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Keine Ruhe nach dem Sturm: Lockdown in Dublin und Probleme mit dem Wasser

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Dublin hat den Lockdown überstanden. Das Dilemma namens „Emma“ liegt hinter uns und wir haben uns wieder gesammelt. Die Tage vor dem Sturm Emma waren davon geprägt, dass eine Task Force zwar gegründet, gleichzeitig aber schon im Vorhinein praktisch wieder zum Scheitern verurteilt war, weil sie von der Regierung installiert wurde. Als von diversen Ministern Erklärungen kamen, dass das irische Volk Ruhe bewahren möge, da doch alles koordiniert sei, sorgte dies auch eher für Unruhe.

Passend dazu setzte der öffentliche Dienst angesichts der ersten Schneeflocken den Nahverkehr in der Hauptstadt mal eben 24 Stunden vor dem erwarteten Chaos komplett aus. Das führte zu noch größerer Unruhe, zum schon erwähnten „Lockdown“ – und zu peinlichen Rechtfertigungen gegenüber Kollegen oder Kunden in anderen europäischen Ländern.

Auswirkungen des Lockdowns

In der Hauptstadt des Landes, das so gerne als „best small country to do business in“ gesehen werden will, sitzen viele sogenannte „Shared Services Centres“ (SSC). Diese bieten für eine Firma zentralisiert Dienstleistungen für alle EU-Märkte an, beispielsweise im Finanzbereich. In den meisten SSC mussten nach drei Tagen Lockdown die Hörer in die Hand genommen und entschuldigende eMails getippt werden. Die Kunden aus Skandinavien und Polen zeigten angesichts der Fernsehbilder vom Schneesturm durchaus Verständnis. Aber warum konnte man am Tag zuvor nicht arbeiten? Tja, wegen des Lockdowns fuhren weder Busse noch Bahnen. Außerdem musste man die Kinder hüten, denn alle Kindergärten, Schulen und Universitäten waren geschlossen.

„Aber ihr seid doch die Hauptstadt des „besten kleinen Landes, in dem man Geschäfte machen kann“, wundern sich die Kunden. Und das Land, in das viele Arbeitsplätze abgewandert sind, weil mit den SSC alles besser läuft, oder? Ja, das sind wir. Und trotzdem. Die Wahrheit ist … nicht so einfach zu formulieren und schon gar nicht so einfach zu ertragen. Da haben wir hier in Irland im Übrigen auch was mit den Brexiteers gemeinsam.

Boris Johnsons Brexit: Die Wahrheit tut weh

Den Brexiteers innerhalb der Conservative Party von Premierministerin Theresa May und um Boris Johnson, dessen Haarschopf immer so aussieht, als sei er während des Sturms Emma zum Staatsbesuch in Irland gewesen, wurde gerade von einem der Vorgänger Theresa Mays die Wahrheit wie ein kalter, nasser Fisch, der noch unter EU-Quoten in der irischen See gefangen wurde, um die Ohren gehauen: „Jede Form von Brexit wird für den britischen Normalbürger ein totales ökonomisches Desaster bedeuten.“ Patsch! Die Wahrheit tut weh.

Sie kann aber auch gut tun, vorausgesetzt, dass man lernfähig ist, was zumindest bei Boris Johnson zu bezweifeln ist. Der Mann hat es neulich fertiggebracht, das Problem möglicher erneuter Grenzkontrollen zwischen Nordirland und der Republik Irland nach dem Brexit damit kleinzureden, dass es doch „auch an der Grenze zwischen Camden und Westminster dank der richtigen Technologie keine Probleme damit gibt, Staugebühren von Fahrern zu erheben, die ins Stadtzentrum müssen.“ Damit kennt er sich als ehemaliger Londoner Bürgermeister bestens aus. Der Begriff „haarsträubend“ hat bei Brexiteer-Boris offenbar unendliche Dimensionen.

Problem der Wassergebühren

Zurück nach Irland in der Zeit nach dem Sturm. Die sprichwörtliche Ruhe war nach Emma nicht sofort eingekehrt. Diesmal ging es um die Wassergebühren, die hier von den Unternehmen gezahlt werden. Vor zwei Jahren wurden die Wassergebühren für Privathaushalte nach heftigen, teilweise sogar gewalttätigen Protesten abgeschafft. Die Meinungen von Experten, dass Wasserzähler nicht nur helfen würden, tausende von Lecks in Jahrhunderte alten Rohren zu identifizieren, sondern gleichsam auch für Gebühren-Gerechtigkeit sorgen würden, gingen im Strudel der Demonstrationen gegen die Gebühren unter.

Nun wurden aber angesichts von immer mehr Lecks in den Rohren (hervorgerufen durch Väterchen Frost und Schwesterchen Emma) Rationierungen ausgerufen. Und schon schwoll das Gegurgel in der Hauptstadt wieder an. Es verstummte erst wieder, nachdem hunderte von Notfall-Teams der Wasserwerke die meisten Lecks gestopft hatten. Ja, es handelt sich um die gleichen Teams, die oft beschimpft oder gar bespuckt wurden, als sie Wasserzähler installieren wollten. Und ja, es sind auch die gleichen Wasserzähler, die dazu beigetragen hätten, dass Wassergebühren gerecht erhoben werden können. So hätten zumindest teilweise milliardenteure Kilometer an neuen Wasserrohren bezahlt werden können. Diese werden nämlich dringend gebraucht. Das ist die kalte, nasse, unangenehme Wahrheit.

Folgen des Wasser-Problems

Die Rohre müssen nun durch das Steueraufkommen bezahlt werden. In diesen Topf kommt unter anderem auch die Einkommenssteuer des Wirts des Celt. Das ist ein Pub im Dubliner Stadtzentrum gleich gegenüber des Büros vom Gegner namens Irish Water. Es ist auch eines der vielen Geschäfte, das erst unter dem Lockdown und dann unter der Wasser-Rationierung zu leiden hatte. Es ist aber auch eines der Geschäfte, das schon immer für das Wasser bezahlen musste.

Auch das ist eine unangenehme Wahrheit, die aber jetzt, da wieder die Ruhe nach dem Sturm eingekehrt ist, erstmal nicht mehr diskutiert wird. Also „Wasser Marsch!“, die Pintgläser müssen geputzt werden, denn am Samstag ist St. Patrick’s Day, da wird sowieso alles durch die grüne Brille gesehen.

Außerdem wird so manches auch grün gefärbt, wie zum Beispiel die Liffey, der Fluss, der durch Dublin fließt. Oft folgt nach dem Wochenende der Hangover. Und in manch einer Firma folgt dem Hangover der Lockdown. Ich habe das Gefühl, dass man an so mancher Stelle so kurz nach Emma wohl zweimal darüber nachdenken wird.

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Brexit und das Recht auf Arbeit für Asylbewerber in Irland

Kolumnen_Rainer2

Die Hauptnachrichten des irischen Fernsehsenders RTE werden seit Beginn des Jahres nicht etwa deshalb Minute für Minute analysiert, weil auf einmal knallharter Journalismus zu bewundern wäre. Nein, der Fokus gilt dem neuen Duo vor der Kamera. “Anchorman” war gestern. RTE hat “Anchorwomen”. Zuletzt war es ein Mann und eine Frau, die gemeinsam die Sendung präsentierten. Bis sich die Frau darüber beschwerte, dass ihr Kollege mehr verdiente.

Die Diskussion bei RTE ward losgetreten. Der Mann wechselte zu RTE Radio, die Frau wurde zu den Spätnachrichten weggelobt. Nun geht alles davon aus, dass die beiden Frontfrauen natürlich beide gleich viel verdienen. Auch, dass das Gehalt natürlich auf Augenhöhe mit dem liegt, was ein Mann verdienen würde. Statt Geld wird nun gezählt, welche der beiden Damen öfter links am Pult sitzt und welche öfter rechts. Das ist ja wichtig. Denn die neue, revolutionäre Art der Anmoderation, dass beide am Anfang vor der Kamera stehen, war schon nach einer Woche nicht mehr so wichtig.

Ist es nicht egal, wer wo sitzt?

Meiner Meinung nach ist es generell vollkommen unwichtig, wer wo sitzt, wenn Beiträge anmoderiert werden. Ich kriege nur die Krise, wenn zwei Beiträge willkürlich im Programm auftauchen, ohne Zusammenhänge aufzuzeigen. Jüngstes Beispiel: Zwei Veranstaltungen, bei denen es um Jobs ging. Um Jobs im Zeitalter von Brexit. Um Jobs in Irland. In Irland, dem Land der Auswanderer. Dem Land, das fast schon einen Kult um seine eigenen Migranten betreibt. Und wenn der erste dieser Migranten fast 20 Jahre nach Auslaufen seines Visums von Trump’s Immigrations-Schergen des Landes verwiesen und heimgeschickt wird, dann ist das Geschrei so groß wie die Pressemeute, die sich zum Empfangs-Kommittee für den verlorenen, deportierten Sohn hinzugesellt. Aber zurück zu den Jobs und den beiden Veranstaltungen.

Unsicherheit darüber, wie Brexit tatsächlich aussehen wird, herrscht nicht nur bei denen, die die Sache angestoßen haben. Also bei der britischen Regierung. Unsicher fühlen sich auch viele Arbeitnehmer. Egal ob britische Staatsbürger oder EU-Bürger. Das gilt für fast alle Sektoren, außer vielleicht für Immigrations-Beamte. Aber im Londoner Tech-Sektor ist die Unsicherheit auf jeden Fall zu spüren. Somit machte es für die Macher von “Tech Life Ireland” absolut Sinn, eine Jobbörse in London zu veranstalten. Diese war, wenn man sich den betreffenden Bericht bei RTE anschaute, hervorragend besucht.

Berechtigte Sorgen

Fast 20 Firmen reisten mit Jobangeboten an und mit neuen Kollegen – oder besser gesagt erst einmal mit deren Zusagen – wieder ab. In ein paar Wochen oder höchstens Monaten müssen sich die Neurekruten keine Sorgen mehr um Brexit machen. Nein, Sorgen muss man sich eher um bezahlbaren Wohnraum machen. Denn sowohl Hypotheken als auch Mieten sind hier schon wieder so hoch – wenn nicht gar höher – wie im Boom. Und der Crash, der dem Boom folgte, ist schon wieder vergessen.

Da viele sich die immer weiter steigenden Mieten nicht leisten können, steigt die Zahl derer, die nach Rauswurf durch Vermieter in Notunterkünften enden, immer weiter an. Und mit der Zahl derer, die auf neue, normale Unterkünfte warten, die gar nicht so schnell gebaut werden können, wie sie gebraucht werden, steigt leider auch die Zahl derer, die die Schuld bei Unschuldigen suchen. Wie anders ist es zu erklären, dass die Angst vor dem “Faktor Anreiz im Zeitalter von Brexit” als Begründung dafür herhalten muss, dass das Urteil des höchsten irischen Gerichts, welches Asylbewerbern das Recht auf Arbeit gewährt, ignoriert und eben jenes Recht stark eingeschränkt wird.

Einschränkungen und Demonstrationen

Es geht um Asylbewerber, die seit Jahren in Aufnahmelagern leben. Und die sich vor allem mittels Arbeit nicht nur selber ernähren. Sondern es geht auch um die, die sich auch integrieren wollen. Womit wir bei der zweiten Veranstaltung zum Thema Jobs wären, die bei RTE im gleichen Programm lief. Nachdem eine Taskforce der irischen Regierung nach dem Urteil des Supreme Courts zum Recht auf Arbeit für Asylbewerber so reagierte, dass starke Einschränkungen gemacht wurden, fanden in mehreren Städten Demonstrationen statt, die sich gegen die Beschränkungen richteten. So muss ein neuer Job zum Beispiel mindestens mit 30.000 Euro vergütet werden und viele Jobs sind ausgenommen.

Dass dazu zum Beispiel auch Jobs für gut ausgebildete Ingenieure gehören, war anhand der Plakate so mancher betroffener Asylbewerber offensichtlich – “Ich möchte als Bau-Ingenieur arbeiten.” – dass solche Einschränkungen in einem Land gelten, das in London nach Fachkräften sucht, macht so gar keinen Sinn. Was Sinn machen würde, wäre wenn der Taskforce zumindest ein Arbeitgeber-Vertreter angehört hätte.

Noch ist es aber nicht zu spät

Es besteht noch die Möglichkeit, dass die Regierung Vertreter des Arbeitsministeriums mit Vertretern von Arbeitgebern im Einzugsgebiet von Asylbewerber-Heimen an einen Tisch bringt und Listen mit Anforderungen an Bewerber erstellt. Außerdem besteht noch die Möglichkeit, die Mitarbeiter des Arbeitsministerium danach diese Listen mit Asylbewerbern abgleichen zu lassen. Und Nein – ich sage nicht, dass jeder davon ein Coder oder ein Ingenieur ist. Aber jeder Einzelne, der so vermittelt werden kann, hilft hoffentlich ein bisschen, den Schreiern, die Asylbewerber als Schuldige sehen, das Maul zu stopfen. Und RTE hat auch noch die Möglichkeit, nicht nur einen Beitrag über solch gelungene Beispiele von Integration ins Programm zu nehmen. Sondern auch Kontext herzustellen, vollkommen egal, wer in welcher Position den Beitrag anmoderiert.

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Borderliners: Irland, Trump & Brexit

Kolumnen_Rainer

Am Anfang kommt erst mal das Ende. Ich hatte in meiner Reihe “CheckUp Ireland” für die Netzpiloten über irische Tech-Themen geschrieben. Als die “Chefpiloten” dann wegen einer neuen Kolumne an mich herantraten, lag das Thema Brexit als eine Art Bogen für die Kolumne auf der Hand. Und warum “Borderliners”? Erinnert Ihr Euch noch an den Film “Flatliners” mit einem Kiefer Sutherland, bevor er mit „24“ omnipräsenten war? Dort wurde mit dem Tod gespielt und mit immer riskanteren Wiederbelebungen Grenzen überschritten.

In dieser Kolumne wird es auch um Grenzen und um Tod gehen. Zwar sehen viele in England, Wales, Schottland, Nordirland (na ja) und sogar hier in Irland Chancen im Brexit. Aber es gibt auch zahlreiche Beobachter in Irland (und in Nordirland, wenn sie nur ehrlich sind), die den Tod ganzer Industrien vorhersehen und sogar Tote befürchten, wenn es wieder Grenzkontrollen geben sollte. Ich komme also gar nicht umhin, am Anfang erst mal wieder zum Ende zurückzukommen.

Da wir gerade vom Ende reden…

Während ich hier so tippe, läuft im Hintergrund CNN live aus Davos und der Mann, der den größeren Atomknopf als der andere Irre hat, aber gemeinsam mit ihm unser aller Ende ein bischen näher bringt, läuft durch’s Bild, was ich persönlich als Störung desselben empfinde. Da schaue ich mir doch lieber “Friends” auf Comedy Central an. Diese Möglichkeit hat aber nicht jeder und so mancher Entscheider kann dem pompösen Präsidenten gar nicht entgehen. Trumps Steuer-“Reform”, die im Grunde nichts anderes als eine radikale Steuersenkung ist, erzeugte in Dublin bei denen, die US-Multinationals nach Irland bringen, Herzkasper bis fast schon hin zum Stillstand (womit wir wieder bei den “Flatliners” wären).

Aber zurück zu den “Borderliners”. Nordirland hatte zwar mehrheitlich gegen Brexit gestimmt. Die Regional-Regierung in Belfast ist aber wegen Streitereien zwischen der pro-irischen nationalistischen Partei Sinn Féin und der unionistischen und stolz am lautesten “God save the Queen” singenden DUP seit über einem Jahr suspendiert. Es kann also zumindest nicht gemeinsam Einfluss auf Brexit-Entscheidungen in London genommen werden. Böse Zungen behaupten, dass das der DUP gar nicht mal unrecht ist, hält sie doch die Minderheitsregierung der Tories (noch) unter Theresa May davon ab, Kiefer Sutherlands “Flatliners” beizutreten. Aber die Briten bauen ja eh auf all die verbesserten Handelsverträge, die nach Brexit ohne die böse EU mit der ganzen Welt abgeschlossen werden.

Vor allem der “besondere Freund” im Weissen Haus stehe bereit, versucht Theresa May die Zweifler in Belfast zu beschwichtigen. In Belfast? Das Belfast, in dem der kanadische Flugzeugbauer Bombardier Teile für Flugzeuge von tausenden “stolzen Briten” bauen lässt? Teile, die für Kunden in den vom besonderen Freund regierten USA bestimmt sind? Der Freund kündigte nach einer Intervention des Bombardier-Konkurrenten Boeing mal eben an, Strafzölle in Höhe von 292 Prozent auf die Teile aus Belfast zu knallen.

Zwar entschied die US-Handelskommission gerade erst in dieser Woche gegen die radikale Maßahme, dennoch bekam Theresa May hier einen Vorgeschmack darauf, dass “America First” auch zwischen Freunden nicht als “Britain First” missverstanden werden darf. “Britain First” ist für Trump halt nur dann interessant, wenn er hetzerische Videos der Anti-Immigrations-Bewegung gleichen Namens retweetet.

Tja, wer solche Freunde hat …

Kein Wunder also, dass es immer mehr Stimmen gibt, die ein zweites Referendum der Briten ins Spiel bringen. Dass zu diesen Stimmen neben den bereits erwähnten herzkranken Iren und einigen Londoner Labour-Abgeordneten auch immer mehr Mitglieder von Theresa Mays Tories zählen, darf eigentlich nicht verwundern. Vielen Konservativen wird schlecht, wenn sie den eigenen Ministern dabei zuhören müssen, wie sie sich gegenseitig widersprechen, was die Brexit-Strategie der Regierung anbetrifft. Dass aber ausgerechnet Nigel Farage, der ehemalige Anführer der UK Independence Party und Freund von Donald Trump, neulich im BBC-Interview mit Andrew Marr ein zweites Referendum ins Spiel brachte, ließ nicht nur den Kiefer seines Gastgebers nach unten sinken. Nur dieser arrogante Nigel, der seinem pompösen Buddy Donald sehr nahe kommt, was die Verachtung von Umfragen (und Einwanderern) anbetrifft, konnte es fertig bringen, Andrew Marr und der britischen Öffentlichkeit bei einem eventuellen Referendum noch höhere Prozente für Brexit vorherzusagen.

Ob nach einem zweiten Referendum oder ohne eine erneute Abstimmung (aber dafür ohne einen Plan) – Theresa May gab sich dennoch in Davos weiterhin zuversichtlich, was die Zukunft des Empire anbetrifft. Klar, die Wege dort wurden ja für Staatsoberhäupter und Konzernchefs gut gestreut. Derweil schlittert das Königreich aber weiter ins Ungewisse, was die Zukunft nach Brexit anbetrifft. Und gegenüber, auf der anderen Seite der irischen See, verschlingt man lieber “24” im Boxset, als sich so am Brexit zu verschlucken, dass statt dessen “Flatliners” auf dem Programm steht.

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Check-up Ireland: Steuern im Fokus – und vor Gericht?

Blue (adapted) (Image by andreistroe [CC BY-SA 2.0] via flickr

Irland und seine Multinationals werden kritisch beäugt

Vorab ein Eingeständnis – ich habe in so manch einer Ausgabe meiner Kolumne tendenziell eher positiv über Multinationals geschrieben als negativ. Das kann durchaus damit zusammenhängen, dass mir gleich mehrere dieser Unternehmen Jobs gegeben haben. Ich war somit stets bemüht, dem Argument, dass einige der Multinationals sich sehr effektiv ums Zahlen von Steuern drücken, das Argument entgegenzuhalten, dass zehntausende Mitarbeitern, die von diesen Firmen beschäftigt werden, schließlich selbst Steuern zahlen und zudem für Umsatz – und somit auch Umsatzsteuer – bei lokalen Unternehmen sorgen. War ich zu bemüht? Vielleicht. Hab ich mich zum Sprecher der Multinationals gemacht? Mit Sicherheit nicht.

Beim jüngsten EU-Gipfel in Tallinn ging es vordringlich um die Digitalisierung innerhalb der EU. Wenn man jedoch über Digitalisierung spricht, kommt man um Namen wie Google und Facebook nicht herum; und schon ist man beim Thema Steuern angelangt. Von daher durfte sich niemand wundern, dass eine schnelle Harmonisierung der Körperschaftssteuer innerhalb der EU dringlich geboten ist. Gleich mehrere Staatsoberhäupter klangen hier wie ein Echo der Rede, die Emmanuel Macron unmittelbar vor dem Gipfel gehalten hatte. Seine Vorstellung einer neuen, reformierten EU beinhaltete auch eben jene Forderung nach Harmonisierung im Bereich Körperschaftssteuer.

In diesen unruhigen Brexit-Zeiten mag Irland zwar generell besonders harmoniesüchtig sein, was aber das Thema Körperschaftssteuer anbelangt, so klingt der Begriff Harmonie für irische Ohren verdammt schief. In der absoluten Opposition der irischen Regierung gegen Körperschaftssteuer-Harmonisierung manifestiert sich die Furcht vor deutlich geringeren Steuereinnahmen, aber auch vor geringeren Investitionen von Multinationals. Taoiseach bzw. Ministerpräsident Leo Varadkar verteidigte seinen Kollegen gegenüber sowohl niedrige Besteuerung als auch „Regulierung Light“ für den digitalen Sektor.

Das war aber wohl ein wenig zu locker und leicht für Kommissions-Chef Jean-Claude Juncker, der in seiner Abschluss-Pressekonferenz, zwar ohne Irland direkt zu nennen, aber doch sehr deutlich, seiner Überzeugung Ausdruck verlieh, dass Steuern dort erhoben werden müssten, wo Gewinne erzeugt werden und nicht etwa dort, wo Unternehmen ihre europäischen Zentralen haben.

In einem Fall von „whoops – talk about bad timing“ wurden am Rande des Gipfels auch die neuesten Zahlen bekannt, die der staatliche Auditor zu den Steuereinnahmen Irlands veröffentlicht hat. Demnach zahlen 13 der Top 100 Firmen in Irland effektiv einen Körperschaftssteuer-Satz von nur einem Prozent – was mit dem offiziellen Körperschaftssteuer-Satz von 12,5 Prozent natürlich herzlich wenig zu tun hat. Wenn selbst die 12,4 Prozent, die effektiv im Durchschnitt von allen in Irland ansässigen Unternehmen gezahlt werden, anderen Staaten ein Dorn im Auge sind, muss klar sein, dass die ein Prozent der „Glorreichen 13“ wie ein Dornenkranz wirken müssen, den Irland seinen EU-Partnern ins Gesicht klatscht.

Zwar wurden die Namen der 13 Unternehmen im schlecht getimeten Zahlenwerk nicht genannt, aber eigentlich musste jedem klar sein, dass Apple dazugehört. Schon vergessen? Es ist gerade mal ein Jahr her, dass die EU-Kommission Irland dazu verdonnert hat, 13 Milliarden Euro an fälligen Steuern von Apple einzutreiben. Zwar hatten Apple und die irische Regierung sofort Widerspruch eingelegt, aber gleichzeitig der Kommission gegenüber versichert, zu Jahresbeginn das Geld bis zur endgültigen Entscheidung auf einem Escrow-Konto zu verwahren. Hat Irland DAS vergessen?

Nach Auffassung der EU-Wettbewerbs-Kommissarin Margrethe Vestager schon. Die hat nun die Geduld verloren und zerrt Irland vor den EU-Gerichtshof, wo heftige und nicht gerade billige Strafen drohen. Mit der Verteidung, dass das mit dem Escrow-Konto nur so lange dauere, weil der Vorgang laut EU-Regularien ausgeschrieben werden müsse – irisch für „Ihr seid selber schuld“ – macht sich der irische Finanzminister Paschal Donohoe sicher auch keine Freunde in der EU. Herr Donohoe gab sich beim Fernsehsender RTE ohnehin recht locker: „Wir regeln das zeitnah und vor das EU-Gericht wird das niemals kommen.“ Na dann.

Auf jeden Fall vor das EU-Gericht kommen wird aber der bedeutende Fall „Max Schrems gegen Facebook“. Facebook hat sein europäisches Hauptquartier in Dublin – und nein, wie viel oder wenig Steuern die hier zahlen interessiert hier am Ende meiner Kolumne grad mal nicht – was dazu geführt hat, dass Max Schrems seine Beschwerde über den Transfer seiner persönlichen Daten durch Facebook in die USA erneut beim High Court in Dublin vorgebracht hat. Schon seine erste Klage war von dem irischen Gericht an den Europäischen Gerichtshof verwiesen worden, der dann in Folge das transnationale Safe-Harbour-Abkommen beendete.

Schrems änderte seine Beschwerde daraufhin ab, die wieder auf dem Schreibtisch der für Facebook zuständigen irischen Datensicherheits-Beauftragten Helen Dixon landete. Da Dixon in der Beschwerde einige bedeutende Punkte erkannte, die EU-weiten Belang hätten, bat sie den Dubliner High Court, die Beschwerde zur Entscheidung an den Europäischen Gerichtshof zu verweisen. Der High Court gab der Bitte nach, so dass zumindest eine der Top 13 Firmen in Irland vor den Richtern in Luxemburg vorstellig werden muss.


Image (adapted) „Blue“ by andreistroe (CC BY-SA 2.0)


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Check-Up Ireland: Irland forscht

Microskop (adapted) (Image by PublicDomainPictures[CC0] via pixabay)

Seit 1997 lebe ich nun schon in der irischen Hauptstadt Dublin. Mein erster Job bei AOL hatte auch ein wenig mit Tech zu tun – wenn man die berüchtigten Freistunden-CDs als „Tech“ ansieht oder das Verbinden an die technische Hotline durchgehen lässt. Im November habe ich damit begonnen, die „Tech-Insel“ ein Jahr lang aus verschiedenen Blickwinkeln zu betrachten. Mein Blick nach vorn was die Förderung von Forschung anbetrifft geht hier in gleich vier Richtungen.

114 Millionen Euro, 650 Forscher und 80 Projekte in gleich 4 neuen Forschungszentren – beeindruckende Zahlen, die gerade die Science Foundation Ireland bei der Vorstellung eben jener vier neuen Forschungszentren genannt hat. Das Geld kommt sowohl vom Staat als auch von der Industrie. Die € 114 Millionen sollen helfen, so Ministerpräsident Leo Varadkar, sich die Welt der Zukunft vorzustellen.

Der ambitionierte Plan, den der junge Politiker vorstellte, dem man eher abnimmt, dass ihn neue Ideen faszinieren, sieht vor, dass irische und internationale Forscher in Kollaboration mit Privatfirmen helfen, hochkarätige Jobs und stetes Wachstum zu generieren.

Die Forschungszentren werden Universitäten angegliedert sein und die 650 Forscher werden in den nächsten 6 Jahren an über 80 Projekten arbeiten. Was die Fördergelder anbetrifft, die über die 6 Jahre Laufzeit des ambitionierten Plans zur Verfügung stehen, so kommen diese sowohl von der Industrie (€ 40 Millionen) als auch vom Wirtschaftsministerium (€ 74 Millionen). Die SFI-Zentren repräsentieren laut Leo Varadkar ein bemerkenswertes Dreieck aus Regierung, Industrie und Höherer Bildung: „Die Zentren beweisen, was alles möglich ist, wenn es eine gemeinsame Vision über die Art von Ambition gibt, die wir realisieren können.“

    Die vier neuen Forschungszentren sind:

  • CONFIRM – UL (University of Limerick) – hat das Ziel, die irische Industrie zu transformieren. Irland soll zu einer der führenden Nationen im Bereich „Smart Manufacturing“ (inklusive Robotics) werden. Schon jetzt generiert der Sektor 110 Milliarden Euro an Exporten, aber AI & stets verbesserte IT-Lösungen sollen helfen, dass die Industrie noch „smarter“ wird und für stetes Wachstum gesorgt ist.

  • BEACON – UCD (University College Dublin) – das Bioeconomy Research Centre reagiert auf schwindende fossile Energiequellen mit der Entwicklung von alternativen Technologien, die auf biologisch-wiederverwertbaren Resourcen basieren. Hier kommen Irland die Massen von (glücklichen) Kühen zugute, deren reine, weisse „Ausscheidungen“ zu Butter verarbeitet nach Deutschland oder zu Milchpulver verarbeitet nach China exportiert werden. Was die „anderen“ Ausscheidungen und Abgase anbetrifft, die Irland zurecht Sorgen bereiten, was die Klimaziele des Landes anbetrifft, so kann jetzt damit begonnen werden, in der Herausforderung auch Chancen zu sehen.

  • I-FORM – ebenfalls UCD – wird im Industriesektor vor allem im Bereich 3D-Druck aktiv sein und Firmen mit maßgeschneiderten Komponenten unterstützen.

  • FutureNeuro – RCSI (Royal College of Surgeons Dublin) – wird sich schwerpunktmässig mit der sozio-ökonomischen Belastung durch neurologische Erkrankungen beschäftigen, mit denen in Irland 700,000 Menschen zu leben haben. Ganz abgesehen von der Last an Schmerzen, die die Erkrankungen mit sich bringen, werden die Kosten (Gesundheits- & Wirtschafts-Kosten) jährlich auf 3 Milliarden Euro beziffert.

Die vier Forschungszentren werden zudem mit zahlreichen Partnern in den Bereichen Höhere Bildung (vor allem die ITs = Institutes of Technology = Fachhochschulen) und Krankenhäuser (Beaumont Hospital, Mater Hospital, Temple Street Childrens Hospital) kollaborieren. Sie sind somit eine willkommene Erweiterung zu den bereits bestehenden, Dutzenden von Forschungszentren, die landesweit 4.200 Forscher unterstützen. Eine Investition, die laut Frances Fitzgerald, der Ministerin für Wirtschaft, Jobs und Innovation, ein höchst wichtiger Teil der langfristigen Planung der Regierung bis 2020 darstellt. „Die vier neuen Zentren werden ihren wichtigen Platz neben ihren Schwester-Institutionen einnehmen und unserem Land in Zukunft zahlreiche Jobs, enorme wirtschaftliche Vorteile und auch kaum messbare, aber dennoch wichtige soziale Vorteile bringen“, so die Ministerin.

Die 114 Millionen Euro seien gut angelegt, ergänzte am Schluss noch ihr Stellvertreter Staatsminister John Halligan. Der internationale Wettbewerb um innovative Unternehmen und um die besten Wissenschaftler werde immer härter – man müsse sich nur die jüngsten Entwicklungen in den USA anschauen, wo Trump mit der Karotte niedrigerer Steuern wedelt, und über die irische See und vor allem hoch nach Nordirland blicken, wo das Vereinigte Königreich mit dem Knüppel rumfuchtelt – BANG! BREXIT!


Image (adapted) „Microscop“ by PublicDomainPictures (CC0 Public Domain)


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FollowUs – Die Netzpiloten-Tipps aus Blogs & Mags

Follow me

  • GOOGLE golem: Google-Kamera für 17.000 US-Dollar: Google hat sich mit dem Gopro-Konkurrenten Yi zusammengetan, um die nächste Generation seiner VR-Plattform zu bauen. Diese besteht aus 17 Kameras vom Typ Yi 4K. Die Kamera heißt Yi Halo und soll rund 17.000 US-Dollar kosten. Vor zwei Jahren stellte Google bereits die Surroundkamera Jump vor, die aus 16 Gopros besteht. Mit der kreisförmigen Kameraanordnung der Yi Halo können stereoskope Videos mit 8.192 x 8.192 Pixel Auflösung bei 360 Grad Abdeckung und 30 Bildern pro Sekunde aufgenommen werden. Auch 5.760 x 5.760 Pixel mit 60 Bildern pro Sekunde sind möglich. Eine Kamera filmt dabei immer nach oben und unten.

  • DATENSCHUTZ netzpolitik: Im Gesetz zum elektronischen Personalausweis versteckt sich ein automatisierter Abruf für Geheimdienste: Innenminister Thomas de Maizière will Ausweise nur noch mit aktivierter Funktion zur elektronischen Identifizierung ausgeben. Außerdem möchte er die biometrischen Merkmale von Ausweis und Pass in einem automatisierten Verfahren den Geheimdiensten freigeben. Das Gesetz soll noch diese Woche beschlossen werden, im Bundestag findet heute eine Anhörung dazu statt.

  • NSA heise: Geleakte NSA-Hackersoftware: Offenbar hunderttausende Windows-Computer infiziert: Dank eines NSA-Werkzeugs namens „Doublepulsar“ haben Unbekannte in den vergangenen Tagen offenbar fast 200.000 Windows-Computer in aller Welt übernommen. Das haben Sicherheitsforscher von Binary Edge ermittelt, die das Netz täglich nach infizierten Geräten durchsuchen. Besonders stark betroffen sind demnach die Vereinigten Staaten, vor Hongkong und China. Schon zuvor hatten Sicherheitsforscher ermittelt, dass mehr als fünf Millionen Geräte für die NSA-Malware angreifbar sein dürften, obwohl Microsoft bereits einen Patch veröffentlicht hat. Seit die Hacker der Shadow Brokers dieses und andere NSA-Hackingtools veröffentlicht haben, steigt die Zahl der Infektionen aber rasant an.

  • POLITIK handelsblatt: Wie die EU die Brexit-Gespräche angeht: Zuerst schien die Europäische Union wie erstarrt, überrumpelt und tief gekränkt vom Liebesentzug der Briten. Es folgten Trauer und Trotz, Selbstzweifel und Streit. Jetzt aber scheint die Rest-EU der 27 gefasst und bereit für die Verhandlungen über den Brexit. Kühl, präzise und stählern haben sie ihre Ziele formuliert. EU-Ratspräsident Donald Tusk hat das Motto vorgegeben: „Im Kern geht es um Schadensbegrenzung.“

  • GOOGLE googlewatchblog: Google Play Awards: Das sind die Nominierten für die besten Android-Apps 2017: Im Play Store tummeln sich Millionen von Apps in unzähligen Kategorien und allen Qualitätsstufen. Um die besten Apps herauszustellen hat Google im vergangenen Jahr die Google Play Awards geschaffen, mit denen die besten Apps in ihren Kategorien ausgezeichnet werden. Auch in diesem Jahr wird es diese Preisverleihung wieder geben, und jetzt wurden die Nominierten in den 12 Kategorien bekannt gegeben.

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Check-up Ireland: Wie Irland von der Scheidung der Briten aus der EU profitieren kann

Eu (adapted) (Image by Elionas2 [CC0 Public Domain] via pixabay)

Seit 1997 lebe ich nun schon in der irischen Hauptstadt Dublin. Mein erster Job bei AOL hatte auch ein wenig mit Tech zu tun – wenn man die berüchtigten Freistunden-CDs als „Tech“ ansieht oder das Verbinden an die technische Hotline durchgehen lässt. Im Verlauf der kommenden 12 Monate werde ich nun die „Tech-Insel“ aus verschiedenen Blickwinkeln betrachten.

In der Woche, in der die Briten nun endlich Artikel 50 des EU-Vertrags ziehen, und somit Brüssel die Scheidungspapiere zustellen, kommt diese Kolumne nicht umhin, erneut über Brexit zu reden (mit Sicherheit nicht zum letzten Mal) und ein paar Fragen zu stellen: Bedeutet Brexit auch Techxit? Wird Irland, wenn die Scheidung zwischen Briten und der EU vollzogen ist, am Ende nicht nur Opfer sondern auch Profiteur sein?

Offiziell ist es die Brexit-Politik der irischen Regierung, dass die Briten enge Freunde und Alliierte sind, was bedeutet, dass Irland als Brücke zwischen der EU auf der einen Seite und dem wichtigen Partner auf der anderen Seite dienen kann. Inoffiziell gibt es jedoch beträchtliche Spannungen. Einige Kommentatoren fürchten, dass der Brexit einen erheblichen negativen Effekt auf die irische Wirtschaft haben wird und später sogar einen „Irexit“ nach sich ziehen könnte. Die Gegenseite sieht das Gegenteil – die Krise als Chance. Jobs und Investitionen, die eng mit der EU zusammenhängen, brauchen eine neue Heimat innerhalb der EU.

Insbesondere der Tech-Sektor ist für Irland von strategischem Interesse. Das gleiche gilt für den Finanz-Bereich und somit sind irische Fintech-Unternehmen an der Kreuzung zwischen diesen beiden Bereichen ideal positioniert. Nicht von ungefähr haben die beiden staatlichen Wirtschaftsförderungsgesellschaften Enterprise Ireland (zuständig für Exporte) und IDA (zuständig für das Anlocken von Unternehmen aus dem Ausland) einen zusätzlichen Personal-Etat von nahezu drei Millionen zugeteilt bekommen, um zwischen sich 60 neue Leute zu rekrutieren.

Nicht nur Nachteile

Fergus Kelly von Capstone, einem Spezialisten in Unified Communications im Finanzbereich, sieht den Brexit positiv. Capstone, die auch ein Büro in London haben, hören immer öfter von britischen Kunden, dass es Gedankenspiele gibt, die Belegschaft in Deutschland oder Frankreich zu erhöhen, eine Tochterfirma in Irland zu gründen oder sogar das ganze Unternehmen hierhin zu verlagern. Was die Art von Technologie anbetrifft, mit der Capstone arbeitet, spricht Kelly vom „Lift & Shift“-Phänomen – extremer Mobilität, die es Kunden ermögliche, schnell zu reagieren und umzuziehen. Zwar habe der Schock des Referendums nicht unmittelbar Bewegungen von Jobs und Investitionen nach sich gezogen, aber je näher die Scheidung rücke, desto nervöser würde man im Finanz-Distrikt London City. „Artikel 50 bedeutet für uns konkrete, neue IT-Projekte“, lautet die klare Ansage von Fergus Kelly.

Auch Tony Connolly von AccountsIQ, das Lösungen im Bereich Cloud Accounting anbietet, sieht im Brexit eher die Chance als die Krise. Der Markt werde nicht einfach verschwinden. Natürlich würden auch andere Standorte wie zum Beispiel Luxemburg versuchen, möglichst große Stücke vom Kuchen abzubekommen, aber Irland sei ideal positioniert. Die starken Verbindungen Irlands mit den Briten was Wirtschaft, Kultur und Sprache anbelangt, kombiniert mit dem starken Bekenntnis Irlands zur EU bedeute, dass man hier vom Brexit profitieren werde: „Tech ist hier ideal positioniert, um sowohl in EU-Märkte als auch in post-EU britische Märkte hinein zu verkaufen.“

Schon jetzt, da Artikel 50 gerade erst in Kraft tritt, fürchten viele irische Unternehmen in Nicht-Tech-Sektoren die neue, alte Grenze. Folgende Sätze von Tony Connolly stehen jedoch beispielhaft dafür, wie Unternehmen der Tech-Industrie das mit der Grenze sehen: „Vom Tech-Blickpunkt aus betrachtet spielt die Grenze keine Rolle. Dienstleistungen, die zurzeit von britischen Standorten aus erbracht werden, können ganz einfach auch von Dublin, Cork oder Limerick aus erbracht werden.“

Zwar weiß noch niemand (inklusive der Briten) ganz genau, ob die Scheidung, die gerade mit Artikel 50 beginnt, sauber verlaufen oder schmutzig enden wird und wie viele traurige Scheidungskinder danach zurückbleiben werden. Tech ist aber den Kinderschuhen schon lange entwachsen, geht mit der Trennung flexibel um und wird die Scheidung wohl erwachsen und gewachsen überleben.


Image (adapted) „Eu“ by Elionas2 (CC0 Public Domain)


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Check-up Ireland: Stuck in the Middle – Wir stecken fest

Seit 1997 lebe ich nun schon in der irischen Hauptstadt Dublin. Mein erster Job bei AOL hatte auch ein wenig mit Tech zu tun – wenn man die berüchtigten Freistunden-CDs als „Tech“ ansieht oder das Verbinden an die technische Hotline durchgehen lässt. Im Verlauf der kommenden zwölf Monate werde ich nun die „Tech-Insel“ aus verschiedenen Blickwinkeln betrachten. 

Irlands Tech-Entscheider schauen sorgenvoll auf Trump & Brexit

In dieser Kolumne warf ich erst vor kurzem einen durchaus positiven Blick auf das vergangene Jahr. Zu Beginn des neuen Jahres gehen viele Blicke sowohl nach Westen über den Atlantik als auch nach Osten über die Irische See nach London. Noch bis vor wenigen Monaten ließ Irlands Sandwich-Position zwischen den USA und dem so wichtigen Handelspartner Großbritannien Politiker und Industrielle im Einklang endlose Jubelarien auf den Standort-Vorteil der Iren anstimmen. Die Wahl von Donald Trump und die Entscheidung der Nachbarn für das Brexit sorgten jedoch für tiefe, übelklingende Kratzer auf dieser altbewährten Platte. Nun kramt manch einer „Stuck in the Middle with you“ der Gruppe ‚Stealers Wheel‘ hervor: „Clowns to the left of me, jokers to the right, here I am stuck in the middle with you!“

Sowohl Milliarden-Investitionen von US-Firmen als auch der rege Handel mit den Briten hatten schon immer auch viel mit Steuern und Zöllen zu tun. Was wird sich links und rechts ändern und was bedeutet es für Irland? 

Trump to the left

Noch weiß niemand genau (wahrscheinlich auch er selbst nicht), welche seiner Wahlversprechen Donald Trump wirklich umsetzen wird. Ein Zentralstück seiner Wirtschaftspolitik sollen aber erhebliche Steuersenkungen werden. Unter anderem war im Wahlkampf immer wieder die Rede davon, den Körperschaftssteuersatz von 35 Prozent auf 15 Prozent zu senken – eine Zahl, die in Irland, wo der Leitsatz 12,5 Prozent beträgt, Sorgenfalten auf die Stirnen der Ansiedlungspolitiker treibt. Zu stark ist noch die Abhängigkeit der irischen Wirtschaft von Multinationals, vor allem aus den USA, die insgesamt rund 200.000 Menschen beschäftigen. Facebook, Microsoft, Google und Apple gehen dabei vorneweg. 

Jede auch noch so kleine Änderung bei der Körperschaftssteuer wird direkte Folgen in Irland nach sich ziehen. Zwar hat es in den letzten 30 Jahren auf US-Seite keine signifikanten Änderungen gegeben und jede Administration, auch wenn sie von einem Lautsprecher wie Trump geleitet wird, tut sich schwer daran, spürbar UND schnell an der Körperschaftssteuer zu drehen. Da diese rund zehn Prozent des US-Steueraufkommens ausmacht, werden Donald Trump und seine Berater vorsichtig zu Werke gehen müssen, damit der Schuss, der US-Unternehmen und ihre Steuern nach Hause locken und die Wirtschaft erstarken lassen soll, nicht nach hinten losgeht. Zu bedenken ist auch, dass schon heute ein Teil der Profite von US-Unternehmen mit irischen Tochterfirmen sowohl in Irland als auch in der Heimat besteuert werden.

Auf Twitter drohte Trump jüngst diversen Autoherstellern mit Einfuhrzöllen falls Fabriken nicht ins Homeland zurückverlagert werden sollten. Zweifelsohne spielt die Tatsache, dass es sich bei dem Land, aus dem die Produktion zurückgebracht werden soll, um dessen Lieblingsfeind Mexiko handelt, eine besondere Rolle. Toyota und Chrysler gaben auch schnell nach und kündigten Milliarden-Investionen in den USA nach. Könnten den Drohungen an Auto-Bosse via Twitter bald Drohungen an Tech-Bosse bei Facebook oder Google (nicht bei Twitter, die weder in Irland noch in den USA Profite machen) folgen? Noch ist nichts derart in Sicht. Doch zum einen ist Donald Trump unberechenbar und zum anderen benötigen Investoren – egal ob in der Auto-Industrie oder in Tech – Sicherheit. Und da die alles andere als gegeben ist, warten viele Investoren erst einmal ab.

Brexit to the right

Noch spricht die britische Regierung mehr- und vor allem unstimmig darüber, wie das mit dem Brexit genau funktionieren soll. Dies sorgt in der Wirtschaft ebenso für Unsicherheit wie die bangen Fragen, was genau Trump so vorhat. Und genau wie Trump reden auch britische Politiker davon, den Körperschaftssteuersatz zu senken. Nur greift die Unsicherheit in Bezug auf den (noch) gemeinsamen Handels- und Reiseraum mit dem Vereinigten Königreich und was wohl daraus werden möge, wenn der Brexit umgesetzt wird, schon jetzt spürbar um sich – noch bevor der Artikel 50 des EU-Vertrags überhaupt aktiviert wurde. Zwar macht man sich in Bereichen wie FinTech berechtigte Hoffnungen, dass Finanzunternehmen Investitionen von London nach Dublin verlegen werden, um weiterhin Zugang zum einheitlichen EU-Markt zu haben. Da hört es dann aber auch auf. So manch ein Unternehmen hält Investitionen, was den britischen Markt betrifft, erst einmal zurück. Andere denken gar darüber nach, den Firmensitz nach Großbritannien zu verlagern, was dann Sinn macht, wenn zwei Drittel der Kunden dort sind und es zu lange dauern würde, neue Märkte zu erschließen.

Über Jahre hinweg konnten irische Firmen sich darauf ausruhen, dass in Bezug auf den wichtigsten Handelspartner in Europa die Fähigkeiten der Mitarbeiter ideal waren. Man spricht die gleiche Sprache und der Nachwuchs ist technisch gut ausgebildet. Dem Ausruhen folgt jetzt aber mehr und mehr die Unruhe – und neue Fragen: Kennt sich bei uns eigentlich jemand mit Ausfuhrzöllen aus?


Image “ireland” by belindasoundso (CC0 Public Domain)


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Check-up Ireland: ein Blick zurück auf Dublin Tech und Wunschliste für 2017

Kalender, zuende, zu Ende, Ende, abgerissen, Jahresrückblick

Seit 1997 lebe ich nun schon in der irischen Hauptstadt Dublin. Mein erster Job bei AOL hatte auch ein wenig mit Tech zu tun – wenn man die berüchtigten Freistunden-CDs als “Tech” ansieht oder das Verbinden an die technische Hotline durchgehen lässt. Im Verlauf der kommenden 12 Monate werde ich nun die “Tech-Insel” aus verschiedenen Blickwinkeln betrachten.

Ein letzter Blick zurück auf die Dublin Tech im Jahr 2016 und eine Wunschliste für 2017

2016 war zweifelsohne ein lautes Jahr. Es war auch ein Jahr der Abstimmungen mit Ergebnissen, die kaum jemand vorhergesagt, geschweige denn erhofft hatte. Brexit und Trump haben aber für die irische Wirtschaft besondere Konsequenzen, die ich mit Sicherheit im Jahr 2017 noch besonders beleuchten werde. Dennoch zeigte sich Martin Shanahan, der Chef der Wirtschaftsförderung IDA, deren Auftrag es ist, multinationalen Firmen die Ansiedlung in Irland schmackhaft zu machen, auch zuletzt sehr locker beim Rückblick auf 2016 und beim Ausblick auf 2017: „Es war ein gewohnt ruhiges und für uns durchaus normales Jahr.“

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Diese Karte der IDA zeigt, wie viele Tech-Firmen zum Jahresende in Dublin angesiedelt sind. Quelle: Google Maps

Doch selbst mit Trump im Weißen Haus und mit schwarzen Brexit-Wolken am Horizont rechnet Irland 2017 mit einem Wirtschaftswachstum von 3,5 Prozent. Besonders die Hauptstadt Dublin mit ihrem Tech- und Startup-Sektor kann selbstbewusst zurück und nach vorne blicken. 2016 war ein durchweg gutes und in manchen Bereichen sogar hervorragendes Jahr für Dublin. Dazu ein paar Zahlen:

775 Startups mitsamt ihrer Firmenzentrale; 230 globale, multinationale Tech-Firmen, von denen 23 Prozent von Dublin aus produzieren; 50 Startup-Hubs; drei Universitäten mit rund 3.000 Absolventen im Bereich Computer-Science.

Auch im Bereich Funding sind die Zahlen beeindruckend. Bereits Ende September hatten Tech-Firmen in Irland 734 Millionen Euro von Investoren erhalten – im Vergleich zu 522 Millionen Euro im ganzen Jahr 2015.

Auch die Engel, die jeder Gründer so sehr braucht, waren 2016 fleißiger als 2015. Laut John Phelan vom Halo Business Angel Network werden die Engel – von denen 15 Prozent mehr unterwegs sind – am Ende des Jahres 13 Millionen Euro investiert haben (10,8 Millionen Euro im Jahr 2015). Das Ziel sei es, bis 2020 die Schwelle von 20 Millionen Euro pro Jahr zu erreichen.

Rekordzahlen an Investment werden in Dublin in einem Tech- und Startup-Ökosystem erreicht, das laut Johnny Walker von Health Founders immer mehr an Struktur gewinnt und in dem kleine Startups mit großen Fischen der Techwelt kollaborieren. Aus einem kleinen Google Doc der Dubliner Startup-Kommission erwuchs die TechIreland-Plattform, bedeutende Firmen wie ESB, Dublin Airport, New Ireland Assurance oder veranstalteten Hackathons für Startups, etabliertere Firmen wie Ding, Openet oder Cartrawler gaben mittels Investment und/ oder Mentoring zurück an die Community; Übernahmen wie die von Fleetmatics durch Verizon (2,1 Milliarden Euro) und Movidius durch Intel (322 Millionen Euro) sorgten für große Schlagzeilen in allen Zeitungen.

Ein Trend im Ökosystem ist der, dass internationale Gründer, die einst von bedeutenden multinationalen Firmen für den Standort Dublin rekrutiert worden waren, nunmehr ihr eigenes Glück versuchen. Firmen wie Cesanta, Profitero oder Iguazu sind gute Beispiele dafür.

Zwei der Sektoren, die 2016 von besonderer Bedeutung waren, sind TravelTech und FinTech. Dabei fanden auch Veranstaltungen wie PhoCusWright und IATA & CAPA, die für den Sektor TravelTech wichtig sind, in Dublin statt, während Ryanair Labs mittlerweile 150 Leute in unmittelbarer Nähe des Dubliner Flughafens beschäftigt. Dublin war schon immer als Zentrum für FinTech bekannt. Der Sektor ist aber zweifelsohne auch einer der wenigen, die im Brexit große Chancen sehen. Wenn man der IDA und den Immobilienmaklern Glauben schenkt, mehren sich die Anfragen großer Banken aus London nach Büroraum in Dublin.

Die Multinationals haben 2016 zum Glück nicht nur in Sachen Steuervermeidung Schlagzeilen gemacht:

  • Equifax gab die Eröffnung eines neuen R&D-Zentrums bekannt
  • Facebook hat 200 neue Stellen geschaffen
  • PayPal hat 100 neue Stellen geschaffen
  • HubSpot gab die Schaffung von 320 neuen Stellen bekannt
  • Slack gab die Schaffung von 80 neuen Stellen bekannt
  • Amazon gab die Schaffung von 500 neuen Stellen bekannt
  • LinkedIn gab die Schaffung von 200 neuen Stellen bekannt
  • Deloitte entschied sich für Dublin als Standort für ein neues Blockchain Lab
  • PTC gründete ein IoT R&D-Zentrum
  • Kaspersky Lab eröffnete ein R&D-Zentrum
  • Fitbit eröffnete ein neues Gebäud

Was die Politik anbetrifft, so war 2016 ein eher ruhiges Jahr für den Tech-Sektor. Die Minderheitsregierung, die eh kaum große Initiativen starten kann, weil sie das Okay der größten Oppositionspartei benötigt, hat zum Beispiel im letzten Haushalt kaum Maßnahmen untergebracht, die irischen Tech-Firmen den Sprung in internationale Märkte merklich erleichtern würden. Demzufolge steht die Politik auch ganz oben auf der …

… Wunschliste für 2017

  • Politik: Aktienoptionen müssen sich lohnen, Gleichstellung für Gründer bei der Einkommenssteuer, Änderungen im Steuersystem, die es attraktiver machen, Firmen wachsen zu lassen, statt sie früh zu verkaufen
  • Fokussierung auf wichtige Cluster: Standorte wie Cork, wo multinationale Pharma-Giganten wie Pfizer eng mit Universitäten und Startups zusammenarbeiten, zeigen, wie wichtig Cluster sind
  • Verbesserung bei internationalen Rankings für Dublin: von Universitäten bis hin zu digitaler Infrastruktur.
  • Stärkere Mobilität von talentierten Arbeitskräften: weg von Multinationals hin zu Startups

Ich werde in meiner Kolumne im November 2017 noch einmal auf die Wunschliste schauen, um Bilanz zu ziehen, aber auch generell das dann fast abgelaufene Jahr durch die Tech-Brille betrachten.


Image „Blockplan“ by BRRT (CC0 Public Domain)


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FollowUs – Die Netzpiloten-Tipps aus Blogs & Mags

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  • MOBBING politik-digital: „Hass im Netz“: Von Trollen und Glaubenskriegern: Nicht selten herrscht im Netz ein rauer Ton zwischen den Nutzern. Die österreichische Journalistin Ingrid rodnig schreibt in ihrem Buch „Hass im Netz“ genau über diese unangebrachten Auseinandersetzungen innerhalb der Kommunikation im Internet und liefert Tipps zum Umgang. Brodig betont: „Es gibt kein Grundrecht darauf, andere Menschen zu beleidigen.“
  • FLIXBUS handelsblatt: Fernbus-Riese setzt auf Großbritannien: Flixbus will seine Position in Europa verstärken! Nachdem das deutsche Unternehmen die britische Fernbus-Gesellschaft Megabus übernommen hatte, setzt Flixbus jetzt vermehrt auf Verbindungen nach London. Am Donnerstag bekräftigte Flixbus-Gründer Jochen Engert in Hinblick auf das Brexit-Votum: „Wir glauben sehr an den Markt in Großbritannien, Brexit hin, Brexit her“.
  • TESLA theverge: Tesla driver killed in crash with Autopilot active, NHTSA investigating: Bei einem Test eines durch einen Autopiloten gelenktes Auto ist ein Mann tödlich verunglückt. Der Test wurde von Tesla im Bundesstaat Florida durchgeführt. Elon Musk teilte über Twitter seine Erschütterung über den Unfall mit. Tesla schreibt: „Autopilot is getting better all the time, but it is not perfect and still requires the driver to remain alert.“ Die Testfahrt hat im Tesla Model S stattgefunden. Eine US-Behörde hat nun die Untersuchungen aufgenommen.
  • FACEBOOK thenextweb: Facebook is shuttering its news app Paper on July 29th: 2014 brachte Facebook die News App „Paper“ heraus. Es war ein Disaster. Nun hat sich der Konzern dazu entschieden die App von der Bildschirmfläche verschwinden zu lassen. Facebook gab ein Statement ab: “Our goal with Paper was to explore new immersive, interactive design elements for reading and interacting with content on Facebook, and we learned how important these elements are in giving people an engaging experience.” Seit März 2015 hat die App kein Update mehr bekommen. Am 29.Juli wird „Paper“ beerdigt.
  • VODAFONE sueddeutsche: Viele Vodafone-Kunden noch immer ohne Telefon und Internet : „Derzeit kommt es in weiten Teilen von Deutschland zu Beeinträchtigungen der Kabel-Dienste Internet und Telefonie. Unsere Techniker arbeiten mit Hochdruck an der Behebung des Ausfalls.“ Diese Info wurde gestern von Vodafone veröffentlicht. Schon wieder ist das Internet und die Telfonie des Netzbetreibers zusammengebrochen. Auch Kabel Deutschland, das zu Vodafone gehört, soll betroffen gewesen sein.
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Endlich vorbei oder der Anfang vom Ende? Der Brexit aus der Sicht dreier britischer Wirtschaftsblogger

Brexit (adapted) (Image by freestocks.org [CC BY 2.0] via Flickr)

Aus und Vorbei. Der 24. Juni 2016 markiert das Ende einer turbulenten Liebesbeziehung zwischen Großbritannien und der Europäischen Union. Nach einer 59-jährigen Achterbahnfahrt ist es nun kurz vor der goldenen Hochzeit offiziell: Es ist Schluss. Großbritannien hat die Scheidung eingereicht. Dabei ist es nicht das erste Mal, dass der Brexit zur Debatte stand. Bereits 1975 gab es ein Referendum in Großbritannien über das Verbleiben in der damalig benannten Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft. Damals stimmten 67 Prozent der Wähler für einen Verbleib in der Gemeinschaft. In diesem Jahr sah es anders aus, eine knappe Mehrheit (51,1 Prozent) stimmte für den Austritt aus der Europäischen Union.  

Ein Brexit, viele Meinungen

Seitdem überschlagen sich die Ereignisse wie bei einem Dominospiel: Großbritanniens Premierminister David Cameron hat seinen Rücktritt angekündigt, das britische Pfund befindet sich an der Börse scheinbar im freien Fall, Donald Trump nutzt die Abstimmung der Briten als Beleg für seine xenophoben Parolen und andere Politiker nehmen den Brexit als Vorbild für ein eigenes Ausscheiden aus der EU. Was viele bei der lauten Polemik dabei aus dem Blick verlieren, ist die Tatsache, dass der Brexit auch mal vorrangig ein wirtschaftliches Thema war. Hier ging es weniger um polnische Einwanderer und mehr um ökonomische Argumente für und gegen den Austritt aus der EU. Wie sehen also die Reaktionen der Wirtschaftsexperten im Netz aus? Was sagen Großbritanniens Blogger zum Referendum? Um das herauszufinden, haben die Netzpiloten deshalb mit drei der bekanntesten britischen Wirtschaftsblogger über ihre Meinung zum Brexit gesprochen – und sie dabei ausführlich zu Wort kommen lassen.

Warum stimmen Menschen für eine schlechte wirtschaftliche Zukunft ab?

Den Anfang macht dabei Robert Elliott, Wirtschaftsprofessor an der Universität Birmingham und seit Jahren renommierter Blogger zu Themen der Wirtschaft und Globalisierung. Seine Sicht auf den Brexit malt eine dunkle Zukunft für sein Land und die EU, in der beide Seiten ein bedeutendes Gegengewicht verloren haben: „Die wirtschaftlichen Konsequenzen des Brexits für das Vereinigte Königreich und die Wirtschaft der EU könnten sehr ernst sein, mit einer hohen Wahrscheinlichkeit, dass diejenigen, die FÜR den Austritt aus der EU gestimmt haben, davon auch am härtesten getroffen werden. Wähler, die traditionell eher politisch links abgestimmt haben, haben nun eine Route gewählt, die zu einer eher rechtskonservativen Regierung führen wird. Das wird auch negative Auswirkungen auf das Arbeitsrecht sowie die Unterstützung der Ärmsten unserer Gesellschaft haben. Etwas weiter betrachtet ist es auch möglich, dass mit dem Austritt des Vereinigten Königreichs aus der EU, die EU sich politisch weiter nach links bewegt – was sich wiederum negativ auf die Wettbewerbsfähigkeit der EU auswirken und was zu weiterer wirtschaftlicher Stagnation in den ärmeren Regionen Europas führen wird. Kurzfristig führt die Unsicherheit nach der Brexit-Abstimmung zu weniger ausländischen Investitionen, rückläufigem Konsum und einem damit einhergehenden Preisverfall sowie Jobverlusten. Der Verlust Tausender gut bezahlter Stellen im Finanzsektor, der sich wohl in anderen Orten der EU niederlassen wird (Dublin, Frankfurt oder Paris) mag viele im Norden Englands nicht großartig Sorgen bereiten. Dennoch sollte man nicht vergessen, dass der Verlust der wichtigen Steuern, die diese [Finanz-]firmen zahlen sowie das Konsumverhalten ihrer Angestellten gravierende Auswirkungen auf die Regierungsfinanzen haben werden.

Robert Elliott (Image by Robert Elliott_University of Birmingham)
Robert Elliott (Image by Robert Elliott/ University of Birmingham)

Die Vielzahl der Menschen, die jetzt eingestellt werden müssen, um die vielen Jahre der EU-Regulierung wieder aufzulösen, ist ebenfalls eine riesige Zeit- und Ressourcenverschwendung. Wenn unsere Wirtschaft so stark schrumpft wie viele es erwarten, werden wir das Geld, das wir durch die ausbleibenden EU-Beitragszahlungen einsparen, im höhren Maße durch reduzierte Steuereinnahmen wieder verlieren. Die EU-Subventionen für die ärmsten Regionen Englands werden nur sehr schwer anderweitig ersetzt werden können, sodass dies zu noch größeren Ungleichheiten im Vereinigten Königreich führen wird. Als Ökonom ist es für mich immer wieder erstaunlich, warum Menschen für eine solch schlechte wirtschaftliche Zukunft stimmen, obwohl Wirtschaftsexperten auf der ganzen Welt (IWF, Finanzministerien, Akademiker und andere) darauf vermehrt hingewiesen haben. Ich glaube, dass sowohl Europa als auch Großbritannien in naher Zukunft große wirtschaftliche Herausforderungen bevorstehen. Entgegen den Behauptungen von Michael Gove, dass Großbritannien genug von den Experten hat, vermute ich, dass Experten nun dringender als je zuvor benötigt werden, um das wirtschaftliche und politische Durcheinander zu entwirren, in das sich das Vereinigte Königreich selbst gebracht hat.

Endlich Draußen

Tim Worstall ist ein bekannter Wirtschaftsexperte und schreibt unter anderem bei Forbes über Wirtschaft und Finanzen. Anders als Elliott begrüßt Worstall den Austritt Großbritanniens aus der EU. Er erklärt gegenüber den Netzpiloten seinen Standpunkt: „Ich bin wohl am ehesten als Wirtschaftsblogger bekannt und meine Sicht auf die EU ist dementsprechend auch wirtschaftlich geprägt. Wer will schon Mitglied eines Clubs bleiben, der sich auf einen so riesigen Blödsinn wie den Euro verständigt hat? Fast jeder Wirtschaftsexperte der Welt hat vorausgesagt, dass der Euro nicht so funktionieren würde wie vorhergesagt und viele sehen das immer noch so. Dennoch scheint die allgemeine Wegrichtung zu sein, die Idee einzuprügeln bis die Moral besser wird.

Tim Worstall (Image by Tim Worstall)
Tim Worstall (Image by Tim Worstall)

Meine eigene Sicht ist von meiner Zeit in der Politik geprägt. Das bedeutet auch, dass ich mit Brüssel zusammengearbeitet habe und mich so eines Tages im Europäischen Parlament wiederfand. Als ich mich in diesem Gebäude umschaute, kam mir bei der Sicht auf die Bewohner dieses Hauses die Erleuchtung: Ich will einfach nicht, dass mein Land von diesen Idioten angeführt wird. Wir sind endlich draußen, der Job ist erledigt – und Gott sei Dank dafür!

Die Unsicherheit ist das Schlimmste

Leigh Caldwell sieht die Zukunft seines Landes und der EU dagegen alles andere als rosig. Caldwell ist Datenwirtschaftler, Autor des Buches „The Psychology of Price“ sowie Geschäftsführer der Forschungsgesellschaft INON und Wirtschaftsexperte für die Firma Irrational Agency. Auf seinem Blog schreibt er über Wirtschaft im Allgemeinen und die Psychologie dahinter im Besonderen. So sieht er auch mit Blick auf den Brexit eine wirtschafspsychologische Komponente: „Die direkten wirtschaftlichen Folgen sind klar – wahrscheinlich erhöhte Zölle und weniger Handel, eine Rezession in Großbritannien, sowie ein Umzug von Teilen der Londoner Finanzwelt nach Paris oder Frankfurt. Doch die größte Konsequenz ist die Ungewissheit. Was wird als nächstes passieren? Wir wissen es nicht! Psychologisch gesehen ist es für unser Gehirn schwerer, mit dem Unbekannten umzugehen (was entweder gut oder schlecht ausgehen kann) als mit einem garantiert schlechten Ausgang. Wenn du sicher weißt, dass etwas Schlechtes passieren wird, kannst du aufhören dir Sorgen zu machen und dich darauf vorbereiten.

Leigh Caldwell (Image by Leigh Caldwell)
Leigh Caldwell (Image by Leigh Caldwell)

Jedoch wissen wir nicht genau, ob Großbritannien die EU wirklich verlassen wird und unter welchen Bedingungen. Deshalb legen Unternehmen und Konsumenten ihre Ausgabenpläne erstmal auf Eis. Bürger der EU warten erstmal ab, bevor sie nach Großbritannien ziehen oder von hier wegziehen, wenn sie schon vor Ort sind. So kann die Angst vor einer Rezession zur selbsterfüllenden Prophezeiung werden. Es ist doch so, dass Unternehmen Entscheidungen genau so treffen wie der Rest von uns: nicht auf harten Fakten basiert, sondern sie gehen nach dem, was sich richtig anfühlt. Wenn sie nicht wissen, ob sie für ihre Exporte Zoll zahlen müssen oder ob ihre Angestellten nach Großbritannien ziehen können, ist es für sie unmöglich, die beste Entscheidung zu treffen. Die einfachste Entscheidung ist daher, stattdessen in ein anderes Land zu investieren. Ungewissheit zerstört die Wirtschaft in einem Land und das ist im Moment die größte Gefahr für das Vereinigte Königreich. Der Austritt aus der EU sendet ebenfalls ein Signal: Großbritannien ist nun auf sich alleine gestellt. Unabhängig von den objektiven, wirtschaftlichen Fakten kommt es so zur unbewussten Wahrnehmung, dass das Vereinigte Königreich nun in einer anderen Kategorie ist – und das macht es weniger wahrscheinlich, dass europäische Firmen hier einkaufen, verkaufen oder investieren. Auch für den Rest der EU besteht Unsicherheit, auch wenn nicht ganz so stark. Es scheint sogar möglich, dass der Brexit den Rest der EU näher zusammen bringt. Mittelfristig gesehen kann eine enger verbündete EU besser dastehen als im Moment, aber langfristig gesehen ist es für Großbritannien definitiv besser auf der gleichen Seite zu stehen wie alle anderen.


Image (adapted) „Brexit“ by freestocks.org (CC0 Public Domain)

 

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  • Startup gruenderszene: Wird Berlin nach dem Brexit zur Fintech-Metropole?: Schon vor dem Ergebnis des Referendums in Großbritannien dachten einige Londoner Startups über ihren Verbleib in der Hauptstadt des Vereinigten Königreiches nach. Es sind vor allem Fintech Startups, die darüber nachdenken in anderen Städte wie Berlin oder Paris zu ziehen, da die Zahlungsrichtlinien der EU für ihr Geschäft essenziell seien. Auch wenn es bis zum vollkommenen Ausstieg der Briten gute zwei Jahre dauern wird, ist sich Fintech-Experte Jochen Siegert sicher: „London als Europas führender Fintech-Standort hat gerade Selbstmord begangen.“
  • EXTREMISMUS reuters: Exclusive: Google, Facebook quietly move toward automatic blocking of extremist videos: Facebook und Google benutzen ein Programm, das extremistische Inhalten von jeglichen Plattformen der beiden Konzerne automatisch entfernt. Das Programm soll in kürzester Zeit in Videos und anderen Beiträgen erkennen, ob extremistisches Gedankengut propagiert wird. Ursprünglich wurde es geschrieben, um Videos zu erkennen, bei denen die Nutzer gegen Copyrights verstoßen. Sollte das der Fall sein, wurden diese Videos vom Programm entfernt.
  • SICHERHEIT sueddeutsche: „MacOS hat weniger Angriffe, aber Windows ist besser“: „Viele Dinge haben sich geändert. Wir sollten Snowden für sein Opfer dankbar sein. Er kann immer noch nicht nach Hause wegen der Opfer, die er für uns, die Nutzer des Internets, gebracht hat.“ Mikko Hypponen ist Leiter der Forschungsabteilung von F-Secure und ein Experte in IT-Sicherheit. Die jüngsten Veränderungen und Verschlüsselungen im IT-Bereich sieht er als direkte Folge auf die Enthüllungen des Whistleblower Edward Snowden. Und auch bei Microsoft sieht er Verbesserungen.
  • ADBLOCKER stadt-bremerhaven.de: OLG Köln urteilt: Whitelist in Adblock Plus verstößt gegen UWG: ‚Die Axel Springer AG hat bekanntlich gegen die Eyeo GmbH geklagt, es geht um den Einsatz von Adblockern, genauer geht es um Adblock Plus. Der 6. Zivilsenat des Oberlandesgerichtes Köln hat mit dem heutigen Urteil das klageabweisende Urteil des Landgerichts Köln teilweise zu Gunsten der Axel Springer AG abgeändert. Zwar sei ein Adblocker an sich nicht wettbewerbswidrig, wohl aber das Whitelisting, welches sich die Eyeo GmbH von den Werbern bezahlen lässt. Durch das neue Urteil, welches allerdings noch nicht rechtskräftig ist und nur durch Zahlung einer erheblichen Sicherheitsleistung von der Axel Springer AG vorläufig vollstreckt werden kann, ist es der Eyeo GmbH in Deutschland untersagt, Adblock Plus zu vertreiben oder bereits bestehende Versionen zu pflegen.‘
  • YOUTUBE nyctimes: YouTube Red Buys ‘Step Up,’ Its First Big-Budget TV Drama: Youtube will mehr mit Netflix konkurrieren und hat nun seine erste Big-Budget TV-Show. „Step Up“ soll über Youtube Red empfangen werden können. Die Streaming Plattform soll 10 Dollar im Monat kosten. Kevin Beggs, Lionsgates TV-Vorsitzender, sieht die neue Step Up Serie als ein Projekt, das von vielen Netzwerken gesucht wird.
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  • GOOGLE t3n: Eigene Android-App entwickeln: Google zeigt euch wie das geht: Eine eigene App entwickeln aber nicht wissen, wie das funktioniert? Google kann helfen. In Zusammenarbeit mit der E-Learning-Plattform Udacity bietet das Unternehmen kostenlose Online-Kurse für die Entwicklung eigener Android-Apps an. Teil des Kurses ist das Erlernen der Anwendung von Java und die Nutzung von Googles Entwicklungsumgebung Android-Studio. Eine kostenpflichtige Erweiterung von Udacity bietet zusätzliche Coachings und Karrieretipps.
  • UBEEQO Golem: Europcar-App vereint Mietwagen, Carsharing und Taxis: Das Angebot der App Ubeeqo von Europcar soll künftig neben Mietwagen-Buchungen durch Carsharing-Angebote und einen Taxiservice erweitert werden. Hierbei sollen „Better Taxi“ und „Matcha“, der aktuell schon in Frankreich, Belgien, Hamburg und Berlin aktiv ist, den zusätzlichen Service bieten. Verfügbar ist die App bereits in Frankreich, Belgien und Großbritannien und kann für iOS und Android kostenlos heruntergeladen werden.
  • SOZIALE NETZWERKE sueddeutsche: Fälschung per Bleistift und pöbelnde Promis – die bizarre #Brexit-Debatte: Das Unfassbare ist wahr geworden. Großbritannien hat bei einem historischen Referendum für „Leave“ gestimmt. Das Vereinigte Königreich macht sich also auf einen Ausstieg aus der Europäischen Union in zwei Jahren bereit. Zum ersten Mal verlässt ein Mitglied die Union. Über Folgen für beide Seiten kann nur spekuliert werden. Auf den sozialen Netzwerken war gestern und heute zum Thema #brexit viel los. Zum Beispiel Verschwörungstheorien um Wahlmanipulation durch Bleistifte, oder der plötzlichen Expertin für Politik Lindsay Lohan.
  • FACEBOOK theverge: Facebook Live will soon have Snapchat-like filters from MSQRD: Fidji Simo, Produktdirektor bei Facebook, kündigte auf der VidCon Conference in Anaheim an, dass in die Facebook-Live Videos in Kürze die Option der Face-Swapping App MSQRD integriert werden soll. Also eine Kampfansage an die Konkurrenz von Snapchat. Facebook kämpft mit seinen Live Videos an mehreren Fronten. Kann der Konzern auf Dauer mit seinen Konkurrenten mithalten?
  • YOUTUBE horizont: Youtube launcht mobiles Live-Streaming und will Bezahlangebot ausbauen: Youtube plant im Konkurrenzkampf mit Facebook, Periscope und Co. aufzuholen. Auf der VidCon in Anaheim (Kalifornien) präsentierte CEO Susan Wojcicki unter dem Leitmotto „Make Youtube great again“, die Neuerung, dass Nutzer der Youtube-App künftig Videos live streamen können. Weiterhin soll das Bezahlangebot Youtube Red durch Inhalte erweitert werden und somit gegen Amazon Prime und Netflix antreten. Neun neue und speziell für die Nutzer produzierte Serien sollen das Angebot verbessern, kündigt Wojcicki an.
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Verschärfen Soziale Medien die politische Debatte in Großbritannien?

Westminster (adapted) (Image by Hernán Piñera [CC BY-SA 2.0] via flickr)

In der angespannten Atmosphäre, die Großbritannien nach der Ermordung des Parlamentsmitgliedes Jo Cox fest im Griff hält, ist die Sorge um den Ton der politischen Debatte im Land groß. Es gibt zwar keinen Hinweis darauf, dass die Sozialen Medien eine direkte Rolle in der Straftat spielten, doch die Aufmerksamkeit richtet sich darauf, wie diese generell die Wut der Menschen schüren. Parlamentsmitglied Stephen Kinnock teilte sich ein Büro mit Cox und die beiden waren gute Freunde. Nach dem Angriff wurde er desöfteren zitiert:

Wir müssen auf den Ton in unserer Politik und auf die Art und Weise, wie Politiker und die Presse miteinander reden, Acht geben… und auch auf die Art, wie die Sozialen Medien teilnehmen und diese Tendenzen verstärken. Es ist kein allzu großer Schritt zwischen dem Aussprechen von schrecklichen Dingen und einer schrecklichen Tat.

Die Sozialen Medien werden oft dafür angeprangert, einen öffentlichen Schauplatz für Meinungen zu bieten, die Leute niemals im echten Leben aussprechen würden (dies ist als der Online-Enthemmungs-Effekt bekannt) und dafür uneingeschränkt zu Belästigung und Missbrauch aufzurufen und eine Massenmentalität zu entwickeln . Doch die Rolle, die die Sozialen Medien politisch spielen, ist dank der Natur politischer Debatten viel komplizierter. Der feindliche Kommunikationsstil, den wir in der heutigen Politik beobachten können, ist mit Sicherheit kontraproduktiv und polarisiert Meinungen. Meinungsverschiedenheiten sind an sich großartig und das Herz der Demokratie. Aber, so argumentiert Politikwissenschaftlerin Susan Bickford, der demokratische Prozess ist nur dann erfolgreich, wenn man sich die Meinungen der Anderen tatsächlich anhört und sie nicht nur abtut. Und es verhält sich hier genauso wie persönliche Interaktion zwischen Politikern oder Fernsehdiskussionen – das Internet hat bewiesen, dass es nicht in der Lage ist, es Menschen zu ermöglichen, einander zuzuhören, dass es nun Versuche gibt, unsere Onlinekommunikation zu verändern, um uns zu besseren Zuhörern zu machen. Besonders in der Politik gibt es mehrere Dinge, die uns daran hindern, aktiv zuzuhören. Menschen neigen bewiesenermaßen dazu, Informationen, die ihre Überzeugungen und Positionen angreifen, abzutun, was als Bestätigungsbias bekannt ist. Und weil politische, kulturelle und religiöse Werte oft im Zentrum unserer Identität stehen, wird ein Angriff auf diese Werte schnell zu einem Angriff auf uns selbst und wie wir uns wahrnehmen. Wenn jemand gegen unsere Weltsicht argumentiert, nehmen wir das persönlich. Es wird argumentiert, dass wir, um in der Lage zu sein, uns die Meinung anderer Leute anzuhören, in der Lage sein müssen, unsere persönliche Identität von unseren Überzeugungen und Werten zu trennen. Das wird in einem politischen Umfeld, in dem Persönlichkeiten immer wichtiger werden, in dem ein einzelner politischer Anführer mehr und mehr Bedeutung als die Institutionen und Ideale, die er oder sie repräsentiert, erlangt, noch schwerer gemacht als es ohnehin schon ist. Diese erhöhte Persönlichkeitsbildung in der Politik wird von traditionellen Medien verstärkt, was politische Bindungen impliziert. Beispielsweise habe ich kürzlich eine kleine, noch nicht veröffentlichte Studie durchgeführt, die im Einklang mit anderen Untersuchungen aufzeigte, wie personalisierte Berichterstattung die Absicht junger Leute verringert, sich aktiv politisch zu beteiligen. Teilnehmer der Studie waren weniger gewillt, an politischen Aktivitäten wie Diskussionen, Wahlen oder ehrenamtlicher Arbeit teilzunehmen, nachdem Sie einen auf einen einzelnen Politiker fokussierten Bericht gelesen hatten als nach dem Lesen desselben Berichtes, der diesmal auf eine Partei oder die Regierung fokussiert war.

Es wird persönlich

Die Sozialen Medien jedoch sind ein zweischneidiges Schwert. Einerseits fördern sie die politische Beteiligung sowohl online als auch offline. In einer unveröffentlichten Studie, die ich durchgeführt habe, fand ich heraus, dass Menschen, die das Internet nutzen um zu diskutieren und unter Nachrichten zu kommentieren, wahrscheinlicher auch im echten Leben politisch aktiv waren. Dies deckt sich ebenfalls mit anderen Nachforschungen auf diesem Gebiet. Doch die Sozialen Medien fördern ebenfalls Polarisierung. Menschen tendieren dazu, sich mit Gleichgesinnten zu verbinden – und sich mit Inhalten zu beschäftigen, die ihre bereits existierenden Ansichten und Einstellungen reflektieren. Die Sozialen Medien fokussieren politische Diskussionen sogar noch mehr auf Personen, die aktive Profile auf Sozialen Netzwerken haben. Sie können besonders auffallen und somit mehr persönlichen Missbrauch von denen hervorrufen, die ihre Meinung nicht teilen. Der kürzlich angelaufene Kampagne „Reclaim the Internet“ hat die Höhe der Anzahl der Missbrauchsvofälle, dem Einzelne (und besonders Frauen) im Internet ausgesetzt sind, herausgestellt. Die Probleme des Cyberbullying und der Frauenhasser im Netz verdienen ernsthafte Beachtung für den negativen Einfluss den sie auf die Empfänger solchen Missbrauchs haben können. Trotzdem ist es wichtig, daran zu erinnern, dass nur wenige Menschen auch nach den gewalttätigen Tendenzen handeln, die sie online ausleben. Und leider sind solche Trends auch nicht nur auf die Ära der Sozialen Medien beschränkt. Es gibt kaum Beweise dafür, dass Missbrauch in Sozialen Medien zu Missbrauch jenseits des Netztes führt, wenn die Personen ansonsten nicht auffällig sind. Was können wir dagegen tun? Nutzer von Sozialen Medien müssen Missbrauch im Netz aktiv angreifen, die Plattformen selbst müssen effektiv und mit ernstzunehmenden Regularien auf Berichte solchen Missbrauchs reagieren. Die Polarisierung und Personalisierung der Politik ist allerdings ein sehr schwerwiegenderes Problem. Dieser Artikel erschien zuerst auf „The Conversation“ unter CC BY-ND 4.0. Übersetzung mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.


Image (adapted) „Westminster“ by Hernán Piñera (CC BY-SA 2.0)


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