Trotz Hype interessiert sich niemand für Periscope und Meerkat

Periscope und Meerkat sind der Trend in der Digital- und Tech-Welt, zumindest in den Medien – in der Realität treffen die Apps eher auf Desinteresse. Glaubt man den Berichten in den einschlägigen Medien, steht die nächste Revolution in der Tech-Branche nicht nur unmittelbar bevor, sondern ist bereits in vollem Gange. Periscope und Meerkat sind die neuen Apps der Stunde und Live-Videostreaming ist plötzlich das, worauf alle gewartet haben. Doch ein Blick auf die Zahlen zeigt, dass die beiden Apps doch nicht so viel genutzt werden und Livestreaming von Videos auf Mobilfunkgeräte nicht die gewünschte Revolution ist. Es bleibt also die Frage, was nach dem Hype übrig bleibt.


Warum ist das wichtig? Live-Videostreaming von Mobile-Geräten ist der nächste große Hype, wenn man der Tech-Presse Glauben schenkt – die Zahlen lassen eher auf Desinteresse seitens der Nutzer schließen.

  • Meerkat und die zu Twitter gehörende App Periscope sind der letzte große Hype in der Tech-Welt.

  • Das Streamen von Live-Videos über das Smartphone soll nach Ansicht vieler Beobachter die Berichterstattung im Netz revolutionieren.

  • Der Hype scheint allerdings nur in der Tech-Blase zu existieren, denn die Nutzer interessieren sich nur in ganz wenigen Ausnahmesituationen für die beiden Apps.


Die Geburt eines Hypes

Mobiles Internet und vor allem Social-Media-Kanäle wie Twitter haben die Liveberichterstattung von Geschehnissen überall auf der Welt bereits massiv verändert. Noch bevor Kamerateams und professionelle Reporter vor Ort sind, sind bereits die ersten Fotos und Videos im Internet zu finden. In den letzten Wochen hat sich aber ein neuer Hype gebildet, der die Online-Berichterstattung nochmals auf eine neue Ebene heben soll: Live-Videostreaming. Genauer sollen die beiden Apps Meerkat und Periscope diese Aufgabe übernehmen, wie es aus massiver Berichterstattung der einschlägigen Tech-Presse hervorgeht.

Demnach müssten die beiden Apps in den Appstores auch entsprechend hoch gerankt werden. Schaut man sich die Bestenlisten allerdings genauer an, muss man lange suchen, um die Apps zu finden. Laut App Annie ist die zu Twitter gehörende App Periscope in Deutschland nur auf Platz 329 und in den USA auf Platz 161 der beliebtesten iOS-Apps zu finden. Seit Ende Mai gibt es auch eine Android-Version. Der direkte Konkurrent Meerkat hat den Weg in den Google Play Store etwas schneller gefunden, belegt dort in den USA aber nur Platz 475 und unter den iOS-Apps sogar nur Platz 1469. Doch wie lässt sich diese Diskrepanz zwischen der Berichterstattung über die Apps und deren tatsächliche Popularität erklären?

Don’t believe the Hype!

Sind die Zahlen von App Annie vielleicht gar nicht aussagekräftig? Wie sieht die Aktivität denn direkt bei Twitter aus? Sieht man sich die Mentions bei der Social Media Suchmaschine Topsy an, ist am 2. Mai eine auffällig hohe Aktivität zu verzeichnen – diese ist dem Pacquiao vs. Mayweather-Boxkampf geschuldet. Nun sind die beiden Apps mit Sicherheit nicht gerade die beste Plattform, um einen Boxkampf zu verfolgen. Da viele Nutzer technische Probleme mit den legalen Pay-per-View-Angeboten hatten, wurden Periscope und Meerkat aber dankbar angenommene Alternativen. Abgesehen von diesem Ausschlag sind die Zahlen aber sehr übersichtlich. Twitter und Periscope vertreten zwar die Meinung, dass die Anzahl der Tweets, die die Apps nennen, nichts darüber aussagen, wie viele Nutzer über die Apps livestreamen, da die Ankündigungs-Tweets, dass man die App nutzt, ausgeschaltet werden können, allerdings ist das irrelevant, denn der generelle Rückgang der Mentions spiegelt durchaus das generelle Interesse an den Apps wieder.

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Mobile-Live-Streaming ist einfach nicht das nächste große Ding, das die Medienlandschaft revolutionieren wird, egal wie sehr die Medien dies auch versuchen herbeizuschreiben. Das liegt nicht nur daran, dass zumindest hierzulande die mobilen Datennetze und die Datentarife der Provider noch nicht ausgereift genug sind – in den USA ist dies durchaus bereits der Fall – sondern eher am Mangel der livestreaming-werten Ereignisse. Großereignisse wie der Boxkampf werden sicher immer wieder für einen Anstieg in der Nutzung sorgen, doch diese werden die Ausnahme bleiben – abgesehen davon, verspüren die meisten Menschen heutzutage einfach noch nicht das Bedürfnis, ihren Alltag im Livestream zu präsentieren, bzw. sich dies anzusehen. Und wenn wir mal ganz ehrlich einen Blick auf unseren eigenen Alltag werfen, wie viele Ereignisse finden sich da, die man gerne live mit anderen teilen möchte, beziehungsweise für die sich andere interessieren würden? Das heißt aber nicht, dass Meerkat und Periscope komplett gescheitert sind – sie haben durchaus ihre Daseinsberechtigung. Sie werden eine Nische finden und bedienen – aber dem herbeigeschriebenen Hype werden sie beim besten Willen nicht gerecht.


Teaser & Image „Twitter’s Periscope App“ (adapted) by Anthony Quintano (CC BY 2.0)



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Daniel Kuhn

Daniel Kuhn

ist Wahl-Berliner mit Leib und Seele und arbeitet von dort aus seit 2010 als Tech-Redakteur. Anfangs noch vollkommen Googles Android OS verfallen, geht der Quereinsteiger und notorische Autodidakt immer stärker den Fragen nach, was wir mit den schicken Mobile-Geräten warum anstellen und wie sicher unsere Daten eigentlich sind. Mitglied des Netzpiloten Blogger Networks.

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16 comments

  1. Kai Diekmann (BILD) hat gestern vom Paul Kalkbrenner Konzert via Periscope gestreamt. Ist es jetzt über die „Ziellinie“? Ist es „Angekommen“? Und was ist hier überhaupt mit GEMA? Ich pers. bekomme mehrmals am Tag die Meldung jemand sendet nun. Tot ist es sicher noch nicht. Ich glaube aber auch das der deutsche Mark schwierig ist, bei Meerkat hatte ich das gefühl dort haben es am Anfang mehr genutzt als nun bei Periscope. (Siehe SXSW.) Periscope setzt sich aber glaube ich langfristig durch. Wir werden sehen. Ich kenne einige Kids die in Ihrer Bubble streamen, davon bekommen wir gar nichts mit.

    1. Vielleicht irrt sich unser Autor Daniel Kuhn auch, es wäre verkraftbar. Ob aber gestern Abend der Durchbruch war, bezweifle ich. Da ist eine Halle mit Tausenden dieser Jugendlichen und sicher auch viele Medienvertreter, aber am Ende kommt ein einziger Livestream raus (und ein paar Kurzvideos einer einzigen Person auf Snapchat). Da posten ja auf einer Vollversammlung der Bitkom mehr Leute öffentliche Statusupdates.

  2. Wenn mal mehr darüber informiert würde, wie man solche Streams überhaupt FINDEN soll, anstatt sie nur zu hypen, dann würde vielleicht auch was draus.

    Aber Techies können sich offenbar gar nicht mehr vorstellen, dass nicht jeder gleich „voll drin und dran“ ist!

  3. Der Text könnte von 2008 sein und über Twitter. Genau die gleichen fantasielosen Argumente wurden zu Twitter auch geschrieben. Sowas kann nur aus einem Land kommen dessen Durchschnittsalter 43 Jahre alt ist und in dem selbst die, die weit da drunter liegen keine Vorstellung haben wie man Twitter zu seinem Vorteil richtig benutzen kann. Ja, der durchschnittliche Alltag ist langweilig, aber der Alltag von 1000 Menschen aus 100 Mio eben nicht. Wenn einer der Experten denen du auf Twitter folgst einen 20 Minuten Beitrag zu seinem Fachbereich sendet, dann ist das extrem wertvoll und du und seine 100k anderen gucken zu. Das größte Argument für Periscope ist aber das es Reality Tv ist. Dazu wird die Jugend damit aufwachsen und neue wege finden es einzusetzen. Younow war doch sogar selbst hier so erfolgreich das sie es in die negativen Schlagzeilen geschafft hat.

  4. Entweder wurde schlampig recherchiert oder der Artikel ist schon was älter. Anders ist dieser Satz zu Periscope nicht erklärbar:
    „Eine Android-Version gibt es bisher nicht.“ Doch. Bereits seit Ende Mai.

  5. Mir fällt auf, dass 95% aller Periscope Live-Videos in Deutschland von Türken oder Russen sind – hab nichts dagegen – bis auf die Tatsache, dass die eben auch meist türkisch und russisch reden :-( – aber wo sind denn die ganzen deutschsprachigen Streamer? Alle Schiss oder wie? Oder ist das einfach noch zu neu?
    Danke für den Beitrag.

    1. Du hast recht, bis au die Tatsache, dass es 99% Türken und Russen sind. Und das auf der ganzen Welt. Nicht mal Amis streamen überall nur Türken und Russen. Auch mal ein paar Araber, aber das wars dann.

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