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Wie YouTube die Erde flach macht

Dass die Erde keine Scheibe ist, gehört eigentlich längst zur Selbstverständlichkeit. Schon Aristoteles erkannte vor rund 2.300 Jahren, dass von Schiffen stets erst die Mastspitze zu sehen war und leitete daraus die Kugelgestalt der Erde ab. Auch Unterschiede in Sternenbildern trugen zu dieser Erkenntnis bei. Trotzdem gibt es sie noch: Die Verfechter einer Erde in Scheibenform – und nicht einmal von vier Elefanten getragen, die ihrerseits auf einer durchs All schwimmenden Schildkröte stehen, wie in Terry Pratchetts humorstrotzenden Scheibenwelt-Romanen.

Die Verfechter der Flat Earth-Bewegung vermehren sich derzeit sogar, oder treten zumindest präsenter auf den Plan. Schuld daran: Ausgerechnet die digitale Videoplattform YouTube. So zumindest eine Studie der Texas Tech University.

Durch YouTube zum Flat Earther

Grundlage der Studie sind Interviews mit 30 Teilnehmern der Flat Earth Conference, der größten Konferenz der Flat Earth-Bewegung. Zugegeben, 30 Interviews sind keine stichhaltige Basis, trotzdem sind die Erkenntnisse aus den Interviews sehr interessant. So gaben 29 der 30 Befragten an, durch YouTube-Videos überzeugt worden zu sein. „Die einzige Person, die das nicht behauptete, war mit seiner Tochter und seinem Schwiegersohn da, die es auf YouTube gesehen und ihm davon erzählt haben“, sagt Asheley Landrum, Leiterin der Studie, an der Texas Tech University. Die Videovorschläge tauchten neben Videos zu anderen Verschwörungstheorien, wie etwa zum 11. September oder einer inszenierten Mondlandung, auf.

Hier greifen die Videos also genau die Personen auf, die ohnehin schon eine Skepsis bezüglich offizieller Darstellungen haben. Einige gaben aber auch an, die Videos angeschaut zu haben, um die Theorien widerlegen zu wollen. Schließlich konnten die Videos sie aber doch überzeugen.

Auch YouTube sieht Handlungsbedarf

Das Problem ist dem Videoportal jedoch nicht fremd. Bereits vor Veröffentlichung der Studienergebnisse sprach YouTube das Thema selbst im Rahmen ihres Blogs an. YouTube kündigte Änderungen in den Empfehlungen an, um extremen Inhalten entgegen zu wirken. Dabei werden sogar explizit auch die Flat Earth-Videos erwähnt. „Zu diesem Zweck werden wir beginnen, die Empfehlung grenzwertiger Inhalte und Inhalte, die den Nutzer auf schädliche Art falsch informieren – wie Videos, die eine erfundene Wunderheilung bewerben, die Erde als flach bekennen oder unverhohlen falsche Aussagen über historische Ereignisse wie 9/11 machen – zu reduzieren.“

Die Inhalte verbieten möchte YouTube trotzdem nicht. Man möchte weiterhin eine Plattform für freie Meinungsäußerung bleiben, extreme Inhalte aber nicht noch befeuern. Die Änderung soll über eine Kombination aus maschinellem Lernen und der Zusammenarbeit mit menschlichen Experten erreicht werden. Die Änderungen betreffen vorerst nur eine kleine Auswahl amerikanischer Videos. Sobald das System zuverlässig funktioniert, soll es aber auch auf andere Länder ausgeweitet werden.

Wir brauchen auch andere Videos

Landrum sieht YouTube übrigens nicht explizit als schädlich an. „Es gibt viele nützliche Informationen auf YouTube, aber eben auch viele Fehlinformationen“, erklärt sie gegenüber TheGuardian. „An eine flache Erde zu glauben ist an sich nichts Schlimmes, aber es kommt zusammen mit einem allgemeinen Misstrauen gegenüber Institutionen und Experten. Wir möchten, dass die Menschen Informationen kritisch hinterfragen, aber eben ausgewogen.“ Auch die Wissenschaft sieht sie in der Pflicht. „Wir wollen kein YouTube, voll mit Videos, die begründen die Erde sei flach. Wir brauchen auch andere Videos, die beweisen, warum diese Gründe falsch sind und Wege zeigen, wie man es selbst herausfinden kann.“

Auch die Scheibenwelt-Romane bieten eine flache Welt – mit einer Prise Humor und Gesellschaftskritik (Provisionslink)


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Warum Menschen an Verschwörungstheorien glauben und wie man ihre Meinung ändert

Ich sitze im Zug, als seine Gruppe Fußballfans hereinströmt. Direkt vom Spiel – ihr Team hat offenbar gewonnen – besetzen sie die leeren Sitze um mich herum. Eine Frau nimmt eine weggeworfene Zeitung und kichert hämisch, als sie über die neuesten „alternativen Fakten“ liest, die von Donald Trump verbreitet wurden.

Die anderen mischen sich schon bald mit ihren Gedanken über die Vorliebe des US-Präsidenten für Verschwörungstheorien ein. Das Gespräch geht bald in andere Verschwörungen über und ich höre gerne zu, als die Gruppe sich erbarmungslos über Klimaleugner, Chemtrails Mems und die neueste Erleuchtung von Gwyneth Paltrow lustig macht.

Dann herrscht Stille und einer nutzt dies als Möglichkeit, Folgendes anzuführen:

Dieses Zeug mag Unsinn sein, aber versucht nicht, mir zu erzählen, dass man allem vertrauen kann, was einem von der breiten Masse zugeführt wird! Denkt an die Mondlandung. Sie waren offensichtlich gefälscht – und das nicht einmal gut. Ich habe vor ein paar Tagen diesen Blog gelesen, in dem stand, dass nicht einmal Sterne auf den Bildern zu sehen waren!

Zu meinem Erstaunen führt die Gruppe weitere „Beweise“ an, die die Falschmeldung über die Mondlandung unterstützen: Widersprüchliche Schatten auf Fotos, eine wehende Fahne, obwohl es auf dem Mond doch keine Atmosphäre gibt oder wie Neil Armstrong gefilmt wurde, als er auf der Mondoberfläche herumstapfte, wenn doch keiner da war, der die Kamera gehalten hatte.

Noch eine Minute zuvor schienen sie rational denkende Menschen zu sein, die fähig waren, Beweise zu beurteilen und eine logische Schlussfolgerung zu ziehen. Aber nun gehen die Dinge den Bach hinunter. Also atme ich tief durch und entscheide mich dazu, mich einzumischen: „Eigentlich kann das alles recht einfach erklärt werden…“

Sie drehen sich zu mir, entsetzt, dass ein Fremder es wagt, sich in ihr Gespräch einzumischen. Ich mache unbeirrt weiter und konfrontiere sie mit einem Schwall von Fakten und rationalen Erklärungen.

„Die Flagge flatterte nicht im Wind, sie bewegte sich nur, als Buzz Aldrin sie in den Boden gesteckt hatte! Die Bilder wurden zur Tageszeit auf dem Mond gemacht – und natürlich kann man tagsüber die Sterne nicht sehen. Die komischen Schatten sind da wegen der sehr weitwinkligen Linsen, die die Fotos ein wenig verzerren. Und es hat niemand das Bildmaterial genutzt, auf dem Neil die Leiter hinuntersteigt. Eine Kamera war außen an der Mondfähre angebracht. Die hat gefilmt, wie er seinen gigantischen Sprung gewagt hat. Wenn das noch nicht reicht, liefern die Fotos vom Landeplatz des Lunar Reconnaissance Orbiter den letzten entscheidende Beweis, auf denen man ganz deutlich die Spuren sehen kann, die die Astronauten hinterlassen haben, als sie über die Mondoberfläche gingen.“

So, jetzt habe ich es ihnen gezeigt, denke ich bei mir. Aber es scheint, als wären meine Zuhörer noch lange nicht überzeugt. Sie wenden sich von mir ab und geben jede Menge seltsame Behauptungen ab. Stanley Kubrick hat alles gefilmt, Mitwissende sind auf geheimnisvolle Weise gestorben, und so weiter…

Der Zug hält. Es ist nicht meine Station, aber ich steige trotzdem aus. Als ich etwas verschüchtert auf die Lücke zwischen Zug und Bahnsteigkante starre, frage ich mich, warum es meine dargelegten Tatsachen absolut nicht geschafft haben, ihre Meinung zu ändern.

Die einfache Antwort ist, dass Fakten und rationale Argumente nicht wirklich so gut dafür geeignet sind, die Überzeugungen der Leute zu ändern. Das kommt daher, dass unsere rational denkenden Hirne sich an unsere nicht so weit entwickelte, evolutionär bedingte Verbindungen in unserer Wahrnehmung angepasst haben. Ein Grund, warum Verschwörungstheorien so oft auftauchen, ist unser Wunsch, der Welt eine Struktur zu geben. Wir sind außerdem bestrebt, in allem, was uns begegnet, bestimmte Muster zu erkennen. Tatsächlich zeigte eine kürzlich durchgeführte Studie einen Zusammenhang zwischen dem Verlangen nach Struktur und der Tendenz, an eine Verschwörungstheorie zu glauben.

Schauen Sie sich beispielsweise diese Sequenz an:
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Können Sie ein Muster erkennen? Sehr wahrscheinlich – und Sie sind nicht alleine. Eine kurze Twitter-Umfrage (die einer weitaus strengern kontrollierten Studie nachempfand) behauptete, dass 56 Prozent der Leute mit Ihnen übereinstimmen, obwohl die Sequenz nur entstanden ist, weil ich eine Münze geworfen habe.

Es scheint, als wäre unser Wunsch nach Struktur und unsere Fähigkeit, Muster zu erkennen, lebhaft ausgeprägt, was eine Tendenz herbeiführt, Muster zu erkennen – wie Konstellationen, Wolken, die wie Hunde aussehen und Impfstoffe, die Autismus herbeiführen – wenn eigentlich gar keine da sind.

Die Fähigkeit, Muster zu sehen, war für das Überleben unserer Ahnen wahrscheinlich sehr nützlich – es war wohl besser, fälschlicherweise Anzeichen eines Raubtieres zu vermuten, als eine echte große hungrige Katze zu übersehen. Aber wirft man dieselbe Tendenz in unsere informationsreiche Welt hinein, sehen wir nichtexistente Verbindungen zwischen Ursachen und Effekten – also Verschwörungstheorien – einfach überall.

Gruppenzwang

Ein weiterer Grund, warum wir so erpicht darauf sind, an Verschwörungstheorien zu glauben, ist der, dass wir soziale Wesen sind. Unser Status in der Gesellschaft ist von einem evolutionären Standpunkt aus weitaus wichtiger, als Recht zu haben. Daher vergleichen wir unsere Handlungen und Vorstellungen immer mit denen unserer Mitmenschen und passen sie an, um dazuzugehören. Das bedeutet, dass wir sehr wahrscheinlich dem folgen, was die Gruppe glaubt, der wir uns zugehörig fühlen.

Der Effekt sozialer Beeinflussung auf unser Verhalten wurde gut im Jahr 1961 durch das Straßenecken-Experiment demonstriert, das von dem US-Psychologen Stanley Milgram, der wegen seiner Untersuchungen, wie man Gehorsam gegenüber Autoritäten einfordert, berühmt geworden ist, und seinen Kollegen durchgeführt wurde. Das Experiment war einfach und unterhaltsam genug, um es nachzumachen. Entscheiden Sie sich einfach für eine belebte Straßenecke und starren Sie 60 Sekunden lang in den Himmel.

Mit großer Wahrscheinlichkeit werden nur ein paar Menschen stehen bleiben und schauen, was Sie sich ansehen – in dieser Situation fand Milgram heraus, dass nur etwa vier Prozent der Passanten mitmachten. Nun bringen Sie einige Freunde mit und probieren Sie es noch einmal. Wenn die Gruppe wächst, werden immer mehr Fremde stehen bleiben und nach oben starren. Hat die Gruppe erst einmal eine Größe von 15 Leuten erreicht, die in den Himmel starren, werden um die 40 Prozent der Passanten stehen bleiben und ihr Gesicht zusammen mit Ihnen in die Höhe strecken. Sicherlich hat jeder von uns Erlebnisse dieser Art schon einmal in Kaufhäusern bemerkt, wenn man sich zu den Ständen hingezogen fühlt, um die eine ganze Menschentraube steht.

Das Prinzip gilt genauso für Gedanken. Wenn mehrere Leute etwas glauben, ist es wahrscheinlicher, dass wir dies als wahr akzeptieren. Und wenn wir durch unsere soziale Gruppe einer bestimmten Idee extrem ausgesetzt sind, wird diese in unsere Weltanschauung eingebettet. Kurz gesagt ist der soziale Beleg eine weitaus effektivere Überzeugungstechnik als ein Beleg, der rein auf Fakten basiert. Das ist auch der Grund, weshalb diese Art von Beleg in der Werbung so beliebt ist („80 Prozent der Mütter stimmen zu“).

Der soziale Beweis ist nur einer aus einer Menge logischer Täuschungen, die ebenfalls dazu führen, dass wir Beweise übersehen. Ein verwandtes Problem ist der omnipräsente Bestätigungsfehler. Hier tendieren viele Leute dazu, jenen Daten zu glauben, die ihre Ideen unterstützen und die Beweise zu ignorieren, die sie nicht bestätigen. Wir alle leiden daran. Denken Sie einfach an das letzte Mal zurück, als im Fernsehen oder im Radio eine Debatte lief. Wie überzeugend war das Argument, das gegen unsere Ansichten war im Vergleich zu jenem, das mit unserer Überzeugung übereinstimmte?

Aller Wahrscheinlichkeit nach haben wir, ganz egal, wie rational die jeweilige Seite war, die Gegenargumente hauptsächlich ausgeblendet, während wir uns auf die Seite derer schlagen wollten, die mit unserer Auffassung übereinstimmten. Bestätigungsfehler manifestieren sich auch als eine Tendenz, Information aus Quellen zu wählen, die bereits mit unseren Anschauungen übereinstimmen (die wahrscheinlich aus dem sozialen Umfeld stammen, aus der wir kommen). Daher bestimmten Ihre politischen Anschauungen wahrscheinlich ihren Nachrichtenkonsum.

Natürlich gibt es ein Glaubenssystem, das logische Täuschungen wie Bestätigungsfehler erkennt und versucht, sie aus dem Weg zu räumen. Die Wissenschaft macht durch Wiederholungen von Beobachtungen aus Anekdoten reine Daten, reduziert Bestätigungsfehler und akzeptiert, dass Theorien durch neue Beweise aktualisiert werden können. Das heißt, sie ist offen genug, ihre Kerntexte zu bearbeiten. Trotzdem werden wir alle von Bestätigungsfehlern geplagt. Der Starphysiker Richard Feynman beschrieb ein Beispiel, das in einer der schlüssigsten Gebiete der Wissenschaft auftrat: Der Elementarteilchenphysik.

„Millikan hat die Ladung eines Elektrons durch ein Experiment mit fallenden Öltropfen gemessen und bekam eine Antwort, von der wir nun wissen, dass sie nicht ganz richtig ist. Sie weicht ein wenig ab, weil er den falschen Wert für die Viskosität der Luft hatte. Es ist interessant, sich die Geschichte der Messungen der Ladungen von Elektronen nach Millikan anzusehen. Wenn man sie als eine Funktion der Zeit darstellt, kommt man darauf, dass eines etwas größer ist als die Millikans und das nächste etwas größer als dieses und das nächste wiederum größer, bis sie letztendlich auf eine höhere Zahl kommen.“

„Warum kamen sie nicht gleich darauf, dass die neue Zahl höher war? Für Geschichten wie diese schämen sich Wissenschaftler. Wenn sie eine Angabe erhielten, die die Millikans überstieg, dachten sie, sie hätten eine Fehler gemachtsuchten und fanden eine Lösung, warum etwas eventuell falsch war. Wenn sie eine Zahl hatten, die näher an Millikans Wert war, suchten sie nicht so gründlich.“

Mythos-erweiternde Pannen

Manch einer mag sich nach den populären Medien richten und Irrglauben und Verschwörungstheorien durch den Mythos-erweiternden Zugang zu bewältigen. Den Mythos neben der Realität zu nennen scheint eine gute Möglichkeit zu sein, um die Tatsachen und die Lügen zu vergleichen, sodass die Wahrheit ans Licht kommen wird. Aber wieder stellt sich heraus, dass dies ein schlechter Zugang ist. Es scheint einen Fehlschlageffekt hervorzurufen. Hierbei ist der Mythos letztendlich das, was im Kopf bleibt – und nicht die Tatsache selbst.

Eines der hervorragendsten Beispiele dazu hat eine Studie gezeigt, die Flyer zu Mythen und Fakten über Grippeimpfstoffe bewertete. Direkt nach dem Lesen erinnerten sich die Teilnehmer genau an die Fakten als Fakten und die Mythen als Mythen. Doch nur 30 Minuten später schien dies völlig auf den Kopf gestellt worden zu sein, da man sich an die Mythen viel eher als „Fakten“ erinnerte.

Man glaubt, dass das reine Erwähnen der Mythen hilft, diese zu untermauern. Wenn dann die Zeit vergeht, vergisst man den Kontext, in dem man den Mythos gehört hat – in diesem Fall während einer Erklärung – und erinnert sich nur mehr an den Mythos selbst.

Was noch schlimmer ist: Führt man einer Gruppe mit einem sehr festgesetzten Anschauungskatalog neues Wissen vor, kann dies ihre Anschauungen noch bestärken, obwohl die neue Information diese eigentlich schwächen sollte. Neue Beweise führen zu Widersprüchlichkeiten in unserem Weltbild und zu einem damit assoziierten emotionalen Unwohlsein. Aber anstatt unsere Anschauungen zu modifizieren, tendieren wir dazu, sie vor uns selbst zu rechtfertigen und anderslautende Theorien umso mehr abzulehnen, was uns noch mehr in unserem Weltbild bestärkt. Diese Tatsache kennt man als „Bumerang-Effekt“. Tatsächlich ist dieser Effekt ein großes Problem, wenn man versucht, Menschen zu besserem Verhalten umzupolen.

Beispielsweise haben Studien gezeigt, dass öffentliche Informationsanzeigen, die dazu dienen sollten Rauchen, Alkohol- und Drogenkonsum zu reduzieren, alle den gegenteiligen Effekt erzielten.

Freundschaften können helfen

Wenn wir uns also nicht auf die Fakten verlassen können, wie bringen wir Leute dann dazu, ihre Verschwörungstheorien oder andere irrationale Ideen zu verwerfen? Wahrscheinlich kann hier nur Bildung langfristig helfen. Damit meine ich nicht eine Vertrautheit mit wissenschaftlichen Fakten, Zahlen und Techniken. Was tatsächlich notwendig ist, ist Bildung in der wissenschaftlichen Methode, wie beispielsweise analytisches Denken. Tatsächlich zeigen Studien, dass das Verwerfen von Verschwörungstheorien mit mehr analytischem Denken verbunden ist. Viele Leute werden nie in der Wissenschaft tätig sein, aber wir nutzen sie oft genug. Daher brauchen die Bürger die Fähigkeiten, wissenschaftliche Behauptungen kritisch zu beurteilen.

Natürlich würde es mir bei der Situation im Zug nicht helfen, den Lehrplan eines Landes zu ändern. Für einen direkteren Zugang ist es wichtig, zu verstehen, dass es sehr hilft, Teil einer Gemeinschaft zu sein. Bevor man beginnt, jemanden bekehren zu wollen, sollte man erst einmal gemeinsame Werte feststellen.

Um den Fehlschlageffekt zu vermeiden, sollte man die Mythen ignorieren. Man sollte sie gar nicht erwähnen. Wichtig sind nur die Kernpunkte: Impfstoffe sind sicher und reduzieren die Chance, Grippe zu bekommen, um 50 bis 60 Prozent. Und das reicht. Man sollte keine Missverständnisse benennen, da man sich an diese oft besser erinnert.

Man sollte seine Gegner auch nicht provozieren, indem man deren Weltbild in Frage stellt. Stattdessen sollte man Erklärungen anbieten, die mit den bereits existierenden Vorstellungen harmonieren. Beispielsweise verändern konservative Klimawandel-Leugner ihre Meinung eher, wenn man ihnen auch die Geschäftsmöglichkeiten für die Umwelt präsentiert.

Ein weiterer Vorschlag: Nutzen Sie Anekdoten, um ihren Argumente zu präsentieren. Menschen engagieren sich mit Hilfe von persönlichen Erzählungen weitaus mehr als durch Diskussionen oder Situationsbeschreibungen. Erzählungen verbinden Ursache und Effekt. So werden die Schlussfolgerungen, die präsentiert werden sollen, unvermeidlich mit abgespeichert.

All das soll natürlich nicht heißen, dass die Fakten und wissenschaftlicher Konsens nicht wichtig sind. Sie sind es sogar sehr. Aber wenn man sich der Makel in unserem Denken bewusst ist, ist es einfacher, seinen Standpunkt auf überzeugendere Weise zu präsentieren.

Es ist unverzichtbar, dass wir Lehrsätze herausfordern. Aber statt willkürliche Punkte miteinander zu verbinden oder eine Verschwörungstheorie zu erschaffen, müssen wir von den Entscheidungsmachern die entsprechenden Beweise verlangen. Fragen Sie nach den Daten, die eventuell eine Anschauung untermauern und suchen Sie nach Informationen, die sie auf die Probe stellen. Ein Teil dieses Prozesses bedeutet, unsere eigenen voreingenommenen Instinkte, Begrenzungen und logische Täuschungen zu erkennen.

Wie wäre also mein Gespräch im Zug verlaufen, hätte ich meine eigenen Ratschläge beherzigt? Gehen wir zu dem Moment zurück, als ich begriff, dass die Dinge den Bach runtergingen. Dieses Mal atme ich tief durch und mische mich ein. „Hey, tolles Ergebnis beim Spiel. Eine Schande, dass ich kein Ticket bekommen konnte.“ Bald sind wir vertieft ins Gespräch und diskutieren über die Chancen des Teams in dieser Saison. Nach ein paar Minuten des Gesprächs, wende ich mich an den Verschwörungstheoretiker. „Hey, ich dachte gerade an diese Sache, die du über die Mondlandung gesagt hast. War nicht auf einigen Fotos auch die Sonne zu sehen?“ Er nickt. „Was bedeutet, dass es am Mond Tag war. Würdest du denken, dass man dort, wie hier auf der Erde, Sterne sehen kann?“„Hm, wahrscheinlich nicht, daran habe ich nicht gedacht. Vielleicht war in diesem Blog nicht alles richtig.“

Dieser Artikel erschien zuerst auf „The Conversation“ unter CC BY-ND 4.0. Übersetzung mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.


Image (adapted) „Arbeitsplatz“ by Free-Photos (CC0 Public Domain)


The Conversation

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Witz in wuchernden Netzwerken gegen das populistische Bullshit-Bingo

Sind Fake News, Propaganda, Denunziantentum, Gerüchte, Rabulistik, Plagiate, Verschwörungstheorien oder Hass ein Phänomen der Jetztzeit, ein Ergebnis von Plattformen wie Twitter oder Facebook? Natürlich nicht. Im Kern geht es den Aussendern solcher Botschaften immer um das gleiche Ziel. Diskurshoheit, Deutungsmacht und Herausforderung der Eliten in Wirtschaft, Politik, Gesellschaft, Medien und Kultur. Es sind irgendwelche abstrakten Interessen der Allgemeinheit, des „Volkes“, einer Gruppe oder von Grüppchen, die unter dem Joch eines vernetzten und undurchsichtigen Syndikats leiden. Erinnert sei an die Kampfschriften von Mathilde Ludendorff, Ehefrau des prominenten Generals Erich Ludendorff.

Verschwörungstheoretisches Ludendorff-Geschreibsel

Sie rührt Freimaurer, Illuminaten, Juden und Jesuiten zu einem antideutschen Verschwörungsbrei zusammen und pfeift auf jegliche Sachkenntnis in historischen Fragen. Zu den diversen Geheimbünden gesellen sich in wildem Anachronismus auch noch Kommunisten, also die 1917 gegründete russische Staatssicherheit namens Tscheka. Nachzulesen bei Markus Wallenborn über Verschwörungstheorien zu Goethe und Schiller.  Die absurden Thesen von Frau Ludendorff über die angebliche Ermordung Friedrich Schillers stießen auf so starken Anklang, dass sich die Weimarer Goethe-Gesellschaft genötigt sah, sämtliche Quellen zu Schillers Tod zwecks Gegendarstellung zu prüfen. Bis heute sind die Texte der Generalsgattin in den sumpfigen Niederungen der völkischen und nationalistischen Publizistik verfügbar.

Fakes und die Geschichte der Reproduktionstechnologien

Fakes waren allerdings immer schon ein gesellschaftliches Experimentierfeld und es ging dabei nicht immer um völkische PR-Feldzüge. Gefakte Publikationen gehören zur Geschichte des Druckwesens. Etwa das Magazin „La Révolution Surréaliste“, das zwischen 1924 und 1929 erschien. „Die Gestaltung der ersten, von André Breton verantworteten Ausgabe hatte starke Ähnlichkeit mit dem konservativen wissenschaftlichen Journal ‚La Nature‘ und konfrontierte so die Leser unerwartet mit den damals skandalösen Inhalten der Surrealisten“, schreibt der Künstler und Medienkritiker Alessandro Ludovico in einem Beitrag für die Zeitschrift postdigital.

Papst wird polnischer König

„Il Male“ (Das Böse) war eine Initiative des „Kreativen Autonomismus“ von 1977 und lancierte Kampagnen mit pseudo-journalistischen „Exklusivmeldungen“ in der Aufmachung von großen italienischen Zeitungen, die an den Kiosken platziert wurden und heftige Reaktionen hervorriefen. In Polen wurde 1979 während des Besuchs von Papst Johannes Paul II die Zeitung „Trybuna Ludu“ verteilt, deren Schlagzeile „Regierung tritt zurück, Wojtyla zum König gekrönt“ lautete. „In Frankreich erreichte einige Abonnenten ein anonymes Fake der ‚Le Monde Diplomatique‘ mit satirischen Kommentaren über das Blutbad im Stammheimer Gefängnis der Roten Armee Fraktion. Und schließlich zirkulierte 1983 in Kabul und Ostberlin eine falsche ‚Krasnaja Svezda‘, eigentlich ein Blatt für das sowjetische Militär, das verkündete, dass der Krieg zu Ende sei dank zweier Armeeköche (die Chonkin-Cousins), deren Köstlichkeiten russische Militärchefs in den ewigen Schlaf geschickt hätten“, erläutert Ludovico.

Für erhitzte Debatten im Digitalen sorgen auch die Macher von „The Onion“, die sich auf den Meldungsstil der Medienkonzerne in Web- und TV-Formaten konzentrieren und sie in Fakes umwandeln, um virale Scoops im Social Web zu landen. Für Debattensprengstoff sorgte eine gefälschte Headline von „BBC Scotlandshire“ über die Baugenehmigung eines Thatcher-Museums im schottischen Dundee. Was wäre wohl los, wenn ich über die Schaffung einer Horst-Seehofer-Siegessäule in Bonn berichten würde? Seit dem es Möglichkeiten der mechanischen Reproduzierbarkeit gibt, wimmelt es in der Publizistik von Falschmeldungen, undurchsichtigen Verdächtigungen und Scheinwahrheiten. Die Geschwindigkeit und Exaktheit digitaler Reproduktions-Technologien wirkt dabei nur als Teilchenbeschleuniger eines alten Phänomens.

Neues Biotop für Falschmeldungen

Neu ist dabei der Zerfall der öffentlichen Meinung. Die Netzöffentlichkeit steht vor allem für eine fundamentale Veränderung der öffentlichen Sphäre. Öffentliche und individuelle Kommunikation verschwimmen. Und ob ich nun mit meiner eigenen Teilöffentlichkeit wenige oder sehr viele Menschen erreiche oder nicht, vorher war es schlicht unmöglich, ohne großen Aufwand eine eigene Öffentlichkeit herzustellen, die über den Nachbarzaun reichte. Angesichts einer Inflation von persönlichen Öffentlichkeiten ist es schwieriger geworden, verbindliche und fundierte Entscheidungen zu treffen.

Es passiert immer häufiger, dass in den persönlichen Öffentlichkeiten strittige Themen anders bewertet und gedeutet werden als in den Massenmedien und in politischen Institutionen. Das von der Demoskopin Noelle-Neumann beobachtete „doppelte Meinungsklima“ – also das Auseinanderdriften von Bevölkerungsmeinung und Medientenor – kommt immer häufiger vor. Die Dynamik in sozialen Netzwerken ist nicht so sehr geprägt von tradierten Hierarchien und Jahrzehnte alten Rollenmustern, sondern von den kurzfristig aufsummierten Handlungen vieler Menschen.

Fake News-Produzenten nutzen das Vakuum einer zersplitterten Öffentlichkeit

Die Potenziale für Deutungsmacht sind sehr viel breiter verteilt als früher, nicht nur auf klassische Öffentlichkeitsberufe wie Journalisten und Politiker. Und das ist ein Vakuum, in das Kampagnen-Plattformen wie Breitbart reinstoßen, um die politischen Meinungsbildung und das Wahlverhalten zu beeinflussen.

„Hinter Breitbart stecken vermutlich vermögende Privatinvestoren“, so der Publizist Christoph Kappes, der mit der Gründung von Schmalbart eine Gegenströmung initiiert. Breitbart sei wirtschaftlich gut ausgestattet und habe sich zum Ziel gesetzt, klassische Medien zu zerstören. „Breitbart sieht sich selbst als antimedial“, so Kappes im Interview mit detektor.fm.

Das macht die Gemengelage so brandgefährlich und beweist, wie die etablierten Kräfte in Politik und Medien den Zerfall der Meinungsbildung nach den tradierten Mustern in den vergangenen Jahren unterschätzt haben. Das gleiche Versäumnis sehe ich in der empirischen Sozialforschung. Brexit und der Wahlerfolg von Donald Trump ändern das jetzt hoffentlich.

In wuchernden Netzstrukturen aktiv werden

Es reicht einfach nicht mehr aus, mit schweren Tankern im Social Web unterwegs zu sein und sich hinter Institutionen zu verstecken. Man muss personalisiert, vernetzt und schnell handeln. Der Philosoph Gilles Deleuze hat dafür das Bild des Rhizoms geprägt. Moderne Organisationen müssen in wuchernden und unübersichtlichen Netzstrukturen anders vorgehen. Man braucht vielfältige Geschicklichkeiten, um sich Gehör zu verschaffen. Das Viele, das Multiple muss in allen Dimensionen beackert werden, so Deleuze. „Ein solches System kann man Rhizom nennen.“ Es sind Knollen und Knötchen, die die Verknüpfung und Vielfalt bewältigen.

Logik von Organisationen ändert sich

„Im Unterschied zu den Bäumen und ihren Wurzeln verbindet das Rhizom einen beliebigen Punkt mit einem anderen: jede seiner Linien verweist nicht zwangsläufig auf gleichartige Linien, sondern bringt sehr verschiedene Zeichensysteme ins Spiel und sogar nicht signifikante Zustände… Es besteht nicht aus Einheiten, sondern aus Dimensionen“, schrieben Gilles Deleuze und Félix Guattari im Merve-Band „Rhizom“, erschienen 1977 (!).

So ein wenig klingt das auch beim Projekt Schmalbart an: „Man muss sich zusammentun und entgegen aller Logik von Organisationen versuchen, statt ihres Fortbestandes ihren Zweck zu erreichen“, so Kappes. Schmalbart sei nicht „Blog“, sondern wird Form und Formate so wechseln, wie es taktisch erforderlich ist. Schmalbart habe eventuell nicht nur eine Homebase auf Facebook, Schmalbart soll überall sein.So wolle man auf Suchbegriffe der Rechtspopulisten reagieren, etwa beim Thema Massenvergewaltigung. Über bestimmte Websites werde der Eindruck vermittelt, als sei das in Deutschland ein alltäglicher Vorgang. „Und das ist nach meiner Auffassung systemisch bedingt. Klassische Medien vermeiden solche politischen Kampfbegriffe. Dadurch entstehen im Netz Informationslücken“, sagt Kappes.

Wenn absichtlich die Begriffe der populistischen Agitatoren gemieden werden, macht man damit die Inhalte dieser Kreise zugänglich und produziert unfreiwillig Filterblasen. Es gebe sicherlich gute Gründe, bestimmte Begriffe nicht zu benutzen, weil sie allein durch die Verwendung eine Bedeutung bekommen. Kappes verweist auf die Forschungsarbeiten über das Verhältnis von Zeichen und Bedeutung (mir kommt dabei sofort der Semiologe Roland Barthes in den Sinn).

Wenn man diese Leerstelle allerdings nicht besetzt, werden Wirklichkeiten konstruiert und selektiv von Breitbart und Co. erzeugt. Allein durch den inflationären Einsatz von Kampfbegriffen wie „ausländische Invasoren“, „Lügenmaul“ oder „Massenvergewaltigungen“. Mit Dossiers, die in hoher Qualität beispielsweise von der Bundeszentrale für politische Bildung erstellt werden, komme man nicht weiter, meint Kappes.

Jean Paul lesen

„Sie sind sehr lang und lassen sich nur schwer im Social Web teilen. Ähnliches gilt auch für die lexikalischen Artikel von Wikipedia, die sich in den ersten Absätzen mit Abgrenzungsproblemen zu anderen Begriffen beschäftigen. Das macht sie unbrauchbar, wenn man mal eben wissen will, wie es um den Ausbildungsstand von syrischen Flüchtlingen steht, die im Jahr 2016 nach Deutschland kamen. Gerade diese Fakten sind schwer zugänglich und häufig nicht in einer Form aufbereitet, wie man sie braucht.“

Schmalbart will das ändern. Das Notiz-Amt empfiehlt dabei den Stil des Schriftstellers Jean Paul. Man sollte sich nicht in einem bestimmten Lehrgebäude einigeln, sondern in allen und keinem zuhause sein: Mit Bildung und Witz. „Anders als der Scharfsinn – der die Leser wie in einer mathematischen Beweisführung an die Hand nimmt und Schritt für Schritt von A zu O führt, lässt sich der Witz nicht bei der Arbeit zusehen, sondern überrascht mit dem Ergebnis, und zwar je unerwarteter, umso effektvoller“, führt Roberto Simanowski in seinem Opus „Facebook-Gesellschaft“ aus. Die Seele des Witzes liege in der Kürze. Zudem schärft er die Sinne für die immer gleiche Schallplatte, die von den Bullshit-Bingo-Populisten aufgelegt wird.


Image „lying“ by tswedensky (CC0 Public Domain)


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Echelon: Späte Bestätigung für angeblich Paranoide

Kamera Überwachung (adapted) (Image by webandi [CC0 Public Domain] via Pixabay)

Die Bestätigung des “Echelon”-Programms zeigt, wie sehr wir tatsächlich überwacht werden – und dass die Realität mitunter jede Verschwörungstheorie übertrifft. Mehr als 25 Jahre, nachdem der investigative Journalist Duncan Campbell erstmals über das Echelon-Programm – ein flächendeckendes, beängstigend umfassendes Überwachungsprogramm der US-Geheimdienste – schrieb, wurde dessen Existenz nun durch Dokumente aus dem Snowden-Leak bestätigt. Das derzeitige Klima zeigt uns, wie sehr die Mächtigen tatsächlich unsere Kommunikation überwachen. Und es warnt uns davor, Warnungen vor dieser Überwachung pauschal als Verschwörungstheorie oder Paranoia abzutun.

Echelon: Bereits 1988 aufgedeckt

Bereits im Jahr 1988 schrieb der bekannte britische Journalist Duncan Campbell für das Magazin ”New Statesman“ einen Artikel über das US-Überwachungsnetzwerk ”Echelon“. Dabei handelt es sich nach Aussage Campbells um ein umfassendes, automatisiertes Überwachungsnetzwerk, das Telefon- und Internetkommunikation von entsprechenden Satelliten abgreift. Textbasierte Kommunikation wird dabei direkt auf bestimmte Schlüsselwörter hin untersucht.

Die US-Behörden bestritten die Existenz von Echelon stets. Personen, die das Programm öffentlicht erwähnten, sich über seine Existenz gar beschwerten, wurden häufig als paranoide Spinner oder als Verschwörungstheoretiker gebrandmarkt.

Späte Bestätigung durch den Snowden-Leak

Nun erfährt Campbell – und mit ihm indirekt auch jeder, der an die Existenz von Echelon glaubt und dafür womöglich Unannehmlichkeiten ausgesetzt war – eine späte Bestätigung. In den Snowden-Papieren findet sich ein Dokument von 2005, in dem Echelon ausdrücklich erwähnt wird. Das Dokument zeigt nicht nur, dass Echelon tatsächlich existiert und in der von Campbell beschriebenen Art und Weise funktioniert, sondern auch, wie es so lange geheim gehalten wurde.

Die Überwachungs-Agenda: Weitaus älter als der 11. September 2001

In den letzten Jahren, so wird uns von offizieller Seite gerne suggeriert, ist die Welt durch den internationalen Terrorismus weitaus gefährlicher und unberechenbarer geworden. Dementsprechend müssen wir schärfere Sicherheitsmaßnahmen (und die dazu gehörigen Eingriffe in individuelle Freiheiten) hinnehmen, um uns und unsere Werte zu schützen.

Ein Programm wie Echelon, das schon seit über 20 Jahren läuft, widerspricht dieser Behauptung. Zwar wird es auch damals entsprechende Argumente für die Notwendigkeit einer flächendeckenden Überwachung (wahrscheinlich die Kommunisten-Paranoia der letzten Jahre des kalten Krieges) gegeben haben. Letztendlich zeigt sich aber vor allem eines: externe Bedrohungen sind austauschbar – wichtig ist den Geheimdiensten und einer bestimmten Sorte Politiker nur, wie sie auf diese Bedrohungen reagieren, nämlich mit Überwachung, Kontrolle und einem umfassenden Misstrauen gegen neugierige, kritische Menschen mit eigener Meinung.

Die Realität: Mitunter beängstigender als jede Verschwörung

Eine weitere Lektion können wir aus den Vorgängen rund um Echelon lernen: nicht jeder, der als paranoid gebrandmarkt wird, ist es auch – oder zumindest ist so manche Paranoia nicht unbegründet. Zwar sollten wir uns hüten, Verschwörungstheorien unkritisch zu glauben, nur weil sie dem Staat Schlechtes zutrauen, haben sie doch oftmals ihre ganz eigene Agenda. Andererseits aber ist nicht alles, das dem offiziellen Narrativ widerspricht, gleich eine Verschwörungstheorie. Denn natürlich haben auch und gerade die Staaten und ihre Geheimdienste ein ganz reales Interesse an gezielter Desinformation – und beachtliche Kapazitäten in diesem Bereich.

Es bleibt nur eine kritische Prüfung jedes einzelnen Falles, ein sorgfältiges Auswerten vorhandener Indizien. Und die beunruhigende Erkenntnis, dass die Realität mitunter bedrohlicher sein kann als jede Verschwörungstheorie.

Wir brauchen mehr investigative Journalisten

Last but not least zeigt der Fall Echelon, wie wertvoll die Arbeit investigativer Journalisten ist. Campbell deckte einen skandalösen Vorgang auf und versuchte über Jahre, die Öffentlichkeit aufzuklären. Ohne ihn hätten wir womöglich erst jetzt von Echelon erfahren. Das verdient Respekt – und so viele Nachahmer wie möglich. In einer Welt, in der wir so flächendeckend überwacht und kontrolliert werden, sind Menschen, die den Mächtigen auf die Finger schauen, unverzichtbar, wenn wir uns ein Mindestmaß an Freiheit bewahren wollen. Zeigen wir diesen Menschen – wie auch den Whistleblowern, die sie immer wieder mit Insider-Informationen versorgen – den Respekt und die Anerkennung, die sie verdienen.


Image (adapted) „Kamera Überwachung“ by webandi (CC0 Public Domain)

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Warum Verschwörungstheorien der Wahrheit oft im Weg stehen

Verschwörungstheorien kommen als kritisch, als aufgeklärt daher – und verhindern leider oft eine effektive Kritik an den herrschenden Verhältnissen. // von Annika Kremer

9/11-Truth-Bewegung (Bild: Damon D'Amato [CC BY 2.0], via Flickr)

Sie sind ein allgegenwärtiges Phänomen des Internet-Zeitalters: Verschwörungstheorien. Viele, die an sie glauben, halten sich für kritisch, für skeptisch, für Kämpfer gegen das herrschende System. Leider enden sie dabei oftmals als unfreiwillige Helfer der Strukturen, die sie ablehnen, als Bauernopfer im Kampf um eine Deutungshoheit in der heutigen, komplizierten Welt. Denn in Wirklichkeit sind die Faktoren, die uns unfrei machen, weitaus komplizierter – und bedürfen gar keiner Verschwörung.

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