Whistleblower verdienen mehr Respekt!

Whistleblower sind derzeit wieder verstärkt im Gespräch – bekommen in unserer Gesellschaft aber noch immer nicht den Respekt, den sie verdienen. Sei es Chelsea Manning, Edward Snowden oder die anonymen Quellen hinter den neuesten WikiLeaks-Veröffentlichungen – Whistleblower und ihre Enthüllungen sind aus den Nachrichten und den politischen Diskussion seit Jahren nicht mehr wegzudenken. Sie haben uns in vieler Hinsicht die Augen über unsere Welt geöffnet. Dennoch wird ihnen nach wie vor wenig Respekt gezollt, werden sie nach den Enthüllungen schnell vergessen oder schlimmstenfalls gar als Verräter und Verbrecher gebrandmarkt. Das muss sich ändern – wir müssen Whistleblower als Helden anerkennen und ihren Mut angemessen würdigen.


Warum ist das wichtig? Whistleblower sind moderne Helden – leider ist das vielen Menschen in unserer Gesellschaft nicht klar.

  • Der Kontrast von Informationsgesellschaft und staatlicher Geheimnistuerei macht Whistleblower wichtiger denn je.

  • Als kritische Menschen sollten wir Solidarität mit Whistleblowern zeigen und bei unseren Mitmenschen anregen.

  • Eine ebenso wichtige Würdigung ist es aber auch, Konsequenzen aus dem geleakten Material zu ziehen. Auch das geschieht derzeit nur in den seltensten Fällen.


Glenn Greenwald gibt Interview zu Manning und Snowden

Kürzlich gab der investigative Journalist Glenn Greenwald ein interessantes Interview zu den Whistleblowern Chelsea Manning und Edward Snowden (mit beiden hatte er in den letzten Jahren beruflich zu tun). Greenwald befasst sich dabei vor allem mit der Frage, warum gerade bei der US-amerikanischen Öffentlichkeit Snowden weitaus eher akzeptiert, sogar anerkannt wird als Manning. Immerhin haben beide bedeutende Staatsgeheimnisse enthüllt – und dabei umfassende Verbrechen der US-Regierung, -Geheimdienste und -Streitkräfte aufgedeckt.

Greenwald argumentiert, einerseits sei diese Diskrepanz in persönlichen Faktoren begründet. Manning ist transsexuell, was auch im Jahr 2015 noch vielen Menschen unheimlich ist, während Snowden eher wie der nette Junge von nebenan wirkt und noch dazu eine hübsche Freundin hat, mit der er mittlerweile in Russland zusammenlebt. Das macht es Snowden nach Greenwalds Ansicht leichter, Sympathien zu erringen. Erfreulich oder fair ist das nicht, aber leider wohl realistisch.

Der wahrscheinlich wichtigere – und zumindest politisch interessantere – Faktor ist aber wohl, dass bei Manning die Kriminalisierung und Dämonisierung durch die Mächtigen anscheinend zumindest ein Stück weit Erfolg hatte. Manning wurde direkt nach ihren Leaks inhaftiert, später vor Gericht gestellt und verurteilt. Das prägt die öffentliche Wahrnehmung – allzu viele Menschen sind wohl bereit, Mannings Handlungen angesichts der Tatsache, dass sie deswegen derzeit eine Haftstrafe verbüßt, ebenfalls als suspekt zu sehen. Zudem kann Manning aufgrund ihrer Inhaftierung die öffentliche Diskussion kaum mitgestalten. Zwar gelang es ihr, im Laufe der Jahre einige Kommentare zu schreiben und Interviews zu geben. Im Großen und Ganzen aber wird sie von der öffentlichen Diskussion effektiv fern gehalten.

Anders Snowden. Er schaffte es, sich der Strafverfolgung durch die USA zu entziehen, ging mutig mit seinen Leaks an die Öffentlichkeit und erklärte seine Motive für seinen kontroversen Schritt. Seitdem ist er immer wieder in den Medien, erklärt, nimmt Stellung, hält Vorträge. Ein Dokumentarfilm über ihn wurde sogar mit einem Oscar ausgezeichnet, indirekt auch eine Würdigung Snowdens und der gesellschaftlichen Bedeutung seiner Enthüllungen.

Snowdens Anerkennung ist ein wichtiger erster Schritt hin zu mehr Würdigung von Whistleblowern. Aber auch er wird vielfach noch nicht so gewürdigt und unterstützt, wie es angemessen wäre, erhält zum Beispiel von keinem westlichen Land Asyl (teilweise wohl auch auf Druck der USA) und wird nach wie vor von politischen Gegnern offen verleumdet und bedroht. Und Mannings Fall zeigt, dass Whistleblower, auch wenn sie offensichtlich aus idealistischen Motiven handeln und ihre Enthüllungen unser Verständnis von Politik und Gesellschaft maßgeblich fördern, nicht in jedem Fall mit unserer Solidarität rechnen können, dass diese vielmehr von individuellen Faktoren abhängig ist und wir es den Mächtigen zu leicht machen, unsere Meinung durch Propaganda und Einschüchterung zu beeinflussen.

Whistleblower – wichtiger denn je

Whistleblower, das zeigen die aktuellen Fälle, sind wichtiger denn je. Einerseits leben wir in einer Informationsgesellschaft, in der Wissen, mehr als jemals zuvor, Macht ist. Andererseits überbieten sich die Regierungen in Geheimnistuerei und nutzen immer wieder die nationale Sicherheit als Deckmantel für Größenwahn, ungezähmtes Machtstreben, Vertuschung von Verbrechen und schlichte Wirtschaftsspionage. Wir sollten dankbar sein, dass es Menschen gibt, die diese Machenschaften aufdecken, auch wenn sie dabei erhebliche persönliche Risiken eingehen.

Solidarität jetzt!

Es ist an der Zeit, dass wir Solidarität mit Whistleblowern zeigen, die uns die Machenschaften von Staat und Wirtschaft offen legen, dass wir sie – unabhängig von Repression und Kriminalisierung – als das anerkennen, was sie sind: Moderne Helden, die mit großer Zivilcourage versuchen, unsere politische Situation zu verbessern, und dafür häufig große persönliche Nachteile in Kauf nehmen. Nur darum sollte es gehen, nicht darum, ob ein Whistleblower, der so sehr zum Allgemeinwohl beiträgt, dabei womöglich den Buchstaben des Gesetzes verletzt (das ist sowieso Auslegungssache und die Auslegung allzu häufig durch Macht und Geld beeinflussbar) oder ob uns seine Nase passt.

Aber damit ist es nicht getan. Unsere Dankbarkeit und Anerkennung sollten wir nicht allein ausdrücken, indem wir beispielsweise Asyl für Snowden fordern oder Chelsea Manning bei ihren Gerichtskosten unterstützen (nicht, dass beides nicht absolut wichtig und notwendig wäre). Ebenso wichtig ist es, dass wir Konsequenzen aus den geleakten Informationen ziehen. Kein Whistleblower riskiert sein persönliches Glück und seine Freiheit, damit wir, wie es in den letzten Jahren nur allzu häufig geschehen ist, in den Nachrichten über die neuesten Enthüllungen lesen, uns kurz ärgern, einen wütenden Kommentar in irgendein Online-Forum schreiben und bei der nächsten Wahl doch wieder unser Kreuz bei denjenigen machen, die uns erwiesener Maßen in großem Stil hintergehen, anlügen und überwachen. Es ist vielmehr an der Zeit, auf die Straße zu gehen, politischen Druck auszuüben und unsere Mitmenschen so gut wie möglich über alles, das mutige Menschen wie Snowden und Manning uns offenbart haben, zu informieren. Nur dann werden deren Akte die politische Relevanz haben, die sie verdienen.


Teaser „PRISM Demo“ by Mike Herbst (CC BY-SA 2.0)


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Annika Kremer

Annika Kremer

schreibt regelmäßig über Netzpolitik und Netzaktivismus. Sie interessiert sich nicht nur für die Technik als solche, sondern vor allem dafür, wie diese genutzt wird und wie sie sich auf die Gesellschaft auswirkt.

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