Netflix: in Deutschland kein Selbstläufer

Heute startet der Video-on-Demand-Anbieter Netflix in Deutschland. Die Markteinführung wird hierzulande als echte Herausforderung angesehen. Mit rund 50 Millionen Kunden in 40 Ländern ist Netflix der weltgrößte Anbieter für Video-on-Demand-Dienstleistungen (VoD). Ab heute sollen auch bei uns mittelfristig einige Millionen Kunden dazu kommen. Aufgrund der angespannten Wettbewerbslage wird von Unternehmenssprechern ein eher schwieriger Start erwartet. Die Zuschauer werden von der Software an keinem Punkt alleine gelassen. Ständig wird ausgewertet, welches Sehverhalten vorliegt, um den Kunden optimale Vorschläge für weitere Kinofilme und TV-Serien zu machen.

Der Name HBO wurde in Deutschland spätestens mit der Ausstrahlung der Fantasy-Serie “Game of Thrones“ populär. Auch Netflix erlangte in Deutschland zunächst Aufmerksamkeit mit einer selbst produzierten Fernsehserie. In den USA ist das Unternehmen schon weitaus länger bekannt. Dort begann man bereits im Jahr 1997 mit dem Verleih von Videokassetten und verschickte später unzählige DVDs und Blu-Ray Filme an die Abonnenten. Im Jahr 2007 stieg Netflix ins Video-on-Demand-Geschäft ein. 2011 begann das Unternehmen die Produktion eigener Fernsehserien. An den Erfolg des Polit-Thrillers „House of Cards“ mit Kevin Spacey in der Hauptrolle konnte aber bisher keine eigene Serie anknüpfen (Anmerkung: deutsche Netflix-Mitglieder werden sich aber nur die ersten beiden Staffeln von House of Cards auf Netflix anschauen können, da die Rechte für die dritte Staffel an Sky verkauft wurden).

„TV only“ ist nicht zukunftsfähig

Die Konzernleitung begriff sehr früh, dass die Auslieferung der Filme und TV-Serien plattformübergreifend geschehen muss. Netflix streamed auch auf Tablet-PCs, Smartphones und Smart-TVs. Genauso wichtig ist es dem Unternehmen zu wissen, welche Vorlieben bei den Abonnenten bestehen. Mithilfe der ständig weiterentwickelten Algorithmen werden passgenaue Vorschläge gemacht, welche Serien oder Filme für den Kunden als nächstes interessant sein könnten.

Der Hightech-Verband Bitkom stellte in einer aktuellen Studie fest, dass 40 Millionen Deutsche Videos im Netz per Stream konsumieren. Das sind immerhin 73 Prozent aller Surfer. Viele tun dies sogar mehrmals die Woche. Beim Thema Video-on-Demand gibt es aber noch viel Luft nach oben. Nur jeder Fünfte (19 Prozent) nutzt On-Demand-Portale für TV-Serien und Spielfilme wie Watchever, Maxdome oder Amazon Prime Instant Video. Immerhin 17 Prozent aller Nutzer sind grundsätzlich bereit, für Bewegtbilder Geld auszugeben. Die überwältige Mehrheit der deutschen Surfer besucht lieber kostenlose Anbieter wie YouTube, Vimeo & Co.

Trotz der enormen möglichen Wachstumsraten liegen Chance und Gefahr nah beieinander. So hat Konkurrent Amazon kürzlich mit mit Fire TV eine eigene Set-Top-Box vorgestellt. Auch Sky geht momentan in die Offensive. Der Nachfolger von Premiere senkte den monatlichen Beitrag auf den Kampfpreis von lächerlichen vier Euro. Maxdome hat sein Programm um einen Kinderkanal erweitert. Familienmitglieder finden nun unter der Rubrik „Kids“ eine große Auswahl an Kinderfilmen und -serien. Die Erweiterung ist kein Zufall, diese Sparte ist auch eine der Stärken von Netflix.

Netflix: in Deutschland ein Leisetreter

Derweil geistern Gerüchte durch die Medienlandschaft, dass der französische Medienkonzern Vivendi bereits aufgegeben haben soll. Aufgrund hoher Verluste soll der VoD-Anbieter Watchever verkauft werden. Im Vorjahr wurden 66 Millionen Euro Verlust generiert, im ersten Quartal 2014 waren es bereits 21 Millionen Euro. Der enorme Konkurrenzkampf und die schwierigen Bedingungen sind wohl auch der Grund, warum Netflix trotz seiner weltweiten Marktmacht bisher eher wie ein Leisetreter fungiert.

Zunächst wolle sich das Unternehmen lediglich auf die Einführung in Deutschland konzentrieren und Pressekontakte knüpfen, wurde bekannt gegeben. Auch wurden schon erste strategische Partner genannt. Beim Mobilfunk ist Vodafone der Partner der Wahl. Die Festnetzsparte wird von der Deutschen Telekom unterstützt. Derzeit hofft offenbar auch E-Plus mit Netflix ins Geschäft zu kommen.


BuzzFeed hat 12 Fakten über Netflix aufgelistet, die man vielleicht noch nicht alle kannte:


Filmmaterial für 200 Jahre Entertainment

Bei den vorliegenden Statistiken ist das Interesse der Unternehmen nicht weiter verwunderlich, da möchte jeder gerne mitmischen. Das Unternehmen ist 17 Jahre nach seiner Gründung die weltgrößte Online-Videothek mit 50 Millionen Abnehmern aus 40 Nationen. Nach eigenen Angaben verfügt Netflix über 75.000 Serienfolgen und Filme in Form hochauflösender HD-Videos. Bei einer Gesamtlaufzeit von 200 Jahren wird keiner der Abonnenten in die Verlegenheit kommen, auch nur einen Film doppelt anschauen zu müssen. Ob man mit dem vielen Material und Partnern hierzulande auch viel Geld verdienen kann, wird die Zeit zeigen. Zumindest die Zuschauer dürfen sich schon jetzt über die heutige Einführung freuen. Der Neue von drüben sorgt momentan bei allen VoD-Dienstleistern für ein breiteres und preiswerteres Angebot.


Image (adapted) „conclusion: netflix envelopes = tasty!“ by Taro the Shiba Inu (CC BY 2.0)


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Lars Sobiraj

Lars Sobiraj

schrieb von 2000 bis zum Jahr 2002 für mehrere Computerzeitschriften rund 100 Artikel. Von April 2008 bis Oktober 2012 leitete er beim IT-Portal gulli.com die Redaktion als Chefredakteur. Thematische Schwerpunkte der über 1.000 Beiträge sind Datenschutz, Urheberrecht, Netzpolitik, Internet und Technik. Seit Frühjahr 2012 läuft die Video-Interviewreihe DigitalKultur.TV, die er mit dem Kölner Buchautor und Journalisten Moritz Sauer betreut. Seit mehreren Monaten arbeitet Lars Sobiraj auf freiberuflicher Basis bei heute.de, ZDF Hyperland, iRights.info, torial, Dr. Web und vielen weiteren Internet-Portalen und Blogs. Zudem gibt er Datenschutzunterricht für Eltern, Lehrer und Schüler. Mitglied des Netzpiloten Blogger Networks.

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