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FollowUs – Die Netzpiloten-Tipps aus Blogs & Mags

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  • AUTONOMES FAHREN Golem: Großbritannien erlaubt ab 2019 fahrerlose Autos: Ab 2019 werden in Großbritannien einige fahrerlose Autos auf den Straßen zu finden sein, bei denen eine Person zur Kontrolle der Autos nicht mehr verpflichtend ist. Zudem heißt es, dass ab dem Jahr 2021 die Straßen in ganz Großbritannien für die Roboterautos freigegeben werden. Die fahrerlosen Autos werden in verschiedene Stufen eingeteilt aufgrund ihrer unterschiedlichen Fähigkeiten. Level fünf ist hierbei die höchste Stufe und daher sind die Autos dann in der Lage, alle Situationen im Straßenverkehr selbst zu kontrollieren. In der Rede des Finanzministers Philip Hammond, zum Staatshaushalt am kommenden Mittwoch, sollen die Pläne dafür genauer dargestellt werden.

  • GOOGLE MAPS Chip: In Google Maps gibt es Straßen, die gibt’s gar nicht – der Grund ist einleuchtend: So manch einer hat sich vielleicht schon mal gefragt, warum bei Google Maps Straßen und Orte zu finden sind, die es gar nicht wirklich gibt und zudem auch noch offensichtliche Fantasienamen tragen. Allerdings hat das einen ganz bestimmten Grund und ist sogar so gewollt. Die sogenannten „Trap Streets“ dienen Google als eine Art Kopierschutz. Sollten sich beispielsweise andere Kartendienste an Google Maps bedienen und diese Karten einfach herauskopieren, dann könnte Google das problemlos nachweisen. Nutzer müssen jedoch keine Angst haben, dass diese in die gefakten Straßen geführt werden, da es sich bei diesen Straßen meistens nur um Feldwege oder Sackgassen handelt.

  • WHATSAPP t3n: Endlich: Whatsapp bekommt einen neuen Voice-Button: WhatsApp-Nutzer, die gerne Sprachnachrichten verschicken, können sich jetzt freuen. Denn schon seit Längerem beschweren sich Nutzer immer wieder über den Voice-Button, bei dem nur ein kleines Verrutschen mit dem Finger reicht, um die Nachricht zu löschen, sodass diese erneut aufgenommen werden muss. Ein neues Update soll das jetzt ändern. Drückt man den Aufnahme-Button erscheint kurz darauf ein Fenster, bei dem Nutzer den Aufnahmemodus sperren können. Hierbei können Nutzer dann sprechen, ohne den Voice-Button gedrückt zu halten. Sinnvoll ist bei dieser Funktion vor allem, dass während des Sprechens durch den Chatverlauf gescrollt werden kann, falls man auf bestimmte Themen im Gespräch noch einmal eingehen möchte. Die Veröffentlichung des neues Updates ist derzeit aber noch nicht bekannt.

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Die Umstellung auf Elektroautos – das Schwarze Loch der Wirtschaft?

city traffic lights (Image by Negative Space) (CC0 Public Domain) via Negative Space

Eine der wichtigsten politischen Ankündigungen der britischen Regierung im letzten Jahrzehnt – mit Ausnahme des Brexit – ist wahrscheinlich das Verkaufsverbot für neue Dieselfahrzeuge, Benziner und LKW ab dem Jahr 2040. Es scheint der Schlüsselmoment im Kampf gegen Verschmutzung und Klimawandel zu sein, aber der Wechsel von fossilen zu elektronisch betriebenenen Fahrzeugen wird einschneidend und extrem teuer. Die Auswirkungen müssen systematisch überdacht werden.

Dabei wird wohl als erstes klar, dass das britische Steuersystem einen enormen Schock erleiden wird. Die Regierung nahm etwa 28 Milliarden Pfund durch Kraftstoffsteuer im Jahr 2016/2017 ein. Es handelt sich dabei um den größten Teil der indirekten Besteuerung und beläuft sich dabei auf die gleiche Menge, wie Tabak-, Alkohol-, Spiel- und Kraftfahrzeugsteuer zusammen genommen.

Die Beseitigung von Dieselfahrzeugen, Benzinern und Lastwagen wird diesen Steuerfluss schwächen – dieser muss daraufhin ersetzt werden. Die Besteuerung von Benzin und Diesel beträgt im Moment 69 Prozent des Gesamtpreises. Zum Vergleich: die Einnahmen durch Besteuerung von Kraftstoff tragen die Renten für mehr als vier Millionen Briten.

Elektronische Träume

Um die durch das Verbot verloren gehenden Gelder zu ersetzen, wäre eine Ladesteuer für Elektroautos eine Möglichkeit. Momentan beträgt die Mehrwertsteuer auf gemeinschaftliche Energienutzung fünf Prozent – die Zahl müsste dramatisch ansteigen, um den Verlust auszugleichen.

Bisher hat sich die Regierung dazu noch nicht geäußert. Anscheinend wurde der Sachverhalt bis jetzt als gegeben hingenommen oder vielleicht auch einfach ignoriert. Es scheint, als wäre es noch lange hin bis zum Jahr 2040, und der Übergang wird durch die Produktlebenszyklen abgemildert. Allerdings werden sich die Kaufgewohnheiten der Menschen schon lange vor der Frist dramatisch ändern.

Für jedes Land muss eine kreative Lösung für das steuerliche Defizit entwickelt werden, die dem gleichen Kurs folgt. Doch Grund zur Sorge ist nicht nur die ungewisse Steuerlage. Das allmähliche Ersetzen von mehr als 31 Millionen Dieselfahrzeugen und Benzinern mit Elektrofahrzeugen oder selbstfahrenden Fahrzeugen stellt einen Moment des Wandels dar, der für Großbritannien womöglich eine noch größere Bedrohung darstellt als der Brexit.

Im Jahr 2017 erreichte die Marktkapitalisierung des Elektroauto-Pioniers Tesla 51 Milliarden US-Dollar und übertraf damit die von General Motors und ist somit merklich höher als die von Ford. Die Auswirkung revolutionärer Technologien auf etablierte und konventionelle Automobilherstellern wird nun offensichtlich. Wir können nicht wissen, wie sich das in einem Land wie Großbritannien, in dem 169.000 Arbeiter in diesem Bereich beschäftigt sind und ein Umsatz von mehr als 70 Milliarden britische Pfund in diesem Bereich gemacht wird – was sich jedoch bisher kaum mit dieser neuen Industrie in Kontakt kam – auswirkt. Wo also bleibt die britische oder europäische Version eines Tesla?

Netzblockade

Das Verbotsziel im Jahr 2040 bringt ein weiteres großes Problem mit sich. Die 25.410.360 Häuser und Grundstücke in England und Wales müssen neu vernetzt werden. Das momentane System wird nicht ausreichen. Wenn jeweils zwei Autos zur täglichen Fortbewegung geladen werden müssen, so würde das das bisherige System aufgrund der zu hohen Belastung zerstören.

Das heißt, alle Häuser und alle Netze, die diese versorgen, müssen ausgebaut werden, um sicherzustellen, dass die benötigte Menge zum Laden der Elektrofahrzeuge sicher zur Verfügung gestellt werden kann. Ein weiterer erheblicher Kostenfaktor, der noch mehr Störungen mit sich bringt.

Es ist zwar möglich, ein Fahrzeug an einer gewöhnlichen britischen Steckdose aufzuladen, jedoch würde die Ladezeit etwa zwölf bis 15 Stunden betragen. Außerdem besteht Brandgefahr, wenn die Steckdose alt ist oder für die enorme Energiemenge ungeeignet. Spezielle 32-Ampere-Ladestellen mit einer Ladezeit zwischen fünf und sieben Stunden könnten installiert werden. Jedoch stellt sich die Frage: Hat Großbritannien genügend Elektriker, um den Ausbau umzusetzen?

Die Veränderungen lassen außerdem davon ausgehen, dass es in erster Linie genügend Elektrizität gibt. Großbritannien leidet jedoch schon seit mehr als zwei Jahrzehnten an der ungenügenden Investition in Stromerzeugungskapazität. Zum jetzigen Zeitpunkt würde das Laden von Millionen Elektroautos in Ausfällen und Systemversagen im ganzen Netz resultieren.

Hunderte Milliarden Pfund an Investitionen in zusätzliche Stromerzeugungskapazitäten werden nötig sein. Im Juli hat National Grid einen Bericht veröffentlicht, der verschiedene Szenarien untersucht und zukünftige Verbrauchszahlen des Systems vorhergesagt hat. Eines dieser Szenarien stellte vor, dass im Jahr 2050 alle Fahrzeuge elektrisch seien, was einen Höchstverbrauch von ebendiesen Fahrzeugen auf einem Höhepunkt von 30 Gigawatt erreichen könnte. Das ist ungefähr die Hälfte des momentanen Gesamtbedarfs.

Die Regeln der Straße

Doch die wesentlichen Fragen fangen hier erst an. Straßen und Bürgersteige werden durch die Installation elektronischer Ladestationen einen enormen Umbruch erfahren. Was wird aus den 8.500 Tankstellen in Großbritannien? Auch wenn die meisten zu elektronischen Ladestationen umgebaut werden, müssen diese dennoch gewartet und dekontaminiert werden. Es wird einen signifikanten Einbruch der Beschäftigungszahlen und der Wirtschaft geben, wenn die Raffinerien schließen. Dies wird sich auf 18.000 Vollzeitstellen in Großbritannien auswirken. Auch andere kleine, subtile Änderungen werden sich ergeben. Die Umgangsformen werden neu definiert – wann kann man die Ladestation des Nächsten für umsonst nutzen, wann gegen Gebühr?

Das Verbot verlangt nach einer dramatischen Restrukturierung des Steuersystems zusammen mit der neuen Investition in die Infrastruktur. Unsere Schätzung in Höhe von einer Milliarde britischer Pfund ist auf der Basis der Kosten neuer Stromerzeugung in Kombination mit der Installation von Ladestationen kalkuliert. Es handelt sich um einen Ausgangspunkt für Diskussionen. Niemand war bisher in der Lage, die vollständigen Kosten dieser einfachen Regierungserklärung zu kalkulieren.

Es könnte sein, dass sich die Verkehrsmittelnutzung in einer Weise verändert, dass viele der möglichen Investitionen nicht gebraucht werden – der Besitz eines Autos könnte vielleicht durch die Autoversion der bereits bestehenden Fahrradverleih-Systeme in Städten ersetzt werden. Dennoch hat Großbritannien nur 23 Jahre Zeit, um sich an die zukünftig wichtigste Form des Transports, der Energieerzeugung und der Steuerrevolution anzupassen – zumal auch persönliche Datenwolken und das Internet selbst im Fahrzeug Einzug halten.

Dieser Artikel erschien zuerst auf „The Conversation“ unter CC BY-ND 4.0. Übersetzung mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.


Image (adapted) „City Trafic Lights“ by NegativeSpace (CC0 Public Domain)


The Conversation

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Amber Rudd: Problematische Thesen zur Verschlüsselung

Verschlüsselung (adapted) (Image by brenkee) (CC0) via Pixabay

Die britische Außenministerin Amber Rudd hat kürzlich einige sehr problematische Äußerungen zum Thema Verschlüsselung getätigt. Rudd sieht Verschlüsselung, wie viele andere konservative Politikerinnen und Politiker, als Werkzeug von Terroristen und anderen Kriminellen an, das den Ermittlungsbehörden die Arbeit erschwert und somit die Sicherheit der Bevölkerung gefährdet. Die Ministerin ist außerdem der Ansicht, dass die meisten Nutzerinnen und Nutzer Verschlüsselung nicht für besonders wichtig halten. Daher, so ihr Tenor, dürfe diese ruhig zugunsten der Ermittlungsbehörden geschwächt werden.

Fördert Verschlüsselung den Terrorismus?

In einer Kolumne in der englischen Zeitung „The Telegraph“ stellt Amber Rudd einige kontroverse Thesen zum Thema Verschlüsselung auf. Die Terror-Angriffe der vergangenen Monate hätten gezeigt, so die Ministerin, dass „Terroristen Internet-Plattformen nutzen, um ihre verabscheuungswürdige Ideologie zu verbreiten und um ihre Gewaltakte anzuregen und zu planen“.

Schon hier vermischt die Ministerin einige verschiedene Sachverhalte – und stellt Zusammenhänge auf, die sich kaum mit Fakten belegen lassen. Es ist zweifellos richtig, dass sich im Internet – je nachdem, wo man schaut oder wonach man sucht – auch Terror-Propaganda findet. Das ist allerdings kein Problem, das durch Verschlüsselung verschärft wird, denn Propaganda, die vor Zugriffen durch Verschlüsselung geschützt ist, würde ihren Zweck massiv verfehlen.

Mehr Sinn ergibt die Behauptung, Terroristinnen und Terroristen würden das Internet und speziell verschlüsselte Kommunikationsdienste nutzen, um Anschläge zu planen. Allerdings hat die Untersuchung vergangener Terrorismus-Fälle gezeigt, dass dies durchaus seltener der Fall ist, als Rudd impliziert. Häufig greifen Terroristinnen und Terroristen vielmehr auf herkömmliche SMS und Telefongespräche, geführt von billigen Wegwerf-Handys mit Prepaid-SIM-Karten, oder ähnliche Kommunikationswege zurück. Und selbst, wenn verschlüsselte Internet-Kommunikationsdienste zur Anschlagsplanung verwendet werden, gibt es keinen Grund, anzunehmen, dass beim Wegfall dieser Dienste oder einer Schwächung der Verschlüsselung Terrorgruppen nicht ohne weiteres in der Lage wären, auf alternative Kommunikationsmittel auszuweichen.

Ministerin Rudd allerdings scheint überzeugt, dass die Existenz verschlüsselter Dienste, die durch die Ermittlungsbehörden nicht mitgelesen werden können, maßgeblich zur Gefährdung der inneren Sicherheit beiträgt. Zwar enthält Rudds Kolumne ein Lippenbekenntnis zur Verschlüsselung als Schutz vor Online-Bedrohungen. Gleichzeitig bezeichnet sie aber speziell mit einer Ende-zu-Ende-Verschlüsselung geschützte Dienste als „besondere Herausforderung“, da diese weder vom Provider noch von den Behörden mitgelesen werden können. Das macht deutlich, dass Rudd trotz ihrer vorherigen positiven Aussagen Verschlüsselung primär als Problem, als unkaontrollierbares Werkzeug, das die Kriminalitätsbekämpfung erschwert, ansieht.

Verschlüsselung schwächen – ja, nein, vielleicht?

Es folgt eine etwas abenteuerliche Argumentation der Ministerin. Sie schreibt: „Ich weiß, dass manche [Menschen] argumentieren werden, dass es unmöglich ist, beides zu haben – dass es, wenn ein System Ende-zu-Ende-verschlüsselt ist, unmöglich ist, jemals auf die Kommunikation zuzugreifen. Das mag in der Theorie wahr sein. Aber die Realität ist anders. Echte Menschen bevorzugen oft einfache Bedienbarkeit und viele Features gegenüber einer perfekten, unangreifbaren Sicherheit. Also geht es hierbei nicht darum, die Firmen zu bitten, die Verschlüsselung kaputt zu machen oder sogenannte Hintertüren (Back Doors) zu schaffen. Wer benutzt WhatsApp, weil es Ende-zu-Ende-verschlüsselt ist, und nicht, weil es eine unglaublich benutzerfreundliche, günstige Methode ist, mit Freunden und Familie in Kontakt zu bleiben? Unternehmen wägen ständig zwischen Sicherheit und Benutzerfreundlichkeit ab, und hier, so glauben unsere Experten, liegen Gelegenheiten.

Also gibt es Möglichkeiten. Aber diese verlangen erwachsene Gespräche zwischen den Technologie-Unternehmen und der Regierung – und diese Gespräche müssen vertraulich sein. Der wichtigste Punkt ist, dass es nicht darum geht, die Sicherheit großflächig zu kompromittieren. Es geht darum, zusammenzuarbeiten, so dass wir einen Weg finden können, wie unsere Sicherheitsbehörden, unter sehr spezifischen Bedingungen, mehr Informationen darüber bekommen, was Kriminelle und Terroristen online tun.“

Ganz klar wird nicht, was genau die Ministerin bezweckt. Technisch gesehen ist es nicht möglich, einen Zugriff auf eine (sauber implementierte und kryptographisch verlässliche) Ende-zu-Ende-Verschlüsselung zu bekommen, ohne eine Hintertür einzubauen. Womöglich meint Rudd, dass diese Lücke entsprechend selektiv eingebaut würde, so dass sie die Sicherheit nicht in großem Rahmen gefährdet. Das allerdings ist ein gefährlicher Trugschluss – früher oder später finden Informationen über dergleichen Sicherheitslücken meist ihren Weg auch in kriminelle Kreise, sei es durch Leaks, kriminelle Insider oder schlichtweg die Sicherheitsforschung der kriminellen Angreifer, die häufig über beachtliches technisches Know-How verfügen. Dieses Risiko machen die jüngsten, durch von der NSA absichtlich verschwiegene Windows-Sicherheitslücken ermöglichten Ransomware-Attacken eindrucksvoll deutlich.

Irgend etwas zwischen dumm und unmoralisch ist das Argument, die meisten Nutzerinnen und Nutzer seien ohnehin nicht an starker Verschlüsselung interessiert (nur am Rande sei erwähnt, dass hier wieder einmal der klischeebeladene, bequeme Scheingegensatz von Sicherheit und Benutzerfreundlichkeit als sich gegenseitig ausschließenden Qualitäten bedient wird, obwohl die Entwicklungen der letzten Jahre gezeigt haben, dass dies keineswegs der Fall sein muss.)

Es mag stimmen, dass viele Menschen sich über dieses Thema zu wenig Gedanken machen, wobei das Bewusstsein für IT-Sicherheit und Datenschutz seit den Snowden-Leaks deutlich zunimmt. Jedoch verdienen auch diese Nutzerinnen und Nutzer, dass ihre Privatsphäre respektiert und geschützt wird. Datenschutz darf kein Privileg einiger technisch versierter Nerds sein. Vielmehr liegt es in der Verantwortung der Diensteanbieter und Software-Entwickler, den Menschen, die ihrer Technologie vertrauen, einen angemessenen Sicherheitsstandard zu bieten.

Diesen nur vorzugaukeln, während man heimlich Hintertüren einbaut, wäre schlichtweg ein Verrat an der Nutzergemeinde. Hier, und keineswegs beim von Amber Rudd angeführten „Kampf gegen den Terror“, liegt die Verantwortung derjenigen, die unsere digitale Welt mit Hilfe ihrer Entscheidungen und technischen Fähigkeiten mit gestalten.

Übrigens ist mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit davon auszugehen, dass Terroristinnen und Terroristen im von Rudd beschriebenen Szenario zu der Minderheit gehören würden, denen die Sicherheit ihrer Kommunikationsmittel über alles geht. Sollten sie für die Anschlagsplanung auf verschlüsselte digitale Kommunikationsmittel zurückgreifen – was, wie bereits beschrieben, eher die Ausnahme als die Regel ist – wären sie zweifellos in der Lage, einen Dienst mit einer nicht kompromittierten Verschlüsselung auszuwählen.

Spätestens im Open-Source-Bereich, wo Hintertüren früher oder später auffallen würden, würden sie fündig – und wenn nicht, würde sich schlichtweg ein Schwarzmarkt für dergleichen Kommunikationsmittel entwickeln, wie es ihn bereits für Schadsoftware und allerhand andere illegale Waren und Dienstleistungen gibt. Somit wäre am Ende die Sicherheit der unbescholtenen Nutzerinnen und Nutzer geschwächt, ohne dass es die Kriminalitätsbekämpfung tatsächlich nennenswert voran bringt. Von Verhältnismäßigkeit kann bei einem solchen Szenario keine Rede sein.

Ergänzend sei angemerkt, dass die angeführten „streng begrenzten Einzelfälle“, in denen ein Zugriff auf verschlüsselte Kommunikation ermöglicht werden soll, erfahrungsgemäß die Tendenz haben, im Laufe der Zeit schrittweise immer weiter ausgeweitet zu werden. Invasive Sicherheitsmaßnahmen, die für Not- und Ausnahmefälle eingeführt werden, werden häufig schon nach wenigen Jahren auch für eher alltägliche Kriminalität und ohne ernst zu nehmende Kontrolle der Rechtmäßigkeit eingesetzt.

Ignorant und gefährlich

Angesichts der Faktenlage kann Amber Rudds Kolumne nur als technisch eher unbedarfter, dadurch aber keineswegs ungefährlicher Versuch, die Verschlüsselung (und damit eines der wichtigsten Werkzeuge gegen IT-Kriminalität, Überwachung und Zensur) zu schwächen, eingestuft werden. Aufgrund der vertraulichen Natur der Gespräche der britischen Regierung mit führenden Technologie-Unternehmen ist unbekannt, ob Rudds Ideen bei den Fachleuten auf Gegenliebe gestoßen sind. Es ist zu hoffen, dass sie die Abfuhr erhalten haben, die sie verdienen.


Image „Vorhängeschloss“ by brenkee (CC0 Public Domain)


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Warum Daten-Forensik im Politik-Betrieb relevanter wird – Von der Unberechenbarkeit der öffentlichen Meinung

britain-20526 (adapted) (Image by PublicDomainPictures) (CC0) via Pixabay

Wie die Piranhas hat sich die Netzgemeinde auf den Politiker Guttenberg gestürzt. Der Fall des Ministers macht deutlich, wie stark das Netz mittlerweile auf die Politik einwirkt. Massenmedien wie die Bild-Zeitung können ihre Agenda kaum noch setzen. Das schrieb ich in einer Kolumne vor über fünf Jahren: Mit dem Guttenwahn-Drama werden sich Medien, Politikwissenschaft und Demoskopie noch lange beschäftigen. Eingeübte Politikrituale, wie man sie in der Bundesrepublik seit Jahrzehnten kennt, funktionieren nicht mehr. Man braucht zum Regieren mittlerweile nicht nur „Bild, BamS, Glotze“ und Meinungsumfragen. So funktionierten die Leitplanken von Altkanzler Gerhard Schröder und Helmut Kohl. Die politische Willensbildung ist durch das Internet schwieriger und unübersichtlicher geworden. „Wir erleben ein Ende der Leitmedien“, so der Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen im Interview mit WDR 2.

Ein Medium wie die Bild könne einen Politiker wie Guttenberg in einer linearen Weise nicht mehr durchsetzen oder halten. Die massive Positivkampagne des größten Boulevardblattes für den baronesken Welterlöser war nicht von Erfolg gekrönt, da man die sich selbst organisierende Netzöffentlichkeit nicht mehr unter Kontrolle bringt.

Schwarmintelligenz contra Bild-Zeitung

„Die Schwarmintelligenz im Netz benötigte gut zwei Tage, um Guttenbergs Dissertation bis auf die Knochen abzunagen“, so FAZ-Redakteur Volker Zastrow. Die blitzschnelle Recherche des GuttenPlag-Wikis habe auch die Qualitätsmedien des Landes beeindruckt, sie mit Material und der nötigen Entschiedenheit versorgt, meint Pörksen. Und nicht zuletzt die Wissenschaftscommunity auf die Barrikaden gebracht.

Die Netzöffentlichkeit positionierte sich sofort gegen den freiherrlichen Plagiator, erst danach setzten die klassischen Medien nach und zerbröselten die bizarren Scheinwelten des ehemaligen Selbstverteidigungsministers. Umfragen im Internet fielen für Guttenberg katastrophal aus. Die Meinungsbefragungen der Demoskopen per Telefon boten ein ganz anderes Bild. Hier votierte eine große Mehrheit für den adligen Propheten und wertete die Plagiatsaffäre als entschuldbare Entgleisung, die eigentlich nichts mit dem Ministeramt zu tun habe.

Das vielfache Meinungsklima

Welche öffentliche Meinung ist also noch relevant? Der Tenor der Massenmedien oder die vielstimmige Netzöffentlichkeit? Was erlebten wir beim Aufstieg und Untergang des adligen Polit-Shootingstars? „Bild“ und „BamS“ scheiterten beim Versuch, den erlauchten Minister im Amt zu halten.

Die Mehrheit der Deutschen trauerte um den Abgang eines Heilsbringers und die Schwarmintelligenz des Netzes entzauberte den Meister der Camouflage. Heute muss man wohl von einem vielfachen Meinungsklima sprechen. Die zunehmende Fragmentierung der Medienwelt und damit auch der Verlust der gemeinsamen Informationsbasis führen auch zu einem Verlust einer gemeinsamen öffentlichen Meinung.

Der YouGov-Triumph

Die traditionellen Meinungsforschungsinstitute und auch die Kommunikationswissenschaften haben das noch nicht vollumfänglich erforscht. Das konnte man bei der britischen Unterhauswahl wieder gut beobachten. Kaum ein Umfrage-Institut hatte die herbe Niederlage von Tory-Chefin Theresa May und den Überraschungserfolg von Labour-Spitzenkandidat Jeremy Corbyn auf der Rechnung – außer YouGov.

Zu einem Zeitpunkt, als alle anderen Umfragen noch von einer satten Mehrheit für die Tories ausgingen, sagte YouGov als erstes Institut einen Verlust der absoluten Mehrheit der Konservativen voraus. Daraufhin griffen Experten und Politikberater die neue Analysemethode öffentlich an. Jim Messina, Berater der Tories, bezeichnete die YouGov-Methode gar als „idiotic“.

„Die Wahlergebnisse vom 8. Juni waren folglich nicht nur ein Erdbeben für die Konservativen in Großbritannien, sondern auch für die klassische politische Meinungsforschung. YouGov errechnete mit seinem neuen Modell für 632 Wahlkreise im Vereinigten Königreicht – ohne die 18 Wahlkreise für Nord-Irland – eine eigene Schätzung für jeden Wahlkreis. Für 93 Prozent dieser Wahlkreise sagte das Modell den tatsächlichen Gewinner richtig voraus. Darüber hinaus prophezeite YouGov, dass die Konservativen den Wahlkreis Canterbury an Labour verlieren würden. Das war eine Sensation, denn die Tories hatten hier seit 1918 bisher jede Wahl gewonnen“, teilt YouGov in einer Presseverlautbarung mit.

Das eingesetzte Berechnungs- und Analysemodell von YouGov verwendet Daten aus kontinuierlichen Befragungen und kombiniert diese entsprechend eines Big-Data-Ansatzes mit weiteren Informationen aus verschiedenen Quellen. Ergänzt um demographische und psychografische Informationen konnten so Schätzungen für die jeweiligen Wahlkreise errechnet werden. „Die Kombination dieser Daten ermöglichte YouGov die außergewöhnlich gute Vorhersage des Wahlausgangs“, teilt das Unternehmen mit. Und das umfasst eben auch das Meinungsbild im Internet.

Social Media-Kampagne von Labour

Früher rühmten sich wie in Deutschland die auflagenstarken Printmedien, Wahlen entschieden zu haben. „Diesmal hatte der Versuch des Boulevards, Corbyn als Terroristen-Freund und marxistischen Extremisten zu entsorgen, keinen durchschlagenden Erfolg. Im Netz machte man sich nach der Wahl über die Zeitungen lustig“, berichtet das ZDF-Auslandsjournal. Etwa John Niven. „This morning I reignited the British spirit with the newsagents entire stock of Suns and Daily Mails.“

Seine Botschaft fand auf Twitter mit rund 11.000 Retweets und 31.000 Gefällt mir-Bekundungen einen riesigen Anklang. Ein Faktor für den Erfolg von Labour lag an der Social Media-Kampagne, so die Süddeutsche Zeitung:

„Das eindeutige Vorbild für die Wahlkampagne von Jeremy Corbyn ist der Wahlkampf von Bernie Sanders in den USA – und hier spielt Social Media eine große Rolle. Corbyn sieht sich als Anführer einer Bewegung, an deren Spitze er steht, und seine Anhänger posten auf Facebook und Twitter im Minutentakt kurze Videos über ihren Helden Corbyn. Das Internet wurde nicht nur genutzt, um Spenden zu sammeln – online wurden auch die Aktivisten rekrutiert und geschult, die für den 68-jährigen Corbyn trommelten.“

Dank Youtube konnte jeder sehen, wie der bärtige Abgeordnete Corbyn 1990 die damalige Premierministerin Thatcher attackierte und die herrschende Armut im Königreich als „nationale Schande“ bezeichnete – oder wie er 2003 vor den Folgen der Invasion in den Irak warnte und sich damit gegen den Parteifreund Tony Blair stellte. „Der war damals Premierminister – und hatte bei seinen Wahlsiegen 1997 und 2001 mit 43 beziehungsweise 40,3 Prozent ähnliche hohe Stimmenanteile erreicht“, so die SZ. Die David-gegen-Goliath-Story war damit rund. Mit kleinem Budget und einer enthusiastischen Fan-Gemeinde im Netz erzielte Labour mehr Wirkung als die staatstragende Kampagne der Tories.

Wo ist nur die repräsentative Stichprobe geblieben?

Mit den klassischen Instrumenten der Wahlforschung lassen sich diese Effekte wohl nicht mehr messen. Gemeint sind damit nicht die Hochrechnungen an den Wahlabenden, sondern die Telefonumfragen im Vorfeld der Wahlen.

„In den 1990er Jahren war es relativ einfach, über Telefonumfragen mit zufällig generierten Festnetznummern repräsentative Stichproben zu ziehen für die Grundgesamtheit, die man untersuchen wollte“, erläutert Johannes Mirus von Bonn.digital: „Das Smartphone ist zwar personalisiert und beseitigt die Herausforderung, die richtige Zielperson ans Telefon zu bekommen. Die Mobilfunk-Nummern sind aber schwerer zu erfassen. Zudem ist eine örtliche Eingrenzung für die Stichprobe nicht möglich.“

Gefragt sind eher Ansätze wie von Professor Simon Hegelich von der TU-München. Er verbindet in seiner Forschung Politikwissenschaft und Computerwissenschaft zu Political Data Science. Dabei geht es sowohl um Themen der Digitalisierung, deren politische Relevanz untersucht wird, als auch um klassische politikwissenschaftliche Fragen, die mit Methoden wie maschinellem Lernen, Data Mining, Computer Vision oder Simulationen bearbeitet werden.

Folgende Fragen sind dabei interessant: Welchen Einfluss haben Bots auf die politische Willensbildung? Wie agieren kleine und besonders aktive Gruppen im Social Web und welche Netzwerkeffekte erzielen sie? Welche Rolle spielen Fake News? Wie oft werden Inhalte von klassischen Medien rezipiert und welchen Stellenwert haben Quellen jenseits des Journalismus? Wie groß ist die Relevanz von digitalen Diensten – also News Aggregatoren, Suchmaschinen, Bewertungsplattformen?

Das Notiz-Amt empfiehlt den Politik-Analysten in Medien, Wissenschaft und Denkfabriken, schleunigst Kompetenzen in der Daten-Forensik aufzubauen. Ansonsten wird man eben weitere Überraschungen im Polit-Geschehen erleben.


Image (adapted) „Britain-20526“ by PublicDomainPictures (CC0 Public Domain)


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Daten und Organe: Warum Spenden nach dem Tod sinnvoll ist

Ehr (adapted) (Image by mcmurryjulie [CC0 Public Domain] via pixabay)

Den meisten Menschen ist bewusst, dass sie ihre Organe spenden können, wenn sie sterben. Das zu tun, ist sehr wichtig: Jeder verstorbene Spender kann damit Leben retten, wenn er seine Organe und sein Gewebe spendet und diese für Transplantationen genutzt werden. Die Unterstützung der Organspende durch die Bevölkerung ist sehr groß – in manchen Ländern beträgt sie mehr als 80 Prozent, auch wenn viele Menschen es noch nicht geschafft haben, sich als Organspender registrieren zu lassen. Aber Organe sind nicht das Einzige, was ihr spenden könnt, wenn ihr tot seid. Wie wäre es mit einer Spende eurer medizinischen Daten?

Daten scheinen nicht auf dieselbe Art wichtig zu sein wie Organe. Menschen brauchen Organe, um am Leben zu bleiben, um nicht für mehrere Stunden am Tag an der Dialyse angeschlossen sein zu müssen. Medizinische Daten sind ebenfalls sehr wertvoll – auch wenn sie nicht unmittelbar jemandem das Leben retten. Warum? Weil medizinische Forschung nicht ohne medizinische Daten erfolgen kann. Ungünstigerweise sind die Behandlungsunterlagen der meisten Menschen nach ihrem Tod für die Forschung nicht zugänglich.

Beispielweise kann Schichtarbeit den Tagesrhythmus stören. Dies wird inzwischen als eine mögliche Ursache für Krebs angesehen. Eine große Kohortenstudie mit bis zu hunderttausenden Individuen könnte uns helfen, verschiedene Aspekte der Schichtarbeit zu betrachten, inklusive Chronobiologie, Schlafstörungen, Krebsanzeichen und vorzeitigem Altern. Die Ergebnisse einer solchen Studie könnten für die Krebsvorsorge sehr wichtig sein. Aber momentan könnte jede dieser Studien durch die Unmöglichkeit, Daten von Teilnehmern einzusehen und zu analysieren, wenn diese gestorben sind, lahmgelegt werden.

Datenrechte

Während ihrer Lebenszeit haben Menschen bestimmte Rechte, die es ihnen ermöglichen, zu kontrollieren, was mit den sie betreffenden Daten geschieht. Beispielsweise können wir kontrollieren, ob unsere Telefonnummern und Adressen öffentlich zugänglich sind. Wir können Kopien der Daten erfragen, die bei jeglichen öffentlichen Körperschaften von uns gespeichert sind und kontrollieren, was Facebook über uns anzeigt. Wenn wir tot sind, können wir dies alles natürlich nicht mehr. Die Kontrolle unserer digitalen Identität nach dem Tod ist ein kontroverses Thema. Beispielsweise können Familien oftmals nicht auf die iTunes-Käufe oder auf die Facebookseite eines verstorbenen Verwandten zugreifen, um anzuzeigen, dass er oder sie verstorben ist.

Sobald es um medizinische Aufzeichnungen geht, wird es noch komplizierter. Während sie am Leben sind, stimmen viele Menschen einer Teilnahme an medizinischer Forschung zu, sei es ein klinischer Versuch mit einem neuen Medikament oder eine Längsschnittstudie mit medizinischen Aufzeichnungen. Ohne ihre Einwilligungserklärung kann eine Studie normalerweise nicht stattfinden. Medizinische Vertraulichkeit wird allgemein als extrem wichtig angesehen und kann nur durch die Zustimmung des Patienten aufgehoben werden.

In den meisten Rechtsprechungen gilt dies auch, wenn eine Person tot ist – mit dem zusätzlichen Problem, dass von ihr zu diesem Zeitpunkt keine Zustimmung mehr eingeholt werden kann. Aber es wäre falsch, anzunehmen, dass jeder eine solche strenge Datenvertraulichkeit über den Tod hinaus wünscht. Genau wie im Leben würden manche Menschen ihre Daten der medizinischen Forschung zur Verfügung stellen, um neue Behandlungsmöglichkeiten zu entwickeln, die Menschenleben retten könnten.

In Anerkennung dieser Tatsache wurde Forschern in einigen Ländern gestattet, die Daten verstorbener Personen zu nutzen. In Großbritannien werden Behandlungsunterlagen nach dem Tod des Patienten für 100 Jahre als vertrauliche Verschlusssache behandelt. Man kann jedoch die Erlaubnis des Public Records Office einholen, um die Daten des Verstorbenen für die Forschung zu nutzen.

Allerdings hat das Vereinigte Königreich eines der tolerantesten Systeme weltweit, wenn es um die Datennutzung nach dem Tod geht. Im Gegensatz dazu müssen deutsche Forscher einige Hürden meistern. Erstens müssen sie nachweisen, dass das Recht des Einzelnen auf Privatsphäre weniger wichtig ist als der potentielle gesellschaftliche Nutzen durch die Studie – was schwierig zu beweisen ist, da kein Forscher vor Durchführung einer Studie weiß, was deren letztendlicher Nutzen sein wird. Zweitens müssen sie immer, wenn es machbar ist, anonymisierte Daten nutzen. Das heißt, viele wertvolle Hintergrundinformationen über Patienten könnten nicht verfügbar sein, weil alle potenziell identifizierenden Daten entfernt wurden. Drittens müssen die Forscher belegen, dass es keinen anderen Weg gibt, um die Forschungsfrage zu beantworten. Und viertens müssen sie nachweisen, dass die Person nicht um ihre Zustimmung gebeten werden konnte.

In den USA werden Forscher dazu ermutigt, Daten nach dem America COMPETES Act zu teilen. Aber dieses Gesetz bezieht sich auf Daten, die bereits von Forschern genutzt werden, statt ihnen Zugang zu den Behandlungsunterlagen Verstorbener zu geben, welche im Normalfall nach dem Tod vertraulich bleiben.

Unser Vorschlag

Die Forscher müssen sich hier mit riesigen Hürden auseinandersetzen. Auch wenn sie diese irgendwann überwinden können, wird in jedem Fall Zeit und Geld verschwendet. Wäre es nicht einfacher, wenn die Menschen sich als Datenspender melden könnten, genau wie sie sich als Organspender registrieren lassen können? Auf diese Weise läge den Forschern die Zustimmung vor, die Daten postum zu nutzen. Leider gibt es nirgendwo ein existierendes System, um das auch zu leisten.

Als Forscher für Medizin und Ethik empfinden wir die Regelungen, die den Datenaustausch in einigen Ländern abdecken, als unangemessen. Wir meinen, dass Länder nationale Datenbanken von Datenspendern einrichten sollten, die von Patienten genutzt werden könnten, um zu kontrollieren, wie ihre medizinischen Daten genutzt und geteilt werden. Die Patienten sollten mit diesen Datenbanken aber auch die Möglichkeit haben, anzuzeigen, ob sie eine weitere Verwendung ihrer Daten nach dem Tod wünschen.

Die Menschen sollten angeben können, mit welcher Art Projekten sie ihre Daten teilen wollen, welche Teile ihrer Behandlungsunterlagen sie zur Verfügung stellen, und ob sie bereit sind, Daten auch nichtanonymisiert bereitzustellen. Sie sollten ebenfalls eine „allgemeine Zustimmung“ zur zukünftigen Datennutzung erteilen können, wenn sie das möchten. Eine Datenspende nach dem Tod sollte diskutiert werden, um zu vermeiden, dass die Daten mit den Patienten sterben, was wiederum zu weiteren Todesfällen führt, denn es behindert die medizinische Forschung.

Dieser Artikel erschien zuerst auf „The Conversation“ unter CC BY-ND 4.0. Übersetzung mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.


Image (adapted) „Ehr“ by mcmurryjulie (CC0 Public Domain)


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Check-up Ireland: Stuck in the Middle – Wir stecken fest

Seit 1997 lebe ich nun schon in der irischen Hauptstadt Dublin. Mein erster Job bei AOL hatte auch ein wenig mit Tech zu tun – wenn man die berüchtigten Freistunden-CDs als „Tech“ ansieht oder das Verbinden an die technische Hotline durchgehen lässt. Im Verlauf der kommenden zwölf Monate werde ich nun die „Tech-Insel“ aus verschiedenen Blickwinkeln betrachten. 

Irlands Tech-Entscheider schauen sorgenvoll auf Trump & Brexit

In dieser Kolumne warf ich erst vor kurzem einen durchaus positiven Blick auf das vergangene Jahr. Zu Beginn des neuen Jahres gehen viele Blicke sowohl nach Westen über den Atlantik als auch nach Osten über die Irische See nach London. Noch bis vor wenigen Monaten ließ Irlands Sandwich-Position zwischen den USA und dem so wichtigen Handelspartner Großbritannien Politiker und Industrielle im Einklang endlose Jubelarien auf den Standort-Vorteil der Iren anstimmen. Die Wahl von Donald Trump und die Entscheidung der Nachbarn für das Brexit sorgten jedoch für tiefe, übelklingende Kratzer auf dieser altbewährten Platte. Nun kramt manch einer „Stuck in the Middle with you“ der Gruppe ‚Stealers Wheel‘ hervor: „Clowns to the left of me, jokers to the right, here I am stuck in the middle with you!“

Sowohl Milliarden-Investitionen von US-Firmen als auch der rege Handel mit den Briten hatten schon immer auch viel mit Steuern und Zöllen zu tun. Was wird sich links und rechts ändern und was bedeutet es für Irland? 

Trump to the left

Noch weiß niemand genau (wahrscheinlich auch er selbst nicht), welche seiner Wahlversprechen Donald Trump wirklich umsetzen wird. Ein Zentralstück seiner Wirtschaftspolitik sollen aber erhebliche Steuersenkungen werden. Unter anderem war im Wahlkampf immer wieder die Rede davon, den Körperschaftssteuersatz von 35 Prozent auf 15 Prozent zu senken – eine Zahl, die in Irland, wo der Leitsatz 12,5 Prozent beträgt, Sorgenfalten auf die Stirnen der Ansiedlungspolitiker treibt. Zu stark ist noch die Abhängigkeit der irischen Wirtschaft von Multinationals, vor allem aus den USA, die insgesamt rund 200.000 Menschen beschäftigen. Facebook, Microsoft, Google und Apple gehen dabei vorneweg. 

Jede auch noch so kleine Änderung bei der Körperschaftssteuer wird direkte Folgen in Irland nach sich ziehen. Zwar hat es in den letzten 30 Jahren auf US-Seite keine signifikanten Änderungen gegeben und jede Administration, auch wenn sie von einem Lautsprecher wie Trump geleitet wird, tut sich schwer daran, spürbar UND schnell an der Körperschaftssteuer zu drehen. Da diese rund zehn Prozent des US-Steueraufkommens ausmacht, werden Donald Trump und seine Berater vorsichtig zu Werke gehen müssen, damit der Schuss, der US-Unternehmen und ihre Steuern nach Hause locken und die Wirtschaft erstarken lassen soll, nicht nach hinten losgeht. Zu bedenken ist auch, dass schon heute ein Teil der Profite von US-Unternehmen mit irischen Tochterfirmen sowohl in Irland als auch in der Heimat besteuert werden.

Auf Twitter drohte Trump jüngst diversen Autoherstellern mit Einfuhrzöllen falls Fabriken nicht ins Homeland zurückverlagert werden sollten. Zweifelsohne spielt die Tatsache, dass es sich bei dem Land, aus dem die Produktion zurückgebracht werden soll, um dessen Lieblingsfeind Mexiko handelt, eine besondere Rolle. Toyota und Chrysler gaben auch schnell nach und kündigten Milliarden-Investionen in den USA nach. Könnten den Drohungen an Auto-Bosse via Twitter bald Drohungen an Tech-Bosse bei Facebook oder Google (nicht bei Twitter, die weder in Irland noch in den USA Profite machen) folgen? Noch ist nichts derart in Sicht. Doch zum einen ist Donald Trump unberechenbar und zum anderen benötigen Investoren – egal ob in der Auto-Industrie oder in Tech – Sicherheit. Und da die alles andere als gegeben ist, warten viele Investoren erst einmal ab.

Brexit to the right

Noch spricht die britische Regierung mehr- und vor allem unstimmig darüber, wie das mit dem Brexit genau funktionieren soll. Dies sorgt in der Wirtschaft ebenso für Unsicherheit wie die bangen Fragen, was genau Trump so vorhat. Und genau wie Trump reden auch britische Politiker davon, den Körperschaftssteuersatz zu senken. Nur greift die Unsicherheit in Bezug auf den (noch) gemeinsamen Handels- und Reiseraum mit dem Vereinigten Königreich und was wohl daraus werden möge, wenn der Brexit umgesetzt wird, schon jetzt spürbar um sich – noch bevor der Artikel 50 des EU-Vertrags überhaupt aktiviert wurde. Zwar macht man sich in Bereichen wie FinTech berechtigte Hoffnungen, dass Finanzunternehmen Investitionen von London nach Dublin verlegen werden, um weiterhin Zugang zum einheitlichen EU-Markt zu haben. Da hört es dann aber auch auf. So manch ein Unternehmen hält Investitionen, was den britischen Markt betrifft, erst einmal zurück. Andere denken gar darüber nach, den Firmensitz nach Großbritannien zu verlagern, was dann Sinn macht, wenn zwei Drittel der Kunden dort sind und es zu lange dauern würde, neue Märkte zu erschließen.

Über Jahre hinweg konnten irische Firmen sich darauf ausruhen, dass in Bezug auf den wichtigsten Handelspartner in Europa die Fähigkeiten der Mitarbeiter ideal waren. Man spricht die gleiche Sprache und der Nachwuchs ist technisch gut ausgebildet. Dem Ausruhen folgt jetzt aber mehr und mehr die Unruhe – und neue Fragen: Kennt sich bei uns eigentlich jemand mit Ausfuhrzöllen aus?


Image “ireland” by belindasoundso (CC0 Public Domain)


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Der Hack der Referendumspetition zeigt, dass sogar die Demokratie getrollt werden kann

Stupid Computer (adapted) (Image by James Lee [CC BY 2.0] via Flickr)

Die dem Parlament vorgelegte elektronische Petition, die ein erneutes Referendum über den Austritt Großbritanniens aus der Europäischen Union fordert, ist eine bemerkenswerte Entwicklung der digitalen Demokratie. Die Zahl der Unterzeichner hat die vier Millionen bereits überschritten – wie viele wären notwendig, um aus der Petition eine legitime Form des Massenprotestes zu machen, die eine politische Antwort verdient? Es ist mit Sicherheit das bedeutendste Beispiel für Clicktivism, das die Welt je gesehen hat. Das Internet hat die Petition von einem umständlichen Papierstapel in ein Echtzeit-Messgerät der Unzufriedenheit derer verwandelt, die zu viel zu tun haben, um sich persönlich zu treffen und Banner zu bemalen und zu marschieren, aber dennoch engagiert genug sind, um einem Link auf Facebook zu folgen. Eine Online-Petition kann ein virales Vergeltungsinstrument sein, wie die Kontroverse um die Erschießung des Gorillas Harambe im Zoo von Cincinnati zeigte. Obwohl die Eltern des Jungen, der in das Gorillagehege gefallen war, von den Vorwürfen der vernachlässigten Aufsichtspflicht freigesprochen wurden, hatten viele Menschen das Gefühl, dass die Ermittlungen gegen die afroamerikanische Familie überhaupt erst aufgrund einer rassistisch motivierten Petition aufgenommen wurden. E-Petitionen sind eine legitime Form des Protestes mit einigen bemerkenswerten Erfolgen: Sie haben BBC Radio 6 Music gerettet und sorgten für die Nominierung von Malalai Joya für den Nobelpreis. Allerdings scheinen sie auch verstärkt anfällig für Missbrauch und Manipulation zu sein. Das britische Unterhaus untersucht nun die Möglichkeit, dass 77.000 Unterschriften für ein zweites Referendum für die Neuverhandlung mit der EU über einen Brexit durch Betrug zustande kamen, da eine Vielzahl von Unterzeichnern aus Ländern wie Ghana und Nordkorea stammten – wohl kaum Hochburgen einer pro-europäischen Geisteshaltung. Der verräterischste Hinweis waren vermutlich die 39.000 Unterschriften aus dem Vatikan, der lediglich eine Gesamtbevölkerungszahl von 800 hat.

Laut der früheren Parlamentsabgeordneten Louise Mensch von der Tory-Partei waren die Verantwortlichen für diesen Betrug keine technisch versierten, leidenschaftlichen „Remainer“, die die Grenzen der demokratischen Legalität austesteten, sondern eine undurchsichtige Gruppe von unzufriedenen 4chan-Usern. Die Webcommunity 4chan hat ungefähr 22 Mio. Nutzer im Monat, die anarchische, geschmacklose, clevere und manchmal giftige Kommentare abgeben. Während viele Internet-Memes wie „lolcat“ und das „Rickrolling“ von der 4chan-Community erfunden wurden, gibt es auch eine gut dokumentierte dunkle Seite – beispielsweise der Diebstahl und die Verbreitung intimer Fotos von Prominenten. Dass diese Petition gehackt wurde, zeigt einen besorgniserregenden Trend – es werden nicht mehr nur Individuen ins Visier genommen, sondern versucht, die Politik zu beeinflussen. Während der Europameisterschaft in Frankreich 2016 wollten russische Regierungsmitglieder nachweisen, dass russische Fans in Marseille von englischen Fans provoziert worden waren – aber die Twitter-Posts, die als Beleg angegeben wurden, stammten von Fake-Accounts. Britische Geheimdienste deuteten an, dass die Spur in den Kreml führe. Der russische Präsident Wladimir Putin betrachtet Hacking, Propaganda und die Manipulation der Medien als zentrale Bestandteile seiner hybriden Kriegsführung gegen den Westen. Wie der Islamische Staat gezeigt hat, können die sozialen Medien nicht nur zu Propagandazwecken genutzt werden, sondern als Waffe, mit der sich weltweit Terror verbreiten lässt. Das erklärt immer noch nicht so ganz, warum die User von 4chan die Demokratie untergraben wollen. Vielleicht ist die Antwort im Forum der Seite zu finden, das den unverfänglichen Namen „/b/“ trägt. Der Wissenschaftler Jamie Bartlett von der Ideenfabrik Demos identifiziert /b/ als einen Teil des Dark Net, der als Basis für die Art von extremem, aggressivem Trolling dient, das die 4chan-Nutzer einen „Life Ruin“ nennen. Life Ruins sind Streiche, deren Intensität und technischer Einfallsreichtum das Leben der Zielperson so gut wie komplett zerstören können. Obwohl /b/ nur einen kleinen Teil der Aktivitäten auf 4chan ausmacht, vermittelt es doch einen realistischen Eindruck von der Art von Grausamkeit, die stattfinden kann. Also war es vielleicht nur eine Frage der Zeit, bis Menschen mit solchen Einstellungen unvermeidlich gemeinsame Sache mit denjenigen machen, die eine ruchlose politische Agenda verfolgen. Das Trollen der Demokratie in Form der gehackten Referendumspetition ist vergleichsweise kaum mehr als ein Streich. Es ist offensichtlich, dass die Demagogie weltweit zunimmt. Insbesondere das unbedachte Referendum im Vereinigten Königreich hat gezeigt, dass die öffentliche Meinung ganz einfach durch falsche Informationen beeinflusst werden kann. Während die Zahl der gefälschten Unterschriften relativ klein ist, richtete ihr Vorhandensein großen Schaden an: Diese 77.000 Spam-Unterschriften haben die Rechtmäßigkeit der restlichen 4 Millionen Unterschriften in Frage gestellt und ließen uns an ihrer Macht zweifeln. (Anm. d. Red.: Mittlerweile hat sich die EU dazu entschieden, kein erneutes Referendum zuzulassen.) Dank Demagogen wie Nigel Farage von UKIP und dem US-Präsidentschaftskandidaten Donald Trump, die aus den Vorurteilen und den falschen Vorstellungen der Menschen Kapital schlagen, und Politikern wie Michael Gove oder Boris Johnson, die sich über die Welt der Fakten und Experten lustig machen, besteht die Möglichkeit, dass das Trolling im Internet eine völlig neue Dimension erreicht. In Wirklichkeit war Cyber-Mobbing nie virtuell. Seine Auswirkungen waren immer greifbar und gewalttätig, nur sind sie jetzt aus den Schatten hervorgetreten und auf einer nationalen Ebene spürbar. Wenn ein Land von einer falschen Statistik auf einer Werbefläche auf einem Bus überzeugt werden kann, dann stellen Sie sich vor was passiert, wenn den Witzbolden auf 4chan bewusst wird, dass die Trolle sich nicht länger unter der Brücke zu verstecken und auf ihre Opfer zu warten brauchen, sondern dass sie jetzt die nationale Bühne betreten und ihren Platz neben Farage, Trump, Le Pen und all den anderen Monstrositäten unserer neuen Politik des Hasses einnehmen können. Dieser Artikel erschien zuerst auf „The Conversation“ unter CC BY-ND 4.0. Übersetzung mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.


Image (adapted) „Stupid Computer!“ by James Lee (CC BY 2.0) 


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Endlich vorbei oder der Anfang vom Ende? Der Brexit aus der Sicht dreier britischer Wirtschaftsblogger

Brexit (adapted) (Image by freestocks.org [CC BY 2.0] via Flickr)

Aus und Vorbei. Der 24. Juni 2016 markiert das Ende einer turbulenten Liebesbeziehung zwischen Großbritannien und der Europäischen Union. Nach einer 59-jährigen Achterbahnfahrt ist es nun kurz vor der goldenen Hochzeit offiziell: Es ist Schluss. Großbritannien hat die Scheidung eingereicht. Dabei ist es nicht das erste Mal, dass der Brexit zur Debatte stand. Bereits 1975 gab es ein Referendum in Großbritannien über das Verbleiben in der damalig benannten Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft. Damals stimmten 67 Prozent der Wähler für einen Verbleib in der Gemeinschaft. In diesem Jahr sah es anders aus, eine knappe Mehrheit (51,1 Prozent) stimmte für den Austritt aus der Europäischen Union.  

Ein Brexit, viele Meinungen

Seitdem überschlagen sich die Ereignisse wie bei einem Dominospiel: Großbritanniens Premierminister David Cameron hat seinen Rücktritt angekündigt, das britische Pfund befindet sich an der Börse scheinbar im freien Fall, Donald Trump nutzt die Abstimmung der Briten als Beleg für seine xenophoben Parolen und andere Politiker nehmen den Brexit als Vorbild für ein eigenes Ausscheiden aus der EU. Was viele bei der lauten Polemik dabei aus dem Blick verlieren, ist die Tatsache, dass der Brexit auch mal vorrangig ein wirtschaftliches Thema war. Hier ging es weniger um polnische Einwanderer und mehr um ökonomische Argumente für und gegen den Austritt aus der EU. Wie sehen also die Reaktionen der Wirtschaftsexperten im Netz aus? Was sagen Großbritanniens Blogger zum Referendum? Um das herauszufinden, haben die Netzpiloten deshalb mit drei der bekanntesten britischen Wirtschaftsblogger über ihre Meinung zum Brexit gesprochen – und sie dabei ausführlich zu Wort kommen lassen.

Warum stimmen Menschen für eine schlechte wirtschaftliche Zukunft ab?

Den Anfang macht dabei Robert Elliott, Wirtschaftsprofessor an der Universität Birmingham und seit Jahren renommierter Blogger zu Themen der Wirtschaft und Globalisierung. Seine Sicht auf den Brexit malt eine dunkle Zukunft für sein Land und die EU, in der beide Seiten ein bedeutendes Gegengewicht verloren haben: „Die wirtschaftlichen Konsequenzen des Brexits für das Vereinigte Königreich und die Wirtschaft der EU könnten sehr ernst sein, mit einer hohen Wahrscheinlichkeit, dass diejenigen, die FÜR den Austritt aus der EU gestimmt haben, davon auch am härtesten getroffen werden. Wähler, die traditionell eher politisch links abgestimmt haben, haben nun eine Route gewählt, die zu einer eher rechtskonservativen Regierung führen wird. Das wird auch negative Auswirkungen auf das Arbeitsrecht sowie die Unterstützung der Ärmsten unserer Gesellschaft haben. Etwas weiter betrachtet ist es auch möglich, dass mit dem Austritt des Vereinigten Königreichs aus der EU, die EU sich politisch weiter nach links bewegt – was sich wiederum negativ auf die Wettbewerbsfähigkeit der EU auswirken und was zu weiterer wirtschaftlicher Stagnation in den ärmeren Regionen Europas führen wird. Kurzfristig führt die Unsicherheit nach der Brexit-Abstimmung zu weniger ausländischen Investitionen, rückläufigem Konsum und einem damit einhergehenden Preisverfall sowie Jobverlusten. Der Verlust Tausender gut bezahlter Stellen im Finanzsektor, der sich wohl in anderen Orten der EU niederlassen wird (Dublin, Frankfurt oder Paris) mag viele im Norden Englands nicht großartig Sorgen bereiten. Dennoch sollte man nicht vergessen, dass der Verlust der wichtigen Steuern, die diese [Finanz-]firmen zahlen sowie das Konsumverhalten ihrer Angestellten gravierende Auswirkungen auf die Regierungsfinanzen haben werden.

Robert Elliott (Image by Robert Elliott_University of Birmingham)
Robert Elliott (Image by Robert Elliott/ University of Birmingham)

Die Vielzahl der Menschen, die jetzt eingestellt werden müssen, um die vielen Jahre der EU-Regulierung wieder aufzulösen, ist ebenfalls eine riesige Zeit- und Ressourcenverschwendung. Wenn unsere Wirtschaft so stark schrumpft wie viele es erwarten, werden wir das Geld, das wir durch die ausbleibenden EU-Beitragszahlungen einsparen, im höhren Maße durch reduzierte Steuereinnahmen wieder verlieren. Die EU-Subventionen für die ärmsten Regionen Englands werden nur sehr schwer anderweitig ersetzt werden können, sodass dies zu noch größeren Ungleichheiten im Vereinigten Königreich führen wird. Als Ökonom ist es für mich immer wieder erstaunlich, warum Menschen für eine solch schlechte wirtschaftliche Zukunft stimmen, obwohl Wirtschaftsexperten auf der ganzen Welt (IWF, Finanzministerien, Akademiker und andere) darauf vermehrt hingewiesen haben. Ich glaube, dass sowohl Europa als auch Großbritannien in naher Zukunft große wirtschaftliche Herausforderungen bevorstehen. Entgegen den Behauptungen von Michael Gove, dass Großbritannien genug von den Experten hat, vermute ich, dass Experten nun dringender als je zuvor benötigt werden, um das wirtschaftliche und politische Durcheinander zu entwirren, in das sich das Vereinigte Königreich selbst gebracht hat.

Endlich Draußen

Tim Worstall ist ein bekannter Wirtschaftsexperte und schreibt unter anderem bei Forbes über Wirtschaft und Finanzen. Anders als Elliott begrüßt Worstall den Austritt Großbritanniens aus der EU. Er erklärt gegenüber den Netzpiloten seinen Standpunkt: „Ich bin wohl am ehesten als Wirtschaftsblogger bekannt und meine Sicht auf die EU ist dementsprechend auch wirtschaftlich geprägt. Wer will schon Mitglied eines Clubs bleiben, der sich auf einen so riesigen Blödsinn wie den Euro verständigt hat? Fast jeder Wirtschaftsexperte der Welt hat vorausgesagt, dass der Euro nicht so funktionieren würde wie vorhergesagt und viele sehen das immer noch so. Dennoch scheint die allgemeine Wegrichtung zu sein, die Idee einzuprügeln bis die Moral besser wird.

Tim Worstall (Image by Tim Worstall)
Tim Worstall (Image by Tim Worstall)

Meine eigene Sicht ist von meiner Zeit in der Politik geprägt. Das bedeutet auch, dass ich mit Brüssel zusammengearbeitet habe und mich so eines Tages im Europäischen Parlament wiederfand. Als ich mich in diesem Gebäude umschaute, kam mir bei der Sicht auf die Bewohner dieses Hauses die Erleuchtung: Ich will einfach nicht, dass mein Land von diesen Idioten angeführt wird. Wir sind endlich draußen, der Job ist erledigt – und Gott sei Dank dafür!

Die Unsicherheit ist das Schlimmste

Leigh Caldwell sieht die Zukunft seines Landes und der EU dagegen alles andere als rosig. Caldwell ist Datenwirtschaftler, Autor des Buches „The Psychology of Price“ sowie Geschäftsführer der Forschungsgesellschaft INON und Wirtschaftsexperte für die Firma Irrational Agency. Auf seinem Blog schreibt er über Wirtschaft im Allgemeinen und die Psychologie dahinter im Besonderen. So sieht er auch mit Blick auf den Brexit eine wirtschafspsychologische Komponente: „Die direkten wirtschaftlichen Folgen sind klar – wahrscheinlich erhöhte Zölle und weniger Handel, eine Rezession in Großbritannien, sowie ein Umzug von Teilen der Londoner Finanzwelt nach Paris oder Frankfurt. Doch die größte Konsequenz ist die Ungewissheit. Was wird als nächstes passieren? Wir wissen es nicht! Psychologisch gesehen ist es für unser Gehirn schwerer, mit dem Unbekannten umzugehen (was entweder gut oder schlecht ausgehen kann) als mit einem garantiert schlechten Ausgang. Wenn du sicher weißt, dass etwas Schlechtes passieren wird, kannst du aufhören dir Sorgen zu machen und dich darauf vorbereiten.

Leigh Caldwell (Image by Leigh Caldwell)
Leigh Caldwell (Image by Leigh Caldwell)

Jedoch wissen wir nicht genau, ob Großbritannien die EU wirklich verlassen wird und unter welchen Bedingungen. Deshalb legen Unternehmen und Konsumenten ihre Ausgabenpläne erstmal auf Eis. Bürger der EU warten erstmal ab, bevor sie nach Großbritannien ziehen oder von hier wegziehen, wenn sie schon vor Ort sind. So kann die Angst vor einer Rezession zur selbsterfüllenden Prophezeiung werden. Es ist doch so, dass Unternehmen Entscheidungen genau so treffen wie der Rest von uns: nicht auf harten Fakten basiert, sondern sie gehen nach dem, was sich richtig anfühlt. Wenn sie nicht wissen, ob sie für ihre Exporte Zoll zahlen müssen oder ob ihre Angestellten nach Großbritannien ziehen können, ist es für sie unmöglich, die beste Entscheidung zu treffen. Die einfachste Entscheidung ist daher, stattdessen in ein anderes Land zu investieren. Ungewissheit zerstört die Wirtschaft in einem Land und das ist im Moment die größte Gefahr für das Vereinigte Königreich. Der Austritt aus der EU sendet ebenfalls ein Signal: Großbritannien ist nun auf sich alleine gestellt. Unabhängig von den objektiven, wirtschaftlichen Fakten kommt es so zur unbewussten Wahrnehmung, dass das Vereinigte Königreich nun in einer anderen Kategorie ist – und das macht es weniger wahrscheinlich, dass europäische Firmen hier einkaufen, verkaufen oder investieren. Auch für den Rest der EU besteht Unsicherheit, auch wenn nicht ganz so stark. Es scheint sogar möglich, dass der Brexit den Rest der EU näher zusammen bringt. Mittelfristig gesehen kann eine enger verbündete EU besser dastehen als im Moment, aber langfristig gesehen ist es für Großbritannien definitiv besser auf der gleichen Seite zu stehen wie alle anderen.


Image (adapted) „Brexit“ by freestocks.org (CC0 Public Domain)

 

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Verschärfen Soziale Medien die politische Debatte in Großbritannien?

Westminster (adapted) (Image by Hernán Piñera [CC BY-SA 2.0] via flickr)

In der angespannten Atmosphäre, die Großbritannien nach der Ermordung des Parlamentsmitgliedes Jo Cox fest im Griff hält, ist die Sorge um den Ton der politischen Debatte im Land groß. Es gibt zwar keinen Hinweis darauf, dass die Sozialen Medien eine direkte Rolle in der Straftat spielten, doch die Aufmerksamkeit richtet sich darauf, wie diese generell die Wut der Menschen schüren. Parlamentsmitglied Stephen Kinnock teilte sich ein Büro mit Cox und die beiden waren gute Freunde. Nach dem Angriff wurde er desöfteren zitiert:

Wir müssen auf den Ton in unserer Politik und auf die Art und Weise, wie Politiker und die Presse miteinander reden, Acht geben… und auch auf die Art, wie die Sozialen Medien teilnehmen und diese Tendenzen verstärken. Es ist kein allzu großer Schritt zwischen dem Aussprechen von schrecklichen Dingen und einer schrecklichen Tat.

Die Sozialen Medien werden oft dafür angeprangert, einen öffentlichen Schauplatz für Meinungen zu bieten, die Leute niemals im echten Leben aussprechen würden (dies ist als der Online-Enthemmungs-Effekt bekannt) und dafür uneingeschränkt zu Belästigung und Missbrauch aufzurufen und eine Massenmentalität zu entwickeln . Doch die Rolle, die die Sozialen Medien politisch spielen, ist dank der Natur politischer Debatten viel komplizierter. Der feindliche Kommunikationsstil, den wir in der heutigen Politik beobachten können, ist mit Sicherheit kontraproduktiv und polarisiert Meinungen. Meinungsverschiedenheiten sind an sich großartig und das Herz der Demokratie. Aber, so argumentiert Politikwissenschaftlerin Susan Bickford, der demokratische Prozess ist nur dann erfolgreich, wenn man sich die Meinungen der Anderen tatsächlich anhört und sie nicht nur abtut. Und es verhält sich hier genauso wie persönliche Interaktion zwischen Politikern oder Fernsehdiskussionen – das Internet hat bewiesen, dass es nicht in der Lage ist, es Menschen zu ermöglichen, einander zuzuhören, dass es nun Versuche gibt, unsere Onlinekommunikation zu verändern, um uns zu besseren Zuhörern zu machen. Besonders in der Politik gibt es mehrere Dinge, die uns daran hindern, aktiv zuzuhören. Menschen neigen bewiesenermaßen dazu, Informationen, die ihre Überzeugungen und Positionen angreifen, abzutun, was als Bestätigungsbias bekannt ist. Und weil politische, kulturelle und religiöse Werte oft im Zentrum unserer Identität stehen, wird ein Angriff auf diese Werte schnell zu einem Angriff auf uns selbst und wie wir uns wahrnehmen. Wenn jemand gegen unsere Weltsicht argumentiert, nehmen wir das persönlich. Es wird argumentiert, dass wir, um in der Lage zu sein, uns die Meinung anderer Leute anzuhören, in der Lage sein müssen, unsere persönliche Identität von unseren Überzeugungen und Werten zu trennen. Das wird in einem politischen Umfeld, in dem Persönlichkeiten immer wichtiger werden, in dem ein einzelner politischer Anführer mehr und mehr Bedeutung als die Institutionen und Ideale, die er oder sie repräsentiert, erlangt, noch schwerer gemacht als es ohnehin schon ist. Diese erhöhte Persönlichkeitsbildung in der Politik wird von traditionellen Medien verstärkt, was politische Bindungen impliziert. Beispielsweise habe ich kürzlich eine kleine, noch nicht veröffentlichte Studie durchgeführt, die im Einklang mit anderen Untersuchungen aufzeigte, wie personalisierte Berichterstattung die Absicht junger Leute verringert, sich aktiv politisch zu beteiligen. Teilnehmer der Studie waren weniger gewillt, an politischen Aktivitäten wie Diskussionen, Wahlen oder ehrenamtlicher Arbeit teilzunehmen, nachdem Sie einen auf einen einzelnen Politiker fokussierten Bericht gelesen hatten als nach dem Lesen desselben Berichtes, der diesmal auf eine Partei oder die Regierung fokussiert war.

Es wird persönlich

Die Sozialen Medien jedoch sind ein zweischneidiges Schwert. Einerseits fördern sie die politische Beteiligung sowohl online als auch offline. In einer unveröffentlichten Studie, die ich durchgeführt habe, fand ich heraus, dass Menschen, die das Internet nutzen um zu diskutieren und unter Nachrichten zu kommentieren, wahrscheinlicher auch im echten Leben politisch aktiv waren. Dies deckt sich ebenfalls mit anderen Nachforschungen auf diesem Gebiet. Doch die Sozialen Medien fördern ebenfalls Polarisierung. Menschen tendieren dazu, sich mit Gleichgesinnten zu verbinden – und sich mit Inhalten zu beschäftigen, die ihre bereits existierenden Ansichten und Einstellungen reflektieren. Die Sozialen Medien fokussieren politische Diskussionen sogar noch mehr auf Personen, die aktive Profile auf Sozialen Netzwerken haben. Sie können besonders auffallen und somit mehr persönlichen Missbrauch von denen hervorrufen, die ihre Meinung nicht teilen. Der kürzlich angelaufene Kampagne „Reclaim the Internet“ hat die Höhe der Anzahl der Missbrauchsvofälle, dem Einzelne (und besonders Frauen) im Internet ausgesetzt sind, herausgestellt. Die Probleme des Cyberbullying und der Frauenhasser im Netz verdienen ernsthafte Beachtung für den negativen Einfluss den sie auf die Empfänger solchen Missbrauchs haben können. Trotzdem ist es wichtig, daran zu erinnern, dass nur wenige Menschen auch nach den gewalttätigen Tendenzen handeln, die sie online ausleben. Und leider sind solche Trends auch nicht nur auf die Ära der Sozialen Medien beschränkt. Es gibt kaum Beweise dafür, dass Missbrauch in Sozialen Medien zu Missbrauch jenseits des Netztes führt, wenn die Personen ansonsten nicht auffällig sind. Was können wir dagegen tun? Nutzer von Sozialen Medien müssen Missbrauch im Netz aktiv angreifen, die Plattformen selbst müssen effektiv und mit ernstzunehmenden Regularien auf Berichte solchen Missbrauchs reagieren. Die Polarisierung und Personalisierung der Politik ist allerdings ein sehr schwerwiegenderes Problem. Dieser Artikel erschien zuerst auf „The Conversation“ unter CC BY-ND 4.0. Übersetzung mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.


Image (adapted) „Westminster“ by Hernán Piñera (CC BY-SA 2.0)


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Überwachen ohne Knast: Die neuen Fußfesseln machen nicht nur Gefangene unfrei

Control (adapted) (Image by marcusrg [CC BY 2.0] via flickr)

Für manche verurteilten Kriminellen endet die Bestrafung nicht mit der Entlassung aus dem Gefängnis. Dank neuer elektronischer Fußfesseln können Bewährungshelfer aus den USA nun frisch entlassene Häftlinge 24 Stunden am Tag beobachten. Diese stellen nicht nur fest, ob man beispielsweise nach Mexiko geflohen ist, sondern können die exakten Bewegungen ermitteln. Die gesammelten Daten können dabei helfen, weitere Straftaten zu verhindern. Die Fußfesseln stellen nicht nur sicher, dass Ausgangssperren eingehalten werden, sondern registrieren auch, wenn Süchtige sich in Gegenden bewegen, in denen sie sich Drogen beschaffen könnten oder wenn Gewalttäter sich zu nah an das Haus ihres Ex-Partners heranwagen. Aber moderne Fußfesseln wie der ExacuTrackAT gehen noch viel weiter. Einige Systeme können physische Veränderungen feststellen, wie zum Beispiel Alkohol oder Drogen im Blut. In Zukunft könnten sogar sexuelle Erregung oder andere Dinge, die auf eine Verletzung der Bewährungsauflagen hindeuten, wahrgenommen werden. Aber der psychologische Effekt einer so ausgedehnten, intimen Überwachung kann auch als eine Art von erschöpfender, unterschwelliger mentaler Folter gesehen werden. Die Regierung Großbritanniens plant jetzt die Einführung von ähnlichen Fußfesseln für entlassene britische Häftlinge. Obwohl sie gemeinsam mit weiteren Gefängnisreformen angekündigt wurde, die als überraschend liberal angesehen wurden, bezeichnet der Schritt in Richtung größerer Überwachung einen besorgniserregenden Eingriff in die Rechte von Gefangenen. Er könnte sich aber auch auf diejenigen unter uns auswirken, die eher nicht ins Gefängnis kommen werden.

Die Macht von HOPE

Das Justizministerium will einem Vorbild des US-Amerikanischen Strafvollzugs namens HOPE (Hawaii’s Opportunity Probation with Enforcement, dt.: Bewährungsstrafe mit Überwachung) folgen. HOPE wurde im Jahr 2004 eingeführt, um die Rückfallquoten von entlassenen Häftlingen zu senken, indem sie elektronische Fußfesseln tragen und sich von Zeit zu Zeit bei ihren Bewährungshelfern melden mussten. Wer nicht erschien, kam ein paar Tage lang zurück ins Gefängnis. Die Ergebnisse waren erstaunlich: So sank beispielsweise die Rückfallquote bei den Drogenabhängigen, verglichen mit der nicht überwachten Testgruppe, um 93 Prozent. Obwohl sie ursprünglich kein Hauptbestandteil des Programms waren, wurden elektronische und jetzt digitale Fußfesseln über die Jahre ein wichtiger Teil von HOPE, das aktuell in den USA weit verbreitet ist. Der Erfolg von HOPE ist mindestens teilweise der Verdienst von verbesserten elektronischen Fußfesseln und weiteren Neuerungen in den Bereichen GPS, Biometrie und Geoprofiling. Kontrolle bringt jedoch eine ganze Menge ethischer Fragen mit sich. Nicht nur, weil man in die Privatsphäre der Menschen eindringt, indem man sämtliche Vorgänge im Körper überwacht, sondern auch wegen der Frage des Datenschutzes. Schon jetzt gibt es Befürchtungen, dass die Daten, die beispielsweise durch Fitnessarmbänder gewonnen werden, verkauft, gestohlen oder für andere Zwecke verwendet werden. So hat das Krankenhaus in Cleveland, Ohio, kürzlich biometrische Daten seiner Angestellten dazu benutzt, deren Beiträge zur Krankenversicherung stark zu erhöhen, falls ihre Lebensweise für gesundheitsschädlich erachtet wurde. Diese Befürchtungen sind so weit verbreitet, dass die Vorsitzende der größten Datenschutzbehörde der USA, der Federal Trade Commission, kürzlich sagte, sie weigere sich, einen Fitness Tracker zu tragen, da sie sich wegen der möglichen Verwendung ihrer biometrischen Daten Sorgen mache. Von Häftlingen gewonnene Daten laufen ebenso Gefahr, missbräuchlich verwendet zu werden – mit dem Unterschied, dass diese ihre Fußfesseln nicht einfach ablegen können. Trotzdem ist der steigende Gebrauch von elektronischer Überwachung eine Warnung für all jene außerhalb des Gesetzes, dass ihr Leben einmal auf ähnliche Art von digitalen Armbändern kontrolliert werden könnte.

Dauerhafte Resozialisierung

Die Reform in Großbritannien zeigt, dass Gefängnisse nicht länger nur zum Einsperren da sind, sondern als Resozialisierungszentren dienen. Einmal in Freiheit, wird das ganze Leben im virtuellen Gefängnis der digitalen Fußfessel beobachtet und kontrolliert. Wie schon erwähnt, stattet eine steigende Anzahl von Privatunternehmen ihre Angestellten mit tragbaren Fitnesstrackern aus, um sicherzustellen, dass sie nach den Regeln der Gesundheitsstandards der Firmen leben. Einige Arbeitgeber haben sogar eine noch drastischere Überwachung eingeführt, um zum Beispiel Schwangerschaften zu erkennen. Dies spiegelt sich in der aktuellen Situation in Japan wider, wo Unternehmen den Hüftumfang ihrer Angestellten regulieren und Strafen zahlen müssen, falls sie es nicht tun. Was Gefängnisse und manche Unternehmen gemeinsam haben, ist, dass sie Machtzentren sind. Sie geben vor, uns zu besseren Menschen zu machen, wenn sie im Gegenzug dafür unsere persönlichsten Daten erhalten. In Zukunft werden wohl Häftlinge wie auch Angestellte dauerhaft auf Bewährung sein, während sie Tag für Tag versuchen, den Erwartungen ihrer Vorgesetzten zu genügen. Falls nicht, müssen sie damit rechnen, von ihren Armbändern verraten zu werden und vor irgendeiner wichtigen Person ihre biologischen Verfehlungen rechtfertigen zu müssen. Dieser Artikel erschien zuerst auf „The Conversation“ unter CC BY-ND 4.0. Übersetzung mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.


Image (adapted) „Control“  by marcusrg (CC BY 2.0)


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FollowUs – Die Netzpiloten-Tipps aus Blogs & Mags

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  • DIGITALISIERUNG faz: Behörden fürchten Digitalisierung mehr als Flüchtlingskrise: Die Bewältigung der Flüchtlingskrise steht zwar auf der politischen Agenda weit oben – für die öffentliche Verwaltung in Deutschland gilt das aber nur mit Abstrichen: Eine Mehrheit der Behördenleiter erwartet, dass ihre mit Abstand größte Herausforderung der kommenden fünf Jahre die Digitalisierung und der Umstieg auf elektronisch geführte Akten sein werden. Die Unterbringung und Integration von Flüchtlingen steht für sie nur auf Platz fünf der Themen mit großem Handlungsbedarf. Das zeigt eine Studie der Hertie School of Governance, die dieser Zeitung vorliegt. Für die Studie wurden rund 1200 Behördenleiter aller staatlichen Ebenen befragt.

  • UBER heise: Daimler: Uber ist uns zu teuer: Daimler-Chef Dieter Zetsche kann sich eine Zusammenarbeit mit dem Fahrdienst-Vermittler Uber vorstellen. „Wir können potenziell in manchen Bereichen kooperieren und in anderen Konkurrenten sein“, sagte Zetsche am Mittwoch auf der Internet-Konferenz Axel Springer Noah Berlin. Zugleich schränkte er ein, dass es nichts Konkretes anzukündigen gebe. Für einen Einstieg sei Uber mit einer Bewertung von zuletzt mehr als 60 Milliarden US-Dollar für Daimler allerdings zu teuer, betonte Zetsche.

  • DATENSCHUTZ netzpolitik: Investigatory Powers Bill: Großbritannien stimmt für Überwachungsgesetz: Mit den Stimmen weiter Teile der Labour Party hat die konservative britische Regierung den Investigatory Powers Bill, eines der weitestgehenden Überwachungsgesetze westlicher Demokratien, durch das Parlament gebracht. Nur die Scottish National Party, die Liberal Democrats und Abgeordnete der Grünen stimmten dagegen. Das Gesetz wurde mit 444 zu 69 Stimmen angenommen.

  • SERVER golem: Robuste Server für die Grenzbereiche der Daten: Hewlett Packard Enterprise (HPE) hat zwei neue Server der neuen Produktfamilie Edgeline angekündigt. Die Server EL1000 und EL4000 gehören nicht in Rechenzentren, sondern an die sogenannte Edge des Internet of Things (IoT). Sie sollen also dort eingesetzt werden, wo die Daten anfallen, statt die Daten vom Ort des Geschehens ins Rechenzentrum zu schieben.

  • JOB berufebilder: 7 Tipps fürs Fern-Recruiting: Auch wir bei den Netzpiloten führen oft mit BewerberInnen Vorstellungsgespräche via Skype. Gute Tipps für zukünftige Angestellte oder Praktikanten können da sehr gut weiterhelfen. Ein erfolgreiches Video-Interview beginnt nämlich mit der richtigen Einstellung zu diesem. Eine gute Vorbereitung und die Chance, dem Wunscharbeitgeber schon auf diesem Wege davon zu berichten, warum man genau die richtige Besetzung für die freie Position sei.

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#HugaBrit: Die Wissenschaft der Umarmungen und warum sie sich (meistens) so gut anfühlen

Hug (adapted) (Image by zhouxuan12345678 [CC BY-SA 2.0] via Flickr)

Eine Umarmung ist oft eine gute Art, ein Problem zu lösen. Jetzt hat eine Gruppe von Europäern entschieden, dass das alles ist, was Briten brauchen, um vom Verbleib in der EU überzeugt zu werden. Bei der #hugabrit-Kampagne schicken Menschen Bilder von sich ein, auf denen sie einen Briten umarmen. Sie zielt darauf ab, den Briten eine „Liebesbombe“ zukommen zu lassen.

Sicherlich können Umarmungen in vielen Situationen hilfreich sein, sei es, um Anerkennung zu zeigen oder zur Bekämpfung von Einsamkeit und Stress bei der Arbeit. Sie brauchen eine freundliche Umarmung, um sich zu beruhigen, aber es ist niemand da, der Sie umarmen könnte? Die Japaner könnten die passende Lösung gefunden haben: besuchen Sie doch einfach eine Soineya. Wörtlich mit „Spezialgeschäft für gemeinsames Schlafen“ übersetzt – eine Art  Knuddel-Café – bieten diese Einrichtungen gegen eine Gebühr alles an – von einer 20-minütigen Umarmung bis hin zu einer ganzen Nacht mit harmlosem Kuscheln oder sogar dem Schlafen (und ich meine wirklich: Schlafen) mit einem Fremden. Die Vorstellung, mit einem Fremden zu kuscheln, erfüllt Sie mit Abscheu? Fragen Sie sich zuerst einmal selbst, woher unsere Vorliebe für Umarmungen kommt.

Berührungen sind in der Tat sehr wichtig in unseren Beziehungen. Meine Mitarbeiter an der Aalto-Universität in Finnland und ich haben kürzlich stichprobenartig Menschen in ganz Europa befragt und fanden überall so ziemlich das gleiche deutliche Muster: je enger die Beziehung ist, die wir mit jemandem haben, desto mehr von unserem Körper darf dieser berühren. Ich weiß nicht, wie es bei den Japanern ist, aber die Europäer (und, nicht sehr überraschend, die Briten im Besonderen) sind etwas reserviert, wenn es darum geht, wo ein Fremder sie berühren darf. Ein höfliches Handschütteln ist ausgezeichnet, Schultern und Arme sind gerade noch in Ordnung, aber überall sonst ist es so ziemlich tabu.

Um zu verstehen, was bei Körperkontakt passiert, müssen wir in unsere Vergangenheit als Primaten zurückreisen. Affen und Menschenaffen schaffen und erhalten ihre Freundschaften durch soziale Fellpflege. So nützlich Fellpflege dabei sein mag, um Unrat von Haut und Pelz zu entfernen, ihre wahre Wirksamkeit kommt vom langsamen Fahren durch das Fell, das mit dem Suchen des Putzenden nach Fremdmaterial verbunden ist. Bis zu einem gewissen Punkt tun wir das immer noch, zum Beispiel, wenn Eltern durch die Haare ihrer Kinder fahren. Und gewiss ist das der Grund dafür, dass wir die Zuwendungen unserer Friseure so entspannend finden.

Grivet Monkey Family Grooming (image by Eric Kilby [CC BY-SA 2.0] via flickr)
Image (adapted) Grivet Monkey Family Grooming (Eric Kilby/Flickr, CC BY-SA 2.0)

Das langsame Streicheln, das mit der Fellpflege verbunden ist, stimuliert eine bestimmte Art von Nerven – die afferenten C-Tast-Neuronen, die nur in behaarter Haut zu finden sind und die sich ziemlich von den üblichen Nerven unterscheiden, die Informationen über Berührung, Schmerz und Druck übermitteln. Diese Neuronen reagieren nur auf leichtes und langsames Streicheln. Sie haben eine direkte Verbindung zum Gehirn, wo sie die Freisetzung von Endorphinen auslösen.

Endorphine sind Neuropeptide, kleine Moleküle, die von Neuronen im Gehirn dazu benutzt werden, sich gegenseitig Signale zu senden. Endorphine sind Teil des Schmerz-Kontroll-Systems und erzeugen einen Opiat-ähnlichen, schmerzlindernden Effekt. Tatsächlich sind sie chemisch nah mit Opiat-ähnlichen Arzneimitteln wie Morphin verwandt, aber sie unterscheiden sich in zwei wichtigen Gesichtspunkten: Bei gleichem Gewicht sind sie als Schmerzmittel 30 Mal wirksamer als Morphine und wir werden nicht auf so schädliche Art und Weise von ihnen abhängig.

Wir haben eine bestimmte Form von Bilddarstellung des Gehirns benutzt, auch bekannt als Positronen-Emissions-Tomographie (kurz PET), um zu zeigen, dass leichtes Streicheln des Torsos eine gewaltige Endorphin-Reaktion im menschlichen Gehirn auslöst, genau wie Fellpflege es bei Affen und Menschenaffen tut. Kuscheln, mit seinen begleitenden Verhaltensweisen wie Streicheln, Abtasten und sogar dem gelegentlichen Fahren durch das Haar ist die menschliche Form der Primaten-Fellpflege und ist darauf ausgelegt, unsere Beziehungen zu schaffen und zu erhalten.

Da unser Empfinden für psychischem Schmerz in den gleichen Gehirnregionen verarbeitet wird wie unser Empfinden für physischem Schmerz (namentlich die Gehirnregionen bekannt als der anteriore cinguläre Cortex und das periaquäduktale Grau), dämpfen Endorphine unseren psychologischen Schmerz. Darum ist eine Umarmung tröstlich, wenn jemand in Tränen aufgelöst ist.

Ebenso aktivieren Endorphine Regionen im Gehirn, die mit Belohnung verbunden werden, wie der orbitofrontale Cortex – gleich über den Augen. Das ist es, was uns dazu bringt, die Erfahrung wiederholen zu wollen.

Da Morphin die gleichen Effekte überdosiert, verlieren Süchtige das Interesse an ihrem Sozialleben: In der Tat bekommen sie ihre Umarmungen auf künstliche Art und Weise und benötigen keinen menschlichen Kontakt, um den Erfolg zu liefern. Die Opiat-ähnlichen Effekte werden durch Oxytocin verstärkt, ein anderes Neuropeptid mit der Neigung, durch Umarmungen stimuliert zu werden und leicht schmerzlindernde Eigenschaften. Die Hauptfunktion von Oxytocin ist mit Laktation verbunden (seine Hauptaufgabe ist die Regulierung des Wasserhaushalts des Körpers). Die Evolution hat es für Säugetiere eingerichtet, um Gefühle von Wärme und Anschluss zu schaffen, die man mit Säugen und somit mit jeder Art von physischem Kontakt verbindet.

Also „Hug a Hoodie“ oder #hugabrit? Nun ja, vielleicht eher nicht. Denn das Ausmaß, in dem Umarmen uns Behagen bereitet und dabei hilft, Beziehungen zu stärken, hat eine tiefe, psychologische Komponente. Irgendwo im Frontallappen des Gehirns sitzt ein Mechanismus, der das Empfinden von Berührungen von angenehm in unangenehm umlenken kann, wenn sie von der falschen Person kommen. Was gewiss der Grund für unsere Abneigung gegen überfüllte Aufzügen ist. All das menschliche Fleisch in so engem Kontakt – bäh!

Dieser Artikel erschien zuerst auf “The Conversation” unter CC BY-ND 4.0. Übersetzung mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.


Image (adapted) „Hug“ by zhouxuan12345678 (CC BY-SA 2.0)


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Warum die Zukunft auf öffentliche Daten baut

open data (scrabble) (adapted) (Image by justgrimes [CC BY-SA 2.0] via flickr)

Datenmaterial hat die Macht, die Art der Regierung von Gesellschaften zu revolutionieren und aus dem Gleichgewicht zu bringen. Keines davon wiegt mehr als öffentliche Daten, die freien Zugang bieten, frei zu verwenden sind und von jedem geteilt werden können. Sie sind nicht personenbezogen und können verwendet werden, um umfangreiche Trends und Verhaltensweisen zu identifizieren und vorauszusagen.

Im Gegensatz dazu sind geschlossene Daten auf internen Gebrauch innerhalb einer Organisation beschränkt. Viele Organisationen sehen nun die Vorteile öffentlichen Datenmaterials. Das Open Data Portal der Europäischen Union, die Anstrengungen der britischen Regierung unter dem Namen “Opening up Government und der Globale Open Data-Index sind drei Beispiele für Initiativen, die große Mengen an Daten über Industrie, Gesundheit, Ausbildung und Beschäftigung neben anderen Bereichen zusammenbringen und verfügbar machen.

Andere konzentrieren sich darauf, mehr Transparenz zu schaffen, zum Beispiel hinsichtlich der Verwendung der Steuern aus Großbritannien oder des Verbrauchs der Agrarsubventionen in Europa. Es gibt auch Organisationen wie die Offene Gesellschaft, die stärkere Transparenz fordern, um die Regierung zur Verantwortung zu ziehen.

Die Verfügbarkeit von offenen Daten erzeugt so für alle Formen von Organisationen, Regierungsbehörden und gemeinnützigen Einrichtungen die Möglichkeit, sich neue Wege auszudenken, um die Probleme der Gesellschaft anzusprechen. Diese beinhalten eine vorausschauende Gesundheitsversorgung und die Planung und Verbesserung des öffentlichen Verkehrssystems in London.

“Transport for London” war eine der ersten öffentlichen Einrichtungen, die von öffentlichem Datenmaterial Gebrauch machten, um neue Anwendungen zu schaffen. Mehr als 5000 Entwickler haben sich angemeldet, um ihre Daten zu verwenden, auf 30 Feeds verteilt. Sie betrafen die Reiseplanung, Störungen, Ankunfts- und Abfahrtsvorhersagen, Fahrpläne, Routen und Tarife. Kooperationen unter den Entwicklern haben die beliebte App Citymapper und leicht zugänglichen Apps wie der Colourblind Tube Map hervorgerufen.

Einsicht zu Daten werden lassen

Kooperationen zwischen verschiedenen Partnern können helfen, offenes Datenmaterial von der einfachen Einsicht in eine Tat zu verwandeln. Indes müssen Datenanbieter, Datennutzer und Datenentwickler für ein gemeinsames Ziel zusammenkommen. So beispielsweise bei dem Projekt “Future City Glasgow.

Im Jahr 2013 erlangte das Glasgow City Council 24 Millionen britische Pfund Fördergelder von Innovate UK, um herauszufinden, wie man Technologie und Daten nutzen kann, um das Leben in der Stadt sicherer, intelligenter und nachhaltiger zu machen. Das Projekt basierte darauf, große Mengen nicht-sensibler und nicht-personenbezogener Daten verschiedener Anbieter öffentlich online zugänglich zu machen. Unter Verwendung dieser Daten erschaffen Entwickler neue Anwendungen, die sowohl Organisationen als auch Individuen gleichermaßen nutzen können.

Aktuell sind mehr als 370 offene Datensätze verfügbar, die die Aktivitäten der Stadt abbilden, einschließlich Reise-, Ausbildungs-, Energie-, Gesundheits-, Sicherheits- und demographischen Daten. Diese enthalten Querverweise auf Echtzeit-Daten von CCTV, dem Verkehrsmanagement, der Polizei von Schottland, Durchsetzungsmaßnahmen in den Gemeinden und Notfalldiensten. Jeder Anwohner oder Besucher der Stadt hat Zugang zu einer personalisierten Instrumententafel mit Echtzeit-Aktualisierungen und Informationen, die helfen können, durch die Stadt zu navigieren. Weitere Städte überall in Großbritannien setzen nun Technologien ein, um Vorteile aus öffentlichen Daten zu ziehen.

 

Initiativen wie “Future City Glasgow nutzen öffentliche Daten, um vorausschauende Systeme zu erschaffen, die den Einwohnern Informationen für täglich zu treffende Entscheidungen bereitstellen. Durch das Heranziehen von gemeinsamen Daten können Gemeindeverwaltungen und andere öffentliche Einrichtungen Ressourcen effektiver zur Verfügung stellen um spezifische Probleme vorausschauend zu lösen.

Damit solche Initiativen um öffentliche Daten wirklich funktionieren, ist es essenziell, dass diejenigen, die dahinter stehen, Unterstützung aus der Öffentlichkeit bekommen – um deren Daten freizugeben und um ihr Vertrauen dahingehend zu gewinnen, dass die Daten sicher verwaltet und dort, wo es nötig ist, sachgerecht anonymisiert werden. Sicherheit ist aufgrund von Cyber-Attacken und Datenschutzverletzungen eine große Herausforderung.

Disruption öffentlicher Daten

Die Zukunft des öffentlichen Datenmaterials ist ein gemeinschaftlicher Prozess mit dem Ziel, der Öffentlichkeit Vorteile zu schaffen. Organisationen müssen ihre Daten freigeben und zusammenarbeiten, um neue Nutzungsmöglichkeiten zu erzeugen, die unsere Leben bereichern. Daten über die Muster zu nutzen, in denen wir leben, können uns helfen, Probleme auf eine Weise zu lösen, die wir bisher nicht einmal geahnt haben.

Nehmen Sie zum Beispiel die Stadt Louisville, Kentucky, in den USA. Louisville ist eine der schlimmsten Städte für Asthmatiker. Das Projekt “AIR Louisville versucht dies durch das Zusammenbringen der Gesundheitsmanagement-Unternehmen Propeller Health, dem Institut für gesunde Luft, gesundes Wasser und gesunde Erde und dem öffentlichen Gesundheitsamt der Stadt Louisville zu ändern. Die Lösung ist ein intelligenter Inhalator, der verfolgt wann, wo und wie oft Einwohner der Stadt Louisville Asthma-Symptome verspüren. Zusammen mit Echtzeit-Verkehrs- und Wetter-Daten können diese Informationen den Ärzten und öffentlichen Beamten helfen, Problemgebiete und Auslöser aufzuspüren, um anschließend Schritte zur Verbesserung identifizierter Bereiche einleiten zu können.

In all diesen Fällen lautet das Mittel zum Voranbringen von Innovationen und Hervorbringen neuer Problemlösungen das Bilden öffentlicher Datenpartnerschaften. Sie erfordern Teilnehmer, die bereit dazu sind zu teilen und zusammen an neuen umwälzenden Initiativen zu arbeiten. Viele dieser Initiativen haben schon bewiesen, dass sie für Menschen, Regierungen und Unternehmen von Nutzen sein können. Es herrscht eine neue Ära der größeren Transparenz und Demokratie, in der Daten nicht mehr länger nur in der Hand von Werbefirmen liegen. Das Nutzen öffentlicher Daten präsentiert Möglichkeiten für den Handel, während es außerdem das Gemeinwesen und das tägliche Leben der Bürger verbessert.

Dieser Artikel erschien zuerst auf “The Conversation” unter CC BY-ND 4.0. Übersetzung mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.


Image (adapted) “open data (scrabble)” by justgrimes (CC BY-SA 2.0)


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Wie man ein Flugzeug baut, das niemals landen muss

Plane (adapted) (Image by Andrey [CC BY 2.0] via flickr)

Das britische Militär will zwei Flugzeuge erwerben, die monatelang fliegen können – ohne Zwischenlandung. Die solarbetriebenen “Zephyr”-Drohnen würden wahrscheinlich losgeschickt werden, um langfristige Überwachungsmissionen auszuführen. Dabei sollen sie ein Areal anhand von qualitativ hochwertigen Bildern überwachen. Sie wären zudem in der Lage, in abgelegenen Gegenden Signale zur Mobil- sowie Internetkommunikation bereitzustellen, um Bodeneinsätze zu unterstützen und könnten langfristige Forschungsprojekte vorbereiten. Neben den Bemühungen von Facebook und Google, eine ähnliche Technologie zu entwickeln, könnte die Markteinführung des Zephyrs durch den europäischen Flugzeugbauer Airbus den Beginn einer neuen Ära von ununtebrochenen Flügen einleiten. Eine Reihe von Durchbrüchen bei Leichtbaumaterialien der Solarenergie und den entsprechenden Batterien sowie bei der autonomen Navigation hat dies ermöglicht. Diese Fortschritte führten gemeinsam zur Schaffung von Flugzeugen, die Tag und Nacht ohne Unterbrechung fliegen können – und das möglicherweise über viele Monate. Selbstgesteuerte und selbstangetriebene Flugzeuge haben ihren Ursprung bei der NASA, die mit dem Team hinter dem bemannten Solar Challenger-Flugzeug, das im Jahr 1981 über den englischen Kanal flog, zusammenarbeitete. Im Jahr 1994 zeigte das Pathfinder-Flugzeug der NASA, dass Solarpaneele dazu in der Lage waren, ein Flugzeug in großer Höhe anzutreiben. Die Flugzeuge benötigten jedoch eine zusätzliche Energiequelle zu Nachtzeiten. Zu dieser Zeit waren Batterien jedoch zu schwer, um sie mitzuführen, sodass sich die Ingenieure der NASA den Wasserstoffbrennzellen zuwendeten, die sie mit dem Ziel eines Rund-um-die-Uhr-Betriebs in ihren Helios-Prototypen einsetzten. Unglücklicherweise erwies sich Helios als strukturell schwach und brach auf einem Testflug im Jahr 2003 nach Turbulenzen auf dramatische Weise auseinander. Dieser Vorfall markiert das Ende des Vorstoßes der NASA im Bereich solarbetriebener Drohnen. Nur zwei Jahre später bewies das SoLong-Flugzeug von AC Propulsion, dass es möglich war, leichtgewichtige Batterien in ein Solarflugzeug zu integrieren. Das Flugzeug flog 48 Stunden und wurde aus der Ferne von einem aus sechs Piloten bestehendem Team gesteuert. Heute verfügt der ursprünglich von der britischen Firma QinetiQ entwickelte Zephyr über eine Flügelspannweite von 23 Metern und wiegt nur 55 Kilo (im Vergleich dazu wog Helios ganze 726 Kilo). Er bewegt sich in einer Höhe von 20 Kilometern, hoch über dem kommerziellen Flugverkehr und den sich schnell bewegenden atmosphärischen Winden des Stahlstroms. Noch bedeutsamer ist, dass es potenziell über mehrere Monate und ohne getankt zu werden fliegen könnte. Bislang ist es lediglich 14 Tage durchgängig geflogen. Theoretisch jedoch besteht die einzige Begrenzung darin, wie oft die Batterie sich laden und entladen kann, bevor sie aufgebraucht ist. Um dies zu ermöglichen, muss das Flugzeug die entscheidende Herausforderung meistern, ausreichend Energie zu generieren und zu speichern, um es fortlaufend in der Luft zu halten und seine Kameras, sowie die Kommunikationsausrüstung zu betreiben. Die Wirksamkeit der Solarpaneele, die heutzutage in den Flugzeugen verwendet werden, unterscheidet sich nicht signifikant von denen, die bei den ersten durchgängigen Flügen eingesetzt wurden. Was sich entscheidend verbessert hat, sind das Gewicht und die Robustheit der Platten sowie die Kosten. Tatsächlich nutzt der Zephyr-Flieger acht amorphe Silikonzellen, die eigentlich weniger effektiv sind als die im SoLong-Flugzeug zehn Jahre zuvor genutzten monokristallinen Zellen. Da heutige Zellen jedoch leichter und flexibler sind, tragen sie zu einer beständigeren Struktur, die weniger Antriebskraft benötigt, bei. Eine weitere entscheidende Entwicklung, die dabei geholfen hat, diese Flugzeuge möglich zu machen, ist die Verbesserung der Energiespeichertechnologien. Sie ermöglichen eine Speicherung der am Tag generierten Energie aus dem Sonnenlicht für eine Nutzung in der Nacht. Moderne Lithium-Schwefel-Batterien sind dazu in der Lage, 60 Prozent mehr Energie pro Kilogramm zu speichern als die zehn Jahre zuvor verwanden Lithium-Polymer-Batterien. Mehr als 40 Prozent des Gewichtes des Zephyrs 8 macht die Batterieanordnung aus. Das bedeutet, dass eine Verbesserung der Energiedichte (wie viel Energie gespeichert werden kann, ohne zusätzliches Gewicht oder Volumen hinzuzufügen), einen dramatischen Einfluss auf die Leistung des gesamten Flugzeuges haben kann und es letztendlich dazu befähigt, mehr Ausstattung mit sich zu tragen. Weitere Fortschritte beinhalten die künstliche Intelligenz, die das Flugzeug dirigiert. Sensoren, die Umgebungsdaten für das fortlaufende und verändernde Wetter sammeln und das Karbonfasergemisch, das zum Bau des Flugzeuges verwendet wird. Auch wenn die Rohmaterialien dieselben bleiben, so wurde die Gesamtstruktur leichter, auf Grund neuer Herstellungsprozesse für die Überwachungskontrolle der Karbonfasern mit dem Einsatz von weniger Kunststoff. Aus all diesen Technologien resultiert ein Flugzeug, das Dinge vollbringen kann, die zuvor nur mit Satelliten möglich waren. Ein Flugzeug, das kontinuierlich über ein Areal fliegen kann und nicht die ganze Erde umkreisen muss. Auch wenn Großbritannien Berichten zufolge 10,5 Millionen Pfund für seine zwei Zephyrs ausgeben wird, ist dies nur ein Bruchteil der Hunderten von Millionen, die benötigt werden, um einen Satelliten in Betrieb zu nehmen. Zusätzlich ist es, im Gegensatz zu Satelliten, möglich die Maschine landen zu lassen und zu reparieren, sollte es Probleme geben. Die Herausforderung für die Ingenieure, die an solarbetriebenen Drohnen arbeiten, ist es, den Umfang der Energie, die sie sammeln und speichern können, zu steigern. Zussätzlich müssen sie überprüfen, wie lange die Batterien einem durchgängigen Laden und Entladen standhalten können. Dies wird ihnen ermöglichen, eine größere Bandbreite an Austausch anzubieten und Flüge in größeren Höhenlagen und während der Wintermonate, wenn die eingehende Sonnenstrahlung schwächer ist, zu ermöglichen. Wenn das erreicht wird, kann Google dann Facebook und anderen Anbietern seine Internetdienstleistungen nicht über Kabel, sondern über Drohnen zur Verfügung stellen. Dieser Artikel erschien zuerst auf “The Conversation” unter CC BY-ND 4.0. Übersetzung mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.The Conversation


Image (adapted) „Plane“ by Andrey (CC BY 2.0)


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Was Philosophie über Bildung für eine bessere Zukunft sagen kann

Questioned Proposal (adapted) (Image by Ethan Lofton [CC BY 2.0] via flickr)

Wie schafft man eine Generation, die Lösungen für ihre Probleme erdenken und den Herausforderungen einer sich schnell verändernden Welt begegnen kann? Das diesjährige Treffen in Davos befasst sich damit, wie wir die immensen Herausforderungen der sogenannten “vierten Industriellen Revolution” meistern können – einer Ära rasanter und komplexer technologischer Veränderungen, in der unsere Rolle in der Welt einem stetigen Wandel unterworfen ist.

Die nächste Generation von Arbeitskräften wird angemessen gerüstet sein müssen, um diesen enormen Herausforderungen gewachsen zu sein. Ich glaube, dass Philosophieunterricht – wenn er gut unterrichtet wird und hochwertige Materialien nutzt – Kindern in Großbritannien und auf der ganzen Welt während dieser Ära außergewöhnlichen Nutzen bringen kann.

Ich habe an einigen Podiumsdiskussionen beim Weltwirtschaftsforum 2016 in Davos teilgenommen und versucht, politische Entscheidungsträger und Lobbyisten in dem schweizerischen Skiort davon zu überzeugen, dass wir die praktische Philosophie in den Fächerkanon der Schulen aufnehmen müssen.

Durch meine Mitgliedschaften in der British Philosophical Association (einer britischen Organisation zur Förderung der Philosophie) und dem Projekt Philosophy in Education (PEP) unterstütze ich die Weiterführung des britischen Abitur (A Level) in Philosophie und die Einführung eines britischen Realschulabschlusses (GCSE) in Philosophie. Ich befürworte ebenfalls die Einführung zumindest eines Jahres – idealerweise mehrerer Jahre – unbenoteten Philosophieunterrichts für alle Kinder im Alter zwischen sieben und 14 Jahren.

Das Spektrum von Ideen und Argumenten, das im Philosophieunterricht angeboten wird, kann Kindern zeigen, dass es Wege des Denkens und des Lebens gibt, die von denjenigen abweichen, die sie vor ihrer eigenen Haustür auffinden können. Philosophie ist eines der Fächer, die hauptsächlich dazu beitragen, die Vielfalt der Vorstellungen eines Kindes über mögliche Lebensweisen zu erhöhen. Das gilt für alle Kinder aus allen sozioökonomischen Hintergründen.

Wir sind nicht nur Produkte unserer genetischen Anlagen und unserer Umwelt; Vernunft weist zumindest teilweise einen Weg aus diesen hinaus – aber nur, wenn die Vernunft angemessen geschult ist. Die Herausforderung dabei ist, Zirkelschlüsse zu vermeiden: Ist solch eine Ausbildung nur möglich, wenn man das Glück hat, eine gute Schule zu besuchen (oder, mit anderen Worten, ist die Entwicklung von Vernunft im Grunde tatsächlich komplett abhängig von der unmittelbaren Umgebung)?

Half-open door to Heaven(Image by Klearchos Kapoutsis(CC BY 2.0) via Flickr)
Image (adapted) „Half-open door to Heaven“ by Klearchos Kapoutsis (CC BY 2.0)

Das stimmt nur bis zu einem gewissen Punkt. Es gibt hervorragende Materialien, die weitreichend verfügbar sind, auch online. Aber Kinder müssen zumindest wissen, dass solche Materialien existieren, dass es Dinge zu entdecken gibt.

Fragen des Glaubens

Das Entscheidende ist, dass die Philosophie Kindern hervorragend beibringen kann, wie man Fragen stellt, Konzepte analysiert, induktive sowie deduktive Argumente analysiert und konstruiert und, ganz allgemein zu berücksichtigen, ob es irgendwelche guten Gründe gibt an das zu glauben, was sie beigebracht bekommen. Sie hilft ihnen, sich daran zu gewöhnen, selbstständig zu argumentieren und zu denken.

Das würde nahelegen, dass Philosophie Kindern eine bessere Chance geben könnte, Versuchen zu widerstehen, sie einer Gehirnwäsche zu unterziehen, sei es durch politische oder religiöse Extremisten, Werbung oder in der Tat durch Lehrer. Es ist bisher schwierig, gesicherte Erkenntnisse dazu zu finden, aber Untersuchungen des britischen Bildungsministeriums sprechen von “gemeldeten Einflüssen”.

Diese Idee scheint einer Veröffentlichung des British Council über Bildung und Extremismus zugrunde zu liegen. Die eigene Forschung des Bildungsministeriums legte 2010 außerdem nahe, dass es eine Verbindung zwischen verfügbaren Philosophie-Lehrmaterialien der Gruppe Philosophy for Children (P4C) und dem Schutz vor Indoktrination gibt. Es gibt derzeit eine Arbeitsgruppe, die untersucht, ob P4C der Prevent-Strategie (ein britisches Programm,um gewalttätigen Extremismus zu verhindern) zugutekommt. Ich bin allerdings nicht sicher, ob genau diese Frage unbedingt die richtige ist.

Philosophieunterricht, der am richtigen Niveau ansetzt, hat den Vorteil, inklusiv zu sein, wohingegen das Präventionsprogramm dafür kritisiert wurde, nicht inklusiv zu sein. Meiner Meinung nach ist es gesund für Kinder, ermutigt zu werden Dinge zu hinterfragen und für sich selbst zu denken – und Philosophie ist eines der Fächer, das darin besonders gut ist, unabhängig von bestimmten Lehrplänen.

Präzision und Fingerspitzengefühl

Philosophie verbessert sowohl Sprech- als auch Zuhörfähigkeit – und sie fördert die Bereitschaft zu konstruktivem Dialog. Sie erlaubt Kindern zu verstehen, dass man sich mit jemandem uneinig sein kann, ohne dass es zu Handgreiflichkeiten kommt und sie ermutigt sie, intellektuelle Kritik von persönlichen Angriffen zu unterscheiden. Sie kann deshalb eine Rolle dabei spielen, Ausdauer und Charakterstärke zu fördern.

Sowohl das klare, präzise Denken als auch die Geschmeidigkeit und Flexibilität des Geistes, die Philosophie fordert und fördert, werden Schlüsselqualifikationen am Arbeitsplatz des 21. Jahrhunderts sein, der von ständiger Innovation definiert wird.

Aber – wie wichtig das auch sein mag – Philosophie tut viel mehr, als Schülerinnen und Schüler auf das Arbeitsleben vorzubereiten. Ich glaube, dass die Aktivität der Philosophie selbst einen der Bestandteile eines erfolgreichen Lebens für Kinder bilden kann, sowohl individuell als auch kollektiv. Dieser Erfolg ist nicht nur ein Ziel für ihr zukünftiges Erwachsenen-Selbst, sondern auch wichtig für sie während ihrer Ausbildung.

Might as well jump(Image by Henrik Sandklef(CC BY-SA 2.0) via Flickr
Image (adapted) „Might as well jump“ by Henrik Sandklef (CC BY-SA 2.0)

Wenn Schulkinder heranreifen, kann die Philosophie ihnen helfen, Themen wie Erfolg, Glück und Freude und ihre mögliche (oder unmögliche) Verbindung zu reflektieren. Philosophie kann somit Kindern helfen, ihre eigenen Lebensziele herauszuarbeiten.

Zweifel anregen

Diejenigen in Davos, die sich darum sorgen, wie die Zukunft der Bildung in diesem Zeitalter der Unsicherheit aussehen sollte, können hier Trost in der Philosophie finden. Sie kann Kindern helfen zu verstehen, dass ethische Entscheidungen schon immer unter unsicheren Umständen getroffen werden mussten und dass technischer Fortschritt das nicht geändert hat (obwohl sie uns vielleicht vorgegaukelt haben, dass das Leben vorhersehbarer sei als es ist).

Philosophie kann auch dazu beitragen, Konzepte des Erfolgs zu entwickeln, die in unsicheren Zeiten existieren können, und sie kann dazu beitragen, Kinder mit der geistigen Gewandtheit und Anpassungsfähigkeit auszustatten, die unsichere Zeiten erfordern. Es ist nicht das Übermaß an Zweifel, das gegenwärtig so viele Probleme auf der Welt verursacht – ganz im Gegenteil.

Dieser Artikel erschien zuerst auf “The Conversation” unter CC BY-ND 4.0. Übersetzung mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.


Image (adapted) “Questioned Proposal” by Ethan Lofton (CC BY 2.0)


 

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“Hässlich, aber praktisch”: Londons erster Briefkasten

GOC Leagrave to Harpenden 037 Victorian pillar box at Wardown Park, Luton (adapted) (Image by Peter O'Connor aka anemoneprojectors [CC BY-SA 2.0] via flickr)

Eine kleine Kulturgeschichte über den Briefkasten – von allen kritisiert und von Konservativen gefürchtet, hat er sich doch durchgesetzt.

Na, heute schon in den Briefkasten geguckt? Oder zumindest das Mailpostfach gecheckt? Ganz bestimmt! Der Gang zum Briefkasten ist uns mittlerweile so sehr in Fleisch und Blut übergegangen, dass wir uns kaum vorstellen können, wie man früher ohne einen Postkasten auskam – sei er nun physisch oder digital. Wie kam das eigentlich? Eine kleine Kulturgeschichte der britischen Post.

Vom Erfinder zum Dichter: Anthony Trollope

Bis vor 160 Jahren musste man auf den Postboten warten. Der kam, wenn es gut ging, alle paar Tage vorbei und nahm mit, was man wem auch immer mitzuteilen hatte. Klingt unpraktisch? Das fanden die Leute damals auch. Aber es dauerte erstaunlich lange, bis man ein System entwickelt hatte, wie man Mitteilungen oder Waren an einem zentralen, jederzeit zugänglichen Platz ermöglichen kann.

Ein Herr namens Anthony Trollope, der sich später eher als Dichter denn als Erfinder einen Namen machen sollte, gilt hierbei als der Mitbegründer der britischen Post. Vor und neben seiner Dichterkarriere, die nicht sonderlich lukrativ gewesen zu sein scheint, arbeitete er als Briefträger. Wenn er gerade keine Post umher trug, legte er viel Wert auf Auslandsreisen, um Inspirationen für seine Dichtkunst zu finden.

Bei einer seiner Reisen nach Frankreich und Belgien bemerkte er, dass in den Städten immer öfter mysteriöse Kästen an den Straßenrändern aufgestellt wurden. Er erkundigte sich, was es damit auf sich hatte und erfuhr von dem neuen Postsystem. Das hatte einige Vorteile: Man konnte anonym und unabhängig von der Uhrzeit seine Briefe loswerden und sich mehr oder weniger darauf verlassen, dass sie rechtzeitig ankamen. Also: Kein Warten auf den Postboten mehr, und keine merkwürdigen Blicke, wenn man schon wieder einen Liebesbrief an die Dame seines Herzens schrieb.

Die Idee eines staatlichen Postsystems fand Trollope so genial, dass er sie nach England mitbrachte und seinen Vorgesetzten vorstellte. Man vereinfachte außerdem das System, indem man die vom Absender zu bezahlende Briefmarke einführte. Briefe waren zwar schon vorher kostenpflichtig, aber damals musste der Empfänger zahlen, was auch immer ihm geliefert wurde. Das neue System war deutlich praktischer – und so wurde nebenbei das erste Prepaid-System der Welt eingeführt.

Schicksal großer Erfindungen: Hässlich, aber praktisch

Nach einem Testlauf auf den Kanalinseln und in Jersey war man überzeugt, dass sich die Kästen durchsetzen könnten. Schließlich wurde am 11. April 1855 der erste Briefkasten in London aufgestellt. Er war allerdings etwas anders gestaltet, als wir ihn heute kennen. Er war etwa mannshoch, rund 1,5 Meter breit, quadratisch und mit einem Spitzdach versehen, das von einer kleinen Kugel gekrönt wurde. Die charakteristische rote Farbe, wie wir sie heute bei den englischen Briefkästen kennen, war auch noch nicht vorgesehen, stattdessen erstrahlte er in einem eindrucksvollen dunklen Flaschengrün.

So zierte er die Straßenecke Fleet Street/Farringdon Street, eine der belebtesten Straßen Londons. Vielleicht sollte man aber eher sagen, er zog die Skepsis der Bürger auf sich, denn sie fanden ihn, gelinde gesagt, enorm hässlich. Hässlich, aber praktisch, denn das System setzte sich, trotz Beschwerden über eine “Verunstaltung der Straßen”, immer weiter durch.

Über das ganze Land hinweg kamen nun immer mehr Briefkästen hinzu. Diese waren allerdings alles andere als einheitlich, in Farbe, Form und Größe unterschieden sich die einzelnen Kästen enorm. Man könnte sagen, das Einzige, was sie alle gemeinsam hatten, war der Briefschlitz. Schließlich konnte man sich um die 1860er herum auf einen einigermaßen wiedererkennbaren Standard einigen: Einen freistehenden, säulenförmigen Kasten. Als Standardfarbe legte man schließlich ein helles, kräftiges Rot fest.

Dies geschah, um das System weiter zu vereinheitlichen, aber auch, weil die Leute sonst ständig dagegen rannten, denn das passierte tatsächlich recht häufig bei den zurückhaltend angepinselten Kästen, also musste etwas Auffälligeres her. Ja, die Post hatte es nicht leicht damals.

“He knew he was right”

Doch auch als dieses Problem gelöst war, waren die Leute nicht zufrieden. Es gab Kritik aus konservativen Kreisen, dass das neue Postsystem nichts anderes als ungehörig sei: Junge Frauen könnten nun ganz anonym und ohne äußere Kontrolle jede Menge schlüpfriger Post empfangen – wo sollte das nur hinführen?

Trollope selbst machte sich später über diese Bedenken in seinem Werk “He knew he was right” lustig, in dem er eine junge Dame über die neuen “Eisenstümpfe” auf den Straßen wettern ließ. Er schrieb: “Sie glaubte nicht, dass auch nur ein einziger Brief je sein Ziel erreichen würde.”

Diese Bedenken können wir heute – zumindest größtenteils – zerstreuen. Auch wenn gerade in der Vorweihnachtszeit ab und an ein Paket oder Brief in die ewigen Jagdgründe eingehen könnte.

Ansonsten gibt es heute mit den digitalen Postfächern jede Menge Möglichkeiten, sich anderweitig Nachrichten zu schicken – ob nun schlüpfrig oder nicht. Das sollte man sowieso viel öfters tun.

Da können wir nur sagen: Danke, Anthony!


Image (adapted) “GOC Leagrave to Harpenden 037: Victorian pillar box at Wardown Park, Luton” by Peter O’Connor aka anemoneprojectors (CC BY-SA 2.0)


 

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Unser Browser-Verlauf zeigt, was wir denken und tun

Pricavy (image by geralt [CC0 Public Domain] via Pixabay

Der Entwurf des Investigatory Powers Bill, wie das Vorratsdatenspeicherungsgesetz in Großbritannien heißt, enthält Aspekte, die schnell in den Hintergrund rücken könnten, trotzdem aber signifikante Auswirkungen haben werden. Internetprovider müssen über 12 Monate die Aufzeichnungen und Unterlagen der Internetverbindungen aufbewahren. Ein Dateneintrag für jede besuchte Webseite, für jede genutzte Dienstleistung im Internet; die Regierung sieht dies als gleichbedeutend mit dem Einzelverbindungsnachweis an, den man aus der Telefon-Branche kennt. Aber das ist ein falscher Vergleich: Internetverbindungen besitzen deutlich mehr Informationen und Details als die Telefondaten, und der Versuch der Regierung an diese Daten heranzukommen, ist eine beispiellose Einmischung in unser Privatleben.

Unterstützer des Gesetzesentwurfs suggerieren, dass die Daten zeigen, dass jemand zu einer bestimmten Zeit auf Facebook war, genauso wie ein Telefoneintrag zeigt, dass ein Benutzer zu einer bestimmten Zeit eine bestimmte Nummer angerufen hat. Das ist zwar grundsätzlich korrekt, verschweigt aber die Rolle, die das Internet inzwischen in unserem täglichen Leben eingenommen hat und spielt folglich die Effekte der Kontrolle darüber herunter.

Das Telefon ist (nur) ein Kommunikationsgerät, aber wir haben deutlich komplexere Online-Leben und nutzen das Internet für viele verschiedene Dinge abgesehen von der Kommunikation. Eigentlich machen wir alles online: Online-Banking, Shopping, Beziehungssuche, Musik, Fernsehen, Urlaub buchen und uns über unsere Interessen und Hobbies austauschen und informieren.

Der Zugang zu allen Webseiten, die wir besuchen, dazu noch für ein ganzes Jahr, ist nicht vergleichbar mit dem Einzelverbindungsnachweis. Es ist vielmehr gleichzusetzen mit Stalking; wie wir einkaufen, ausgehen, ins Kino gehen, Radio hören, in den Park gehen, Urlaub machen und Bücher und Zeitungen lesen.

Es sind nicht nur die Daten, die so viel preisgeben, sondern die direkten logischen Rückschlüsse, die aus einer Browser-Historie gemacht werden können. Beispielsweise jemand, der bestimmte Seiten mit religiösem Hintergrund besucht, wird entsprechend als Anhänger dieser Religion erkannt. Wenn jemand auf eine Seite bezüglich einer bestimmten Krankheit surft, dann kann man daraus folgern, dass diese Person an der Krankheit erkrankt ist oder zumindest besorgt ist, diese Krankheit zu haben bzw. zu bekommen.

Es gibt weitere, indirektere Schlussfolgerungen, die gemacht werden können. Männer, die viel Zeit damit verbringen alte Folgen von “Top Gear” zu schauen, haben vermutlich Sympathien für Jeremy Clarksons Ansichten hinsichtlich der “political correctness”, oder sie haben eine sehr skeptische Haltung hinsichtlich des Klimawandels. Diejenigen, mit Online-Assoziationen zu Pizza-Lieferdiensten könnten als “ungesund” abgestempelt werden.

Die Möglichkeiten sind fast unendlich, da die Daten nicht nur die Information beinhalten, dass jemand auf einer bestimmen Seite war, sondern auch wann und wie oft. Allein die Tatsache, dass jemand sehr spät noch online unterwegs war, sagt viel über den individuellen Terminplan und die Lebenseinstellung aus.

Profiling aus dem Browser-Verlauf

Eine derartige “Big Data”-Analyse von den Internetverbindungen verrät Charakterzüge und stellt automatisch entsprechende Korrelationen dar. Dies wurde genauer erforscht, mit einigen überraschenden Ergebnissen: Ein Facebook-“Gefällt Mir” für krausige Pommes Frittes korreliert beispielsweise mit einer höheren Intelligenz.

Derartige Analysen sind identisch zu dem, was einige der größten und mächtigsten Tech-Konzerne der Welt schon tun. Google, Facebook und andere entwickeln Algorithmen, um ihre “Besucher” besser zu verstehen und damit die Werbung so weit wie möglich zu individualisieren. Dies funktioniert nicht nur für bestimmte Produkte, sondern eben auch für bestimmte politische Meinungen.

Die Auswirkungen einer derartigen ausführlichen Erlaubnis für die Regierung, sollte nicht unterschätzt werden. Wenn der Inhalt des Entwurfs soweit korrekt ist, dann ist dies ein bedeutender Eingriff in die Privatsphäre und in das Privatleben. Analysten könnten Verhalten besser vorhersagen als dies Freunde und Bekannte könnten. Inkorrekte Schlussfolgerungen aus den Datenmengen könnte auch zu einer fehlerhaften Vermutung von unschuldigen Menschen führen, mit den entsprechenden schlimmen Auswirkungen für die individuelle Person.

Die Gefahr der Daten

Hinter den Gefahren, die die Daten ohnehin schon über uns preisgeben, entstehen noch weitere Probleme. Die Aufforderung an die Internetunternehmen, diese Daten zu sammeln und zu speichern, ist allein schon riskant. In den letzten Wochen hat der “TalkTalk”-Hack die Verwundbarkeit von Unternehmen und deren Daten aufgezeigt.

Das Speichern von derartig vielen persönlichen und potenziell verräterischen Daten der Nutzer, würden die Internet-Provider noch interessanter für Kriminelle machen, eben um die Daten für Identitätsdiebstahl, Spamming oder Erpressung (wie bei Ashley Madison) zu nutzen.

Selbst wenn wir davon ausgehen, dass Geheimdienst und Polizei – und lokale Behörden und das Finanzamt, die auch Zugang auf die Daten haben möchten – weder inkompetent sind, noch inkorrekt mit den Daten umgehen; allein das Risiko, dass die Daten in die falschen Hände kommen könnten, sollte der Regierung genug sein, das geplante Vorgehen reiflich zu überdenken. Zusätzlich sollten wir nicht ausschließen, dass Individuen die Informationen zweckentfremden – es gibt unzählige Fälle in der Vergangenheit, wo genau dies passiert ist.

All das soll nicht sagen, dass Internet-Daten nicht gesammelt werden sollten. Aber das Internet hat uns auch das Potenzial und damit die Gefahr in das Eindringen in die Privatsphäre gebracht; viel mehr als es jemals vorher möglich war. Daher müssen wir jetzt, mehr als zuvor und bevor es zu spät ist, eine durchdachte und reife Debatte über Datenschutz und Überwachung führen.

Dieser Artikel erschien zuerst auf “The Conversation” unter CC BY-ND 4.0. Übersetzung mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.


Teaser & Image by geralt (CC0 Public Domain)


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5 Lesetipps für den 5. Februar

In unseren Lesetipps geht es heute um Netzneutralität in den USA, Reaktionen auf das veraltete Urheberrecht, den Mindestlohn bei Startups, Blogger Relations und ein digitales Parlament in Großbritannien. Ergänzungen erwünscht.

  • NETZNEUTRALITÄT FAZ: Teilsieg für ein offenes Internet in Amerika: In den USA hat die Netzneutralitätsdebatte nach Monaten eine überraschende und drastische Wendung genommen. Heute wird Tom Wheeler, Leiter der Regierungskommission für Kommunikation, ein Regelwerk zur Sicherung der Netzneutralität vorlegen. Bei jemanden wie Wheeler würde ich noch warten, bis ich das Regelwerk wirklich gesehen habe, bevor ich jubeln sollte, aber so oder so wird das Regelwerk auch Signalwirkung für Europa haben.

  • URHEBERRECHT Der Freitag: Man hat Recht: Die Geschichte um die Urheberrechtsverletzung von Jan Böhmermann durch das Twittern eines Bildes von Martin Langer hat, besonders in den Reaktionen, seltsame Züge angenommen. Jan Jasper Kosok versucht auf Freitag.de diese die sogenannte Netzgemeinde spaltende Miedengeschichte nachzuzeichnen.

  • MINDESTLOHN t3n: Der MIndestlohn ist keine Katastrophe für die deutsche Startup-Szene: Meine persönlichen Erfahrungen müssen nicht charakteristisch für eine ganze Branche sein, aber in den seltensten Fällen habe ich als Praktikant ein Umfeld zum Lernen vorgefunden, sondern viel mehr einen Arbeitsplatz, an dem ich mich als vollwertige Arbeitskraft einbringen musste. Ich kann deshalb den Kommentar von Lea Weitenkamp zum Mindestlohn auf t3n nur unterstützen, denn auch ich halte den Mindestlohn nicht, trotz der unbestreitbaren finanziellen Mehrbelastung, für alles andere als eine Katastrophe für die deutsche Startuip-Szene. Ich glaube, dass der Mindestlohn die Arbeitsverhältnisse gerade in diesem Bereich wesentlich verbessern kann.

  • BLOGGER RELATIONS BASIC thinking: Gebt euch Mühe, verdammt!: Es wird niemanden verwundern, dass man in der Medienbranche täglich an die Hundert Mails bekommt. Die meisten sind von Leuten aus PR-Agenturen, vermeintlich aufstrebenden Startups oder Marketingabteilungen, die einem zu einer Berichterstattung in ihrem Sinne bewegen wollen, unabhängig davon, ob die Themen überhaupt zum Medium passen. Ähnlich geht es Netzpiloten-Autor und Chefredakteur von BASIC thinking Tobias Gillen, der diese Situation kommentiert und die Absender der Mailflut zu einer besseren Blogger-Relations auffordert.

  • E-GOVERNMENT Politik Digital: Digital für mehr Demokratie: Ein Forum für politische Partizipation noch in diesem Jahr und ein vollständig interaktives und digitales Parlament samt E-Voting bis 2020 – die Ziele der neuen „Digital Democracy Commission“ in Großbritannien sind ehrgeizig. Mit Hilfe digitaler Technologien soll das britische Parlament in Zukunft effizienter arbeiten, damit jeder versteht, was es tut. Franziska Türk stellt das ambitionierte Vorhaben auf Politik-Digital.de vor.

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Rezension: From Bedrooms to Billions

from bedrooms to billions (Bild: Kevin Finner)

Der Dokumentarfilm „From Bedrooms to Billions“ zeigt die Entwicklung der Spieleindustrie in Großbritannien. Eine Rezension. // von Lukas Menzel

from bedrooms to billions (Bild: Kevin Finner)

Am 11. November 2014 luden Gaming-Aid und gamecity:Hamburg zu einem exklusiven Kinoabend in das Abaton Kino in Hamburg ein. Zusehen gab es dort nicht nur den Dokumentarfilm „From Bedrooms to Billions“, sondern auch die Produzenten des Films, Nicola und Anthony Caulfield, sowie der britische Game-Designer Simon Butler waren vor Ort. Diese stellten sich in einem Q&A den Fragen von Tashin Avci (Gaming-Aid, Pop Rocket Games), Stefan Klein (gamecity:Hamburg) sowie dem Publikum und erzählten so ein wenig über den Film und die Spielebranche in Großbritannien. Anschließend gab es dann den Film zu sehen, der die Entwicklung der britischen Spielebranche von den 1970er Jahren bis heute zeigte.

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Die Geschichte der Computerspiele in Großbritannien

Computerspiel Shadowfire (Bild: Kevin Finner, via alebravo.net)

Anfang der 1980er Jahre herrschte Aufbruchstimmung in Großbritannien, denn eine neue Industrie war geboren: die Computerspiele-Industrie. // von Niklas Möller

Computerspiel Shadowfire (Bild: Kevin Finner, via alebravo.net)

Zu Beginn der 1980er eroberten die ersten Heimcomputer die Welt und somit auch das Vereinigte Königreich. Der BBC Micro, Sinclair ZX Spectrum oder Commodore 64: sie alle sollten dazu beitragen, das Leben zu verändern. Und dabei hat die Spieleindistrie, die heute unzweifelhaft zu den wichtigsten Unterhaltungsbranchen der Welt zählt, einmal ganz klein angefangen.

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EDRi: Britische Regierung muss Überwachungsaktivitäten rechtfertigen

Prime Minister David Cameron, speaking at the opening of the GAVI Alliance immunisations pledging conference (adapted) (Image by DFID - UK Department of International Development [CC BY 2.0] via Flickr)

Der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte (ECtHR) fordert vom Vereinigten Königreich, die Aktivitäten des Government Communications Headquarters (GCHQ) in Bezug auf das Right to Privacy des Artikel 8 der Europäischen Konvention zu rechtfertigen. Big Brother Watch, das EDRi Mitglied Open Rights Group, English Pen und die Internetaktivistin Constanze Kurz haben den Fall am 4. September 2013 an den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte herangetragen – unter Bezug auf die durch Edward Snowden bekannt gemachte Debatte um Überwachung durch US-amerikanische und britische Geheimdienste. Sie argumentieren, dass der GCHQ durch die Datensammlung von Millionen unschuldiger Personen, das Recht auf Privatsphäre aller europäischer Bürger verletzt habe und gegen das Right to Privacy aus Artikel 8 der Europäischen Menschenrechtskonvention verstoßen hat.

Wir wissen, dass GCHQ einen zentralen Datenspeicher führt, obwohl dem Parlament gesagt wurde, dass dieser nicht gebaut wird. Diese rechtliche Herausforderung ist ein wesentlicher Bestandteil um zu zeigen, warum die Öffentlichkeit und das Parlament nicht ausreichend zu dem Maß der Überwachung informiert wurden und warum unsere Privatsphäre industriell untergraben wurde„, sagt Nick Pickles, Direktor von Big Brother Watch.

Dieser Fall wurde zuerst in den nationalen Gerichten vorgetragen. Big Brother Watch, das EDRi Mitglied Open Rights Group, English Pen und Constanze Kurz haben der Regierung des Vereinigten Königreiches am 3. Juli 2013 geschrieben, dass eine juristische Wiederaufnahme folgen wird. Die Regierung hat die Antragsteller wissen lassen, dass diese Beschwerde an das britische Investigatory Powers Tribunal – ein Tribunal, das Anklageschriften gegen Geheimdienste in Verschwiegenheit anhört – gerichtet werden soll. Jedoch hat der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte – in dem früheren Kennedy v. UK Fall – entschieden, dass Antragsteller sich nicht an das Investigatory Powers Tribunal wenden müssen, bevor sie einen Antrag in Straßbourg stellen dürfen. Diese Regelung beruht auf der Unsicherheit, ob das Tribunal überhaupt effektiv und fähig ist, eine Lösung zu finden.

Der Fall bezieht sich vor allem auf Überwachungsprogramme wie Prism und Tempora, die es dem GCHQ und der NSA ermöglichen, Daten von Millionen Telefongesprächen, E-Mails und Sucheingaben zu erheben, zu speichern und zu analysieren.

Der Gerichtshof hat die Regierung nach einer Rechtfertigung gebeten. In dieser soll darauf eingegangen werden, warum britische Geheimdienste das Recht haben, Daten, die sie selbst oder ausländische Spionagedienste abfangen, anzufordern, zu erhalten, zu analysieren, zu verteilen und zu speichern. Der Gerichtshof hat die Minister gebeten zu beweisen, dass sich diese Aktivitäten „im rechtlichen Rahmen“ bewegen und für „eine demokratische Gesellschaft“ notwendig sind.

Die Antragssteller haben den Gerichtshof gebeten, erstens zu erklären, dass die Überwachungsmaßnahmen des Vereinigten Königreichs unangemessen seien und zweitens, die Regierung anzuweisen, Überwachungsaktivitäten zu wählen, die die Rechte auf Privatsphäre berücksichtigen. Das bedeutet, dass neue Gesetze von Nöten sind, damit die Überwachung (1) angemessen gestaltet wird, (2) von Rechtsvertretern in der Öffentlichkeit beaufsichtigt wird, (3) die Benachrichtung von überwachten Personen erlaubt und (4) die Beaufsichtigung durch personell adäquat ausgestattete und ermächtigte Regulatoren erlaubt.

GCHQ und die britische Regierung halten an dem Argument fest, dass ihre Arbeit „in Einklang mit einem strikten Rahmen von Gesetzten und Richtlinien steht, der sicherstellt, dass Aktivitäten zulässig, notwendig und angemessen sind. Diese Aktivitäten unterliegen der strengen Aufsicht von Staatsminister, Überwachung und Geheimdienst-Beauftragten und des parlamentarischen Geheim- und Sicherheits-Komitees„.

Der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte behandelt dieses Problem prioritär und fordert von der Regierung eine Antwort bis 2. Mai 2014. Danach wird der Fall in die letzten Stufen vor der Urteilssprechung wandern.


Dieser Beitrag von Bogdan Manolea ist zuerst im EDRi-Newsletter vom 29.01.2014 erschienen und steht unter der Creative Commons Namensnennung 3.0 (CC BY 3.0). Der Artikel wurde übersetzt von Janina Gera.


Image (adapted) „Prime Minister David Cameron, speaking at the opening of the GAVI Alliance immunisations pledging conference“ by DFID – UK Department for International Development (CC BY 2.0)


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