Endlich vorbei oder der Anfang vom Ende? Der Brexit aus der Sicht dreier britischer Wirtschaftsblogger

Aus und Vorbei. Der 24. Juni 2016 markiert das Ende einer turbulenten Liebesbeziehung zwischen Großbritannien und der Europäischen Union. Nach einer 59-jährigen Achterbahnfahrt ist es nun kurz vor der goldenen Hochzeit offiziell: Es ist Schluss. Großbritannien hat die Scheidung eingereicht. Dabei ist es nicht das erste Mal, dass der Brexit zur Debatte stand. Bereits 1975 gab es ein Referendum in Großbritannien über das Verbleiben in der damalig benannten Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft. Damals stimmten 67 Prozent der Wähler für einen Verbleib in der Gemeinschaft. In diesem Jahr sah es anders aus, eine knappe Mehrheit (51,1 Prozent) stimmte für den Austritt aus der Europäischen Union.  

Ein Brexit, viele Meinungen

Seitdem überschlagen sich die Ereignisse wie bei einem Dominospiel: Großbritanniens Premierminister David Cameron hat seinen Rücktritt angekündigt, das britische Pfund befindet sich an der Börse scheinbar im freien Fall, Donald Trump nutzt die Abstimmung der Briten als Beleg für seine xenophoben Parolen und andere Politiker nehmen den Brexit als Vorbild für ein eigenes Ausscheiden aus der EU. Was viele bei der lauten Polemik dabei aus dem Blick verlieren, ist die Tatsache, dass der Brexit auch mal vorrangig ein wirtschaftliches Thema war. Hier ging es weniger um polnische Einwanderer und mehr um ökonomische Argumente für und gegen den Austritt aus der EU. Wie sehen also die Reaktionen der Wirtschaftsexperten im Netz aus? Was sagen Großbritanniens Blogger zum Referendum? Um das herauszufinden, haben die Netzpiloten deshalb mit drei der bekanntesten britischen Wirtschaftsblogger über ihre Meinung zum Brexit gesprochen – und sie dabei ausführlich zu Wort kommen lassen.

Warum stimmen Menschen für eine schlechte wirtschaftliche Zukunft ab?

Den Anfang macht dabei Robert Elliott, Wirtschaftsprofessor an der Universität Birmingham und seit Jahren renommierter Blogger zu Themen der Wirtschaft und Globalisierung. Seine Sicht auf den Brexit malt eine dunkle Zukunft für sein Land und die EU, in der beide Seiten ein bedeutendes Gegengewicht verloren haben: „Die wirtschaftlichen Konsequenzen des Brexits für das Vereinigte Königreich und die Wirtschaft der EU könnten sehr ernst sein, mit einer hohen Wahrscheinlichkeit, dass diejenigen, die FÜR den Austritt aus der EU gestimmt haben, davon auch am härtesten getroffen werden. Wähler, die traditionell eher politisch links abgestimmt haben, haben nun eine Route gewählt, die zu einer eher rechtskonservativen Regierung führen wird. Das wird auch negative Auswirkungen auf das Arbeitsrecht sowie die Unterstützung der Ärmsten unserer Gesellschaft haben. Etwas weiter betrachtet ist es auch möglich, dass mit dem Austritt des Vereinigten Königreichs aus der EU, die EU sich politisch weiter nach links bewegt – was sich wiederum negativ auf die Wettbewerbsfähigkeit der EU auswirken und was zu weiterer wirtschaftlicher Stagnation in den ärmeren Regionen Europas führen wird. Kurzfristig führt die Unsicherheit nach der Brexit-Abstimmung zu weniger ausländischen Investitionen, rückläufigem Konsum und einem damit einhergehenden Preisverfall sowie Jobverlusten. Der Verlust Tausender gut bezahlter Stellen im Finanzsektor, der sich wohl in anderen Orten der EU niederlassen wird (Dublin, Frankfurt oder Paris) mag viele im Norden Englands nicht großartig Sorgen bereiten. Dennoch sollte man nicht vergessen, dass der Verlust der wichtigen Steuern, die diese [Finanz-]firmen zahlen sowie das Konsumverhalten ihrer Angestellten gravierende Auswirkungen auf die Regierungsfinanzen haben werden.

Robert Elliott (Image by Robert Elliott_University of Birmingham)
Robert Elliott (Image by Robert Elliott/ University of Birmingham)

Die Vielzahl der Menschen, die jetzt eingestellt werden müssen, um die vielen Jahre der EU-Regulierung wieder aufzulösen, ist ebenfalls eine riesige Zeit- und Ressourcenverschwendung. Wenn unsere Wirtschaft so stark schrumpft wie viele es erwarten, werden wir das Geld, das wir durch die ausbleibenden EU-Beitragszahlungen einsparen, im höhren Maße durch reduzierte Steuereinnahmen wieder verlieren. Die EU-Subventionen für die ärmsten Regionen Englands werden nur sehr schwer anderweitig ersetzt werden können, sodass dies zu noch größeren Ungleichheiten im Vereinigten Königreich führen wird. Als Ökonom ist es für mich immer wieder erstaunlich, warum Menschen für eine solch schlechte wirtschaftliche Zukunft stimmen, obwohl Wirtschaftsexperten auf der ganzen Welt (IWF, Finanzministerien, Akademiker und andere) darauf vermehrt hingewiesen haben. Ich glaube, dass sowohl Europa als auch Großbritannien in naher Zukunft große wirtschaftliche Herausforderungen bevorstehen. Entgegen den Behauptungen von Michael Gove, dass Großbritannien genug von den Experten hat, vermute ich, dass Experten nun dringender als je zuvor benötigt werden, um das wirtschaftliche und politische Durcheinander zu entwirren, in das sich das Vereinigte Königreich selbst gebracht hat.

Endlich Draußen

Tim Worstall ist ein bekannter Wirtschaftsexperte und schreibt unter anderem bei Forbes über Wirtschaft und Finanzen. Anders als Elliott begrüßt Worstall den Austritt Großbritanniens aus der EU. Er erklärt gegenüber den Netzpiloten seinen Standpunkt: „Ich bin wohl am ehesten als Wirtschaftsblogger bekannt und meine Sicht auf die EU ist dementsprechend auch wirtschaftlich geprägt. Wer will schon Mitglied eines Clubs bleiben, der sich auf einen so riesigen Blödsinn wie den Euro verständigt hat? Fast jeder Wirtschaftsexperte der Welt hat vorausgesagt, dass der Euro nicht so funktionieren würde wie vorhergesagt und viele sehen das immer noch so. Dennoch scheint die allgemeine Wegrichtung zu sein, die Idee einzuprügeln bis die Moral besser wird.

Tim Worstall (Image by Tim Worstall)
Tim Worstall (Image by Tim Worstall)

Meine eigene Sicht ist von meiner Zeit in der Politik geprägt. Das bedeutet auch, dass ich mit Brüssel zusammengearbeitet habe und mich so eines Tages im Europäischen Parlament wiederfand. Als ich mich in diesem Gebäude umschaute, kam mir bei der Sicht auf die Bewohner dieses Hauses die Erleuchtung: Ich will einfach nicht, dass mein Land von diesen Idioten angeführt wird. Wir sind endlich draußen, der Job ist erledigt – und Gott sei Dank dafür!

Die Unsicherheit ist das Schlimmste

Leigh Caldwell sieht die Zukunft seines Landes und der EU dagegen alles andere als rosig. Caldwell ist Datenwirtschaftler, Autor des Buches „The Psychology of Price“ sowie Geschäftsführer der Forschungsgesellschaft INON und Wirtschaftsexperte für die Firma Irrational Agency. Auf seinem Blog schreibt er über Wirtschaft im Allgemeinen und die Psychologie dahinter im Besonderen. So sieht er auch mit Blick auf den Brexit eine wirtschafspsychologische Komponente: „Die direkten wirtschaftlichen Folgen sind klar – wahrscheinlich erhöhte Zölle und weniger Handel, eine Rezession in Großbritannien, sowie ein Umzug von Teilen der Londoner Finanzwelt nach Paris oder Frankfurt. Doch die größte Konsequenz ist die Ungewissheit. Was wird als nächstes passieren? Wir wissen es nicht! Psychologisch gesehen ist es für unser Gehirn schwerer, mit dem Unbekannten umzugehen (was entweder gut oder schlecht ausgehen kann) als mit einem garantiert schlechten Ausgang. Wenn du sicher weißt, dass etwas Schlechtes passieren wird, kannst du aufhören dir Sorgen zu machen und dich darauf vorbereiten.

Leigh Caldwell (Image by Leigh Caldwell)
Leigh Caldwell (Image by Leigh Caldwell)

Jedoch wissen wir nicht genau, ob Großbritannien die EU wirklich verlassen wird und unter welchen Bedingungen. Deshalb legen Unternehmen und Konsumenten ihre Ausgabenpläne erstmal auf Eis. Bürger der EU warten erstmal ab, bevor sie nach Großbritannien ziehen oder von hier wegziehen, wenn sie schon vor Ort sind. So kann die Angst vor einer Rezession zur selbsterfüllenden Prophezeiung werden. Es ist doch so, dass Unternehmen Entscheidungen genau so treffen wie der Rest von uns: nicht auf harten Fakten basiert, sondern sie gehen nach dem, was sich richtig anfühlt. Wenn sie nicht wissen, ob sie für ihre Exporte Zoll zahlen müssen oder ob ihre Angestellten nach Großbritannien ziehen können, ist es für sie unmöglich, die beste Entscheidung zu treffen. Die einfachste Entscheidung ist daher, stattdessen in ein anderes Land zu investieren. Ungewissheit zerstört die Wirtschaft in einem Land und das ist im Moment die größte Gefahr für das Vereinigte Königreich. Der Austritt aus der EU sendet ebenfalls ein Signal: Großbritannien ist nun auf sich alleine gestellt. Unabhängig von den objektiven, wirtschaftlichen Fakten kommt es so zur unbewussten Wahrnehmung, dass das Vereinigte Königreich nun in einer anderen Kategorie ist – und das macht es weniger wahrscheinlich, dass europäische Firmen hier einkaufen, verkaufen oder investieren. Auch für den Rest der EU besteht Unsicherheit, auch wenn nicht ganz so stark. Es scheint sogar möglich, dass der Brexit den Rest der EU näher zusammen bringt. Mittelfristig gesehen kann eine enger verbündete EU besser dastehen als im Moment, aber langfristig gesehen ist es für Großbritannien definitiv besser auf der gleichen Seite zu stehen wie alle anderen.


Image (adapted) „Brexit“ by freestocks.org (CC0 Public Domain)

 

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Marinela Potor

Marinela Potor

begann ihren journalistischen Werdegang bei kleinen Lokalzeitungen und arbeitete dann während ihres Studiums als Reporterin für den Universitätsradiosender. Ihr Volontariat machte sie bei Radio Jade in Wilhelmshaven. Seit 2010 hat sie ihren Rucksack gepackt und bereist seitdem rastlos die Welt – und berichtet als freie Journalistin darüber. Über alle „inoffiziellen“ Geschichten schreibt sie in ihrem eigenen Blog fest. Mitglied des Netzpiloten Blogger Networks.

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