Die künstliche Intelligenz, die ein Künstler war

Was hat der kulturell versierte Geschäftsmann von heute in seiner Wohnung hängen? Natürlich ein Bild, erschaffen von einer künstlichen Intelligenz. Einer Maschine also, die mit großer Wahrscheinlichkeit selbst nicht so ganz versteht, was sie dort erschaffen hat. Dass Menschen mit Maschinen zusammenarbeiten um Kunst zu erschaffen ist nichts Neues. Auch, dass bei dem kreativen Prozess künstliche Intelligenzen eingesetzt werden, gab es schon vorher. Doch mit der KI AICAN steht uns mit einem Mal eine Maschine entgegen, die ihre Kunstwerke ganz alleine fabriziert.

AICAN mischt die Kunstszene auf

Bereits 2017 hat die künstliche Intelligenz AICAN ihre erste eigene Kunstgalerie in Los Angeles und später auch in Frankfurt präsentiert. Aber nun mal ganz langsam: Wie kam es überhaupt dazu? AICAN wurde im Art and Artificial Intelligence Laboratory erschaffen, von Dr. Ahmed Elgammal. Die künstliche Intelligenz wurde hier mit fünf Jahrhunderten an westlicher Kunst gefüttert und sollte schließlich ihre eigenen Bilder erstellen. Besonders faszinierend war dabei, dass AICAN von selbst erkannte, in welcher chronologischen Reihenfolge die Bilder, die ihm zugeführt wurden, erstellt wurden. So wusste die KI von selbst, dass zum Beispiel die Epoche der Renaissance lange vor der des Impressionismus stattfand.

Was nun die Bilder der künstlichen Intelligenz angeht, so variieren diese in ihrem Stil stark. Für besonderes Aufsehen sorgte nun die New Yorker Contemporary-Art Ausstellung mit dem Titel „Faceless Portraits Transcending Time“, in der AICAN Porträt-Bilder erstellte, die für 3000 bis 18000 US-Dollar verkauft wurden. Die „Menschen“ auf den Bildern sind dabei eher schemenhaft dargestellt, und gehen sehr ins Abstrakte. Ebenfalls sehr interessant ist, dass laut einer Umfrage, durchgeführt von der Conrell University, 75 Prozent der Befragten glaubten, die Bilder von AICAN seien von Menschen gemalt worden.

Die Kunstwelt ist gespalten

Der Einsatz einer solchen KI wirft natürlich viele Fragen in der Kunst-Szene auf. Werden wir irgendwann nur noch die Kunst von künstlichen Intelligenzen betrachten und konsumieren? Müssen wir AICAN vielleicht sogar eine Art „Persönlichkeit“ zusprechen, wenn er/sie/es sich in Kunst ausdrücken kann? Ist AICAN ein vollwertiger Künstler? Es ist zugegebenermaßen interessant zu sehen, welche Interpretationen in die Werke der KI gelegt werden und wie versucht wird, das, was AICAN tut, in Worte zu fassen.

Trotz der Tatsache, dass AICAN mit 500 Jahren Kunstgeschichte gefüttert wurde, erstellt die KI zunehmend abstrakte Bilder. Und das aus dem einfachen Grund, dass AICAN weiß, dass diese Art der Kunst gerade am meisten Anklang in der Welt findet. Die KI hat schließlich nicht 80.000 Bilder umsonst analysiert. AICAN ist also in gewisser Weise auf das ausgerichtet, was wir Menschen gerade interessant finden. Selbst der Erschaffer der KI sagt jedoch, dass er keine Kontrolle über das hat, was AICAN am Ende präsentiert. Die KI ist also wirklich die erste Maschine, die vollkommen autonom kreative Werke erstellt. Aber am besten sollte AICANs Kunst für sich selbst sprechen:

Die Zukunft der kunsterschaffenen KIs

Allerdings sollte man relativieren, wie viel Relevanz tatsächlich hinter AICAN steckt. Natürlich ist es erst einmal etwas total Neues, dass eine KI selbstständig Kunstwerke erschafft. Aber es gibt eben doch noch etwas, was auch dieses fortgeschrittene Programm von einem „richtigen“ Künstler unterscheidet. Echte Menschen sind inspiriert von den Orten, den Menschen und dem sozialen Kontext, in dem sie sich selbst bewegen. Sie interpretieren ihre eigene Außenwelt und verarbeiten sie in Kunst. Das kann AICAN nicht leisten, da die KI ausschließlich in ihrer eigenen Datenwelt existiert.

Dabei ist das Programm von Dr. Elgammal noch für ganz andere Dinge bestimmt. Denn mithilfe dieser KI könnte es in Zukunft möglich sein, Trends in der Kunstszene vorherzusagen. Oder Kunstwerke zu bewerten und einen möglichen Preis zu ermitteln. Letztendlich ist der Handel mit Kunst für viele zu einer guten Einnahmequelle geworden. AICAN könnte potenziellen Kunsthändlern helfen, geeignete Stücke für ihre Sammlung auszuwählen.

Die Entwicklungen rund um künstliche Intelligenzen in der Kunstwelt sind vor allem eines: Unglaublich spannend. Denn noch nie zuvor hat es einen anderen „Creator“, quasi einen „Erschaffer“ gegeben, der nicht menschlich, ja nicht einmal tierisch, sondern künstlich ist. Und der direkt mit den Menschen durch Kunst kommuniziert. Auch, wenn sich AICAN natürlich nicht seiner selbst, oder einer möglichen Bedeutung seiner Kunstwerke bewusst ist. Viele Experten gehen davon aus, dass KIs  in Zukunft eher ein weiteres Werkzeug für Künstler sein werden. Wie ein Fotograf, der heute mit automatischer Bildverbesserung arbeitet. Wie es im Moment aussieht wird der Hype um künstliche Intelligenzen in der Kunst jedoch irgendwann wieder abflauen und die Kunstwelt sich dann wieder in eine andere Richtung weiterentwickeln.


Image by zhu difeng / adobe.stock.com

Leonie Werner

interessiert sich für alles, was mit Medien zu tun hat. Insbesondere für Themen im digitalen Bereich ist sie offen und in Sachen Gaming immer auf dem neuesten Stand.


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