Google und die Moonshots: Investitionen in die Technik der Zukunft

Wir kennen Google als die eine große, weltweite Erfolgsstory. Manchmal jedoch sind die Details interessanter als das Offensichtliche. Am 1. Februar hat eine Ankündigung der Google-Mutterfirma Alphabet dazu geführt, dass Investoren zum ersten Mal Einblicke in das Leistungsvermögen der einzelnen Tochterfirmen bekommen bekamen. Hierbei wurden einige Informationen über das Unternehmen an die Oberfläche gebracht, von denen wir bislang nur sehr wenig wussten – die zahlreichen Investments in Technologien, die mit dem Kerngeschäft nur am Rande zu tun hatten.

Wir wissen heute, dass die sogenannten “Moonshots”, wie sie genannt werden, einen Betriebsverlust von insgesamt 3,6 Milliarden US-Dollar betrugen. Im Jahr 2014 verzeichnete man davon ganze 1,9 Milliarden US-Dollar und immerhin 527 Millionen US-Dollar im Jahre 2013. Vielleicht haben Sie ja schon einmal von Wearable Technology oder selbstfahrenden Autos gehört, aber es geht noch viel weiter. Moonshots sind unter anderem das Glasfaser-Breitbandkabel, WLAN in indischen Zügen, oder Temperaturregler, IP-Videokameras und solarbetriebene Drohnen. Außerdem gibt es noch Googles X-Lab. Ursprünglich geheim gehalten, ist nun bekannt, dass dort an allem möglichen gearbeitet wird: angefangen bei Kontaktlinsen für Diabetiker, die den Glukoselevel in der Augenflüssigkeit messen können, bis hin zu Nanopartikeln, die in der Lage sind, Krankheiten vorzubeugen.

Die Veröffentlichung der Verluste hinderte Alphabet nicht daran, am Tag nach der Enthüllung Apple als wertvollstes Unternehmen der Welt zu überholen. Was können wir also aus diesem unersättlichen Appetit nach Erneuerung schlussfolgern?

Die erste Reaktion in Großbritannien war eine gewisse Empörung darüber, dass ein Unternehmen, welches 3,6 Milliarden US-Dollar nebenbei investieren kann, nur 130 Millionen Pfund Steuern an den britischen Steuereintreiber zahlt. Darüber hinaus gibt es zumindest zwei plausible Antwortmöglichkeiten, warum sich solch eine Firma schneller und stärker verändert als viele ursprünglich erwartet hatten.

Einerseits kann es als Teil einer langfristigen Strategie angesehen werden, um Wachstum und Marktführerschaft zu stärken. Viele von Alphabets Kernprodukten haben über eine Milliarde Nutzer und der Großteil der Einkünfte stammt aus bezahlten Suchen und Werbeeinnahmen. Zurzeit sucht Alphabet nach der nächsten Milliarde an Nutzern. Diese können wohl am ehesten in Schwellenländern gefunden werden, vor allem im mobilen Sektor. Eine solche Diversifikation passt zu der Idee, das Risikokapital gleichmäßig zu verteilen.

Viele der Investments werden sich als ineffektiv herausstellen, aber es ist allgemein unmöglich, eine solche Entwicklung vorauszusehen. Einige Technologien und Geschäftsmodelle werden sich, aus welchem Grund auch immer, als unbrauchbar herausstellen. Fragen Sie einfach mal bei Sir Clive Sinclair nach – sein batteriebetriebenes Auto war in vielerlei Hinsicht seiner Zeit voraus, und doch wurde es zu einem der größten Marketing-Flops aller Zeiten.

Die Logik dahinter könnte so aussehen, dass – wenn man das notwendige Geld hat – es sich auszahlt, die Investments breit zu streuen, und nach Zeichen für rapides Wachstum Ausschau zu halten. Wie dem auch sei, das Management von Google hat es geschafft, ein Standing als Marktführer aufzubauen, das sich seit Jahren hält. Wer würde dagegen wetten, dass man so etwas noch einmal erreicht, gerade jetzt, mit mehr Ressourcen und dem Zuwachs an Erfahrung?

Imperialer Widerhall

Eine zweite Interpretationsmöglichkeit der Moonshot-Strategie könnte sein, dass die Firmengründer versuchen, ihren Wunsch nach Beständigkeit mit ihrem Drang nach Innovation und Neuerschaffung zu kombinieren. Jedoch sieht die harte Wahrheit so aus, dass es nicht einfach ist, als Milliardär eine Startup-ähnliche Atmosphäre zu schaffen.

Die gigantischen Investitionen in neue Ideen sind nichts im Vergleich zu den Einnahmen vom Alphabet. Allein in den letzten drei Monaten des Jahres 2015 konnte Alphabet einen Netto-Gewinn von 4,9 Milliarden US-Dollar verbuchen. Ohne Zweifel spielt es keine große Rolle für die Firma, ob sich die Investitionen auszahlen oder nicht, denn im Folgejahr wird es erneut gute Ideen geben, die womöglich sogar für die ursprünglichen Investments aufkommen können.

Es wäre allerdings ein Fehler, zu glauben, dass die Zukunft von Alphabet auf Dauer gesichert ist. Im Laufe der Jahrtausende sind schon zahlreiche Zivilisationen in eine dominante Position gelangt und schlussendlich gescheitert. Wenn dies den Inkas, den Ägyptern und den Römern passiert ist, warum sollte es nicht auch eines Tages Google treffen?

Die Realität sieht so aus, dass nur die allerwenigsten Firmen ihren hundertsten Geburtstag feiern können. Die Firma Nokia wurde immer als Beispiel aufgeführt, da sie im Jahre 1865 als kleine Papierfabrik angefangen haben und vor einigen Jahren die Smartphone-Nische dominiert haben. Doch wo steht Nokia heute?

Es scheint tatsächlich so, dass keine Zivilisation, keine Technologie, keine Branche und kein Unternehmen zeitlich unbegrenzt dominant waren, sodass der Google-Mitbegründer Larry Page anerkennen muss, dass es keine Musterbeispiele für das Unternehmen gibt, das Google gern werden möchte. Page hat immer betont, dass Google anders ist und nicht zu gewöhnlich werden möchte. Der Ethos, nichts Böses tun zu wollen, war, genau wie die Investitionen in Moonshots, eine Abbildung dieser Strategie. Derartige Wetten haben schon in der Vergangenheit Firmen dabei geholfen, Veränderungen einzuleiten. Ein Beispiel hierfür ist der Strategiewechsel von IBM, die sich von Hardware zu Software-Lösungen und Dienstleistungen entwickelten. Die Moonshots sind heutzutage außerdem ein Teil der neuen amerikanischen Medien-Giganten. Amazon experimentiert mit Drohnen und Zeitschriften, während Facebook schwerpunktmäßig auf Virtual Reality setzt.

Jede der Firmen hatte schon Kapital angesammelt, bevor man die Diversifikation begann, wodurch die Investitionen leichter zu rechtfertigen waren als für andere Firmen. Hierdurch entsteht ein recht pessimistischer Blick auf Alphabets Investmentstrategie. Diese könnte durchaus ein Zeichen von Selbstüberschätzung sein, die ebenso charakteristisch für die großen Weltreiche war. Falls dem so ist, wird sich das Management-Team während des Niedergangs mit Sicherheit an jede einzelne Investition in Kontaktlinsen und solarbetriebene Drohnen erinnern.

Dieser Artikel erschien zuerst auf “The Conversation” unter CC BY-ND 4.0. Übersetzung mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.

The Conversation


Image “Wearable Technology” by Keoni Cabral (CC BY 2.0)


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Robert MacIntosh

Robert MacIntosh

ist promovierter Mechatroniker und Strategiespezialist sowie Leiter der School of Management an der Heriot-Watt-Universität in Edinburgh mit Zweigstellen in Dubai und Putrajaya, Malaysia.

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