Neue Extreme beim Schönheitswahn – Clavicular und das „Looksmaxxing“

Schönheitswahn und damit einhergehende Operationen und Beauty-Trends sind seit eh und je ein Thema – mal mehr, mal weniger wichtig. Ein Blick nach Hollywood und auf Social Media lässt vermuten, dass das Thema aktuell eher wieder an Relevanz gewinnt. Vor allem der Content des aufstrebenden Influencers Clavicular sticht dabei heraus.

Der 20-jährige Amerikaner, bürgerlich Braden Eric Peters, ist im vergangenen Jahr über TikTok, X und Co., im Mainstream-Bewusstsein des Internets angekommen. Clavicular’s Thema Nummer 1 ist das sogenannte “Looksmaxxing” – das Maximieren der eigenen äußerlichen Attraktivität. Der Begriff schwirrt schon seit einigen Jahren in diversen Internet-Foren rum, blieb jedoch immer eher ein Nischen-Thema. Inzwischen hat sich rund um das Looksmaxxing und Clavicular jedoch fast schon eine gewisse Subkultur gebildet, die durchaus auch durch Kontroversen zur Prominenz gekommen ist.

Extreme Methoden der „Selbstverbesserung“

Denn Clavicular macht nicht bei “herkömmlichen” Arten der Schönheits-Optimierung – wie etwa Fitness-Training und Skincare – Halt. Laut eigener Aussage fing er bereits als minderjähriger Teenager damit an, Testosteron zu spritzen. Um harte Diäten durchzuziehen, griff er auf harte Stimulanzien zurück, um seinen Appetit zu unterdrücken. Der ausschlaggebende Beweggrund war dabei nicht etwa der Muskelaufbau, sondern vielmehr der Wunsch nach einer definierteren Gesichstknochenstruktur. Denn gerade diese spielt in Looksmaxxing-Kreisen eine besonders große Rolle. Weitere populäre Methoden um diese zu “maxxen” sind das “Mewing” und das “Bone-Smashing”. Beim Mewing handelt es sich um eine zwar unbewiesene, jedoch nicht direkt gefährliche Methode. Hier wird sich erhofft, durch eine Anpassung der Zungenposition die Ausprägung der Schädelknochen beinflussen zu können. Benannt wurde diese Methode nach ihrem Erfinder – dem britischen Kieferorthopäden Mike Mew, welchem inzwischen die Behandlungslizenz entzogen wurde. 

Beim sogenannten “Bone-Smashing” wird das Ganze jedoch kritischer. Mit Faust oder Hammer wird immer und immer wieder leicht auf die Wangenknochen eingeschlagen. Laut Clavicular soll die daraus resultierende Entzündungsreaktion die Wangenknochen hervorheben und somit ein ästhetischeres Aussehen ermöglichen. Langfristig sollen die ständigen Mikroverletzungen des Wangenknochens außerdem den Effekt einer Knochenvergrößerung bewirken. Ärzte warnen davor, dass hierbei gravierende Schäden und Entstellungen entstehen können. Auch die Verherrlichung und Normalisierung von Steroid-Konsum muss angeprangert werden. Denn gerade im jungen Alter ist mir so etwas nicht zu spaßen. Zwar betont Peters häufig, dass er seinen minderjährigen Zuschauern keinen Steroid-Konsum empfiehlt. Dass Heranwachsende sich eher vom tatsächlich Vorgelebten als vom Vorgesagten inspirieren lassen, ist jedoch auch klar. 

Clavicular’s Zuschauer

Bei solch extremen, gefährlichen und teils absurden Methoden kann man vermuten dass ein gewisser Teil von Clavicular’s immenser Popularität auch durch Zuschauer kommt, welche das ganze eher belächeln und als Entertainment ansehen. Klarerweise gibt es jedoch auch eine große Menge an Zuschauern, die all das tatsächlich glauben und vermutlich auch in Teilen selbst ausüben. Gerade mit diesen tritt Clavicular auch teils in direkteren Kontakt. So veranstaltet er etwa Streams, bei denen sich Fans per Video-Call zuschalten können, um sich höchstpersönlich einen Rat einzuholen. Hierbei scheut sich Peters auch nicht davor, teils auch Minderjährigen dazu zu raten, bereits jetzt mit dem Sparen für gravierende Beauty-Eingriffe, wie Kiefervergrößerungs- oder Beinverlängerungs-Operationen, zu beginnen. Für 49 Dollar im Monat kann man inzwischen auch der privaten Online-Community “Clavicular’s Clan” beitreten, bei der Petersen seine Looksmaxxing-Methoden in Kursen und Zoom-Calls vermittelt. Im Werbevideo wirbt er selber damit, dass sich sein Programm von der Konkurrenz gerade durch die Bereitschaft zu extremen, aber angeblich deutlich effektiveren Methoden abhebt.

Das Weltbild dahinter

Hinter all dem steckt ein radikal aussehensbasiertes Weltbild, das auch Clavicular selbst immer wieder äußert. Er selbst ist der Auffassung, all diese extremen Methoden seien nur die logische Konsequenz des Willens zur Selbstverbesserung. Auch die sogenante Incel-Subkultur, deren Anhängerschaft aus Männern besteht, die unfreiwillig ein erfolgloses Dating-Leben führen, wird immer wieder mit dem Looksmaxxing in Verbindung gebracht. In solchen Kreisen herrscht die Überzeugung, dass die äußerliche Attraktivität eine deutlich größere Rolle spielt, als häufig behauptet wird. Gerade als Mann sei es wichtig, körperlich dominant und maskulin aufzutreten – nur so sei ein erfolgreiches Leben wirklich möglich. Mit Blick auf den Content, das Weltbild und die Zuschauer-Interaktionen wird klar, dass wohl vor allem männliche, einsame Jugendliche auf all das anspringen. Einerseits liefern Influencer wie Clavicular einfache Erklärungen für eigene Missstände, andererseits bieten sie rosige Aussichten, wenn man ihren Tipps folgt. Spätestens durch kürzliche Kollaborationen mit ebenfalls “maskulinitätsfokussierten” Figuren wie Nick Fuentes, Andrew Tate und SNEAKO sowie einem Auftritt bei Piers Morgan hat sich Clavicular auch zunehmend als politisch rechte Stimme auf Social Media dargestellt.

Auch Hollywood legt zu

Auch in Hollywood scheint es, als würden sich immer mehr Stars zu Beauty-Eingriffen entscheiden. Exemplarisch dafür war und ist der Ozempic-Trend – das Missbrauchen eines Diabetes-Medikaments, um unfassbar schnell viel Gewicht zu verlieren. Während radikale Eingriffe unter weiblichen Prominenten schon lange besorgniserregende Geschichten kreirten, scheint all das nun auch zunehmend Männer zu betreffen. Beispielsweise machte der inzwischen 62-jährige Brad Pitt bei seinen letzten öffentlichen Auftritten optisch den Eindruck, eher wieder 20 Jahre jünger geworden zu sein. Eine Wende, wenn man bedenkt, dass männliche Schauspieler bisher häufig gerade in ihren späteren Jahren besonders heiß gehandelt wurden. Hinzu kommt natürlich, dass etwa Botox-Behandlungen darüber funktionieren, die Gesichtsmuskeln gezielt zu lähmen. Da das Schauspiel zu einem großen Teil natürlich durch Mimik funktioniert, sind immer mehr Schauspieler anscheinend der Auffassung, dass ein “nicht ideales” Aussehen ihrer Karriere mehr schadet als eine physische Einschränkung ihrer Schauspielfähigkeit. 

Ausblick

Wie viel vom “Looksmaxxing” und ähnlichen aktuellen Erscheinungen des Schönheitswahns tatsächlich Bestand haben wird und wie viel sich lediglich in die lange Historie absurder Internet-Trends einreihen wird, wird die Zeit zeigen. Was jedoch klar ist: Aktuell haben wohl viele das Gefühl, dass der Druck nach dem perfekten Aussehen steigt. Gerade wenn Personen des öffentlichen Lebens all das vorleben und die Social-Media Startseiten mit operierten und durch digitale Filter nochmals aufgebesserten Gesichtern fluten, verschiebt sich das, was als “normal” empfunden wird. Wie so häufig, sind die Hintergründe von Social Media Trends letzendlich altbekannte Muster – dass sich Teenager Sorgen um ihr Aussehen machen war schließlich auch vor 30 Jahren schon der Fall. Doch durch den digitalen Massenkonsum und das ständige Vernetzt-sein können diese Muster heutzutage deutlich erschreckendere Ausmaße erreichen.

Wie am Fall Clavicular klar wird, sind dann allen voran Heranwachsende für große Versprechungen durch extreme Programme und Methoden besonders anfällig. Die Frage, ob angesichts solcher Trends eine gesetzliche Altersgrenze auf Social Media sinnvoll wäre, haben wir hier behandelt. Ob mit oder ohne Grenze zeigt sich aber wieder einmal: Ein Umdenken bezüglich der Rolle, welche die sozialen Medien in unserer Gesellschaft und im eigenen Alltag spielen soll, ist längst überfällig.


image via ChatGPT (KI-generiert)

studiert Philosophie und VWL. Bei den Netzpiloten verbindet er dies mit seinem Interesse an digitalen Entwicklungen.


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