Hat das Netz gewusst, wer US-Präsident wird?

Obama wurde wieder gewählt. Wie stark konnte das Web in der Wahl als Indikator herangezogen werden?

2008 war er der große Held: Barack Obama. Der erste schwarze US-Präsident und der erste US-Präsident, der das Internet für den Wahlkampf nutzte. Seinem republikanischem Herausforderer damals, John McCain, blieb nichts anderes übrig, als eine haushohe Niederlage zu verzeichnen. Heute ist Barack Obama, der netzaffine Präsident, zu seiner zweiten Amtszeit wiedergewählt worden. Diesmal allerdings mit größerer Konkurrenz – auch im Netz.

Allerdings heißt größere Kokurrenz nicht gleich, dass diese ihm im Netz auch gefährlich werden könnte. Mit 32 Millionen Fans auf Facebook hat Obama fast drei Mal so viele Anhänger wie sein Herausforderer Mitt Romney. Eine beachtliche Zahl, wenn man bedenkt, dass über 165 Millionen Amerikaner auf Facebook angemeldet sind. Aktiv sind beide Politiker sehr häufig, wobei der „Berliner Zeitung“ aufgefallen ist, dass es unterschiedliche Taktiken gibt, die Menschen zu erreichen: „Während Obamas Team die Fans häufig auffordert, die Botschaft an Freunde weiterzutragen, versucht Romneys Team meist, die eigenen Fans zu überzeugen“, was – in meinen Augen – vollkommener Unsinn ist. Wer nur die eigenen Fans überzeugen möchte, braucht auch keinen Wahlkampf betreiben. Warum dann nicht auch im „Real Life“ nur zu den Menschen sprechen, die einen so oder so gewählt hätten?

Auf Twitter setzt sich Obamas Favoritenrolle fort: Mit über 22 Millionen Followern liegt er weit vor Romney, der nur mit 1,7 Millionen Followern interagiert. Besonders spannend ist in diesem Zusammenhang ein Blick auf den von Twitter eingeführten „Political Index“, einer mit „topsy“-Daten befüllte Seite, die das Twitter-Verhalten der Menschen beobachtet und den Einfluss von Obama und Romney analysiert. War es dort vor wenigen Wochen noch sehr knapp, führt Obama inzwischen mit ganzen 15 Punkten vor seinem Kontrahenten aus dem republikanischen Lager.

Insgesamt bleibt anzumerken, dass es beide Kandidaten bestens verstanden haben, ihre Anhänger aus den sozialen Netzwerken zur Wahl zu animieren. Romney ging dabei weitaus aggressiver vor, Obama setzte eher auf seine gewohnte Lockerheit. Was ihm letztlich auch zu einem neuen Twitter-Rekord verhalf: Sein Sieger-Tweet „Four more years“ erreichte binnen Minuten hunderttausende Retweets und Favs, inzwischen (Stand: 07.11.2012, 13:30 Uhr) wurde er 601.000 Mal geteilt – Eine nie dagewesene Zahl. Und auch Twitter freut sich durch die US-Wahl über tolle Zahlen. In der Minute, als Obamas Wiederwahl bekanntgegeben wurde, wurden 327.452 Tweets abgesetzt. Mit weitem Abstand die Meisten des Wahlkampfes.

Doch bleibt die Frage, ob das Netz eine verlässliche Glaskugel ist. Es ist nicht endgültig zu klären, wie groß der Einfluss genau war. Und auch trotz des zahlenmäßig großen Vorsprungs von Obama im Social Web war es zeitweise mehr als knapp („Political Index“). Sicher ist aber, dass Obama nicht umsonst eine recht junge Wählerschaft hat und seine politischen Nachrichten durch seine große Reichweite enorme Verbreitung genoßen. Er hat viel Netz-Popularität gerade aus dem Wahlkampf 2008 mitnehmen können und insgesamt ist sein Team einfach besser aufgestellt. Ignoriert man die vielen Unbekannten, dann hat das Netz gewusst, wer US-Präsident 2012 wird. Glückwunsch, Barack Obama.


 


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Tobias Gillen

Tobias Gillen

ist freiberuflicher Medien- und Technikjournalist und Blogger. Nebenher schreibt er Bücher und E-Books und ist bei Twitter, Facebook und Google+ zu finden.

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