Was Startups und Unternehmen voneinander lernen können

Während Kooperationen zwischen kreativen Startups und etablierten Unternehmen in vielen Ländern gang und gäbe sind, hat sich Deutschland bis jetzt damit noch sehr schwer getan. Doch in den vergangenen Jahren haben auch deutsche Unternehmen und Startups erkannt, dass sie von einer solchen Zusammenarbeit profitieren können. Solche Kooperationen helfen dabei nicht nur den Firmen selbst, sondern langfristig auch der deutschen Wirtschaft.

Es tut sich was in der deutschen Wirtschaft. Langsam, vorsichtig und bedächtig, wie so vieles in Deutschland – aber es bewegt sich was. “Es” heißt dabei mal Accelerator-Programm, manchmal auch Mindbox oder auch Ventures – gemeint ist damit jedenfalls die Zusammenarbeit zwischen einem etablierten Unternehmen und einem Startup.

Das klingt erstmal nach nichts Neuem, aber was in Ländern wie den USA oder Israel schon seit Jahren geläufige Praxis ist, wird in Deutschland derzeit noch vorsichtig getestet. Dabei liegen die Vorteile einer Kooperation zwischen einem etablierten Unternehmen und Startups eigentlich auf der Hand: Klassische Unternehmen bekommen neuen Schwung und neue Ideen in alte Abläufe, junge Startups wiederum können von der Erfahrung und dem Know-how der traditionellen Unternehmen viel lernen. Dabei gibt es natürlich unterschiedliche Formen der Zusammenarbeit. Startups und Unternehmen können projektbezogen zusammenarbeiten oder es geht darum, in einem Joint-Venture durch eine Zusammenarbeit ein Problem zu lösen. Es gibt darüber hinaus auch Inkubator-Modelle sowie Förder-Kooperationen zwischen Startups und Unternehmen. Doch auch wenn die Formen der Zusammenarbeit variieren, sind die Vorteile ähnlich: Beide Seiten können von den Synergie-Effekten der Zusammenarbeit profitieren.

DGFP Praxis-Papiere Best Practices 06/2015 Innovationen und Lernen – Wie KMU und Startups voneinander profitieren können
DGFP Praxis-Papiere Best Practices 06/2015 Innovationen und Lernen – Wie KMU und Startups voneinander profitieren können

Deutschland fehlt die Experimentier-Kultur

Katharina Heuer, Geschäftsführerin der Deutschen Gesellschaft für Personalführung e.V. hat das Kooperations-Potential zwischen Startups und KMUs mit einigen Kollegen in einem Praxis-Papier genauer untersucht. Ihre Bilanz: Das große Potential solcher Kooperationen wird in Deutschland einfach noch nicht genug ausgeschöpft. Das liegt zum Teil daran, dass traditionelle Unternehmen sehr steife Strukturen haben, während die Hierarchien in Startups sehr flach sind. Ideen werden hier schnell umgesetzt, in Unternehmen mit komplexeren Personalstrukturen ist so etwas nicht ohne Weiteres möglich. So ist eine Zusammenarbeit für beide Seiten nicht immer ganz problemlos und geht nicht auch ab und zu mit einer gewissen Frustration einher. Doch das größte Hindernis bei der Kooperation zwischen Startups und Unternehmen sieht Heuer in der deutschen Unternehmenskultur:

Wir haben in Deutschland einfach keine Experimentier-Kultur. Unternehmen denken oft, dass immer alles sofort für alle gelten und direkt perfekt funktionieren muss, und so haben sich bisher viele Unternehmen in Deutschland einfach noch nicht an solche Kooperationen herangetraut

Viele etablierte Unternehmen trauen sich also nicht, auch mal zu scheitern. Genau da sind Länder wie die USA den Deutschen voraus, sagt Heuer: “Die Unternehmen dort probieren einfach etwas aus, und wenn es dann nicht funktioniert, dann ist das Teil des Lernprozesses.” Dennoch habe sich in Deutschland in den letzten zwei Jahren viel getan, findet Heuer. Klassische Großunternehmen, aber auch mittelständische Unternehmen gehen immer öfter auf Startups zu. “Da merkt man einfach, dass das Interesse aneinander wirklich groß ist”, sagt Heuer.

Unternehmen und Startups müssen sich erstmal beschnuppern

Ein Grund dafür könnte sein, dass in Deutschland gerade mehr Raum für solche Kooperationen geschaffen wird. So habe viele Coworking Spaces, wie beispielsweise das betahaus in Berlin, regelmäßige Accelerator-Programme, die genau diese Art von Zusammenarbeit zwischen etablierten Firmen und neuen Unternehmen fördern soll. Hier können sich beide Seiten erstmal ganz risikofrei beschnuppern und sich ganz langsam einer Kooperation annähern. Schließlich kann nicht jedes Unternehmen mit jedem Startup gut zusammen arbeiten und so kann es eine Weile dauern, bis man einen guten Kooperationspartner findet. Genau für diesen Annäherungsprozess bieten Accelerator-Programme wie die des betahauses in Berlin den nötigen Raum.

Einige große Unternehmen wie etwa ProSiebenSat.1 Media oder auch die Deutsche Bahn sind bereits auf den fahrenden Zug aufgesprungen. Nachdem die Deutsche Bahn zum ersten Mal in 2015 eine Startup-Kooperation per Wettbewerb ausgerufen hat, war das Programm offensichtlich so erfolgreich, dass das Unternehmen auch in diesem Jahr erneut Startups dazu aufruft, sich für ihr Accelerator-Programm zu bewerben. Warum? Weil die Deutsche Bahn ein komplexes Unternehmen ist, das in vielen Bereichen innovative Hilfe sucht – so erklärt es das Unternehmen zumindest selbst. Im Gegenzug verspricht die DB, dass sie für die Startups neue Märkte eröffnen kann.

Während die DB nach Startups sucht, die ihnen dabei helfen Probleme zu lösen, wollen ProSiebenSat.1 wiederum den Startups helfen. Ihr dreimonatiges Accelerator-Programm, zu dem zwei Mal im Jahr ausgerufen wird, ist darauf ausgerichtet, Startups und neue Unternehmern zu coachen. Und nicht nur das, die ausgewählten Startups erhalten dazu noch eine saftige finanzielle Unterstützung. Selbstverständlich erhoffen sich auch die Fernsehsender davon neue Impulse für das eigene Geschäft.

Von diesen Kooperationen profitieren letztendlich aber nicht nur die beteiligten Unternehmen und Startups. Da Startups generell einfach mehr ausprobieren können, entstehen so auch oft komplett neue Lösungsansätze. Mit der Unterstützung eines etablierten Unternehmens im Rücken haben sie dabei dann die Ruhe und auch die finanzielle Sicherheit, um ihrer Kreativität freien Lauf zu lassen. So kann letztendlich die gesamte deutsche Wirtschaft von solchen Kooperationen profitieren.


Image “Startup” by StartupStockPhotos (CC0 Public Domain).

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Marinela Potor

Marinela Potor

begann ihren journalistischen Werdegang bei kleinen Lokalzeitungen und arbeitete dann während ihres Studiums als Reporterin für den Universitätsradiosender. Ihr Volontariat machte sie bei Radio Jade in Wilhelmshaven. Seit 2010 hat sie ihren Rucksack gepackt und bereist seitdem rastlos die Welt – und berichtet als freie Journalistin darüber. Über alle „inoffiziellen“ Geschichten schreibt sie in ihrem eigenen Blog fest. Mitglied des Netzpiloten Blogger Networks.

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