Phubbing: Wenn man das Smartphone dem Gegenüber vorzieht

Ein junges Phänomen wirft die Frage auf, ob das mobile Internet den Verfall der guten Sitten nach sich zieht. Phubbing – eine neue Wortkreation für ein neues Problem. Das Kunstwort aus „phone“ und „snubbing“ (engl. für „gleichgültig abweisen“) beschreibt ein mittlerweile alltägliches Phänomen, das jeder kennt. Beim Plaudern mit Freunden, Familienmitgliedern, Bekannten oder Geschäftspartnern greift einer plötzlich zum Smartphone, um E-Mails zu checken, mal kurz bei Facebook reinzuschauen oder eine SMS zu lesen – und ignoriert das Gespräch mit dem Gegenüber. Eine Online-Kampagne eines australischen Studenten nutzt das Phubbing-Phänomen geschickt aus, um Aufmerksamkeit zu erzeugen.


  • Das junge Phänomen Phubbing wirft die Frage auf, ob das mobile Internet den Verfall der guten Sitten nach sich zieht.
  • Phubbing wird als Abdriften in die digitale Welt wahrgenommen und von Kritikern als unsozial betrachtet.
  • Ein gegen das Phubbing gerichteter Online-Protest findet allerdings kaum Unterstützer.

Phubbing: snubbing someone in favour of your mobile phone. We’ve all done it: when a conversation gets boring, the urge to check out an interesting person’s twitter/ Facebook/ Youtube/ Pinterest/whatever feed can be overwhelming.” – Urban Dictionary

Wenn ein Begriff in dem englischen Online-Wörterbuch für Slangausdrücke landet, dann kann man davon ausgehen, dass man bald in vielen Medien und vielleicht auch im Duden davon lesen kann. So geschehen im Falle von Phubbing: Dem Kunstwort wurde dieser Tage viel Aufmerksamkeit, immerhin beschreibt es ein Symptom der “Always on”-Gesellschaft, die am mobilen Internet wie am Tropf hängt. In freier Wildbahn beobachtet hat das Phubbing wahrscheinlich schon jeder. Junge Männer in Cafés starren auf ihre mobilen Bildschirme, während ihre Freundinnen unaufhörlich auf sie einreden. Kollegen spielen am Display herum, während der Chef seine einstündige Präsentation herunterbetet. Schwiegersöhne konzentrieren sich beim Familienessen lieber auf ihren Touchscreen als auf die Polit-Analysen von Schwiegervater.

Ob Langeweile, Desinteresse oder einfach nur pure Ignoranz: Viele Smartphone-Nutzer nehmen mittlerweile in Kauf, sich im direkten Gespräch unsozial zu verhalten und in die digitale Parallelwelt am Display abzudriften. Ganz unverständlich ist das Phänomen natürlich nicht: Während der Alltag langweilen kann, gibt es via Smartphone ziemlich viel Spannung auf die Handfläche geliefert. SMS, E-Mails, Facebook, Twitter, Instagram und Dutzende andere Web-Dienste locken mit immer neuem Content zum Vorbeischauen. Eine Studie der österreichischen Internet-Firma Jumio etwa besagt, dass 72 Prozent der US-Amerikaner ihr Smartphone den Großteil der Zeit maximal 1,5 Meter von sich entfernt aufbewahren. Außerdem checken laut Untersuchung 35 Prozent der US-Bürger ihr Smartphone im Kino, 33 Prozent während eines Dinner-Dates, 19 Prozent in der Kirche, 12 Prozent unter der Dusche, und 9 Prozent sogar während dem Sex. Da wundert es kaum, dass auch bei Meetings und Kaffeehaustreffen Mobiltelefone nicht aus der Hand gegeben werden.

Diese Zahlen zeigen deutlich, dass die Verbundenheit zum mobilen Rechner mittlerweile eine Intensität erreicht, hat die man vor ein paar Jahren noch nicht für möglich gehalten hätte„, sagt Karin Hammer, Inhaberin der Digital-Agentur Freie Digitale, die mich auf das Phänomen aufmerksam gemacht hat. „Aus der werblichen Sicht ist das eine eindeutige Aufforderung, ganz besonders im mobilen Bereich mit Inhalten und sinnvollen Features statt mit Banner und platten Sprüchen zu werben„.

Das Phubbing-Phänomen hat jetzt einen australischen Studenten dazu veranlasst, eine Online-Kampagne gegen die Praxis zu starten. Stopphubbing.com von Alex Heigh warnt vor dem „gesellschaftlichen Sittenverfall“ (© Süddeutsche.de), allerdings auf eher humoristische Art und Weise. So behauptet die Kampagnen-Seite augenzwinkernd, dass Phubbing, wenn es eine Plage wäre, China sechs Mal dahinraffen würde. Außerdem kann man gemeine Phubber in einer „Hall Of Shame“ per Foto-Upload öffentlich an den Pranger stellen oder ihnen eine vorgefertigte E-Mail schicken, die auf den zwischenmenschlichen Fauxpas hinweisen. Es gibt sogar Plakate mit Botschaften wie „No Tweeting. No Facebook. No Instagram“, die Restaurants aufhängen sollen, um der Unsitte Einhalt zu gebieten.

Eher mager sieht es mit der Beteiligung beim Online-Voting der Kampagne aus – etwa 3.000 Stimmen wurden abgegeben, die große Mehrheit spricht sich natürlich gegen das Phubbing aus. Auch die zugehörige Facebook-Seite ist mit etwa 6.300 Likes noch kein Knaller, kann dafür immerhin extrem hohe Interaktionsraten aufweisen. „Die Kampagne ist für mich ein Plädoyer zurück zur Kommunikation ohne technische Hilfmittel“ , sagt Marketing-Expertin Hammer. „Wir haben uns alle daran gewöhnt, über Facebook oder andere Tools ständig in Kontakt zu sein und dabei vergessen, dass all diese Dinge niemals (und auch hoffentlich in Zukunft nicht) die Qualität eines direkten Gesprächs erreichen können. Dramatisch formuliert ist das vielleicht der letzte Unterschied zwischen „Freunden“ und „wahren Freunden“.


Image (adapted) „Smartphone chat“ by Lars Plougmann (CC BY-SA 2.0


 

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Jakob Steinschaden

Jakob Steinschaden

ist seit 2006 publizistisch auf Papier und Pixel tätig. Er arbeitet in Österreich als Journalist und hat die beiden Sachbücher "Phänomen Facebook - Wie eine Webseite unser Leben auf den Kopf stellt" (2010) und "Digitaler Frühling - Wer das Netz hat, hat die Macht?" (2012) veröffentlicht. In seinem Blog “Jakkse.com” und in Vorträgen schreibt und spricht er gerne über die Menschen und ihr Internet – von Social Media über Mobile Business und Netzpolitik bis zu Start-ups.

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