Echelon: Späte Bestätigung für angeblich Paranoide

Die Bestätigung des “Echelon”-Programms zeigt, wie sehr wir tatsächlich überwacht werden – und dass die Realität mitunter jede Verschwörungstheorie übertrifft. Mehr als 25 Jahre, nachdem der investigative Journalist Duncan Campbell erstmals über das Echelon-Programm – ein flächendeckendes, beängstigend umfassendes Überwachungsprogramm der US-Geheimdienste – schrieb, wurde dessen Existenz nun durch Dokumente aus dem Snowden-Leak bestätigt. Das derzeitige Klima zeigt uns, wie sehr die Mächtigen tatsächlich unsere Kommunikation überwachen. Und es warnt uns davor, Warnungen vor dieser Überwachung pauschal als Verschwörungstheorie oder Paranoia abzutun.

Echelon: Bereits 1988 aufgedeckt

Bereits im Jahr 1988 schrieb der bekannte britische Journalist Duncan Campbell für das Magazin ”New Statesman“ einen Artikel über das US-Überwachungsnetzwerk ”Echelon“. Dabei handelt es sich nach Aussage Campbells um ein umfassendes, automatisiertes Überwachungsnetzwerk, das Telefon- und Internetkommunikation von entsprechenden Satelliten abgreift. Textbasierte Kommunikation wird dabei direkt auf bestimmte Schlüsselwörter hin untersucht.

Die US-Behörden bestritten die Existenz von Echelon stets. Personen, die das Programm öffentlicht erwähnten, sich über seine Existenz gar beschwerten, wurden häufig als paranoide Spinner oder als Verschwörungstheoretiker gebrandmarkt.

Späte Bestätigung durch den Snowden-Leak

Nun erfährt Campbell – und mit ihm indirekt auch jeder, der an die Existenz von Echelon glaubt und dafür womöglich Unannehmlichkeiten ausgesetzt war – eine späte Bestätigung. In den Snowden-Papieren findet sich ein Dokument von 2005, in dem Echelon ausdrücklich erwähnt wird. Das Dokument zeigt nicht nur, dass Echelon tatsächlich existiert und in der von Campbell beschriebenen Art und Weise funktioniert, sondern auch, wie es so lange geheim gehalten wurde.

Die Überwachungs-Agenda: Weitaus älter als der 11. September 2001

In den letzten Jahren, so wird uns von offizieller Seite gerne suggeriert, ist die Welt durch den internationalen Terrorismus weitaus gefährlicher und unberechenbarer geworden. Dementsprechend müssen wir schärfere Sicherheitsmaßnahmen (und die dazu gehörigen Eingriffe in individuelle Freiheiten) hinnehmen, um uns und unsere Werte zu schützen.

Ein Programm wie Echelon, das schon seit über 20 Jahren läuft, widerspricht dieser Behauptung. Zwar wird es auch damals entsprechende Argumente für die Notwendigkeit einer flächendeckenden Überwachung (wahrscheinlich die Kommunisten-Paranoia der letzten Jahre des kalten Krieges) gegeben haben. Letztendlich zeigt sich aber vor allem eines: externe Bedrohungen sind austauschbar – wichtig ist den Geheimdiensten und einer bestimmten Sorte Politiker nur, wie sie auf diese Bedrohungen reagieren, nämlich mit Überwachung, Kontrolle und einem umfassenden Misstrauen gegen neugierige, kritische Menschen mit eigener Meinung.

Die Realität: Mitunter beängstigender als jede Verschwörung

Eine weitere Lektion können wir aus den Vorgängen rund um Echelon lernen: nicht jeder, der als paranoid gebrandmarkt wird, ist es auch – oder zumindest ist so manche Paranoia nicht unbegründet. Zwar sollten wir uns hüten, Verschwörungstheorien unkritisch zu glauben, nur weil sie dem Staat Schlechtes zutrauen, haben sie doch oftmals ihre ganz eigene Agenda. Andererseits aber ist nicht alles, das dem offiziellen Narrativ widerspricht, gleich eine Verschwörungstheorie. Denn natürlich haben auch und gerade die Staaten und ihre Geheimdienste ein ganz reales Interesse an gezielter Desinformation – und beachtliche Kapazitäten in diesem Bereich.

Es bleibt nur eine kritische Prüfung jedes einzelnen Falles, ein sorgfältiges Auswerten vorhandener Indizien. Und die beunruhigende Erkenntnis, dass die Realität mitunter bedrohlicher sein kann als jede Verschwörungstheorie.

Wir brauchen mehr investigative Journalisten

Last but not least zeigt der Fall Echelon, wie wertvoll die Arbeit investigativer Journalisten ist. Campbell deckte einen skandalösen Vorgang auf und versuchte über Jahre, die Öffentlichkeit aufzuklären. Ohne ihn hätten wir womöglich erst jetzt von Echelon erfahren. Das verdient Respekt – und so viele Nachahmer wie möglich. In einer Welt, in der wir so flächendeckend überwacht und kontrolliert werden, sind Menschen, die den Mächtigen auf die Finger schauen, unverzichtbar, wenn wir uns ein Mindestmaß an Freiheit bewahren wollen. Zeigen wir diesen Menschen – wie auch den Whistleblowern, die sie immer wieder mit Insider-Informationen versorgen – den Respekt und die Anerkennung, die sie verdienen.


Teaser & Image „Überwachung“ (adapted) by Hunter McGinnis (CC BY 2.0)


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Annika Kremer

Annika Kremer

schreibt regelmäßig über Netzpolitik und Netzaktivismus. Sie interessiert sich nicht nur für die Technik als solche, sondern vor allem dafür, wie diese genutzt wird und wie sie sich auf die Gesellschaft auswirkt.

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