Zukunft Partizipation: Museen im Kontext der Digitalisierung

Die fortschreitende Digitalisierung ist für tiefgreifende Modifizierungen in Wirtschaft und Gesellschaft verantwortlich. Sie ist dabei alles zu verändern, nicht zuletzt uns selbst. So geht es auch für Museen und Museumsschaffende nicht mehr um das „Ob“ sondern um das „Wie“. Wie positionieren sich Museen und Museumsschaffende als Vorreiter einer digitalen Öffentlichkeit? Wie gestaltet sich das Museum der Zukunft im progressiven Sinne mit den Menschen? Haben die Kuratoren der Zukunft eine Antwort auf die Frage der gesellschaftlichen Legitimation und den damit verbundenen Mehrwert für die digitale Öffentlichkeit? Brauchen Museen agile Organisationsstrukturen als Motor für offene Innovation und als bereicherndes Gegenstück zur klassischen Hierarchie? Und wie sehen Organisationsstrukturen aus in denen Offenheit und Transparenz zur Grundlage für einen kreativen Austausch zwischen Museumsschaffenden und Besuchern wird?

Die sich verändernden Erwartungen des Publikums

Charles Leadbeater beschreibt in seinem Essay „The Art of With”, drei sich überlappende Kategorien kultureller Aktivitäten: das Genießen (Konsumieren), die Unterhaltung ( Geselligkeit / Interaktion ) und das Tun (das Erstellen eigener Beiträge). In der Vergangenheit erwartete das Publikum von Kultureinrichtungen mehrheitlich Kulturerlebnisse in denen das Genießen im Vordergrund stand. Heute dagegen, im Zeitalter des World Wide Web, fordert das Publikum zunehmend kulturelle Erfahrungen ein, in denen die Möglichkeit zur Interaktion und Kreativität einen immer höheren Stellenwert gegenüber dem Genießen einnimmt.

So stellt auch Birgit Mandel im Rahmen des vom Goethe Instituts initiierten MOOC „Managing the Arts” fest, dass sich durch die Digitalisierung, die Erwartungen der Nutzer im Kontext kultureller Aktivitäten eklatant verändern. So argumentiert sie, dass heutige Nutzer immer mehr dialogische und partizipative Formate im Rahmen von Kunst und Kultur fordern. Folglich bedeutet dies für kulturelle Institutionen, ein Mehr an Besucherorientierung statt wie bisher Organisationsorientierung. Konkret müssen sie, neben ihren üblichen aus der bürgerlichen Mitte stammenden Besuchergruppen, neue und bisweilen auch sehr unterschiedliche Besuchergruppen beteiligen und sich gegenüber deren Bedürfnissen und Interessen öffnen.

Auch verändert das World Wide Web unsere Beziehungen zueinander und unseren Umgang mit Wissen und kulturellem Erbe. So stellt Graham Black in seinem Buch „Transforming Museums in the Twenty-first Century” fest, dass sich mit dem World Wide Web ein neuer kooperativer Ansatz zur Wissensgenerierung und dessen gemeinsamer Nutzung etabliert. Über die Anerkennung verschiedener Perspektiven und die sich daraus entwickelnde Erwartungshaltung der Nutzer, dass sie in der Lage sind Inhalte hinsichtlich ihrer eigenen Bedürfnisse zu generieren, sie anzupassen und zu verändern, wird so eine Arbeitskultur des miteinander und nicht des füreinander geschaffen. So wird die Zukunft der musealen Arbeit weniger darauf fixiert sein was Menschen für die Institution tun können als darauf was Menschen für ihre eigene Entwicklung tun können, indem sie die Ressourcen der Institutionen nützen. Die Folge daraus ist die Nachfrage nach Kulturangeboten, die mehr auf die Bedürfnisse Einzelner und einzelner Interessengruppen eingehen.

Offenheit und Dialog schaffen

Die Herausforderung für Museumsschaffende besteht nun darin, reagierend auf die Erwartungen, ansprechende Kulturerlebnisse zu entwickeln und umzusetzen. Genauer gesagt, wenn Verbindung und Kombination, Zusammenarbeit und Unterhaltung die Schlagworte der neuen Massenkultur des World Wide Web sind, dann müssen Museen kritische, phantasievolle und herausfordernde Möglichkeiten finden, offen und kooperativ neue Inhalte zu produzieren. Dennoch um die Gefahr des Relevanzverlustes zu umgehen, muss sich für jedes Museum zukünftig die zentrale Frage stellen, welche Form der Offenheit für die eigene Vision wirklich zählt?

Welchen Zielgruppen gegenüber will es offen sein, an welcher Stelle initiiert es Dialog? Nutzt das Museum das World Wide Web, um mit neuen Zielgruppen auf eine ihm neue Art und Weise zu kommunizieren; oder nutzt es dieses zur Entscheidungsfindung, über Inhalte und Themen seiner musealen Arbeit? Will das Museum Kreativität fördern, indem es verschiedene Communities bei der Entwicklung einer Ausstellung mitwirken lässt? Oder stellt es seine Archive und andere Ressourcen zur Verfügung, für diejenigen, die sie kreativ verwenden möchten? Welche Tools setzt das Museum für eine effektive Gestaltung des Dialogs ein und welche Plattformen stellt das Museum für die Zusammenarbeit bereit? Und die wichtigste Frage welchen Mehrwert schaffe ich dadurch für Organisation und Teilhabende? Warum beteiligen sich Menschen an offenen Projekten, welche Motivation haben sie, ihr Wissen und ihre Ideen offen mit anderen auszutauschen und warum sollte das Museum für sich anstreben, offen zu sein?

Gehen wir davon aus, dass die Autorität der Kuratoren im Vergleich zu dem riesigen, stetig wachsenden kollektiven Wissensspeicher und der damit verbundenen Leidenschaft, im digitalen Zeitalter immer mehr verblassen wird, stellt sich eine weitere nicht unwichtige Frage; Wie können Kuratoren ihre Rolle in der Weise neu definieren, indem sie die Macht des Publikums nutzen, ohne dabei ihre eigenen Standpunkte zu verlieren oder gar zu banalisieren?

Informationskompetenz aufbauen

Cory Doctorow appelliert im Rahmen seines Vortrages „GLAM and the free World” auf der Tagung „Museums and the Web” in Florenz 2014 an die Museumsschaffenden, dass sie doch diejenigen seien, die uns (die Gesellschaft Anm. SJ) mit persönlichen und kulturellen Praktiken der Konservierung, der Archivierung, der Verbreitung und des Zugangs ausstatten können.

Da Sie verstehen wie archivieren funktioniert, die die Bedeutung des Vergänglichen verstehen und deren Tagesgeschäft es seit Jahrhunderten ist, sich mit Informationen und Autoritäten zu beschäftigen, indem sie Prozesse systematisieren, die herausfinden sollen, welchen Quellen zu vertrauen sei und warum. So sind seines Erachtens Kuratoren notwendiger denn je, wenn es darum geht, dass wir glaubwürdige Informationen von den nicht glaubwürdigen, in dem Moment in dem wir ein Schlagwort in ein Suchfeld eingeben, unterscheiden sollen.

Netzwerke initiieren

Darüber hinaus können Kuratoren zukünftig eine führende Rolle darin einnehmen, die im World Wide Web täglich geschaffene Fülle an Informationen, zu erforschen und den Teil an Quellen auszuwählen und zugänglich zu machen, der für unsere Gesellschaft sinnstiftend ist. Indem sie für sich die polyphonen Stimmen des World Wide Web entdecken, Verbindungen zwischen Gleichgesinnten herstellen, und so Netzwerke von Interesse aufbauen. Auf diese Weise können Museen damit aufhören Inhalte für ein Massenpublikum zu generieren. Stattdessen können sie eine Vielzahl von „Gesprächen“ initiieren, die dann wiederum die Grundlage für ein wirklich partizipatives Kulturprogramm bilden können.

Auch im Kontext der Finanzierung von Museen spielen Netzwerke eine immer größere Rolle. Müssen Museen doch auf ein Publikum anziehend wirken, welches wiederum attraktiv für Sponsoren ist. Sie müssen Geldgebern zeigen, dass sie einen Mehrwert für eine beträchtliche Anzahl von Menschen schaffen können. Daher wird der zukünftige Erfolg vieler Museen davon abhängen, wie gut sie ihre Netzwerke ausbauen und inwieweit sie Unterstützer und Publikum von sich überzeugen können.

Agile Strukturen – vom Blockbuster zum Prototyp

Um im Kontext der Digitalisierung anspruchsvolle Kulturerlebnisse entwickeln zu können, brauchen Museen zur Umsetzung verschiedener Prototypen agile Strukturen. Daher sollten Museen zukünftig auf ein Portfolio aus Experimenten setzen, die es ermöglichen Optionen der Teilhabe in verschiedenen digitalen Formaten iterativ zu testen.

Bisher folgen die kleinen ergänzenden Programme (Experimente) ​den großen Projekten (Blockbuster). Senior Kuratoren und Museumsdirektoren entwickeln, die meist mit sehr hohen Kosten verbundenen Elemente des Programms; die Aufgabe der „unteren“ Ebene ist es dann, diese größeren Projekte mit kleinen Programmen zu ergänzen, um diese zu bereichern und zu unterstützen. Museen, die mehr Partizipation wollen, sollten den Fluss der Programmentwicklung umkehren. Sie sollten mit kleinen Programmen beginnen, und daraus, aufbauend auf deren Erfolg, die kostspieligen Formate entwickeln.

Der Low-Cost-Teil lenkt so den High-Cost-Teil des Programms, dabei sollte der Low-Cost-Teil des Programms offen für Ideen aus den unwahrscheinlichsten Orten außerhalb der Organisation sein. In einer solchen Struktur, haben Kuratoren die Freiheit, „Prototypen“ für außergewöhnliche Ideen, die sie realisieren wollen, umzusetzen. Jeder Prototyp wird ausgewertet und die Erfolgreichen werden weiterentwickelt und mit mehr Investitionen ausgestattet. Letztlich sind dann die Programme mit höheren Kosten die direkten Ergebnisse der vielfältigen Low-Cost-Experimente.

Es wäre naiv zu glauben, eine generelle Verschiebung musealer Praxis in Richtung Zusammenarbeit und Beteiligung sei unumgänglich. Nichtsdestotrotz verändert das World Wide Web nachhaltig, wie wir Kultur erleben und gestalten, wie wir uns und unsere Arbeit organisieren, und wie wir Entscheidungen treffen und Wissen schaffen.

Die erarbeiteten Ergebnisse des Workshops „Die Rolle des Museums in der digitalen Stadt“ im Rahmen der Tagung Zugang Gestalten im November 2015, dienten als Ausgangspunkte für diesen Blogbeitrag.


Teaser & Image „comment@lab“ (adapted) by Zenum Berlin


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Sabine Jank

Sabine Jank

ist Kreativdirektorin und Mitbegründerin der transdisziplinären Plattform szenum Berlin. Darüber hinaus ist sie beratend für Museen und Unternehmen tätig und arbeitet als Coach für Kreativität und Innovation.

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