Tinder im Wahlkampf: Wisch dir deine Wähler… oder so ähnlich

Tinder für den Wahlkampf. Wie eine Schweizer Politikerin die Dating-App für ihre Kampagne genutzt hat. Tinder ist eigentlich eine Dating-App für Smartphones. Doch immer mehr Politiker nutzen die App, um für Wählerstimmen zu werben. Dass Politiker soziale Netzwerke für ihre Wahlkampagnen nutzen, ist nichts neu. US-Präsident Barack Obama begeisterte Wähler mit seinen YouTube Videos, der aktuelle Präsidentschaftskandidat der Republikaner, Donald Trump, nutzt Twitter erfolgreich, um Wählerstimmen zu sammeln. Doch einige Politiker schrecken nicht davor zurück, auch die beliebte Dating-App Tinder für ihren Wahlkampf zu nutzen, um so vor allem junge Wähler zu erreichen. So hat auch die Schweizer Grünen-Politikerin Aline Trede Tinder für eine Wahlaktion genutzt – und damit viel Aufmerksamkeit auf sich gezogen.

 


Warum ist das wichtig? Von Facebook über Twitter bis Instagram und Whatsapp – die meisten Menschen sind mindestens auf einer sozialen Plattform unterwegs. Politiker nutzen dies nun verstärkt, um ihren Wahlkampf auch in sozialen Netzwerken zu führen.

  • Während klassische Werbekampagnen immer noch das Hauptinstrument im politischen Wahlkampf sind, entdecken immer mehr Politiker soziale Netzwerke als neue Plattform, um Wähler anzusprechen.

  • Soziale Netzwerke wie Tinder werden vorwiegend von jungen Menschen genutzt. Politiker versuchen deshalb über diese Netzwerke, jungen Wähler, die sie über klassische Medien nicht erreichen, direkt anzusprechen.

  • Innovativ oder Spam? Wahlkampagnen wie die Tinder-Aktion von Aline Trede regen die Diskussion darüber an, was auf sozialen Netzwerken erlaubt sein sollte und was nicht.


Aline Trede saß in gemütlicher Runde mit Freunden zusammen, als sie die Dating-App Tinder für sich entdeckte. Sie wollte sie allerdings nicht zum Flirten nutzen, sondern für ihren Wahlkampf. Denn Aline Trede ist Mitglied des Schweizer Nationalrats für die Grünen und Kandidatin für den Kanton Bern. “Eine Freundin erzählte, dass Tinder in den USA fast wie eine Info-App genutzt wird. Jede Firma habe ein Profil, jede Band gehe auf Tinder, wenn sie eine neue CD rausbringe […] und da sind wir auf die Idee gekommen, das wir das eigentlich auch für den Wahlkampf machen müssten.

Nur: Wie nutzt man eine Dating-App für den Wahlkampf? Im Normalfall laden Tinder-Nutzer ein Profilfoto von sich hoch und andere User können dann anhand der Fotos entscheiden, ob ihnen ein Profil gefällt oder nicht. Ein gutes Foto wird nach rechts gewischt, eins das nicht gefällt, nach links.

Lust auf ein Bier mit mir?

Genau das Gleiche hat Aline Trede auch für ihre Kampagne gemacht. Sie hat ein Profil mit ihrem Wahlbild sowie ihrem Slogan “Grünes Herz. Gegen Rechts.” hochgeladen und sich dann Profile aus ihrem Wahlkreis Bern anzeigen lassen. Und dann ging’s los: Sie verteilte wild grüne Herzen an alle. In der Tinder-Welt bedeutet das ungefähr so viel wie “Ich mag dich.” Wenn sie dann ein grünes Herz zurück bekam, redete sie dann nicht lange um den heißen Brei herum: “Ich habe es ganz transparent gemacht, dass es für die Wahlen ist und dass ich sie zu meiner monatlichen Bürgersprechstunde, also das ist ein Bier trinken, einlade.

Die Reaktionen waren fast durchweg positiv. Innerhalb kürzester Zeit konnte Aline Trede 30 Matches verbuchen und 20 Einladungen zur Bürgersprechstunde. Doch dann sperrte Tinder nach nicht einmal einer Stunde ihr Profil. Warum, weiß keiner. Vermutlich hatten sich einige Nutzer beschwert, doch Tinder wollte dies weder gegenüber Aline Trede noch auf Anfrage der Netzpiloten genauer erklären.

Für Aline Trede jedoch war die Tinder-Sperre eigentlich ein Glücksgriff. Zahlreiche Zeitungen berichteten über die Aktion, gerade weil ihr Profil gesperrt wurde, und rührten so die Werbetrommel für Tredes Wahlkampf. Dabei spalteten sich die Reaktionen in zwei Lager: die Fraktion, die Tredes Aktion “schmuddelig” fand und die Fraktion, die von einer “innovativen” Idee sprach. Trede hat die Aktion neben kostenloser Werbung sogar ein paar Wählerstimmen eingebracht: “Als ich auf Facebook gepostet habe, dass Tinder mich gesperrt hatte, haben mir einige direkt geschrieben, dass sie mich genau deshalb gewählt haben.

Auch wenn Tredes Aktion viel Aufmerksamkeit in der Schweiz auf sich gezogen hat, weltweit ist sie nicht die erste Politikerin, die Tinder für ihren Wahlkampf nutzt. In Kanada nutzte der Lokalpolitiker Conor Meade Tinder als Plattform, um für seine Politik zu werben und auch in Europa hat etwa die Bürgermeisterkandidatin Manuela Carmena in Madrid Tinder genutzt, um sich an junge Wähler zu wenden. Auch die niederländische Kandidatin Pauline Kastermans hat Tinder für ihren Europawahlkampf genutzt und in Österreich hat die linksliberale Partei NEOS ebenfalls Tinder für sich entdeckt.

Keine dieser Aktionen wurde im Übrigen von Tinder geblockt, aber in allen Fällen waren die Reaktionen ähnlich gespalten wie bei Aline Trede. Sie wurden entweder als unangebrachter Spam bezeichnet oder als kreativ und innovativ gelobt. Doch egal wie man nun zum Wahlkampf in einer Dating-App steht, Tinder scheint Politikern neue Möglichkeiten zu bieten, die andere soziale Netzwerke wie Facebook oder Twitter nicht haben.

Was hat Tinder was andere soziale Netzwerke nicht haben?

Tinder ist eins der beliebtesten sozialen Netzwerke bei jungen Menschen. Etwa 90 Prozent der Tinder-Nutzer ist zwischen 18 und 24 Jahre alt. Um genau diese junge Altersgruppe geht es den Politikern. “Bei Twitter ist es so: Die, die mich abonnieren, die wollen etwas von mir wissen oder sehen und bei Facebook ist es eingentlich das Gleiche. Aber bei Tinder hatte ich das Gefühl, dass ich Leute erreiche, die ich sonst nicht erreiche”, erklärt Aline Trede. Sie ist Jahrgang 1983 und hatte vor allem den Kontakt zu jungen Wählern ihrer Generation gesucht.

Darüber hinaus bietet Tinder Politikern die Möglichkeit, Nutzer ganz direkt im Chat anzusprechen. Bisher scheinen Politiker Tinder eher nur punktuell zu nutzen, um Nutzer auf spezifische Aktionen aufmerksam zu machen. Ob sich Tinder langfristig als politische Plattform etablieren kann, ob Nutzer davon eher abgestoßen werden, oder ob Tinder selbst die Plattform für politische Zwecke sperrt, ist noch unklar. Für Aline Trede war die Aktion selbst zumindenstens ein Marketingerfolg. Ob sie ihr politisch geholfen hat ist fraglich. Bei den jüngsten Parlamentswahlen am vergangenen Sonntag (18. Oktober) wurde sie aus dem Schweizer Nationalrat abgewählt.


Image “Tinder” by Denis Bocquet (CC BY 2.0)


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Marinela Potor

Marinela Potor

begann ihren journalistischen Werdegang bei kleinen Lokalzeitungen und arbeitete dann während ihres Studiums als Reporterin für den Universitätsradiosender. Ihr Volontariat machte sie bei Radio Jade in Wilhelmshaven. Seit 2010 hat sie ihren Rucksack gepackt und bereist seitdem rastlos die Welt – und berichtet als freie Journalistin darüber. Über alle „inoffiziellen“ Geschichten schreibt sie in ihrem eigenen Blog fest.

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