There’s no working like Coworking

Den Coffee-Shop-Ketten entsprungen, erobern Coworking-Spaces die Großstädte der Welt. Wer nicht rechtzeitig mitzieht, bleibt schnell auf der Strecke. In den vergangenen Wochen bin ich im Rahmen meiner mobilen Arbeit viel unterwegs gewesen. Ein geliehener Schreibtisch in Zürich, ein Café in Charmonix, ein Hotel in Stockholm, wo ich eine Messe zum Thema Möbel und Licht besucht habe, und dieser Blogpost kommt aus einem alten knarrenden, hölzernen Hotel nahe St. Moritz zu euch. ‚Ben, du hast dich verändert‘, höre ich euch sagen. Vielleicht. Ich habe nun eine kostspielige Croissant- und Koffein-Sucht entwickelt, aber so bin ich nun mal. Ähem.

Ich finde es leicht, unterwegs von praktisch überall aus zu arbeiten, allerdings erkenne ich ebenso den Wert von speziell dafür vorgesehenen Coworking-Arbeitsplätzen für diejenigen ohne festes Büro. Coworking ist ohne Zweifel das Modewort 2015/16 und ist gleichzeitig zum Grundnahrungsmittel für Telearbeiter und Startups geworden.

Aber es ist kein neues Phänomen, es hat sich nur jüngst einen Namen gemacht. Seit Jahren sind Starbucks und Costa-Filialen von Leuten übersät, die in ihre MacBooks vertieft sind. Andere Leute haben sich Büroräume geteilt, Geschäftsräume in Startup-Gründerzentren gepachtet oder Schreibtische von lokalen Unternehmen angemietet. Neu beim Coworking ist, dass der coole, lockere Startup-Style nun auf den Hauptstraßen angekommen ist. Versucht mal, das fünfmal in Folge zu sagen.

Hinzu kommen ausgefallene, nützliche Möbel, schnelles und zuverlässiges Wi-Fi, flexible Mitgliedschaften und unterschiedliche Locations. Verglichen mit den Cafés auf der Hauptstraße lässt sich festhalten, dass die Möhrentorte essenden Großmütter, sowie die schreienden Kleinkinder, heimlich einfach ausgeschlossen wurden. Nicht böse gemeint, aber diese Plätze sind zum Arbeiten da. Zum Coworking.

Urban Station Coworking Space (image by Jennifer Morrow [CC BY 2.0] via flickr)
Urban Station, El Salvador

Die Coworking-Welt dreht sich weiter

So verbreitet sich der Trend in unseren Städten. Wir sind nun Zeugen des Wettbewerbs um Marktanteile, während die Großen ihre Asse aus dem Ärmel ziehen, ähnlich wie beim Kampf um Premium-Cafés in den Nullerjahren. Vermieter reißen Zimmerdecken heraus, enthüllen Mauerwerk, bauen Café-Ladentische aus Sperrholz und heuern tätowierte Baristas schneller an, als du fragen kannst: “Ey, wo sind denn hier die Fahrradständer?”. Coworking hat jetzt sogar eine eigene Wikipedia-Definition – es ist ein Name, so bekannt wie Simon Cowell oder Gok Wan. Und schon bald könnte das Wort selbst so irreführend sein wie die beiden letztgenannten.

Voisins Coworking (image by Manuel Schmalstieg [CC BY 2.0] via flickr)
Voisins Coworking, Genf

Die Leute wollen das produktive, Google-ähnliche Arbeitsumfeld mit trendy Kollegen. Der hochwertige Kaffee, Internetzugang und Adresse sind allesamt potentielle Dealbreaker. Coworker mögen die Routine, “ins Büro zu gehen”. Einzelarbeiter, die es gewohnt sind, von Zuhause aus zu arbeiten, profitieren von einer Umgebung, die einen fokussierten und positiven Ort schafft, an dem inmitten des städtischen Trubels Dinge erledigt werden, mit der zusätzlichen Option, ähnlich-denkende “CEO- und Gründer”-Persönlichkeiten zu treffen.

Betahaus (image by Harald Amelung [CC BY 2.0] via flickr)
Betahaus, Berlin

Viele Coworking-Arbeitsplätze bieten zusätzliche Räumlichkeiten, Mitglieder-Datenbanken, Helpdesks, IT-Fehlerbehebung und Hausmeister-Services an. Manche sogar spezielle Veranstaltungen und Seminare. Gemeinschaften und Netzwerke werden gebildet. Neue Firmen ebenso. Diese Arbeitsplätze geben einer neuen Generation von Koffein-befeuerten Jungunternehmen einen Kontext. Größere Unternehmen schenken dem Trend ebenfalls Beachtung mit Banken, die Geschäftszweige in Coworking-Räumen eröffnen, um neue Startups zu unterstützen (und an sich zu reißen). Der neue Filialleiter wird jetzt “Dee” genannt, trägt kurze Hosen und hat immer einen Knopf seiner Kopfhörer im Ohr. Er ist jetzt cool.

Hub Zürich work space (image by visualpun.ch [CC BY-SA 2.0] via flickr)
The Hub, Zürich

Aber es hört hier nicht auf. Einige Großbanken bieten nun kostenlose Coworking-Plätze an, um mögliche zukünftige Inhaber in Next-Generation-Einrichtungen abzuchecken.

“Werden wir bald eine eigene Coworking-Marke von Starbucks sehen?”

Der alternde Coffeeshop muss jetzt liefern, richtig? Sie müssen kämpfen, um Colin, den hungrigen Bereichsleiter mit dem grauen Anzug und dem Dell-Laptop, in den eigenen Reihen zu halten. Ich habe gelesen, dass einige Coworking-Arbeitsplätze lokal mit Kaffee-Ketten zusammenarbeiten, aber werden wir bald Plätze von einer Starbucks-eigenen Coworking-Marke sehen? Oder so etwas wie “Costa Co-work”? Mit Sicherheit werden sie, wenn der Trend ins Rollen kommt, mit einem wesentlich größeren Schluck aus ihren Kaffeebehältern antworten.

Andererseits setzen immer noch viele Eigentümer auf das altbekannte Modell “gewartete Büroräume”, ergänzt durch buchbare Meeting-Räume, graue Teppiche und Sessel aus schwarzem Leder. Ernsthaft jetzt?

Serviced Office (image by Ted Eytan [CC BY-SA 2.0] via flickr
Traditionelle Büroräume: Bitte erschießt mich.

“…aber das ist der Preis, wenn man erstmal abwartet: Man verpasst den Moment.”

Vor zwei oder drei Jahren habe ich einem großen gewerblichen Eigentümer ein Coworking-Modell vorgestellt. Ich schlug vor, dass die Trennwände entfernt werden sollten, dass das Erdgeschoss entfernt werden sollte, um die Deckenhöhe zu vergrößern, und dass die Räumlichkeiten gleichzeitig von der Straße besser zu sehen sein müssten. Entfernt die buchbaren (also: leeren) Meetingräume mit den 16 Stühlen zu Gunsten offener Räume, die flexibel für mehrere Zwecke ausgelegt und IT-unterstützt sind. Baut eine Kaffee-Bar mit Hockern, weichen Sitzgelegenheiten und Kaffeetischen. Macht das Licht weicher. Fügt Orte für das Selbststudium und einen offenen Meetingbereich hinzu. Der Projektmanager mochte diese Ideen, aber der Direktor würgte ab. Sie vertagten die Entscheidung und letztendlich gab es keinerlei Fortschritt zu verzeichnen. Jetzt versuchen sie mit der Coworking-Invasion Schritt zu halten. Aber das ist der Preis, wenn man erstmal abwartet: Man verpasst den Moment.

Ich warte mit gespannter Erwartung und frage mich, wer den ersten Schritt (weltweiten Ausmaßes) wagt. Wird ein großes Kaffeehaus eine Coworking-Firma aufkaufen oder einen Mitbeteiligungs-Deal erzielen? Ist das vielleicht sogar schon passiert und ich habe nichts davon mitbekommen? Was ist mit anderen Lebensmittel- und Getränkeketten wie Pret a Manger in Großbritannien oder (aktuell unter Druck) McDonalds – werden sie reagieren? Wird sich ein großer Büroraumvermieter seines verstaubten Images entledigen und ein innovatives Coworking-Modell enthüllen? Wie dem auch sei, ein paar Unternehmen sollten aufwachen und am Co-Kaffee schnuppern.

Dieser Artikel erschien zuerst auf “Furniture Strategist”. Übersetzung mit freundlicher Genehmigung des Autors.


Teaser & Image “The Hub Islington” by Impact Hub Global Network (CC BY-SA 2.0)


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Ben Capper

Ben Capper

ist Blogger und Berater für Inneneinrichtung. Er war fast 20 Jahre lang für das britische Einrichtungshaus Ralph Capper Interiors tätig. Er vermittelte Firmen wie Fritz Hansen, USM Haller und Vitra an Manchester United, die Rothschild-Bank, Flughäfen und Universitäten. Zur Zeit lebt er in der Schweiz und arbeitet an verschiedenen Projekten zum Thema Design.

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