9/11-Truth-Bewegung (Bild: Damon D'Amato [CC BY 2.0], via Flickr)

Warum Verschwörungstheorien der Wahrheit oft im Weg stehen

Verschwörungstheorien kommen als kritisch, als aufgeklärt daher – und verhindern leider oft eine effektive Kritik an den herrschenden Verhältnissen. // von Annika Kremer

9/11-Truth-Bewegung (Bild: Damon D'Amato [CC BY 2.0], via Flickr)

Sie sind ein allgegenwärtiges Phänomen des Internet-Zeitalters: Verschwörungstheorien. Viele, die an sie glauben, halten sich für kritisch, für skeptisch, für Kämpfer gegen das herrschende System. Leider enden sie dabei oftmals als unfreiwillige Helfer der Strukturen, die sie ablehnen, als Bauernopfer im Kampf um eine Deutungshoheit in der heutigen, komplizierten Welt. Denn in Wirklichkeit sind die Faktoren, die uns unfrei machen, weitaus komplizierter – und bedürfen gar keiner Verschwörung.


Warum ist das wichtig? Verschwörungstheorien bieten einfache Lösungen für komplizierte Sachverhalte – attraktiv, aber selten hilfreich.

  • Die Popularität unbewiesener, teils abenteuerlicher Theorien erleichtert es Gegnern schlimmstenfalls, auch andere kritische Stimmen als „Spinner“ abzutun.

  • Scheinbar kritisch, dienen einige Verschwörungstheorien den Interessen von Gruppen, die mindestens ebenso wenig Vertrauen verdienen als die Mächtigen.

  • Mitunter verstellen derartige Theorien den Blick auf eine weitaus kompliziertere Realität, in der auch ohne Verschwörung erschreckende Dinge passieren.


Warum Verschwörungstheorien so attraktiv sind

Viele Menschen empfinden die Welt als zunehmend unübersichtlich und bedrohlich. In dieser Situation bieten Theorien, die beispielsweise den Illuminaten oder Bilderbergern die Schuld an allem Übel geben, eine einfache und in sich logische Erklärung – das macht sie attraktiv. Einen klar zu benennenden Schuldigen für Dinge zu haben, die sie ängstlich oder wütend machen, hilft vielen Menschen, sich besser und weniger hilflos zu fühlen. Das gilt besonders für Theorien, die die Menschen ermutigen, sich beispielsweise für den bevorstehenden Zusammenbruch der Zivilisation vorzubereiten, indem sie Bunker bauen, Überlebenstechniken lernen und Vorräte anhäufen. Einerseits schüren solche Theorien die Angst vor der Katastrophe, aber andererseits geben sie auch die Möglichkeit, konkrete Dinge zu tun, um sich zu retten, aktiv zu werden und sich so weniger ohnmächtig zu fühlen.

Zudem geben Konspirationstheorien vielen Anhängern ein gewisses Gefühl der Überlegenheit. Diejenigen, die beispielsweise davon überzeugt sind, dass die Anschläge des 11. September von der CIA begangen wurden, sehen sich dann als die wenigen Eingeweihten, die in einer Welt voller Unwissender für die Wahrheit kämpfen. Nicht umsonst haben einige hart gesottene Verschwörungstheoretiker für diejenigen, die ihren Lehren nicht folgen, abwertende Bezeichnungen wie etwa „Sheeple“ (vom englischen „sheep“ für Schafe und „people“ für Leute) oder den in eine ähnliche Richtung zielenden deutschen Ausdruck „Schlafschafe“.

Noch dazu mögen Menschen einfach gute Geschichten, stimmige Narrative. Es fühlt sich in vieler Hinsicht richtiger an, an etwas derartiges zu glauben, als an eine chaotische, oft unlogische Wirklichkeit, die sich den Erzählmustern Hollywoods wie der klassischen Literatur nur allzu oft entzieht.

Verschwörungstheorien – (auch) ein Internet-Phänomen

Schon immer versuchten einige Menschen (aus den oben genannten Gründen), sich die Welt mit Hilfe angeblicher Verschwörungen zu erklären. Dennoch handelt es sich dabei (auch) um ein ausgesprochenes Internet-Phänomen. Die heutige Welt mit ihrer Technologie und Vernetzung weckt nicht nur bei einigen Menschen den Wunsch nach einfachen Antworten, sie erlaubt auch die schnelle, globale Verbreitung eben dieser.

Noch dazu ist das Internet das erste Medium, über das jeder mit geringem Aufwand ein großes Publikum erreichen kann. Dies schafft einerseits die Möglichkeit zur Umgehung oder gar Abschaffung von Machtstrukturen. Andererseits fallen aber auch durchaus sinnvolle Hürden, insbesondere die einer nachweisbaren Fachkompetenz, weg. Jeder, der glaubt, etwas zu sagen zu haben, kann dies ohne weiteres tun und mit etwas Glück für andere Menschen zum Meinungsführer werden. Für Laien ist es oft äußerst schwierig, nachzuvollziehen, wie kompetent und wie sorgfältig recherchiert online verfügbare Quellen daher kommen. Dies öffnet natürlich unbewiesenen (und teilweise schlichtweg falschen) Theorien Tür und Tor.

Einfach, aber nicht ungefährlich

Obwohl sich viele Menschen Verschwörungstheorien zuwenden aus einem Bedürfnis heraus, sich besser zu fühlen, kommt am Ende häufig das Gegenteil dabei heraus. Viele Theorien schüren Ängste und Paranoia, bis sich die Anhänger von aller Welt verfolgt fühlen. Dies isoliert sie noch dazu von ihrem sozialen Umfeld und macht normale menschliche Kontakte mitunter äußerst schwierig.

Alles nur Verschwörungs-Spinner?

Anhänger von Verschwörungstheorien leiden aber nicht nur selbst unter ihrem Glauben, sie erweisen sich mitunter auch als Belastung für diejenigen, die ihnen eigentlich helfen wollen. Die ausgesprochene Popularität von Konspirationstheorien kann für kritische Menschen und insbesondere für Aktivisten leicht zum Problem werden. Wer beispielsweise Projekte wie WikiLeaks unterstützt oder vor der um sich greifenden staatlichen Überwachung warnt, wird häufig als paranoider Spinner diskreditiert. Die Menschen vom Gegenteil zu überzeugen, wird nicht gerade leichter durch die große Anzahl von „abschreckenden Beispielen“, von Mitstreitern, die tatsächlich an Gedankenstrahler, Chemtrails, Weltraum-Nazis und Echsenmenschen glauben und dies im selben Brustton der Überzeugung vorbringen wie die Befürchtung, dass die Vorratsdatenspeicherung die Meinungsfreiheit gefährdet. Wer solche Mitstreiter hat, braucht eigentlich keine Feinde mehr – leider aber haben diejenigen, die gegen Machtmissbrauch und staatlichen Kontrollwahn vorgehen, diese in reichlicher Zahl.

Cui bono?

Wie bei vielen Dingen, an die wir glauben sollen, stellt sich natürlich auch bei Konspirationstheorien die Frage, wem dieser Glaube nützt. Manche Theorien werden zwar von wohlmeinenden, aber fehlgeleitet-paranoiden Mitmenschen in bester Absicht und gutem Glauben in die Welt gesetzt. Andere jedoch werden bewusst verbreitet, um bestimmten Interessen zu dienen. So sind bestimmte Verschwörungs-Szenen stark von rechten Kräften unterwandern. Nicht umsonst tragen einige Theorien beispielsweise stark antisemitische Züge.

Nur scheinbar kritisch

Das wahrscheinlich größte Problem von Verschwörungstheorien ist jedoch, dass sie eine wirklich kritische Auseinandersetzung mit der Realität oft verhindern. Während man Misstrauen und kritisches Hinterfragen predigt – an sich durchaus sinnvolle Ratschläge – wird den Veröffentlichungen selbst ernannter Gurus oder angeblicher „alternativer Medien“ blind Glauben geschenkt. So ist eine informierte Meinungsbildung, die alle Seiten berücksichtigt, praktisch ausgeschlossen. Alles, was der jeweiligen Theorie widerspricht, wird als Propaganda oder als Irrtum verblendeter Schlafschafe abgetan.

Wer glaubt, den Schuldigen für – zweifellos reale – soziale und Misstände und Ungerechtigkeiten gefunden zu haben, der hört auf zu fragen. Glaubt man, dass die Bilderberger oder die jüdische Weltverschwörung an allem Übel schuld sind, verliert man leicht die weitaus kompliziertere – und keineswegs weniger Besorgnis erregende – Realität aus den Augen.

In Wirklichkeit nämlich bedarf es gar keiner Verschwörung. Nicht irgendeine alles lenkende Macht des Bösen ist schuld an Kriegen, sozialer Ungerechtigkeit und Einschränkungen unserer Freiheit. Die traurige Wahrheit ist, dass unser politisches System und seine seit Jahrhunderten gewachsenen Strukturen es denen, die einflussreich und skrupellos sind, ermöglichen, sich auf Kosten der einfachen Menschen zu bereichern, sie anzulügen und ihre Freiheiten einzuschränken. Dazu braucht es weder Verschwörung noch Geheimbünde und schon gar keine orbitalen Gedankenstrahler oder Mind-Control-Chemikalien. Erst, wenn wir uns dieser Tatsache bewusst sind, können wir die Aufgabe angehen, das System zu ändern und diejenigen, die es für ihre Zwecke ausnutzen, in die Schranken zu weisen. Und um dorthin zu kommen, müssen wir sehr skeptisch sein gegenüber denjenigen, die uns einfache Antworten und attraktive Feindbilder präsentieren. Allzu schnell könnten wir unsere Energien in einem Kampf verschwenden, der uns der Wahrheit letztendlich keinen Schritt näher bringt.


Teaser & Image by Damon D’Amato (CC BY 2.0)


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Annika Kremer

Annika Kremer

schreibt regelmäßig über Netzpolitik und Netzaktivismus. Sie interessiert sich nicht nur für die Technik als solche, sondern vor allem dafür, wie diese genutzt wird und wie sie sich auf die Gesellschaft auswirkt.

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