WhatsApp: Schrecken von Facebook, Albtraum der Mobilfunker

Die Chat-Software entwickelt sich zum mobilen Netzwerk Nr. 1 und bringt SMS-Umsätze in Gefahr.

Man kann es ruhig sagen: Die beiden WhatsApp-Gründer Jan Koum und Brian Acton, zwei ehemalige und sehr öffentlichkeitsscheue Yahoo-Mitarbeiter, haben die SMS neu erfunden. Ihre kleine Chat-Software verbreitet sich rasend schnell auf Smartphones und bringt Kommunikationsgiganten wie Facebook und Mobilfunk-Betreiber ins Schwitzen. Denn: Immer mehr der Online-Kommunikation läuft über WhatsApp ab, was die Geschäftsmodelle anderer untergräbt. Rund läuft die Sache für WhatsApp jedoch nicht: Es fehlt noch ein tragfähiges Geschäftsmodell, und Sicherheitsmängel gefährden das Vertrauen der Nutzer.

Freundeskreise im Sturm erobert

36 Prozent der deutschen Jugendlichen benutzen WhatsApp, nur 23 Prozent verwenden Facebook als Kontaktmedium, besagt eine aktuelle Studie der Jugendmesse You. Ein ähnliches Bild in der Schweiz: Hier nutzen laut einer Studie der Kommunikationsagentur jim & jim 60 Prozent der jugendlichen Smartphone-Besitzer WhatsApp, während nur mehr für 13 Prozent Facebook die wichtigste App am Touchscreen ist. Auch weltweit zeigt sich der Trend: Einer Untersuchung des britischen Marktforschers Informa wurden 2012 pro Tag erstmals mehr IP-basierte Nachrichten verschickt als SMS: 19,1 Milliarden so genannte “Over-The-Top” Messages vs. 17,6 Milliarden SMS. Ein Großteil davon dürfte über WhatsApp ablaufen, immerhin kündigte die Firma im Juni via Tweet an, pro Tag bereits bis zu 24 Mrd. Nachrichten abzuwickeln.

Der Sog-Effekt, der von WhatsApp ausgeht, hat auch meinen Bekanntenkreis erfasst und Facebook in Sachen privater Kommunkation nahezu komplett ersetzt. Ob Arbeitskollegen, Branchenbekannte oder Freunde – die Chance, dass mich jemand via WhatsApp-Nachricht kontaktiert, ist mittlerweile größer als via Facebook, SMS oder E-Mail. Spannend ist dabei, dass auch jene mitmachen, die sich Facebook immer verweigert hatten oder lange kein Smartphone haben wollten – für WhatsApp machen sie eine Ausnahme. Von Schülern bekommt man die gleiche Geschichte immer und immer wieder erzählt: Facebook sei zu gefährlich/langweilig/unübersichtlich, aber WhatsApp einfach Pflicht, um dazuzugehören.

Facebook sieht plötzlich alt aus

Dass WhatsApp am Fundament – jungen, kommunikationsfreudigen Usern – von Facebook nagt, ist Gründer Mark Zuckerberg klar. Während das weiß-blaue Online-Netzwerk immer mehr von Markenbotschaften überflutet wird, bleibt WhatsApp spannend. Hier haben die Menschen das Gefühl, wieder privat zu sein, und teilen intime Dinge, die ihren Weg wohl nie auf Facebook finden würden. Ein befreundetes Pärchen hat etwa hat keine Fotos ihres Neugeborenen auf Facebook veröffentlicht, der Gruppen-Chat auf WhatsApp ist aber voll davon. Währenddessen bleiben Facebooks hauseigene Messaging-App und die Snapchat-Kopie Poke Rohrkrepierer und werden von den Nutzern nicht angenommen. Das Vertrauen hat Zuckerbergs Netzwerk für viele längst verspielt – sei es durch Datenschutzlöcher oder NSA-Skandal.

SMS-Geschäft in Gefahr

Auch für Handy-Betreiber ist WhatsApp ein Graus. Der CEO eines großen österreichischen Mobilfunkers bestätigte mir, was vielen in der Branche ebenfalls bewusst ist: Die Smartphone-App ist eine Gefahr, weil sie die lukrativen SMS-Umsätze (ein Milliardengeschäft) wegfrisst. Zwar wächst auch die SMS-Nutzung noch, aber für Smartphone-Nutzer ist es einfach attraktiver, eine Nachricht via mobilem Internet zu schicken als via SMS. Einerseits, weil man auch Fotos oder Videos einfach dazuhängen kann, und andererseits, um sich via Hotel-WLAN im Ausland teures SMS-Roaming zu sparen. Auch EU-Kommissarin Neelie Kroes twitterte: „Die Cashcow stirbt. Zeit für die Telekomunternehmen aufzuwachen und den Datenkaffee zu riechen.“

Ob die WhatsApp-Macher ihre Software zu Geld machen können, müssen sie erst beweisen. Aktuell habe man mehr Nutzer als Twitter, prahlte WhatsApp-CEO Jan Koum kürzlich – aber ob man diese geschätzten 200 Millionen Menschen dann auch zum Zahlen der Jahresgebühr von etwa einem Euro bringen wird, bleibt abzuwarten. Kostenlose Alternativen finden sich schnell, und Werbung wird bei WhatsApp nicht ziehen. Smartphones und speziell private Chats sind viel zu persönlich, um den Nutzer dort bezahlte Anzeigen unterjubeln zu können. Das wissen auch die WhatsApp-Gründer. Zudem müssen sie ihren Dienst, in dem viele vertrauliche Informationen und Fotos verschickt werden, sicherer machen. Im Netz kursieren schon seit Monaten simple Anleitungen zum Hacken eines Accounts, und kürzlich verbreitete sich die erste Schad-Software namens “Priyanka”, die die Unordnung in die Kontaktlisten der befallenen Smartphones brachte.


Image (adapted) „Texting in the rain“ by Garry Knight (CC BY 2.0)


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Jakob Steinschaden

Jakob Steinschaden

ist seit 2006 publizistisch auf Papier und Pixel tätig. Er arbeitet in Österreich als Journalist und hat die beiden Sachbücher "Phänomen Facebook - Wie eine Webseite unser Leben auf den Kopf stellt" (2010) und "Digitaler Frühling - Wer das Netz hat, hat die Macht?" (2012) veröffentlicht. In seinem Blog “Jakkse.com” und in Vorträgen schreibt und spricht er gerne über die Menschen und ihr Internet – von Social Media über Mobile Business und Netzpolitik bis zu Start-ups.

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