#HugaBrit: Die Wissenschaft der Umarmungen und warum sie sich (meistens) so gut anfühlen

Eine Umarmung ist oft eine gute Art, ein Problem zu lösen. Jetzt hat eine Gruppe von Europäern entschieden, dass das alles ist, was Briten brauchen, um vom Verbleib in der EU überzeugt zu werden. Bei der #hugabrit-Kampagne schicken Menschen Bilder von sich ein, auf denen sie einen Briten umarmen. Sie zielt darauf ab, den Briten eine „Liebesbombe“ zukommen zu lassen.

Sicherlich können Umarmungen in vielen Situationen hilfreich sein, sei es, um Anerkennung zu zeigen oder zur Bekämpfung von Einsamkeit und Stress bei der Arbeit. Sie brauchen eine freundliche Umarmung, um sich zu beruhigen, aber es ist niemand da, der Sie umarmen könnte? Die Japaner könnten die passende Lösung gefunden haben: besuchen Sie doch einfach eine Soineya. Wörtlich mit „Spezialgeschäft für gemeinsames Schlafen“ übersetzt – eine Art  Knuddel-Café – bieten diese Einrichtungen gegen eine Gebühr alles an – von einer 20-minütigen Umarmung bis hin zu einer ganzen Nacht mit harmlosem Kuscheln oder sogar dem Schlafen (und ich meine wirklich: Schlafen) mit einem Fremden. Die Vorstellung, mit einem Fremden zu kuscheln, erfüllt Sie mit Abscheu? Fragen Sie sich zuerst einmal selbst, woher unsere Vorliebe für Umarmungen kommt.

Berührungen sind in der Tat sehr wichtig in unseren Beziehungen. Meine Mitarbeiter an der Aalto-Universität in Finnland und ich haben kürzlich stichprobenartig Menschen in ganz Europa befragt und fanden überall so ziemlich das gleiche deutliche Muster: je enger die Beziehung ist, die wir mit jemandem haben, desto mehr von unserem Körper darf dieser berühren. Ich weiß nicht, wie es bei den Japanern ist, aber die Europäer (und, nicht sehr überraschend, die Briten im Besonderen) sind etwas reserviert, wenn es darum geht, wo ein Fremder sie berühren darf. Ein höfliches Handschütteln ist ausgezeichnet, Schultern und Arme sind gerade noch in Ordnung, aber überall sonst ist es so ziemlich tabu.

Um zu verstehen, was bei Körperkontakt passiert, müssen wir in unsere Vergangenheit als Primaten zurückreisen. Affen und Menschenaffen schaffen und erhalten ihre Freundschaften durch soziale Fellpflege. So nützlich Fellpflege dabei sein mag, um Unrat von Haut und Pelz zu entfernen, ihre wahre Wirksamkeit kommt vom langsamen Fahren durch das Fell, das mit dem Suchen des Putzenden nach Fremdmaterial verbunden ist. Bis zu einem gewissen Punkt tun wir das immer noch, zum Beispiel, wenn Eltern durch die Haare ihrer Kinder fahren. Und gewiss ist das der Grund dafür, dass wir die Zuwendungen unserer Friseure so entspannend finden.

Grivet Monkey Family Grooming (image by Eric Kilby [CC BY-SA 2.0] via flickr)
Image (adapted) Grivet Monkey Family Grooming (Eric Kilby/Flickr, CC BY-SA 2.0)

Das langsame Streicheln, das mit der Fellpflege verbunden ist, stimuliert eine bestimmte Art von Nerven – die afferenten C-Tast-Neuronen, die nur in behaarter Haut zu finden sind und die sich ziemlich von den üblichen Nerven unterscheiden, die Informationen über Berührung, Schmerz und Druck übermitteln. Diese Neuronen reagieren nur auf leichtes und langsames Streicheln. Sie haben eine direkte Verbindung zum Gehirn, wo sie die Freisetzung von Endorphinen auslösen.

Endorphine sind Neuropeptide, kleine Moleküle, die von Neuronen im Gehirn dazu benutzt werden, sich gegenseitig Signale zu senden. Endorphine sind Teil des Schmerz-Kontroll-Systems und erzeugen einen Opiat-ähnlichen, schmerzlindernden Effekt. Tatsächlich sind sie chemisch nah mit Opiat-ähnlichen Arzneimitteln wie Morphin verwandt, aber sie unterscheiden sich in zwei wichtigen Gesichtspunkten: Bei gleichem Gewicht sind sie als Schmerzmittel 30 Mal wirksamer als Morphine und wir werden nicht auf so schädliche Art und Weise von ihnen abhängig.

Wir haben eine bestimmte Form von Bilddarstellung des Gehirns benutzt, auch bekannt als Positronen-Emissions-Tomographie (kurz PET), um zu zeigen, dass leichtes Streicheln des Torsos eine gewaltige Endorphin-Reaktion im menschlichen Gehirn auslöst, genau wie Fellpflege es bei Affen und Menschenaffen tut. Kuscheln, mit seinen begleitenden Verhaltensweisen wie Streicheln, Abtasten und sogar dem gelegentlichen Fahren durch das Haar ist die menschliche Form der Primaten-Fellpflege und ist darauf ausgelegt, unsere Beziehungen zu schaffen und zu erhalten.

Da unser Empfinden für psychischem Schmerz in den gleichen Gehirnregionen verarbeitet wird wie unser Empfinden für physischem Schmerz (namentlich die Gehirnregionen bekannt als der anteriore cinguläre Cortex und das periaquäduktale Grau), dämpfen Endorphine unseren psychologischen Schmerz. Darum ist eine Umarmung tröstlich, wenn jemand in Tränen aufgelöst ist.

Ebenso aktivieren Endorphine Regionen im Gehirn, die mit Belohnung verbunden werden, wie der orbitofrontale Cortex – gleich über den Augen. Das ist es, was uns dazu bringt, die Erfahrung wiederholen zu wollen.

Da Morphin die gleichen Effekte überdosiert, verlieren Süchtige das Interesse an ihrem Sozialleben: In der Tat bekommen sie ihre Umarmungen auf künstliche Art und Weise und benötigen keinen menschlichen Kontakt, um den Erfolg zu liefern. Die Opiat-ähnlichen Effekte werden durch Oxytocin verstärkt, ein anderes Neuropeptid mit der Neigung, durch Umarmungen stimuliert zu werden und leicht schmerzlindernde Eigenschaften. Die Hauptfunktion von Oxytocin ist mit Laktation verbunden (seine Hauptaufgabe ist die Regulierung des Wasserhaushalts des Körpers). Die Evolution hat es für Säugetiere eingerichtet, um Gefühle von Wärme und Anschluss zu schaffen, die man mit Säugen und somit mit jeder Art von physischem Kontakt verbindet.

Also „Hug a Hoodie“ oder #hugabrit? Nun ja, vielleicht eher nicht. Denn das Ausmaß, in dem Umarmen uns Behagen bereitet und dabei hilft, Beziehungen zu stärken, hat eine tiefe, psychologische Komponente. Irgendwo im Frontallappen des Gehirns sitzt ein Mechanismus, der das Empfinden von Berührungen von angenehm in unangenehm umlenken kann, wenn sie von der falschen Person kommen. Was gewiss der Grund für unsere Abneigung gegen überfüllte Aufzügen ist. All das menschliche Fleisch in so engem Kontakt – bäh!

Dieser Artikel erschien zuerst auf “The Conversation” unter CC BY-ND 4.0. Übersetzung mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.


Image (adapted) „Hug“ by zhouxuan12345678 (CC BY-SA 2.0)


The Conversation

Robin Dunbar

ist Professor für Evolutionspsychologie im Bereich Experimentelle Psychologie der Universität von Oxford. Er beschäftigt sich mit sozialen Bindungen unter Primaten im Allgemeinen, insbesondere mit menschlichen Beziehungen. Dabei untersucht er die kognitiven, neuroendokrinologischen und Verhaltensmechanismen, die ihnen zu Grunde liegen.


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