Barrierefreies Kino: Die Technologie von Greta & Starks macht’s möglich

Ins Kino zu gehen ist für die meisten von uns eine ganz normale Freizeitbeschäftigung. Worüber wir uns dabei wahrscheinlich kaum Gedanken machen: In Deutschland allein gibt es über eine Million sehbehinderte und etwa 80.000 gehörlose Menschen, die das nicht können. Das Berliner Unternehmen Greta & Starks hat dafür eine clevere Tech-Lösung entwickelt.

Zwei Apps und das eigene Smartphone machen Inklusion möglich

Mit zwei kostenlosen Apps, Greta und Starks, wird für blinde und gehörlose Filmfans damit das Kinoerlebnis endlich barrierefrei. Greta bietet blinden Gästen die passenden Audiodeskriptionen zu einem Film, Starks spielt spezielle Untertitel für gehörlose Besucher ab. All das passiert auf dem eigenen Smartphone oder Tablet, sodass Nutzer auf keine spezielle Technologie oder große Geräte angewiesen sind. Über eine Audioerkennungssoftware werden die Audio- und Tonspuren des Filmes im Kino mit den Fassungen auf der App synchronisiert.

Nutzer wählen dafür über die App einen aktuellen Kinofilm. Nur die Filme, die in der App aufgelistet werden, gibt es mit Audiodeskriptionen oder Untertiteln. Im Kino müssen die User lediglich den passenden Film über die App aufrufen und es werden dann automatisch die Audiodeskriptionen oder die Untertitel abgespielt. Für blinde Filmfreunde reichen also ein Paar Kopfhörer und das Smartphone, um den Film verfolgen zu können. Gehörlose Gäste sehen die passenden Untertitel gleichzeitig zur Handlung auf der großen Laufwand auf ihrem eigenen Smartphone. Eine große Bereicherung, wie die betroffene Community findet.

Sinnesbeinträchtigte Kinofans können so in jeden verfügbaren Film zu jeder Zeit gehen, ohne dass es für sie einen großen Aufwand bedeutet. Ein weiterer Vorteil ist, dass das Kinoerlebnis damit wirklich inklusiv wird. Es muss keine getrennten Vorführungen mehr geben. Alle – Menschen mit Sinnesbeinträchtigungen und Menschen ohne – können gemeinsam den gleichen Film anschauen.

Fast 300 Filme im Angebot

Seneit Debese Profilfoto (Image by Seneit Debese)
Die Geschäftsführerin von Greta & Starks, Seneit Debese. Image by Seneit Debese

Das war von Anfang an ein großes Anliegen für Gründerin Seneit Debese. Sie arbeitete vor Greta & Starks selbst in der Filmbranche und lernte beim Drehen einer Reportage eine blinde Läuferin kennen. Als diese sagte, dass eine der größten Einschränkungen in ihrem Alltag sei, dass sie nicht mit ihren nicht-blinden Freunden ins Kino könne, war die Idee für Greta & Starks geboren. Seit 2013 gibt es das Unternehmen offiziell, „die kleine Firma mit einer großen Vision”, wie Debese es im Interview mit den Netzpiloten ausdrückt.

Damit hat sie gar nicht so Unrecht. Denn bevor es Greta & Starks gab, war es für Menschen mit Sinnesbeinträchtigungen in Deutschland sehr schwierig, überhaupt Kinofilme zu sehen. Die meisten Verleihe boten keine geeigneten Fassungen an und wenn, dann sehr spärlich über das Jahr verteilt. Zwar gibt es regelmäßige Filmveranstaltungen wie etwa im Kleisthaus in Berlin. Doch auch diese beschränken sich auf wenige Ereignisse im Jahr und Besucher können sich die Filme nicht selbst aussuchen.

Greta & Starks hat aktuell knapp 300 Filme im Programm, vom Kinderfilm über die Komödie bis hin zu Blockbustern wie den aktuellen Teil von Star Wars. Im Angebot sind aber nicht nur aktuelle Kinofilme, sondern auch spezielle DVD-Fassungen für den Filmabend daheim. Das ist wahrscheinlich aktuell das Angebot mit der größten Bandbreite. Das Unternehmen wird von den Filmverleihern dafür bezahlt, die speziellen Fassungen für sinnesbeinträchtigte Menschen auf ihre App zu stellen. Das ist das Geschäftsmodell und Haupteinnahmequelle des Unternehmens.

Neues Headset soll Kinoerlebnis weiter verbessern

In diesem Jahr hat das Unternehmen damit sogar den Publikumspreis beim KfW Award Gründen gewonnen. “Ich wollte schon immer etwas machen, dass wirklich sinnvoll ist und ein echtes Problem löst – und nicht einfach die hundertste Shampoosorte verkaufen. Ich freue mich wirklich, dass wir mit unserer Arbeit so vielen Menschen helfen können”, sagt Debese.

2017-03-03 Starks App Smartphone EN (adapted) (Image by Greta & Starks)
Image by Greta & Starks

Voraussichtlich im kommenden Sommer will Greta & Starks das inklusive Kinoerlebnis auf die nächste Stufe heben. Dazu hat das Unternehmen ein spezielles Headset entwickelt das vor allem gehörlosen Kinogängern zugute kommt. Durch ein spezielles Sichtfenster werden die Untertitel damit direkt vor der Leinwand erscheinen. So müssen gehörlose Zuschauer nicht mehr zwischen ihrem Smartphone und dem Bildschirm hin und her wechseln, sondern können sich entspannt zurücklehnen.

Das Headset kann zwar auch direkt von den Nutzern gekauft werden, wenn gewünscht. Doch grundsätzlich soll es als kostenloser Service im Kino zur Verfügung stehen: „Unsere Idee ist es, dass die Kinobetreiber das Headset kaufen, damit Besucher es, wie auch unsere anderen Angebote, weiterhin kostenlos nutzen können”, sagt Debese.

Greta & Starks soll inklusiv wie der Pizzaschneider werden

Ende des Jahres soll der Prototyp in die Testphase gehen. Im Januar 2018 möchte das Unternehmen eine Crowdfunding-Kampagne dazu starten. Greta & Starks erhält zwar auch Fördergelder für die inklusive Technologie, die Lage könnte aber deutlich besser sein, findet Seneit Debese. „Es gibt in Deutschland zu wenig Förderung für inklusive Technologie. Gerade für Unternehmen ist es nicht so leicht, Unterstützung zu bekommen. Ich würde mir wünschen, dass es an der Schnittstelle zwischen inklusiver Arbeit und Technologie mehr Fördertöpfe geben würde.”

Dies gilt vor allem, weil Debese nicht ausschließt, dass ihre Technologie auch für andere Zwecke genutzt werden kann. So soll das Headset in Zukunft nicht nur Untertitel für Menschen mit Hörbeeinträchtigungen einspielen, sondern auch für anderssprachige Gäste. Das könnte zum Beispiel ausländischen Studenten zugute kommen, die in Deutschland einen Film im Kino anschauen wollen. Oder auch Deutschen, die im Ausland einen Film in der Originalsprache schauen und dann Untertitel einspielen können.

„Ich möchte, dass Greta & Stark irgendwann so wird wie der Pizzaschneider”, sagt Debese. Dieser wurde ursprünglich als Inklusionshilfsmittel erfunden, um Menschen mit Handicaps das Schneiden der Pizza zu erleichtern. „Heute nutzt fast jeder diesen Pizzaschneider, ohne darüber nachzudenken. Es hilft allen, Menschen mit Behinderungen und Menschen ohne. Das ist wirklich Inklusion und das würde ich gerne auch mit unserer Technologie erreichen.”


Image by Seneit Debese

Headphones and Phone: Greta & Starks



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Marinela Potor

Marinela Potor

begann ihren journalistischen Werdegang bei kleinen Lokalzeitungen und arbeitete dann während ihres Studiums als Reporterin für den Universitätsradiosender. Ihr Volontariat machte sie bei Radio Jade in Wilhelmshaven. Seit 2010 hat sie ihren Rucksack gepackt und bereist seitdem rastlos die Welt – und berichtet als freie Journalistin darüber. Über alle „inoffiziellen“ Geschichten schreibt sie in ihrem eigenen Blog fest. Mitglied des Netzpiloten Blogger Networks.

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