Wie sollten Medien auf einen Demagogen wie Donald Trump reagieren?

So schön es auch wäre, jemanden wie Donald Trump sollte man nicht ignorieren! Das Netz beratschlagt, wie man mit Demagogen umgehen soll. Dabei ist Nüchternheit zielbringender als Häme oder Ignoranz.

Am 1. Februar 2016 wird alles vorbei sein. Dann bitten die Republikaner von Iowa ihre AnhängerInnen zum landesweit ersten Primary. Mit solchen Vorwahlen ermitteln die beiden größten Parteien der USA ihre Kandidaten für die Präsidentschaftswahlen 2016. Und spätestens am 2. Februar sollte dann eine derzeit bestimmende Frage beantwortet sein: Ist die Kandidatur von Donald Trump nur ein großes Spektakel oder doch ein ernstzunehmendes politisches Phänomen?

Bis dahin bleibt aber noch Zeit für ein grundsätzlicheres Problem. Nämlich, wie man mit derart populistischen, mit Fehlinformationen und Diffamierungen arbeitenden Politikern umgehen sollte. Mit jemandem wie Trump also, den der britische Guardian nicht ohne Grund – und nicht als einziger – einen “Demagogen” nennt.

Vielfach war zuletzt zu lesen, man sollte solche Provokateure einfach ignorieren, totschweigen. Ja, man würde ihnen sogar helfen, wenn man sich mit ihnen öffentlich auseinandersetzt. Doch das ist falsch. Vielmehr ist das Wie der Auseinandersetzung entscheidend.

Wer kritisiert, der unterstützt – unfreiwillig. Tatsächlich?

Die Problematik ist auch von deutscher Relevanz – angesichts von Figuren wie Erika Steinbach, Akif Pirinçci oder Björn Höcke. Über die (und Donald Trump) war kürzlich im Weblog “Der Lampiongarten” von Sebastian Baumer zu lesen:

Diejenigen, die sich öffentlich über sie aufregen, um in der rollenden Empörungswelle auch ein bisschen auf sich und ihre moralische Überlegenheit hinzuweisen, sind ihre wichtigsten Helfer. Es gibt fast niemanden im ernstzunehmenden Diskurs, der diese Leute unterstützt. Trotzdem tauchen sie dort permanent auf und können sich damit in die Köpfe einer breiten Masse von Personen schleichen, unter denen sie neue Unterstützer finden.

Durch jeden Tweet, jeden Artikel – so die Argumentation – verschafft man seinem Gegner eine Bekanntheit bzw. Reichweite in den sozialen Medien, die dieser alleine gar nicht erzielen könnte. Menschen, die für die fragwürdigen Botschaften empfänglich sind, werden so überhaupt erst erreicht. Oder anders: Von einem Shitstorm bleibt eben noch genug Mist hängen.

Allerdings verkennt diese Sichtweise eben gleich mehrfach die Realitäten.

Medienereignis trifft auf Medienereignis

Die Medien schenken Donald Trump immer mehr Aufmerksamkeit (Tabelle: Thomas Vorreyer)
Die Medien schenken Donald Trump immer mehr Aufmerksamkeit (Tabelle: Thomas Vorreyer)

Zunächst einmal: Es ist unbestritten, dass Donald Trump seit der Verkündung seiner Kandidatur am 11. Juni eine Welle der Aufmerksamkeit surft. Stichproben zeigen, dass Trump anno 2015 auf wichtigen Webseiten wie BuzzFeed, Politico oder des konservativen TV-Senders Fox News nahezu doppelt so oft erwähnt wurde wie ihm Vorjahr. Und selbst Medien wie die New York Times, die aufgrund ihrer lokalen Bezüge ohnehin nicht um den New Yorker Blondschopf herumkommen, haben ihre Berichterstattung nochmals aufgestockt. Einen richtigen Trump-Hype findet man allerdings online bei CNN: Die Zahl der Erwähnungen pro Jahr hat sich hier mehr als vervierfacht. Selbst für eine derart polarisierende Medienfigur wie es der Fernseh-Promi, Selbstvermarkter und Immobilienunternehmer Trump schon immer war, markiert das einen beachtlichen Hype.

Jedoch überlagert sich hier schlichtweg das über Jahre aufgebaute Medienereignis “Trump” mit dem genuinen Medienereignis einer Präsidentschaftskanditatur. Zumal Trump sich seit Jahren auch auf politischem Terrain bewegt. Bereits im Vorwahlkampf für die Wahlen 2012 hatte er mit einer Kandidatur kokettiert, sich bei der “Tea Party”-Bewegung angebiedert und sich an die Spitze der sogenannten “Birther”-Bewegung gesetzt, die Barack Obamas Herkunft in Frage stellt.

Werbetafel, die die Gültigkeit von Obamas Geburtsurkunde hinterfragt (Image: Victor Victoria, CC BY-SA 3.0)
Werbetafel, die die Gültigkeit von Obamas Geburtsurkunde hinterfragt (Image: Victor Victoria, CC BY-SA 3.0)

Trump kennt das Rampenlicht so gut wie die fortwährenden Anfeindungen. Seit jeher bietet er dafür genug Angriffsfläche – ästhetisch wie inhaltlich. Kaum verwunderlich ist es da, dass der Kandidat, der einst noch als schadenfroh als “meme to end all memes” betitelt wurde, auch bei den Memes Klassen-Clown und -Krösus zugleich. Eine Studie von Techcrunch belegt, dass zur Person Trump nicht nur die meisten Memes aller derzeit populärsten Kandidaten beider Lager erstellt und geteilt werden: Bei Trump ist auch der Prozentsatz negativer Memes am höchsten.

Aggressionen einerseits, Häme andererseits

Dabei sind manche seiner Forderungen so absurd, dass sie kaum noch parodiert werden können. Für große Lacher sorgte Trumps Idee, zur Terrorismusbekämpfung das Internet in “certain areas” abzuschließen – mit Hilfe von “Bill Gates and a lot of different people who really understand what’s happening.” Eine dankbare Vorlage, gerade für Medien hierzulande. Interessanterweise fand dieser Vorschlag in konservativen US-Medien keinerlei Echo. Er wurde schlichtweg als Randbemerkung ignoriert, während sich liberale und europäische Stimmen hämisch, genüsslich über Trumps #Neuland-Moment hermachten.

Ganz anders verhält es sich mit Trumps Aussagen gegenüber mexikanischen Migrantinnen und Muslimen. Diese waren sehr wohl Aufmacherthemen auf beiden Seiten des Meinungsspektrums. Der große Mauerbau und ein konfessionelles Einreiseverbot mögen nicht weniger irrwitzige Ansätze sein als Bill Gates als Geheimchef des Netzes, jedoch treffen sie in Ton und Inhalt den Nerv eines stetig wachsenden Teils der Bevölkerung. Dieser fühlt sich entweder in seinem Besitzstand bedroht oder ist von jeher aggressiv-rechts eingestellt.

Doland Trump, der digigene Kandidat

“In a world where politics feel so fake and prepared, this verbal violence feels real”, schreibt Douglas Rushkoff auf DigitalTrends folgerichtig über den „Politik-Charlie-Sheen” Donald Trump. Nicht nur dass der Kandidat die nostalgischen Gefühle der Überforderten anspricht (Sein Kampagnen-Slogan lautet: “Make America great again!”), er füttert auch beständig eine Heimsofa-Fußballtrainer-Mentalität, nach der alle anderen, ja, ganz besonders die Politiker in Washington, eh Idioten sind.

Rushkoff geht sogar noch weiter: Donald Trump sei nicht weniger als “the ultimate Internet candidate”. Nicht weil er besonders ausgefeilte Partizipationsmöglichkeiten biete, sondern weil er eben genau die Kommunikation derer reproduziert, die das Internet mit kurzatmiger Paranoia, Copy-Paste-Meinungen, Verschwörungstheorien, Beleidigungen und Fehlinformationen fluten. Oder, wie zahlreiche Twitter-Nutzerinnen anmerken: Trump ist eine menschgewordene Kommentarspalte.

Digigen nennt ihn Rushkoff deswegen. Und genau hier liegt der Punkt, warum eine Verschwiegenheit oder Ignoranz der Medien und von Privatpersonen Trumps Erfolg keinesfalls schmälern würden. Seine polarisierenden, rassistischen, sexistischen, chauvinistischen, verkürzten Wortmeldungen sind zu mitreißend (für seine Anhänger), das digitale rechte Lager mit Blogs wie Infowars.com, Tea-Party-Seiten und Kommentatoren von Glenn Beck bis Rush Limbaugh einfach zu groß, um nicht eigenständig Trends zu kreieren.

Donald Trump (Image: DonkeyHotey [CC BY-SA 2.0], via Wikimedia Commons)
Donald Trump (Image: DonkeyHotey, CC BY-SA 2.0)

Die Auseinandersetzung ist nötig, muss aber nüchterner geführt werden

Wer dem als Journalistin entgegenwirken möchte, dem bleibt nur, auf Aufklärung, statt auf Häme zu setzen und die zentralen Botschaften und Behauptungen Donald Trumps anzugehen (wie beispielsweise Jennifer Mercieca auf Netzpiloten.de). Dass es schlichtweg falsch sei, dass in den USA 81 Prozent aller weißen Mordopfer von Schwarzen getötet würden, und dass tausende Muslime in den USA die 9/11-Anschläge bejubelt hätten – wie von Trump deklariert –, musste sich dieser neulich sogar bei Fox News von Bill O’Reilly vorhalten lassen.

Auch der sorgfältige Umgang mit Statistiken gehört dazu. Ein Gros von Trumps derzeitigem Nimbus beruht auf seiner Führerschaft in aktuellen Meinungsumfragen. Dabei ist noch gar nicht einmal sicher, ob er wirklich die republikanischen Vorwahlen derart dominieren wird, wie es jetzt überall heißt.

Da wäre zum einen einen spezifischere Umfragen, wie etwa jene der Washington Post. Sie ließ in Iowa, wo eben die Vorwahlen beginnen werden, jene Menschen befragen, die bereits in den letzten Jahren an einem Primary teilgenommen hatten – und dies deshalb sehr wahrscheinlich auch wiederholen werden. Hier landete der blonde Lautsprecher nur auf dem dritten Rang. Da wäre zum anderen ein möglicher Polarisationseffekt, der alle anderen, jetzt noch gespaltetenen republikanischen Lager hinter einem zweiten Kandidaten wie Ted Cruz versammelt, sollte Trump die ersten Wahlen gewinnen.

Über so etwas lohnt es sich, zu reden und zu schreiben. Zumal ein Kandidat, der für das Amt des US-Präsidenten kandidiert und allein schon deshalb an allen großen TV-Debatten teilnimmt, eine nicht zu ignorierende Relevanz genießt. Man muss sich mit ihm auseinandersetzen. Aber eben auf nüchterne Art und Weise.


Image “Donald Trump speaking with the media” by Gage Skidmore (CC BY-SA 2.0)


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Thomas Vorreyer

Thomas Vorreyer

schreibt als freier Journalist vor allem über Kultur und Gesellschaft im Angesicht der Digitalisierung.

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