Streaming: Selbstzerstörung durch Überangebot und Fragmentierung?

Streaming ist das neue Fernsehen. Während das lineare Fernsehen sich immer schwerer tut, junge Zuschauer an sich zu binden, sind diese bereits am Bingewatchen der neuesten Serie. Die neuen Medien haben die Produktion von meist exklusiven Serien auf ein ganz neues Niveau gebracht. Diese müssen sich mittlerweile nicht einmal vor großen Filmproduktionen verstecken.

Der Erfolg von Netflix und Amazon Prime lockt nun auch immer mehr andere Medienriesen an. Disney Plus steht in den Startlöchern und auch Apple und Filmriese Warner haben bereits Pläne, ihr eigenes Streaming-Angebot zu starten.

Mehr Streaming-Dienste = besser?

Normalerweise lautet der Grundsatz „Konkurrenz belebt das Geschäft“. Bei Streaming-Diensten trifft das allerdings nur mit Einschränkungen zu. Natürlich gibt es dadurch einen stärkeren Kampf um das stärkste Angebot und den besten Preis. Im selben Atemzug beschneiden sich die Angebote jedoch auch gegenseitig. Wenn Disney-Produktionen nun exklusiv zum neuen Dienst wandern, brechen der Konkurrenz wichtige Marken weg. Auch Netflix und Amazon Prime werben seit langem schon mit Original-Serien, die man zumindest gestreamt nur beim jeweiligen Anbieter bekommt.

Exklusive Inhalte, damit man nicht durch die Konkurrenz ersetzbar wird. Serienjunkies kommen mittlerweile nicht umhin, entweder mehrere Dienste zu abonnieren oder alternativ Serien anderer Anbieter altmodisch zu kaufen. Die Bewegtbild-Studie von nextMedia.Hamburg zeigte kürzlich, dass die Deutschen Konsumenten meist nur einen Anbieter nutzen und die allgemeine Zahlbereitschaft für monatliche Streaming-Abos eher gering ausfällt.

Der boomende Markt – eine tickende Zeitbombe?

Streaming-Dienste sind derzeit auf dem besten Weg, dem linearen Fernsehen den Rang abzulaufen. Gerade deshalb kommen aber auch immer mehr Unternehmen hinzu, die einen Teil dieses immer größeren Kuchens abhaben wollen. Eigenproduktionen oder Exklusivrechte an bestimmten Filmen oder Serien beschneiden dafür aber immer mehr das Angebot des Einzelnen. Es wird immer mehr Inhalt produziert, aber wir können auf immer weniger davon zugreifen.

Ganz anders das Musik-Streaming. Das Angebot der führenden Anbieter (Spotify, Amazon Music Unlimited, Google Music, Apple Music) unterscheidet sich hier nur geringfügig voneinander. Der Nutzer entscheidet sich viel mehr, welches Unternehmen oder welche App er am liebsten mag und hat mit diesem einen Dienst dann ausgesorgt.

Um sich auf dem TV-Streaming-Markt abzuheben, bedarf es hingegen immer mehr Exklusivinhalte. Das sind zum Teil geradezu bombastische Produktionen, die mitunter großen Hollywood-Filmen in ihrer Opulenz in nichts nachstehen. Finanziert werden diese Serien durch die Einnahmen der Dienste. Ein Gewinn für Serienfreunde, die in den letzten Jahren bereits mit vielen großartigen Serien verwöhnt wurden. Doch was, wenn der Dienst nicht mehr genug Geld einbringt, um mit der Konkurrenz Schritt zu halten? Was, wenn der Zuschauer nicht mehr hinterher kommt, weil zu viele verheißungsvolle Produktionen von zu vielen Anbietern auf den Markt drängen? Ewig kann es nicht gut gehen.

Ein Weg aus dem Teufelskreis?

In der digitalen Welt ist es üblich geworden, dass selbst die großen Fische von einem noch größeren gefressen werden. Das kann auch dem Streaming-Markt drohen. Wenn die grünen Wiesen der neuen Fernsehwelt zusehendst abgegrast sind, könnte das große Fusionsgeschäft beginnen, die die Zahl der Anbieter wieder auf ein gesundes Maß schrumpft oder im schlimmsten Fall einen allesbeherrschenden Anbieter mit Marktmonopol hervorbringt.

Auch denkbar wäre ein Szenario, dass sich die Anbieter gegenüber der Konkurrenz öffnen und ihnen die Rechte an den Eigenproduktionen verkaufen. Womöglich entstehen sogar neue Produktionsfirmen, die sich zwar auf den Streaming-Markt spezialisiert haben, aber plattformunabhängig arbeiten. Allenfalls Exklusivrechte für die erste Woche würden etwa gesondert vergeben werden.

Der Streaming-Markt wird sich zwangsweise ändern. Ich befürchte jedoch, dass diese Änderungen erst stattfinden, wenn der Karren bereits gegen die Wand gefahren ist. Bis dahin müssen wir als Konsument damit leben, dass wir entweder Geld für mehrere Dienste ausgeben müssen oder einige gute Perlen an uns vorbeigehen. Oder wir stimmen uns mit Freuden ab und machen die neusten Serie zum sozialen Event. 


Image by Romolo Tavani via stock.adobe.com

Stefan Reismann

Das Internet ist sein Zuhause, die Gaming-Welt sein Wohnzimmer. Der Multifunktions-Nerd machte eine Ausbildung zum Programmierer, entdeckte dann aber vor allem die inhaltliche Seite für sich. Nun schreibt er für die Netzpiloten und betreibt nebenher einen Let's Play-Kanal, auf dem reichlich gedaddelt wird.


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