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Rücken-Fitnesstracker: 8sense sorgt für bessere Haltung

Rücken (adapted)(Image by whitesession [CC0 Public Domain] via Pixabay)

Mit dem Wearable 8sense möchten die Gründer Ralf Seeland und Christoph Tischner die Rücken-Gesundheit in den Fokus stellen. Immer mehr Arbeitnehmer sitzen den ganzen Tag an ihrem Schreibtisch. Häufig wird nicht auf die richtige Haltung geachtet, was Rückenschmerzen zur Volkskrankheit Nummer 1 macht. Rund 20 Millionen Deutsche besuchen den Arzt jährlich. Das kleine Gadget 8Sense soll nach seiner Kickstarter-Finanzierung Fehler korrigieren und dazu motivieren, auf das Rückgrat Wert zu legen.

Sitzen wird gesünder

Wer kennt es nicht: Der Rücken schmerzt, weil der Bürostuhl nicht der bequemste ist und man selbst nicht darauf achtet, die Wirbelsäule gerade zu halten? Dieses Problem möchte 8sense lösen. Vibrationshinweise erinnern den Träger daran, dass der Rücken neu ausgerichtet werden möchte. Der kleine Plastik-Chip ist seit etwas mehr als einem Jahr in Entwicklung und wurde von den zwei Gründern wegen unterschiedlichen Rückenproblemen ins Leben gerufen: Ralf Seeland hatte aufgrund seiner Bürotätigkeit Schmerzen, Christoph Tischner fielen beim Sport Bewegungsdefizite auf. Eine Lösung für eine gesündere Rückenhaltung musste her. Sie entwickelten gemeinsam 8sense.

Das Produkt soll eine Art Fitnesstracker sein – aber nicht auf Basis von gelaufenen Schritten, Etagen oder anderen Kennzahlen, was normale Tracker festhalten. Vielmehr stellt 8sense quantitative Bewegungen, Inaktivitätszeiten und Haltung der Rückenmuskeln dar. Per App lassen sich die Daten auswerten, durch kleine Tutorials sollen die Träger ihre Wirbelsäule besser verstehen und sich im Laufe der Zeit verbessern.

8sense wird nicht als Armband genutzt, sondern in den Kragen deines Hemdes oder T-Shirts geklemmt. Das erfordert ein wenig Übung, da du nicht genau siehst, was du überhaupt tust. Später dauert die Befestigung nur wenige Sekunden. Laut den Entwicklern sei 8sense so unauffällig, dass der Prototyp schon mal aus Versehen mit nach Hause genommen wurde: Dem Träger war einfach nicht bewusst, dass der Tracker noch an der Kleidung angebracht sei.

„Die alte Rückenschule ist nicht mehr aktuell“

Das Ziel von 8sense ist nicht, den Tragenden darauf hinzweisen, dass der Rücken krumm ist und die Haltung auf eine komplett gerade Wirbelsäule korrigiert werden müsse. Das war zwar lange Zeit die Meinung der Schulmedizin. Inzwischen wenden sich viele Orthopäden von diesem Modell ab, so 8sense: Sinnvoller sei es, einfach eine neue Position einzunehmen. „Die nächste Position ist die Beste“, sagt Maximilian Ziegler, der für das Marketing des Startups zuständig ist. Eine dauerhafte Bewegung sei sinnvoller als eine komplett gerade Rückenhaltung. Ein guter Bürostuhl ist trotzdem nicht unabdingbar, um passende Grundvoraussetzungen zu haben.

Solltest du zu lange inaktiv sein, gibt es ausgehend vom 8sense-Clip eine kurze Vibration, die dich an eine Neuausrichtung des Rückens erinnert. Dabei ist es dir selbst überlassen, ob du dich nach vorne beugst, die Rückenlehne nutzt oder dich ganz gerade hinsetzt.

Es bleibt aber nicht bei den einfachen Vibrationshinweisen: In der App, die für iOS und Android verfügbar sein wird, sind Minispiele eingebaut. Gamification hilft vielerorts und steigert die Bereitschaft, wirklich etwas an seinen Gewohnheiten zu ändern – das zeigen Studien: Nicht nur entsteht ein Wettkampf, in dem man wahlweise sich selbst oder seine Freunde schlägt. Gleichzeitig entwickelt sich ein Normalitätsgefühl. Dazu lockt noch der Spielspaß.

In der App selbst sind zum Launch mindestens zwei Spiele zu finden: Eine Art Pong und BreakOut. Bei beiden kannst du per Rückenbewegung den waagerechten Schläger nach rechts und links bewegen. Das funktioniert per Bluetooth-Verbindung mit dem Smartphone nahezu in Echtzeit und macht bei einem ersten Test schon Spaß. Der sogenannte „Daily Coach“ soll vor allem kurzfristig bei Rückenproblemen und der Findung neuer Sitzpositionen helfen.

Mehr als nur Kontrolle

Auch richtige Fitness-Übungen sollen in die App implementiert werden: So sollen etwa Übungen, die aus dem Yoga-Umfeld bekannt sind, auswertbar werden. Der Prototyp der Anwendung unterstützt 80 verschiedene Übungen, die quantitativ und qualitativ analysiert werden. Es soll auch möglich sein, dass der Physiotherapeut per „Expertenschnittstelle“ ein optimales Trainingsprogramm für dich erstellt.

Durch diese vielen Funktionen qualifiziert sich 8sense auch als Gadget, welches man längerfristiger tragen kann: Die ständige Kontrolle der Rückenhaltung geschieht irgendwann im Unterbewusstsein. Richtige Sportübungen mit Support des Clips, der als Trainer und Kontrolleur fungiert, sind aber sinnig.

Kickstarter-Finanzierung ab dem 24. Oktober

Von der Nutzung des Trackers profitierst letzten Endes nicht nur du, auch die Gesellschaft hat Vorteile: Insgesamt gibt es einen wirtschaftlichen Schaden von fast 50 Milliarden Euro pro Jahr. Weniger Individuen, die über Rückenschmerzen klagen, würden Krankenkassen entlasten und krankheitsbedingte Ausfälle verringern.

Noch ist 8sense nur ein interner Prototyp, der von den Entwicklern bereits aktiv genutzt wird. Wirklich erhältlich ist das Produkt erst ab der ersten Hälfte des nächsten Jahres: Die Kickstarter-Kampagne des 8sense startet am 24. Oktober. Das Team rund um das Gadget will mindestens 40.000 Euro einsammeln, um den Rücken-Tracker zu finanzieren. Im Verkauf soll der Tracker im Nachhinein 119 Euro kosten, für die ersten Unterstützer ist das Produkt für 79 Euro erhältlich.


Image (adapted) „Rücken“ by whitesession [CC0 Public Domain]


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Willkommen im Coworking Space der Zukunft: Zu Besuch im Epicenter Stockholm

Epicenter (Image by Epicenter)

„Willkommen im Epicenter, dem Büro der Zukunft!“ Mit einem breiten Lachen begrüßt Patrick Mesterton neue Besucher in Schwedens angesagtestem Coworking Space mitten in Stockholm. Man merkt, dass er eigentlich noch hinzufügen möchte: „Willkommen im besten Coworking Space der Welt!“ Als einer der drei Gründer des Epicenters ist Patrick Mesterton sichtlich stolz auf das, was er und seine Mitstreiter in zwei Jahren auf die Beine gestellt haben.

Transformation, Erneuerung, Zukunft

Schwedens erstes „Digital House of Innovation“ nennen sie ihren Coworking-Space. Tatsächlich verwandelten die Gründer, inspiriert vom Silicon Valley, in kürzester Zeit ein marodes Bankgebäude in einem ehemaligen Rotlichtviertel in einen modernen Hub für Startups, führende Tech-Firmen sowie Freelancer und digitale Nomaden aus aller Welt. Transformation, Erneuerung und Zukunft sind die Grundpfeiler der Epicenter-Philosophie und sollen so dazu beitragen, dass Schweden zur „Kreativhauptstadt der Welt“ wird.

Innenhof (Image by Marinela Potor)
Innenhof des Epicenters (Credit by Marinela Potor)

„Als wir das Epicenter im Januar 2015 eröffnet haben, waren wir innerhalb von zwei Wochen komplett ausgebucht“, erzählt Patrick Mesterton beim Netzpiloten-Besuch vor Ort. Und das will schon etwas heißen. Immerhin erstreckt sich das Epicenter auf rund 30.000 Quadratmeter und bietet Büroräume auf einer Fläche von 12.000 Quadratmeter. Aktuell hat das Epicenter mehr als 3.000 Mitglieder. Denn Miete zahlt hier keiner, die Räume werden über Mitgliedschaftsraten verrechnet. Es gibt von offenen Lounges bis zu 3.000 Quadratmeter großen Privatbüros viele verschiedene Arbeitsmöglichkeiten. Im Prinzip ist dabei jeder, der hier von seinem Laptop aus arbeiten möchte, willkommen.

Nun ja, fast jeder. Denn für Unternehmen ist es mittlerweile schwierig geworden, im heiß umschwärmten Epicenter noch Büroräume zu bekommen. Das liegt auch ein wenig daran, dass es für Unternehmen einfach als „cool“ gilt, hier ein Büro zu haben – und als Wettbewerbsvorteil beim heißen Kampf um die klügsten Köpfe gesehen wird. So müssen Mitglieder sich tatsächlich bewerben – und vom Epicenter angenommen werden.

„So wollen wir sicherstellen, dass wir wirklich nur den besten Mix aus Startups und etablierten Konzernen unter einem Dach haben. Denn es bringt ja nichts, wenn du nur Gründer in einem Coworking Space hast, die zwar tolle Ideen haben, aber sich finanziell nicht helfen können. Oder nur große Konzerne, denen die frischen Ideen ausgehen“, erklärt Patrick Mesterton den Bewerbungsprozess.

Das Rezept scheint aufzugehen, im Epicenter sitzen Unternehmen wie Spotify, Google und Microsoft, aber auch junge Startups wie das Smart-Lock-Unternehmen Glue oder Zoundio, eine Gitarrenapp, die auf künstlicher Intelligenz basiert, oder auch Splay, Schwedens größtes YouTube-Netzwerk.

Motto (Image by Marinela Potor)
Motto (Credit by Marinela Potor)

Innovation an jeder Ecke

Doch es sind nicht nur die Unternehmen, die für das kreative Ambiente sorgen. Es ist auch die Aufmachung des Coworking Spaces, die an jeder Ecke beinahe aufdringlich „Innovation“ schreit. Der 24-Stunden-Zugang zum Space oder die schicken Tablets, die als Türschilder dienen, sind dabei noch das Langweiligste, was man hier sieht.

So steht im großen Innenhof des Epicenters eine von Samsung entwickelte ADHS-Box, in der Coworker selbst erleben können, wie Menschen mit Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung die Welt erleben. „Eine Störung, die übrigens sehr viele Gründer haben“, sagt Patrick Mesterton und meint das ganz ernst. Dann gibt es auch noch Telepräsenz-Roboter, mit denen Anrufe entgegengenommen werden können und ein robotischer Automat verkauft Smoothies auf Bestellung.

Seit Kurzem können Nutzer mit unter der Haut implantierten RFID-Chips Türen öffnen und Getränkeautomaten bedienen.

Biochip (Image by Marinela Potor)
Patrick Mesterton ordert ein Getränk per Chipimplantat: Credit by Marinela Potor

Menschen, die zu Cyborgs werden? Im Epicenter liegt das, was viele als Biohacker-Spinnerei abtun, voll im Trend. So kommen viele Epicenter-Mitglieder begeistert zu den regelmäßigen „Chip n‘ Beer After Work“ Sessisons.

Gesunde Körpern und rege Geister

Es ist aber nicht nur die Technologie, die für neue Ideen bei den Coworkern sorgen soll. Das Epicenter scheint eine ausgeprägte „mens sana in corpore sano“ Mentalität zu haben. Tatsächlich sehen alle Coworker hier erstaunlich fit und gesund aus. Das mag eben auch an den vielfältigen Gesundheits-, Fitness- und Sportangeboten liegen.

Es gibt Yoga-Klassen, Massageexperten, ein Fitnessstudio und das – selbstredend gesundheitsbewusste – Restaurant im Coworking-Space wird von Jens Dolk geleitet, einem der bekanntesten kulinarischen Experten des Landes, der sich aktuell stark gegen die Verschwendung von Essen einsetzt.

Die Epicenter-Gründer sind mit jeder Erneuerung stets bemüht, dem futuristischen Ansatz ihres Coworking Spaces treu zu bleiben. So wird gerade in der „Orangerie“ ein weiteres Restaurant gebaut, zu dem auch Nicht-Mitglieder Zutritt bekommen sollen.

Dahinter steckt aber mehr als lediglich eine neue Einnahmequelle, erklärt Mesterton. „Diese Gäste können unseren Coworkern und Unternehmen sozusagen als Quelle für Konsumerforschung nutzen.“ Marketingforschung an lebenden Laborratten sozusagen. Wer sich Chipimplantate unter die Haut stechen lässt und Biohacker-Frühstücke schmeißt, findet das natürlich gar nicht seltsam.

Der Erfolg spricht fürs Epicenter. Bereits im kommenden Jahr möchten die Gründer expandieren. Im September 2018 soll das nächste Epicenter in Helsinki eröffnet werden.


Image „Epicenter“ by Epicenter


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Die neuen Work-At-Home-Mütter: Innovatives Arbeitsmodell oder Stress pur?

kid-1520705_1920 (Image by LiudmilaKot [CC0 Public Domain], via Pixabay)

Katja Cragle ist eine hochaktive Frau. Sie ist engagiert, leidenschaftlich und macht alles mit viel Herzblut. Sie arbeitet Vollzeit für eine belgische Werbefirma und wenn im Job mal „die Bude brennt“, wie sie es nennt, steht sie schon mit dem Feuerlöscher daneben. Doch Katja Cragle ist auch Vollzeit-Mama. Ihr dreijähriger Sohn Emil ist ihr täglicher Sonnenschein. Beides gehört zu ihrem Leben dazu und die Frage ob Kind oder Karriere hat sie sich so nie gestellt. Als Alleinverdienerin war für Cragle schon immer klar, dass sie beides miteinander verbinden musste. Ihre Lösung: arbeiten im Homeoffice als Work-At-Home-Mama.

Homeoffice für Eltern? Nicht in Deutschland

Die WAHM, wie sie in den USA genannt werden, sind in Deutschland ein neues und vor allem seltenes Phänomen. Nach einer Studie des Instituts für Demoskopie Allensbach vom Herbst 2015 arbeiten gerade einmal 6 Prozent der Eltern in Deutschland im Homeoffice, die Mehrheit davon (59 Prozent) sind interessanterweise Männer, obwohl sich 56 Prozent der berufstätigen Mütter wünschen, von zu Hause aus zu arbeiten.

Katja Cragle (Image by Katja Cragle)
Katja Cragle (Image by Katja Cragle)

Katja Cragle kennt es fast gar nicht anders. Seit 2009 ist ihr Büro in ihrem Haus. Damals lebte sie allerdings noch in den USA, wo es ihrer Meinung nach eine offenere Einstellung zum Homeoffice gibt als hierzulande, wie sie gegenüber den Netzpiloten erklärt. „Es ist in den USA einfacher von zu Hause aus zu arbeiten, weil es dort viel normaler ist. Auch hatte ich den Eindruck, dass es dort sehr viel selbstverständlicher war, sich digital zu unterhalten. Alles wurde über Chat erledigt, selbst wenn der Kollege nur fünf Meter weiter saß.“ Auch glaubte dort niemand, dass sie zu Hause nur faul auf dem Sofa herumlag – ein Vorwurf, mit dem die meisten Heimarbeiter in Deutschland konfrontiert werden.

Bei einer Umfrage des Bundesministeriums für Arbeit unter Beschäftigten und Betrieben in Deutschland bewerteten viele Arbeitgeber das Homeoffice-Modell als negativ. Arbeit und Freizeit würden demnach zu stark miteinander vermischt. Die Sorge: Angestellte lassen sich zu sehr ablenken. Das ist tatsächlich eine Gefahr für das Arbeiten von Zuhause, gerade für Mütter, die neben Kind und Job auch noch den Haushalt schmeißen. Denn während Mütter so einerseits Familienleben und Job besser miteinander in Einklang bringen können, liegt genau darin auch eine Gefahr. Jedoch arbeiten Work-At-Home-Mütter nicht weniger, wie Arbeitgeber vermuten, sondern eher zu viel. Menschen, die von zu Hause aus arbeiten, tendieren nämlich nach Einschätzung des Bundesministeriums für Arbeit grundsätzlich dazu, mehr Überstunden zu machen als Angestellte mit einem typischen Bürojob.

„Ich war durch meine Arbeit zu Hause gespalten“

Diese Erfahrung hat auch Claudia V. gemacht. Die Münchnerin, die ihren vollen Namen nicht nennen möchte, hat rund sechs Jahre im Homeoffice gearbeitet, von der Geburt ihres Sohnes bis nach der Einschulung. Als Selbständige wollte sie dabei sowohl 150 Prozent im Job geben als auch viel Zeit mit ihrer Familie verbringen. Denn das ist ja schließlich auch die Erwartungshaltung an das Arbeitsmodell ‚Homeoffice‘. Das war aber ein Spagat, der ihr nur selten gelang. „Ich war durch meine Arbeit zu Hause ständig zwischen Haushalt, Familie und Job hin- und hergerissen, da sich alles an einem Ort abspielte. Sprich, ich rief spät noch Kunden an, schrieb Angebote, wenn mein Sohn und sogar mein Mann zu Hause waren und verhielt mich manchmal unfair ihnen gegenüber, da ich nicht ansprechbar war, wenn ich Druck hatte. Sie waren im Entspannungs-Modus und ich wollte mein Pensum durchboxen und das bestmögliche für meine Arbeit rausholen.“

Das angeblich entspannte und flexible Arbeiten von zu Hause wurde für sie so zum reinen Stressfaktor. Während ihr Sohn in der Schule war, versuchte sie so viel wie möglich im Haushalt vorzubereiten und dabei die wichtigsten Punkte auf ihrer beruflichen Agenda abzuarbeiten. Blieb etwas liegen, wenn ihr Sohn mittags nach Hause kam, wurde dies zur Belastung, da sie einerseits Zeit mit ihrem Kind verbringen wollte, andererseits aber nie völlig vom Job abschalten konnte. „Wenn die Kinder noch Babys oder kleiner sind, mag das ja mit dem Homeoffice eine Zeit lang klappen, aber sobald sie aktiver werden, wird es sehr schwierig“, sagt sie.

Eine Tagesmutter oder Haushaltshilfe hätte sie natürlich entlasten können. Doch das hätte einen guten Teil ihrer Einnahmen wieder aufgefressen. So hat sich Claudia V. vor zwei Monaten dazu entschieden, ihr Homeoffice dicht zu machen und sitzt seitdem wieder als klassische Angestellte im Büro. Rein rechnerisch verbringt sie dadurch zwar weniger Zeit mit ihrem Sohn und ihrem Mann, doch die Zeit, die sie gemeinsam mit der Familie hat, ist dann wenigstens zu 100 Prozent Freizeit.

Wenn die Kinder zu Hause sind, kann man das Arbeiten vergessen

Dieses Dilemma kennt auch die Webentwicklerin Katrin Härtl aus Hürth bei Köln. Sie hat zwei Töchter, die gerade im Kindergarten- und Kitaalter sind. Zum Arbeiten kommt auch sie nur, wenn die beiden aus dem Haus sind, erzählt sie im Netzpiloten-Gespräch: „Wenn die beiden zu Hause sind oder Ferien haben, kann ich das Arbeiten eigentlich vergessen. Denn dann kommen meine Töchter alle zehn Minuten zu mir, damit ich den Klebestift halte oder die Legosteine auseinander baue.“ Dennoch ist das Work-At-Home-Modell für sie ideal. Sie spart sich die nervige Pendelei und kann ohne Ablenkung von Kollegen fokussiert an ihren Projekten arbeiten. Ihr Tag sieht so aus, dass sie am Morgen arbeitet und am Nachmittag und Abend Zeit für ihre Familie hat. Möglicherweise kann sie besser abschalten als Claudia V., weil sie nicht selbständig ist, sondern als Angestellte mit festen Zeiten für ein Unternehmen arbeitet.

Dennoch, zu schaffen und zu genießen ist dieses Wechselspiel zwischen Job und Familie eigentlich nur durch gute Organisation, glaubt Härtl. Auch Katja Cragle beteuert, dass es ohne einen durchstrukturierten Tag nicht gehen würde. Ihr Tag ist von der morgendlichen Fahrt zum Kindergarten über das Mittagessen um 13 Uhr am Schreibtisch bis hin zur Arbeit am Abend bis ins kleinste Detail durchgeplant.

Doch nicht nur die zeitliche Organisation, auch die räumliche Trennung von Familie und Arbeit ist dabei sehr wichtig. So ist ein Raum in Cragles Kölner Wohnung auch ganz bewusst ihr Büro. „Dort arbeite ich dann ganz normal am Schreibtisch und habe, wie auch in einem ?richtigen? Büro, meinen Laptop mit einem externen Monitor und externer Tastatur, Telefon und Drucker, um die Arbeit gut erledigen zu können. Abends, wenn Emil wieder zu Hause ist, schließe ich mich dann sogar im Büro ein, damit er nicht andauernd hereinkommt. Er versteht aber, dass das Mamas Arbeitsplatz ist.“

Brauchen wir ein Homeoffice-Gesetz?

Wenig Verständnis bei den deutschen Arbeitgebern, Überstunden und der ständige Wechsel zwischen Arbeit und Familie – ist das Work-At-Home-Modell für Mütter überhaupt erstrebenswert? „Jein“, findet Katrin Härtl, die auch für die SPD im Hürther Stadtrat sitzt, „ein gesetzlich festgeschriebenes Modell zum Homeoffice wie etwa in Holland halte ich für schwierig“, sagt sie. Denn zu sehr unterscheiden sich die individuellen Situationen von arbeitenden Müttern, um dies in einem Gesetz für festhalten zu können.

Begrüßenswert wäre es aber sicherlich, wenn mehr Mütter tatsächlich die Wahl zu so einer Arbeitsform und auch eine bessere Infrastruktur zur Kinderbetreuung hätten. Dann kann das Modell für Mütter und Karrierefrauen wie auch bei Katja Cragle voll aufgehen: „Wenn ich zwischen meiner Arbeit Emil einfach nur mal fest in den Arm nehmen kann, dann ist die Welt wieder in Ordnung.“


Image „„kid-1520705_1920““ by LuidmilaKot (CC0 Public Domain)


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20 Jahre Forschung im Fraunhofer-Institut: Über die Zukunft der Arbeitswelt

Das Fraunhofer-Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation (IAO) feiert Geburtstag. Seit 1996 hat das Institut zusammen mit Partnern aus der Wirtschaft das Verbundforschungsprojekt Office 21 vorangetrieben. Die zentrale Frage war und ist dabei stets: Wie sieht die Zukunft unserer Arbeitswelt aus? Um diese Entwicklungen nicht nur in wissenschaftlichen Publikationen sichtbar, sondern auch tatsächlich erlebbar zu machen, wurde 1998 das Informations- und Demonstrationszentrum Office Innovation Center in Stuttgart gegründet.

Damit haben wir erstmals nicht nur ein Demonstrationszentrum für die Präsentation neuer Konzepte und Produkte zum Thema Bürogestaltung geschaffen, sondern auch eine Spielwiese, um die Tauglichkeit innovativer Bürolösungen im Detail zu evaluieren und weiter zu entwickeln“, sagt Professor Wilhelm Bauer, Initiator des Projekts und Leiter des IAO. Seit seinen Anfängen versucht das IAO damit am Puls der Zeit zu sein und Arbeitsszenarien der Zukunft zu erdenken. Hier ein Überblick über Meilensteine aus 20 Jahren IAO-Forschung.

2000: Von der Industriegesellschaft ins Wissenszeitalter

Die Zeit der Industriegesellschaft ist vorbei – wir befinden uns auf dem Weg ins Wissenszeitalter.  Mit dieser Prognose legt die erste Forschungsarbeit von Office 21 den Grundstein für den Weg in die digitale Ära. Die Autoren Hans-Jörg Bullinger, Wilhelm Bauer, Peter Kern und Stephan Zinser diagnostizieren in ihrer Publikation ‚Büroarbeit in der dotcom-Gesellschaft gestalten‘ einen Umschwung in der Arbeitswelt. Kohle und Stahl sind von gestern, die Rohstoffe der Zukunft heißen nun Wissen und Information. Kreativität löst das Fließband als Produktivitätsfaktor ab.

Damit werden auch Angestellte von isolierten Einheiten zu „Knowledge-Workern“,  die sich wie Nomaden in Netzwerken bewegen. Ihre neue Heimat ist ein Büro mit stetem und schnellen Zugang zu Wissen und Information. In ‚Büroarbeit in der dotcom-Gesellschaft gestalten‘ geben die Autoren Tipps für Unternehmen, wie sie diesen Wandel kreativ mitgestalten können – und wie ein Büro für den Wissensnomaden im neuen Jahrtausend aussehen könnte.

2003: Der Mitarbeiter als wichtigste Ressource

Der Faktor Mensch rückt in den Mittelpunkt der Arbeitswelt. Dies ist die zweite große Prognose, die das IAO macht. ‚Mehr Leistung in innovativen Arbeitswelten‘ lautet der Titel des Handbuchs, mit dem das Institut sich vor allem an Unternehmen richtet. Diese finden hier praktische Hilfen und erprobte Praktiken, um Mitarbeiter in Unternehmen zu motivieren. Dahinter steckt die Erkenntnis, dass der Mensch zur wichtigsten Ressource in Unternehmen geworden ist. Allein die Motivation, das Wissen und die Kreativität der Mitarbeiter entscheidet über Erfolg und Produktivität des Unternehmens. Das bedeutet auch, dass die Bedürfnisse der Mitarbeiter ernst genommen werden müssen. Ein netter Firmenwagen reicht dabei als Belohnung nicht mehr aus. Mitarbeiter fordern mehr Flexibilität, mehr Gestaltungsraum und mehr Entscheidungsfreiheit im Job.

„Change Management“ lautet das Zauberwort, das Office 21 in seiner zweiten großen Publikation vorantreiben möchte. Ausgelöst von neuen Büroformen, von bahnbrechenden Fortschritten in der Informations- und Kommunikationstechnologie und dem Wissen um den „Erfolgsfaktor“ Mensch, müssen Unternehmen umdenken. Wer in der Arbeitswelt der Zukunft erfolgreich sein möchte, muss demnach den „Wohlfühlfaktor Mensch“ ins Zentrum setzen.

2010: Büros werden grün

Unternehmen wollen nachhaltige Arbeitsplätze schaffen. In einem weiteren Meilenstein ihrer Büroforschung stellen die Wissenschaftler des IAO fest: „Es bestehen noch enorme Ausschöpfungspotenziale, um die ökologische Nachhaltigkeit im Unternehmen und in der Büroarbeit zu steigern.“ In ihrer Studie ‚Green Office‘ haben die Forscher deutsche Unternehmen nach ihren Vorstellungen zu nachhaltigen Arbeitsräumen befragt. Dabei antworten 42 Prozent der befragten Unternehmen, dass ihnen umweltfreundliche und ressourcenschonende Technologien sehr wichtig seien.

Das zeigt einen Wandel von rein profitorientierten zu ökologisch engagierten Unternehmen. Der Arbeitsort wird damit auch zu einem sozialen Ort. Mitarbeiter und auch Kunden ist es nicht mehr egal, wo sie arbeiten und welche Produkte sie kaufen. Der bewusste Konsument und Mitarbeiter will genau wissen, welchen gesellschaftlichen Beitrag ein Unternehmen leistet. Das entscheidet oft über den Kauf eines Produkts oder die Mitarbeit in einer Firma.

Wir identifizieren uns mehr mit unserer Arbeit und verlangen deshalb auch mehr Engagement von Unternehmen. Die Prognose für den Arbeitsplatz der Zukunft im Jahr 2010 war also sozial engagiert und ökologisch.

2012: Visionäre Arbeitswelten

Wie sieht unsere Zukunft in zehn Jahren aus? Dieser Frage gehen die Forscher im Office 21 in ihrer Studie ‚Arbeitswelten 4.0 – Wie wir morgen arbeiten und leben‘ nach. Die klare Vision: Unsere Welt wird digitaler. Das wirkt sich nicht nur auf unsere Arbeit aus, sondern auch auf unser digitales Selbst. Unser Erscheinungsbild im Netz ist unsere zukünftige Visitenkarte. Die Forscher sprechen von einer „digitalen Aura“.

Eine weitere Prognose ist die Dominanz von Cloud-Technologien. Unsere mobilen Technologien versorgen sich selbst mit Informationen. Je nachdem, wo wir uns befinden und wer wir sind, werden wir permanent mit für uns relevanten Infos versorgt. Auch wenn das für manche ein wenig zu stark an „Minority Report“ erinnert, sprechen die Forscher optimistisch davon, wie alles „nahtlos und drahtlos“ laufen wird.

Darüberhinaus gehen die Wissenschaftler voraus, dass ältere Arbeitnehmer weiterhin aktiv sein werden – gerade im Berufsleben. Ihr Know-how gilt demnach als wichtige Ressource für Unternehmen. Auch der Arbeitsplatz verändert sich: In zehn Jahren haben wir keine steifen Großraumbüros mehr, unser Schreibtisch ist dynamisch, arbeitsfreundlich und auf jeden Mitarbeiter individuell abgestimmt. Willkommen in der Arbeitswelt der Zukunft!

2014: Das Büro wird zum Coworking Space

Nachdem die Forschung des Office 21 sich sehr intensiv mit der Entwicklung des Büroraums beschäftigt hat, stellen die Forscher einen völlig neuen Trend fest: Weg vom klassischen Schreibtisch, hin zum gemeinsamen Arbeiten im Coworking Space. In ihrer Publikation ‚Faszination Coworking‘ gehen die Forscher auf das Erfolgsmodell Coworking ein.

Gerade die Offenheit solcher Arbeitsräume und die lose Organisation zieht immer mehr Unternehmen und Freelancer in Gemeinschaftsbüros. Hier scheint sich der Trend nach mehr Entfaltungsspielraum wiederzufinden. Arbeitnehmer können ihre Arbeitszeiten individueller gestalten und sich viel dynamischer mit Kollegen austauschen. Doch nicht nur das – gerade der Austausch mit branchenfremden Coworkern scheint die Kreativität in ganz neue Bahnen zu lenken. Es entstehen neue Businesskonzepte und ungeahnte Kooperationen. Der Coworking Space wird so zur kreativen Bastelstube der Arbeitswelt.

2016: Der Abschied vom Papier

In ihrer aktuellen Untersuchung ‚Digitales Arbeiten. Motive und Wirkungen papierarmer Arbeitsweisen‘ widmen sich die IAO-Forscher einem neuen Zukunftsthema, dem papierlosen Büro. Besonders im Augenmerk sind dabei die Zusammenhänge zwischen digitalem oder papiergestütztem Arbeiten und persönlicher Leistung. Also: Sind wir erfolgreicher, wenn wir alles mit Stift auf Papier notieren und Dokumente ausdrucken oder arbeiten wir produktiver, wenn unsere Notizen und Informationen digital bleiben?

Mit diesem Thema ist das Office 21 erneut einem Trend auf der Spur. Denn immer mehr Unternehmen haben die Vorteile des papierlosen Büros erkannt. Sie sparen damit nicht nur Druckkosten und schonen die Umwelt. Digitales Abspeichern von Informationen spart auch Zeit. Mitarbeiter können so ganz einfach und jederzeit per Cloud-Technologie auf Informationen zugreifen – von überall. So bleibt das Wissen in Unternehmen auch viel länger erhalten und ist für alle zugänglich. Die Forscher sind sich sicher: Das papierlose Büro kommt. Die Frage ist nur noch, wann es soweit ist.

Office 21-Forschung: Rückblick und Zukunftsperspektive zugleich

In 20 Jahren hat das Fraunhofer-Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation die Entwicklung unserer Arbeitswelt sehr genau erforscht und dabei wichtige Zukunftstrends ausgemacht. Doch gerade auch im Rückblick lässt sich daran erkennen, wie wir langsam aber sicher den Wandel von der Industriegesellschaft zur digitalen Gesellschaft vollziehen.

Der Trend zur Wissensgesellschaft, die Digitalisierung unserer Welt und die Entwicklung von neuen Arbeitsformen sind dabei nur einige neue Trends in unserer Arbeitswelt. Die Forschung des IAO ist und bleibt damit auch weiterhin ein spannendes Barometer unserer aktuellen und zukünftigen Arbeitswelt.


Image “office” by Unsplash (CC0 Public Domain)


 

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Warum glückliche Mitarbeiter besser arbeiten

paperclip-image-by-succo-cc0-public-domain-via-pixabay

Stephanie Greenstreet startet ihren Arbeitstag oft mit einer Yogastunde. Danach gratuliert sie vielleicht einem Kollegen zum neuen Baby und überreicht ihm einen Strampler. Nach dem Mittagessen mit Kollegen gönnt sie sich dann oft ein Eis und einen Spaziergang im Park. Danach schaut sie sich möglicherweise eine neue Produktpräsentation an, um den Arbeitstag dann gemütlich mit Kollegen bei einem Bierchen ausklingen zu lassen.

Stephanie Greenstreet ist Feelgood Managerin bei der Wissenschaftsplattform ResearchGate. Ihre ganz offizielle Arbeitsbeschreibung ist es, ihre Teamkollegen bei Laune zu halten. So klingt es auch eher nach Bespaßung als nach Arbeit, wenn Greenstreet gegenüber den Netzpiloten ihre Aufgaben beschreibt:

„Ich helfe neuen Kollegen dabei, sich einzugewöhnen und organisiere verschiedene kleinere und größere Teamevents, wie beispielsweise unsere Yogaklasse, unsere Weihnachtspartys, Stammtische oder Unternehmensmarathons, in denen wir alle laufen gehen. Kurz gesagt, ich arbeite mit unserem Geschäftsführer Ijad Madisch daran, eine positive Unternehmenskultur zu schaffen.“

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Ijad Madisch and Stephanie Greenstreet (image by Stephanie Greenstreet)

Wohlfühl-Manager gibt es in Deutschland erst seit wenigen Jahren. Doch viele Unternehmen haben erkannt, dass sie in Zeiten von Fachkräftemangel und Rekordunzufriedenheit im Job, ihre Mitarbeiter bei der Stange halten müssen. Interessanterweise zeigen Umfragen, dass Angestellte dabei nicht mehr so viel Wert auf das Materielle legen. In ihrem aktuellen Praxispapier zum Performance Management stellt die Deutsche Gesellschaft für Personalführung fest, dass den neuen Arbeitnehmern der Generation Y Selbständigkeit und Flexibilität wichtiger sind als Geld. Mitarbeiter wollen also keinen Dienstwagen oder ein Büro mit Aussicht, sie wollen Erfüllung im Job und Spaß bei der Arbeit.

Frustfaktor Großraumbüros

Feelgood Manager sind dabei ein Weg,  um ein gutes Betriebsklima zu schaffen. Andere Firmen wiederum sollten sich auf die Architektur konzentrieren. So hat beispielsweise eine Umfrage des Schweizer Sekretariats für Wirtschaft, SECO, ergeben, dass die bei Unternehmen so beliebten Großraumbüros das Betriebsklima stark belasten können, wenn die Angestellten zu wenig Raum, schlechtes Licht oder mangelnde Belüftung vorfinden.

Anstatt sich auf die Arbeit zu konzentrieren und jeden Morgen freudig ins Büro zu gehen, sind Mitarbeiter frustriert, weil sie ständig den Lärm der Schnellstraße hören oder dem Kollegen fast auf dem Schoß sitzen.

Gerade Lärm ist oft ein Faktor der unterschätzt wird. So schätzt etwa Markus Meis, Forscher für das Hörzentrum der Universität Oldenburg, dass die Leistungsfähigkeit von Mitarbeitern durch Bürolärm um fünf bis zehn Prozent sinken kann. Das muss nicht unbedingt der Baulärm vor dem Büro sein, auch laute Gespräche von Mitarbeitern sind große Stressfaktoren. Denn Lärm löst eine Kette von negativen Reaktionen im Körper aus: Der Blutdruck kann steigen, manche bekommen Kopfschmerzen, andere wiederum leiden unter Muskelverspannungen oder Magenschmerzen. Diese Belastung kann oft schon mit mehr Raum zwischen den Schreibtischen erheblich verbessert werden.

Auch schlechtes Licht im Büro kann dazu führen, dass Mitarbeiter deprimiert werden. Wer ständig unter Halogenlampen arbeitet und kaum natürliches Licht sieht, fühlt sich bei der Arbeit schnell wie im Dauerwinter. Das Ergebnis: Die Mitarbeiter sind unmotiviert, schlecht gelaunt und suchen wahrscheinlich in ihrer Arbeitszeit nach einem neuen Job. Wenn Unternehmen also beim Einrichten der Büros sparen oder auf diese Details nicht achten, wandern ihnen die Mitarbeiter sehr schnell ab.

SECO hat deshalb in seinem Report auch ausführliche Guidelines zusammengestellt, um selbst in den verhassten Großraumbüros so etwas wie eine gemütliche Arbeitsatmosphäre zu schaffen. Dazu gehören eine vernünftige Belüftung, viel natürliches Licht, gute Lärmisolation, viel Platz zwischen Arbeitsstationen und Farbe an den Wänden.

Glückliche Mitarbeiter sind offener und kreativer

All das mag vielen Unternehmen ein wenig übertrieben vorkommen, aber glückliche Mitarbeiter sind enorm wichtig für einen Betrieb. Nicht nur, weil sie gerne zur Arbeit kommen und sich engagieren, sondern auch weil sie bessere Entscheidungen für das Unternehmen treffen.

In einer Studie für das Journal of Consumer Psychology hat Alice M. Isen gezeigt, dass zufriedene Mitarbeiter Informationen anders im Gehirn verarbeiten als ihre frustrierten Kollegen. Demnach treffen glückliche Angestellte sorgfältigere, effizientere, flexiblere und innovativere Entscheidungen. Wer mehr positiven Affekt im Job bekommt, geht nach Isen weniger unkalkulierbare Risiken ein, setzt sich aber auch viel mehr ein und denkt öfter um die Ecke und kommt so auf völlig neue Ideen. Glücklichsein spornt also offensichtlich unsere Kreativität an.

Und nicht nur das! Isen hat auch herausgefunden, dass zufriedene Mitarbeiter offener an ihre Arbeit herangehen: Sie sind weniger arrogant und begegnen anderen Menschen mit mehr Toleranz. „Sie haben nicht unbedingt weniger Vorurteile als andere Menschen,“ schreibt Isen in ihrer Studie, „aber sie gehen offener an Situationen heran und lassen auch andere Meinungen und Einstellungen schneller zu.“ Auch das führt natürlich dazu, dass Mitarbeiter zu kreativeren Lösungen kommen. Positiv gestimmte Mitarbeiter wirken sich laut Isen auch auf die Kundenzufriedenheit aus. Wer glücklicher ist, geht auch viel freundlicher an andere Menschen heran – und wer zuvorkommend behandelt wird, ist am Ende viel zufriedener mit dem Service.

Gemeinsames Lachen verbessert die Arbeitsstimmung

Doch wie bekommt man es hin, dass Mitarbeiter glücklich sind? Es reicht sicher nicht, ein nettes Büro einzurichten und einen Feelgood Manager hinzustellen. Der Schlüssel zu einem tollen Betriebsklima ist das gemeinsame Spaßhaben. Zusammen lachen macht glücklich, auch bei der Arbeit. Schon 1988 zeigte ein Forscherteam um Fritz Strack, dass Lächeln gute Laune macht. Demnach ist es dem Gehirn offenbar egal, ob wir wirklich lächeln oder uns ein Lächeln aufzwingen. Sobald wir unsere Lippen nach oben schieben, wird dem Gehirn signalisiert, dass wir glücklich sind und es werden automatisch Glückshormone freigesetzt.

Lächeln lässt uns offensichtlich auch besser lernen. Psychologin Kristy A. Nielson hat beispielsweise festgestellt, dass wir uns Dinge besser merken können, wenn wir bis spätestens 30 Minuten nach dem Aufnehmen der Information lächeln.

Das ist auch im Büro nicht anders. So zeigen die Wissenschaftler Adrian Gostick und Scott Christopher in einem Artikel zu den psychologischen Vorteilen von Humor auf, wie hilfreich Lachen bei der Arbeit sein kann. Wer öfter lacht, ist demzufolge seltener müde und kann so schneller, effizienter und produktiver arbeiten. Je humorvoller die Atmosphäre bei der Arbeit, desto glücklicher und produktiver sind die Mitarbeiter. Denn Humor verbindet und entkrampft.

Vorsicht vor zu viel guter Laune

Doch Vorsicht! Nicht immer ist gute Stimmung auch gut für das Arbeitsklima. Wer immer nur auf gut Wetter macht und dabei Konflikte vermeidet, tut sich langfristig keinen Gefallen. Die Wissenschaftler Dirk Lindenbaum und Peter J. Jordan behaupten deshalb, dass schlechte Laune ab und zu auch sehr hilfreich für das Betriebsklima sein kann. Ihre Studien haben nämlich gezeigt, dass einige Mitarbeiter nach einer konstruktiven Kritik tatsächlich besser arbeiten, als wenn sie immer nur gelobt werden. Nach Lindenbaum und Jordan fördert Kritik nämlich die Diskussionskultur. Damit sind Mitarbeiter motivierter, zu sagen, was ihnen nicht passt. Anstatt also immer zu behaupten, alles sei in Butter, kann so Kritik tatsächlich zu Verbesserungen führen. Manchmal muss man offensichtlich also die schlechte Laune einfach mal herauslassen.


Image „Paperclips“ by succo (CC0 Public Domain)


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FollowUs – Die Netzpiloten-Tipps aus Blogs & Mags

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  • SAMSUNG n-tv: Samsung macht Beteiligungen zu Geld: Nachdem Samsung den großen Rückschlag mit dem Note 7 hatte, verkauften sie auf einen Schlag zahlreiche wertvolle Beteiligungen. Der Rückruf des Note 7 dürfte mehrere Milliarden Dollar kosten und das ist, selbst für einen Riesenkonzern, sehr viel Geld. Das Unternehmen verkaufte den Angaben zufolge seinen Anteil von 4,5 Prozent am Speicher-Spezialisten Rambus und die Beteiligung von 0,7 Prozent am japanischen Elektronik-Anbieter Sharp.
  • SNAPCHAT HORIZONT: So arbeitet die Snapchat-Agentur: Wer wollte nicht schon immer wissen wie es bei einem Großkonzern hinter den Kulissen aussieht? Im Interview mit Paul Marcum erfährt man Wissenswertes. Er ist Chef der Content-Agentur Truffle Pig, an der neben Snapchat auch die weltgrößte Werbeholding WPP beteiligt ist.
  • LINUX heise online: Linux 4.8 bringt neue Treiber und verbessert die Sicherheit: Das am 3. Oktober erwartete Linux 4.8 bringt zahlreiche neue und überarbeitete Treiber, durch die der Kernel 500 weitere Geräte oder Geräteklassen unterstützt. Linus Torvalds hat bei der Freigabe der neuesten Vorabversion angekündigt, wahrscheinlich noch eine weitere veröffentlichen zu wollen. Die Entwicklung der neuen Version wird daher wahrscheinlich nicht neun Wochen dauern, wie zuletzt üblich, sondern zehn.
  • SKYPE t3n: Skype macht Office in London dicht: 400 Mitarbeiter könnten Job verlieren: Nach der Brexit Abstimmung schließt Microsoft das Skype-Büro in London. Insgesamt streicht Microsoft 2850 Stellen. Bereits im Juli hat Microsoft angekündigt, dass sie 2850 Mitarbeiter in einem Zeitraum von 12 Monaten entlassen wollen. Gegenüber Fortune meinte Microsoft, dass sie versuchen, denen unter die Arme zu greifen, die von den Entlassungen betroffen sind.
  • SMARTWATCH golem: Samsungs Gear S3 wird günstiger als erwartet: Die neue Smartwatch Gear S3 kommt voraussichtlich zu einem geringeren Preis auf den Markt als bisher vermutet. Alle großen Händler verlangen 50 Euro weniger als zunächst angegeben. Nachdem Media Markt und Saturn vor zwei Wochen die Uhr zum Vorbestellen ins Sortiment genommen hatten, wurde noch ein Preis von 450 Euro verlangt. Mittlerweile ist der Preis für die Smartwatch, lange vor dem Verkaufsstart bei allen Onlinehändlern, auf 400 Euro gesunken. Verkaufsstart ist der 15. November 2016.
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Wieso das Weltraumwetter ein Risiko für die Finanzindustrie darstellt

Comet landing Kometenlandung (adapted) (Image by DLR German Aerospace Center [CC BY 2.0] via flickr)

Die üblichen Risikos in der Finanzbranche – Zinssatzänderungen, Wechselkursschwankungen oder einfach das Ergebnis eines nicht verpflichtenden Referendums – sind weithin bekannt. Aber es gibt noch einen anderen Faktor, der das Bankwesen und Investmentfonds beeinflussen kann, ein Faktor dessen sich die meisten von uns wenig bewusst sind: das „Weltraumwetter“. Die Konsequenz daraus, dass man in der Nähe eines dynamischen Sterns wie der Sonne wohnt, sind – abgesehen davon, dass sie unseren Planeten auf genau der richtigen Temperatur hält, damit dieser existieren kann – die Eruptionen und die Explosionen, die sie verursacht. Dies kann Störungen im magnetischen Feld der Erde und der Atmosphäre bewirken, was wiederum Störungen bei einer weiten Spanne von technologischen Systemen, auf die sich die Gesellschaft verlässt,  hervorrufen kann. Das bezieht auch die Technologie ein, die die Finanzindustrie nutzt. Im 19. Jahrhundert war es das Telegraphensystem, das betroffen war. Das System erfuhr Störungen während seines Betriebes und es gab ein Feuer im Büro, als das Equipment anfing, während starker Wetterstürme im All Funken zu sprühen. Seit damals hat sich unsere Techniknutzung verstärkt. Im Ergebnis kann das Weltraumwetter noch mehr Schaden anrichten. Schienenwege, Elektrizitätsnetzwerke und der Funkverkehr sind alle anfällig gegenüber dem Weltraumwetter. Und die Ankunft des Raumzeitalters, in dem wir mehr und mehr von Satelliten für alle Formen der Kommunikation abhängig sind, hat das Problem noch aktueller werden lassen. Das Problem wurde erneut akut, als die Erde einen geomagnetischen Sturm erlebte, der dazu führte, dass das Stromnetz in Hydro-Québec, Kanada, starke Spannungsschwankungen erfuhr. Das löste das Schutzsystem des Stromnetzes aus und führte dazu, dass das gesamte Netzwerk in weniger als 2 Minuten abgeschaltet wurde. Einige Millionen Menschen waren so ohne Strom und das Ganze kostete die Wirtschaft sechs Milliarden Kanadische Dollar. Eindeutig gibt es Risiken für Investment- und Vertriebsbanken, Wechselstuben, Investmentfonds und Versicherungs- und Immobilienfirmen – die alle auf Systeme angewiesen sind, die empfindlich gegenüber dem Weltraumwetter sind. Um zu verstehen, wie genau sich die Risiken manifestieren, haben sich Weltraumwetter-Experten mit Experten des Finanzsektors getroffen. Aus diesen Gesprächen erwuchs eine Einsicht darüber, wie viele Bereiche des Geschäfts genau betroffen sein könnten. Ein neuer Bericht zeigt auf, wo dieser Einfluss spürbar sein kann und schlägt Leitlinien vor, wie Unternehmen Widerstandsfähigkeit erlangen können, wenn es zur Bedrohung durch das Weltraumwetter kommt.

Die Risiken verstehen

Der Ursprung des Weltraumwetters liegt in der Atmosphäre der Sonne, die starke Winde erzeugt, große Ausbrüche von Strahlung, inklusive Röntgen- und UV-Strahlung (Sonneneruptionen) und Eruptionen von elektrisch aufgeladenem Gas und einem magnetischen Feld (koronaler Massenauswurf). Die erste Sonneneruption konnte vor mehr als 100 Jahren, im Jahr 1859, beobachtet werden. Die Entdeckung von koronalen Massenauswürfen erfolgte viel später in den späten 1970er Jahren. Gleichzeitig mit dem Emittieren von Licht und Hitze rasen die Röntgenstrahlen, hochenergetische Partikel mit einem magnetischen Feld, zur Erde und stören das magnetische Feld der Erde. Außerdem sorgen sie – neben der Entstehung von wunderschönen Polarlichtern – dort für elektrische Ströme, wo man sie möglicherweise nicht haben will. Die Lektionen, die wir aus dem Hydro-Québec-Sturm und der Dysfunktion der Satelliten über die Jahrzehnte gelernt haben, haben uns geholfen, die Gefahrenstufe, die vom Weltraumwetter ausgeht, zu verstehen und auch gezeigt, wie wir die Effekte abwehren können. Die Länder umfassenden Netze werden so konstruiert, dass sie widerstandsfähiger sind. Es werden täglich Vorhersagen für das Weltraumwetter der kommenden Stunden und Tage ausgegeben. Der erste Schritt in Richtung Entschärfung der Effekte des Weltraumwetter ist es, den Überblick darüber zu behalten. Ganz grundsätzlich wird für die verschiedenen Systeme, die gebraucht werden, um finanziellen Handel profitabler und unsere persönlichen Finanzen Schritt für Schritt papierlos werden zu lassen, eine ständige und ununterbrochene Stromversorgung gebraucht. Während mancher extremer Weltraumwettersituationen können aber Schauer durch hochenergetische Partikel und die Strahlung von Sonneneruptionen Schlüsselsysteme beeinträchtigen. Dies kann die Verarbeitung der extrem hohen Datenvolumen der Transaktionen behindern – die Übertragung von Aktien, Anteilen oder Geld zum Beispiel. Das synchronisierte Timing der Transaktionen ist unerlässlich und der Zeitstempel kommt oft von globalen Positioniersatelliten, deren Signale durch das Weltraumwetter beeinträchtigt werden können. Noch grundsätzlicher kann das Weltraumwetter auch den Flugverkehr beeinflussen, also eine zunehmend normale Funktion vieler Unternehmen. Die Unterbrechung, die das Wetter im Funkverkehr hervorrufen kann, kann dazu führen, dass Flüge unterbrochen, umgeleitet oder sogar gestrichen werden. Jetzt, wo die Anfälligkeiten identifiziert worden sind, kann eine Reihe von Lösungen entwickelt werden. Die Unternehmen haben Krisenmanagementteams vor Ort und auch das Weltraumwetter kann vorhergesehen werden. Interne Übungen können ausgeführt werden, um herauszufinden, welche Auswirkungen des Weltraumwetters für jedes einzelne Unternehmen hat. Die Prozesse können dementsprechend aufgebaut oder erweitert werden. Keine Panik also wegen des Weltraumwetters. Aber wir sollten trotzdem nicht vergessen, wie sehr es unsere Aktivitäten und die Technik, auf die wir uns täglich verlassen, beeinflussen kann. Dieser Artikel erschien zuerst auf „The Conversation“ unter CC BY-ND 4.0. Übersetzung mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.


Image (adapted) „Comet landing / Kometenlandung“ by DLR German Aerospace Center (CC BY 2.0)


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Zeitgeist Technik: „Sie haben Post!“– Wer braucht denn heute noch E-Mails?

email (image by philippechazal[CC0 Public Domain] via Pixabay)

Das Internet der frühen Neunziger und seine berühmteste Erfindung, die E-Mail, hat einen Sound. Ich meine nicht das ohrenbetäubende Modem-Piepen, sondern den Klang der kühlen Frauenstimme, wie sie standfest verkündet: „Sie haben Post!“. Als das Internet bei uns so richtig durchstartete – das war damals, als noch kostenlose Installations-CDs von AOL oder CompuServe verteilt wurden wie geschnitten Brot – hatte jeder, den ich kannte, so ein elektronisches Postfach und die Frauenstimme war das Synonym für die Zukunft der Kommunikation.

Die E-Mail stellte eine der revolutionärsten Ideen dar, die das 21. Jahrhundert kommunikationsgeschichtlich hervorgebracht hat: Jederzeit und überall Nachrichten empfangen und senden, weltweit, sekundenschnell und ohne Wartezeit.

Trotzdem gibt es seit einigen Jahren immer wieder Experten, die den endgültigen Untergang der E-Mail prophezeien. Aber wieso eigentlich? Was ist an der einst so guten Idee plötzlich schlecht?

Komplett ausgestorben: Die Mail als persönlicher Briefkontakt

In den Anfangszeiten der Kommunikation über das Internet hatte ich eine Art E-Mail-Freundschaft mit einem Gleichgesinnten. Wir lernten uns in einem rege besuchten Musikforum kennen und tauschten uns aus. Bald reichte das Forum nicht mehr aus und wir schrieben uns E-Mails – sehr, sehr lange E-Mails. Seine Mails waren tatsächlich so lang, dass meine damals noch begrenzte Internetzeit (damals noch reglementiert durch Minutentaktung und Aufzeichnen der Internetzeit ins Muttiheft) rasch zur Neige ging, wenn ich seine Gedanken online verfolgen wollte. Ich musste also bald zu einer eher bei meinen Großeltern bewährten Praxis greifen und die E-Mail ausdrucken, um sie in Ruhe lesen zu können.

Einige dieser Briefe, denn nichts anderes waren sie eigentlich, habe ich heute noch – was ich von den wenigsten anderen E-Mails behaupten könnte, die ich seitdem bekommen habe. Doch bei ihm war es anders. Das Antwort-Prozedere war mindestens ebenso langwierig, schliesslich sollte die Antwort keine mal eben schnell hingeworfene Nachricht, sondern etwas „Richtiges“ sein. Heute muss ich über den Gedanken eher schmunzeln, denn der Umgang mit der elektronischen Post hat sich heute völlig geändert.

Was aus dem Freund geworden ist, weiss ich leider nicht. Irgendwann wurde uns das Geschreibe wohl einfach zu mühsam und der Kontakt schlief ein. Und das sind E-Mails für mich heute eigentlich am Ehesten: mühsam. Die Bedeutung des blinkenden Briefumschlages wandelte sich mit der Zeit, von einer frohen Erwartung wurde es langsam Alltag, bis fast nur noch Spam das Postfach verstopfte.

Extra einloggen? Ist mir zu umständlich!

Dabei sind E-Mails eigentlich so viel praktischer als die sozialen Medien: man muss nicht einmal miteinander „befreundet“ sein, um sich Nachrichten schicken zu können, sondern kann sich ganz einfach und ohne große Ankündigung Texte und Anhänge schicken, verabreden, informieren – eben alles, was Kommunizieren im Netz heute so kann. Aber nutzt heute noch jemand ausschließlich E-Mails? Irgendwo in meiner Wohnung habe ich einen Zettel herumliegen, auf dem alle meine Mailadressen stehen. Die Passworte kann ich mir schon länger nicht mehr merken. Und wozu auch? Meine Freunde erreiche ich viel bequemer per App – und kann hier spontan alles schicken, was ich auch per Mail geschickt hätte. Und hier kann ich sicher sein: sie lesen es sofort.

Denn nach der E-Mail kamen andere Dienste, über die ich schneller – und ja, leider auch unkonzentrierter – kommuniziere: Ich schreibe mit Freunden in Gruppenchats bei WhatsApp, einen Großteil meines Arbeitsalltags bestreite ich mithilfe der Dienste Skype oder Slack, und immer sind mehrere Personen beteiligt.

Zwar schicken wir uns selten mehr als nur einen Satz, der eigentlich Anweisung ist – oder Emojis. Einen ganzen Abend nur für eine Person nehme ich mir eigentlich nur am Telefon oder wenn wir uns direkt gegenübersitzen. Alles andere ist und bleibt: oberflächlich.

Nur selten nehme ich mir heute die Zeit, in mein privates Mailpostfach zu schauen – dabei habe ich, seit ich das erste Mal im Internetcafé meiner Heimatstadt war, also seit ziemlich genau 17 Jahren, die selbe E-Mail-Adresse, die ich auch heute noch nutze. (Möge der Anbieter noch lange bestehen bleiben!) Man kann mich also durchaus erreichen, wenn man will. Aber dass ich die Nachrichten gespannt und mit voller Aufmerksamkeit lese, ist eher unwahrscheinlich. Denn: Wir haben uns das Aufmerksamsein durch die permanente Erreichbarkeit ziemlich gut abtrainiert.

E-Mail-Schwemme im Büro – gibt es keine andere Lösung?

Wenn ich meinen E-Mail-Account im Büro öffne, werde ich oft als erstes mit einer Ladung Spam, überflüssiger Kommentare zu bereits geklärten Problemen und jeder Menge Zeug überspült, das gar nicht für mich bestimmt war. Ich bin kurz genervt, scrolle mich durch die größtenteils unwichtigen Nachrichten und wundere mich, wie lange es in traditionellen Strukturen wohl noch dauert, ein System durchzusetzen, mit dem jeder Mitarbeiter nur mit dem ihn betreffenden Thema behelligt wird. Bis dahin lösche ich wohl weiterhin alte Mails.

Laut einer Untersuchung von McKinsey, die bereits aus dem Jahr 2012 stammt, müssen wir uns jeden Tag um durchschnittlich 122 Nachrichten kümmern. Klingt viel? Ist es auch. Ausserdem wirkt sich die mangelhafte Filterung der nicht für uns bestimmten Nachrichten sogar direkt auf unseren Arbeitsalltag aus: „Mehr als zwei Stunden kostet uns das Freischaufeln der Inbox, Tag für Tag neu“ heisst es in der Studie. Seitdem werden es kaum weniger Spam-Mails und fehlgeleitete Nachrichten geworden sein. Die Berechnungen reichen auch in die Zukunft: „Bis 2019 sollen es laut Marktforscher Radicati Group 126 Nachrichten täglich werden, und jede verlangt Aufmerksamkeit, die anderswo verloren geht.“, heisst es zusammenfassend.

Kein Wunder also, dass ich nach Feierabend eher selten Muße habe, mich dem eigenen Postfach zuzuwenden – nachdem das Tagwerk getan ist, schalte ich an manchen Tagen nur ungern noch einmal den Computer an. Und auch in den Firmen soll nach neuen Lösungen gesucht werden, die übersichtlicher und besser zu händeln sind. Denn die Nachrichtenwut hat sich, trotz schwindender Nutzung der klassischen Mailing-Dienste, eigentlich nur verlagert.

Messenger sind die neuen Mails

Für die Gruppen- und Firmenorganisation haben sich in einigen Firmen bereits Chat-artige Messenger wie Slack durchgesetzt. Die Systeme haben einen entscheidenden Vorteil: Alle können die Unterhaltung zeitgleich verfolgen, mitkommentieren und direkt reagieren – so kann nicht nur ein besseres Gruppengefühl geschaffen werden, sondern auch die Arbeitsabläufe werden deutlich effizienter gestaltet.

Das bedeutet zwar das Ende der endlose Kettenmails mit lyrischen Betreff-Betitelungen wie beispielsweise „Re: Fwd: Re: Fwd: LETZTE DURCHSAGE!! Der Letzte räumt die Spülmaschine aus!!“, aber auf die Meisten dieser Nachrichten können wir sicherlich auch verzichten.
Und überhaupt: alberne Witzchen lassen sich im Messenger genauso reißen – so begrüßt mich ein Kollege jeden Tag im Firmenchat in einer neuen, exotischen Sprache, die wir erst einmal erraten (oder ergooglen) müssen. Nicht zu vergessen: die kleinen Bilderrätsel, die man sich per Emoji stellen kann. Man kann schon seinen Spaß haben mit den neuen Diensten.

Bei Messengern mit VoIP-Funktionen wie Skype, Facetime oder WhatsApp kommt noch die bequeme Funktion des Gruppenanrufes hinzu, die man nutzen kann. Manchmal geht, bei aller Digitalität, Besprechen doch einfacher als Tippen. Und ich höre auch meine Kollegen, die oft über die ganze Welt verteilt sind, gern ab und zu persönlich.

DE-Mail und Verschlüsselungen: Eine gute Idee verläuft im Sande

Doch war da nicht vor ein paar Jahren noch was? Gab es nicht mal die Idee, die E-Mail wiederzubeleben? Allerdings! Ein (letztes?) Aufbäumen hat die E-Mail mit der Initiative der Bundesregierung bereits im Jahr 2008 erlebt: Die als besonders sicher beworbene De-Mail sollte dafür sorgen, dass Behördengänge verringert und Dokumente verschlüsselt (auf Wunsch sogar Ende-zu-Ende) versendet werden können. Doch bisher hat sich wenig getan.

Das Unternehmen scheiterte, weil die Deutsche Post mit ihrem ganz ähnlichen Konzept des E-Postbriefes eine entsprechende Gesetzesänderung des Post-Gesetzes verzögerte. Und tatsächlich: bis heute kenne ich niemanden, der je einen E-Postbrief verschickt hat.

Das DE-Mail-Projekt hat sich wohl wegen des langwierigen Zertifizierungsprozesses nicht weiterführend durchgesetzt, auch wenn seit einiger Zeit die zu 1&1 gehörenden Mailanbieter GMX und web.de den Service von verschlüsselten Emails nach erfolgter Akkreditierung anbieten. Keine allzu schlechte Voraussetzung also für eine Verbreitung einer eigentlich sicheren Idee – zumindest sollte man das meinen. Wenn es nicht so umständlich wäre.

Viele dieser Dienste sind zudem kostenpflichtig – soweit ich weiß, nutzt nur ein einziger Mensch in meinem Umfeld den verschlüsselten E-Mail-Dienst Posteo. Mit einem Euro im Monat ist der Dienst zwar ziemlich günstig – aber, werden viele im Stillen denken, wozu brauche ich etwas nur günstig, wenn ich es auch umsonst haben kann?

Verschlüsselung ist die neue Währung?

Bisher sind nur sehr wenige Leute in meinem Umfeld auf den Verschlüsselungszug aufgesprungen. Ein Grund ist sicherlich schlichtweg die Bequemlichkeit, ein anderer die Umstellung – so banal es klingt, der Mensch gewöhnt sich nicht gern an neue Systeme, vor allem dann nicht, wenn er von deren Nutzen nicht sonderlich überzeugt ist.

Ein grundsätzliches Problem bei den traditionellen Mailanbietern hat mein Kollege Sebastian Haselbeck schon vor einigen Monaten kommentiert: Sie sind miteinander nicht kompatibel und daran hat sich noch immer nichts geändert.

Der siebte Tag ist E-Mail-Tag

Stattdessen gibt der Marktführer WhatsApp die bisher garantierte Verschlüsselung auf und verscherbelt seine Daten an die Datenkrake Facebook. Für datenbewusste Nutzer, zu denen auch ich mich zumindest halbwegs zähle, bedeutet das also wieder einmal, auf die Suche nach einem neuen, sicheren, kompatiblen Messenger gehen zu müssen. Die E-Mail als alleiniger Kommunikator fällt dabei aber – wenig überraschend – erneut hinten über. Nachdem ich mich so schnell und intuitiv an WhatsApp und seine Kollegen gewöhnt habe, sieht die Kommunikation per E-Mail noch viel umständlicher und unübersichtlicher aus als ohnehin schon – und eine Gruppenfunktion gibt es hier eben nicht.

Aber behalten wir im Hinterkopf: Nur durch diesen Schritt der Kommunikation konnten sich die Messenger erst entwickeln, deren Vorteil wir jetzt nutzen. Unsere E-Mails können wir ja dann in Ruhe am Wochenende lesen. Übrigens ist auch der Sonntag statistisch gesehen der beste Tag für Newsletter– der Trend setzt sich, trotz aller Unkerei, weiter durch, da lesen die Leute nämlich viel entspannter. Und ich auch. Bis zum Sonntag dann!


Image ”Posteingang” by philippechazal (CC0 Public Domain)


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Macht die Arbeit am Computer krank?

startup (image by StartupStockPhotos[CC BY 1.0] via Pixabay

Sie folgen uns ins Büro, begleiten uns in den Feierabend und leisten uns Gesellschaft im Schlafzimmer: Computer, Laptops, Tablets und Smartphones sind unsere ständigen Begleiter. Egal ob im Job oder in der Freizeit, diese Geräte sind einfach nicht mehr aus unserem Alltag wegzudenken. Doch so hilfreich diese technischen Helfer für uns auch sein mögen, so schädlich sind sie auf Dauer für unseren Körper. Vielen ist gar nicht bewusst, wie sehr sie ihren Körper durch die Dauernutzung von Laptops & Co. belasten.

Augen zu und durch?

Wir verbringen einen Großteil unseres Tages damit auf einen Bildschirm zu starren. Das geht morgens bei der Arbeit los und hört oft erst abends beim Lesen von Artikeln auf dem Tablet auf. Doch da lauert schon die erste Gefahr: Das LED-Licht der Displays stört unsere Augen. Rötungen, Augenschmerzen getrübte oder doppelte Sicht sowie Kopfschmerzen – oft als Computer-Vision-Syndrom zusammengefasst – sind die Folge.

Risiko Augenkrankheiten

Das Risiko auf Augenkrankheiten hängt dabei nicht nur von der Dauer am Bildschirm, sondern auch von dessen Eigenschaften ab. Drei Faktoren beeinflussen, wie sehr unsere Augen vom Display belastetet werden

  1. Die Auflösung

Je nachdem, wie scharf das Bild am Display ist, müssen unsere Augen sich mehr oder weniger anstrengen, um es zu erkennen.

  1. Der Kontrast

Damit ist der Kontrast zwischen den Buchstaben und dem Vergleich im Hintergrund gemeint. Je schwammiger der Unterschied, desto schwieriger ist es für unsere Augen etwas zu erkennen.

  1. Die Helligkeit

Die Stärke des Lichts, das vom Display ausgeht, beeinflusst ebenfalls unsere Augen. Zu grelles Licht kann schmerzen, zu dumpfes Licht strengt an.

Daneben ist auch noch die Schriftgröße wichtig: Je kleiner etwas auf dem Bildschirm erscheint, umso mehr müssen sich unsere Augen anstrengen, um es zu lesen. Auch starke Spiegelungen auf dem Display, besonders intensiv bei Smartphones, belasten die Augen.

Wer seinen Augen mal eine Ruhepause vom Monitorstarren gönnen möchte, dem empfehlen Experten spezielle Augenübungen. Dazu gehört häufigeres Blinzeln. Denn die Augen trocknen durch das konzentrierte Schauen auf den Monitor schneller aus. Blinzeln sorgt dafür, dass sie mehr Flüssigkeit bekommen. Es kann auch gut tun, die Augen eine Weile komplett zu schließen oder die Hände einige Minuten davor zu halten. So können sich die Augen vom Flimmerlicht erholen.

LED-Licht wirkt wie Koffein

Neben dem erhöhten Risiko auf Augenkrankheiten, haben Wissenschaftler noch eine weitere Gefahr in den Displays entdeckt: Sie stören unseren natürlichen Schlafrhythmus. Gerade wenn wir vor dem Schlafengehen noch kurz auf das Smartphone schauen und hier lesen oder chatten, sorgt das LED-Licht am Display dafür, dass unsere Müdigkeit verfliegt. Grund dafür sind möglicherweise die blauen Wellenlängen, die Smartphones oder Tablets ausstrahlen. Unsere Netzhaut scheint besonders empfindlich auf blaue Wellenlängen um 480 Nanometer zu reagieren. Sie signalisieren dem Körper Wachsamkeit. „Eine solche ‚Blaudusche‘ macht uns sehr schnell wach“, erklärt der Leiter des Zentrums für Chronobiologie an der Universität Basel, Christian Cajochen. „Das ist wie ein Koffeineffekt.“

Studien belegen darüber hinaus, dass das häufige Nutzen von Computern am Abend auslaugt. Wissenschaftler der belgischen Universität Leuven befragten über 1600 Schüler zwischen 13 und 17 Jahren zu ihren Smartphone-Gewohnheiten vor dem Zubettgehen. Das Ergebnis: Wer das Handy öfter als einmal pro Woche nutzte, nachdem er das Licht bereits ausgeschaltet hatte, bei dem war die Wahrscheinlichkeit fünfmal so hoch, dass er am nächsten Tag müde war.

Wer also seinen Augen etwas Gutes tun möchte, der sollte vor dem Schlafengehen nicht mehr zum Smartphone greifen. Es gibt zudem Applikationen, die das aggressive LED-Licht speziell für unsere Augen in angenehmere Wellenlängen bringen, und sie so schonen.

Kleines Gerät, große Wirkung: Die Arbeit am Bildschirm belastet uns vom Nacken bis zum Handgelenk

Doch die Augen sind längst nicht der einzige Körperteil, der unter der häufigen Nutzung von Computern, Laptops, Tablets und Smartphones leiden muss. Auch unsere Gelenke, Muskeln und Knochen werden in Mitleidenschaft gezogen.

Repetitive Bewegungen belasten die Gelenke

Das liegt zum einen daran, dass wir vor dem Bildschirm immer wieder die gleichen Bewegungen machen, sei es das Klicken mit der Maus oder das Tippen auf der Tastatur. Doch solche wiederkehrenden Bewegungen belasten unsere Gelenke, Muskeln, Sehnen und Nerven und können im schlimmsten Fall zu den sogenannten Repetitive Stress Injuries (RSI) führen. Der qualvolle Schmerz, den wir im Daumen durch zu häufiges SMS-Tippen verspüren, hat sogar seinen eigenen Namen – De Quervain’s Syndrom. Andere bekannte Folgen sind Sehnenscheidenentzündungen und das Karpaltunnelsyndrom, oft ausgelöst durch Dauertippen sowie die ungesunde Haltung unserer Handgelenke am Laptop.

Wer daher häufig am PC tippt, sollte etwa alle 30 Minuten innehalten und seine Handgelenke kreisförmig drehen. Eine weitere Entspannungsübung ist das breite Ausstrecken aller Finger während die Handgelenke gerade gehalten werden.

Laptop-Nutzer, die häufig in die Tasten hauen, sollten darüber hinaus versuchen, die Tastatur vom Bildschirm zu entkoppeln, zum Beispiel durch einen externen Monitor. Denn die Haltung, die wir beim Tippen am Laptop einnehmen ist durch die Form des Geräts besonders schädlich für unsere Handgelenke.

Touchscreen-User haben zudem noch ein ganz anderes Problem. Studien zeigen, dass wir bis zu achtmal so heftig auf Touchscreens einhauen als auf taktile Tastaturen, weil wir eben kein fühlbares Feedback dafür bekommen, wenn wir eine Taste gedrückt haben. Das belastet die Sehnen und Handgelenke zusätzlich. Wer also viel am Tablet mit einem Touchscreen arbeitet, kann Klickgeräusche als Drück-Bestätigung einstellen oder sein Gerät an eine externe Tastatur anschließen

Nackenschmerzen sind vorprogrammiert

Das Arbeiten am Bildschirm strapaziert schließlich auch unseren Nacken, bis hin zum gesamten Rücken. Denn eine gekrümmte Position über Stunden einzuhalten, ist alles andere als natürlich. Wer am PC vom Schreibtisch aus arbeitet kann diese Haltung immerhin noch körpergerecht gestalten. Schreibtische können heutzutage verstellt werden, genau so wie Stühle – von ergonomischen Sitzgelegenheiten einmal ganz abgesehen.

Wer aber bei flexibleren Geräten wie Laptops, Tablets oder Smartphones eine genau so flexible Haltung einnimmt (beispielsweise auf dem Bauch), tut weder seinem Nacken noch seinem Rücken etwas Gutes. Denn je mehr wir uns verbiegen, um auf den Bildschirm zu schauen, desto stärker beansprucht das unsere Nackenmuskulatur und den Rücken. Tablet-Nutzern wird deshalb geraten das Gerät horizontal zu halten, um so den Nacken zu entlasten. Wer gerne vom Sofa aus arbeitet, sollte immer wieder zurück zum Schreibtisch wechseln. Kurze Sportübungen zwischendurch helfen ebenfalls dabei, die Muskulatur zu entspannen. Das kann von der einfachen Streckung bis hin zum Laptop-Yoga reichen.

Klar ist, wir können uns in den seltensten Fällen weigern, Computer und Smartphones zu benutzen  – selbst wenn wir es wollten. Die beste Vorbeugung gegen die davon ausgehenden Gesundheitsrisiken sind daher wiederholte Arbeitspausen, eine ergonomische Haltung vor dem Bildschirm und Sport.


Image „Startup“ by StartupStockphotos (CC BY 1.0)


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There’s no working like Coworking

The Hub Islington (adapted) (Image by Impact Hub [CC BY-SA 2.0] via flickr)

Den Coffee-Shop-Ketten entsprungen, erobern Coworking-Spaces die Großstädte der Welt. Wer nicht rechtzeitig mitzieht, bleibt schnell auf der Strecke. In den vergangenen Wochen bin ich im Rahmen meiner mobilen Arbeit viel unterwegs gewesen. Ein geliehener Schreibtisch in Zürich, ein Café in Charmonix, ein Hotel in Stockholm, wo ich eine Messe zum Thema Möbel und Licht besucht habe, und dieser Blogpost kommt aus einem alten knarrenden, hölzernen Hotel nahe St. Moritz zu euch. ‚Ben, du hast dich verändert‘, höre ich euch sagen. Vielleicht. Ich habe nun eine kostspielige Croissant- und Koffein-Sucht entwickelt, aber so bin ich nun mal. Ähem.

Ich finde es leicht, unterwegs von praktisch überall aus zu arbeiten, allerdings erkenne ich ebenso den Wert von speziell dafür vorgesehenen Coworking-Arbeitsplätzen für diejenigen ohne festes Büro. Coworking ist ohne Zweifel das Modewort 2015/16 und ist gleichzeitig zum Grundnahrungsmittel für Telearbeiter und Startups geworden.

Aber es ist kein neues Phänomen, es hat sich nur jüngst einen Namen gemacht. Seit Jahren sind Starbucks und Costa-Filialen von Leuten übersät, die in ihre MacBooks vertieft sind. Andere Leute haben sich Büroräume geteilt, Geschäftsräume in Startup-Gründerzentren gepachtet oder Schreibtische von lokalen Unternehmen angemietet. Neu beim Coworking ist, dass der coole, lockere Startup-Style nun auf den Hauptstraßen angekommen ist. Versucht mal, das fünfmal in Folge zu sagen.

Hinzu kommen ausgefallene, nützliche Möbel, schnelles und zuverlässiges Wi-Fi, flexible Mitgliedschaften und unterschiedliche Locations. Verglichen mit den Cafés auf der Hauptstraße lässt sich festhalten, dass die Möhrentorte essenden Großmütter, sowie die schreienden Kleinkinder, heimlich einfach ausgeschlossen wurden. Nicht böse gemeint, aber diese Plätze sind zum Arbeiten da. Zum Coworking.

Urban_Station_Coworking (Image by Jennifer Morrow [CC BY 2.0] via Flickr
Image: (adapted) „Urban Station Coworking Space“ by Jennifer Morrow (CC BY 2.0)

Die Coworking-Welt dreht sich weiter

So verbreitet sich der Trend in unseren Städten. Wir sind nun Zeugen des Wettbewerbs um Marktanteile, während die Großen ihre Asse aus dem Ärmel ziehen, ähnlich wie beim Kampf um Premium-Cafés in den Nullerjahren. Vermieter reißen Zimmerdecken heraus, enthüllen Mauerwerk, bauen Café-Ladentische aus Sperrholz und heuern tätowierte Baristas schneller an, als du fragen kannst: “Ey, wo sind denn hier die Fahrradständer?”. Coworking hat jetzt sogar eine eigene Wikipedia-Definition – es ist ein Name, so bekannt wie Simon Cowell oder Gok Wan. Und schon bald könnte das Wort selbst so irreführend sein wie die beiden letztgenannten.

Voisins Coworking (Image by Manuel Schmalstieg [CC BY 2.0] via Flickr
Image: (adapted) „Voisins Coworking | Cafe — 2014-12-03“ by Manuel Schmalstieg (CC BY 2.0)

Die Leute wollen das produktive, Google-ähnliche Arbeitsumfeld mit trendy Kollegen. Der hochwertige Kaffee, Internetzugang und Adresse sind allesamt potentielle Dealbreaker. Coworker mögen die Routine, “ins Büro zu gehen”. Einzelarbeiter, die es gewohnt sind, von Zuhause aus zu arbeiten, profitieren von einer Umgebung, die einen fokussierten und positiven Ort schafft, an dem inmitten des städtischen Trubels Dinge erledigt werden, mit der zusätzlichen Option, ähnlich-denkende “CEO- und Gründer”-Persönlichkeiten zu treffen.

Betahaus (Image by Harald [ha75] [CC BY 2.0] via Flickr
Image: (adapted) „Betahaus“ by Harald [ha75] (CC BY 2.0)

Viele Coworking-Arbeitsplätze bieten zusätzliche Räumlichkeiten, Mitglieder-Datenbanken, Helpdesks, IT-Fehlerbehebung und Hausmeister-Services an. Manche sogar spezielle Veranstaltungen und Seminare. Gemeinschaften und Netzwerke werden gebildet. Neue Firmen ebenso. Diese Arbeitsplätze geben einer neuen Generation von Koffein-befeuerten Jungunternehmen einen Kontext. Größere Unternehmen schenken dem Trend ebenfalls Beachtung mit Banken, die Geschäftszweige in Coworking-Räumen eröffnen, um neue Startups zu unterstützen (und an sich zu reißen). Der neue Filialleiter wird jetzt “Dee” genannt, trägt kurze Hosen und hat immer einen Knopf seiner Kopfhörer im Ohr. Er ist jetzt cool.

Aber es hört hier nicht auf. Einige Großbanken bieten nun kostenlose Coworking-Plätze an, um mögliche zukünftige Inhaber in Next-Generation-Einrichtungen abzuchecken.

“Werden wir bald eine eigene Coworking-Marke von Starbucks sehen?”

 

Der alternde Coffeeshop muss jetzt liefern, richtig? Sie müssen kämpfen, um Colin, den hungrigen Bereichsleiter mit dem grauen Anzug und dem Dell-Laptop, in den eigenen Reihen zu halten. Ich habe gelesen, dass einige Coworking-Arbeitsplätze lokal mit Kaffee-Ketten zusammenarbeiten, aber werden wir bald Plätze von einer Starbucks-eigenen Coworking-Marke sehen? Oder so etwas wie “Costa Co-work”? Mit Sicherheit werden sie, wenn der Trend ins Rollen kommt, mit einem wesentlich größeren Schluck aus ihren Kaffeebehältern antworten.

Hub Zürich woring_space (Image by visualpun.ch [CC BY 2.0] via Flickr)
Image: (adapted) „Hub Zu?rich work space“ by visualpun.ch (CC BY-SA 2.0)

Andererseits setzen immer noch viele Eigentümer auf das altbekannte Modell “gewartete Büroräume”, ergänzt durch buchbare Meeting-Räume, graue Teppiche und Sessel aus schwarzem Leder. Ernsthaft jetzt?

Serviced Office (Image by Ted Eytan [CC BY 2.0] via Flickr
Image: (adapted) „18f.gsa.gov 42466“ by Ted Eytan (CC BY-SA 2.0)

“…aber das ist der Preis, wenn man erstmal abwartet: Man verpasst den Moment.”

Vor zwei oder drei Jahren habe ich einem großen gewerblichen Eigentümer ein Coworking-Modell vorgestellt. Ich schlug vor, dass die Trennwände entfernt werden sollten, dass das Erdgeschoss entfernt werden sollte, um die Deckenhöhe zu vergrößern, und dass die Räumlichkeiten gleichzeitig von der Straße besser zu sehen sein müssten. Entfernt die buchbaren (also: leeren) Meetingräume mit den 16 Stühlen zu Gunsten offener Räume, die flexibel für mehrere Zwecke ausgelegt und IT-unterstützt sind. Baut eine Kaffee-Bar mit Hockern, weichen Sitzgelegenheiten und Kaffeetischen. Macht das Licht weicher. Fügt Orte für das Selbststudium und einen offenen Meetingbereich hinzu. Der Projektmanager mochte diese Ideen, aber der Direktor würgte ab. Sie vertagten die Entscheidung und letztendlich gab es keinerlei Fortschritt zu verzeichnen. Jetzt versuchen sie mit der Coworking-Invasion Schritt zu halten. Aber das ist der Preis, wenn man erstmal abwartet: Man verpasst den Moment.

Ich warte mit gespannter Erwartung und frage mich, wer den ersten Schritt (weltweiten Ausmaßes) wagt. Wird ein großes Kaffeehaus eine Coworking-Firma aufkaufen oder einen Mitbeteiligungs-Deal erzielen? Ist das vielleicht sogar schon passiert und ich habe nichts davon mitbekommen? Was ist mit anderen Lebensmittel- und Getränkeketten wie Pret a Manger in Großbritannien oder (aktuell unter Druck) McDonalds – werden sie reagieren? Wird sich ein großer Büroraumvermieter seines verstaubten Images entledigen und ein innovatives Coworking-Modell enthüllen? Wie dem auch sei, ein paar Unternehmen sollten aufwachen und am Co-Kaffee schnuppern.

Dieser Artikel erschien zuerst auf “Furniture Strategist”. Übersetzung mit freundlicher Genehmigung des Autors.


Image (adapted) “The Hub Islington” by Impact Hub (CC BY-SA 2.0)


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Linda Kozlowski (Evernote): „Die Idee von Arbeit hat sich verändert“

Linda Kozlowski, Vizepräsidentin von Evernote (Bild: Mirko Lux/Netzpiloten, CC BY 4.0)

Im Interview spricht Linda Kozlowski, Vizepräsidentin von Evernote, über die Veränderungen in der Arbeitswelt und was Evernote in Zukunft sein will. // von Tobias Schwarz

Linda Kozlowski, Vizepräsidentin von Evernote (Bild: Mirko Lux/Netzpiloten, CC BY 4.0)

In den vergangenen Jahren haben neue Technologien die Arbeitswelt wesentlich verändert. Apps sind da keine Ausnahme, besonders da sie uns ermöglich, von überall auf der Welt mobil zusammenzuarbeiten. Ein Beispiel dafür ist die Produktivitäts-App Evernote, eine der bekanntesten Tools, das den Wandel weg vom klassischen ‚Nine-to-Five‘-Job unterstützt. Evernote hat heute mehr als 100 Millionen Nutzer weltweit, 16.000 Unternehmen nutzen Evernote Business. Im Interview erklärt Evernotes Vizepräsidentin Linda Kozlowski wie weit die Transformation der Arbeitswelt schon ist, welchen Platz Evernote im Alltag haben kann und welchen Trends das Unternehmen folgen will. Weiterlesen »

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