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Chelsea Manning kandidiert für den US-Senat

Image US Congres by Gang via Adobe_Stock_com

Chelsea Manning, bekannt als Whistleblowerin und als Aktivistin, will sich für den US-Bundesstaat Maryland in den Senat wählen lassen. Das kündigte sie in Form eines Videos an. Mannings Kandidatur zeugt von bemerkenswertem Mut. Sie könnte die gesellschaftlichen Anliegen, für die sie sich seit Jahren einsetzt, erheblich weiter bringen. Zudem sollte Mannings Bereitschaft, sich nach den Regeln des Systems für ihre Werte und Ziele einzusetzen, deutlich zeigen, was von einem großen Teil der an ihrem Verhalten geäußerten “Kritik” zu halten ist.

Whistleblowerin und Häftling

Chelsea Manning ist vor allem als Whistleblowerin bekannt. Im Jahr 2010 leitete die damalige US-Armeeangehörige zahlreiche Geheimdokumente, die Fehlverhalten der Army und anderer US-Behörden aufdeckten, an die Leaking-Website WikiLeaks weiter. WikiLeaks verdankt Manning einige seiner spektakulärsten Leaks.

Allerdings wurde Manning verraten und in einem Aufsehen erregenden Prozess zu einer 35-jährigen Freiheitsstrafe verurteilt. Erst Anfang 2017 wurde sie als eine der letzten Amtshandlungen von Präsident Barack Obama begnadigt.

Aktivismus

Ihr Leben in Freiheit widmete Chelsea Manning vor allem dem Aktivismus. Auf Instagram und Twitter verbreitet die 30-Jährige Fotos aus ihrem Leben, aber immer wieder auch politischem Content an ihre große Anhängerschaft. Auch wenn sie nach den spektakulären Leaks von 2010 nicht mehr viel mit WikiLeaks zu tun zu haben schien, steht sie nach wie vor zur Notwendigkeit von mehr politischer Transparenz. Vor allem aber ist sie eine entschlossene Kämpferin für die Rechte der LGBTQ-Gemeinde.

In den letzten Monaten wurde Manning zu einer der größten Kritikerinnen von US-Präsident Donald Trump. Die Abneigung basiert auf Gegenseitigkeit – bereits kurz nach der Entscheidung seines Amtsvorgängers, Manning vorzeitig aus der Haft zu entlassen, tat Trump auf Twitter seinen Unmut über diesen Entschluss und über Mannings Handlungen kund.

Manning gegen die Mächtigen

Ihren Entschluss, für den Senat zu kandidieren, gab Manning auf Twitter in Form eines Videos bekannt. Darin bezeichnet sie die aktuellen Zeiten als „herausfordernd“, als „Zeiten von Unterdrückung und Hass“. „Wir brauchen nicht mehr oder bessere Anführer – wir brauchen jemanden, der bereit ist, zu kämpfen,“ so Manning in ihrer Botschaft, die sich vor allem gegen Machtmissbrauch der Mächtigen richtet.

Kandidatur für die Demokraten

Manning will für die Partei der Demokraten antreten. Ihr Gegner in den demokratischen Vorwahlen dürfte der angesehene, seit zwölf Jahren im Senat sitzende Ben Cardin werden. Es wird sich zeigen, ob Manning mit ihrem Kampfgeist und ihrer Social-Media-Präsenz die Wählerinnen und Wähler ausreichend von sich überzeugen kann, um diesen erfahreneren Gegner zu schlagen.

Ein mutiger Schritt

Mannings Kandidatur für den Senat zeigt deutlich, wie unsachlich und dumm ein Teil der gegen sie geäußerten Kritik ist. Wer auf diese Weise ein politisches Amt anstrebt, ist weder unpatriotisch noch eine Verräterin noch lediglich an unkonstruktiver Kritik interessiert. Er macht sich die Dinge auch bestimmt nicht übermäßig einfach, indem er vorhandene und sinnvolle legale Möglichkeiten, ein Problem zu lösen, ignoriert. All diese Dinge sind Manning schon vorgeworfen worden. Und ihre Unterstützerinnen und Unterstützer wussten schon lange, was davon zu halten war.

Vor allem aber ist Mannings Kandidatur ein Zeichen der Hoffnung. Vor allem für die LGBTQ-Gemeinde, aber auch für alle, die sich gesellschaftliche Veränderungen wünschen. Eine Aktivistin, die wegen ihrer Überzeugungen im Militärgefängnis saß und nun versucht, die Mächtigen in ihrem eigenen Spiel zu schlagen. Das ist in jedem Fall eine spannende, inspirierende Geschichte. Ob Mannings Mut von Erfolg gekrönt wird, wird sich nun zeigen.


Gang / stock.adobe.com


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WikiLeaks-Anklage würde Demokratie und Pressefreiheit verletzen

censorship-1315071_1920 (adapted) (Image by dimitrisvetsikas1969 [CC0 Public Domain] via pixabay)

Das US-Justizministerium erarbeitet gerade eine Strategie, um die Verantwortlichen der Whistleblowing-Plattform anzuklagen. Unter den diskutierten Anklagepunkten sind Verschwörung, Diebstahl von Regierungseigentum und Verstöße gegen ein äußerst umstrittenes Anti-Spionage-Gesetz. Das Vorgehen der Regierung in diesem Fall ist extrem problematisch, kriminalisiert es doch – wie die Vorgängerregierung unter Barack Obama bereits erkannte – im Prinzip die Arbeit investigativer Journalistinnen und Journalisten.

US-Justizministerium prüft Anklage gegen WikiLeaks

Die US-Staatsanwaltschaft und das Justizministerium diskutieren momentan eine Anklage gegen Mitglieder der Whistleblowing-Plattform WikiLeaks. Gegenstand der aktuellen Untersuchungen ist insbesondere der „Cablegate“-Leak, in dessen Rahmen seit dem Jahr 2010 mehrere Millionen diplomatischer Depeschen der US-Regierung und ihrer Partner veröffentlicht worden sind. Daneben ist aber auch der kürzlich erfolgte Leak von CIA-Hackertools Gegenstand der Untersuchungen. Auch hier wird geprüft, ob WikiLeaks strafrechtlich zur Verantwortung gezogen werden kann.

Die möglichen Anklagepunkte umfassen Verschwörung und den Diebstahl von Regierungseigentum. Daneben sind aber auch mögliche Verstöße gegen den „Espionage Act“ von 1917 im Gespräch. Dieses Anti-Spionage-Gesetz, eingeführt unter dem Eindruck des Ersten Weltkriegs, um die Schwächung der US-Streitkräfte zu verhindern, ist äußerst umstritten. Immer wieder bezeichneten Kritikerinnen und Kritiker es als potentiell verfassungswidrig. Dennoch ist es bis heute in Kraft.

Kriminalisierung investigativen Journalismus‘

Die Obama-Regierung ging teilweise mit einiger Härte gegen Whistleblower vor. Gleich mehrere von ihnen wurden in Barack Obamas achtjähriger Amtszeit unter dem bereits erwähnten Espionage Act angeklagt. Bekanntestes Beispiel ist die WikiLeaks-Informantin Chelsea Manning, die zu einer 35-jährigen Haftstrafe verurteilt wurde und in der Haft zahlreiche Härten erleiden musste, von Obama allerdings im letzten Moment begnadigt wurde und nun wohl in Kürze frei kommen wird.

Von einer Verfolgung der WikiLeaks-Aktivistinnen und -Aktivisten, die den Leaks eine Plattform gaben und diese der Öffentlichkeit zugänglich machten, sah die Obama-Regierung jedoch ausdrücklich ab. Ihre Begründung: WikiLeaks ist ein journalistisches Projekt. Seine Mitarbeiter zu verfolgen, käme einer Kriminalisierung von investigativem Journalismus gleich und wäre damit ein inakzeptabler Verstoß gegen die Meinungs- und Pressefreiheit.US

Schutz für alle Journalistinnen und Journalisten

Die aktuelle US-Regierung unter Donald Trump scheint keine solchen Bedenken zu haben. Diese Tatsache ist äußerst bedenklich. WikiLeaks ist ein journalistisches Projekt. Das Ziel der Plattform, Fehlverhalten von Staaten und Unternehmen aufzudecken und die Informationen darüber der Öffentlichkeit zugänglich zu machen, ist ohne jeden Zweifel die Zielsetzung eines Presse-Organs.

In den letzten zwei Jahrzehnten hat sich die Presselandschaft sehr verändert. Neben den klassischen Medien wie Zeitungen, Rundfunk und Fernsehen gibt es mittlerweile auch News-Websites, Blogs, informative Social-Media-Angebote, Podcasts und einiges mehr. Neben klassischen fest angestellten oder freien Journalistinnen und Journalisten sorgen auch Bloggerinnen und Blogger sowie, wie eben im Falle von WikiLeaks, Aktivistinnen und Aktivisten dafür, die Bevölkerung zu informieren. Ihre Position ist oftmals heikel, denn für sie gelten nicht immer die selben Schutzklauseln wie für „normale“ Journalistinnen und Journalisten. Das muss sich dringend ändern.

Wer ein journalistisches Projekt betreibt oder daran mitwirkt und sich an gängige presseethische Grundsätze hält, muss auch als Pressevertreterin oder -vertreter behandelt werden und entsprechenden Schutz genießen. Im konkreten Fall bedeutet das, dass Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von WikiLeaks ebenso wenig für ihre journalistische Tätigkeit angeklagt werden dürfen wie das Personal der New York Times oder der Washington Post.

Dabei ändert die Tatsache, dass sich das Team von WikiLeaks in erster Linie als Gruppe von Aktivistinnen und Aktivisten versteht, überhaupt nichts. In der heutigen Welt sind Journalismus und Aktivismus keineswegs Dinge, die sich gegenseitig ausschließen. Zudem sollte die zentrale Fragestellung lediglich sein, ob die Publikation relevante Informationen mit investigativen Methoden und unter Berücksichtigung ethischer Grundsätze aufdeckt – was WikiLeaks zweifellos tut.

Solidarität mit WikiLeaks

Noch ist das fragliche Memo nicht komplett bekannt und die Verantwortlichen haben sich noch nicht endgültig für oder gegen eine Anklage gegen WikiLeaks entschieden. Allerdings ist allein die bloße Erwägung dieses Schrittes ein beunruhigendes Signal, dass die Trump-Regierung die Pressefreiheit nicht so sehr respektiert, wie es wünschenswert wäre. Es ist Zeit, sich solidarisch hinter WikiLeaks zu stellen und klarzumachen, dass es sich bei der Plattform um eine journalistische Publikation handelt, die entsprechenden Schutz genießen muss und dass die internationale Gemeinschaft eine Kriminalisierung dieser journalistischen Plattform nicht dulden wird. Bei aller zeitweisen Kritik an den Methoden WikiLeaks‘ besteht kein Zweifel daran, dass es sich um eine journalistische Unternehmung handelt, keine kriminelle. Sorgen wir dafür, dass auch Donald Trump und seine Verbündeten dies einsehen müssen.


Image (adapted) „Censorship“ by dimitrisvetsikas1969 (CC0 Public Domain)


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FollowUs – Die Netzpiloten-Tipps aus Blogs & Mags

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  • HACKER golem: Das FBI darf jetzt weltweit hacken: Das FBI wird jetzt endgültig zu einer Hacker-Vereinigung. In den USA soll jetzt die sogenannte „Rule 41“ der Federal Rules of Criminal Procedure in Kraft treten. Diese besagt, dass Amtsrichter in den USA Bundesbehörden wie etwa dem FBI die Erlaubnis zum Hacken beliebig vieler Computer erteilen kann und stellt quasi einen Durchsuchungsbefehl dar, der jeden betreffen könnte, der eine entsprechende Website besucht. Die Genehmigungen zum Hacken können von jedem US-amerikanischen Amtsrichter in beliebigen Jurisdiktionen erteilt werden.

  • AMAZON itreseller: Amazon bringt Daten per LKW in die Cloud: Der Online-Großhändler hat jetzt in Las Vegas einen Cloud-LKW, das sogenannte „Snowmobile“, vorgestellt. Dieses Konzept basiert auf dem Erflog der mobilen Snowball-Datenfestplatten, auf welchen Kunden bereits Daten im Terabyte-Bereich per Kurier in die Cloud senden können. Jetzt werden schwerere Geschütze aufgefahren und klassisch analog sollen auch große Datenmengen per Lastwagen in das Cloud-Rechenzentrum transportiert werden. Dies soll vor allem für Unternehmen mit großen Datenbeständen hilfreich sein, da selbst mit Highspeed-Leitungen Datenvolumen im Petabyte-Bereich Monate wenn nicht Jahre für die Übertragung brauchen können. Der Truck hingegen kann in rund zehn Tagen mit 100 Petabyte an Daten beladen werden.

  • RUSSLAND zeit: Hacker erbeuten Millionenbetrag von russischer Zentralbank: Die russische Zentralbank wurde filmreich um einen Millionenbetrag erleichtert. In der Moskauer Bank wurden durch einen Hacker-Angriff rund 29 Millionen Euro erbeutet. „Der FSB (der russische Inlandsgeheimsdienst) hat die notwendigen Maßnahmen eingeleitet, um Bedrohungen für die russische Wirtschafts- und Informationssicherheit zu neutralisieren“, hieß es in einer Mitteilung. Neben dem Hacker-Angriff kam es zudem zu gezielten Falschmeldungen, die von einer Krise bei den Bankensystemen, Insolvenzen und dem Entzug von Lizenzen handeln.

  • APPLE t3n: Project Titan doch nicht tot? Apple arbeitet wohl weiter an autonom fahrenden Auto: Apple scheint auch überall seine Finger im Spiel zu haben. So auch in der Welt der autonom fahrenden Autos. Unter dem Decknahmen “Project Titan” arbeitete der Konzern an einem solchen Konzept, soll es aber wieder auf Eis gelegt haben. Apple-Direktor Steve Kenner hat jetzt in einem Schreiben an die National Highway Traffic Safety Administration neue Sicherheits-, sowie Datenschutzregeln gefordert. Konkret angesprochen wird Project Titan darin nicht, so lässt sich aber zwischen den Zeilen ein defintives Interesse an einer Weiterverfolgung des Projekts herauslesen, welches ursprünglich für den Verkauf in 2019 angedacht war.

  • US-WAHL spiegel: So angreifbar sind die Wahlcomputer der USA: Sein Kreuzchen in der Wahlkabine auf einem Computer statt einem Stimmzettel zu hinterlassen sollte eigentlich durchaus praktischer und sicherer sein. So können etwa ungültige Stimmabgaben verhindert werden und die Auszahlung in Sekundenschnelle erfolgen. US-amerikanische IT-Experten haben besagte Wahlcomputer jetzt aber für unzureichend gesichert erklärt und somit das Vertrauen in das Ergebnis der Wahl erschüttert. Computer-Wissenschaftler J. Alex Halderman hat empfohlen die Stimmen in drei Bundesstaaten neu auszuzählen, der Antrag dazu wurde jetzt aber wieder zurückgezogen.

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Mehr als Hashtags: Wie eine neue Welle digitaler Aktivisten die Gesellschaft verändert

Anonymous (adapted) (Image by Alf Melin [CC BY-SA 2.0] via Flickr)

Digitaler Aktivismus hat den politischen Protest in den letzten zwei Jahrzehnten verwandelt. Smartphones und das Internet haben die Art und Weise, wie politische Events, Demonstrationen und Protestbewegungen organisiert werden, verändert, indem sie dabei helfen, Tausende neuer Unterstützer zu mobilisieren. Da diese Aktivität eine alltägliche Erscheinung geworden ist, entwickeln sich nun neue Formen des digitalen Aktivismus. Diese umgehen oft die bestehende Welt der Politik, der sozialen Bewegungen und der Kampagnenführung. Stattdessen machen sie sich neue Technologien zunutze, um einen alternativen Weg zu ebnen, die Gesellschaft und Wirtschaft zu organisieren. Wir haben uns daran gewöhnt, dass digitaler Aktivismus und soziale Medien dafür genutzt werden, um politische Bewegungen öffentlich und einer großen Gruppe zugänglich zu machen, so wie beispielsweise die Aufstände im Rahmen des arabischen Frühlings im Mittleren Osten und die Protestbewegung Occupy. Aktivisten, wie zum Beispiel die bei den letzten französischen Arbeiterprotesten beteiligten Personen, können ihre Protestaktionen nun live übertragen, indem sie Apps wie Periscope benutzen. Online-User können direkt und live Feedback geben und so zu der Debatte beitragen. In Barcelona hat die Partei der neuen Bürgermeisterin Ada Colau ihr Wahlkampfprogramm mit der Unterstützung von über 5000 Leuten aufgezogen, nämlich in öffentlichen Versammlungen, online und unter Einbeziehung des neuen Cyberaktivisten-Netzwerks SomComuns. Die sogenannten “Hack-tivisten” wie Anonymous knacken regelmäßig die Computernetzwerke der Reichen und Mächtigen und attackieren sogar terroristische Organisationen wie den Islamischen Staat. Die aktuellen Panama Papers folgen aus ähnlichen Enthüllungen durch Wikileaks und Edward Snowden und sind Beispiele für den “Leak-tivismus”. Hier wird das Internet dazu genutzt, vertrauliche Dokumente zu erlangen, die Informationen daraus durchsickern zu lassen und zu verbreiten, was politische Auswirkungen zur Folge hat. Die Panama-Lecks haben zu Protesten geführt, in deren Folge der isländische Premierminister seinen Platz räumen musste. Die Forderung nach ähnlichen Konsequenzen wird auch innerhalb des Vereinigten Königreichs (UK) laut.

Stiller Aktivismus

All diese Formen des Online-Aktivismus haben das grundlegende Ziel, eine Veränderung der aktuellen Lage zu bewirken, indem in der realen Welt politischer Druck auf Führungspersonen und andere mächtige Gruppen ausgeübt wird. Doch neue Formen digitaler Aktivität versuchen auch, die Gesellschaft auf direkterem Weg zu verändern, sodass Individuen die Möglichkeit gegeben wird, ohne die Regierung oder unternehmensgeführte Infrastrukturen zu arbeiten und zu kollaborieren. Zunächst gibt es die stilleren Formen des digitalen Aktivismus, die – anstatt gegen spezifische Probleme zu demonstrieren – alternative Wege bereitstellen auf digitale Netzwerke zuzugreifen, um Zensur und das Abschalten des Internets in autoritären Regimen zu verhindern. Dies bedeutet auch, Minderheiten und Randgruppen sowie von Armut betroffenen ländlichen Gegenden den Zugriff auf das Internet zu ermöglichen, wie es ein aktuelles Projekt in Sarantaporo im Norden Griechenlands zeigt. Aber es bedeutet auch, dass hier technologisch eher ungewöhnliche Lösungen angewandt werden. Qual.net verbindet das Telefon oder den Computer mit einem ad-hoc-Netzwerk von Geräten, das es den Benutzern erlaubt, Informationen auszutauschen, ohne dafür zentrale Server oder einen konventionellen Internetzugang zu benötigen. In Angola haben Aktivisten begonnen, Raubkopien von Filmen und Musik in Wikipedia-Artikeln zu verstecken und in geschlossenen Facebook-Gruppen darauf zu verlinken. Auf diese Weise haben sie eine geheime, kostenlose Datentauschbörse geschaffen. Darüber hinaus wurden Plattformen gegründet, die von Bürger-, Konsumenten- oder Arbeitnehmer-Genossenschaften ausgeführt werden, um den gigantischen Technologie-Unternehmen die Stirn zu bieten. So ist zum Beispiel Goteo eine gemeinnützige Organisation, die Geld für Gesellschaftsprojekte sammelt. Wie andere Crowdfunding-Plattformen auch, generiert sie finanzielle Mittel, indem sie eine große Menge an Personen dafür gewinnt, jeweils eine kleine Investition zu tätigen. Die Rechte an den Projekten sind hierbei aber durch Open-Source– und Creative-Commons-Lizenzen für die ganze Community zugänglich. Das Beispiel der Transactive Grid im New Yorker Stadtteil Brooklyn zeigt, wie Blockchain, die Technologie, die Online-Währungen wie Bitcoin untermauert, dafür genutzt werden kann, eine Gemeinschaft zu unterstützen. Das Transactive-Blockchain-System erlaubt Anwohnern, sich gegenseitig erneuerbare Energien zu verkaufen, indem sie sichere Transaktionen ohne die Beteiligung von zentralen Energie-Unternehmen benutzen können – so wie Bitcoin auch keine zentrale Bank benötigt. Zu diesen Plattformen gehören auch Organisationen, die Menschen helfen, ihre Güter, Dienstleistungen und Ideen zu teilen, sodass sie in Peer-to-Peer-Netzwerken arbeiten können – auch bekannt als gemeinsame Peer-Produktionen. So gibt es beispielsweise Fablabs-Workshops, die ihr Wissen und ihre Hardware vermitteln, um die Benutzer dabei zu unterstützen, ihre Produkte mit digitalen Betriebsmitteln zu produzieren.

Mehr Demokratie und Kooperation

Was diese neuen Formen des digitalen Aktivismus verbindet, ist der Anspruch, digitale Plattformen demokratischer zu machen. So können die Personen, die sie benutzen und für sie arbeiten, sie auch besitzen und ausführen, um ihre soziale Absicherung zu verbessern. Gleichzeitig werden die Produkte und Dienstleistungen, die diese Plattformen anbieten, geteilt, damit die ganze Community davon profitieren kann. Da die Plattformen Open-Source-Software benutzen, die für jeden frei verfügbar ist, können sie weiter geteilt und umgebaut werden, um unterschiedlichen Ansprüchen zu genügen. Auf diese Weise liefern sie möglicherweise eine alternative Form der Produktion, die einige der Fehler und Ungleichheiten des Kapitalismus angeht. Durch die Anwendung von offenen Tools, Währungen und Verträgen wird digitalen Aktivisten die Möglichkeit gegeben, sich gegen die lauteren Aktivitäten von aggressiven Cyber-Attacken und opportunistischen Social-Media-Kampagnen durchzusetzen, die in vielen Fällen gar nicht zu echten Reformen führen. Das Internet hat den Menschen schon immer die Möglichkeit gegeben, neue Gemeinschaften zu formen und Ressourcen zu teilen. Doch mehr und mehr Gruppen wenden sich nun einer anderen Art ideologischen und praktischen  Handwerkszeugs zu, um kooperative Plattformen zu bilden, die den sozialen Wandel voranbringen sollen.

Dieser Artikel erschien zuerst auf “The Conversation” unter CC BY-ND 4.0. Übersetzung mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.


Image (adapted) „Anonymous“ by Alf Melin (CC BY-SA 2.0)


The Conversation

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5 Lesetipps für den 3. Dezember

In unseren Lesetipps geht es heute um Massenschießereien in den USA, Uber, die Gender Gap in der Tech-Branche, Dummheit und Machteliten-Hacking. Ergänzungen erwünscht.

  • WAFFENTRAGÖDIEN Fusion: There have been more mass shootings than days in 2015: Am Mittwoch gab es in den USA eine weitere Schießerei mit mehreren Toten. Dazu gibt es nicht viel zu sagen, solche Tragödien sind schlimm genug und noch sind auch nicht viele Details dazu bekannt, aber dass es in den bisherigen 334 Tagen diesen Jahres bereits 351 Massenschießereien in den USA gab, ist ein sowohl bemerkenswerter als auch trauriger Fakt.

  • UBER Skift: How Uber Mobilizes Customers for Political Action: Uber besitzt keine eigenen Autos, auch hat es an sich keine Fahrer als feste Angestellte (wobei es da in manchen Ländern unterschiedliche Interpretationen gibt) und trotzdem muss Uber, und schafft es auch, politischen Druck ausüben. Vor allem durch die Massen an Kunden, die dazu bewegt werden, Uber so zu schätzen, vielleicht sogar zu lieben, dass man als Kunde für das Unternehmen eintritt. Ein sehr cleverer Schachzug, den Alison Vekshin erklärt und kommentiert.

  • GENDER GAP The Next Web: The gender gap in technology can byte me: Lauren Gilmore bringt den wohl wichtigsten Punkt zur Überwindung der Gender Gap in der Technologie-Szene (und eigentlich auch überall) gekonnt auf den Punkt: Taten statt Worte. Anstatt Gegebenheiten zu akzeptieren oder nur zu benennen und dann nichts zu machen, müssen Frauen anfangen, Debatten zu leiten und zu gestalten statt höchstens nur mitzureden. Das sage ich jetzt nicht als Mann, sondern zitiere eine Frau, die das sagt.

  • DUMMHEIT Open Culture: John Cleese on How „Stupid People Have No Idea How Stupid They Are“: Kennen Sie den Dunning-Kruger-Effekt? Damit ist die kognitive Verzerrung an sich inkompetenter Menschen gemeint, die ihr eigenes Können überschätzen und die Kompetenz anderer unterschätzen. Diesen Effekt habe ich zuletzt vor allem in den Debatten des anlaufenden Präsidentschaftswahlkampf in den USA beobachtet, aber auch hierzulande sind vor allem politische Debatten davon geprägt (siehe alles, wozu sich Thomas de Mazière äußert). John Cleese spricht über den Effekt in einem Video, dass das Open-Culture-Blog lesenswert bespricht.

  • HACKING The European: Anleitung für das alltägliche Machteliten-Hacking: Anfang November organisierte Gunnar Sohn das Next Economy Open in Bonn, auf dem u.a. auch Soziopod-Blogger Patrick Breitenbach sprach und mit seinem spontihaften Aufruf zum Machteliten-Hacking eine vortreffliche Denksportaufgabe hinterließ, der Gunnar Sohn sich annahm und über das Platzen der Ja-Sager-Blase in den Eliten nachdenkt. PENG!

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Eine dritte Welle des Feminismus erhebt sich

SlutWalk NYC October 2011 Shankbone 25 (adapted) (Image by David Shankbone [CC BY 2.0] via flickr)

Wellen muss man reiten – das trifft quasi auch auf den Feminismus zu, der sich im neuen Gewand aktuellen Problemen stellt.

Wir sind Zeugen des Aufkommens einer dritten Welle des Feminismus. Den Kampf der viktorianischen Sozialreformer, der Suffragetten und der revolutionären Feministen der 1970er Jahre aufnehmend, kämpfen Feministen heute wieder für eine gleichberechtigte Behandlung und für ein Ende sexueller Gewalt in einer weiterhin patriarchischen Gesellschaft des 21. Jahrhunderts.

Es ist eine bewegte Zeit für Feministen in Großbritannien. Ende Oktober hat die neue Women’s Equality Party (WEP) ihr Grundsatzprogramm verabschiedet. Es drängt auf eine gleichmäßige Vertretung in der Politik, in Firmen und in der Industrie; gleiche Bezahlung und Gleichstellung in der Kindererziehung; die gleiche Behandlung von Frauen durch die Medien; und eine Beendigung sexueller Gewalt.

Wenige Tage nachdem ich der Verabschiedung beiwohnte, ging ich zu der “Feminismus in London”-Konferenz, die mehr als 1.000 Männer und Frauen angezogen hatte. Sie waren gekommen, um einer Reihe von Sprechern zu Themen wie Handel mit inländischen Arbeitern, Gleichheit und Einschränkungen, sowie über die Kampagne zur 50:50-Vertretung im Parlament, zuzuhören. Ich war sehr aufgeregt Teil einer feministischen Bewegung “in Bewegung” zu sein.

Es ist unklar, wie viele Frauen oder Männer sich selbst als Feministinnen oder Feministen sehen und möglicherweise könnte sich die Mehrheit der Menschen auf die eine oder andere Weise nicht weniger dafür interessieren. Welchen Standpunkt auch immer Sie annehmen, die Geschichte des Feminismus zeigt, dass er das private und öffentliche Leben verändert – unabhängig davon, ob sich jeder dessen bewusst ist oder nicht, oder diese Veränderung begrüßt.

Ein geschichtlicher Überblick zu feministischer Historie

Die letzten zwei Jahrhunderte wurden Zeugen von drei Wellen des Feminismus. Unglücklicherweise folgten die ersten zwei einem vertrauten Muster: Anfänglicher Widerstand gegen feministische Ziele, gefolgt von einer Phase der sozialen Akzeptanz dessen, was ursprünglich als eine unangemessene Forderung erschien.

Dann folgt eine Neuerung, die für gewöhnlich in Form eines Konsens darüber, dass der Feminismus erfolgreich war und sich damit selbst überflüssig gemacht hat, in Erscheinung tritt. Danach verstummen Frauen, zumindest in der Öffentlichkeit, hinsichtlich ihrer sozialen Umstände. Bis es zu einem Wendepunkt kommt und der Feminismus sich erneut erhebt wie ein Phönix aus der Asche. Dies könnte bald wieder geschehen.

Die erste Welle des Feminismus erhob sich während des 19. Jahrhunderts und dem beginnenden 20. Jahrhundert mit dem Streben nach sozialen Reformen. Frauen wie Josephine Butler beschäftigten sich mit Prostitution und mit der Doppelmoral hinsichtlich sexueller Moralvorstellungen. Harriet Martineau, eine Mitbegründerin der Soziologie, lehrte, dass jede soziologische Analyse von politischen, religiösen und sozialen Kerninstitutionen das Leben von Frauen einschließen sollte. Emmeline Pankhurst setzte sich indessen für das Recht der Frauen zu wählen und für das Recht auf eine vollwertige politische Staatsbürgerschaft ein.

Die zweite Welle des Feminismus erhob sich in den 1960er, 1970er und 1980er Jahren und beschäftigte sich weniger mit sozialen Reformen als mit Revolution. Diese Periode brodelte vor politischer Aktivität. Die australische Schriftstellerin Germaine Greer führte an, dass die Sexualität der Frau vom Patriarchat unterdrückt und ausgeweidet würde, während die britische Theoretikerin Sheila Rowbotham die Wechselbeziehung zwischen Kapitalismus und Patriarchat in der Ausbeutung der Arbeitskraft der Frau beschrieb.

In den 1990er Jahren begann die Sprache des “Post-Feminismus” in den öffentlichen Diskurs Einzug zu halten. Glücklicherweise wurde behauptet, dass wir uns nun alle zurücklehnen können, da Frauen jetzt im Land der Sexual- und Geschlechterpolitiken gleichgestellt sind. Begriffe wie die individuelle “Verwirklichung” der Frau ersetzten die Idee der gemeinsamen Aktion. Auch wenn zeitweise bemerkt wurde, dass männliche sexuelle Gewalt weiterhin bestand, konzentrierte sich die Strategie des Widerstandes auf die Rechte der Frauen ohne Schuldzuweisungen aussehen und handeln zu dürfen, wie sie es mochten.

Die Selbstverwirklichung wurde jedoch auf geschlechtliche Verwirklichung reduziert: die Feministinnen der 60er und 70er Jahre wurden als “Geschlechter-negativ” umgedeutet. Anstelle dessen lehnten “Geschlechter-positive” Frauen den Feminismus ab und wurden durch den Schriftsteller Ariel Levy kulturell dazu veranlasst, Verwirklichung darin zu finden, wie ein Pornosternchen auszusehen und sich gleichermaßen zu verhalten.

Ein sich aus der Asche erhebender Phönix

Wenige Jahre nach Beginn des 21. Jahrhunderts kam es erneut zu einem Wendepunkt. Im Jahr 2005 behauptete Levy, dass, wenn Frauen sich und andere Frauen weiterhin zu sexuellen Objekten machen, dies nicht als Erfolg für den Feminismus und die Gleichstellung von Frauen und Männern anzusehen ist, sondern vielmehr als der Untergang des Feminismus.

Neue Bewegungen bildeten sich, die zu der Vorstellung zurückkehrten, dass es nicht zum Besten gestellt ist mit dem Verhältnis zwischen den Geschlechtern. Laura Bates gründete online das Everyday Sexism Project und Kat Banyard begründete die Gruppierung UK Feminsta mit und schrieb über die Illusion der Gleichstellung der Frau. Sie ist nun die Sprecherin der End-Demand-Kampagne gegen Prostitution und eine ausgesprochene Kritikerin der Richtlinie von Amnesty International zur Dekriminalisierung von Prostitution. In ihren Augen handelt es sich hierbei um ein wenig mehr als die Charta eines Zuhälters.

Unglücklicherweise sind durch die politische Aktivität der Feministen die geschlechtlichen, rassischen und wirtschaftlichen Ungleichheiten einer patriarchalischen Gesellschaft nicht verschwunden. Diese sozialen Strukturen zeigen sich bemerkenswert beständig, auch wenn sie ihre Erscheinung entsprechend der historischen und politischen Umstände verändern. Nichtsdestotrotz, während die Wellen des Feminismus hochschwappen, werden tatsächliche rechtliche und politische Errungenschaften gemacht, die unser aller Leben zu einem besseren machen.

Die Geschichte des Feminismus scheint uns zu sagen, dass diese dritte Welle, die gerade Schwung aufnimmt, persönliche und öffentliche Veränderungen mit sich bringen könnte. Veränderungen, wie einen Anstieg weiblicher Unterhausabgeordneter, öffentliches Bewusstsein gegenüber männlicher Sexualgewalt, Sensibilität gegenüber Gehaltsunterschieden zwischen den Geschlechtern und die strukturelle Benachteiligung von Frauen. Allerdings weist uns die Geschichte dann darauf hin, dass der Feminismus selbst bedauerlicherweise wieder abebben wird.

Falls meine Vorhersage des endgültigen Zusammenbruchs der dritten Welle sich bewahrheiten sollte, so lasst uns schnell und mit glühender Leidenschaft voranschreiten. Die Leben von Frauen, Kindern und Männern werden unermesslich verbessert werden. Möge es lange andauern.

Dieser Artikel erschien zuerst auf “The Conversation” unter CC BY-ND 4.0. Übersetzung mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.


Image (adapted) “SlutWalk NYC October 2011 Shankbone 25” by David Shankbone (CC BY 2.0)


 

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Internet-Aktivismus: Lasst die Personen nicht die Inhalte verdrängen

StopWatchingUs19.UnionStation.WDC.26October2013 (adapted) (Image by Elvert Barnes [CC BY-SA 2.0] via Flickr)

Internet-Aktivisten brauchen – wie jede Gruppe – ihre Helden und Gallionsfiguren. Wenn es aber mehr um diese Personen als um Inhalte geht, läuft etwas falsch. Mutige Aktivisten wie Julian Assange, Whistleblower wie Chelsea Manning und Edward Snowden, oder auch weniger heldenhafte, aber dafür schillernde Persönlichkeiten wie Kim Dotcom oder John McAfee – das Internet hat, wie jede Szene, seine Celebrities und Promis. Gerade politisch Engagierte sehen gerne zu ihren großen Vorbildern auf. Das birgt aber auch Gefahren. Wie jede Partei oder NGO müssen sich die Online-Bürgerrechtler vor einem allzu großen Personenkult, der die Inhalte in den Hintergrund treten lässt, hüten.

Julian Assange und die Wirrungen des Promi-Lebens

In den letzten Wochen waren die Kontroversen rund um Julian Assanges Asyl in der ecuadorianischen Botschaft wieder verstärkt in den Medien. Vor allem die Frage, ob sich Schweden und Ecuador einigen werden und es doch demnächst zu einer Befragung Assanges durch die schwedische Staatsanwaltschaft kommt, bewegte die Gemüter. Schon seit Assange in Schweden unter anderem sexuelle Belästigung und Nötigung vorgeworfen wird (einige der Vorwürfe sind mittlerweile verjährt) sorgte das Thema für großes mediales Interesse. Derweil erhält Assange, nicht zum ersten Mal, prominente Unterstützung, dieses Mal in Person des geachteten Regisseurs und Komikers Terry Gilliam.

Nun ist Assange, der unbestreitbar viel für die Freiheit im Netz und außerhalb des Netzes getan hat, natürlich bei seinem politischen Kampf jede Unterstützung zu wünschen. Problematisch wird es allerdings, wenn die Diskussionen über Assanges Situation die politische Agenda und die Veröffentlichungen von WikiLeaks – die nach wie vor eine große Bedeutung haben – aus dem öffentlichen Bewusstsein verdrängen. Ebenso kritisch ist zu sehen, wenn persönliches und politisches allzu sehr in einen Topf geworfen werden. Beidem hat Assange leider Vorschub geleistet – allzu gerne ist er bereit, in der Öffentlichkeit und im Mittelpunkt zu stehen, sich mitunter gar als Märtyrer zu stilisieren, und ebenso gerne tut er alle gegen ihn gerichtete Kritik, sei sie an seinen Manieren, seinem Umgang mit Frauen, seiner Politik beim Redigieren von Dokumenten oder seinem Führungsstil, als politisch motiviert ab. All das macht angreifbar für politische Gegner, die ebenfalls nur noch auf das Private zielen müssen – und bringt auch Unterstützer schnell dazu, sich zu verzetteln im Allzu-Menschlichen. Nicht umsonst kam es im Umfeld von WikiLeaks bereits mehrfach zu spektakulären Streitigkeiten und Zerwürfnissen (die ironischer Weise ihrerseits wieder für wenig sachbezogene öffentliche Diskussionen sorgten). Natürlich spielten dabei politische und inhaltliche Differenzen ebenso eine Rolle wie der enorme Druck, der auf Aktivisten, die sich so offen mit den Mächtigen anlegen, lastet. Aber es lässt sich wohl festhalten, dass Assanges Ego – und auch die Tendenz vieler anderer Beteiligter, statt der gemeinsamen Sache nur die Person Julian Assange zu sehen – die Problematik verschärft haben.

Schlechter Journalismus verschärft das Problem

Ebenso problematisch ist es natürlich, wenn, statt die massenhafte Überwachung der Geheimdienste zu thematisieren, auf einmal die Frage im Raum steht, ob Edward Snowden ein Alien-Spinner in Akte-X-Manier ist oder ob er Verschlüsselung ablehnt, weil die Außerirdischen dann unsere Signale nicht entziffern können. Hier allerdings ist eher schlampiger Journalismus die Ursache – Snowden selbst äußerte sich in dem fraglichen Interview gewohnt sachlich und zeigte keinerlei Anzeichen dafür, in Agent Mulders Fußstapfen treten zu wollen.

Überhaupt ist es häufig die Presse, die eine Fokussierung auf Personen statt auf Sachinhalte fördert. Mitunter ist es für Journalistinnen und Journalisten einfach leichter – oder quotenträchtiger – sich auf die persönlichen Meinungen oder Eskapaden einiger bekannter Figuren zu stürzen, statt komplexe politisch-technische Sachverhalte zu behandeln. Und leider geben einige Kolleginnen und Kollegen dieser Versuchung nur allzu gerne nach.

Aktivisten bleibt hier nur, gegenzusteuern, gute Berichterstattung zu fördern, schlechte zu kritisieren und, beispielsweise über Social Media und Blogs, selbst zur Gestaltung der Medienlandschaft beizutragen.

Eine Frage der Balance

Keineswegs wünschenswert wäre natürlich, aus lauter Angst vor einer allzu personalisierten Diskussion den Vorreitern der Online-Bürgerrechtsbewegung ihren verdienten Platz zu verweigern. Im Gegenteil – gerade Whistleblower verdienen weitaus mehr Respekt und Anerkennung, als sie im Normalfall bekommen. Zudem tragen insbesondere Manning und Snowden mit klugen und kritischen Beiträgen wertvolles zur öffentlichen Debatte bei – diese Möglichkeit sollten sie natürlich haben. Auch für die Bewegung können Identifikationsfiguren wertvoll sein. Prominente Gallionsfiguren bieten Anlass zu Bewunderung und Solidarität und können Gleichgesinnte hinter sich vereinen und ihren Zusammenhalt stärken.

Schwierig wird es erst, wenn die Inhalte hinter den Persönlichkeiten zurück treten. Leider ist das ein genereller Trend unserer Zeit, der auch vielen Parteien, NGOs und anderen Gruppierungen zu schaffen macht. Hier ist es an uns allen, entgegen zu wirken – Journalisten durch sorgfältige und faktenbezogene Berichterstattung, Aktivisten durch einen kühlen Kopf und die „Prominenten“ unserer Szene durch Verantwortungsbewusstsein und Bescheidenheit. Oftmals nämlich haben die „Nerds“, die Netzbewohner, die besseren Argumente auf ihrer Seite – sie sollten dafür sorgen, dass diese auch gehört werden, statt in endlosen Personaldebatten unterzugehen.


Image (adapted) “StopWatchingUs19.UnionStation.WDC.26October2013” by Elvert Barnes (CC BY-SA 2.0)


 

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Journalismus – Die Vierte Gewalt im Tumult

Turmoil (adapted) (Image by marcusrg [CC BY 2.0], via flickr)

Das Jahresende endete mit einer neuerlichen Debatte über den Journalismus und auch im neuen Jahr 2014 wird viel über den Medienwandel diskutiert werden. Edward Snowden hat nicht nur den Datenhunger der Geheimdienste enthüllt. Seine Enthüllungen haben auch eine Debatte über den Journalismus in Gang gebracht. Sind Journalisten als Vierte Gewalt nicht immer auch Aktivisten? Oder ist Aktivismus mit Journalismus nicht mit einander vereinbar? Was hat das Handwerk des Journalisten mit einer politischen Haltung zu tun? Die alte Schule grummelt: „Macht Euch doch nicht gemein mit einer Sache! Das dürft Ihr nicht! Meinung und Fakten müssen getrennt bleiben!“ Inzwischen haben haben auch die Journalistenschulen Abstand davon genommen, die Idee der reinen Objektivität als handwerkliche Leitidee zu vermitteln. Warum? Weil ihre Schüler nicht mehr daran glauben? Oder weil diese Idee blind gegenüber der tatsächlichen Praxis des Meinungsmarkts scheint?

Journalismus ohne Haltung unterscheidet sich kaum mehr von interessengeleiteter Öffentlichkeitsarbeit. Warum ist das so? Hinter der Idee der Objektivität verschwindet die Idee der Kritik. Wenn Kritik aber ausgeblendet bleibt oder nur zu ein paar Sorgenfalten im Bratenrock des Leitartiklers führt, dann macht sie sich selbst überflüssig. Oder lächerlich.

Das Gegenmodell dazu klärt auf, scheut nicht davor zurück, politisch und wirtschaftlich Mächtige scharf zu kritisieren, kann Fehlverhalten und Verantwortlichkeit bei Skandalen durch gute Recherchen dokumentieren.

Die betagte Verwunderung darüber, dass jeden Tag genau so viel passiere, wie in die Zeitung passt, illustriert den Sachverhalt ganz gut. Was nicht rein passt, kommt nicht rein – oder wird passend gemacht, hier etwas weglassen, da etwas hinzufügen, vor allem den Mus mit dem subjektiven Touch – und fertig ist eine gewisse Tageszeitung als Blutsuppe mit Titten.

Die Wiki-Leaks, die Chelsea Mannings und Julian Assange ermöglichten, brachten Bewegung ins Spiel. Die Enthüllungen kamen nicht dadurch zustande, dass ein kompetentes Recherche-Team viele Monate ermittelte. Plötzlich stand ein riesiges Paket an Originaldaten online. Assange hatte zwar mehreren Zeitungen das Recht des ersten Zugriffs eingeräumt, aber schon bald, als das dicke Paket der Daten komplett online durchsuchbar war, brach etwas zusammen. Plötzlich war es nicht mehr das Privileg (oder Monopol) der etablierten Medien. Plötzlich konnte auch ein aufgeräumter Datenanalyst in seiner Hackerbude einen Beitrag dazu leisten, den Skandal weiter aufzuklären.

Die Gatekeeper standen dem zunächst fassungslos gegenüber: So weit offene Scheunentore zu relevanten Daten stellten ihre Rolle der Auswahl und Gewichtung in Frage. Kein Wunder, dass sofort professionelle Sekundärtugenden ins Spiel kamen: das Gewichten, das Bewerten, das Kontextherstellen, also auch das Relativieren. Suspekt erscheint den Vertretern der traditionellen Medien das Selbstverständnis der Aktivisten. Suspekt erscheint ihnen das Zusammenspiel mit den Crowds im Netz. Bringt ihre verteilte Intelligenz mehr an analytischer Kraft in die Waagschale als die Old School Jungs und Mädels? Die Aktivisten konnten plötzlich die eigene Agenda durchsetzen – und das gelang ihnen mit lächerlich bescheidenen Finanzmitteln im Vergleich zu den Redaktionsbudgets der großen Medien. So etwas bringt nicht nur gelernte angesehene Redakteure ins Grübeln. Darüber denken auch Controller und Eigentümer und Aufsichtsgremien der Medien in privatem Eigentum nach.

Der Sturz Christian Wulffs

Ein interessanter Fall ist der Sturz Christian Wulffs. Bekannt ist heute, dass Journalisten über viele Monate eine Story recherchierten und schließlich Gerichtsbeschlüsse darüber herbeiführten, um an den Grundbucheintrag für das Haus von Wulff in Großburgwedel zu gelangen. Bekannt wurde eine nicht im vollen Umfang den Tatsachen gerecht werdende Antwort Wulffs an den niedersächsischen Landtag. Bekannt wurde schließlich auch eine Nachricht Wulffs auf dem Anrufbeantworter des Bild-Chefredakteurs. Hatte da jemand bloß die Nerven verloren? Hatte da die „gebende und nehmende“ Pressearbeit versagt? Oder gibt es Gründe dafür, den Fall Wulffs als neues Beispiel für eine mediale Hetzmeute zu lesen, die am Ende ihr Opfer zur Strecke gebracht hat? Man muss keine sonderlich große Sympathie für Christian Wulff oder das eine oder andere deutsche Presseerzeugnis haben, um das Zusammenwirken von etablierten Medien und einer netzbasierten Meute problematisch zu finden. Am Ende wurden durch die Frau des Bundespräsidenten selbst der Suchalgorithmus von Google und die Default-Antworten im Suchfenster zu einem Fall für die Gerichte.

Haben im Fall Wulff die etablierten journalistischen Techniken der Gatekeeper funktioniert oder versagt? Ist der Fall Wulffs ein medialer Erfolg? Oder dokumentiert er ein Versagen der viel gepriesenen alten journalistischen Sekundärtugenden? Ist den Klassikern die Kontrolle über die von ihnen angestiftete Jagd entglitten? Oder ging es gar nicht mehr um Kontrolle, sondern um die Exekution eines Exempels: Seht her, wie wir einen zur Strecke bringen, und fürchtet diese Macht?

Der Held Edward Snowden

Die Enthüllungen Edward Snowdens schreiben inzwischen ebenfalls Geschichte. Ein Auftragnehmer der CIA und der NSA kommt den Diensten abhanden. Als Systemadministrator hat er über Monate Beweismaterial dafür gesammelt, was die Dienste tun, wie sie über die Stränge schlagen, welche Mittel sie verwenden und wie sie damit gegen Verfassungsgrundsätze der USA verstoßen. Heute sitzt Snowden in Moskau und genießt den zweifelhaften Schutz Wladimir Putins.

Erst wurde er zu einem Outlaw, zu einem Verbrecher abgestempelt. Sein Pass wurde ihm entzogen. Der Präsident von Bolivien musste in Wien zwischenlanden, damit seine Maschine nach dem flüchtigen Snowden durchsucht werden konnte.

Heute leitartikelt die New York Times, dass Edward Snowden ein klassischer Whistle-Blower sei und dafür rechtlichen Schutz verdiene. Warum ist sein Fall beispielhaft für die Diskussion um neue Medienformate, neue Medienrollen? Die erste Lektion erteilt uns das Schweigen der Bundeskanzlerin. Die Exekutive versucht, durch windige Erklärungen bzw. eisernes Schweigen den Überwachungsskandal auszusitzen. Die Pflege der deutsch-amerikanischen Freundschaft, das heißt, das Ziel, selbst auf die von den Amerikanern erhobenen Daten Zugriff zu behalten, hat für die Bundesregierung höhere Priorität als der Schutz des Grundrechts der informationellen Selbstbestimmung.

Wichtige deutsche Medien berichten seit Juni 2013 täglich über den Skandal. Demoskopen aber stellen fest, dass der Skandal die Bürger mehr oder weniger nicht berührt. Bestätigen die Demoskopen die robuste Haltung der Bundesregierung? Bestätigen ihre Befunde nicht auch den Machtverlust der Medien? Wirkt die Agenda von Spiegel, Zeit und FAZ nicht faktisch wirkungslos?

Die Legislative hat zwar mehrfach in aktuellen Stunden über den Skandal debattiert. Gregor Gysi erhielt sogar den Preis für die beste Rede des Jahres 2013. Aber das Parlamentarische Kontrollgremium, von Ausnahmen abgesehen, folgte der Regierungsmehrheit und wiegelte ab.

Die Judikative nahm – nach ersten Strafanzeigen beim Generalbundesanwalt – widerwillig und nur pflichtschuldig Ermittlungen gegen unbekannt auf und scheint ebenso unwillig, den Sachverhalt der massenhaften Ausspähung privater Daten als Straftat energischer untersuchen zu wollen.

Nur die Vierte Gewalt gibt keine Ruhe. Jeden Tag werden neue Details bekannt, über welche Hintertürchen jedes Smartphone und jeder Computer scheunentorweit für die NSA zum Abschnorcheln offen stehen. Seit dem 30C3-Kongress des Chaos Computer Clubs hat sich die Debatte um die Rollen des Journalisten zugespitzt. Den Anstoß dazu gab durch Videozuschaltung der Vortrag Glenn Greenwalds am Eröffnungstag des Kongresses. Sind Journalisten durch ihren professionspolitischen Kodex nun ausschließlich der Objektivität ihrer Berichterstattung verpflichtet – oder hat der NSA-Überwachungsskandal die Vierte Gewalt dazu genötigt, sich stärker, als bisher für zulässig erachtet, auf die Seite der Aktivisten zu stellen? Denn was wäre das Recht der freien Meinungsbildung noch wert, wenn schon die Suche nach unabhängigen Quellen unter Verdacht gerät?

 

Schließlich müssen wir uns auch mit dem Sachverhalt einer Kränkung beschäftigen. Das Interview Barton Gellmans mit Edward Snowden in der Washington Post illustriert diese Kränkung subtil. Ein Mann aus dem Zentrum der Dienste, ein Ex-Schlapphut mit eigener Agenda („mission accomplished“), zieht an den etablierten Medien vorbei und nutzt sie als Vertriebspartner für eine Botschaft, die seit sechs Monaten von Tag zu Tag an Brisanz gewinnt. Die Gatekeeper-Rolle ist ramponiert. Der Wert der Nachricht wird nicht mehr allein durch die Medien bestimmt. Aktivisten wie Glenn Greenwald und Jacob Appelbaum bezeugen durch ihre Vorträge auf dem 30C3-Kongress die Kraft eines global orientierten zivilgesellschaftlichen Engagements. Es gehört nicht viel Phantasie zu der Annahme, dass damit auch die bisher den Medien unterstellte Macht, Skandale unter dem Teppich zu halten, dahinschwindet. Das Whistle-Blowing macht Schule. Wer im Spiel der alten Eliten diesen Sachverhalt übersieht, läuft Gefahr, sich lächerlich zu machen. Während die Vertriebsabteilungen der Printmedien fieberhaft über neue Vertriebswege und Online-Geschäftsmodelle nachdenken, schaffen manche Netzaktivisten, oft nur mit Minimalbudgets, neue Tatsachen.

Weit weg von den etablierten ehrwürdigen medialen Plattformen entsteht etwas Neues. Das muss nicht auf Verdrängung hinauslaufen. Die Idee wäre vermessen, aber der Sachverhalt selbst lässt sich auch nicht mehr verdrängen.


Discloser: Der Text ist ein Beitrag von Tilo Jung und Hans Hütt zur neuerlichen Debatte über den Journalismus und erschien zuerst auf wiesaussieht.de. Tilo Jung ist Erfinder des neuen Web-TV-Formats Jung & Naiv. Hans Hütt arbeitet als Redakteur bei Jung & Naiv.


Image (adapted) “bildtitel“ by marcusrg (CC BY 2.0)


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30C3: Der Journalist Glenn Greenwald als Freiheitskämpfer

Greenwald beim 30C3 (Bild: Jakob Steinschaden)

Veröffentlichungen über die Überwachungsprogramme haben den Journalisten Glenn Greenwald zum Aktivisten und Teil einer “Pro-Privacy-Allianz” gemacht, die gegen das Machtstreben der US-Regierung ankämpft. // von Jakob Steinschaden

Greenwald beim 30C3 (Bild: Jakob Steinschaden)

„Die NSA und die Five Eyes (USA, Kanada, GB, Australien und Neuseeland, Anm.) wollen Privatsphäre auf der ganzen Welt abschaffen.“ Für Glenn Greenwald gibt es kein “Wenn” und “Aber”, die USA und ihre weltweiten Überwachungsprogramme würden nur ein Ziel kennen: absolute Macht. Als Hauptredner des 30. Chaos Communications Congress, kurz 30C3, der derzeit in Hamburg stattfindet, redete sich der Enthüllungsjournalist in Rage. NSA, US-Regierung, die Medien in Großbritannien und den USA – das sind für den Schreiber, der die Storys über Prism, Tempora und Co. veröffentlichte, die großen Feinde der Freiheit.

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30C3: 8 Dinge, die man auf einer Hacker-Konferenz tun kann

Netzpiloten vor Ort: Das 30. Jahrestreffen des Chaos Computer Club in Hamburg wird von der NSA-Überwachung und der Entwicklung von Strategien gegen eben diese geprägt. // von Jakob Steinschaden

30C3 (Bild: Jakob Steinschaden)

400 Teilnehmer waren es im bedeutungsschwangeren Gründungsjahr 1984, 8000 sind es 29 Jahre später: Zum 30. Chaos Communication Congress, kurz 30C3, kamen so viele an Technologie-Interessierte – vom Bastler über Hacker bis hin zu Netzpolitikern – wie noch nie zum derzeit in Hamburg stattfindenden Jahres-Event des Chaos Computer Club. Das Thema, das über der Veranstaltung hängt wie ein Damoklesschwert, ist natürlich die von Edward Snowden aufgedeckte NSA-Überwachung. Doch daneben gibt es auf dem 30C3 noch andere Dinge, mit denen sich eine Beschäftigung lohnt.

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Mit Wut und Pathos

Sascha Lobo sagt, die Netzbewegung muss Angela Merkel überzeugen. Denn: Auch in den nächsten vier Jahren sei mit der Kanzlerin zu rechnen.  „Spiegel Online“-Autor Sascha Lobo hat sich schweren Herzens mit dem Begriff der Netzgemeinde angefreundet. Es sei wie mit einem dreibeinigen blinden Hund: Irgendwann hat man sich daran gewöhnt. Er beschäftigte sich in seinem knapp einstündigen Überraschungsvortrag auf der Berliner Blogger-Konferenz republica mit dem selbst gegebenen Auftrag. Weiterlesen »

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Internationale Aktivismus-Konferenz: “Energize, Polarize, Mobilize!“

Der Aktivist von heute muss viele Fähigkeiten besitzen: Organisationstalent, Ideenreichtum, Rechtsverständnis und Netzaffinität. Zu diesem Schluss konnte kommen, wer bei der internationalen Konferenz „Energize, Polarize, Mobilize!“ der Heinrich-Böll-Stiftung am vergangenen Freitag war. Hauptsächlich ging es aber um politischen Aktivismus – online wie offline.

Protest kann sehr einfach sein: Plakate sind schnell gemalt, eine kurze Einladung über Facebook verschickt und dann ab auf die Straße. Könnte man meinen, aber die Realität sieht anders aus. Wie an Online-Protestbewegungen à la “Wir wollen Guttenberg zurück“ in der jüngsten Vergangenheit zu sehen war, steckt hinter einer Idee oft nicht viel mehr als eben diese Idee. Im Netz spricht man dabei vom sogenannten “Klicktivismus“ – politischer Aktivismus für Faulenzer.

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Der arabische Frühling…und was bei uns angekommen ist

Stephan Urbach, geboren 1980 in Lauterbach, geschieden, lebt und arbeitet in Berlin. Nach einem abgebrochenen Lehramtsstudium und einer erfolgreichen Bankkaufmannslehre arbeitete Urbach bei AOL. Seit 2011 tut er das nicht mehr, sondern macht Politik in der Piratenpartei und ist Netzaktivist.

Urbach hat gerade erklärt, er trete zurück von der aktiven Unterstützung der Rebellen und Aktivisten in den totalitären Staaten via Telecomix und anderen philanthropischen Hacker-Gemeinschaften und betrachte die erschreckenden Geschehnisse lieber aus der Distanz – auch und gerade um sich zu schützen. Er hat erlebt, wie Aktivisten starben und gefoltert wurden, weil ihre Handlungen von Software getracked wurde, die aus Europa und den USA kommt… [Danke an wgtarier (siehe in den Kommentaren)]

In diesem Vortrag bei einer Oldenburger Veranstaltung erzählt er uns, was, wie und warum bei der arabischen Rebellion im Netz passiert ist.

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social media will kill the revolution

Ein kleiner Denkanstoß zum Wochenende. Wahrscheinlich haben ja weder diejenigen recht, die glauben, dass es ohne Social Media keinen arabischen Frühling gegeben hätte noch diejenigen, die das Gegenteil behaupten. Die Blogger und Aktivisten in den Maghreb-Staaten jedenfalls wissen um die Möglichkeiten seit YouTube, Facebook, Twitter und Blogs – ganz zu schweigen von der niedergeknüppelten iranischen Revolution. Aber wissen wir im ruhigen Europa und den USA um die Möglichkeiten direkter Handlungen trotz, wegen bzw. nach Occupy?

Courtesy by Propaganda Times

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Activate: iProtest with Debbie Chan (Al Jazeera Doku)

activate„Activate“ ist eine Reihe von Dokumentationen die Aktivisten aus der ganzen Welt portraitiert. Die von Al Jazeera ausgestrahlte erste Folge – „iProtest“ – widmet sich der chinesischen Aktivisten Debby Chan, die sich für bessere Arbeitsbedingungen in den Foxconn Fabriken engagiert.

Das Unternehmen Foxconn, das u.a. Hardwareteile für Apple herstellt, ist schon des Öfteren in den Schlagzeilen gewesen. Zu Letzt durch eine Explosion in den Werken bei Chengdu, bei dem drei Menschen starben. Doch nicht nur das. Letztes Jahr haben sich aufgrund von unzumutbaren Arbeitsbedingungen insgesamt 18 Mitarbeiter das Leben genommen.

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Sokari Ekine über Afrika und Aktivismus im Netz

Netzpiloten InterviewSokari Ekine im Netzpiloten-Interview. Sie beschäftigt sich mit mobilem Aktivismus, den Menschenrechten und Bloggen in und über Afrika.
Sokari Ekine is interested in seeking out ways to encourage more Africans to blog and creating a community of grassroots African bloggers as a way/space for Africans to exchange ideas and strategies for effecting change in their communities, share experiences and tell their own stories in their own words.


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Das Internet ist neutral ist neutral ist neutral?

Seit einiger Zeit verfolge ich die engagierten Diskussionen rund um das Web als Mittel um zu (der Leser setze hier eine große Idee ein). Da die Gesellschaft, in der wir leben, einem ständigen Wandel unterliegt, fallen damit schon mal die Experten aus dem Raster meiner Anerkennung, die sich nicht zu schade sind, diese ewigen sozialen Veränderungen auf das Netz als Ursache zu beziehen. Noch weitaus größere Probleme habe ich, wenn der Begriff der Kultur in diesem Zusammenhang fällt. Denn Kultur kommt nicht nur aus dem Lateinischen cultura (Pflege und Ausbilden), sondern hängt auch eng mit Kolonie zusammen. Die Wissenschaft ist sich nicht einig darüber, ob damit eher das gemeint ist, was allen Menschen zu kommt oder eher das, was bestimmten Gruppen oder Epochen aus einer distanzierten Perspektiven als einheitliche Eigenschaften von außen zugesprochen wird. Da wir als aktive Netznutzer keine Außenperspektive haben und das Netz sowieso nur 5-10% der Weltbevölkerung zur gewünschten Nutzung zur Verfügung steht, ist dieser Begriff im Kern ein Fehlgriff. Denn weder ist das Web eine strukturelle anthropologische Konstante bei den Menschen wie etwa der Nahrungsspeicher oder die Erziehung der Kinder, noch könnten wir von außen auf die Epoche des Web oder Eingeborenen von Webistan schauen. Diese Selbstdistanzierung oder historische Rückschau steht uns gar nicht zur Verfügung.
Ähnlich verhält es sich ja mit dem Begriff der Intelligenz, der sich bis heute einer verständlichen und vor allem weitgehend übereinstimmenden Definition entzogen hat. Leider ist das für einige Zeitgenossen kein Grund, diesen kaum wissenschaftlich bezwingbaren Gedanken der Intelligenz nicht als Basis für andere Erklärungen zu nutzen. Kuntstück, wer wüßte, was Intelligenz ist, der könnte auch das Hören hören oder das Sehen sehen.

Mit dem Mikroskop auf die Bevölkerung zielen

Aber kommen wir zurück zu der Gesellschaft. Diese Zusammenfassung von rund 80 Millionen Deutschen zu einem Untersuchungsgegenstand ist in bezug auf das Web eine meistens unzulässige Verallgemeinerung, denn rund 40 Millionen, also rund die Hälfte nutzen das Web kaum bis gar nicht. Trotzdem finden sich immer wieder seriöse Wissenschaftler, die ihren Werkzeugkoffer mit Messinstrumenten aufschlagen, ein wenig an der Bevölkerung herum messen und dann eine Diagnose stellen, die verblüffend oft auch von einer Diagnose begleitet wird. Diese ungefragten Anamnesehelden und Sozial-Therapeuten verfolgen Ziele, die selten über das Profilieren als Berater oder Experte hinaus gehen.

Das ist insoweit nett, da auf diese Weise die Entscheider aus Politik und Wirtschaft jeglicher Verantwortung enthoben sind, da sie bei Nichtgefallen oder Fehleinschätzung einfach auf den Kreis der Experten verweisen (Ausschuß, Kommission oder Arbeitskreis) und schulterzuckend und mit vollem Ernst darlegen können, dass man die besten Köpfe eingekauft hatte. Was sind nun aber diese besten Köpfe? Weiterlesen »

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Netzpolitik: Lobbying für Einsteiger

In Brüssel berät das Europäische Parlament am 22.September über das Telekom-Paket, das unter anderem die etwas gruselig-altmodische Three-Strikes-Out-Regelung einführen soll: Wer dreimal beim Download illegaler Inhalte erwischt wird, dem würde der Zugang zum Internet gesperrt. Das kann der richtige Weg nicht sein, hat sich Markus Beckedahl von Netzpolitik.org gedacht und tut es den großen Konzernen dieser Welt nach: Er ist nach Brüssel gefahren, um mit Europaparlamentariern über das Telekom-Paket zu sprechen und sie mit etwas Glück von dem Sinn und Unsinn einiger Punkte des Gesetzespaketes zu überzeugen: Graswurzel-Lobbyismus nennt sich das ganze.

Aber wie funktioniert solches Lobbying eigentlich? Ganz einfach, erklärt Markus per Video: Einfach nach Brüssel fahren, Hausausweis für’s Parlament besorgen und mit den Abgeordneten sprechen:

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Peking 2008: Bau dir deine eigene offizielle Website

Alle wichtigen Informationen zu den olympischen Spielen in Peking gibt es auf Peking2008.com, der offiziellen Website der Olympiade. Oder etwa doch nicht? Bei näherem Hinsehen zeigt sich, Peking2008.com ist ein Fake, mit den Organisatoren der Olympiade hat sie nichts zu tun. Statt dessen nutzt der Betreiber der Website das Look & Feel der offiziellen Website Beijing2008.cn, um Menschenrechtsverletzungen in China zu kritisieren.

Peking2008.com, die nicht ganz offizielle Website der olympischen Spiele
Screenshot von Peking2008.com: Tarnt sich als offizielle Olympia-Website, um Menschenrechtsverletzungen in China zu kritisieren

Spannend dabei: Nicht nur sieht die Fake-Website tatsächlich höchst offiziös aus. Sie bedient sich auch noch der Dienste der semi-professionellen Serienfälscher von A Fake Is A Fake (AFIAF). Das klingt zunächst schlimmer als es ist, hinter A Fake Is A Fake stecken die Medienkünstler Clemente Pestelli and Gionatan Quintini, die unter dem Namen Les Liens Invisibles mit den „unsichtbaren Links zwischen Infosphäre, neuronalen Synapsen und dem echten Leben“ spielen. Derzeit konzentrieren sie sich darauf, die Kluft zwischen der medialen Selbstinszenierung der chinesischen Regierung und der Menschenrechtsverletzungen vor Ort zu konzentrieren.

Dabei genügt es den beiden Italienern nicht, eigene Fake-Websites zu erstellen. Mit A Fake Is A Fake stellen sie anderen Aktivisten einen Baukasten zur Verfügung, der das Website-Fälschen einfacher kaum machen könnte. Einfach eine Domain registieren (AFIAF hilft), Theme auswählen (was darf’s sein: Beijing2008, New York Times oder doch lieber die Website der Bundeskanzlerin?), per Redaktionssystem entsprechende Inhalte einfüttern, fertig. Eine kurze Einführung gibt’s hier, wer Ernst macht findet wertvolle Tipps im Tutorial.

Noch nicht überzeugt, warum du einen eigenen Fake ins Netz stellen solltest? Die A Fake Is A Fake gibt die Antwort: „It’s radical. It’s subversive. It’s creative. It’s fun (most of the time).“ Wenn das keine Argumente sind, was dann?

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Weihnachtsaktion: Websites für einen guten Zweck bei Jimdo

Wer sich für einen guten Zweck engagiert, der kommt heute ohne eine Website kaum noch aus. Dennoch fehlt häufig die Zeit, sich mit der Programmierung einer eigenen Internetpräsenz zu beschäftigen. In einer Sonderaktion zu Weihnachten verschenkt Jimdo daher 500 Pro-Accounts ihres Homepagebaukastens für wohltätige Zwecke.

Wer mehr über Jimdo erfahren will, dem sei das Blogpiloten-Interview mit Jimdo-Gründer Matthias Henze empfohlen.

Link zur Weihnachtsaktion.

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Kunstprojekt picidae durchbricht die chinesische Mauer

Chinas Maßnahmen zur Internetzensur und zur Überwachung sind technologisch weltweit führend. Unter dem Projektnamen „Great Firewall of China“ – die große chinesische Firewall – werden regimekritische Websites von den Suchmaschinen vor Ort automatisch ausgeblendet: „Die automatisierte Zensur schafft keine inhaltliche Wertung, sondern reißt um bestimmte Begriffe herum einen blinden Fleck“, so die Macher des Projekts. Perfekt ist aber auch diese Überwachung nicht.

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