Tumblr Bar (Bild: scottjacksonx [CC BY 2.0], via Flickr)

Tumblr: Massives Problem mit Fake-Accounts

Tumblr meldet fast monatlich neue Nutzerrekorde, doch bis zu 90 Prozent der Blogs könnten inaktiv oder gefälscht sein.

Tumblr Screen (Bild: Romain Toornier [CC BY 2.0], via Flickr)

Der Social-Blogging-Dienst Tumblr behauptet, dass er 134,8 Millionen Blogs beheimatet, auf denen täglich im Schnitt 88,3 Millionen Postings veröffentlicht werden. Diesen Zahlen zufolge größer als die populäre Blog-Plattform WordPress (knapp 70 Mio. Blogs, 38 Mio. Updates pro Monat) und besonders beliebt bei US-Teenies, hat sich Yahoo im Mai 2013 Tumblr um 1,1 Mrd. Dollar gekauft. Doch es ist nicht alles eitel Sonnenschein auf David Karps Webseite: Denn neben Querelen mit Porno-Inhalten kämpft Tumblr hinter den Kulissen mit einem massiven Problem: Fake-Profile. Bis zu 90 Prozent der Blogs könnten inaktiv sein, und mit Hilfe des neue Eigentümers Yahoo werden diese gefälschten Accounts still und heimlich nach und nach gelöscht, wie ich in Erfahrung gebracht habe.

Seit im Juni 2012 mein Blog Digital Sirocco im Spotlight-Bereich von Tumblr als besonders lesenswerter Blog empfohlen wird, darf ich mich fast täglich über elektronische Post von Tumblr freuen. “Du hast 58 neue Follower” (24.09.2012),  “Du hast 219 neue Follower” (31.03.2013), “Du hast 711 neue Follower” (12.09.2012): Fast jeden Tag informierte mich der Blog-Dienst per automatischen E-Mail, dass ich von anderen Tumblr-Nutzern abonniert worden war (meistens waren es so 170 neue Follower/Tag). Anfangs freute ich mich darüber immerhin fühlt man sich ja geschmeichelt, wenn man gelesen wird. Doch als ich dann Anfang Mai 2013 die 50.000-Follower-Grenze und dann nur zwei Monate später, Anfang Juli 2013 die 70.000-Follower-Grenze überschritten hatte, wurde mir die Sache unheimlich.

Ich meine, klar freut man sich über solche Zahlen, aber für einen deutschsprachigen Blog mit Special-Interest-Themen (Social Media, Netzpolitik) sind solche Follower-Zahlen auf einer verhältnismäßig (für mitteleuropäische Verhältnisse) neuen Plattform etwas unrealistisch. Aus Google Analytics weiß ich, dass Tumblr eine wichtige Traffic-Quelle für meinen Blog ist (etwas kleiner als Facebook, aber oft wichtiger als Google oder Twitter), aber 70.000 echte Follower müssten sich bei den Zugriffen deutlicher bemerkbar machen.

Deswegen wollte ich herausfinden, wer nun diese Follower sind, die mir da täglich via E-Mail bekannt gegeben werden. Aus diesen E-Mails habe ich eine zufällige Stichprobe von 100 Tumblr-Blogs gezogen (volle Liste hier) und jede Seite einzeln nach besten Gewissen bewertet. Ich habe sie in “echt” (ein Seite, die einen eindeutigen Autor hat, der zumindest ab und zu einen Eintrag macht), “wahrscheinlich echt” (meist halbherzig befüllte Blogs, die zumindest so aussehen, als wären sie von Menschenhand befüllt worden) und “fake” (leere Blogs, die die vorgegebenen Avatar-Profilbildchen und Standard-Layouts verwenden und nie einen einzigen Post gemacht haben) eingestuft. Diese Fake-Blogs sehen zumeist so aus: http://south147.tumblr.com, http://jackb3301.tumblr.com oder http://suselstef.tumblr.com.

Ab und zu sind Tumblr-Seiten dabei, die nach keiner erkennbaren Logik (von einem Bot?) mit Content befüllt wurden, etwa http://inespitt.tumblr.com: Hier gibt es ein Bild von einem Einhorn, ein animiertes GIF und dann nochmal das Einhornbild zu sehen. Außerdem gibt es vereinzelte Blogs, die schon wieder gelöscht worden waren.

Das Ergebnis meiner Stichprobe (die keineswegs repräsentativ für meine derzeit 72.000 Follower noch für ganz Tumblr ist): Nur 12 Prozent der analysierten Blogs wirken echt. Der große Rest (88 Prozent) der 100 Blogs sind leere Seiten, die ohne ersichtliches Zutun eines Menschen erstellt wurden – eine virtuelle Geisterstadt, möglicherweise angelegt von einem automatischen Script, das die im “Spotlight” gelisteten Blogs abgreift und ihnen folgt, um Aktivität zu zeigen (und manchmal wahllos Bilder postet). Sollten all diese Blogs zu den fast 135 Mio. Blogs zählen, die Tumblr offiziell angibt, dann ist das ein großes Problem. Tumblr-Chef David Karp muss davon wissen – ansonsten würde er sich trauen, offizielle Zahlen zu Publikum und zu Seitenabrufen des Web-Dienstes anzugeben.

Dass Tumblr ein Problem mit inaktiven bzw. gefälschten Blogs hat, zeigt sich auch daran, dass wenige Wochen nach der Übernahme durch Yahoo die E-Mail-Notifications bezüglich “Do hast hunderte neue Follower” aufhörten und wieder über vernünftige neue Followerzahlen (5 bis 10 pro Tag) verkündeten. Parallel dazu sind die Follower-Zahlen meines Blogs trotz neuer Follower am Sinken – täglich kommen einige Dutzend weg. Derzeit halte ich bei knapp über 72.000 Followern, war aber schon mal bei fast 74.000. Trotzdem will Tumblr mir weismachen, dass die Zahlen nach wie vor wachsen, und zeigt mir im Analyse-Teil folgende Grafik an, die so nicht stimmen kann:

Ich vermute, dass Yahoo-Chefin Marissa Mayer genau um die Fake-Blogs weiß und Tumblr jetzt mit dem Know-how des neuen Eigentümers still und heimlich die Fake-Blogs löscht – nicht alle auf einmal, sondern nach und nach, so dass es niemanden ins Auge sticht. Ein mir bekannter Tumblr-Nutzer, der mit seinem Blog ebenfalls im Spotlight gelistet ist und bei mehr als 35.000 Followern hält, hat mir meine Beobachtungen bestätigt und ebenfalls den Eindruck, das nur ein Zehntel seiner Follower echte Menschen sind.

Anmerkung: Ich habe die Tumblr-Pressestelle vor mehreren Wochen bereits in der Causa kontaktiert und um Stellungnahme bzw. Aufklärung bezüglich der Vielzahl an falschen bzw. inaktiven Accounts gebeten – bis dato ohne Rückmeldung.


Teaser by scottjacksonx (CC BY 2.0)


Image by Romain Toornier (CC BY 2.0)

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Jakob Steinschaden

Jakob Steinschaden

ist seit 2006 publizistisch auf Papier und Pixel tätig. Er arbeitet in Österreich als Journalist und hat die beiden Sachbücher "Phänomen Facebook - Wie eine Webseite unser Leben auf den Kopf stellt" (2010) und "Digitaler Frühling - Wer das Netz hat, hat die Macht?" (2012) veröffentlicht. In seinem Blog “Jakkse.com” und in Vorträgen schreibt und spricht er gerne über die Menschen und ihr Internet – von Social Media über Mobile Business und Netzpolitik bis zu Start-ups.

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