eigenen Lebens zu optimieren, um die positiven Reaktionen zu verstärken. “Jeder Narzisst braucht einen reflektierenden, spiegelnden Teich. Genauso wie Narziss in den Teich schaut, um seine Schönheit zu bewundern, sind soziale Netzwerke wie Facebook zu unserem modernen Teich geworden“, schrieb Tracy Alloway, eine Psychologie-Professorin an der University of North Florida.

Im Jahr 2014 untersuchten sie und ihr Team in einer Studie die Beziehung zwischen der Nutzung von Facebook und Empathie. Sie fanden heraus, dass, während es durchaus Elemente der sozialen Medien gibt, die soziale Verbindungen stärken, die bildbasierten Merkmale der Plattformen – also die Möglichkeit, Fotos und Videos zu teilen – vor allem unsere Selbstabsorption nähren.

Kreativität benötigt Konzentration

Sich aber immer wieder von unseren reellen Erlebnissen loszureißen, um das Smartphone rauszuholen – und dann den richtigen Ausschnitt zu finden, ihn zu fotografieren, zu filtern und zu posten – hat den gegenteiligen Effekt auf das Unterbrechen des Fokus. Mit den Begriff des Fokus ist nicht nur die Fähigkeit, genau zu beobachten, gemeint, sondern auch die Gabe, sich zu konzentrieren und ein besonderes Maß an Aufmerksamkeit aufzuwenden.

In seinem Buch „The Shallows: What the Internet Is Doing to Our Brains“ reflektiert Technikjournalist Nicholas Carr über Neuroplastizität, die Fähigkeit unserer neuralen Verschaltungskreise also, sich als Antwort auf Stimuli zu verändern. Besonders konzentriert er sich darauf, wie sich unsere Gehirne als Antwort auf die unablässige Beschäftigung mit der digitalen Technologie entwickelt haben. Über das Internetsurfen schreibt er: „Häufige Unterbrechungen zerstreuen unsere Gedanken, schwächen unser Gedächtnis und machen uns angespannt und nervös.“ Genauso drohen wiederholte Unterbrechungen, um Bilder zu posten und deren Rezeption zu verfolgen, unsere Aufmerksamkeit zu stückeln und unsere Nervosität zu steigern. Schließlich riskieren wir es, dass uns andere Aspekte unserer Umgebung und Erfahrungen entwischen. Während wir im Multitasking besser werden, wird unsere Fähigkeit, uns über längere Zeiträume zu konzentrieren, geschwächt.

Carr fährt fort: “Die mentalen Funktionen, die den Gehirnzellenkampf um das Überleben des Tüchtigsten verlieren, sind diejenigen, die ruhige, lineare Gedanken unterstützen – diejenigen, die wir benutzen, um einer langen Geschichte oder einer komplexen Diskussion zu folgen, von denen wir zehren, wenn wir unsere Erlebnisse reflektieren oder über ein äußerliches oder innerliches Phänomen nachdenken.”

In anderen Worten scheint die Aufmerksamkeit, die wir ständig durch notorisches Teilen von Fotos stärken, sich auf Kosten von der Art von Aufmerksamkeit zu entwickeln, die wir benötigen, um uns beispielsweise mit Büchern zu beschäftigen. Sven Birkerts, der Autor von „Changing the Subject: Art and Attention in the Internet Age” verbindet Literatur mit Konzentration und besteht darauf, dass “Kunstwerke Leistungen der Konzentration“ seien. “Vorstellungskraft”, fährt er fort, “ist das Instrument der Konzentration”.

Eine Empathie-Lücke?

In einer Studie aus dem Jahr 2013, die von Schriftstellern bejubelt wird, berichteten Forscher von der New School for Social Research von einer Korrelation zwischen dem Lesen von Romanen und erhöhter Empathiefähigkeit. Es ist wahrscheinlich, dass viele Literaturlehrende (inklusive mir selbst) mit einem Schulterzucken reagierten, da die Studie nur bestätigte, was wir schon immer gesagt haben. Literarische Werke geben uns die Möglichkeit, gedanklich in den Erfahrungen anderer Persönlichkeiten aus dieser Welt zu verweilen (statt nur eines flüchtigen Blickes oder eines schnellen Durchscrollens). Diese Möglichkeit können wir aber nur ergreifen, wenn wir fähig sind, Aufmerksamkeit zu schenken – wenn wir es uns selbst erlauben, lange genug zu zögern, um zu absorbieren, was wir beobachten.

Während diese spezielle Studie eher negative Resonanz erhielt, wurde mir und meinen Studenten durch die ruhige Beschäftigung mit Prosa, Poesie und sogar Fotografie ermöglicht, einige Erlebnissen zu untersuchen. Es zwang uns außerdem, uns bewusst darauf zu konzentrieren, welche Rolle diese Erfahrungen in Beziehung zu aktuellen Events spielen.

Ich denke zum Beispiel an das vielgelobte Buch „Citizen: An American Lyric“ von Claudia Rankine, das sowohl Bilder als auch Text verwendet, um bei der Realität von gegenwärtigem Amerikanischen Rassismus in seinen unzähligen Formen zu verweilen – und die Leser dazu drängt, Bilanz zu ziehen aus den Ungleichheiten, die unsere Gegenwart aufbauen.

“Mit zunehmender Erfahrung”, stellt Birkerts fest, “glaube ich, dass Kunst – mittels der Vorstellungskraft – der nötige Konter zur unserer informationsüberschwemmten Krise ist.” Wenn wir zu beschäftigt damit sind, Fotos aufzunehmen und zu bewerben, oder wenn wir zu zerstreut sind, weil wir die Photostreams anderer durchgehen, ist es sehr unwahrscheinlich, dass wir aus unserem Leben in der Medien-Blase auftauchen.

Wir werden verpassen, was um uns herum passiert. Und wir werden nicht dazu fähig sein, der Welt die Empathie und Aufmerksamkeit zu geben, die sie benötigt und verdient.

Dieser Artikel erschien zuerst auf „The Conversation“ unter CC BY-ND 4.0. Übersetzung mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.


Image „Frau Samsung Alpha“ by Firmbee (CC0 Public Domain)


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Rebecca Macmillan

Rebecca Macmillan

ist Doktorandin im Department Englisch an der Universität von Texas in Austin. Sie arbeitet derzeit als Assistant Editor von Texas Studien in Literatur und Sprache. Ihre weiteren Forschungs- und Lehrinteressen umfassen unter anderem Poesie und Poetik, Theorien des Archivs und Fotografie.

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