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Demokratie braucht mehr Orte des öffentlichen Gesprächs – analog und digital

dome-1728481_960_720 (adapted) (image by reginaspics [CC0] via pixabay)

Die Demokratie ist nach Auffassung von Jürgen Wiebicke darauf angewiesen, dass möglichst viele ein Wissen davon haben, wie man zusammenfindet, um sich über öffentliche Angelegenheiten auszutauschen. „Dieses Wissen ist derzeit fast verschüttet. Keiner kennt mehr den Ort, an dem dies geschehen könnte, die Polis hat keine Agora mehr, keinen Marktplatz des öffentlichen Gesprächs und Meinungsstreit“, schreibt der Journalist in seinem Buch ‚Zehn Regeln für Demokratie-Retter‘. Die Talkshow und die sozialen Medien seien nur ein schlechtes Surrogat.

Meinungsbildung von unten nach oben

„Parteienkrise heißt eben auch, dass es keine wirklich funktionierende, gesellschaftlich breit verankerte Versammlungsdemokratie mehr gibt. Die wenigsten Ortsvereine der Parteien sind noch lebendige Organismen, die die Meinungsbildung von unten nach oben strukturieren. Diese deprimierende Erfahrung werden vermutlich viele derer machen, die nach der Trump-Wahl online in eine Partei eingetreten sind“, glaubt Wiebicke. Demokratie beginne mit dem öffentlichen Gespräch. Sie benötigt Orte, an denen wir uns als Bürger begegnen und feststellen, welche Probleme besonders drängend sind und ob die Lösung im Konsens oder im Streit zu suchen sei.

Wiebicke plädiert dafür, solche Orte in der eigenen Umgebung zu schaffen. Er sieht die Krise der Demokratie vor allem als Kommunikationsstörung. Mit digitalen Mitteln werde sich diese Kommunikationsstörung nicht beheben können. Die Antwort müsse analog sein. Aber warum baut der Autor nicht auf Formate, die beides zusammenbringen?

Vorbild Mafia

Wiebicke ist doch davon überzeugt, dass man mit wenigen Gleichgesinnten solche Orte schaffen kann. Wenige können viel bewirken. Und er baut auf Menschen, die unterschiedliche Talente und Zeitbudgets mitbringen. Bei Partizipation gilt: Jeder das, was er kann. Wiebicke erwähnt das Community Organizing-Konzept.

„Es ist in den 1930er-Jahren in den USA in einem Slum von Chicago entstanden. Der Soziologe Saul Alinsky, selbst ein ehemaliges Getto-Kid, hatte damals die so simple wie geniale Idee, wie Demokratie von unten neu belebt und sozialer Zusammenhalt organisiert werden kann: Er kopierte die Strukturen der Mafia! Was in der Halbwelt die Paten waren, waren bei Alinsky sogenannte Schlüsselpersonen.

Der Gedanke ist einfach: Netzwerke sind dann stabil, wenn Menschen in ihnen wirken, an denen sich andere orientieren, von denen sie sich mitreißen lassen. Schlüsselpersonen sind Menschen, die das Vertrauen einer jeweiligen Gruppe genießen, in ihrem Namen sprechen zu dürfen. Ein erfolgreiches Netzwerk besteht dann aus Schlüsselpersonen, die sehr verschiedene Gruppen repräsentieren, die vorher meist gar keinen Kontakt miteinander hatten.“

Starke und schwache Knoten

Alinsky habe es geschafft, Gewerkschafter, Katholiken und Geschäftsleute an einen Tisch zu bitten, die zunächst nur die eine Gemeinsamkeit hatten, dass sie aus eigener Kraft etwas gegen die Verelendung vor der eigenen Haustür tun.

„In die Sprache der digitalen Welt übersetzt: Es sind die starken Knoten, zu denen alles hinstrebt, mit denen sich alle schwachen Knoten verlinken wollen. Alinsky hat, bevor er daranging, die sogenannte Bewegung der Hinterhöfe zu gründen, erst einmal Nosing around betrieben, wie er seine Methode nannte, um Schlüsselpersonen im Quartier zu identifizieren und mehr über die drängendsten Nöte zu erfahren. Lokale Demokratie beginnt also mit aktivem Zuhören, lange bevor gehandelt wird. Daran zu erinnern, scheint mir heute besonders wichtig zu sein, wo doch viele Diagnosen zum Vertrauensverlust von Politik darin übereinstimmen, dass sich viele Gewählte sehr weit von der Lebenswelt entfernt haben, in der die harten Probleme zu Hause sind“, so Wiebicke.

Kiez-Diskurse im Netz

Aber warum sollte man Austausch über öffentliche Angelegenheiten auf den eigenen Kiez beschränken? Man kann doch beides machen. Kleine Initiativen im eigenen Wohnviertel verbinden sich über das Netz mit Initiativen in anderen Wohnvierteln. Warum sollte man also öffentliche Diskurse nicht für alle verfügbar machen? Warum setzt man nicht auf kollektive Intelligenz, die sich lokal und im Internet formiert? Dezentral, virtuell, vernetzt, offen und kuratiert. Das analoge Engagement wird dadurch beflügelt und animiert zur Nachahmung.

Etwa bei den Diskursen, die die D2030-Initiative anstößt. Es geht dabei um Brücken für neue Ideen, Kombinatorik, überraschende Verbindungen und Erkenntnisse, dauerhafte und fortlaufende Gespräche sowie offene Begegnungen. Das läuft über Future Hubs, die Deutschland überparteilich weiterdenken. So erhöht man die Wahrscheinlichkeit, starke und schwache Verbindungen zu unterschiedlichen Interessen und Themen zu finden.

Darüber spreche ich in dieser Woche mit Betterplace Lab und der Bundeszentale für politische Bildung. Eine Wiederbelebung der Agora ist dabei das Ziel. Man hört, sieht und streamt sich auf Facebook. Das Notiz-Amt wird diesen Diskurs beflügeln.


Image (adapted) „Dome“ by reginaspics (CC0 Public Domain)


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Netzpolitisches Papier des ZdK: Partizipation und Beteiligung

Magdeburger Dom (adapted) (Image by FalkoMD [CC BY-SA 2.0] via Flickr)

Das Zentralkomitee der deutschen Katholiken hat einen medien- und netzpolitischen Beschluss zu Partizipationsmöglichkeiten und Beteiligungsgerechtigkeit in der digital vernetzten Gesellschaft gefasst. In netzpolitischen Debatten ist das Zentralkomitee der deutschen Katholiken bisher nicht sehr aufgefallen. Mit einen gestern beschlossenen medien- und netzpolitischen Positionspapier wird aber sehr lesenswert zu Fragen der Partizipation und Beteiligung in einer digitalen Gesellschaft Stellung bezogen. Felix Neumann hat in der Redaktionsgruppe mitgearbeitet und ist sehr zufrieden mit dem Ergebnis. Für ihn ist es wichtig, dass sich auch die Kirche mit dem Thema beschäftigt und das Beteiligungsgerechtigkeit im Digitalen auch von der Position der katholischen Soziallehre her betrachtet wird.

Gestern hat das Zentralkomitee der deutschen Katholiken einen medien- und netzpolitischen Beschluß veröffentlicht: »Partizipationsmöglichkeiten und Beteiligungsgerechtigkeit in der digital vernetzten Gesellschaft«. Ich habe in der Redaktionsgruppe mitgearbeitet und bin sehr zufrieden mit dem Ergebnis: Gut, daß aus einer Ecke, aus der man es nicht erwartet, eine grundsätzlich optimistische, informierte Stellungnahme zu netzpolitischen Themen kommt – es schadet nicht, wenn aus einer (meist zurecht) als konservativ konnotierten Ecke progressive Netzpolitik unterstützt wird (ich hoffe, das Papier wird viel in den Unionsparteien gelesen), und es ist wichtig, daß aus der Position der katholischen Soziallehre das Thema Beteiligungsgerechtigkeit in den netzpolitischen Diskurs eingebracht wird.

In sechs Abschnitten werden die Themen technische und materielle Zugangsvoraussetzungen, Netzneutralität, Medienmündigkeit, Beteiligung und Soziale Online-Netzwerke, Herausforderungen für Organisationen und Strukturen und Kirchen in der digital vernetzten Gesellschaft behandelt. Besonders erfreulich ist, daß als Risiken und Grenzen nicht zuerst die üblichen technikpessimistischen Bedenken aufgerufen werden, sondern die Gefahr der Einschränkung von Grundrechten von staatlicher Seite – das ist vom ZdK, das zwar überparteilich ist, aber von vielen Unionspolitiker_innen mitgeprägt wird, nicht selbstverständlich, ebenso wie das deutliche Plädoyer für Netzneutralität.

Ich konnte einige Punkte einbringen, die mir im netzpolitischen Zusammenhang besonders wichtig sind:

  • Netz als zentrale Infrastruktur und damit Netzneutralität als ordnungspolitische Frage, um mit dieser Formulierung des Problems auch im liberal-konservativen Bereich anschlußfähig zu werden. (Abschnitt 2.)
  • Die Fragen der Medienmündigkeit nicht aus einer paternalistischen Sicht, sondern zur Kenntnis nehmen, daß momentan noch niemand die Patentlösung hat. Meinen auch hier im Blog und in meinen Vorträgen zum Thema ständig bemühten Grundsatz konnte ich quasi wörtlich unterbringen: »Normen und Regeln für den Umgang miteinander und mit der Technik müssen sich ausbilden und etablieren.« (Abschnitt 3.)
  • Es wird ernstgenommen, daß Soziale Netze in erster Linie Kommunikation und Gemeinschaftsbildung ermöglichen und damit weder etwas der Natur nach Gutes oder Schlechtes sind, sondern (wieder meine Formulierung im Papier): »Sie sind Orte der Gemeinschaftsbildung und Teil der Lebenswelt.«
  • Für den Abschnitt 5, Herausforderungen für Organisationen und Strukturen, habe ich die Vorlage geschrieben, wie Lesende meines Blogs an den Formulierungen bemerken könnten:

„Gesellschaftliche Organisationsformen haben sich über lange Zeiträume entwickelt und bewährt; Netzkommunikation als Massenphänomen ist hingegen recht jung. Es gilt, mit neuen Beteiligungsformen zu experimentieren, um den Anforderungen und Anfragen von Menschen zu begegnen, für die das Netz in allen Lebensbereichen immer wichtiger wird. Vorzüge der repräsentativen Demokratie wie klare Verantwortung für politisches Handeln durch eindeutige Zurechenbarkeit, Bündelung und Einordnung von komplexen Entscheidungsalternativen sowie der Möglichkeit einer arbeitsteiligen Beteiligung am öffentlichen Leben sind es wert, bewahrt zu werden. Zugleich bringen mehr direkte Beteiligung und größere Transparenz neue Impulse und neues Leben in als erstarrt wahrgenommene Prozesse und Strukturen von Organisationen.“

Auch wenn das Schlagwort nicht auftaucht, wird hier auch Open Data gefordert: „Öffentliche Daten sind im Sinne einer erhöhten Transparenz in offenen und freien Formaten zur Verfügung zu stellen.

Natürlich ist nicht alles ins Papier gekommen, was wir in der Redaktionsgruppe beschlossen haben. Über mehrere Rückmeldeschleifen über Präsidium, Redaktionsgruppe (begleitet von der Referatsleiterin Sabine Schößler und geleitet durch die Sprecherin des ZdK für den Sachbereich Medien, Beate Schneiderwind) wurde es schließlich vom Hauptausschuss beschlossen – das alles aber mit großer Offenheit und Aufgeschlossenheit, die Rückmeldungen waren für den weiteren Redaktionsprozeß sehr hilfreich, und am Ende fiel nur eine größere Sache raus, nämlich eine angemessene Berücksichtigung der Kosten für den Netzzugang im Regelbedarf des Arbeitslosengelds II, in den Pfändungsgrenzen und im Asylbewerberleistungsgesetz. Das ist zwar gestrichen, aber es steht auch nichts Gegenteiliges drin, und es ist nur konsequent, das dann wieder ins Gespräch zu bringen, wenn konkret über technische und materielle Zugangsvoraussetzungen gesprochen wird.

Ich hoffe, das Papier findet viele Interessierte – auch und gerade da, wo Netzpolitik nicht den höchsten Stellenwert hat. Die ersten Reaktionen aus der Netzszene – bei netzpolitik.org und Kirche 2.0 sind schon mal gut.


Lesetipp: Im Blog des Bundes der Deutschen Katholischen Jugend hat Felix Neumann über das Papier aus Sicht von Kinder- und Jugendpolitik geschrieben.


Dieser Beitrag erschien zuerst auf fxneumann.de und steht unter CC BY-SA 3.0 DE


Image (adapted) „Magdeburger Dom“ by FalkoMD (CC BY-SA 2.0)


 

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Zukunft Partizipation: Museen im Kontext der Digitalisierung

comment@lab-Image-Zenum-Berlin

Die fortschreitende Digitalisierung ist für tiefgreifende Modifizierungen in Wirtschaft und Gesellschaft verantwortlich. Sie ist dabei alles zu verändern, nicht zuletzt uns selbst. So geht es auch für Museen und Museumsschaffende nicht mehr um das „Ob“ sondern um das „Wie“. Wie positionieren sich Museen und Museumsschaffende als Vorreiter einer digitalen Öffentlichkeit? Wie gestaltet sich das Museum der Zukunft im progressiven Sinne mit den Menschen? Haben die Kuratoren der Zukunft eine Antwort auf die Frage der gesellschaftlichen Legitimation und den damit verbundenen Mehrwert für die digitale Öffentlichkeit? Brauchen Museen agile Organisationsstrukturen als Motor für offene Innovation und als bereicherndes Gegenstück zur klassischen Hierarchie? Und wie sehen Organisationsstrukturen aus in denen Offenheit und Transparenz zur Grundlage für einen kreativen Austausch zwischen Museumsschaffenden und Besuchern wird?

Die sich verändernden Erwartungen des Publikums

Charles Leadbeater beschreibt in seinem Essay „The Art of With”, drei sich überlappende Kategorien kultureller Aktivitäten: das Genießen (Konsumieren), die Unterhaltung ( Geselligkeit / Interaktion ) und das Tun (das Erstellen eigener Beiträge). In der Vergangenheit erwartete das Publikum von Kultureinrichtungen mehrheitlich Kulturerlebnisse in denen das Genießen im Vordergrund stand. Heute dagegen, im Zeitalter des World Wide Web, fordert das Publikum zunehmend kulturelle Erfahrungen ein, in denen die Möglichkeit zur Interaktion und Kreativität einen immer höheren Stellenwert gegenüber dem Genießen einnimmt.

So stellt auch Birgit Mandel im Rahmen des vom Goethe Instituts initiierten MOOC „Managing the Arts” fest, dass sich durch die Digitalisierung, die Erwartungen der Nutzer im Kontext kultureller Aktivitäten eklatant verändern. So argumentiert sie, dass heutige Nutzer immer mehr dialogische und partizipative Formate im Rahmen von Kunst und Kultur fordern. Folglich bedeutet dies für kulturelle Institutionen, ein Mehr an Besucherorientierung statt wie bisher Organisationsorientierung. Konkret müssen sie, neben ihren üblichen aus der bürgerlichen Mitte stammenden Besuchergruppen, neue und bisweilen auch sehr unterschiedliche Besuchergruppen beteiligen und sich gegenüber deren Bedürfnissen und Interessen öffnen.

Auch verändert das World Wide Web unsere Beziehungen zueinander und unseren Umgang mit Wissen und kulturellem Erbe. So stellt Graham Black in seinem Buch „Transforming Museums in the Twenty-first Century” fest, dass sich mit dem World Wide Web ein neuer kooperativer Ansatz zur Wissensgenerierung und dessen gemeinsamer Nutzung etabliert. Über die Anerkennung verschiedener Perspektiven und die sich daraus entwickelnde Erwartungshaltung der Nutzer, dass sie in der Lage sind Inhalte hinsichtlich ihrer eigenen Bedürfnisse zu generieren, sie anzupassen und zu verändern, wird so eine Arbeitskultur des miteinander und nicht des füreinander geschaffen. So wird die Zukunft der musealen Arbeit weniger darauf fixiert sein was Menschen für die Institution tun können als darauf was Menschen für ihre eigene Entwicklung tun können, indem sie die Ressourcen der Institutionen nützen. Die Folge daraus ist die Nachfrage nach Kulturangeboten, die mehr auf die Bedürfnisse Einzelner und einzelner Interessengruppen eingehen.

Offenheit und Dialog schaffen

Die Herausforderung für Museumsschaffende besteht nun darin, reagierend auf die Erwartungen, ansprechende Kulturerlebnisse zu entwickeln und umzusetzen. Genauer gesagt, wenn Verbindung und Kombination, Zusammenarbeit und Unterhaltung die Schlagworte der neuen Massenkultur des World Wide Web sind, dann müssen Museen kritische, phantasievolle und herausfordernde Möglichkeiten finden, offen und kooperativ neue Inhalte zu produzieren. Dennoch um die Gefahr des Relevanzverlustes zu umgehen, muss sich für jedes Museum zukünftig die zentrale Frage stellen, welche Form der Offenheit für die eigene Vision wirklich zählt?

Welchen Zielgruppen gegenüber will es offen sein, an welcher Stelle initiiert es Dialog? Nutzt das Museum das World Wide Web, um mit neuen Zielgruppen auf eine ihm neue Art und Weise zu kommunizieren; oder nutzt es dieses zur Entscheidungsfindung, über Inhalte und Themen seiner musealen Arbeit? Will das Museum Kreativität fördern, indem es verschiedene Communities bei der Entwicklung einer Ausstellung mitwirken lässt? Oder stellt es seine Archive und andere Ressourcen zur Verfügung, für diejenigen, die sie kreativ verwenden möchten? Welche Tools setzt das Museum für eine effektive Gestaltung des Dialogs ein und welche Plattformen stellt das Museum für die Zusammenarbeit bereit? Und die wichtigste Frage welchen Mehrwert schaffe ich dadurch für Organisation und Teilhabende? Warum beteiligen sich Menschen an offenen Projekten, welche Motivation haben sie, ihr Wissen und ihre Ideen offen mit anderen auszutauschen und warum sollte das Museum für sich anstreben, offen zu sein?

Gehen wir davon aus, dass die Autorität der Kuratoren im Vergleich zu dem riesigen, stetig wachsenden kollektiven Wissensspeicher und der damit verbundenen Leidenschaft, im digitalen Zeitalter immer mehr verblassen wird, stellt sich eine weitere nicht unwichtige Frage; Wie können Kuratoren ihre Rolle in der Weise neu definieren, indem sie die Macht des Publikums nutzen, ohne dabei ihre eigenen Standpunkte zu verlieren oder gar zu banalisieren?

Informationskompetenz aufbauen

Cory Doctorow appelliert im Rahmen seines Vortrages „GLAM and the free World” auf der Tagung „Museums and the Web” in Florenz 2014 an die Museumsschaffenden, dass sie doch diejenigen seien, die uns (die Gesellschaft Anm. SJ) mit persönlichen und kulturellen Praktiken der Konservierung, der Archivierung, der Verbreitung und des Zugangs ausstatten können.

Da Sie verstehen wie archivieren funktioniert, die die Bedeutung des Vergänglichen verstehen und deren Tagesgeschäft es seit Jahrhunderten ist, sich mit Informationen und Autoritäten zu beschäftigen, indem sie Prozesse systematisieren, die herausfinden sollen, welchen Quellen zu vertrauen sei und warum. So sind seines Erachtens Kuratoren notwendiger denn je, wenn es darum geht, dass wir glaubwürdige Informationen von den nicht glaubwürdigen, in dem Moment in dem wir ein Schlagwort in ein Suchfeld eingeben, unterscheiden sollen.

Netzwerke initiieren

Darüber hinaus können Kuratoren zukünftig eine führende Rolle darin einnehmen, die im World Wide Web täglich geschaffene Fülle an Informationen, zu erforschen und den Teil an Quellen auszuwählen und zugänglich zu machen, der für unsere Gesellschaft sinnstiftend ist. Indem sie für sich die polyphonen Stimmen des World Wide Web entdecken, Verbindungen zwischen Gleichgesinnten herstellen, und so Netzwerke von Interesse aufbauen. Auf diese Weise können Museen damit aufhören Inhalte für ein Massenpublikum zu generieren. Stattdessen können sie eine Vielzahl von „Gesprächen“ initiieren, die dann wiederum die Grundlage für ein wirklich partizipatives Kulturprogramm bilden können.

Auch im Kontext der Finanzierung von Museen spielen Netzwerke eine immer größere Rolle. Müssen Museen doch auf ein Publikum anziehend wirken, welches wiederum attraktiv für Sponsoren ist. Sie müssen Geldgebern zeigen, dass sie einen Mehrwert für eine beträchtliche Anzahl von Menschen schaffen können. Daher wird der zukünftige Erfolg vieler Museen davon abhängen, wie gut sie ihre Netzwerke ausbauen und inwieweit sie Unterstützer und Publikum von sich überzeugen können.

Agile Strukturen – vom Blockbuster zum Prototyp

Um im Kontext der Digitalisierung anspruchsvolle Kulturerlebnisse entwickeln zu können, brauchen Museen zur Umsetzung verschiedener Prototypen agile Strukturen. Daher sollten Museen zukünftig auf ein Portfolio aus Experimenten setzen, die es ermöglichen Optionen der Teilhabe in verschiedenen digitalen Formaten iterativ zu testen.

Bisher folgen die kleinen ergänzenden Programme (Experimente) ?den großen Projekten (Blockbuster). Senior Kuratoren und Museumsdirektoren entwickeln, die meist mit sehr hohen Kosten verbundenen Elemente des Programms; die Aufgabe der „unteren“ Ebene ist es dann, diese größeren Projekte mit kleinen Programmen zu ergänzen, um diese zu bereichern und zu unterstützen. Museen, die mehr Partizipation wollen, sollten den Fluss der Programmentwicklung umkehren. Sie sollten mit kleinen Programmen beginnen, und daraus, aufbauend auf deren Erfolg, die kostspieligen Formate entwickeln.

Der Low-Cost-Teil lenkt so den High-Cost-Teil des Programms, dabei sollte der Low-Cost-Teil des Programms offen für Ideen aus den unwahrscheinlichsten Orten außerhalb der Organisation sein. In einer solchen Struktur, haben Kuratoren die Freiheit, „Prototypen“ für außergewöhnliche Ideen, die sie realisieren wollen, umzusetzen. Jeder Prototyp wird ausgewertet und die Erfolgreichen werden weiterentwickelt und mit mehr Investitionen ausgestattet. Letztlich sind dann die Programme mit höheren Kosten die direkten Ergebnisse der vielfältigen Low-Cost-Experimente.

Es wäre naiv zu glauben, eine generelle Verschiebung musealer Praxis in Richtung Zusammenarbeit und Beteiligung sei unumgänglich. Nichtsdestotrotz verändert das World Wide Web nachhaltig, wie wir Kultur erleben und gestalten, wie wir uns und unsere Arbeit organisieren, und wie wir Entscheidungen treffen und Wissen schaffen.

Die erarbeiteten Ergebnisse des Workshops „Die Rolle des Museums in der digitalen Stadt“ im Rahmen der Tagung Zugang Gestalten im November 2015, dienten als Ausgangspunkte für diesen Blogbeitrag.


Teaser & Image „comment@lab“ (adapted) by Zenum Berlin


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5 Lesetipps für den 23. März

In unseren Lesetipps geht es heute um deutsche Aufsichtsräte, ein „ebolasicheres“ Tablet, Pressefreiheit in der Türkei, Google und den öffentlich-rechtlichen Rundfunk. Ergänzungen erwünscht.

  • WIRTSCHAFT Capital: Wo sind die alten Männer für den Aufsichtsrat?: Auch wenn mir noch nicht ganz klar ist, unter welchen Umständen Bernd Ziesemer vom Handelsblatt zu Capital gekommen ist, das Online-Magazin hat mit mir einen neuen Leser gewonnen, denn Ziesemers Kolumnen sind stes lesenswert. So auch sein heutiger Beitrag über Deutschlands Aufsichtsräte, denen nicht nur Frauen fehlen, um die Quote zu erfüllen, sondern auch geeignete Männer für den Vorsitz.

  • EBOLA Heise Online: Freiwillige haben zusammen mit Google ein „ebolasicheres“ Tablet entwickelt: Freiwillige haben zusammen mit Google ein Tablet (wahrscheinlich ein Android-Tablet) entwickelt, das auch dass Übergießen mit Chlor aushält. Damit ist es „ebolasicher“ und das war auch das Ziel des Projekts. Ärzte, die Ebola-Patienten unterstützen, sollten ein Arbeitsgerät haben, das sich auch mit Schutzhandschuhen bedienen lässt und Wetterbedingungen wie Stürmen sowie großer Feuchtigkeit widerstehen kann.

  • PRESSEFREIHEIT Today’s Zaman: Journalist Kaba? reads ‘manifesto’ on TV ahead of court appearance: Die Journalistin Sedef Kaba? soll in der Türkei für fünf Jahre inhaftiert werden, da sie über Korruption in der Regierung twitterte und wie diese vertuscht werden soll. In einer Fernsehsendung verlas sie jetzt ein Statement zu dem gegen sie angestrengten Gerichtsverfahren, das Today’s Zaman veröffentlicht. Kaba? steht weiterhin hinter ihrem Tweet und wird vor dem Gericht erscheinen.

  • GOOGLE Spiegel Online: Google soll Konkurrenz mit Ausschluss gedroht haben: Angeblich plante die US-Handelsaufsicht FTC (Federal Trade Commission) im Jahr 2012 ein Kartellrechtsverfahren gegen Google, da das Unternehmen seine vermeintliche marktbeherrschende Stellung ausgenutzt haben soll. Woher weiß das von Spiegel Online zitierte Wall Street Journal das? Der niemals veröffentlichte Bericht über das dann doch nicht umgesetzte Vorhaben wurde ausversehen an Journalisten weitergeleitet.

  • RUNDFUNK Carta: Transparenz und Partizipation beim öffentlich-rechtlichen Rundfunk: Auf Carta.info wird gerade viel über den öffentlich-rechtlichen Rundfunk diskutiert, vor allem seine Zukunft. Hanno Beck und Christian Herzog haben sich in ihrem Debattenbeitrag mit dem Thema Pratizipation beschäftigt und argumentieren, dass eine Beteiligung der Zuschauer an der Entscheidung über Formate und Themen dazu beitragen könnte, die Akzeptanzprobleme des öffentlich-rechtlichen Rundfunks zu verringern.

Die morgendlichen Lesetipps und weitere Linktipps am Tag können auch bequem via WhatsApp abonniert werden. Jeden Tag informiert dann Netzpiloten-Projektleiter Tobias Schwarz persönlich über die lesenswertesten Artikel des Tages. Um diesen Service zu abonnieren, schicke eine WhatsApp-Nachricht mit dem Inhalt arrival an die Nummer +4917622931261 (die Nummer bitte nicht verändern). Um die Nachrichten abzubestellen, einfach departure an die gleiche Nummer senden. Wir werden, neben dem Link zu unseren morgendlichen Lesetipps, nicht mehr als fünf weitere Lesetipps am Tag versenden.

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Alternativen zu den kontrollierenden Konzernen

Büro (adapted) (Image by moerschy [CC0 Public Domain] via Pixabay)

Sind Alternativen zu kontrollierenden Konzernen möglich? Nur wenn sich Politik und Wirtschaft transformieren. In einem seiner ersten Auftritte nach seiner Haftentlassung äußerte sich der wegen Beihilfe zu Copyright-Verletzungen verurteilte Pirate Bay Gründer Peter Sunde desillusioniert: Das Internet sei zu einer Scheindemokratie verkommen, ohne mögliche Beteiligung des Einzelnen: Wenige Konzerne aus einem Land kontrollierten die weltweit genutzten Dienste im Netz.

Mit dieser Sichtweise scheint er ein schon lange gehegtes Unwohlsein mit der technologischen Konsolidierung und Monopolisierung Ausdruck zu verleihen, welches durch die jüngsten Äußerungen des EU-Kommissars Oettinger weiter bestätigt wurde: „Wir haben das Spiel in der IT Branche verloren„, konnte dieser mit Blick auf die übermächtige Konkurrenz aus Silicon Valley nur mehr bedauernd konsternieren. Man sollte diese bittere Erkenntnis von ihrer Dramatik her nicht unterschätzen und es verwundert, dass diese von den Medien nicht weiter groß aufgegriffen wurde: Denn, nicht nur die IT-Industrie ist betroffen. Kauft man etwa heute deutsche Autos aufgrund ihrer überlegenen Fahrqualität und Verarbeitung, so werden in der Zukunft die Software der Selbststeuerung der Fahrzeuge und über soziale Medien und GPS agierende geographische Dienstleitungen zum Einkauf während der Fahrt immer wichtiger und diese Steuerungen werden nicht mehr aus Deutschland kommen. Auch der Online-Handel – um bei diesem Beispiel zu bleiben – befindet sich schon überwiegend in der Hand von drei US-Konzernen: Apple, Amazon und ebay vereinen bereits 65% des Umsatzvolumens in Deutschland.

Was aber ist zu tun in einer solchen Situation und gibt es wirklich keinen Ausweg mehr? Möglichkeiten gibt es schon, allerdings nur um den Preis, dass wir alle in politischen oder ökonomischen Bereichen partizipieren und aktiver werden.

Der Geist der Maschine

Die Frage der Monopole und Machtkonzentration in Wirtschaft und Gesellschaft, aber auch in Organisationen ist für die Wissenschaft keine neue Frage. Bereits nach dem Ersten Weltkrieg und unter dem Eindruck der geplanten Kriegswirtschaft, begannen sich vor allem Wirtschaftswissenschaftler mit dieser Frage intensiv zu beschäftigen. Der polnische Ökonom Oskar Lange sah schon zu dieser Zeit, die Gefahr der Monopolisierung im Kapitalismus und schlug vor – ganz im Sinne seiner Zeit – dass diese nur durch eine staatliche Planungsinstanz verhindert werden kann. Faszinierend ist hier, dass Lange dem Marktmechanismus vorwarf, antiquiert, krisenanfällig und ineffizient, sprich: Ein Kind des vorelektronischen Zeitalter zu sein. Er antizipierte deshalb Jahrzehnte vor dem Einsatz von Computern an der Börse, dass Preise durch eine „Maschine“ effizienter auch schneller festgelegt werden könnten (er entkräftete damit Hajeks Kritik, dass die Unmengen an Gleichungen, die notwendig wären, um Preise zu berechnen, die Fähigkeiten der Planinstanz überschreiten würden). Viel wesentlicher – und oft vergessen – aber war, dass er diese zentrale Instanz durch einen transparenten und demokratischen Prozess kontrolliert sah, er also die „Maschine“ durch Demokratie regulieren wollte.

Der Kybernetiker Norbert Wiener kam nach dem Zweiten Weltkrieg zu einer ähnlichen Erkenntnis, indem er etwas verklausuliert anmahnte, dass der Maschinengott ja mit seinen Schöpfungen nicht Schach spielen könne. Erstaunlich ist zudem, dass auch systemunkritische Wissenschaftler diese Regulierung durch das Individuum als einzigen Ausweg sehen, um Machtkonzentration auszugleichen. Der Nobelpreisträger und Forscher der konservativen Rand Cooperation, Kenneth Arrow, der Autorität in der Hierarchie („Nature loves hierarchy„) und im Militär in seiner reinsten Ausprägung sah, kam gegen Ende seiner Ausführungen über die „Grenzen der Organisation“ zu der erstaunlichen Erkenntnis, dass deren Autorität „Reviews“ oder auch „irregulären und fluktuierenden Wellen von Ungehorsam“ ausgesetzt sein müsste. Schlussendlich – so könnte man diese und andere Sichtweisen zusammenfassen – kommt es immer wieder auf das Individuum an, welches sich gegen Monopole, Chaos und Machtkonzentration durchzusetzen habe und sich wohl dabei ziemlich allein gelassen fühlen muss, da keine Beschreibungen und Hilfen für einen derartigen Widerstand gegeben wurden.

Wir haben den Gegner gesehen und es sind wir!

Dem politischen System und seinen Organisationen scheint es hingegen nicht mehr möglich zu sein, gegen die Interessen von Monopolen einzuschreiten. Wir sind so gesehen in einer Phase der Postdemokratie (Collin Crouch). Diese Unfähigkeit des Staates liegt im konkreten Fall der digitalen Wirtschaft und ihrer „exponentiellen Unternehmen“ nicht nur daran, dass Politiker noch nicht ganz verstanden haben, welche Entwicklungen hier ablaufen bzw. keine Ideen oder Gegenmittel haben, sondern auch, dass die Politik, wenn sie gegen diese Technologiekonzerne vorgehen würde, immer auch gegen den Bürger vorgeht, der die Leistungen dieser Anbieter nutzt, weil sie das Leben einfacher und interessanter machen. Wir selbst sind „stille“ Mitproduzenten dieser Monopole: Die Inhalte der Suchmaschinen und Handelsplattformen werden von uns entwickelt bzw. bereitgestellt. Obwohl kaum einer bewusst Monopole unterstützen möchte und wir von der Politik deren Begrenzung erhoffen, sind unsere Handlungen also widersprüchlich und damit oft erfolglos.

Dabei kann individueller Widerstand durchaus erfolgreich sein. In der Tat scheint der Einfluss auf diese Anbieter eher dann am besten zu funktionieren, wenn er von uns bzw. den „stillen Produzenten“ direkt ausgeht, wie etwa Episoden zeigten, in denen Nutzer gegen gekaufte „Buchrezensionen“ und Suchplatzränge erfolgreich protestierten und mit Abwanderung drohten. Diese Erfolge lenken den Blick auf einen wichtigen Aspekt bei dieser Art des Protestes: Wie schon Niklas Luhmann aufzeigte, geht es bei diesem nicht so sehr darum, die Verantwortung anderer anzumahnen, sondern selbst Lösungen zu erarbeiten! (Wenngleich Luhmann selbst von dieser notwendigen Fähigkeit der Protestierenden nicht überzeugt war: „Das Geheimnis der Alternative ist: daß sie gar keine Alternative anzubieten habe.“)

Der einzige Ausweg scheint also zu sein, neue Wege der Aktivierung des Individuums zu finden und die Chancen dafür stehen heute vielleicht etwas besser als zu Luhmanns Zeiten: denn heute können wir alle mehr für uns aber auch gemeinsam mit anderen tun.

Der Bürger als Produzent

Diskussionen allein – so musste der Schöpfer des Konzeptes der Deliberation, Jürgen Habermas, ja feststellen – sind ja oft weit weg von der eigentlichen Entscheidung, sie sind oft zahnlos. Weiter gibt es keinerlei Konzepte, wie eine große Anzahl an Menschen, sich über komplexe Sachverhalte einigen kann: Dies war ja eine Erkenntnis von Arrows „Unmöglichkeitstheorem“ in den 1950er Jahren: Politik sollte deshalb nicht Optionen bottom-up entwickeln, sondern nur über den generellen – wie immer auch vordefinierten – „politischen Willen“ abstimmen. Der Quietismus – die politische Apathie – ist also durchaus ein Konzept, welches die politischen Systeme bewusst zur Stabilisierung einsetzen: Nicht alle sollen mitreden, sondern ihre Stimme an Fachkräfte delegieren, die in festgelegten Abläufen Lösungen finden. Das Dilemma scheint also zu sein, dass wir alle oder viele von uns auf Basis von Diskussionen aktiv werden müssten, die politischen Prozesse für eine solche Aktivierung jedoch noch nicht bvorhanden sind. Schlimmer noch, selbst in Sachen Mitwirkung erfolgreiche Länder wie Norwegen, scheint die Partizipation zu einer Fragmentierung und Schwächung des politischen Systems zu führen, da dieses die neuen Stimmen und Aktionen nicht integrieren kann und so parallele „politische Surrogate“ sprießen.

Die Unzufriedenheit mit den Medien in Demokratien scheint diese Situation wider zu spiegeln: Diese sind in ihrer elitären und selbstregulierenden Ausrichtung eher bestimmt, in quietistischen Konstellationen vordefinierte Meinungen zu verfestigen, die in Zeiten, in denen immer mehr Menschen in ihrem jeweiligen Kontext ihren eigenen Meinungsbildungsprozess unabhängig vollziehen können, immer mehr hinterfragt werden. Wie also kann der Demos wieder in der Demokratie gestärkt werden – eine Forderung des neuen griechischen Finanzministers – und der Staat damit nicht geschwächt, sondern vielmehr gestärkt werden? Die bisherigen Erfahrungen lassen vermuten, dass es hier vor allem auf der kommunalen Ebene – im unmittelbaren Umfeld des Individuums – neue Möglichkeiten zur Kollaboration und Aktion gibt. Über definierte Schnittstellen (Application Programming Interfaces) können Individuen auf öffentliche Daten (Open Government Data) zugreifen, um Ihre Probleme selbst oder gemeinsam mit anderen zu lösen: „To resist is to create“. Hilfreich ist hier, dass die Vernetzung und Einbindung über das Strukturelement der virtuellen Plattformen als eine Art virtueller Arbeitsraum sehr viel einfacher geworden ist, wie die Bertelsmann Plattform „Beteiligungskompass“ zeigt. In dem Sinne, dass das kommunale Engagement immer wichtiger wird, da global der Großteil der Menschen in urbanen Zentren wohnt, die überall auf der Welt ähnliche Probleme haben, entsteht hier ein wichtiger politischer Partizipationsweg.

Mit dieser neuen Rolle als Produzent öffentlicher Leistungen wird zugleich auch eine neue politische Position geschaffen: alles wirtschaftliche Handeln ist immer auch soziales Handeln (Luhmann) und die Art und Weise, wie ökonomisch agiert wird (selbstbestimmt, selbstgesteuert, meritokratisch), ist zugleich auch ein politisches Statement der „freien Produzenten“ (Peers), die sich nun zusammenschließen und frei verfügbare Dienstleistungen und Produkte (Allmende) entwickeln (Freie Software, Lerninhalte journalistische Arbeit, soziale Hilfsdienste etc.).

Der Staat als Investor, Partner und Plattform

Wie müssen nun beobachten, dass sich große Konzerne diese Leistungen zunutze machen: Diese monetarisieren die Plattformen der freien Produzenten (IBM verdient einen großen Teil seines Umsatzes mit Dienstleitungen zu Open Software). Die freien Produzenten könnten nun aber anfangen für Ihre Leistungen auch etwas zu verlangen. In diese Richtung geht etwa die Diskussion um die „Peer Production License“: Diese sieht vor, dass all jene, die keinen Beitrag zu einem frei verfügbaren Gut schaffen, dieses aber benutzen wollen, einen Beitrag zahlen. So würde der passive Benutzer von Open Software etwas zahlen müssen, die „freien Produzenten“ dieser Software hätten nun aber einen monetären Gegenwert für Leistungen und könnten beginnen, einen eigenen Peer-Produktions-Sektor mit eigenen egalitäreren Strukturen aufzubauen.

Dies bedeutet nicht, dass der Staat von sich aus nichts tun kann. Gerade das Beispiel von Silicon Valley zeigt ja, wie wichtig und wirksam staatliche Investitionen sind: Fast alle Bestandteile des Smartphones sind z.B. im Rahmen öffentlicher Investitionen entstanden. Und so gesehen, gibt es eigentlich keinen Grund, warum der Staat nicht auch verstärkt öffentliche Programme und Plattformen zur Förderung und Vernetzung von Start-Ups, KMUs und Freien Produzenten organisieren und unterstützen könnte. Scheinbar hat aber der Staat im Neoliberalen Zeitalter verlernt, solche Programme zu entwickeln und natürlich ist das Bauen von Straßen einfacher als die Förderung von Ideen. Wie einfach man über Plattformen neue politische Strategien lancieren und so verlorenes Terrain wettmachen könnte, zeigt ja der Bildungsbereich. Anstatt mit traditionellen Elementen wie etwa Projekten – die zumeist verpuffen – und Exzellenzinitiativen – die vor allem zur Innenbeschäftigung führen – zu arbeiten, könnte der Staat ja eine eigene Plattform für Digitale Lerninhalte aufbauen. Diese stehen jedem frei zu Verfügung und die Qualität der einzelnen Inhalte wird über Reviews der Nutzer (und nicht Akkreditierungsinstitute) ermittelt. Universitäten könnten es als Qualitätswettbewerb und breitenwirksame Marketingmaßnahme betrachten, hier Lerninhalte einzureichen. Der Aufbau einer solchen Plattform hätte auch den Vorteil, Wissen für junge Unternehmer und Freie Produzenten schnell und unkompliziert zur Verfügung zu stellen und so ihre Produktivität und Erfolgschancen zu erhöhen. Auch hier muss man wieder feststellen, dass derartige Initiativen vor allem wieder im Privatbereich (z.B. edx.com) und in den USA auftauchen. In Deutschland gibt nun allerdings die jüngste Initiative der Stadt Hamburg zu Schaffung einer digitalen Lernplattform Anlass zu Hoffnung. 

Es bleibt bei all diese neuen Möglichkeiten allerdings die Erkenntnis, dass diese Art der Partizipation einen Zeitaufwand für jeden Einzelnen bedeutet, der heute bei vielen so nicht anfällt, da wir bisher die politische Interaktion ja zumeist delegieren. Der bittere Beigeschmack ist dann, dass diese Art der Mitwirkung wohl wieder ein elitäres Projekt zu sein scheint und damit weniger effektiv werden kann. Dies ist wohl nicht ungewöhnlich, da soziale Neuerungen zumindest am Anfang immer eine gewisse Ungleichheit erzeugen. Allerdings zeigen aktuelle Umfragen in Deutschland, dass bereits 55 Prozent Männer und 44 Prozent der Frauen heute schon Online bei wirtschaftlichen und ökonomischen Projekten in der einen oder anderen Art und Weise zumindest einmal partizipiert haben. Es wäre also schon ein gewisser Start, wenn diese Ressourcen und Bereitschaft über öffentlich unterstützte Plattformen eingesammelt und zum Aufbau von neuen Lösungen abseits der Monopole und zur Ergänzung staatlicher Handlungen genutzt werden könnten.


Image (adapted) „Büro“ by moerschy (CC0 Public Domain)

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Beschreibungen der digitalen Kultur

Icon (adapted) (Image by geralt [CC0 Public Domain] via pixabay)

Brecht und die Emanzipationsbewegung im Social Web – über digitale Kultur und Fürsten-Geheimnisse. Die Dialogformen der sozialen Medien sind nach Auffassung von Professor Peter Weibel, Zentrum für Kunst und Medientechnologie in Karlsruhe (ZKM), nichts anderes als die demokratisierte Form der Salonkonversation, die früher nur in elitären Kreisen geführt wurde – heute ist es ein Jedermann-Phänomen. Das Internet habe das Gespräch als politische Kraft zu einem Instrument der gemeinsamen Lebensgestaltung gemacht. Diese Dialoge müsse man als Philosophie des Sprechaktes sehen. „Hier werden Dinge mit Worten gemacht“, so Weibel.

Das Monopol der Sprecher in den Parlamenten, Medien und Massen sei gebrochen. Das hätten allerdings die Politiker und Medienmanager noch nicht verstanden. Jeder kann ein Sender sein. Jeder kann sogar ein TV- und Radio-Sender sein, um die letzte massenmediale Bastion zu erobern. Selbst in der Königsdisziplin des Rundfunks: Live-Sendungen – ausführlich nachzulesen im Kapitel „Eine bewegende Bilderwelt: Von Gutenberg zur neuen Mündlichkeit im Netz – Hier werden Dinge mit Worten gemacht“ des Buches „Live Streaming mit Hangout On Air: Techniken, Inhalte & Perspektiven für kreatives Web TV“, das am 4. September im Hanser Verlag erscheint.

Emanzipatorische Visionen von Brecht und Enzensberger

Für bewegte Bilder und für Audio steht das Handwerkszeug für den digitalen Autodidakten bereit, der heute ohne Ü-Wagen, ohne Ausbildung zum Kameramann oder zur Kamerafrau, ohne Kenntnisse von Ton und Licht sowie ohne schweres technisches Gerät Fernsehen und Hörfunk machen kann. Zu jeder Zeit, an jedem Ort. Erfüllen sich nicht die emanzipatorischen Utopien der Schriftsteller Bertold Brecht und Hans Magnus Enzensberger?

Der Rundfunk wäre nach Meinung von Brecht der denkbar großartigste Kommunikationsapparat des öffentlichen Lebens, wenn er es verstünde, nicht nur auszusenden, sondern auch zu empfangen, also den Zuhörer nicht nur hören, sondern auch sprechen zu machen und ihn nicht zu isolieren, sondern ihn auch in Beziehung zu setzen. Der Rundfunk müsste demnach aus dem Lieferantentum herausgehen und den Hörer als Lieferanten organisieren.

Seine Gedanken brachte Brecht zwischen 1927 und 1932 und bezogen sich natürlich „nur“ auf den Hörfunk. Er dachte an direkte Interaktion mittels Radio über ein funkbasiertes Telefonkonferenzsystem, das die Enträumlichung der Kommunikation möglich machen sollte und zwar live. Visionäre Gedanken in einer Zeit, wo man über Jedermann-Technologie für den Rundfunk noch nicht einmal in Ansätzen verfügte. Radio und später Fernsehen waren schon aus Kostengründen für Otto Normalverbraucher unerschwinglich. Ganz abgesehen von den regulatorischen Restriktionen, denn auch das gute alte Radio war schon in den 1920er- und 1930er-Jahren gebühren- und genehmigungspflichtig.

Das Hauptentscheidungsrecht über Programm, Technik und Wirtschaft besaß die Deutsche Reichspost (!). Aber selbst im Jahr 1970, als Enzensberger seinen „Baukasten zu einer Theorie der Medien“ entwickelte, war man noch weit entfernt von den Bedingungen, die wir heute vorfinden. Wie auch Brecht fordert er, dass die Distributionsapparate in Kommunikationsapparate umgewandelt werden. Dazu müssten alle Medien offenstehen. Jeder sollte die Möglichkeit haben, sich ungehindert zu informieren und auszutauschen. Und das gehe nur, wenn man die Trennung zwischen Produzenten und Rezipienten überwindet.

Ob die dann produzierten Beiträge dem Gemeinwohl dienen, wie Enzensberger forderte, ist nicht die entscheidende Frage. Der Zugang zu Medien ist wichtiger. Insofern ist Widerspruch angesagt, wenn Medienwissenschaftler wie Joachim Paech die von Brecht und Enzensberger vertretenen Positionen als falsch werten, weil es für die Mehrheit nicht möglich sei, die Technik richtig zu bedienen.

Piratensender mit Videorekorder

Wenn man sich anschaut, welchen Aufwand diverse TV-Piratensender in den 1970er-Jahren mit simpler Videorekorder-Technik treiben mussten, um über „Open Channel“ einige Häuser im eigenen Stadtviertel erreichen zu können, wird man den Unterschied zu den Optionen von Diensten wie Hangout on Air schnell erkennen. Damals reichte der Radius nur bis zu regionalen Initiativen, Protestaktionen und Nachbarschaftsfesten. Heute ist beides möglich: Jedermann-TV für die Nachbarschaft – also hyperlokale Formate, die beispielsweise der Marketingexperte Günter Greff für seinen neuen Heimatort Perinaldo in Ligurien plant – und Formate mit internationaler Ausrichtung. Mobil und stationär sind die Möglichkeiten zum Senden und Empfangen von Audio- und Videobeiträgen nahezu unbegrenzt.

Claus Pias, Professor für Medientheorie und Mediengeschichte, sieht das anders. Die digitalisierte Kultur könne man nicht mit Begriffen der Moderne wie Transparenz oder Partizipation beschreiben, die zwischen 1780 und 1830 entstanden sind. Sein Vorschlag: Digitale Kulturen lassen sich eher mit vormodernen Begriffen verstehen. Bei einem Diskurs der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) im Bonner Kunstmuseum brachte er die Klimaforschung ins Spiel, die ohne die Digitalisierung gar nicht vorstellbar sei.

„Souveräne Fürsten kennen den Typus der nicht verratbaren Geheimnisse“, so Pias. Das sei heute die Klimaforschung, weil die Wissenschaftler in der Komplexität ihrer weltweiten Software- und Hardware-Verbünde selber nicht mehr wissen, was in den Maschinen und in den teilweise 50 Jahre alten Codes vor sich geht. „Trotzdem muss man Entscheidungen treffen auf einer Grundlage, die man nicht mehr verstehen kann.“

Wir würden deshalb eine veränderte Gegenwärtigkeit erleben. Ein Verschmelzen von Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft, einen Absolutismus der Gegenwart, wie es Robert Musil ausdrückte. Reden über die digitale Zukunft seien verfehlt, genauso wie Diskurse über die Beschleunigung, weil die Zeitstrukturen nicht mehr stimmen. „Die moderne Zeitordnung, die vor rund 200 Jahren entstand, kollabiert“, bemerkt Pias in der DFG-Podiumsdiskussion. Er spricht von einem eminenten Zukunftsverlust. Man begegnet dauernd sich selbst in einer erschreckenden Erwartbarkeit mit komischen Formen von Rückkopplungsschleifen, die durch Datenspuren entstehen. „Das Ganze verschaltet sich zu einer breiten Gegenwart.“

Inszeniertes Geheimnis der idiotischen Maschinisten

Das Arkanum der digitalen Maschinen führt zum Zukunftsverlust? Vielleicht läuft Pias auch nur auf den Leimspuren von inszenierten Geheimnissen? Vielleicht ist die Klimaforschung gar nicht so kosmologisch, wie es der Medienhistoriker skizziert hat? Vielleicht sind die Maschinisten mit ihren Simulationsrechnungen nur so geheimnisvoll, um die Idiotie ihrer Algorithmen zu verbergen? Ein wenig erinnern mich die Pias-Thesen an die prosaischen Gedankenausflüge von Miriam Meckel, die feststellte, dass uns immer mehr Entscheidungen im personalisierten Internet durch Algorithmen abgenommen werden. Auf der Strecke bleiben Zufälle, Überraschungen, Zweifel und Ungewissheit. Was hat uns der arabische Algebraiker Al-Khwarizimi da nur eingebrockt?

Merkwürdig nur, dass die digitalen Maschinenräume bislang verschlossen bleiben. Im Wissenschaftsbetrieb kann man das nachvollziehen. Es geht um milliardenschwere Forschungsaufträge. Da hütet man gerne Geheimnisse. Überhaupt nicht geheimnisvoll sind die Mitmach-Technologien des Social Webs, die weit über die Bedienung des Like-Buttons hinweg gehen. Pias reduziert das auf vormoderne Konsens-Rituale von Ständeversammlungen. Was ist mit den 3,5 Billiarden Wörtern pro Tag, die über soziale Medien veröffentlicht werden? Das ist so viel wie die gesamte Library of Congress. Ähnliches sehen wir bei Videos und Fotos. Die liebwertesten DFG-Gichtlinge könnten die nächste digitale Expertenrunde via Hangout on Air live übertragen, damit Claus Pias erlebt, wie intensiv die Netzöffentlichkeit ihren Dissens artikuliert.

Wille zur Partizipation nicht mehr aufzuhalten

Wolfgang Hagen hat in dem von Pias herausgegebenen Band „Was waren Medien?“ die Vorzeichen des digitalen Medienwandels besser gedeutet: „Internet-Computer simulieren nicht Radio und Fernsehen, sie restituieren vielmehr diese Medien von Grund auf neu. Der Computer stellt von daher auch die Frage, was Massenmedien waren und was sie schon in naher Zukunft sein könnten: nämlich vielleicht alles das, was übrig bleibt, wenn die Bildung neuer multimedialer Publika durch das Internet Kontur gewonnen hat.

Also vielleicht dann nur noch eine Art Überbleibsel aus einer alten vergangenen Welt, so wie es der Buchdruck mit den Skriptorien des Mittelalters und der Antike gemacht hat.“ Ob der kalifornische Emanzipationsgeist der 1960er-Jahre nun einer kommerziellen Ausrichtung gewichen ist oder nicht, selbst Google und Co. können den Willen der Menschen zur Partizipation und zum Selbermachen nicht mehr zurückdrehen. Die Asymmetrie von passiven Zuschauern und aktiven Produzenten schwächt sich immer mehr ab. Die Nutzer des Social Webs wollen beides zugleich machen: lesen und schreiben, empfangen und senden. Und das gilt eben auch für die schwierigste Form des Sendens: Live-Fernsehen.

Dieser Beitrag erschien zuerst auf The European.


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Open Government: NRW setzt auf vernetzte Offenheit

open data (scrabble) (adapted) (Image by justgrimes [CC BY-SA 2.0] via Flickr)

Nordrhein-Westfalen verabschiedet als erstes Bundesland eine umfassende Open Government Strategie zur vernetzten Zusammenarbeit aller Ministerien mit den Bürgern. Die nordrhein-westfälische Landesregierung hat gestern als erstes Bundesland in Deutschland eine Open Government Strategie entwickelt, mit der die vernetzte Zusammenarbeit zwischen Bürgern und Verwaltung ermöglicht werden soll. Innenminister Ralf Jäger (SPD) nannte den Kabinettsbeschluss eine „wichtige Weichen für eine neue Politik der Beteiligung im digitalen Zeitalter“. Zusätzlich wurde die Stelle des Chief Information Officer geschaffen.

Schritt in eine fortschrittliche Zukunft

Alle Bürger von Nordrhein-Westfalen sollen freien Zugang zu den meisten Daten aus Regierung und Verwaltung haben. Die Idee ist, dass ganz im Sinne von Open Data die Daten aus Regierung und Verwaltung frei zugänglich sind. Auf dem Online-Portal „Open.NRW“ sollen künftig zahlreiche Informationen aller Ministerien für die interessierte Öffentlichkeit zur Verfügung gestellt werden. „Jeder wird dann online über das Open.NRW-Portal die Daten der nordrhein-westfälischen Landesverwaltung nutzen können. Zum Beispiel um sich Lehrmaterial oder Statistiken zu beschaffen oder um neue Anwendungen wie Smartphone-Apps zu entwickeln. Auch die Kommunen sind eingeladen, ihre Daten im Portal zur Verfügung zu stellen„, sagte Innenminister Ralf Jäger am Dienstag. „Die Menschen sollen sich aktiv an Regierung und Verwaltung beteiligen können. Mit der Strategie stellt die Landesregierung wichtige Weichen für eine neue Politik der Beteiligung im digitalen Zeitalter„.

Bereits im Herbst 2013 wurde Hartmut Beuß, als langjähriger Abteilungsleiter im Innenministerium mit Erfahrung in der IT, zum Beauftragten der Landesregierung Nordrhein-Westfalen für Informationstechnik genannt, abgekürzt mit CIO für Chief Information Officer. Die englischen Begrifflichkeiten seien laut einer Sprecherin gängige Sprache in diesem Bereich und würden auch von anderen Landesregierungen so verwendet, wie die dpa berichtet. Jäger ist von der Personalie überzeugt: „Mit ihm als CIO mache NRW einen weiteren Schritt in eine fortschrittliche Zukunft„. Beuß soll sich für für eine moderne und sichere Verwaltung einsetzen, Verwaltungsverfahren vereinfachen und die neue IT-Strategie, die er mitentwickelt hat, umsetzen.

Open Data, Partizipation und Offenheit

Nordrhein-Westfalen ist das erste Bundesland, das eine eigenständige, zwischen allen Ministerien abgestimmte Open-Government-Strategie für die Landesverwaltung auf den Weg bringt. Sie umfasst drei Bausteine: Offene Regierungs- und Verwaltungsdaten (Open Data), mehr Partizipation sowie bessere Zusammenarbeit der Ministerien und der Landesverwaltung mit den Bürgerinnen und Bürgern. „Jetzt stehen wir gemeinsam in der Verantwortung, die Strategie in praktisches Handeln zu gießen und so mit Leben zu füllen. Das wollen wir zügig in Angriff nehmen, aber auch mit allen Beteiligten sorgfältig abstimmen„, kündigte Hartmut Beuß an.

Ein ambitioniertes Vorhaben, wie auch der netzpolitische Sprecher der Landtagsfraktion von Bündnis 90/Die Grünen, Matthi Bolte, anmahnt: „Die gesetzten Ziele sind ambitioniert: Regelmäßige Partizipationsverfahren in den verschiedenen Ressorts, die vollständige Veröffentlichung aller Regierungsdaten und der grundlegende Aufbau von Strukturen zur elektronischen Zusammenarbeit der öffentlichen Stellen. An vielen Stellen kann NRW auf Erfahrungen zurückgreifen, etwa durch die in den vergangenen Jahren durchgeführten Beteiligungsverfahren, klar ist aber auch: der integrierte Ansatz von Open.NRW ist eine gigantische verwaltungskulturelle Aufgabe„. Bolte glaubt, dass es etwas Zeit braucht, bis sich die neue Philosophie umsetzen lässt, denn sie muss auch erst in der Verwaltung vor Ort wachsen und gelebt werden. Das geplante Online-Portal Open.NRW „bietet hierfür den richtigen Rahmen„.

Opposition kritisiert mangelhafte Umsetzung

Der netzpolitische Sprecher der Piratenfraktion im Landtag Nordrhein-Westfalen, Daniel Schwerd, reagiert verhaltener auf die von ihm langersehnte OpenGov-Strategie. Ihn stört vor allem, dass die rot-grüne Landesregierung die Strategie losgelöst von der Weiterentwicklung des Informationsfreiheitsgesetzes hin zu einem Transparenzgesetz entwickelt hat. „Es besteht also kein rechtlicher Anspruch darauf, dass es zu bestimmten Themen/Gesetzesentwürfe entsprechende Beteiligungsverfahren geben wird bzw. die entsprechenden Daten als Grundlage einer fundierten Beurteilung zur Verfügung gestellt werden„, so Schwerd.

Auch das trotz voriger Kritik mit der Deutschlandlizenz ein nationaler Sonderweg gegangen wird, obwohl entsprechende Lizenzen auf internationaler Ebene bereits existieren, sowie das Fehlen einer Schiedsstelle, die dafür sorgt, dass man den Umgang mit Daten und Beteiligungsverfahren einheitlich auf Landesebene regelt, sieht Schwerd kritisch. Des Weiteren führt die weiter bestehende Ressorthoheit dazu, dass sich Bürger an jedes Ministerium einzeln wenden müssen. „Die Ausnahme bei den Geodaten sowie der Fakt„, dass diese weiterhin finanziell hoch bepreist werden zeigen Schwerd, „dass die Landesregierung eben doch nicht über ihren Schatten springen konnte, um Open Data flächendeckend und vollumfänglich einzuführen„. Schwerd befürchtet dass „die fehlende Verpflichtung der Kommunen, sich diesem Programm anzuschließen“ dazu führt, dass „das volle Potenzial nicht abgerufen werden“ kann, wenn Kommunen die Teilnahme verweigern.


Image (adapted) „open data (scrabble)“ by justgrimes (CC BY-SA 2.0)


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5 Lesetipps für den 13. Februar

In unseren Lesetipps geht es um digitale Partizipation, Sexting mal wertfrei betrachtet, wie die niederländische Demokratie mit dem Thema Überwachung umgeht, Windows auf dem Chromebook und das neue Design von Twitter. Ergänzungen erwünscht.

  • PARTIZIPATION Carta: Online-Bürgerbeteiligung im Aufwind: Auf Carta schreiben Christian Herzog und Christian Heise über neue Impulse beim Thema elektronischer Bürgerbeteiligung. Zwar gebe es erst weniger Beispiel, beide Autoren bemerken aber eine Entwicklung, die vermuten lässt, dass das Thema im Aufwind ist.
  • SEXTING Ars Technica: Sexting is not just for teens anymore: In den Medien wird beim Thema Sexting in erster Linie über die Risiken dieses Trends, bei dem mit elektronischer Kommunikation eine sexuelle Beziehung geführt wird. Vor allem über die Gefahren von Jugendlichen wird dabei informiert. Zu Recht, aber Sexting ist bei Erwachsenen genauso ein Thema und Ausdruck des Einflusses moderner Technologien und eines neuen Kommunikationsverhalten auf unsere Beziehungen. Casey Johnston befasst sich auf Ars Technica etwas neutraler und lesenswert mit dem Thema.
  • ÜBERWACHUNG RT News: Niederländischer Innenminister wurde 11 Stunden lang im Parlament zur NSA-Bewachung befragt: Im Gegensatz zu Deutschland wird in anderen europäischen Ländern weder die Überwachung durch US-Geheimdienste nahezu von der Regierung ignoriert, noch beschränkt sich der Protest auf aktivistische Aktionen außerhalb demokratischer Institutionen. In den Niederlanden zum Beispiel musste sich der Innenminister Ronald Plasterk ganze 11 Stunden einer Befragung im Parlament aussetzen und gab dabei eine Kooperation mit der USA und der Übermittlung von Daten zu.
  • CHROMEBOOK CNET News: Now running on a Chromebook near you: Windows: Zur Zeit passieren die seltsamsten Dinge. Erst lässt Microsoft sein Unternehmen Nokia ein Smartphone mit Googles mobilem Betriebssystem Android bauen, jetzt arrangiert Google mit VMWare, dass auf Chromebooks in einer virtuellen Maschine auch Windows-Software von Microsoft funktioniert.
  • TWITTER tobiasgillen.de: Bilder vom (vielleicht) neuen Twitter-Design: Nicht nur die Redakteure der US-Magazine können sich darüber freuen (oder auch nicht), das neue Twitter-Design zu testen. Auch der freie Journalist und Netzpiloten-Autor Tobias Gillen hat bereits das neue Design. Auf seinem Blog stellt er das neue Design mit jeder Menge Screenshots vor.

Nutze Netzpiloten 1-Klick: Mit nur einem Klick werden dir bequem alle 40 Sekunden die hier besprochenen Seiten „vorgeblättert“ START.

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Trupoli steht für Politik 2.0

Wahre Politik im Internet machen, das ist die Intention, mit der die Politikplattform Trupoli angetreten ist. Hier wird über Politik diskutiert und informiert – über Themen, Personen, Konstellationen. Die Macher von Trupoli hoffen, so den Grundstein für direkte Webdemokratie zu legen – eine Gegenbewegung zur verbreiteten Politikverdrossenheit und eine Ergänzung zum konventionellen, zeitaufwändigen politischen Engagement.

„Die meines Erachtens größte Stärke des Web 2.0 sind seine äußerst demokratischen Strukturen: Jeder kann sich äußern, jeder wird gehört,“ erklärt Trupoli-Gründer Johannes Zumpe. „Und es ist wirkliche Webdemokratie“, ergänzt er im Blogpiloten-Interview, „wenn die Politiker eines Tages wirklich darauf hören und entsprechend handeln.“

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