Mobile Messaging: Das irre Geschäft mit virtuellen Stickern

Auch der Suche nach neuen Einnahmequellen bedienen sich App-Anbieter eines asiatischen Trends: kostenpflichtige Comic-Bildchen zum Verschicken. Die Smartphone-Welt treibt wieder einmal bunte Blüten: In Messaging-Apps rund um den Globus poppen immer öfter kleine Stores für virtuelle Sticker auf. Die von japanischen Mangas inspirierten Bilder werden im kleine Beträge verscherbelt und sollen das Kommunikations-Repertoire von Millionen Smartphone-Nutzern erweitern. In Asien wirft das Phänomen bereits Millioneneinnahmen für die Anbieter ab – aber kann das auch im Westen ein Erfolg werden?


  • In Japan setzt die Messaging-App Line mehr als 10 Mio. Dollar pro Monat mit Stickern um.
  • Auch Facebook und Path wollen virtuelle Comic-Bilder an die Nutzer verkaufen.
  • Der Wunsch nach immer neuen Ausdrucksmöglichkeiten könnte die Geschäftsidee auch im Westen zum Erfolg verhelfen.

Ein kleiner Fuchs, der dem Betrachter mit einem Bierkrug und einem Grinser im Gesicht zuprostet. Ein Häschen im Halloween-Kürbis-Kostüm, das fröhlich zuwinkt. Oder ein Bär, der einem blauen Schmetterling nachjagt. Wer dieser Tage mit Freunden auf der ganzen Welt am Smartphone chattet, der bekommt neben getippten Texten und Emoticons möglicherweise auch digitale Bildchen wie diese zugeschickt. “Sticker” heißen die Comic-Illustrationen in der Fachsprache und sind dafür gedacht, dass Smartphone-Nutzer ihren Gefühle und Geschichten mehr Ausdruck verleihen können als mit Buchstaben und Zeichenkombinationen. So weit, so gut – menschliche Kommunikation im digitalen Zeitalter nimmt die unterschiedlichsten Formen an, denken Sie nur an den kurz gehypten Zufalls-Videochat Chatroulette, das Selfie-Phänomen, Sexting bei Snapchat oder den Phubbing-Trend. Doch das noch Verrücktere an den Stickern ist: Er beschert Internet-Unternehmen in Asien bereits Millionenumsätze und wird nun auch im Silicon Valley als Monetraisierungsmöglichkeit für Mobile Messaging angesehen.

Die südkoreanische Firma Naver, den den höchst erfolgreichen Mobile-Messaging-Dienst Line betreibt, hat kürzlich bekannt gegeben, mit den besagten Stickern pro Monat mehr als zehn Millionen Dollar zu verdienen. Sie verkauft ihren Nutzern, die ihren mehr als 230 Millionen Nutzern etwa 5000 verschiedene Sticker (ein Set mit 40 Stück kostet ca. 1,80 Euro) anbietet. Diese Sticker erinnern natürlich stark an die japanischen Manga-Comics und dürften vor allem einer jungen Zielgruppe gefallen. Line ist heute nicht mehr die einzige App, die virtuelle Comic-Bilder verkauft: Kik (90 Mio. Nutzer, aus Kanada), KakaoTalk (90 Mio. Nutzer, aus Südkorea), WeChat (300 Mio. Nutzer, China), Hike (5 Mio. Nutzer, Indien) oder Viber (200 Mio. Nutzer, Israel) sind mittlerweile ebenfalls in das Geschäft eingestiegen.

Der Trend hat sich natürlich auch bis ins Silicon Valley herumgesprochen. Um den aufstrebenden Messaging-Apps den Wind aus den Segeln zu nehmen – sie graben ordentlich junge Nutzer ab -, hat Facebook ebenfalls einen Online-Shop für Sticker eröffnet. Und das Mobile Social Network Path will ebenfalls mit den Comic-Bildchen Geld verdienen. “These are pieces of art to be used in messaging. They are expressive and fun, and they communicate what words can’t. You can choose what speaks to you, and speaks best on your behalf: a fist bump, over-caffeination, jealousy, big love”, schreibt die Firma im offiziellen Blog. “We’ve given you two free sticker packs designed in-house and we’ve worked with some of our favorite artists, like David Lanham, Hugh MacLeod, and Richard Perez, to create packs that you can buy in the Shop.

Dass gerade auf “Mobile” und “Social” spezialisierte Firmen in dieses für Außenstehende irre erscheinende Geschäft mit den Stickern einsteigen, hat bei näherer Betrachtung gute Gründe. Smartphone-Anwendungen und insbesondere Messaging-Apps lassen sich eher schwer durch Werbung monetarisieren – zu intim ist die Kommunikationssituation, um dort mit Werbebotschaften hinein zu platzen. Deswegen müssen die Anbieter anderswie an Einnahmen kommen – etwa, indem sie virtuelle Güter an die Nutzer verkaufen. Am Desktop hat das eine Zeit lang sehr gut in Facebook-Spielen funktioniert, wo sich Nutzer um Milliarden Dollar digitale Kühe und Traktoren kauften, um bei FarmVille schneller weiter zu kommen – in der mobilen Welt geht es aber eben weniger um Games als vielmehr ums Chatten. Zudem ist mobile Kommunikation stark bildlastig, weil das Tippen auf Touchscreens unterwegs nach wie vor mühsam ist und man mit Fotos schneller und einfacher vorankommt – Instagram lebt stark von diesem Phänomen, die Popularität von Emoticons erklärt sich daraus ebenfalls. Sticker geben dem Nutzer da die Möglichkeit, schnell in einem Bild auszudrücken, was er gerade denkt oder fühlt, ohne einen Schnappschuss machen oder gar schreiben zu müssen. Und dass die Sticker ziemlich kindisch aussehen, ist ob der jungen Nutzerschaft, denen man damit kleine Beträge aus der Tasche ziehen kann, auch nicht verwunderlich.

Spannend wird sein, ob die beiden populären Mobile-Messaging-Dienste WhatsApp und Snapchat ebenfalls auf Sticker setzen werden – immerhin suchen beide Firmen nach Finanzierungsquellen abseits von Werbung, zu deren Zweck Nutzerdaten ausgewertet werden. Und dann ist da noch die Frage, ob die Comic-Bilder im Westen überhaupt ein Renner werden können oder eher nur Nutzern in Asien etwas wert sind. Vieles spricht dagegen – doch an den Erfolg von Auto-Aufklebern, Ansteck-Buttons oder Kaffeetassen mit lustigen Sprüchen haben am Anfang wohl auch die wenigsten geglaubt. Das Bedürfnis des Menschen nach immer neuen Ausdrucksmöglichkeiten ist immerhin nahezu unendlich – da haben ein paar Euro für virtuelle Smartphone-Sticker vielleicht auch Platz.


Image (adapted) „an evening playing ’smartphone‘ pub quiz with the exeter twitterati!“ by Phil Campbell (CC BY 2.0)


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Jakob Steinschaden

Jakob Steinschaden

ist seit 2006 publizistisch auf Papier und Pixel tätig. Er arbeitet in Österreich als Journalist und hat die beiden Sachbücher "Phänomen Facebook - Wie eine Webseite unser Leben auf den Kopf stellt" (2010) und "Digitaler Frühling - Wer das Netz hat, hat die Macht?" (2012) veröffentlicht. In seinem Blog “Jakkse.com” und in Vorträgen schreibt und spricht er gerne über die Menschen und ihr Internet – von Social Media über Mobile Business und Netzpolitik bis zu Start-ups.

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