Mehr als Hashtags: Wie eine neue Welle digitaler Aktivisten die Gesellschaft verändert

Digitaler Aktivismus hat den politischen Protest in den letzten zwei Jahrzehnten verwandelt. Smartphones und das Internet haben die Art und Weise, wie politische Events, Demonstrationen und Protestbewegungen organisiert werden, verändert, indem sie dabei helfen, Tausende neuer Unterstützer zu mobilisieren. Da diese Aktivität eine alltägliche Erscheinung geworden ist, entwickeln sich nun neue Formen des digitalen Aktivismus. Diese umgehen oft die bestehende Welt der Politik, der sozialen Bewegungen und der Kampagnenführung. Stattdessen machen sie sich neue Technologien zunutze, um einen alternativen Weg zu ebnen, die Gesellschaft und Wirtschaft zu organisieren. Wir haben uns daran gewöhnt, dass digitaler Aktivismus und soziale Medien dafür genutzt werden, um politische Bewegungen öffentlich und einer großen Gruppe zugänglich zu machen, so wie beispielsweise die Aufstände im Rahmen des arabischen Frühlings im Mittleren Osten und die Protestbewegung Occupy. Aktivisten, wie zum Beispiel die bei den letzten französischen Arbeiterprotesten beteiligten Personen, können ihre Protestaktionen nun live übertragen, indem sie Apps wie Periscope benutzen. Online-User können direkt und live Feedback geben und so zu der Debatte beitragen. In Barcelona hat die Partei der neuen Bürgermeisterin Ada Colau ihr Wahlkampfprogramm mit der Unterstützung von über 5000 Leuten aufgezogen, nämlich in öffentlichen Versammlungen, online und unter Einbeziehung des neuen Cyberaktivisten-Netzwerks SomComuns. Die sogenannten “Hack-tivisten” wie Anonymous knacken regelmäßig die Computernetzwerke der Reichen und Mächtigen und attackieren sogar terroristische Organisationen wie den Islamischen Staat. Die aktuellen Panama Papers folgen aus ähnlichen Enthüllungen durch Wikileaks und Edward Snowden und sind Beispiele für den “Leak-tivismus”. Hier wird das Internet dazu genutzt, vertrauliche Dokumente zu erlangen, die Informationen daraus durchsickern zu lassen und zu verbreiten, was politische Auswirkungen zur Folge hat. Die Panama-Lecks haben zu Protesten geführt, in deren Folge der isländische Premierminister seinen Platz räumen musste. Die Forderung nach ähnlichen Konsequenzen wird auch innerhalb des Vereinigten Königreichs (UK) laut.

Stiller Aktivismus

All diese Formen des Online-Aktivismus haben das grundlegende Ziel, eine Veränderung der aktuellen Lage zu bewirken, indem in der realen Welt politischer Druck auf Führungspersonen und andere mächtige Gruppen ausgeübt wird. Doch neue Formen digitaler Aktivität versuchen auch, die Gesellschaft auf direkterem Weg zu verändern, sodass Individuen die Möglichkeit gegeben wird, ohne die Regierung oder unternehmensgeführte Infrastrukturen zu arbeiten und zu kollaborieren. Zunächst gibt es die stilleren Formen des digitalen Aktivismus, die – anstatt gegen spezifische Probleme zu demonstrieren – alternative Wege bereitstellen auf digitale Netzwerke zuzugreifen, um Zensur und das Abschalten des Internets in autoritären Regimen zu verhindern. Dies bedeutet auch, Minderheiten und Randgruppen sowie von Armut betroffenen ländlichen Gegenden den Zugriff auf das Internet zu ermöglichen, wie es ein aktuelles Projekt in Sarantaporo im Norden Griechenlands zeigt. Aber es bedeutet auch, dass hier technologisch eher ungewöhnliche Lösungen angewandt werden. Qual.net verbindet das Telefon oder den Computer mit einem ad-hoc-Netzwerk von Geräten, das es den Benutzern erlaubt, Informationen auszutauschen, ohne dafür zentrale Server oder einen konventionellen Internetzugang zu benötigen. In Angola haben Aktivisten begonnen, Raubkopien von Filmen und Musik in Wikipedia-Artikeln zu verstecken und in geschlossenen Facebook-Gruppen darauf zu verlinken. Auf diese Weise haben sie eine geheime, kostenlose Datentauschbörse geschaffen. Darüber hinaus wurden Plattformen gegründet, die von Bürger-, Konsumenten- oder Arbeitnehmer-Genossenschaften ausgeführt werden, um den gigantischen Technologie-Unternehmen die Stirn zu bieten. So ist zum Beispiel Goteo eine gemeinnützige Organisation, die Geld für Gesellschaftsprojekte sammelt. Wie andere Crowdfunding-Plattformen auch, generiert sie finanzielle Mittel, indem sie eine große Menge an Personen dafür gewinnt, jeweils eine kleine Investition zu tätigen. Die Rechte an den Projekten sind hierbei aber durch Open-Source– und Creative-Commons-Lizenzen für die ganze Community zugänglich. Das Beispiel der Transactive Grid im New Yorker Stadtteil Brooklyn zeigt, wie Blockchain, die Technologie, die Online-Währungen wie Bitcoin untermauert, dafür genutzt werden kann, eine Gemeinschaft zu unterstützen. Das Transactive-Blockchain-System erlaubt Anwohnern, sich gegenseitig erneuerbare Energien zu verkaufen, indem sie sichere Transaktionen ohne die Beteiligung von zentralen Energie-Unternehmen benutzen können – so wie Bitcoin auch keine zentrale Bank benötigt. Zu diesen Plattformen gehören auch Organisationen, die Menschen helfen, ihre Güter, Dienstleistungen und Ideen zu teilen, sodass sie in Peer-to-Peer-Netzwerken arbeiten können – auch bekannt als gemeinsame Peer-Produktionen. So gibt es beispielsweise Fablabs-Workshops, die ihr Wissen und ihre Hardware vermitteln, um die Benutzer dabei zu unterstützen, ihre Produkte mit digitalen Betriebsmitteln zu produzieren.

Mehr Demokratie und Kooperation

Was diese neuen Formen des digitalen Aktivismus verbindet, ist der Anspruch, digitale Plattformen demokratischer zu machen. So können die Personen, die sie benutzen und für sie arbeiten, sie auch besitzen und ausführen, um ihre soziale Absicherung zu verbessern. Gleichzeitig werden die Produkte und Dienstleistungen, die diese Plattformen anbieten, geteilt, damit die ganze Community davon profitieren kann. Da die Plattformen Open-Source-Software benutzen, die für jeden frei verfügbar ist, können sie weiter geteilt und umgebaut werden, um unterschiedlichen Ansprüchen zu genügen. Auf diese Weise liefern sie möglicherweise eine alternative Form der Produktion, die einige der Fehler und Ungleichheiten des Kapitalismus angeht. Durch die Anwendung von offenen Tools, Währungen und Verträgen wird digitalen Aktivisten die Möglichkeit gegeben, sich gegen die lauteren Aktivitäten von aggressiven Cyber-Attacken und opportunistischen Social-Media-Kampagnen durchzusetzen, die in vielen Fällen gar nicht zu echten Reformen führen. Das Internet hat den Menschen schon immer die Möglichkeit gegeben, neue Gemeinschaften zu formen und Ressourcen zu teilen. Doch mehr und mehr Gruppen wenden sich nun einer anderen Art ideologischen und praktischen  Handwerkszeugs zu, um kooperative Plattformen zu bilden, die den sozialen Wandel voranbringen sollen.

Dieser Artikel erschien zuerst auf “The Conversation” unter CC BY-ND 4.0. Übersetzung mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.


Image (adapted) „Anonymous“ by Alf Melin (CC BY-SA 2.0)


The Conversation


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Athina Karatzogianni

Athina Karatzogianni

ist Dozentin für Medien- und Kommunikationswissenschaft an der University von Leicester. Sie arbeitet im Feld der Überschneidung von neuen Medientheorien, Protest-Netzwerken und globaler Politik, Netzkonflikten und dem Gebrauch von digitaler Technologie durch soziale Bewegungen und Widerstandsgruppen.

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