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#G20-Proteste: Die Bilder erschrecken jeden – auch mich!

Hamburg, 7.7.17 X (adapted) (Image by Robert Anders) (CC BY 2.0) via flickr

Die Nachrichten zu den Ausschreitungen beim G20-Gipfel gehen gerade durch alle Medien, auch bei Twitter gab es hitzige Diskussionen. Auch die Netzpiloten-Zentrale befindet sich mitten im Hamburger Schanzenviertel. An dieser Stelle erzählt unsere Redaktionspraktikantin, wie sie die vergangenen Tage vor Ort und in den sozialen Netzwerken erlebt hat.


Zum ersten Mal seit einer Woche kann ich wieder mit offenem Fenster schlafen. Keine Helikopter-Rotoren oder laute Polizeisirenen sind mehr zu hören. Es ist wieder ein bisschen Normalität eingekehrt. Von Seiten der Politik wurde der G20-Gipfel in Hamburg vorher noch mit großen Worten angekündigt, als Fest der Demokratie. „Wir richten ja auch jährlich den Hafengeburtstag aus“, sagte Olaf Scholz, erster Bürgermeister der Hansestadt, fast schon euphorisch. „Es wird Leute geben, die sich am 9. Juli wundern werden, dass der Gipfel schon vorbei ist.“ Nun, wenn der nächste Hafengeburtstag so aussieht, möchte ich lieber nicht hingehen.

Die Erwartung, dass alles ruhig bleibt, wäre absolut naiv gewesen

Leere Kreuzung (Image by Melina Mork)
Leere Hamburger Kreuzung am Holstenwall

Die Stadt war in einem Ausnahmezustand, das war von vorn herein klar. Als Journalistik-Studentin hat bei mir hier allerdings die Neugier überwogen, wie eine politische Großveranstaltung in Hamburg ablaufen wird. Deswegen bin ich nicht, wie viele meiner Kommilitonen und Kollegen, in den Urlaub gefahren, sondern hier geblieben. Weit genug von der Sicherheitszone entfernt war ich mir sicher, dass der gewaltsame Teil des Gipfels an mir vorbeiziehen würde.

Das war wohl naiv. Die Einschränkungen begannen nicht am ersten Gipfeltag, sondern lange bevor überhaupt ein Staatsgast gelandet war. Busse und Bahnen fuhren nicht mehr, die Straßen gespenstisch leer, die Parkplätze nur belegt von Mannschaftswagen der Polizei. Anspannung lag über der Stadt wie die Ruhe vor dem Sturm.

Lieber Tanz Ich als G20 (Image by Sophia Herzog)
Farbrauchpatronen auf der Nachttanzdemo „Lieber Tanz‘ Ich als G20“ – Image by Sophia Herzog

Die ersten angemeldeten Demonstrationsaktionen beginnen schon am Dienstag und werden mit Wasserwerfern beendet. Ab hier fängt bei mir das Bauchgrummeln an. Am Mittwoch will ich mir selbst ein Bild von den Demonstrationen machen: Nachttanzdemo mit dem Motto „Lieber tanz‘ ich als G20 “. Es bleibt friedlich. Außer ein paar Farbrauchpatronen und Konfettikanonen wird nichts abgefeuert, und in mir steigt die Hoffnung, dass demonstrieren nicht sofort eskalieren muss.

Am Donnerstag hat unser Chef beschlossen, das Netzpiloten-Büro in der Schanze frühzeitig zu schließen, denn ab 16 Uhr gilt in Hamburg das Motto „Welcome to Hell“. Auch der militante „Schwarze Block“ hat sich angemeldet und bringt dem Wortwitz zur Demo vom Vortag entsprechend einen aufblasbaren schwarzen Block mit der Aufschrift „lieber militanz‘ ich als G20 “ mit.

Die Polizei schreitet frühzeitig ein und ab hier beginnt das Chaos, das von da an alle Medien überflutet. Die ersten brennenden Mülltonnen, Straßenschlachten mit Wasserwerfern, Eskalation. Wahrscheinlich hat so mancher schon damit gerechnet, aber die Bilder schocken trotzdem.

Panik in den Sozialen Medien

Am Freitagmorgen hatte ich das erste Mal Angst. Nachdem ich nur mit Ausweiskontrolle und strikten Anweisungen der Polizeibeamten zur Arbeit gehen konnte, tauchen weitere Bilder und Berichte auf. Diesmal brennen statt Mülltonnen Autos und Straßenbarrikaden, während vermummte Menschen ganz bewusst Scheiben von Geschäften einschlagen. Das hat nichts mehr mit politischem Protest zu tun.

Zu diesem Zeitpunkt mache ich Twitter für meine wachsende Angst verantwortlich. Die Videos und Bilder der Zerstörung verstärken den Eindruck, dass die ganze Stadt in Flammen steht und dass die Störer jede Minute auch bei mir vor der Tür stehen könnten. Dabei sehe ich auf meinem Fußweg nach Hause die Bewohner der Umgebung entspannt in den Cafés ihren Kaffee trinken und Kinder auf den Straßen spielen. Aber all das kann mir meine Angst nicht nehmen. Ich checke alle paar Sekunden die Sozialen Medien. Kaum zu Hause, mache ich den Livestream an und hoffe, dass nicht noch eine Schreckensmeldung auftaucht. Das politische Geschehen ist für mich ab diesem Zeitpunkt in den Hintergrund gerückt.

Am Abend sollten Freunde zu Besuch kommen, um Geburtstag zu feiern. Im Nachhinein scheint es auch eine naive Idee, da bis zur letzten Minute unklar war, ob es überhaupt alle durch die Polizeisperren schaffen. Selbst als alle angekommen sind, sind die neuesten Twitter- und Liveticker-Meldungen das vorherrschende Gesprächsthema. Es werden hitzige Diskussionen geführt, ob die Polizei richtig gehandelt hat. Die Scheinwerfer der Helikopter über der Schanze ziehen immer wieder unsere Aufmerksamkeit auf sich. Irgendwann bin ich froh, als mein Smartphone keinen Akku mehr hat und ich die Meldungen nicht mehr aktualisieren kann.

„Und, warum demonstrierst du?“

Einen Tag noch, denke ich mir, als ich Samstag wieder durch das Dröhnen der Helikopter aufwache. Ich meide Twitter, Facebook und die Nachrichten, damit ich Zeit habe, wach zu werden. Meine Freunde wollen auf die Großdemonstration gehen – „Grenzenlose Solidarität statt G20 “. Nach den Bildern der letzten Nacht war mir doch mulmig zumute. Aber von ein paar Randalierern sollte man sich das Recht auf demokratischen Protest nicht nehmen lassen.

Auf dem Weg zur Demo fragen mich zwei junge Besucher aus Münster, wo es zur Demo geht. Im Zweifelsfall immer dem Bass und den Menschenmengen nach. Wir gehen das letze Stück zur Demo gemeinsam. Irgendwann fragt mich einer der beiden: „Und, warum demonstrierst du?“ und bringt mich zum Nachdenken, was mich die letzten Tage beschäftigt hat.

Wahrscheinlich will ich mit meiner Anwesenheit ein Zeichen setzen, dass Protest auch friedlich geht. Der Großteil lässt sich von schlechten Nachrichten nicht unterkriegen. Mit mir zusammen waren offiziell insgesamt 76.000 Menschen unterwegs – die größte Demo in Hamburg seit den 80er Jahren. Die Moderatorin der Abschlusskundgebung feiert zu Recht das friedliche Gelingen des Protests: „76.000 Menschen, das ist 76.000 Mal Hoffnung.“ 76.000 Mal Hoffnung, dass der Gipfel nicht nur durch die Krawalle in Erinnerung bleibt.

Am 9. Juli wache ich zum ersten Mal ohne Helikopterdröhnen auf. Der Blick vom Balkon zeigt Leute, die ihrem ganz normalen Alltag nachgehen, als wäre nichts gewesen. Und ich spüre nichts als Erleichterung, dass der Gipfel endlich vorbei ist.


Header Image „Hamburg, 7.7.2017 X“ by Robert Anders (CC By 2.0)

Image „Lieber Tanz ich als G20“ by Sophia Herzog

Image by Melina Mork


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Frankreichs Nuit Debout: eine neue politische Bewegung?

Nuit Debout Paris (adapted) (Image by Nicolas Vigier [CC0 Public Domain] via flickr)

Jedem, der mit Frankreichs jüngster Geschichte vertraut ist, kommt dies bekannt vor: die Regierung bringt eine Reform heraus, die Bürger reagieren mit Empörung und Paris ist voller Demonstrationen und Streiks.

Die neuesten Unruhen begannen im März, als Präsident Hollande vorschlug, das französische Arbeitsrecht neu zu bearbeiten. Bekannt als „El Khomri-Gesetz“, das nach der verantwortlichen Ministerin Myriam El Khomri benannt wurde, teilt die Reform einige Elemente früherer Versuche, einschließlich der Freiheit für Unternehmen, was die Einstellung und Kündigung von Arbeitnehmern angeht, doch die Ergebnisse sind dieselben: weit verbreiteter Widerstand.

Alles begann mit einer Onlinepetition, die bereits nach zwei Wochen mehr als eine Million Unterschriften erhalten und sich seitdem in die Öffentlichkeit verlagert hat. Tausende von Demonstranten belagerten den Place de le République mit Treffen und Debatten, die die ganze Nacht gingen, daher ist die Protestbewegung jetzt als Nuit Debout bekannt (grob übersetzt als „die ganze Nacht stehend“).

Das Ziel ist es, einen gemeinsamen Raum zu schaffen, der es Bürgern erlaubt, sich auszutauschen, ihre Wut auszudrücken und sich eine bessere Welt vorzustellen. Erst vor kurzem hat sich die Bewegung über Paris hinaus nach Nizza, Bordeaux und Lyon verbreitet.

Anfang 2006 brachen ähnliche Proteste gegen einen vorgeschlagenen „Contrat Première Embauche“ (Vertrag zur Ersteinstellung) in Frankreich aus. Studenten, Gewerkschaften und linke Parteien vereinten sich gegen diesen Vorschlag, sodass der damalige Premierminister Dominique de Villepin nach Monaten des Protests, seine Idee schließlich aufgeben musste. In Nuit Debout spielten der Autor, Filmemacher und Aktivist François Ruffin, dessen Film Merci Patron! ein Meilenstein für die Protestbewegung war, sowie der Ökonom Frédéric Lordon wichtige Rollen. Es finden sich Anklänge an die Occupy Wall Street und die spanische Bewegung Los Indignados („die Empörten“). In Spanien verhalf diese Protestbewegung der Partei Podemos zum Aufschwung, die in den Wahlen vom Dezember 2015 einen erheblichen Zuwachs verzeichnen konnte und jetzt eine wichtige Rolle bei den Verhandlungen zur Regierungsbildung spielt. Da die Proteste in Frankreich angestiegen sind, gingen die Befürworter über das ursprüngliche Ziel hinaus, die Rücknahme des Arbeitsgesetzes, wie es bereits 2006 geschehen war, zu erzwingen und streben nun die Ingangsetzung einer breiten politischen Bewegung an.

Das Gesetz, mit dem alles begann

Natürlich reicht Frustration alleine nicht aus, um eine Massenmobilisierung zu starten – es benötigt einen Auslöser. Die vorgeschlagene Arbeitsrechtsreform erlaubte der Bewegung, sich über die Kerngruppe der Schüler, Aktivisten und Gewerkschaften hinaus zu verbreiten und in den Massenmedien zu erscheinen. Das Gesetz bot auch die Rahmenbedingungen für eine Reihe an Demonstrationen und verhalf der Bewegung somit, Gestalt anzunehmen. Wie Frédéric Lordon in der ersten Nacht der Nuit Debout am 31. März sagte: Wir werden dem El Khomri-Gesetz nie genug dafür danken können, dass es uns aus unserem politischen Schlaf geweckt hat. Was soziale Bewegungen von einfachen Demonstrationen unterscheidet, ist, dass diese einen höheren Zweck haben und nicht nur eine ganz bestimmte Forderung stellen. Bereits bei den ersten Treffen von Studenten und Schülern am 9. März, bot das El Khomri-Gesetz Gelegenheit, die allgemeine Wut auszudrücken. In Protestflyern riefen die Studenten zum Widerstand gegen die „Regierungspolitik“ und nicht nur gegen den Gesetzesvorschlag auf. Während der Protestmärsche zeigten die Demonstranten ihre Enttäuschung über die Linke allgemein und über die regierende Sozialistische Partei im Besonderen.

Der Elite die Stirn bieten

Die Studenten prangerten die Absprachen zwischen der politischen und wirtschaftlichen Elite des Landes an, so wie es zuvor schon die Occupy-Bewegung tat, die 2011 durch die Welt ging. Sie schlossen sich vielen Aktivisten, Intellektuellen und progressiven Politikern der „Linken der Linken“ an, einer politischen Bewegung, die 2014 ein Misstrauensvotum gegen den Premierminister Manuel Valls erzwang. Das Fehlen brauchbarer politischer Alternativen in Frankreich fördert die Mobilisierung der Wut und der Forderung nach einer mehr partizipatorischen Demokratie, die sich auf die Leute konzentriert. Die französischen Bürger identifizieren sich nicht mehr mit der nationalen und europäischen politischen Elite. Das System erscheint ihnen als „Demokratie, bei der sie keine Wahl haben“, bei der ein Wählen für die linke Sozialistische Partei und die rechten Republikaner kaum einen Unterschied bezüglich der Sozial- und Wirtschaftspolitik des Landes macht. Diskussionen über das wirtschaftliche Programm (das nur durch das Umgehen einer Parlamentsabstimmung verabschiedet werden konnte) des Finanzministers Emmanuel Macron verstärkten diese Überzeugung nur noch. Ebenso tat dies die gescheiterte Verfassungsänderung, die verurteilten Terroristen mit doppelter Staatsbürgerschaft die französische Staatsbürgerschaft entziehen wollte. Aufgrund der verbreiteten Enttäuschung über die Regierung und den etablierten linken Bewegungen wie der Grünen Partei und der Front de Gauche, die von inneren Meinungsverschiedenheiten zerrissen sind, sahen progressive Bürger ihren einzigen Ausweg darin, ihre Unzufriedenheit auszudrücken und eine „andere Politik“ der Straße aufzubauen. Bei Nuit Debout, so wie in den Occupy Camps, ging es nur darum, dass man „sich als Staatsbürger zusammenreissen“ und die Relevanz repräsentativer Demokratie hinterfragen soll.

Eine Jugend ohne Zukunft?

Während der Ereignisse am Place de la République und auf sozialen Netzwerken (#OnVautMieuxQueCa, #NuitDebout, #LoiTravail, #32mars) drücken Jugendliche ihre Ängste darüber aus, dass sie sich ihrer „Zukunft beraubt“ sehen. Auch wenn Occupy, die Indignados und Nuit Debout keine Jugendbewegungen an sich sind, so sind junge Leute auf jeden Fall die treibende Kraft dahinter. Durch diese Demonstrationen bestätigen und drücken sie sich als Individuen und als treibende Kraft für Demokratie aus, die gewillt ist, die Welt neu zu interpretieren. Dieser all umfassender Wunsch kann anhand eines einzigen Tweets gesehen werden:

Zu Deutsch: Wir müssen über die Gesellschaft von morgen mit Humanismus, Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit nachdenken.

Wohin als nächstes?

Wird also Nuit Debout nun wie Occupy im Sande verlaufen oder wird es denselben Weg wie Los Indignados gehen, die einen politischen Wandel in Spanien entfachten?

Während sich beide Bewegungen weigerten, sich ins Wahlverfahren einzumischen, beschlossen manche ihrer Aktivisten genau dies zu tun. Jeremy Corbyns Kampagnen, der 2015 zum Parteiführer der British Labour Party gewählt wurde, und Bernie Sanders, der momentan bei den US-amerikanischen Vorwahlen der Demokraten für die Präsidentschaftswahlen gegen Hillary Clinton kandidiert, wurden von jungen Aktivisten bestärkt, die wie so oft über die Politik wütend und frustriert sind.

Der Aufstieg der Podemos Partei in Spanien war sowohl die Fortführung als auch der Wechsel der indignados Bewegung: sie zeigte, dass politischer Wandel möglich ist, aber nur wenn ein Umschwung von Entrüstung zur Organisation stattfindet. Um das zu ermöglichen, betrog Pablo Iglesias, Generalsekretär der Podemos seit 2014, bestimmte Kernwerte der Indignados, einschließlich ihrer führerlosen Struktur und der Bedingung, dass Entscheidungen von der größtmöglichen Zahl von Teilnehmern gefällt werden müssen.

Obwohl Nuit Debout einige Anleihen an der spanischen Bewegung nahm, unterscheidet sich die politische Situation Frankreichs und Europa durch den Aufstieg der rechtspopulistischen Parteien und den Sicherheitsbedenken von der Situation 2011 erheblich. Nuit Debouts Zentrum am Place de la République ist dort, wo die großen, öffentlichen Gedenkfeiern nach Charlie Hebdo und den Attacken vom 13. November stattfanden. Manche Politiker, einschließlich des früheren Premierministers und Präsidentschaftskandidaten François Fillon, kritisierten die Bewegung als Sicherheitsrisiko.

Durch Frankreichs erst kürzlich erweiterten Notstand, hatten die Behörden nicht nur potentielle Terroristen im Visier. Muslime und junge Leute werden regelmäßig von der Polizei brutal behandelt und manche Studentendemonstrationen sogar mit Gewalt unterdrückt.

Die Nuit Debout-Bewegung in Frankreich wird ihren eigenen Weg finden müssen, indem sie auf den Erfolgen und den Einschränkungen ihrer Vorgänger aufbaut. Ohne die Zukunft voraussagen zu können, kann jetzt schon gesagt werden, dass das Zusammenbringen Tausender Bürger aller Generationen, die bestätigen, dass „eine andere Welt möglich ist“ –  dass es fortschrittliche Alternativen gibt, die auf Demokratie, soziale Gerechtigkeit und Würde gerichtet sind, bereits jetzt ein großer Erfolg ist.

Dieser Artikel erschien zuerst auf „The Conversation“ unter CC BY-ND 4.0. Übersetzung mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.


Image adapted „Nuit Debout Paris“ by Nicolas Vigier (CC0 Public Domain)


The Conversation

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Mehr als Hashtags: Wie eine neue Welle digitaler Aktivisten die Gesellschaft verändert

Anonymous (adapted) (Image by Alf Melin [CC BY-SA 2.0] via Flickr)

Digitaler Aktivismus hat den politischen Protest in den letzten zwei Jahrzehnten verwandelt. Smartphones und das Internet haben die Art und Weise, wie politische Events, Demonstrationen und Protestbewegungen organisiert werden, verändert, indem sie dabei helfen, Tausende neuer Unterstützer zu mobilisieren. Da diese Aktivität eine alltägliche Erscheinung geworden ist, entwickeln sich nun neue Formen des digitalen Aktivismus. Diese umgehen oft die bestehende Welt der Politik, der sozialen Bewegungen und der Kampagnenführung. Stattdessen machen sie sich neue Technologien zunutze, um einen alternativen Weg zu ebnen, die Gesellschaft und Wirtschaft zu organisieren. Wir haben uns daran gewöhnt, dass digitaler Aktivismus und soziale Medien dafür genutzt werden, um politische Bewegungen öffentlich und einer großen Gruppe zugänglich zu machen, so wie beispielsweise die Aufstände im Rahmen des arabischen Frühlings im Mittleren Osten und die Protestbewegung Occupy. Aktivisten, wie zum Beispiel die bei den letzten französischen Arbeiterprotesten beteiligten Personen, können ihre Protestaktionen nun live übertragen, indem sie Apps wie Periscope benutzen. Online-User können direkt und live Feedback geben und so zu der Debatte beitragen. In Barcelona hat die Partei der neuen Bürgermeisterin Ada Colau ihr Wahlkampfprogramm mit der Unterstützung von über 5000 Leuten aufgezogen, nämlich in öffentlichen Versammlungen, online und unter Einbeziehung des neuen Cyberaktivisten-Netzwerks SomComuns. Die sogenannten “Hack-tivisten” wie Anonymous knacken regelmäßig die Computernetzwerke der Reichen und Mächtigen und attackieren sogar terroristische Organisationen wie den Islamischen Staat. Die aktuellen Panama Papers folgen aus ähnlichen Enthüllungen durch Wikileaks und Edward Snowden und sind Beispiele für den “Leak-tivismus”. Hier wird das Internet dazu genutzt, vertrauliche Dokumente zu erlangen, die Informationen daraus durchsickern zu lassen und zu verbreiten, was politische Auswirkungen zur Folge hat. Die Panama-Lecks haben zu Protesten geführt, in deren Folge der isländische Premierminister seinen Platz räumen musste. Die Forderung nach ähnlichen Konsequenzen wird auch innerhalb des Vereinigten Königreichs (UK) laut.

Stiller Aktivismus

All diese Formen des Online-Aktivismus haben das grundlegende Ziel, eine Veränderung der aktuellen Lage zu bewirken, indem in der realen Welt politischer Druck auf Führungspersonen und andere mächtige Gruppen ausgeübt wird. Doch neue Formen digitaler Aktivität versuchen auch, die Gesellschaft auf direkterem Weg zu verändern, sodass Individuen die Möglichkeit gegeben wird, ohne die Regierung oder unternehmensgeführte Infrastrukturen zu arbeiten und zu kollaborieren. Zunächst gibt es die stilleren Formen des digitalen Aktivismus, die – anstatt gegen spezifische Probleme zu demonstrieren – alternative Wege bereitstellen auf digitale Netzwerke zuzugreifen, um Zensur und das Abschalten des Internets in autoritären Regimen zu verhindern. Dies bedeutet auch, Minderheiten und Randgruppen sowie von Armut betroffenen ländlichen Gegenden den Zugriff auf das Internet zu ermöglichen, wie es ein aktuelles Projekt in Sarantaporo im Norden Griechenlands zeigt. Aber es bedeutet auch, dass hier technologisch eher ungewöhnliche Lösungen angewandt werden. Qual.net verbindet das Telefon oder den Computer mit einem ad-hoc-Netzwerk von Geräten, das es den Benutzern erlaubt, Informationen auszutauschen, ohne dafür zentrale Server oder einen konventionellen Internetzugang zu benötigen. In Angola haben Aktivisten begonnen, Raubkopien von Filmen und Musik in Wikipedia-Artikeln zu verstecken und in geschlossenen Facebook-Gruppen darauf zu verlinken. Auf diese Weise haben sie eine geheime, kostenlose Datentauschbörse geschaffen. Darüber hinaus wurden Plattformen gegründet, die von Bürger-, Konsumenten- oder Arbeitnehmer-Genossenschaften ausgeführt werden, um den gigantischen Technologie-Unternehmen die Stirn zu bieten. So ist zum Beispiel Goteo eine gemeinnützige Organisation, die Geld für Gesellschaftsprojekte sammelt. Wie andere Crowdfunding-Plattformen auch, generiert sie finanzielle Mittel, indem sie eine große Menge an Personen dafür gewinnt, jeweils eine kleine Investition zu tätigen. Die Rechte an den Projekten sind hierbei aber durch Open-Source– und Creative-Commons-Lizenzen für die ganze Community zugänglich. Das Beispiel der Transactive Grid im New Yorker Stadtteil Brooklyn zeigt, wie Blockchain, die Technologie, die Online-Währungen wie Bitcoin untermauert, dafür genutzt werden kann, eine Gemeinschaft zu unterstützen. Das Transactive-Blockchain-System erlaubt Anwohnern, sich gegenseitig erneuerbare Energien zu verkaufen, indem sie sichere Transaktionen ohne die Beteiligung von zentralen Energie-Unternehmen benutzen können – so wie Bitcoin auch keine zentrale Bank benötigt. Zu diesen Plattformen gehören auch Organisationen, die Menschen helfen, ihre Güter, Dienstleistungen und Ideen zu teilen, sodass sie in Peer-to-Peer-Netzwerken arbeiten können – auch bekannt als gemeinsame Peer-Produktionen. So gibt es beispielsweise Fablabs-Workshops, die ihr Wissen und ihre Hardware vermitteln, um die Benutzer dabei zu unterstützen, ihre Produkte mit digitalen Betriebsmitteln zu produzieren.

Mehr Demokratie und Kooperation

Was diese neuen Formen des digitalen Aktivismus verbindet, ist der Anspruch, digitale Plattformen demokratischer zu machen. So können die Personen, die sie benutzen und für sie arbeiten, sie auch besitzen und ausführen, um ihre soziale Absicherung zu verbessern. Gleichzeitig werden die Produkte und Dienstleistungen, die diese Plattformen anbieten, geteilt, damit die ganze Community davon profitieren kann. Da die Plattformen Open-Source-Software benutzen, die für jeden frei verfügbar ist, können sie weiter geteilt und umgebaut werden, um unterschiedlichen Ansprüchen zu genügen. Auf diese Weise liefern sie möglicherweise eine alternative Form der Produktion, die einige der Fehler und Ungleichheiten des Kapitalismus angeht. Durch die Anwendung von offenen Tools, Währungen und Verträgen wird digitalen Aktivisten die Möglichkeit gegeben, sich gegen die lauteren Aktivitäten von aggressiven Cyber-Attacken und opportunistischen Social-Media-Kampagnen durchzusetzen, die in vielen Fällen gar nicht zu echten Reformen führen. Das Internet hat den Menschen schon immer die Möglichkeit gegeben, neue Gemeinschaften zu formen und Ressourcen zu teilen. Doch mehr und mehr Gruppen wenden sich nun einer anderen Art ideologischen und praktischen  Handwerkszeugs zu, um kooperative Plattformen zu bilden, die den sozialen Wandel voranbringen sollen.

Dieser Artikel erschien zuerst auf “The Conversation” unter CC BY-ND 4.0. Übersetzung mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.


Image (adapted) „Anonymous“ by Alf Melin (CC BY-SA 2.0)


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“Occupy hat bewiesen, dass die Jugend noch protestieren kann”

Occupy Wall Street (adapted) (Image by Eden, Janine and Jim [CC BY 2.0] via flickr)

Im Herbst 2011 wurde der New Yorker Zuccotti Park das Zentrum der Occupy-Wall-Street-Protestaktion. Fast zwei Jahre später hat Jakob Steinschaden den Park und die Demonstranten besucht und geschaut, was aus den Protesten und Menschen geworden ist.

Und plötzlich ist das Schlagwort Occupy wieder da. In der Türkei ist der Gezi-Park in Istanbul zum Symbol für die Proteste gegen die Staatsgewalt und Polizeibrutalität geworden, in Frankfurt ging die Polizei hart gegen die Blockupy-Proteste vor. Doch was wurde eigentlich aus der Bewegung, die im Oktober 2011 auf der New Yorker Wall Street ihren Anfang nahm und weltweit für Schlagzeilen sorgte? Natürlich gibt sie noch. Sie ist nur nicht mehr so sichtbar wie vor eineinhalb Jahren, sondern vielmehr im sprichwörtlichen Untergrund unterwegs, wie mein Besuch bei einer Splittergruppe von Occupy Wall Street in New York zeigte.

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