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Marie Kondō extrem: Wie minimalistisch ist das digitale Nomadenleben?

Marie Kondō räumt auf: in Büchern, auf Netflix, gefühlt auf der ganzen Welt. Ihre Methode steht für ein entrümpeltes Leben, das sich materiell auf das beschränkt, was einem ein gutes Gefühl vermittelt oder was man wirklich braucht. “Dieses Gefühl der Leichtigkeit, der Freiheit ist unvorstellbar schön.” sagt Jasmin Dünker, eine von vier zertifizierten KonMari Beraterinnen in Deutschland in einem Stern-Interview.

Ein Gefühl, das oft auch bei uns digitalen Nomaden vermutet wird, denn wir leben ja aus dem Rucksack, mit all unserem Hab und Gut in der Hand und einem Laptop als Büro – vollends minimalistisch. Wenn das so wäre, dann müsste Frau Kondō wahrscheinlich bei uns Minimalismus-Weltmeistern in die Lehre gehen und sich eine Scheibe was auch immer von uns abschneiden (in Japan isst man ja kein Brot). Aber wie so oft ist das alles nur die halbe Wahrheit.

Wir misten aus – zwei Jahre lang

Tatsächlich haben meine Frau und ich vor unserer Abreise kräftig aussortiert, verkauft, verschenkt, gespendet und dann wieder von vorne begonnen. Schon als wir zusammengezogen sind, haben wir unsere Haushalte mindestens halbiert. Doch am Ende sollte ja alles so reduziert sein, dass wir es tragen können. Also ging es weiter.

Nach knapp zwei Jahren lagen zwei Rucksäcke und zweimal Handgepäck vor uns. Lustige 21 Kilogramm je Rückenfoltergerät, mit allem, was wir für unser neues Leben brauchen sollten. Aber schon damals war es eine Mogelpackung, denn diverse Möbel und Kisten mit Küchensachen und Winterklamotten lagern bis heute bei Verwandten auf Dachböden und in Kellern ein. Viel ist es nicht, aber wesentlich mehr als wir tragen könnten.

Die Taxifahrer waren nicht einverstanden

Kuala Lumpur im Mai; brütende, tropische Hitze. Zum ersten, aber nicht letzten Mal sehen wir einen Taxifahrer, der sich beim Anheben unseres Gepäcks fast den Rücken bricht. Lächelnd hören wir immer wieder, dass die Dinger doch überraschend schwer und wir mit viel Gepäck unterwegs seien. Nunja, wir sind auch nicht nur für zwei Wochen Baderurlaub hier, sondern das da ist unser gesamter (aktiver) Besitz. “Achso, haha, das ist ja dann doch ganz wenig”, nickt man uns dann zu.

Wir sortieren umgehend noch einmal zehn Kilo aus. Unglaublich, aber es geht. Ich muss so notwendige Dinge wie einen metallenen Schuhanzieher zurücklassen, ein Austernmesser und einen Wetzstahl. Leider schickte ich an diesem Tag auch den falschen, nämlich unbearbeiteten Stapel Notizhefte nach Hause. Der Schuhanzieher kostet mich einen Drink, weil er der unsinnigste Gegenstand in unserem Gepäck ist. Wobei Madame den Wetzstahl und vor allem das Austernmesser für noch unsinniger hält. Weil man mit einem Austernmesser nicht nur Austern öffnen, sondern auch Eisklumpen zerkleinern oder es generell als sehr bruchfestes, spitzes Werkzeug benutzen kann, gab die Einzige irgendwann auf und wir einigten uns auf den Schuhanzieher. Schließlich habe ich kein einziges Paar feste Schuhe dabei. So. Jetzt aber: Ab sofort reisen wir minimalistisch!

Wo war der Fließpulli nochmal?

Schon bald merkten wir, dass wir eigentlich doch zu wenig mithatten. In Vietnam kaufen wir Regencapes, auf Bali fehlt uns ein Surfbrett, Ersatz-Badehosen und Lycras. In Phuket brauche ich dringend eine Taucherbrille für den mittäglichen Erholungsschnorchelgang; in Sydney fehlt uns einfach alles, was Wärme spendet, denn für September ist es leider “ungewöhnlich” kalt – vor allem in der Wohnung. In Ericeira bemerken wir, dass ohne eine externe Maus, Tastatur und irgendwas zum Laptop aufbocken, die Nacken- und Rückenprobleme wohl nicht mehr in den Griff zu bekommen sind.

Unter drölf Koffer als Reisegepäck reist man noch leicht

Brauchen wir doch so viel zum Leben – und arbeiten? Natürlich habe ich Menschen getroffen, die mit noch viel weniger durch die Welt gezogen sind und sich irgendwie durchgeschlagen haben. Eine Freundin meiner Tante fuhr 20 Jahre (!) mit dem Fahrrad durch die Welt.

Wir alle haben eines gemeinsam: Wir nennen wenig unser Eigentum. Doch besitzen wir eine ganze Menge. Wir besitzen es nur nicht dauerhaft. Wir leihen uns ständig irgendetwas. Wir mieten (= entgeltliches Leihen) uns nicht nur eine Wohnung oder ein Gruppenzimmer-Bett, sondern wir mieten uns auch Klopapier, Deckenlampen, Kochtöpfe, Nudelsiebe, Besteck und Austernmesser. Wir zahlen dafür, dass alles (einigermaßen) sauber gemacht wird und “brauchen” deshalb keinen Staubsauger, Wischmop oder diverse Putz-Chemikalien; wir brauchen kein Werkzeug um ein Klo an die Wand zu tackern, weil das macht der Hostel- und AirBnB-Eigentümer, den wir mit unserer Miete dafür entlohnen. Wir kaufen uns keine Drucker, WLAN-Router oder ergonomische Sitzmöbel, weil wir das alles irgendwo mitnutzen. Und natürlich leihen wir uns Surfbretter, Roller und Autos.

Ich will all das in meinem Leben haben. Nur nenne ich es nicht mein Eigentum und belasse es (meist) an Ort und Stelle. Wenn ich alles zusammenrotten würde, was ich mir in den letzten Monaten geliehen und benutzt habe, dann würde ich ebenfalls vor ganzen Umzugscontainern stehen.

Schlussplädoyer

Travel light, live minimal – Gute Idee! Die meisten Menschen in Industrienationen kaufen wirklich zu viel Unsinn. Weniger Materielles zu haben bedeutet auch, weniger Materielles zu wollen und das kann nur gut für unseren Geisteszustand und den Rest der Welt sein. Aber als dauerreisender digitaler Nomade, so ehrlich muss ich sein, bin ich nicht der König des Minimalismus und der Nachhaltigkeit. Der Anblick meines 15,4 Kilo leichten Rucksacks (und meines einen exakt acht Kilo schweren Handgepäckstückes) soll mich nicht glauben lassen, das sei wirklich alles, was ich zum Leben und Arbeiten bräuchte. Aber leihen statt kaufen – das ist ja ebenfalls stark im Trend. Und “sharing is caring”, sagte die liebe Marie Kondō bestimmt auch einmal, als sie mit einem guten Gefühl ins DriveNow Auto stieg und von ihrer letzten Entrümpelung ins 5-Sterne-Hotel fuhr.


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Solar-Ladegeräte im Test: eine Alternative zur herkömmlichen Powerbank?

Solar-Ladegeräte im Test

Ob am Strand, auf einem Festival oder beim Shopping-Trip in der Stadt. Man ist unterwegs, plötzlich ist der Akku vom Smartphone leer und es ist keine Steckdose in Sicht. Ziemlich ärgerlich! Mittlerweile hat fast jeder eine Powerbank dabei. Doch was mache ich, wenn auch meine Powerbank unterwegs keinen Reserve mehr hat? Doppelt ärgerlich! Hier können Solar-Ladegeräte zum Einsatz kommen. Das Technik-Magazin CHIP hat den Test mit einigen Solar-Ladegeräten für Smartphones durchgeführt und ist zu einem interessanten Ergebnis gekommen.

Welche Solar-Ladegeräte es gibt

Zuerst unterscheidet man zwischen Solar-Powerbanks und Solar-Panels. Das Solar-Panel speichert den Strom nicht selbst und ist deutlich größer als eine Solar-Powerbank.

Als erstes haben die Tester drei Solar-Ladegeräte von unterschiedlichen Herstellern unter die Lupe genommen. Im Anschluss testeten sie zwei Solar-Powerbanks derselben Marke. Mithilfe eines USB-Testers wurde gemessen wie viel Leistung (in Watt) das Ladegerät generieren kann, wenn eine leere RAVPower-Akkubank mit einer Kapazität von 22.000 mAh an den USB-Port eines der Ladegeräte angeschlossen wird.

Nach dem ersten Testlauf überprüfte man dann, wie lange es dauert, bis ein Huawai P8 Lite Smartphone aufgeladen ist.

Was sagen die Testergebnisse der Solar-Panels?

Anker PowerPort Solar

Zu Beginn wurde der Anker PowerPort Solar mit 21W (Provisionslink) geprüft. Dieses Solar-Ladegerät wiegt ungefähr ein halbes Kilo und besteht aus vier Elementen. Es ist für circa 60 Euro zu haben. Drei der Elemente enthalten ein Solar-Panel. Das vierte Element ist eine Tasche. Der Anker PowerPoint Solar mag erst ziemlich groß erscheinen, aber dank des Polyestergewebes lässt es sich auf 160 mm Dicke zusammenfalten. Aufgrund der Edelstahl-Ösen, die das Ladegerät besitzt, kann man es mühelos an einem Rucksack befestigen.

Die Tester kamen zum Ergebnis, dass bei strahlender Sonne ein Maximalwert von 10W erreichbar ist. Bei Wolken hingegen kann nur ein Wert von 1,5W erzielt werden. Der Anker PowerPort Solar benötigt rund drei Stunden, bis er vollständig aufgeladen ist. Allerdings wurde der Maximalwert, den Anker angibt, bei den Messungen nicht erzielt.

RAVPower

Anschließend testeten sie ein Solar-Panel von RAVPower mit einer Leistung von 16W (Provisionslink). Er besteht auch aus vier Elementen wobei ebenfalls eines davon eine Tasche darstellt. Genau wie das Ladegerät von Anker besitzt er Ösen zum befestigen. Da RAVPower-Gerät ist im Vergleich leichter und kleiner und hat eine geringere Leistung. Der maximale Messwert bei Sonnenschein lag bei 7,2W und bei Wolken nur bei 0,7W. Erst nach vier Stunden war das Huawai P8 Lite vollständig aufgeladen.

SunnyBAG Explorer Plus

Als drittes und letztes Solar-Ladegerät war der SunnyBAG Explorer Plus (Provisionslink) Bestand des Testes. Der SunnyBAG Explorer Plus ist eine Mischung aus Solar-Panel und Rucksack. Ihr könnt das Solar-Panel mit 6W kann auf der Vorderseite befestigen. Der Rucksack ist ideal für Leute, die ihren Laptop oft dabei haben, denn er verfügt über ein 15,6-Zoll-Laptopfach. Preislich liegt der SunnyBAG Explorer Plus bei circa 80 Euro. Wenn die Sonne scheint misst das Gerät 3,8W und bei Wolken nur 0,5W. Doch wie schneidet das SunnyBAG ab, wenn man ihn trägt? Folgende Ergebnisse wurden erzielt:

  • Position zur Sonne: 2W
  • Position im (Baum-)Schatten aber zur Sonne: 0,2W
  • Position entgegen der Sonne: 0,5W
  • Position 90° von der Sonne weggedreht: 1W

Wenn man den SunnyBAG beispielsweise in Position zur Sonne trägt, so erzielt man deutlich niedrigere Werte als bei den zuvor getesteten Solar-Panels.

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Image by vitalitymateha / Adobe Stock

Solar-Powerbanks im Test

Die Tester guckten sich zwei Solar-Powerbanks der Marke Revolt an. Dabei handelte es sich um ein Revolt-Ladegerät mit 20.000 mAh (Provisionslink) und eines mit 11.000 mAh. Preislich liegen sie zwischen 27 Euro und 50 Euro und sind somit günstiger als die Panels. Doch wie schneiden die Solar-Powerbanks im Test ab? Das Ergebnis fiel leider eher schlecht aus. Nachdem beide Powerbanks einen ganzen Tag lang in der Sonne lagen, hatten sie gerade mal einen Akkustand von zehn Prozent. Ein weiterer negativer Aspekt dieser Solar-Ladegeräte war, dass die Akkupacks in der Sonne sehr heiß geworden sind.

Biolite Campstove: die Alternative zu Solar-Ladegeräten

Wenn das Wetter nicht mitspielt, dann gibt es den Biolite Campstove (Provisionslink). Der Campingkocher mit Akkuladefunktion erzeugt Energie, wenn er Holz verbrennt. Somit kann man auch in der Nacht oder bei Regen sein Smartphone laden. Die Stromabgabe ist allerdings nur gering.

Test-Fazit Solar-Ladegeräte

Wenn man sich für eine nachhaltige Energiegewinnung und gegen Alternative eine herkömmlichen Powerbank entscheidet, dann lohnt es sich eher ein bisschen mehr Geld zu investieren. Empfohlen wird ein ausklappbares Solar-Panel zu kaufen. Die können die Geräte deutlich schneller laden, da sie größer sind. Wenn man allerdings lieber auf die Solar-Powerbank zurückzugreifen möchte, dann kann man sie im Vorhinein per Netzteil aufladen und später weiter mit Sonnenenergie laden.


Teaser Image by Galaganov / Adobe Stock

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Chinas grüner Plan für die Welt beginnt mit Infrastruktur

Neue-Seidenstraße-Initiative

Die Vereinigten Staaten ziehen sich aus einer globalen Gemeinschaft unter einem Präsidenten, der das Pariser Klimaabkommen verwarf und NAFTA und NATO verleumdet, zurück. Das bietet China eine Möglichkeit, eine größere Rolle in globalen Fragen zu spielen. Dies stellt den Hintergrund für den 19. Parteitag dar, bei dem China versucht hatte, externe Einflüsse mit inländischer ökonomischer Stabilität zu balancieren. Ein Bereich, in dem China einen größeren Einfluss ausüben kann, ist die Infrastruktur ein dringendes Thema für Entwicklung. Laut den OECD benötigt das Unterstützen der weltweiten Entwicklung eine Investition in Höhe von 6,3 Milliarden US-Dollar jährlich bis zum Jahr 2030. Mit einem Wissen über Entwicklung, das durch Jahrzehnte des rapiden inländischen ökonomischen Wachstums geschliffen wurde, ist China gut positioniert, um die globale Entwicklung auf solch eine Art und Weise zu gestalten, dass dies den Rest des 21. Jahrhunderts definiert. Ein wichtiges Vorhaben ist hier nach wie vor die Neue-Seidenstraße-Initiative.

China hat seit den 1970ern in Infrastruktur-Projekte auf der ganzen Welt investiert, aber eine einheitliche Politik für Infrastruktur-Investition tauchte erstmals 2013 auf. Während einer Rede in Kasachstan enthüllte Xi das Silk Road Economic Belt-Konzept (Neue Seidenstraße). Kurz danach regte er die Asiatische Infrastrukturinvestmentbank an. Andere Einrichtungen, die Chinas globale Infrastruktur-Initiativen unterstützen, beinhalten den 40 Milliarden US-Dollar Seidenstraßen-Fond und die Neue Entwicklungsbank, die von China, Brasilien, Russland, Indien und Südafrika geführt wird. Das Kronjuwel, Chinas Neue-Seidenstraße-Initiative, wird laut Erwartungen eine Milliarde US-Dollar für Handel, Transport und Energieinitiativen auf der ganzen Welt locken.

Auf eigene Gefahr bauen

Infrastruktur ist eine Notwendigkeit für Entwicklung, aber der Kostenaufwand dafür ist ein Hindernis und Unterstützung durch China ist attraktiv. Mehr als 60 Länder haben Vereinbarungen unterzeichnet, dass China Infrastruktur-Projekte finanziert. Trotzdem sollten Kreditnehmer nicht davon ausgehen, dass Infrastruktur automatisch ihre Wirtschaft verwandeln wird. Projekte können Ressourcen erschöpfen und stellen oft nur einen kleinen Nutzen für die größere Gesellschaft dar. Ein Projekt für die Neue-Seidenstraße-Initiative zu gewinnen mag Schlagzeilen machen, ist aber kein Allheilmittel.

Die wirtschaftlichen Vorteile von Infrastruktur werden meist erheblich überschätzt. Sri Lanka ist momentan nicht dazu fähig, die Schulden für teure, aber weitestgehend ungenutzte Häfen, Flughäfen und Autobahnen bei chinesischen Kreditgebern zu begleichen. Während er für eine Million Passagiere im Jahr konzipiert wurde, befördert der Internationale Flughafen Mattala Rajapaksa im Südosten Sri Lankas momentan nur etwa zwölf Passagiere pro Tag. Das ist weniger als ein Prozent der ursprünglichen Prognosen, aber der Flughafen hat das Land 209 Millionen US-Dollar gekostet.

Als sich die Vorteile der Infrastruktur nicht verwirklichten, schoss Sri Lankas Auslandsverschuldung von zehn Milliarden US-Dollar im Jahr 2006 auf 25 Milliarden US-Dollar im Jahr 2016, wobei vieles davon auf Kosten Chinas geht. Die Abgabenbelastung trieb die Regierung Sri Lankas dazu an, im Juli 2017 70 Prozent des Hambantota-Hafens, der an der Südküste des Landes lokalisiert ist, an einen im Besitz des chinesischen Staates befindlichen Hafenbetreibers zu verkaufen

Im Jahr 2015 wies Ghana wegen der mangelnden Aufnahmekapazität des Landes, um mit solch hohem Kapitalzufluss fertig zu werden, eine zweite Tranche Darlehen der chinesischen Regierung für ein anderes Energieprojekt zurück. Empfängerländer müssen wirtschaftliche Vorteile mit finanzieller Nachhaltigkeit abwägen, wenn sie entscheiden müssen, ob sie mit ausländischen Partnern bezüglich der Infrastruktur kollaborieren wollen.

Nicht nachhaltige Projekte

Umweltpolitische Fallstricke stellen auch eine Sorge dar. Präsident Xi erklärte 2017, dass die Neue-Seidenstraße-Initiative “grün, kohlenstoffarm, rund und nachhaltig” sein würde. Und doch fließt eine Flut von chinesischen Investitionen zu ökonomisch nicht nachhaltigen Projekten. Eine signifikante Menge des Investments für den chinesisch-pakistanischen Wirtschaftskorridor wird ein Energie-Portfolio unterstützen, das Kohlekraftwerke umfasst. In Bangladesch hat die Sorge über Umweltverschmutzung zu gewalttätigen Protesten gegen ein Kohlekraftwerk, das durch chinesische Firmen gebaut worden ist, geführt.

Chinesische Zement-Firmen, die auf Kohle angewiesen sind, sind nach Tadschikistan gezogen. China-finanzierte Projekte für Straßen, Öl- und Gasleitungen und Staudämme könnten ökologisch sensible Gebiete in von Unterstützung abhängigen Ländern wie Myanmar und der Mongolei gefährden. Dieser Trend wird wahrscheinlich beschleunigt werden, wenn kein lokales Zurückdrängen oder Sorge über größere Auswirkungen besteht. In einem Beispiel von 2011 hat die Regierung von Myanmar das Myitsone-Talsperre-Projekt unterbrochen. Proteste hatten Bedenken über die potenziellen ökologischen und sozialen Auswirkungen auf den Irrawaddy, den größten und wirtschaftlich wichtigsten Fluss des Landes, ausgelöst.

Neue-Seidenstraße-Initiative: Grüne Auswirkungen?

China hat einen historischen Fortschritt in inländischem Wachstum erreicht und wendet sich nun ökologischer Nachhaltigkeit zu. Bis 2020 plant China mehr als 360 Milliarden US-Dollar zu verwenden, um erneuerbare Energien zu entwickeln, während sie Kohlekraftwerke außer Betrieb nehmen. Chinas Einsatzbereitschaft für saubere inländische Energie wird auch durch seine Emission von 40 Prozent für die grünen Anleihen im Jahr 2016 bewiesen.

Vom Beginn der Neuen-Seidenstraße-Initiative an kann China seine wachsende Erfahrung nutzen, um von nicht nachhaltigen zu grünen Energiequellen überzugehen. Dies könnte eine neue Generation von ökologisch sensiblen Infrastrukturentwicklungen auf der ganzen Welt formen. China und die anderen Länder, die hier beteiligt sind, müssen alle Risiken bedenken, die mit Infrastrukturprojekten assoziiert sind, nicht nur finanziell, sondern auch ökologisch und sozial. Teilnehmer an der Neue-Seidenstraße-Initiative sollten die Infrastruktur sorgfältig unter Bezugnahme auf nationale Entwicklungsziele bewerten, anstatt solche Projekte lediglich für politisches Theater zu nutzen.

Im Jahr 2016 veröffentliche die chinesisch geführte Asiatische Infrastrukturinvestmentbank, deren Kreditportfolio mit dem der Weltbank in den nächsten zwei Jahrzehnten konkurrieren könnte, einen Rahmenplan, der ökologische, soziale und Führungsstandards beinhaltet. Diese Richtlinien stellen eine gebrauchsfertige Schablone für chinesische Institutionen dar, die in das globale Kreditwesen für Infrastruktur involviert sind. Sie können auch für individuelle Projekte in den Neue-Seidenstraße-Ländern implementiert werden. Die Sicherstellung, dass diese Richtlinien gewissenhaft befolgt werden, benötigt ein Level an Transparenz, das wohl beispiellos in China ist.

Länder sind bereit für Nachhaltigkeit

Die Neue-Seidenstraße-Initiative stellt eine Möglichkeit dar, das chinesische Modell des staatsgeführten wirtschaftlichen Wachstums zu internationalisieren. Durch vorsichtige Strategie und sorgfältiges Kontrollieren könnte die Initiative ein Abwenden von Dekaden nicht nachhaltiger und gescheiterter globaler Infrastrukturentwicklung einläuten. Wenn das entstehende weltpolitische Machtvakuum zu Chinas Vormachtstellung führt, muss die Regierung des Landes die immense Verantwortung für die Anführung der Entwicklung ernst nehmen. Auf Unterstützung angewiesene Länder sind bereit für nachhaltige Infrastruktur, und sie verdienen bessere Unterstützung als die, die ihnen bisher zuteil geworden ist.

Dieser Artikel erschien zuerst auf The Conversation. Mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.


Image (adapted) „Straße“ by Erdenbaya (CC0 Public Domain)


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Der nächste Schritt in nachhaltigem Design: Das Wetter kommt nach Hause

Bäume(adapted) (Image by 3938030) [CC0 Puplic Domain] via Pixabay)

Der primäre Zweck eines Gebäudes mag darin bestehen, das Wetter draußen zu halten. Allerdings erledigen die meisten Häuser ihre Aufgabe so überdurchschnittlich gut, dass sie uns versehentlich von zwei Schlüsselanforderungen für unser Wohlbefinden und unserer Effektivität berauben: Natur und Veränderung.

In den 1950ern begründete Donald O. Hebb mit seiner Erregungstheorie, dass Leute einen bestimmten Grad an Sinnesstimulation benötigen, um vollkommen aufmerksam zu bleiben. 30 Jahre später zeigt die wegweisende Forschung von Roger Ulrich, einem Designer im Gesundheitswesen, dass Krankenhauspatienten in Räumen mit Blick ins Grüne deutlich niedrigere Stresslevel hatten und schneller gesund wurden als Patienten, die lediglich auf eine Ziegelwand schauen konnten.

Unglücklicherweise sind viele Gebäude nicht mit einer grünen Umgebung gesegnet – vor allem in der Stadt ist dies der Fall. Ich bin in einer Gruppe von Architekten und Psychologen an der University of Oregon aktiv. In dieser Gruppe untersuchen wir Möglichkeiten, um dieses Problem mit Hilfe der Natur zu überwinden. Hierfür bedienen wir uns eines Aspektes, der überall verfügbar ist: Das Wetter. Man denke an wogendes Sonnenlicht, reflektiert vom Wasser an die Unterseite eines Bootes. Oder an gesprenkelte Schatten von sich in einer leichten Brise wiegenden Laubes. Andere Beispiele finden sich unter vitalarchitecture.org.

Als wir diese Arten von natürlichen Bewegungen nach drinnen brachten, stellten wir fest, dass diese die Herzfrequenz reduzieren und weniger störend wirkten als ähnliche, künstlich erzeugte Bewegungen. Frühe Ergebnisse suggerieren, dass das Wahrnehmen von natürlichen Bewegungen dieser Art in Innenräumen wohltuender war als durch ein Fenster die Natur zu betrachten. Darüber hinaus kann diese Aussicht nicht nur dazu beitragen, uns zu beruhigen, sondern kann auch unsere Aufmerksamkeit steigern.

Diese Befunde decken sich mit der Aufmerksamkeitswiederherstellungstheorie, die von Rachel und Stephen Kaplan – die als Psychologen an der University of Michigan arbeiten – aufgestellt wurde. Neben anderen Gesichtspunkten suggeriert deren Arbeit, dass derartige vertraute natürliche Bewegungsmuster uns wachsam zu halten können, ohne uns zu stören.

Jenseits des grünen Gebäudes

Während der letzten zwei Jahrzehnte haben Architekten und Ingenieure Ansätze für Gebäudedesigns entwickelt, die den Einfluss von Bauwerken auf die natürliche Umgebung („grüne“ Gebäude) und deren menschlichen Bewohner („gesunde“ Gebäude) bedeutend reduzieren. Diese Bewegungen konzentrieren sich jedoch in erster Linie auf neue Gebäude, was lediglich einer relativ kleinen Anzahl von Leuten zugutekommt. Im Vergleich zu den vielen Menschen, denen damit geholfen werden könnte, bereits bestehende Bauten bewohnbarer zu machen.

Außerdem sind sich viele Leute dieses Fortschritts nicht bewusst. Inklusive derer, die für das Beauftragen von Konstruktionen oder Umgestaltungen von Gebäuden verantwortlich sind. Viele Hauptmerkmale der grünen Gebäude, wie beispielsweise Energie und Wasserschutz, sind nicht umgehend wahrnehmbar. Daher liegen diese einfachen, aber wichtigen Faktoren oft brach.

Diverse führende Berichterstatter zu nachhaltigem Design – unter ihnen auch Judith Heerwagen oder der kürzlich verstorbene Stephen Kellert – haben angeregt, dass grüne Gebäude nicht länger einfach nur „keinen Schaden anrichten“ dürfen, um einen bedeutungsvollen Einfluss auf die gewaltigen Umweltprobleme zu haben. Vielmehr zählen die Fachleute Argumente auf, dass mittels der Bauwerke Möglichkeiten aufgezeigt werden müssen, um mit der Natur in Harmonie zu leben. Unser Bericht schlägt vor, dass man passive energiesparende Ausstattung in Gebäuden offensichtlicher für jene machen könne, die über diese verfügen und sie bewohnen. Indem man Sonnenlicht, Wind und Regen nach drinnen bringt, kann deren Verwendung gesteigert werden.

Das Wetter nach drinnen bringen

So kann beispielsweise ein lichtreflektierender Einlegeboden ein Hilfsmittel sein, der gewöhnlich an Fenstern von bestehenden Häusern nachgerüstet werden kann, um das Tageslicht tiefer in den Innenraum zu reflektieren. Aaron Weiss, ein Absolvent der University of Oregon, hat zusammen mit mir aufgezeigt, dass besagtes Brett sich bewegende Sonnenstrahlenmuster auf die Decke im Inneren reflektiert. Dies geschieht, wenn sich ein dünner Wasserfilm auf einem reflektierenden Brett befindet und der Wind darauf bläst.

In kontrollierten Experimenten unter der Verwendung eines fensterlosen Raums, eines Ventilators und einer energiereichen Lichtquelle konnten wir feststellen, dass das besagte windbewegte Sonnenlicht nicht nur die Herzfrequenzen der Bewohner senkte, sondern sich auch als beruhigender erwies als künstlich generierte Bewegungsmuster. Hier muss man betonen, dass die Windbewegungen nicht die Menge an übertragenem Licht reduzierte. Indes wurden die Ablagen umso sichtbarer für die Leute, die den Raum nutzten.

Wir fanden heraus, dass dasselbe für eine Reihe anderer grundlegender passiver Energiespartechniken zutrifft, samt Solarheizung, Sonnenschutz und natürlicher Belüftung. Das Hinzufügen von Sonne, Wind oder regengenerierten Bewegungen reduzierte nicht die Umweltleistung. Es offenbarte aber deren Funktionsweise für die, die das Gebäude benutzen.

Die beruhigenden Effekte der natürlichen Innenraumanimation könnten insbesondere hilfreich sein an stresserfüllten Orten, wie Krankenhäusern oder Arztpraxen. Also besonders an Plätzen wo Leute zusätzlichen Stress durch Warten erfahren. Aquarien werden zum Beispiel häufig in Wartezimmern verwendet, da man feststellte, dass sie beruhigende Effekte auf Patienten haben. Die Stressreduzierung kann sogar größer sein, wenn Bewegungen im Innenraum durch die freie Natur erzeugt werden. Wie zum Beispiel durch das Wetter.

Wie jedoch können wir die Bewegung ins Innere bringen? Ohne den Hauptzweck eines Bauwerks – der Schutz vor dem Wetter – zu untergraben? Es gibt drei einfache Wege. Wir können wettergenerierte Bewegungen in verglasten Innenhöfen einbauen; wir könnten Sonnenlicht nutzen, um Bewegungen von außerhalb auf innenliegende Oberflächen zu projizieren. Wir könnten es allerdings auch auf die Außenseite von lichtdurchlässigen Materialien wie beispielsweise Milchglas projizieren.

Kein echter Ersatz für Natur

Heutzutage sind auf diese Weise viele Arten von Naturphänomenen technisch zugänglich. Wir können Videos von sanft rollenden Meereswellen anschauen oder zu Regengeräuschen einschlafen. Es gibt sogar hochentwickelte Softwareprogramme, die diese Effekte digital erzeugen können. Also warum den Kampf mit der Neugestaltung von Gebäuden durchmachen, um diese Effekte nach drinnen zu bringen?

Um diese Frage zu beantworten, haben Jeffrey Stattler, ehemaliger Doktorand an der University of Oregon, und ich einen digitalen Schatten eines Baumes auf die Wand eines fensterlosen Raumes projiziert und getestet, ob es irgendeinen Unterschied in den Reaktionen der Leute gab. Die Reaktion hing davon ab, ob die Bewegung des elektronischen Baums von Veränderungen des Windes draußen oder vom Computerprogramm erzeugt wurde.

Die meisten Leute konnten nicht feststellen, ob die Bewegungen vom Wind oder vom Computer generiert wurden. Wenn diese jedoch glaubten, dass die Bewegungen durch den Wind erzeugt wurden, waren deren Beurteilungen der positiven Effekte in allen Kategorien bedeutsam höher. Anders gesagt: Wahrnehmungsveränderungen innerhalb eines Gebäudes haben wahrscheinlich eine größere positive Auswirkung auf uns, wenn wir denken, dass sie natürlich und lebendig sind. Wenn wir also nicht darauf vorbereitet sind, Leute zu täuschen, gibt es keinen wirklichen Ersatz für das Original.

Gemäß der Umweltschutzbehörde verbringen Leute in den Vereinigten Staaten heute mehr als 90 Prozent ihrer Leben drinnen. Eigenschaften, die uns in Innenräumen entspannter und produktiver machen, könnten so auf viele Menschen deutlich positive Effekte haben.

Beleuchtung, Beheizung und Kühlung dieser Bauwerke macht fast 40 Prozent des US-Energieverbrauchs aus. Dieselben natürlichen Innenraum-Animationseffekte könnten außerdem helfen, diese Prozentzahl zu reduzieren. Das geschieht, indem das öffentliche Bewusstsein des passiven Energiesparens in Gebäuden erhöht wird. Neben den praktischen Vorteilen für Mensch und Umwelt zeigt uns diese wetterbedingte Innenraum-Animation auch, dass uns unsere Häuser wieder mit der Natur in Verbindung bringen können. Obwohl wir uns zugleich von deren Extremen in der Natur distanzieren.

Dieser Artikel erschien zuerst auf „The Conversation“ unter CC BY-ND 4.0. Übersetzung mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.


Image (adapted) „Bäume“ by 3938030 (CC0 Public Domain)


The Conversation

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Die Netzpiloten sind Partner des CSR Kommunikationskongresses 2017

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Unternehmensverantwortung und Nachhaltigkeit sind Schlagwörter unserer Zeit – nicht nur in der öffentlichen Diskussion, sondern auch innerhalb von Unternehmen bildet sich das CSR-Management zu einem erfolgskritischen Faktor heraus. Die gelungene Kommunikation von Verantwortung und die Verantwortung innerhalb der Kommunikation sind für den Unternehmenserfolg unabdingbar – deswegen ist der 2. Deutsche CSR Kommunikationskongress am 9. und 10. November in Osnabrück diesen Themen gewidmet.

Der Kongress ist eine Initiative des gemeinsamen Arbeitskreises CSR-Kommunikation der Deutschen Public Relations Gesellschaft (DPRG) und des Deutschen Netzwerk Wirtschaftsethik (DNWE) und wird in Kooperation mit dem Zentrum für Umweltkommunikation der Deutschen Bundesstiftung Umwelt umgesetzt.

Vor allem für CSR-Manager und Kommunikationsmanager aus kleinen und mittelständischen Unternehmen sowie Großunternehmen, Konzerne und Vertreter aus Zivilgesellschaft, Wissenschaft und Lehre ist der Kongress von Bedeutung.

Diese Themen erwarten euch

Bei der CSR- Kommunikation gibt es noch viele ungelöste Fragen, die der Kongress zu beantworten versucht: Welche Verantwortung trägt das Unternehmen hinsichtlich der Auswirkungen seiner Geschäftstätigkeit? Welche Bedeutung haben diese Entwicklungen für die Zukunftsfähigkeit des Unternehmens? Doch auch Fragen zu Energie- und Ressourceneffizienz, Klimawandel, Globalisierung und Demographie stellen die Unternehmen im Rahmen des CSR-Managements unter Handlungsdruck.

Unter den Referenten werden unter anderem Prof. Götz W. Werner, Geschäftsführer und Gründer des dm-Drogeriemarkts, und Dr. Holger Hoff, Senior Scientist am Stockholm Environment Institute und am Potsdam Institut für Klimafolgenforschung, erwartet.

Lasst euch diese einmaligen Kongress nicht entgehen! Weitere Informationen zur Anmeldung und zum Programm findet ihr hier.

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Wie man Straßen zu Solar-Kraftwerken macht: Interview mit Donald Müller-Judex von Solmove

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Es gibt Erfindungen, die sieht man und vergisst sie sofort – und es gibt Erfindungen, bei denen man sich fragt, wieso man nicht schon viel früher darauf gekommen ist. Die solarbetriebene Straße gehört für mich definitiv zur zweiten Kategorie: So genial, dass ich es sofort und überall haben möchte. Denn sie erzeugt nicht nur Strom durch regenerative Energien und spart dabei das Kraftwerk, sondern kann auch die Beleuchtung auf der Straße ersetzen und irgendwann auch direkte Energiequelle für den Antrieb selbst sein. Buh, langweilige Asphaltstraßen, das muss doch besser gehen! Und genau das passiert gerade.

In Zeiten, in denen wir uns dringend Gedanken um Nachhaltigkeit und Möglichkeiten für erneuerbare Energien machen müssen, ist die Frage nach einem sinnvollen Solarkonzept ohnehin evident. Doch für Solar braucht man neben Sonne vor allem eines: viel, viel Platz. Man könnte nun also Anlagen bauen und Ausdehnungsfläche verstellen – oder man nutzt das, was man schon hat: Kilometerlange Flächen, die einfach in der Landschaft liegen.

Es gibt mittlerweile mehrere Konzepte aus verschiedenen Ländern. In Frankreich wurde Ende 2016 der erste Auto-Kilometer von Wattway eröffnet, in den Niederlanden entwickelt man die erste Fahrradstraße mit Solarfunktion, und in den USA forschen gerade auch mehrere Firmen an „smart Highways“ um die Wette. Nur in Deutschland, dem Land der Autobahnen, tat sich lange nichts – bis Donald Müller-Judex 2014 sein Unternehmen Solmove gegründet hat, um auch die deutsche Industrie auf den Geschmack zu bringen. Ich habe ihn Ende Januar zum Interview auf der Green Tech Challenge getroffen.

Donald Müller-Judex (via Solmove)
Gründer und Erfinder: Donald Müller-Judex (via Solmove)

Wie kamen Sie auf die Idee zu der solarbetriebenen Straße?

Die Idee zur Solarstraße hatte ich, als ich einmal durchs Allgäu gefahren bin. Ich wollte dort ein Dach mieten, um eine Solaranlage da drauf zu bauen. Die Technologie gab es schon. Das war sehr lukrativ, es gab eine große Förderung – aber es hat nicht jeder ein Haus, wo er eine Anlage bauen kann. Also habe ich eins gesucht, was ich gerne hätte mieten wollen. Ich habe aber keins gefunden, weil im Allgäu auf jeder Scheune schon eine Solaranlage war.

Ich bin dann ganze drei Tage über sonnenbeschienene einsame Landstraßen gefahren, habe aber kein freies Dach gefunden. Irgendwann fiel es mir dann ein: Wenn man die Straßen nutzen könnte, könnte man Flächen ohne Ende haben und so viel Strom erzeugen, dass es auch lange in die Zukunft reicht. Ich habe das dann auf die deutschen Straßen umgerechnet und herausgefunden, dass man alle 50 Millionen Autos mit Strom fahren lassen könnte, wenn man alle Flächen nutzen würde, die da sind.

Sie haben dann Solarmodule aus gehärtetem Glas entwickelt, die man wie Gehwegplatten verlegen kann. Wie funktionieren die, wo sollen sie eingesetzt werden – und hält das überhaupt?

Die Module funktionieren ganz einfach, wie beim Taschenrechner: Sonne rein, Strom raus. Photovoltaik ist eine Technologie, die ohne mechanische Bewegungen und komplizierte Kleinteile auskommt. Es gibt nur wenig Verschleiß, weil sich nichts bewegt. Und wir wollen mit unserer Technologie auf Straßen oder in Regionen vertreten sein, wo wenig Verkehr und viel Sonne ist. Man muss nicht immer nur an Autobahnen denken oder an innerstädtische, hochbelastete Straßen – es gibt ganz viele Flächen, wo kaum ein Auto fährt: beispielsweise Seitenstreifen von Autobahnen oder auch viele Straßen in den Industrie- und Wohngebieten, zwischen Feldern, und, und, und. Allein diese ganze Flächen machen schon ein Riesenmarkt aus.

Es muss dann aber auch eine befestigte Straße sein, richtig? Ein Waldboden würde beispielsweise nicht funktionieren.

Nein, ein Waldboden würde hier nichtfunktionieren, allein schon, weil dort zu viel Schatten ist. Und wir haben unser Produkt so konzipiert, dass wir uns einfach auf vorhandene Flächen, die tragfähig genug sind, oben drauf kleben können. Die Module sind in einer gewissen Art beweglich, so dass wir den Kurven der Straße folgen können. Außerdem kann man sie leichter austauschen, wenn sie doch mal kaputtgehen, und muss nicht gleich die ganze Straße aufreissen.

Warum haben Sie für das Konzept ausgerechnet Deutschland ausgesucht? Das ist hier nun nicht unbedingt die sonnigste Gegend.

Es gibt ein paar sehr gute Gründe, in Deutschland anzufangen und dann in die Welt hinauszugehen. Einer der Gründe ist, dass es hier ganz starke politische Kräfte gibt, die durch den Wunsch der Gesellschaft entstanden sind, hier etwas zu ändern. Wir sind die Generation, die es geschafft hat, 80 Prozent der Erdölreserven in weniger als 50 Jahren zu verbrauchen und wir haben nichts mehr – oder zumindest wird es bald soweit sein. Wir brauchen aber als Industrienation eine Alternative. Wenn wir es schaffen, den Strom, den wir brauchen, im Land zu erzeugen, sind wir ganz weit vorn. Das haben zwar bis jetzt erst wenige Leute verstanden, aber die, die es verstanden haben, helfen uns.

Solarstrasse (Image via Solmove, Screenshot by Anne Jerratsch)
So soll die Solarstrasse einmal aussehen. Die Grundlage ist bereits vorhanden, sagt Donals Müller-Jufex. (Image via Solmove, Screenshot by Anne Jerratsch)

Der Markt dafür ist sehr groß und die Bereitschaft, zu investieren, steigt hoffentlich auch immer weiter. In anderen Ländern ist das deutlich leichter, weil es da mehr Sonne gibt – und weniger Bürokratie, das hilft ganz sicher. Deswegen werden wir auch in anderen Ländern aktiv werden. Wir werden dieses Jahr in China, in Korea und auch in den USA Testfelder bauen, um dort zu zeigen, dass es funktioniert.

Der Bund hat die Solarförderung immer wieder gekürzt. Wie passt das zu Ihrem Konzept?

In Deutschland ist es so, dass die Subventionen sehr geholfen haben, die Photovoltaik nach vorne zu bringen. Wir haben über 1.5 Millionen private oder kleine Solarkraftwerke, die zum Energiesystem beitragen, die unglaubliche Veränderungen initiiert haben, von der wir in zehn, 20, 30 Jahren noch maßgeblich profitieren werden. Die Subvention war für uns super und es war auf lange Sicht auch sinnvoll, diese Subventionen wieder runterzufahren. Denn in diesem Moment wurde die Photovoltaik weltweit so viel günstiger, dass der Solarstrom heute weniger kostet als Atomstrom und Kohlestrom – und das ist extrem wichtig. Jetzt hat die ganze Welt erkannt, dass die Zeit von Kohle und Atomstrom vorbei ist, weil es eine bessere Alternative gibt. Wir sind dabei, die Solarstraße salonfähig zu machen. Und vielleicht gibt es dafür eines Tages auch wieder eine Förderung, die dann hilft, unsere Technologie nach vorne zu bringen.

In China gibt es bereits Schnelllademodule für Busse, die sind aber noch in der Testphase. Wird es auf der Solarstraße auch Schnelllademodule geben? Wie ist der aktuelle Stand?

Wir werden dieses Jahr auf dem Gelände der Bundesanstalt für Straßenwesen und auf einem anderen Testgelände in der Nähe Peking eine Anlage bauen. Dieses Projekt wird zusammen mit einem Partner verwirklicht, wo wir zeigen, dass der Strom, der solar erzeugt wird, von den Paneelen unserer Partner induktiv in Autos hineingeladen werden kann, während sie fahren. Das ist revolutionär und neu und hat diverse Vorteile. Zum Beispiel, dass die Autofahrer keine Zeit mehr aufbringen müssen, um ihre Autos nachzuladen, dass das Reichweitenproblem damit eigentlich gelöst ist, dass die Autos weniger Batterien brauchen. Das heißt: mehr Platz, weniger Kosten, weniger Gewicht.

Die Chinesen fangen damit jetzt an und wollen zur Olympiade 2022 zeigen, wie das funktioniert. Dort werden auf einer Strecke zwischen Peking und Zhangjiakou auf 190 Kilometern Shuttlebusse fahren, die das Olympiavolk hin und her bringen. Diese Busse fahren elektrisch und autonom. Sie fahren auf einer induktive Ladespule, quasi auf einer elektronischen Schiene, die den Bus mit Strom versorgt, während er fährt. Dieser Strom wird mit unseren Modulen regenerativ erzeugt.

Das klingt vielversprechend! Und wann haben wir das alles auch in Deutschland?

Sie könnten mich ja zum Verkehrsminister wählen, dann dauert das noch ungefähr zehn Jahre, und dann haben wir das.

Vielen Dank!


Images (adapted) via Solmove, Screenshot by Anne Jerratsch


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Meerjungfrauen hassen Plastik

VonWong_PlasticMermaid-4_Plastic_Drain (adapted) (Image by Benjamin Von Wong)

Auf Benjamin Von Wongs Bildern schwimmen Meerjungfrauen in 10.000 Plastikflaschen – er kreiert ästhetische Fotos, die auf verschmutzte Ozeane aufmerksam machen sollen. Der 30-jährige Fotograf sprach mit mir über seine Arbeit und Beweggründe.

Umweltkampagnen gegen Plastikkonsum kennt man eigentlich anders – man sieht tote Fische an vermüllten Stränden oder Vögel, in deren Gefieder oder Schnäbeln Plastikreste stecken. Benjamin Von Wongs Bilder greifen die gleiche Thematik auf, doch lässt er wunderschöne Fabelwesen in einem Flaschenmeer schwimmen, in Wellen aus Plastik tauchen und in Tropfen aus dem blauen Kunststoff verweilen. Faszinierende Fotos – die zugleich abschreckend wirken, sobald man den Titel liest: Mermaids hate plastic. Die Bilder, die aus der Natur und Fantasie inspiriert sind, zerstören zugleich ihre wundersame Wirkung, wenn die harte Realität auf Fotokunst stößt.

Kurze Zeit nach ihrer Veröffentlichung auf Benjamin Von Wongs Blog, Facebook und Youtube sind sie viral gegangen. Was die Internet-Gemeinde begeistert, sind nicht nur die Fotos, sondern auch der Entstehungsprozess der Kunstwerke, den Benjamin in einem kurzen Video erklärt.

Extravagant – Einzigartig – Anders

Auf die Idee für das Fotoprojekt kam er, als seine Mutter per Zufall auf eine Schneiderin stieß, die sich auf Meerjungfrauen-Kostüme spezialisierte: „Ich habe immer versucht, gewöhnliche, alltägliche Dinge in etwas Außergewöhnliches mit meiner Fotografie zu verwandeln. Die Bilder müssen extravagant, einzigartig und anders sein, damit sie Menschen ansprechen. Meerjungfrauen symbolisieren für mich die Schönheit des Ozeans, Plastikflaschen zerstören ihn – die Idee war geboren. Meine Bilder sollen zu einem Symbol werden.“

Ein riesiger Lastwagen transportierte die 10.000 Plastikflaschen zu der Lagerhalle in Montreal, die für einen Tag in ein Flaschenmeer verwandelt werden sollte. Benjamin trommelt per Social Media Freiwillige, Familie und Freunde zusammen, die mit ihm die Flaschen wuschen und von Etiketten und Deckeln befreiten. In ihnen badete dann das Model Clara Cloutier. Ganze sechs Sekunden, bis der Final-Shot im Kasten war – ein Tag schweißtreibende Arbeit für das Team rund um Benjamin.

#mermaidshateplastic

Am ersten Tag schauten bereits 1,5 Millionen Menschen das Video an, das Benjamin am 12. Dezember auf seinen Kanälen postete. Einen Monat später sind es ganze 18 Millionen Views. Die Online-Petition #mermaidshateplastic, die neben den Videos, Fotos und Blogeinträgen online ging, sammelte bis jetzt über 12.000 Unterschriften.

Benjamin erklärt mir, dass er versucht, den Hunger nach Neuartigem, Schönem und zugleich Schrecklichem des Internet-Publikums zu stillen: „Ich versuche, die Balance zu finden und verbinde oft schockierende Inhalte und Titel mit ästhetischen Bildern. Ganz wichtig ist, dass ich meine Bilder immer konzeptualisiere. Die Menschen werden auf eine Reise mitgenommen. Das ist das, was meine Artwork ausmacht – sie hat nicht diesen belehrenden Charakter wie viele andere Umweltprojekte, sondern ich zeige, was für ein Abenteuer wir erlebt haben.“

2050 gibt es mehr Plastik auf der Erde als Fische im Wasser

Damit käme er nicht nur an Menschen, die sich sowieso für die Umwelt engagieren, sondern erreiche ein größeres Zielpublikum: „Wer auf meine Bilder klickt, erfährt, wie sehr unser Plastikkonsum die Erde gefährdet. Wenn wir so weitermachen wie bisher, gibt es 2050 mehr Plastik auf dem Planeten als Fische im Wasser. Das ist erschreckend!“, erklärt der gelernte Bergbauingenieur. Er kündigte seinen festen Job, um sich seiner Leidenschaft zum widmen: „Der einfachste Weg, mich zu beschreiben, wäre Fotograf, doch ich blogge auch, filme, halte Vorträge und unterrichte. Meinen Stil kann man eigentlich ganz einfach zusammenfassen: Meistens mache ich irgendetwas völlig Verrücktes mit irgendjemand völlig verrücktem und teile dann den Entstehungsprozess. Wie einen magischen Trick, den man enthüllt“. Auch zu der Golf Photo Plus Week 2017 in Dubai ist er eingeladen, um sein Wissen, das er sich selbst angeeignet hat, weiterzugeben.

Bei der E.G. Conference in Kalifornien, die jährlich Erfindern und Kreativen unserer Zeit das Wort gibt, rief Benjamin dazu auf, mit neuen Ideen für Foto-Projekte zu ihm zu kommen: „Ich glaube, dass ich Menschen mit meiner Kunst reizen kann, sich mehr für die Umwelt zu engagieren und über sie zu lernen. Ich habe eine kleine Armee an Unterstützern, Make-Up-Artists und Designern zur Hand, die sich auf das nächste Projekt freuen. Wenn du also eine Idee, hast, dann kontaktiere mich, damit wir etwas tolles auf die Beine stellen und die Welt ein wenig besser machen können.“


Image „Plastic Mermaid 4 Plastic Drain“ by Benjamin Von Wong


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Digitale Lösungen für analoge Probleme – Reloaded

glühbirne-image-by-jniittymaa0-via-Pixabay-[CC0 Public Domain]

Vor nunmehr 4 Jahren hatte ich an dem spannenden Buchprojekt Reboot_D von Ulrike Reinhard und Hendrik Heuermann mitgewirkt, in dem es darum ging, die analoge Welt mit digitalen Vorzeichen neu zu denken. Unter der Überschrift „Digitale Lösungen für analoge Probleme“ hatte ich mich gefragt, in welcher Weise bis dato die Digitalisierung zur Lösung politischer Probleme beigetragen hatte und warum dies in analogen Zeiten vorher nicht möglich gewesen war.

Mit Blick auf die fehlende Nachhaltigkeit unserer Lebensweise, den Klimawandel und die Änderung nicht-nachhaltiger Geschäftspraktiken skrupelloser Alt-Unternehmen, die mit Hilfe von manipulierter Software unserer aller Lebensgrundlage zerstören helfen, ergibt sich erneut die Frage, wie man mit digitalen Tools und Produkten die Welt ein kleines bisschen besser gestalten kann. Einige Filme und Keynotes der letzten Tagen haben aus meiner Sicht gezeigt, wie dies vonstatten gehen könnte.

Der im Netz viel diskutierte desaströs Beginn (Stichwort: Digitale Demenz bei Anne Will) der ARD Themenwoche zur Zukunft der Arbeit hat wieder eines gezeigt: Es fehlt in Deutschland an Vordenkern, die uns einen (Aus-) Blick auf globale Trends und Themen zeigen können und es fehlt weiterhin an entsprechenden Altmedien, die in der Recherche relevanter Themen und dieser internationalen Vordenker auf der Höhe der Zeit sind. Wie kann es sein, dass uns ausgerechnet der Altmeister des deutschen Films Werner Herzog mit über 70 Jahren mit „Lo and Behold“ einen spannenden Blick auf die Zukunft des Internets, der Robotik und damit der Gesellschaft zeigt?

In dieser Woche hatte ich aber Gelegenheit, weitere drei Filme bzw. Präsentationen zu schauen, die uns zeigen, wie sich Geschäftsmodelle mit Hilfe von Blockchain in Richtung sozialer Nachhaltigkeit ändern können (Don Tapscott), in welcher Weise Geschäftsmodelle ökologische Nachhaltigkeit fördern können (SolarCity) und warum wir ein Interesse an diesen Änderungen haben sollten (Leonardo DiCaprio).

National Geographic hat seit drei Tagen den Klimawandel-Film von Leonardo DiCaprio „Before the Flood“ in seinem YT-Channel freigeschaltet. Der Kampf gegen den Klimawandel und die Förderung der Solarindustrie, alles dies waren mal deutsche Kernkompetenzen. Aus und vorbei. Im Film von LDC wird stattdessen die Giga-Factory von Tesla gezeigt und das Geschäftsmodell und die Mission dahinter vorgestellt.

In welchem Kontext die Giga-Factory zu verstehen ist, kann man erahnen, wenn man die aktuelle Keynote von Elon Musk zur Vorstellung des Konzepts der Solardächer anschaut. Die Keynote – unter freiem Himmel – als Chef eines Industrieunternehmens mit der Botschaft zu beginnen, dass 404 ppm CO2 Antrieb für deren Überlegungen sei, ist gerade aus deutscher Sicht erstaunlich. Man stelle sich Zetsche oder Müller vor, wie sie versuchen, „Nachhaltigkeit“ mit ihren Produkten zu bewerben. Was die Keynote zeigt, ist die Erkenntnis, dass Nachhaltigkeit und Business sich nicht ausschließen sondern ganz im Gegenteil gegenseitig bedingen.

Ebenso wie Jobs versteht es Musk, eine Sache, die die Menschen bewegt, mit einem Industrieprodukt und einer Dienstleistung zu verbinden. Wen erinnert der Dreiklang in der Musk-Keynote – Generation, Storage, Transport – und die daraus folgende Ableitung des Produkts nicht an die Jopbs-Keynote zur Vorstellung des iPhones, der damals in ähnlicher Weise drei Produkte zu einem neuen verbünden hatte. Haus, Auto und Energie integriert zu betrachten, ist im Grunde genommen so naheliegend und bleibt schnell im Kopf hängen. Und schon fragt man sich, wieso dies bisher immer getrennt betrachtet worden ist.

Wie sich Geschäftsmodelle mit Hilfe der Blockchain-Protokolle schließlich komplett erübrigen können und inwiefern dies allen Menschen im Sinne sozialer Nachhaltigkeit zugute kommen kann, stellt Don Tapscott in seinem aktuellen TED-Talk vor. Zwischenhändler, die sowieso nur abkassieren, Gatekeeper sind und Ungleichheiten verstärken, können mit der Blockchain-Technik komplett eliminiert werden. Tapscott nennt als Beispiele die Sicherung von Eigentumsrechten bezogen auf Landbesitz, das Peer2Peer-sharen, die individuelle Datensouveränität und die unmittelbare Entlohnung von Inhalte-Schaffenden.

Alle Filme zusammen genommen zeigen uns ein Bild auf, warum es nicht nur Technik ist, über die wir reden sondern warum Technik soziale und politische Implikationen hat und warum dies den herrschenden Akteuren – Ölkonzernen, Banken, Blechebiegern – nicht gelegen kommt. Denn: Es geht um Macht.


Image „glühbirne“ by jniittymaa0 (CC0 Public Domain)


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Schwarm-Mobilität statt Schmieröl-Weisheiten im Land der Autobauer

In Deutschland bekommt man schon Schnappatmung, wenn das Ende des Verbrennungsmotors für 2030 erwogen oder auch nur angedacht wird. Die KP China gibt ein anderes Tempo vor – wie bei der Digitalisierung. In gut einem Jahr müssen nach einem Bericht der SZ für acht Prozent aller in China verkauften Fahrzeuge sogenannte Kreditpunkte gesammelt werden, 2019 dann für zehn Prozent und 2020 zwölf Prozent.

„Die Faustformel, mit der die Konzerne derzeit kalkulieren, lautet: vier Punkte für ein Elektrofahrzeug, zwei Punkte für einen Plug-in-Hybriden“, schreibt die SZ. VW müsste 2018 für den chinesischen Markt rund 60.000 E-Autos herstellen. Bei Plug-in-Hybriden mit einer elektrischen Reichweite von 50 Kilometern seien sogar 120.000 Exemplare notwendig. Gelingt das nicht, müsste VW entweder die Produktion drosseln oder aber anderen Herstellern Kreditpunkte abkaufen. Und das könnte teuer werden.

Probleme für die Exportnation

Jetzt wird hoffentlich auch den Industrie-Lobbyisten blitzschnell klar, wie idiotisch es ist, das Märchen von der guten, alten Exportnation mit Schmieröl und rauchenden Schloten wie zu Wirtschaftswunder-Zeiten zu erzählen. Die Automobilwirtschaft steht vor dem größten Wandel seit der Einführung des Verbrennungsmotors. Die Grenzen der Geschäftszweige verschwimmen, branchenfremde Anbieter erobern den Markt und Newcomer wie Tesla demonstrieren, wie man Elektroautos richtig in Szene setzt. Wertschöpfungsketten werden rekonfiguriert und digitale Plattformen treiben die Vernetzung der Fahrzeuge voran. Und was passiert in Deutschland? Da dominieren Teflon-Statements der politischen und wirtschaftlichen Elite.

Die Vergreisung der Auto-Lobby

Der Ökonom Joseph Schumpeter würde das so kommentieren: Der Zwerg von gestern ist der Riese von heute und der Greis von morgen. Die deutsche Automobilindustrie und die Regierungspolitik sind auf dem Weg in die Vergreisung.

Die alten Industriedenker versäumen es, zukunftsfähige Mobilitätskonzepte zu entwickeln, moniert der Wuppertaler Unternehmer Jörg Heynkes im Utopie-Podcast #KönigvonDeutschland. „Der Umstieg der Antriebstechnologie von einem dreckigen und völlig ineffizienten Verbrennugnsmotor auf einen sauberen Elektromotor ist nur ein erster Schritt. Hier wird nur ein kleiner Teil der Mobilitätswende abgebildet, die wir in Deutschland und Europa brauchen. Ansonsten stehen die Elektrofahrzeuge im gleichen Stau wie die Verbrenner.“

Heynkes bemängelt, dass es in der Politik noch nie den Willen gegeben hat, sich nicht mehr als reines Autoland zu definieren. Etwa bei der Organisation des Schienenverkehrs – lokal, regional und überregional. In Japan gibt es ein einziges Ticketsystem für Busse, Straßenbahnen, U-Bahnen und Hochgeschwindigkeitszügen. „Alles digital, alles mehrsprachig, von jedem Menschen auf der Welt zu bedienen. Alles läuft komplett über Smartphones.“

Bei uns herrsche ein Dschungel von völlig unterschiedlichen Systemen mit grottenschlechten Benutzungsoberflächen. Die Systeme in Japan seien nicht nur einheitlicher, sie funktionieren unfassbar pünktlich. Die Verspätungen aller Zugverbindungen mit dem Shinkansen summierten sich im vergangenen Jahr auf läppische 50 Sekunden. So etwas schafft noch nicht mal eine ICE-Verbindung von Siegburg nach Frankfurt Flughafen.

Politik baut auf Autokäufer

„In der deutschen Politik gibt man sich damit zufrieden, dass Menschen deutsche Autos kaufen“, so Heynkes, der sich in Wuppertal als unabhängiger Kandidat für den NRW-Landtag bewirbt. Schon jetzt sei es möglich, auf einen erheblichen Teil der täglich stattfindenden Mobilität zu verzichten und sie flexibler zu organisieren. Etwa über Schwarm-Mobilität. „Während die Politik wertvolle Zeit verplempert, die schwerfällige Autoindustrie zu nähren, verschlafen wir die wirklich große Wende in der Neugestaltung unseres Landes“, erläutert Heynkes.

Dobrindt und Co. würden einseitig die Interessen der Automobilindustrie bedienen. „Die Kompetenz dieser Industrie beruht auf einem einzigen Produkt und auf einer einzigen Technologie – dem Bau von Verbrennungsmotoren. Das ist der einzige Unterschied zum Rest der Welt. Jetzt kommt eine neue Technologie, die nennt sich Elektromobilität und die ist so simpel, dass der altbewährte Kompetenzvorsprung, den man sich seit Ende des 19. Jahrhunderts erarbeitet hat, keine Rolle mehr spielt“, sagt Heynkes.

Kompetenzvorsprung aus dem 19. Jahrhundert geht verloren

Das sei ein echtes Dilemma, denn die alternativen Technologien und Szenarien lassen sich nicht mehr stoppen. Durch das Nichthandeln und verspätete Innovieren geraten wir global zunehmend ins Hintertreffen. Rund 3,6 Millionen Kilometer werden täglich Strecken mit Tesla-Autos zurückgelegt und produzieren so wertvolle Daten für die Konzeption von intelligenten Mobilitätssystemen, die in zehn bis 15 Jahren nichts mehr mit dem Status quo des Individualverkehrs zu tun haben werden. Der weltweit für Aufsehen sorgende Unfall eines Tesla-Fahrers wird nie wieder passieren, wenn alle Fahrzeuge ein Update bekommen. Bei uns wird der Fall instrumentalisiert, um die Mobilitätswende aufzuhalten. Entscheidend ist die steile Lernkurve der selbstfahrenden Systeme.

Teures Blech steht ständig am Straßenrand

Am Beispiel der Stadt Wuppertal skizziert Heynkes eindrucksvoll, warum wir die Zukunft nicht mehr durch einen Blick in den Rückspiegel gestalten sollten. Wuppertal hat 350.000 Einwohner und 200.000 PKW.

„Die Autos fahren aber nicht ständig durch die Gegend, sondern stehen im Schnitt 23,6 Stunden am Straßenrand, blockieren permanent Flächen und kosten aber 24 Stunden am Tag Geld. Das ist das absolute Gegenteil von Effizienz. Jetzt kommt ein neuer Anbieter und sagt: ‚Liebe Wuppertaler, die Mobilität, die ihr zur Zeit mit 200.000 PKW bewerkstelligt, können wir euch problemlos mit 25.000 Schwarm-Mobilen besser erledigen.'“

Solche ‚Fahrzeuge’ haben kein Gaspedal, keine Bremse, kein Lenkrad. Sie sorgen einfach nur für den Transport von A nach B. Man nimmt nur noch solche Dienste via App über eine Flatrate in Anspruch, ohne überhaupt noch eigene Autos zu besitzen. Keine KFZ-Steuer, keine Versicherung, keine Inspektion, kein Kauf von Sommer- und Winterreifen, keine nervige Parkplatzsuche, keine horrenden Gebühren im Parkhaus und keine teure Benzinbetankung in Abhängigkeit vom Ölkartell. Die Schwarm-Mobile sind lautlos, sauber, umweltfreundlich, dezentral verfügbar und sicher.

Schwarm-Mobile werden alles verändern

Der Zuwachs an Komfort und Lebensqualität durch Schwarm-Mobilität wird alles verändern. 90 Prozent weniger Unfälle, 90 Prozent weniger Werkstätten für Reparaturen, 90 Prozent weniger Taxifahrer, 90 Prozent weniger ADAC-Mitglieder. „Durch eine vernetzte Technologie zur Verbesserung unserer Mobilität ändern sich unfassbar viele Parameter – mit negativen und positiven Folgen, die die Politik jetzt durchdenken muss“, fordert Heynkes.

Was bedeutet das für die Stadtentwicklung und für die Verkehrsplanung? Stadt muss und darf komplett neu gedacht werden. In Wuppertal gibt es rund 630.000 PKW-Stellplätze, die jeweils rund 12,5 Quadratmeter beanspruchen. Fallen die weg, gewinnt man Flächen, um beispielsweise in Kombination von digitaler Technologie, Hightech-Landwirtschaft und Manufaktur Stadtfarmen mit kleinen Kraftwerken aufzubauen. Die Menschen in den Wohnquartieren bekommen gesunde Nahrungsmittel direkt aus der Nachbarschaft – gestern gewachsen, heute geerntet und morgen gegessen. Und das ohne Transportwege und Belastungen mit Emissionen. Obst und Gemüse können zu hochwertigen Produkten veredelt werden in dezentralen und gemeinwohlorientierten Organisationsformen. All das steckt in der Mobilitätswende, aber nicht in den Köpfen der Industriepolitiker und Lobbyisten. Das Notiz-Amt fordert mehr Utopien in der Politik.


Image „traffic“ by pixaoppa (CC0 Public Domain)


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Ohne bessere Finanzierung der Zivilgesellschaft scheitert der digitale Wandel

SAVE THE DATE Wir müssen über Geld reden - Unconference für die (digitale) Zivilgesellschaft - by Sebastian Haselbeck

Wann haben Sie das letzte mal für eine digitalpolitische Initiative gespendet? Wissen Sie, welche Mittel die digitale Zivilgesellschaft in Deutschland hat, im Vergleich mit Tierschutzorganisationen, dem ADAC oder ihrem Sportverein? Weil die Digitalisierung so rapide und tiefgreifend in unsere Gesellschaft eingreift, darf diese nicht nur von politischen und wirtschaftlichen Interessen alleine getrieben sein, es braucht auch eine starke Zivilgesellschaft, damit Deutschland die digitale Transformation erfolgreich und fair gestalten kann. Eine starke Zivilgesellschaft sichert Teilhabe großer Teile der Bevölkerung und schützt die Grundrechte. Dafür braucht sie eine solide Finanzierung, doch daran mangelt es.

Die Zivilgesellschaft aggregiert gesellschaftlichen Willen und Expertise abseits parteipolitischer Zwänge und wirtschaftlicher Interessen. Diese meist ehrenamtliche Arbeit kostet Geld. Die Vorstellung, der Motor unserer lebhaften Zivilgesellschaft würde allein von der Motivation und dem Schweiß selbstloser Idealisten angefeuert, ist ein Trugschluss. Gleichwohl mischen sich heute so viele Menschen ein wie nie zuvor. Viele ehrenamtlich engagierte Menschen tun dies zusätzlich zu einer Erwerbstätigkeit und haben oft mehr als nur ein gemeinnütziges Amt inne. Den meisten Organisationen der digitalen Zivilgesellschaft mangelt es an Ressourcen, um ihrer gesellschaftlichen Rolle nachhaltig und konsequent nachzugehen. Dabei ist eine aktive Zivilgesellschaft neben einer unabhängigen Presse ein ganz wesentlicher Bestandteil von Demokratie und Pluralismus, vor allem in Zeiten des Wandels.

Ohne Ressourcen keine Ideen

Mangelnde Ressourcen für die politische Arbeit und für Herausforderungen bei der kritischen Durchleuchtung der Treiber und Profiteure des Wandels der Gesellschaft, fehlende professionelle Koordination, Ressourcenmangel bei der Sicherstellung der Nachhaltigkeit von zivilgesellschaftlichen Engagement, Talentschwund und brachliegende Projektideen oder verpuffende Wirkung großartiger Ideen sind nur ein paar der Folgen. Vor allem in neueren Themenbereichen wie der Digitalisierung tun sich Vereine, Stiftungen und Initiativen besonders schwer, nachhaltig Mittel zu akquirieren.

Dies hat fatale Folgen für unser Land, denn nur eine aktive Zivilgesellschaft kann der Politik als fähiger Partner zur Seite stehen, gesellschaftlich nicht wünschenswerte Tendenzen kontrastieren und Gegengewicht für kurzfristige kommerzielle Agenden sein. Die Zivilgesellschaft ist meist getrieben von Idealen und langfristigen Vorstellungen, während viele Politiker und Konzerne in der Regel kurzsichtig agieren und die gesamtgesellschaftlichen Interessen nicht in dem gebotenen Maß berücksichtigen.

Beispiel Frequenzauktion: Als Rundfunkfrequenzen durch die Abschaltung des analogen Fernsehens frei wurden, kamen bei der Auktion nur eine Handvoll großer Konzerne zum Zug, zivilgesellschaftliche Initiativen wie Freifunk nicht. Überlegungen, diese Bandbreiten zum Erschließen von vom Internet ausgeschlossener Regionen zu nutzen (wie es beispielsweise in der snv-Studie dargelegt wird), wurden ignoriert. Der digitale Wandel birgt reihenweise unglaublich wichtige Themen und Chancen, die für unsere Gesellschaft langfristig von immenser Bedeutung sind. Doch im Gegensatz zu etablierten Politikfeldern gibt es keine ausreichend einflussreiche Stimme aus der Zivilgesellschaft für die digitalen Themen, die so neu, abstrakt oder technisch sind, dass häufig noch keine klassisch institutionelle Kapazitäten dafür zur Verfügung stehen.

Die Interessensgruppen einbeziehen

Neben der Wissenschaft und Forschung legt die transparente und vielfältige Beeinflussung von Politik durch Interessengruppen die intellektuelle Basis für politisches Handeln. Zu letzterem gehört auch eine gesunde, starke Zivilgesellschaft ähnlich wie etwa in den Bereichen Naturschutz, Bildung oder Sport, um gesellschaftlichen Ideen und Wünschen politisches Gehör zu verschaffen oder verschaffen zu wollen – Deutschland hat beim digitalen Wandel viel aufzuholen. Das können wir nur zusammen mit den vielen in der Gesamtgesellschaft verstreuten Gestaltern schaffen. Politik und der Wirtschaft müssen diese Gestalter auch institutionell einbeziehen. Notwendig ist auch auf den traditionellen Feldern der Zivilgesellschaft mehr Bewusstsein für digitale Themen. Beides zusammen kann auch die Finanzierungsproblematik mindern.

Das Magazin Politik Digital hat 2014 exemplarisch eine Umfrage in der Vereinswelt Berlins gestartet und sich erkundigt, wie es um die Finanzierung der digitalen Szene bestellt ist. Das Ergebnis: schlecht. Zwei Jahre später sieht es kaum besser aus. Während sich in anderen Ländern auch im Bereich der Digitalen Transformation längst eine Professionalisierung der Zivilgesellschaft entwickelt, wie man sie in hierzulande noch am ehesten aus dem Sportbereich kennt, sieht es in Deutschland eher mau aus.

Kaum eine Chance für die digitale Szene

Es braucht aber dringend mehr Bewusstsein bei Geldgebern und Bürgern für die Notwendigkeit, den digitalen Wandel auch zivilgesellschaftlich viel stärker zu fördern, damit dieser Bereich langfristig arbeiten kann und die teils horrenden Belastungen einzelner Freiwilliger besser zu stützen vermag. Der digitale Wandel scheint den Deutschen aktuell einfach zu wenig Wert zu sein. Konrad Lischka hatte das mal pro Kopf umgerechnet, die Situation heute ist wohl noch nicht besser.

Auch wenn sich in Deutschland kurzfristig wohl kaum einzelne Großspender für abstrakte digitalpolitische Themen und Initiativen finden werden, ist es dennoch notwendig, die Suche nach Mäzenen nicht aufzugeben. Genauso wie sich diverse industriegetragene Stiftungen etabliert haben, um die heutige Bundesrepublik gesellschaftlich mit zu gestalten, brauchen wir auch in den “neueren” Wirtschaftsbereichen mehr, größeres und vielschichtigeres Engagement in den finanziellen Größenordnungen von Mohn, Quandt, Krupp oder Albrecht. Darüber hinaus müssen sich auch öffentliche Fördermittelstrukturen stärker wandeln und den neuen Gegebenheiten anpassen.

Die Digitalisierung verlangt schnellere Finanzierungsvehikel, mehr Flexibilitäten, interdisziplinäre Ansätze und ein höheres Maß an Riskofreudigkeit, egal ob Investitionen, Grants oder Kofinanzierung durch die öffentliche Hand. Zu viele Gelder sind heute an unflexible und starre Fördervorgaben der analogen Welt geknüpft, die weitgehend in den Logiken der 80er Jahre verhaftet sind. Ganz konkret müssen in diesem Zusammenhang auch gesetzliche Bestimmungen her, um den Umgang mit öffentlich geförderten Unterfangen zukunftssicher, fair und transparent zu gestalten. Dazu gehören mehr flexible Ressourcen, aber auch Regelungen, die öffentlich gefördertes Wissen und wissenschaftliche Erkenntnisse für alle zugänglich machen.

Profi-Kampagnen statt verschleierter Lobbyarbeit

Die Unabhängigkeit von gemeinnütziger Arbeit darf auch in den digitalen Politikbereichen nicht unter einseitig vorhandenen Mittelstrukturen leiden. Wie bei allen anderen Themen erleben wir auch bei der Digitalisierung starke Interessenskonflikte, institutionelle ausgetragene Eigeninteressen oder verpackte Lobbyarbeit. Ein wichtiges Gegengewicht dafür ist eine professionellere Kampagnenarbeit, größere Sponsoring-Bereitschaft bei Unternehmen jenseits der großen IT-Multis und vor allem Spendenbereitschaft bei Einzelpersonen. All dies hängt stark miteinander zusammen, denn ohne entsprechende Aufklärungsarbeit bleibt die Komplexität digitaler Themen weiterhin ein großes Hindernis für breite Zugänglichkeit. Diese Aufklärungsarbeit kostet Ressourcen.

Auf einem Barcamp Mitte August, initiert von den beiden Autoren dieses Artikels, Christian Heise (u.a. Open Knowledge Foundation Deutschland e.V. und Förderverein freie Netzwerke e.V.) und Sebastian Haselbeck, soll erstmals dezidiert darüber gesprochen werden, wie sich die digitale Zivilgesellschaft bei der Finanzierung nachhaltiger aufstellen kann und welche Folgen, Auswirkungen und Einfluss von Tätigkeiten im Spannungsfeld zwischen Ehrenamt und Beruf entstehen. Das Unconference-Konzept wird derzeit noch in einem Etherpad finalisiert. Darin heisst es aktuell:

„Auch wenn mit der (digitalen) Zivilgesellschaft meist der Raum zwischen Staat, Wirtschaft und Gesamtgesellschaft gemeint ist, ist dieser Bereich aus vielen Gründen nicht wirtschaftsfrei. Professionelles zivilgesellschaftliches Engagement braucht eine stabile Finanzierung, um politische und legislative Prozesse langfristig begleiten zu können. Verglichen mit Bereichen wie etwa dem Umwelt- und Naturschutz ist die Spendenbereitschaft und -kapazität der Zivilgesellschaft beim Thema digitale Bürgerrechte deutlich geringer. Jeder neue Akteur in diesem Feld verschärft den ohnehin bestehenden Wettbewerb um finanzielle Ressourcen noch weiter. Auf der Suche nach neuen Geldquellen rücken auch Wirtschaftsunternehmen in das Blickfeld digitaler Bürgerrechtsgruppen. Auf dieser Unconference soll sich alles um die Fragen nach den möglichen Grenzen, Auswirkungen und Folgen wirtschaftlicher Durchdringung der (digitalen) Zivilgesellschaft drehen. Fragen wollen wir auch nach den Folgen und Auswirkungen beruflicher und ehrenamtlicher Tätigkeit zivilgesellschaftlicher Akteure sowie nach ethischen Aspekten der ehrenamtlichen Arbeit im digitalen Zeitalter.“

Interessierte können sich zur Teilnahme bereits per Facebook Event, im Pad oder per E-Mail anmelden. Vorschläge für einen Tagungsort sind natürlich noch willkommen. Auf der Veranstaltung sollen idealerweise Diskussionen darüber stattfinden, welche ethischen Grundsätze beim Sponsoring wichtig sind, wie Ehrenamt, Beruf und Privatleben vereinbar sind, wie groß die potentielle Konkurrenz um die wenigen Finanzmittel ist, wie erfolgversprechend thematische Fokussierung von Organisationen sein könnte und vor allem, wie bessere Außenkommunikation beim Fundraising helfen kann. Besondere Aufmerksamkeit könnte auch der Frage zukommen, welche hybriden Modelle aus GmbHs, Investoren, Stiftungen und Vereinen möglicherweise zukunftsweisend sein könnten.

SAVE THE DATE: Wir müssen über Geld reden – Unconference für die (digitale) Zivilgesellschaft

Dieser Text steht unter einer Creative Commons BY (Sebastian Haselbeck und Christian Heise) 4.0 DE Lizenz.


Image by Sebastian Haselbeck


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Mit Dumb Displays gegen das SmartTV-Chaos

Samsung Curved UHD TV (adapted) (Image by PROK?rlis Dambr?ns [CC BY 2.0] via flickr)

Die SmartTV-Revolution blieb aus, weil die Oberflächen der Hersteller zu schlecht waren. Android, Apple, Mozilla & Co. konnten den TV-Markt bisher nicht erobern. Klappt der Siegeszug vielleicht mit dummen Displays ganz ohne Oberfläche? Als die ersten SmartTV-Geräte auf den Markt kamen, war die Freude groß. Endlich Apps auf dem Fernseher, am besten auch ein Webbrowser, ein Kaminfeuer und das Yoga-Programm. Wer sich tagtäglich mit den zähen Oberflächen von Samsung & Co. durchschlägt, weiß, dass das ungefähr so viel Spaß macht wie die Symbian-Strukturen späterer Nokia-Modelle. Was vom Hype um SmartTV übrig blieb, ist ein umständlicher Weg, um an die Netflix-App zu kommen. Zwar sind die Oberflächen mittlerweile reifer geworden, und auch 4K-Modelle mit Mozilla- oder Tizen-Benutzeroberfläche können sich sehen lassen, dennoch scheint der Enthusiasmus bei den Käufern zu schwinden. Woran liegt das?

Alles nicht so smart?

Zum einen gilt auch bei TV-Geräten die Regel: hat man den Käufer erst einmal vergrault, ist der Schaden permanent angerichtet. Das Produkt „SmartTV“ hat beim Durchschnittskunden einen schlechten Ruf. Man assoziiert es mit hakeligen Menüs, langer Ladezeit, umständlicher Texteingabe per veralteter Fernbedienung und um Monate veraltete Apps (kein Wunder, bei dem Dschungel an Modellvarianten). Ein Großteil der Bevölkerung schaut nach wie vor lineares Fernsehen, der Käuferdruck zu mehr Innovation ist demnach gering. Nur jeder fünfte nutzt angeblich erst die Smart Funktionen dieser Geräte, vielleicht ist das am Ende im analogen Deutschland eh alles nicht so relevant? Ein Blick in den nächsten Saturn-Prospekt sagt anderes. Zum anderen hat es die Industrie nicht geschafft, Ordnung ins Wohnzimmer zu bringen, wodurch die Gerätelandschaft sich stark fragmentiert hat. Das Anzeigegerät (der SmartTV selbst) hat ein Betriebssystem nebst „smarter“ Oberfläche, aber der daran angeschlossene BluRay-Player genauso, wie die möglichen Android- oder Apple-betriebenen Boxen, die zusätzlich noch existieren, von einer PlayStation oder XBox ganz zu schweigen. Das ist, als würde man diverse Telefone mit sich herum schleppen, weil keines davon wirklich das macht was man möchte, und auf jedem Gerät eine andere App besser funktioniert.

Lieber dümmer

Die Lösung des Problems ist vielleicht eine Entwicklung, die Technik-Nerds schon immer präferiert hätten: sogenannte „dumb displays“, also dumme Bildschirme, die nichts weiter machen als das Signal anzuzeigen, das man ihnen zuspielt. Das würde die „Last“ der Benutzeroberfläche an die signalspendenden Geräte oder Anwendungen verschieben. Nutzer hätte so auch mehr Kontrolle und das Gerät wird zum einen flexibler, zum anderen langlebiger genutzt. Das Problem mit den veralteten SmartTV-Oberflächen ist ja auch, dass sie ansonsten technisch völlig einwandfreie Geräte innerhalb weniger Jahre unbenutzbar machen (eine Form der geplanten Obsoleszenz). Dumb Displays kommen meist mit dazugehöriger App oder eigenem Android-Gerät zur Bedienung und versprechen einfache Benutzung, wie man es heute gewohnt ist. Aktuell ist das leider noch nicht so ganz “frei” und flexibel wie technisch eigentlich machbar (Projekte wie Kodi zeigen was die Community sich selbst eigentlich bauen möchte), aber ein Hoffnungsschimmer am Horizont ist es durchaus.

Der Status Quo

Aktuelle Geräte mit Firefox-, Tizen- oder gar Ubuntu-Oberfläche versprechen bessere Benutzbarkeit bei steigender Kompatibilität. „Less is more“ gilt bei den neueren Generationen an Interfaces genauso wie neue Ansätze für Fernbedienungen. Einige Hersteller bieten dafür Apps fürs Smartphone oder Tablet, andere wiederum Fernbedienungen, die ähnlich dem Wii-Controller funktionieren (bei denen man also Elemente am Bildschirm durch Zeigen auswählt). Wie steht es aktuell um die Nachfolger der alten Eigenentwicklungen? Ubuntu TV scheint zwar noch aktiv in der Entwicklung, Beispielgeräte sind dafür aber noch nicht zu finden (im Gegensatz zu Telefonen und neuerdings auch Tablets). Schicke Panasonic Geräte mit Firefox OS kann man im Elektroladen durchaus ausprobieren. Mehr Bewegung scheint es bei Android-betriebenen Geräten zu geben, andere setzen auf die Tizen Weiterentwicklung von WebOS. Von Problemen mit Datenschutz – nicht nur was Benutzerdaten, sondern vor allem auch die Kamerafunktion betrifft – kann auch Microsoft mit Kinect ein Lied singen. Benutzbarkeit, DRM und App-Vorauswahl werden weiterhin Innovationen und Nutzungsgrad auf dem Markt zurückhalten. Der Konsument nutzt die Geräte dann am Betriebssystem des Herstellers vorbei, beispielsweise via Chrome Connect oder mittels vorgeschalteter Nexus TV- oder Apple TV-Boxen. Dies sind Entwicklungen, die auf den Fernseher als Computer-Monitor hindeuten – daher der Begriff des dummen Display.

Eine smartere Heimkinozukunft

Viel besser wäre also der Ansatz, das Display zu dem zu machen, was es im PC-Bereich ist und schon immer war: das bloße Anzeigegerät. Man möchte also nicht einmal eine App mitgeliefert bekommen. Es reicht ein moderner 4K-Display mit allen gängigen Schnittstellen und vielleicht einem rudimentären Menü zur Einstellung von verschiedenen Parametern wie beispielsweise der Helligkeit. Sich PC-Monitore in Heimkinogröße zu kaufen, ist aber weder preislich vernünftig noch sind diese Geräte für die Anforderungen von Home-Entertainment ausgelegt, was Reaktionszeiten und Kontrastwerte angeht. Die ersten Hersteller liefern nun teilweise schon Dumb Displays aus, wie Vizio in den USA, die Mittelklasse-Panels mit beiliegenden Tablets ausliefern, um die Geräte über Google Cast anzusteuern. Nicht super innovativ und (noch) teurer als sich mit einem billigeren SmartTV diesen Workaround nachzubauen, aber es könnte als Modell Schule machen. Die Kombination aus Gerät plus App gibt es immerhin schon vermehrt (beispielsweise bei Samsung). Da langfristig kaum mehr lineares Fernsehen konsumiert wird, könnte bald auch der DVB-s/t/c Tuner wegfallen (aktuell wird erst mal DVB-T2 HD ausgerollt – als ob die Konsumenten den ständigen Neukauf von Decodern nicht ohnehin schon satt hätten) und es bedarf damit auch keiner entsprechenden Fernbedienung mehr zum „zappen“. Künftig verbindet man dieses Display mit dem Content-Lieferant (Smartphone, Laptop, Homeserver, Spielkonsole, usw..) und genießt fortan selektiver, via App, oder mittels entsprechenden Home-Entertainment Paketen (etwa T-Entertain, oder einfach aus dem NAS der FritzBox). Eine App kann ja dann eine Art lineare Unterhaltungsversorgung von Pro7, ARD und Konsorten sein.

Ein Ausblick auf die TV-Zukunft

Das Ergebnis wäre die ultimative Unabhängigkeit vom TV Hersteller und echter Innovationsraum im Wohnzimmer. Die Geräte würden dadurch langlebiger (wenn die Hersteller mitspielen), da es keine softwareseitig geplante Obsoleszenz mehr gibt. Das bleibende Problem ist die Wertschöpfung, da für Samsung und Co der App-Store auf dem Gerät eine Einnahmequelle ist, und auch die Benutzeroberfläche (nebst Webcam) ein direkter Draht zum Verbraucher. Man wollte ja zur Plattform werden, Apple und Google Paroli bieten, und nicht nur Gerätelieferant sein. Ein Wegfall der eigenen Betriebssysteme würde aber den Wettbewerb auf dem Heimkino-OS Markt weiter in Bewegung bringen, ob Kodi, Ubuntu Touch, Apple TV, Tizen oder andere. Vorausgesetzt diese Systeme reifen schnell genug, werden von Herstellern auch in Partnerschaften angeboten, und Google oder Apple sind nicht schneller, um in die Bresche zu springen (und bislang sieht es nicht danach aus, die Nexus-Konsole für Android TV ist kürzlich wieder aus dem Handel verschwunden). Doch auch aus ganz anderen Ecken kommt Druck, so haben O2 und Burda angekündigt, mobiles TV Streaming per App zu launchen. Für den richtigen Genuss braucht es nur ein großes Display. Wenn man als Vergleich die Debatte um die Plattformdominanz bei Smartphones oder sozialen Netzwerken hinzuzieht, wäre aktuell im Markt der TV-Geräte noch eine Chance, mehr Verbraucherschutz und Nachhaltigkeit zu erreichen. Zu Fördern wäre der Rückgang an Geräteverschleiß durch softwarebedingte Obsoleszenzen, und zu verhindern wäre eine Re-Monopolisierung durch die Hintertür von seitens Apple oder Google, denen es nur Recht sein könnte, wenn deren Smartphones oder Tablets künftig im Wohnzimmer den Ton angeben, und nicht mehr die hakeligen Oberflächen der alten Elektronik-Riesen. Es gibt eine Menge denkbarer Szenarien, wie sich der Markt auf Basis dummer Displays entwickeln könnte, und gerade deutsche Hersteller wie AVM (Router mit NAS-Funktionen zum Streaming im Eigenheim) oder Protonet (sichere Heimserver und Cloudlösungen) hätten hier sehr gute Karten. Gleichzeitig würde das Anzeigegerät dann in künftigen SmartHome-Szenarien noch beliebter als neutrale Schaltzentrale. Ob Philips, RWE oder sonst jemand, der Nutzer sucht visuelle Schnittstellen zu komplexen smarten Technologien, und nicht für alles bietet sich ein kleiner Smartphone-Screen an.


Image (adapted) “Samsung Curved UHD TV” by K?rlis Dambr?ns (CC BY 2.0)


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Coding da Vinci Nord: Der Kultur-Hackathon kommt nach Hamburg

Coding da Vinci 2015 - Auftakt (Image by Open Knowledge Foundation Deutschland [CC by 2.0] via Flickr

Coding da Vinci ist ein Event aus Berlin, das sich seit 2014 dafür einsetzt, dass digitalisierte Informationen von Kulturinstitutionen – wie beispielsweise Museen – für alle frei zugänglich und nutzbar gemacht werden. 2016 wird es unter dem Namen „Coding da Vinci Nord“ erstmals in Hamburg stattfinden. Ziel des Projektes ist die Vernetzung von Kulturinstitutionen mit Entwickler_innen, Designer_innen, Geisteswissenschaftler_innen und Künstler_innen: Im Rahmen von Kultur-Hackathons, die vom Kick-off-Wochende bis zur Präsentation der Projekte mehrere Wochen dauern, entstehen aus diesen frei nutzbaren Kulturdaten Apps, Dienste, Spiele und Visualisierungen. Das bringt für die Teilnehmer_innen vor allem Spaß an der Entwicklung mit ungewöhnlichen, nicht-kommerziellen Daten und Erfahrungsaustausch mit anderen.

 

Das ist der Hackathon, der wirklich Spaß macht, weil mal kein Business, sondern Kultur im Vordergrund steht – einfach Klasse!“, meinte Coding da Vinci-Teilnehmer Eric schon im vergangenen Jahr.

Die Projekte, die im Rahmen der Berliner Hackathons 2014 und 2015 entstanden sind, kann man sich auf der Website von Coding da Vinci ansehen. Darunter ist beispielsweise eine App zur Bestimmung von Pflanzenarten, welche Daten des Botanischen Gartens nutzt oder eine Anwendung, welche den Nutzer anhand von Bildern aus dem Stadtmuseum Berlin auf einen historischen Streifzug schickt. Auch Hardwareprojekte wie der Cyberbeetle oder der verspielte zzZwitscherwecker sind bei Coding da Vinci entstanden.

Ab in den Norden

Am 17. und 18. September startet Coding da Vinci Nord in Hamburg mit einem Auftakt-Event, zu dem ca. 125 Teilnehmer_innen erwartet werden. Im Anschluss können die Teams, die sich vor Ort finden, sechs Wochen lang an ihren Projekten tüfteln, bevor sie in einer Abschlussveranstaltung unter Beisein der Öffentlichkeit prämiert werden. Coding da Vinci Nord wird von einem Team von neun ehrenamtlichen Mitarbeiter_innen organisiert. Das Projektmanagement in der Hansestadt übernimmt Philipp Geisler, der auch bei „Code for Hamburg“ ehrenamtlich tätig ist.

CDV-Nord_Kacheln-2016

Im Unterschied zu den Berliner Veranstaltungen werden die Institutionen und Teilnehmer dieses Jahr vorwiegend aus dem norddeutschen Raum und nicht mehr aus ganz Deutschland stammen. „Die regionale Ausrichtung des Hackathons soll für mehr Nachhaltigkeit in den Beziehungen zwischen den Kulturinstitutionen und den Entwickler_innen sorgen“, erklärt Geisler den lokaleren Fokus. „Wir können den Entwicklerteams aus der Region persönliche Treffen und Workshops vor und während der Hackathon-Phase bieten.“ Auch die Unterstützung von kleineren Institutionen bei der Aufbereitung der Datensets sei so einfacher umsetzbar: „Kulturinstitutionen sind oft noch unsicher, ob sie ihre Daten freigeben sollen“, so Geisler. „Coding da Vinci ist auch entstanden, um diese Angst abzubauen.“

Hanseatisch hacken

Der Standort Hamburg für das erste lokale Event hat sich laut Philipp Geisler daraus ergeben, dass die hier angesiedelten Museen schon recht weit sind in der Digitalisierung ihrer Daten. Das Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe hat beispielsweise seine Sammlung, soweit sie bereits digitalisiert wurde, öffentlich ins Netz gestellt und stellt diejenigen Werke unter Public Domain, bei denen die ursprünglichen Urheberrechte ausgelaufen sind. Neben dem Museum für Kunst und Gewerbe werden auch das Archäologische Museum Hamburg, die Staats- und Universitätsbibliothek Hamburg Carl von Ossietzky und das Museum der Arbeit beim Hackathon im September dabei sein. Aktuell ist das Team um Geisler damit beschäftigt, weitere Institutionen bei der Bereitstellung von Datensets zu unterstützen sowie finanzielle Mittel für das Projekt zu sichern.

Für Hamburg selbst bietet die Veranstaltung großes Potenzial. Philipp Geisler meint:

Coding da Vinci macht die Diskussion rund um offene Daten einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich und und bringt durch die Vernetzung zwischen der Kultur- und Entwicklerszene sowie durch unsere Beratung etwas Schwung in die Entwicklung.

Auch werden unter den Projekten naturgemäß einige sein, die sich mit hanseatischer Historie auseinandersetzen und den Bürgern einen neuen Zugang zur Geschichte der eigenen Stadt ermöglichen.

Wer nun Lust bekommen hat, das Ganze selbst auszuprobieren, kann sich ab Ende Juni per Mail hier anmelden. Wir wünschen frohes Hacken!


Image by Kathrin Kaufmann
Beitragsbild „Coding da Vinci 2015 – Auftakt“ by Open Knowledge Foundation Deutschland [CC by 2.0]


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Business as usual? Wieso wir Crowdfunding in die Gesellschaft bringen müssen

Ants (Image by culturalibre [CC0 Public Domain], via Pixabay

Rainald Grebe hatte Recht: es gibt kaum eine Küchenparty, in der nicht jemand von seinem neuen Business-Projekt spricht. Und wieso auch nicht? Mit dem Siegeszug des Internet ist eine Firmengründung, auch wenn man kein Großindustrieller ist, nicht mehr so exotisch – und doch ernten die Gründer häufig kritische Blicke. Die typischen Gründerfragen („Was soll das?“ „Wer kauft das?“ „Brauchen wir das überhaupt?“) sind daher meist schon im Schlaf und durch jahrelange Fragerunden von Bekannten und Verwandten erprobt und werden meist ebenso beflissen heruntergebetet. Metropolen wie Berlin gelten hierbei als hoffnungsvolles Pflaster, in denen sich noch viel bewegen kann und wird. Die Umsetzung der Projekte ist heute um vieles erleichtert, immer mehr Gründer setzen hierbei auf Crowdfunding oder Crowdinvesting als Finanzierungsmodell.

Eine Frage der Nachhaltigkeit

Im Mittelpunkt der Gründeridee steht vor allem der Gedanke der Nachhaltigkeit. Der Begriff stammt ursprünglich aus der Forstwirtschaft und ist auch ebenso zu verstehen, frei nach dem Motto ‚Fälle nie mehr Bäume, als du pflanzen kannst, sonst ist eines Tages der Wald nicht mehr da.‘ Dieser Gedanke lässt sich recht direkt auf die Startup-Szene übertragen: die Regenerationsfähigkeit eines Unternehmens muss bewahrt bleiben, so dass es sich schnellstmöglich selbst tragen kann.

Beispiele für diese selbsttragende Geschäftsideen im Gegensatz zum klassischen Raubtierkapitalismus gibt es viele, und die Crowdfunding-Plattformen gelten hier als hoffnungsvolle Innovation: das Projekt wird im Netz auf entsprechenden Plattformen vorgestellt, dann wird die Idee in die Welt hinausgetragen. Denn das Wichtigste ist hier bereits enthalten: eine innovative Idee und ein stimmiges Marketing, das man sich an anderer Stelle erst hätte teuer erkaufen müssen. Das Besondere: Es wird mithilfe der Crowd entwickelt, wohin es mit dem Produkt gehen soll. So haben auch Nischenprodukte und kleine Projekte eine Chance.

Diese Idee ist so nicht nur deutlich kundenfreundlicher, sondern sorgt auch dafür, dass nur produziert wird, was auch wirklich gebraucht wird: „Jede Crowdfundingkampagne ist daher zugleich eine Kommunikationskampagne, der Kunde wird direkt angesprochen und mitgenommen„, meint Markus Sauerhammer von der Crowdfunding-Plattform Startnext. Und die Finanzierung ist transparent: Man legt einen bestimmten Finanzierungsrahmen fest, mithilfe dessen das Projekt verwirklicht werden kann.

Ist die Crowd schließlich überzeugt, stehen die Chancen gut, dass man genug Geld zusammenbekommt und sein Vorhaben verwirklichen kann. Ist sie es nicht, ist das Scheitern nicht so schlimm: Immerhin hat man keinen Kredit aufgenommen, den man jahrelang mühsam zurückzahlen muss. Doch damit ist es nicht getan.

Die Idee ist nicht das Problem

Dieser Gründergeist herrschte auch beim Fachgespräch zum Thema Gründungsfinanzierung für nachhaltige und soziale Startups, das die Bundestagsfraktion Bündnis 90/Die Grünen am 3. Juni 2016 im Bundestag ausgerichtet hatten. Neben bekannten Projekten wie der Crowdfunding-Plattform Startnext, die unter Anderem den innovativen Supermarkt „Original Unverpackt“ ermöglicht haben, haben sich auch Gründer in verschiedenen Stadien sowie Finanzexperten eingefunden. Es soll über die wahrscheinlich schwierigste Frage referiert werden: einen stimmigen Businessplan. Denn daran scheitern die meisten Startups.

 Image by Bündnis 90/Die Grünen

Zu Gast war unter anderem auch Dirk Kannacher, Generalbevollmächtigter der Gemeinschaftsbank Leihen und Schenken (GLS). Kannacher sieht zuerst einmal ein ernsthaftes Problem in der Blauäugigkeit der Kunden:

Es ist leider oft so, dass mir der ein oder andere Finanzplan vorgelegt wird, den man einem Banker nicht vorlegen sollte, weil der nicht aufgeht oder die Stärke nicht bei der Erstellung des Finanzplanes liegt. Wenn ich den Plan beurteilen muss und da über Jahre nur Minus steht, dann frage ich dann auch mal nach. Die meisten sagen dann ‚Ja, das wird schon‘. Und ein ‚Das wird schon‘ ist dann doch relevant für mich.

Die GLS-Bank kommt neben der Bremer Aufbaubank mit ihren sozialökologischen Grundsätzen dem Gedanken des nachhaltigen Startup-Gründen recht nahe und unterstützt so den Gemeinschaftsgedanken. Kannacher spricht sich daher auch deutlich für die Idee des Crowdfunding aus: „Ich glaube, dass es noch weitere, neuere und vielleicht auch besser plazierte Instrumente geben muss, um dieses endlose Geld oder diese Unmengen von Kapital, die ja da sind, einfach da hin zu bringen. Und wir versuchen, diese Wege anzubieten.

Die Gesellschaft überzeugen

So einfach und schlüssig sich das Prinzip des Crowdfunding anhört, umso schwieriger ist es jedoch in Deutschland durchzusetzen: Nur ein Bruchteil der Deutschen haben überhaupt je von Crowdfunding gehört, ein noch geringerer Teil kann sich vorstellen, bei einer solchen Finanzierung mitzuwirken. Der Erfolgsquote der Projekte beträgt im ersten Quartal 2016 etwa 51 Prozent. Die Investoren finanzieren derzeit weniger Projekte als in den Jahren zuvor, dafür sind diese aber höher angesetzt. Die Furcht vor dem Scheitern ist offensichtlich. Kannacher wundert sich:

Ich glaube schon, dass die Instrumente da sind. Die Frage ist, warum sie noch nicht gesellschaftlich akzeptiert werden. Das ist doch aber eine Mentalitätsfrage: Wo sind wir denn bereit, Risiken einzugehen?

Für die Unternehmer ist diese Haltung ein echtes Problem: nicht nur beteiligen sich immer die gleichen Menschen an Nischenprojekten, auch die Finanzierungsethik wird durch diese Praxis nicht verändert. Denn das ursprüngliche Gründerproblem bleibt bestehen: der deutscher Mittelstand ist langfristig gewachsen, in vielen Businessmagazinen hört man deutliche Skepsis heraus. Die Deutschen scheinen lieber in sichere Finanzanlagen zu investieren, außerdem möchte man vielerorts eine deutsche Innovation hervorbringen. Die Frage, wie sinnvoll ein noch weiter zerplittertes System hier sein soll, bleibt jedoch auch hier offen – und die Gründer auf der Strecke.

Wagniskapital ist zum Wagen da

Auch politisch kann hier noch einiges verbessert werden. Der sogenannte Gründungszuschuss, den man als Unternehmer beantragen konnte, war bis vor wenigen Jahren eine gesetzliche Pflichtleistung und sorgte dafür, dass Gründer ihre ersten Schritte mit einem neuen Unternehmen wagen konnten. Nach dem Scheitern der Ich-AGs wurde diese Pflichtleistung jedoch gestrichen und in eine „Ermessensleistung“ umgewandelt. Im Klartext: jemand fach- und branchenfremdes entscheidet über die Zukunft der Geschäftsidee, die, sollte sie durchgehen, danach von jemandem ausgeführt wird, dessen Branche gerade stirbt. Sauerhammer ärgert sich:

Das wäre grade so, als würden wir Bauern Geld für neue Ställe geben, aber Leuten, die neue Märkte schaffen wollen, geben wir nichts. Ist sowas gründerfreundlich? Nein, das ist verrückt. Wir müssen zusehen, dass zukunftsorientierte Gründungen gefördert werden dürfen.

Nicht nur die Digitalisierung, auch die Gesetzgebung und der Finanzsektor scheint in Deutschland wenig zukunftorientiert. Es ist also nur eine Frage der Zeit, bis man auch hier erkennt, dass man sich mit derlei Einschränkungen ein Bein im Wirtschaftssektor gestellt hat. Kleinere Unternehmen haben hier eine zukunftsorientiertere Idee entwickelt, hier längerfristig und mithilfe der Gemeinschaft zu bestehen. Was nun noch fehlt, fasst Kannacher schlüssig zusammen: „Wenn wir heut die Welt drehen wollen, müssen wir auch das Risiko wieder eingehen. Wir brauchen eine neue Mentalität.


Image by Bündnis 90/Die Grünen
Titelbild: Image „Ants“ by culturalibre [CC0 Public Domain]


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Der weltweite Bikesharing-Boom – warum die Städte Fahrräder lieben

City Bikes (Image: Picography.co [CC0 Public Domain], via Pexels).jpg

Während die Urbanisierung und Modernisierung ein nie dagewesenes Ausmaß erreicht hat, sind Verkehrsstaus zu einer modernen Bedrohung geworden. Dichter Verkehr wird gleichgesetzt mit Luftverschmutzung, enormen Sicherheitsrisiken und verminderter Erreichbarkeit. Man denkt an eine zu geringe Wettbewerbsfähigkeit, zu wenig nachhaltiges Wachstum und den Verlust des sozialen Zusammenhalts. Wenn wir entschlossen sind, unsere Städte attraktiv und nachhaltig zu machen, müssen wir uns diesen Herausforderungen stellen.

Es gibt viele mögliche Maßnahmen um dieses Problem anzugehen: entweder, indem wir schlichtweg weniger Autos benutzen, oder durch das Bereitstellen brauchbarer Alternativen. Keine dieser Lösungen ist derzeit mehr im Trend und besser vermarktbar als das gemeinsame Nutzen von Mobilitätsresourcen – zum Beispiel Carsharing. Und keine von ihnen ist umweltfreundlicher als Radfahren, was immer mehr Leute als bestgeeignete Möglichkeit entdecken, um kürzere Strecken zurückzulegen.

Wenn man diese beiden kombiniert, ergibt das eben: Bikesharing. Eine Innovation, die die besten Eigenschaften beider Lösungen kombiniert und dabei die Reichweite des öffentlichen Personennahverkehrs erweitert. Bikesharing bezeichnet ein Verleihsystem, bei dem jeder Räder an verschiedenen Punkten der Stadt ausleihen, fahren und abstellen kann – üblicherweise an automatisierten Stationen.

Die Vorteile des Bikesharing

Zu den Vorteilen des Bikesharing zählen Transportflexibilität, Reduktion der Fahrzeugemissionen, gesundheitliche Vorteile, weniger Staus und Treibstoffverbrauch und nicht zuletzt finanzielle Ersparnisse für den Einzelnen. Aber das Besondere an öffentlichen Fahrrädern ist die Idee, sie zu teilen. Durch das Teilen mit anderen über ein öffentlich erreichbares Programm können die Fahrräder von jedem benutzt werden, der sie braucht – ohne die Kosten und Verantwortung, die mit Eigentum verbunden sind. Dadurch ermöglichen es diese Programme, Leuten, die sonst womöglich keine Fahrräder nutzen würden, die Vorteile des Radfahren zu genießen – seien es nun Touristen oder Einheimische.

Bikeshare-Programme können auch als Türöffner für mehr Radverkehr dienen, indem sie ein starkes visuelles Statement setzen, dass Fahrräder sehr wohl zu den Straßen einer Stadt gehören. Gemäß meiner Recherchen nehmen Pendler Bikesharing als eine mächtige, straßengebundene “Fahrradwerbung” wahr.

Darüber hinaus berichten andere Studien, dass der Radverkehr in Städten, in denen Bikeshare-Systeme eingeführt wurden, zugenommen hat, und führen aus dass diese Ergebnisse den kombinierten Effekt von einer Verbesserung der Radfahr-Einrichtungen sowie der Einführung von Bikeshare-Systemen widerspiegeln. Einige gehen sogar noch weiter, indem sie andeuten, dass die Einführung von Bikeshare-Systemen dazu führen kann dass Radfahren in Kontexten, wo es nicht sonderlich verbreitet ist, als sicheres und alltägliches Verkehrsmittel angesehen wird.

Ursprünge

Bikesharing ist ein Konzept, das seinen Ursprung in den 1960ern hat. Allerdings war es nicht sonderlich verbreitet, bevor Techniken entwickelt wurden, die Echtzeitinformationen über das Programm bereitstellen, Räder orten und gegen Diebstahl sichern helfen konnten. Heutzutage boomt Bikesharing in einem nie dagewesenen Ausmaß, größtenteils dank der angemessen niedrigen Kosten der Programme und wie einfach, zumindest verglichen mit anderer Transportinfrastruktur, es ist, diese Programme zu implementieren. Und es ist ein einfacher Sieg für Regierungen und städtische Gesellschaften, die ihr grünes Image unterstreichen können, indem sie sich für so ein umweltfreundliches Design einsetzen.

Black and White Suspension Bridge (Image: Unsplash [CC0 Public Domain], via Pexels).jpeg

2004 gab es nur in elf Städten ein Bikeshare-System. Heute gibt es mehr als 1000 öffentliche Bikeshare-Systeme mit verschiedenen Größen und Eigenschaften in über 50 Ländern auf fünf Kontinenten. Das größte System Europas ist das Pariser Vélib’ mit 1800 Stationen und über 20.000 Fahrrädern. Hangzhou in China besitzt das größte System der Welt – drei mal größer als Vélib‘ – welches bis 2020 auf 175.000 Räder expandieren soll. Das vielleicht raffinierteste System ist Bycyklen in Kopenhagen. Hier gibt es eine Flotte elektrischer Fahrräder, die mit wetterfesten Tablets mit GPS ausgestattet sind.

Gemäß neuester Forschungen über das Styr & Ställ –System in Göteborg spürt die Bevölkerung der Stadt – einmal angemessene Werbung für Bikeshare vorausgesetzt – dass solche Systeme eine umweltfreundliche, billige und gesunde Transportalternative bieten. Insbesondere wurden sie als Ergänzung zu städtischen ÖPNV und als ein Beitrag zu einem menschenfreundlicheren Antlitz der Stadt wahrgenommen.

Wie es richtig geht

Aber Forschung und Erfahrung sagen uns, dass es zu Problemen mit Bikesharing kommen kann. So gibt es zum Beispiel einige Systeme, die lediglich 0,3 Fahrten pro Rad und pro Tag ermöglichen, obwohl die Nutzungsrate dieser Systeme weltweit üblicherweise zwischen drei und acht Fahrten pro Rad pro Tag schwankt. Neben mangelnder Auslastung kann sich die Ausweitung der Programme schwierig gestalten, oder es könnte Probleme mit schwerfälligen und komplizierteren Planungsprozessen geben. Sie können auch zu politischen Spannungen führen, wenn Kommunen nicht willens sind, Parkplätze für Fahrradstationen aufzugeben.

Doch strikte Radfahrregeln können auch ein Hindernis sein: in den beiden australischen Metropolen Melbourne und Brisbane wurde festgestellt, dass die Helmpflicht viele potentielle Radfahrer abschreckt. Sicherheitsbedenken und fehlende Fahrradinfrastruktur wurden auch als erfolgsverhindernde Faktoren ermittelt. Trotz dieser Schwierigkeiten sind Bikeshare-Programme insgesamt eine großartige Errungenschaft für uns alle. Etwas so gewöhnliches wie Radfahren in der Stadt in einer Weise neu zu erfinden, die Shared Economies einbezieht und von der Öffentlichkeit gut angenommen wird, ist eine günstige Investition in das aktive Bewerben nachhaltigen Verkehrs. Städte, die starke und zusammenhängende Pläne entwickeln, werden feststellen, dass wiedererkennbare Bikeshare-Programme ein mächtiger und positiver Teil ihres Images werden können. Unterdessen können Bürger jeglicher Couleur von leereren Straßen und saubererer Luft profitieren – ob sie nun Rad fahren oder nicht.

Dieser Artikel erschien zuerst auf “The Conversation” unter CC BY-ND 4.0. Übersetzung mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.

The Conversation


Image “City Bikes” by Picography.co (CC0 Public Domain)

Image “Black and White Suspension Bridge” by Unsplash (CC0 Public Domain)


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Fair Travelling – Petra Haubner über nachhaltiges Reisen

blog-slide-koala-image-by-hollightly-de

Im Interview stellt die Reisebloggerin Petra Haubner das Prinzip Fair Travelling vor und wie man nachhaltig auf Reisen gehen kann. Vor allem über die Reiseblogs wird weltweit das Thema Fair Travelling eindrucksvoll bewusst gemacht und mit persönlichen Geschichten den umsichtig Reisenden nahegebracht. Es geht um ökologisches Bewusstsein, um Respekt für das Gastland und um lokale Authentizität. Noch ist es nicht Standard, dass Reiseveranstalter und Touristen sich versiert verantwortungsvoll auf dem Erdball bewegen. Bloggerinnen wie Petra Haubner sind wichtige Vermittler für den aktuellen Trend. Im Interview berichtet die Journalistin und Moderatorin über ihre Erfahrungen.

Wolfgang Macht (WM): Hallo Petra! Du kommst gerade von einer 180-Tage-um-die-Welt-Reise zurück. Bist du zufrieden mit deiner persönlichen Performance als Green-Traveller?

Petra Haubner (PH): Zufrieden beim Thema Nachhaltigkeit bin ich selten mit meiner Performance. Es geht immer noch mehr. Aber wenn ich die Kritik mal beiseite lege und mir das große Ganze ansehe, dann kann ich sagen, dass es oft gar nicht so schwer war eine grüne Alternative zu finden. Die Reise hat mir wieder einmal gezeigt, dass wir Verbraucher es uns oft zu leicht machen bei unseren Kaufentscheidungen. Wie oft höre ich, dass ökologisch reisen oder einkaufen ja ach so schwer umzusetzen sei und deswegen könne man ja auch gleich das Billigangebot von nebenan nehmen. Ich kann sagen: Alles Quatsch! Und ein bisschen die billige Ausrede sich nicht mit den Angeboten auseinanderzusetzen. Die gute Nachricht also an alle Kunden da draussen: Mit ein bisschen Recherche und Mühe, gibt es viel öfter die Möglichkeit grün zu reisen als die meisten glauben.

WM: Die guten Absichten des Fair Travelling beschreiben Begriffe wie verantwortungsvoll, ökologisch, artgerecht und local-friendly. Welche davon sind dir besonders wichtig?

PH: Mir sind artgerecht und local-friendly besonders nahe. Ich habe ein Herz für Tiere und würde mir sehr wünschen, dass die Reisenden und auch die Reisebranche viel mehr auf Tierschutz achten würden. Wir Kunden haben die Macht, indem wir die Angebote boykottieren, die nicht artgerecht sind. Wir müssen sie nur endlich nutzen und ein bisschen nachdenken, bevor wir begeistert auf das arme Wüstenkamel oder den putzigen Elefanten am Tempel zu steigen. Versteht mich nicht falsch, es gibt auch tolle Kameltouren oder Elefantencamps. Die sind einfach teurer und man muss – again – wieder ein bisschen recherchieren, um sie zu finden. Aber das ist es wert. Für die Tiere und für jeden einzelnen Urlauber. Weil das Erlebnis ein ganz anderes ist. Wem also die Tiere leider egal sein sollten, der kann ja wenigstens aus Egoismus auf die schlechten Angebote verzichten.

WM: Wie entdeckst du Land und Leute anders seit du als Fair Traveller unterwegs bist?

PH: Ich lerne die Menschen in den Reiseländern besser kennen, ich reise individueller, ich lerne mehr über die Kultur vor Ort und ich erlebe faszinierendere Abenteuer.

WM: Wer sich besonders verantwortungsvoll auf Reisen begibt, muss sich mit ein paar extra Vorbereitung befassen. Hast du ein paar Tipps?

PH: Recherche! Recherche! Recherche! Ich buche nie über Reisebüros, weil die meist die Pauschalangebote der großen Reiseanbieter haben. Ich suche mir die Orte und Übernachtungsmöglichkeiten selbst über Internet und Empfehlungen, manchmal auch vor Ort. Allerdings gibt es bei den digitalen Reiseanbietern, auch immer mehr Ökohotels im Angebot. Das kann hilfreich sein. Für alle die nicht gerne zusammenrecherchieren, gibt es zumindest ein paar Reiseanbieter, die ökologische Angebote und Hotels in ihrem Portfolio haben. Wir haben tolle Erfahrungen mit Greenpearls.com gemacht. Toll finde ich auch forumandersreisen.de. Da gibt es einige. Und ich kann AirBnB für Großstädte sehr empfehlen. Als Alternative zu den riesigen Hotelkästen, ist es eine persönliche Bed-and-Breakfast-Alternative. Mehr Vorbereitung braucht es nicht. Reisen ist Reisen. Frau braucht Kleider, einen Koffer oder einen Rucksack – der Gold wert sein kann, wenn man die oft individuelleren Reiserouten auf der Suche nach Nachhaltigkeit nimmt – und das Internet.

WM: Gibt es ein Netzwerk aus Green-Bloggern?

PH: Es gibt einige Green Blogger, von Vegan bis Green Fashion. Und es werden immer mehr. Das finde ich toll. Ich kenne kein großes Netzwerk, das alle unter sich vereint. Wenn es eines gibt: dann gerne her mit der Information. Ich kenne einige, weil man untereinander vernetzt ist und sich gegenseitig liest.

WM: Findest du dass Blogs und Social Media für das Thema „Fair Lifestyle“ ein entscheidender Meinungsmacher sind, um das Thema stärker bewusst zu machen?

PH: Absolut. Über Blogs und Social Media können spannende Projekte, Gedanken und Themen zu den Menschen kommen. Ganz wichtig sind bei diesem Thema aber auch die klassischen Medien, die eine Meinungsmacht haben und sie viel mehr nutzen sollten.

WM: Wirst du als Bloggerin von anderen Medien und von der Tourismusindustrie angesprochen?

PH: Immer wieder. Mehr aber tatsächlich von Labels und Unternehmen, die die Welt besser machen wollen, auf uns stoßen und mit uns, also Hollightly.de, zusammenarbeiten wollen. Ich glaube, dass das Thema Nachhaltigkeit noch nicht genug in den Medien angekommen ist. Ich würde mir wünschen, dass sich das noch verstärkt. Wir müssen an unserer Art zu konsumieren und unserem Lifestyle endlich ein bisschen drehen. Wir haben nur eine Welt und es wäre schön, wenn es sie in hundert Jahren immer noch genauso gibt.

WM: Vielen Dank für das Interview.


Teaser & Image (adapted) by hollightly.de


 

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Erdbeerwoche.com: “Die Regel ist nach wie vor ein Tabuthema”

Erbeerwoche (Bild: Jakob Steinschaden [C])

Ein österreichisches Startup hat es sich zum Ziel gesetzt, Frauenhygiene nachhaltiger, gesünder und umweltverträglicher zu machen. // von Jakob Steinschaden

Erbeerwoche (Bild: Jakob Steinschaden)

Biotampons, Biobinden und wiederverwendbare Produkte für die Monatshygiene: Das österreichische Startup Erdbeerwoche.com, das Annemarie Harant und Bettina Steinbrugger gegründet habn, will das Thema Nachhaltigkeit im Bereich der Frauenhygiene vorantreiben. 2015 steht neben der Expansion nach Deutschland und in den CEE-Raum auch die Bewusstseinssteigerung bei Gynäkologen und an Schulen an.

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Kann uns die Digitalisierung zu mehr Nachhaltigkeit verhelfen?

Kann die Digitalisierung für mehr Nachhaltigkeit sorgen? (Bild: Ole Wintermann)

Immer wieder wird die Digitalisierung auf ihre rein technische Dimension reduziert. Sie kann uns aber helfen, mehr Nachhaltigkeit in unseren Alltag zu bringen. // von Ole Wintermann

Kann die Digitalisierung für mehr Nachhaltigkeit sorgen? (Bild: Ole Wintermann)

Die Debatte darüber, ob die gegenwärtige Volkswirtschaftslehre in der Lage ist, Modelle für das Erreichen eines nachhaltigen marktwirtschaftlichen Systems zu skizzieren, ist alles andere als neu und hat ihren Widerhall in den letzten Jahren in verschiedenen Kontexten gefunden.

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Sharing ganz ohne Internet

Das Phänomen der Sharing Economy ist heute sehr verbreitet. Das Internet macht es leichter, Dinge untereinander auszuleihen und ersetzt das dafür nötige Vertrauen mit Kommentarfunktionen. Das Projekt Pumpipumpe baut auf diesen Sharing-Gedanken – jedoch analog. //von Anna Maria Landgraf

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An Stelle von Internetplattformen treten hier Sticker, bedruckt mit Backformen, Hammern oder Schlitten. Der Nutzer klebt sich diese Sticker ganz einfach auf den Briefkasten und zeigt damit seinen Nachbarn, dass er eine Gugelhopfform auszuleihen hat. Oder einen Gameboy. Oder beides.

Wir haben mit Lisa Schmidt, Hub-Managerin von Pumpipumpe in Hamburg, über das Projekt gesprochen, das 2012 von Lisa Ochsenbein, Sabine Hirsig und Ivan Mele ins Leben gerufen wurde. Weiterlesen »

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Nachhaltigkeit: Zu viele offene Fragen beim Ranking

Handyschrott (Bild: MikroLogika [CC BY-SA 3.0], via Wikipedia)

Wie nachhaltig produzieren eigentlich die Elektronikhersteller? Eine Untersuchung zur Nachhaltigkeit gibt darüber nur bedingt Aufschluss. // von Tobias Gillen

Handyschrott (Bild: MikroLogika [CC BY-SA 3.0], via Wikipedia)

Das EU-Parlament hat im März beschlossen, dass sich die Hersteller von Smartphones und Tablets bis spätestens 2017 auf ein einheitliches Ladekabel einigen müssen. Grund dafür ist hauptsächlich der Umweltschutz, denn durch die Ladekabel-Redundanz werden jährlich viele Tonnen überflüssigen Elektro-Schrotts produziert. Nun hat ein Ranking-Portal ermittelt, welche Tech-Konzerne am nachhaltigsten produzieren.

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Animationsvideo über Smartphones und Nachhaltigkeit

Das Smartphone ist zum beliebtesten Gadget der westlichen Zivilisation aufgestiegen, doch die Produktion entspricht nicht immer den westlichen Werten. // von Tobias Schwarz

Nachhaltigkeit (Bild: The Natural Step Canada [CC BY 2.0], via Flickr)

Der Verein e-politik e.V. produziert im Rahmen des Projektes WissensWerte eine Reihe von Animationsclips zu politischen Themen. Ziel ist es, Politikinteressierte durch einen technisch innovativen Rahmen mit einem didaktisch aufbereitenden Inhalt anzusprechen. Im neuesten Video wird erklärt, wie eigentlich diese globalen Produktions- und Vertriebsketten von Smartphones funktionieren und wo die Konflikte im Arbeits- und Umweltschutzes liegen.

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eco-amp 2.0 iPhone-Verstärker – Nachhaltigkeit zum kleinen Preis

Smartphones sind in der Produktion und der Entsorgung extrem unökologisch. Zumindest beim Zubehör kann man jetzt nachhaltiger einkaufen.

eco amp 2.0

Der eco-amp 2.0 iPhone-Verstärker ist technisch nicht gerade eine Revolution, aber aus moralisch-ethischer Sicht sicherlich ein Vorzeigeprodukt in Sachen Nachhaltigkeit. Was genau steckt dahinter? Der Lautsprecher-Verstärker für dein iPhone ist aus FSC-zertifiziertem und zu 100-prozentig recyceltem Papier gefertigt und mit soja-basierter Tinte beschriftet. Bei der Produktion werden nur umweltfreundliche Materialien eingesetzt.

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