Wie das Internet noch mehr Barrierefreiheit bieten kann


Dieser Beitrag ist Teil einer Artikelreihe im Vorfeld eines gemeinsamen Events und Hackathons von Microsoft und der Aktion Mensch für mehr Inklusion und Teilhabe im Netz.


Inklusion, was ist das eigentlich? Wie kann Inklusion im Internet umgesetzt werden und wie im Leben offline? Kann das Internet ein Instrument sein für Inklusion im Alltag? Ich meine: ja. Aber der Reihe nach.

Im Jahr 2006 wurde die Behindertenrechtskonvention von der Generalversammlung der Vereinten Nationen (UN) verabschiedet. Sie fordert die gleichberechtigte Teilhabe aller Menschen am gesellschaftlichen Leben. Inklusion ist Menschenrecht. Deutschland und 158 andere Länder bekennen sich darin zur UN-Konvention und haben sich mit ihrer Unterzeichnung dazu verpflichtet, sie umzusetzen.

Soweit, so gut. Doch möchte ich mich mit meiner Freundin Anastasia auf einen Kaffee treffen, geht das nicht überall. Anastasia ist mit einem Rollstuhl mobil. Vor meinem Lieblingscafé: Stufen. Im Internet können wir uns immer treffen. Stufen gibt es dort nicht – allerdings andere Barrieren. Wege zur Barrierefreiheit online und offline sind behindertengerechte Räume, barrierefreie Internetseiten und die Etablierung von Gebärdensprache, Untertiteln, Blindenschrift und leichter Sprache.

Im Artikel 21 der UN-Behindertenrechtskonvention heißt es, Systeme der Informationsverarbeitung, akustische und visuelle Informationsquellen sowie Kommunikationseinrichtungen sind barrierefrei, wenn sie für behinderte Menschen ohne besondere Erschwernis und grundsätzlich ohne fremde Hilfe zugänglich und nutzbar sind.

Doch bis zur Umsetzung ist der Weg noch weit. Ein aktuelles Beispiel? Vor einigen Tagen, bei einer Anhörung zum neuen Teilhabegesetz im Bundestagsausschuss für Arbeit und Soziales, fehlte im Livestream die Gebärdensprachdolmetschung. Hörbehinderte Menschen konnten also nicht teilhaben an der Diskussion, in der es auch um ihre Rechte ging.

Das Internet bleibt dabei ein Instrument für die Öffentlichkeitsarbeit und auch eine Möglichkeit, nicht nur für Inklusion zu sensibilisieren, sondern gezielt Projekte zu initiieren, die für das gleichberechtigte Leben von Menschen mit und ohne Behinderungen sorgen – oder auch einfach für ein gutes Zusammenleben. So schlug die Aktivistin Laura Gehlhaar vor einigen Wochen augenzwinkernd bei einer Podiumsdiskussion vor, eine App zu starten, mit der Menschen ohne Behinderung kostenlos mit Menschen mit Behinderung öffentliche Verkehrsmittel nutzen können. Der Aktivist Michel Arriens sucht aktuell über Twitter Menschen, die eine App programmieren können, die ihm auf seinem Weg vorab die Barrieren zeigt, die er überwinden muss, um zum Ziel zu kommen: Bordsteine, Stufen, defekte Fahrstühle. Beim Neue Nähe-Hackathon können solche Ideen gesponnen und umgesetzt werden.

Ein ähnliches Beispiel ist die App Bureaucrazy, die von syrischen Geflüchteten gemeinsam mit Teilnehmenden der ReDI School of Digital Integration entwickelt wurde. Die App soll geflüchteten Menschen die oft Kräfte und Nerven raubende Bürokratie in Deutschland erleichtern. Aktuell suchen die Entwickler*innen noch Unterstützer*innen.  Bei einem Hackathon arbeiteten bereits 30 Menschen an der Umsetzung. Nun fehlt noch Geld – und mal wieder steht die Bürokratie im Weg, denn Privatpersonen können crowdgefundetes Geld nicht annehmen und eine gGmbH muss gegründet werden – für geflüchtete Menschen in Deutschland nicht die leichteste Aufgabe.

Gut für alle Menschen – im Sinn einer inklusiven Haltung – sind Technologien, die bei der Entwicklung nicht an die Mehrheit der Gesellschaft denken, sondern an die Bedürfnisse von gesellschaftlichen Minderheiten. Oft sind die Ergebnisse dieser Denkweise dann Produkte, die für alle Menschen gut sind. Tom Bieling arbeitet am Design Research Lab der Universität der Künste in Berlin genau so und hat durch den Perspektivwechsel schon viel gelernt. Zum Beispiel über die Vorteile von Gebärdensprache. „Wenn du auf der anderen Straßenseite auf dem Balkon sitzt und ich hier im Raum vor dem Fenster, können wir uns über Lautsprache nicht unterhalten“, erklärt er. Mit Gebärdensprache sei das kein Problem.

Das Internet ist ein Raum, in dem wir für diese Art von Perspektivwechseln sensibilisieren können. Die Technik können wir nutzen, am besten gemeinsam – für mehr Miteinander statt Nebeneinander.


Image (adapted) „Learn sign language at the playground“ by Valerie Everett (CC BY-SA 2.0)


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