Im Tandem zur Arbeit: Warum Jobsharing in Deutschland beliebter wird

Coca-Cola Deutschland tut es, die Telekom tut es und sogar Thyssen-Krupp tut es: Jobsharing. Gemeint ist damit das Verteilen einer Position auf zwei Personen. Anders als bei der Teilzeitarbeit bedeutet Jobsharing, dass die zwei Mitarbeiter sehr eng im Team zusammenarbeiten und die Stelle mal abwechselnd, mal gemeinsam ausüben – wie ein Tandem eben. Diese enge Art der Kooperation macht es möglich, dass auch komplexe Jobs und Führungspositionen auf einmal teilzeittauglich werden. Jana Tepe und Anna Kaiser sind dabei so etwas wie die Vorreiterinnen, wenn es um Jobsharing in Deutschland geht. Mit ihrer Jobsharing-Vermittlungsagentur Tandemploy bringen sie Tandems und Unternehmen seit 2013 zusammen. Dabei gehen die beiden selbst mit gutem Beispiel voran: Die beiden teilen sich die Leitung des Unternehmens. Die Idee dazu kam ihnen in ihrem vorigen Job (wo sie in der gleichen Abteilung arbeiteten), als zwei Bewerberinnen eine gemeinsame Bewerbungsmappe einreichten und sich als Team auf eine ausgeschriebene Stelle bewarben.

Deutschland Schlusslicht bei Jobsharing in Europa

Das Modell der geteilten Stelle stammt ursprünglich aus den USA und wird dort schon seit Ende der 1970er Jahre aktiv genutzt. Nach Europa fand das Jobsharing in den 1980er Jahren und ist hier vor allem in Skandinavien, den Niederlanden, Großbritannien und der Schweiz sehr beliebt. In der Schweiz wird Jobsharing sogar von der Regierung gefördert. In Deutschland wird das Jobsharing auch genutzt, aber im europaweiten Vergleich ist das Land Schlusslicht beim Jobsharing. Eine Umfrage von Robert Half zeigt, dass, während ein Viertel der Unternehmen in Europa ihren Mitarbeitern Jobsharing als flexibles Arbeitsmodell anbieten, es in Deutschland lediglich 15 Prozent sind.

jobsharing umfrage 1
Europaweite Umfrage von Robert Half: Welche der folgenden Arbeitsmodelle bietet Ihr Unternehmen aktuell an?

Die HR-Abteilungen in deutschen Unternehmen sehen demnach das Modell Jobsharing bisher überwiegend mit Skepsis. Sie halten das Arbeiten im Tandem für ineffizient und nicht teamfördernd und sie glauben, dass das Ausfüllen einer Führungsposition auch dauerhafte physische Präsenz erfordert.

Jobsharing Umfrage 2
Robert Half hat die HR-Manager in Deutschland, die kein Jobsharing anbieten, gefragt: Warum bietet Ihr Unternehmen kein Jobsharing an?

Dabei entgehen den Unternehmen aber auch viele Vorteile, die das Jobsharing mit sich bringt. Jana Tepe von Tandemploy glaubt, dass Unternehmen davon profitieren können, wenn sie sich auf die Lebensphasen ihrer Mitarbeiter einstellen:

Wenn sich zwei Mitarbeiter eine Stelle teilen, dann hat man in der Summe auch mehr Kompetenz, zwei Blickwinkel und damit in der Regel mehr Kreativität und mehr Inspiration. Denn wer eine ausgeglichene Balance zwischen Privatleben und Beruf hat, ist häufig motivierter und produktiver.

Viele Firmen schrecken auch vor der Mehrarbeit im Personalwesen zurück, die sie durch Jobsharing befürchten. Laut Jana Tepe existiert diese Hürde aber nur in den Köpfen, da Jobsharing die Arbeit tatsächlich erleichtert und organisatorisch nicht viel anders als Teilzeitarbeit behandelt werden muss. Sie verweist aber auch darauf, dass Jobsharing nicht zu jedem Unternehmensmodell passt: „Unternehmen, die mit Wertschätzung und auf Augenhöhe arbeiten, begrüßen zum Beispiel Jobsharing eher als solche, die kurzfristig orientiert und in erster Linie kompetitiv arbeiten.

Jobsharing im Arbeitsalltag

Wie genau kann man sich das Jobsharing also in der Praxis vorstellen? Das Schöne, aber auch das Schwierige am Jobsharing ist, dass das Modell sich ganz individuell anpassen lässt. Zum Beispiel: Ein Unternehmen fordert, dass die Marketingleitung 40 Stunden pro Woche arbeiten muss. Wie sich ein Jobsharer-Paar diese Position teilt, kann aber sehr flexibel gestaltet werden, je nach den individuellen Bedürfnissen der Mitarbeiter und nach der persönlichen Lebenssituation. So kann ein Mitarbeiter beispielsweise von Montag bis Mittwoch arbeiten, während der andere von Mittwoch bis Freitag im Büro ist. Auch eine Aufteilung der Arbeitszeit zwischen Vormittags- und Nachmittagsschicht ist denkbar. Für Mitarbeiter bedeutet dies, dass sie nicht nur eine anspruchsvolle Stelle ausüben können, sondern auch den Job an ihre Lebenssituation anpassen können. Das macht es zum Beispiel für Eltern einfacher, Arbeit und Familie miteinander zu verbinden. Auch wenn überwiegend Frauen Jobsharing nutzen, scheinen auch Männer dieses Modell attraktiver zu finden als beispielsweise Teilzeit zu arbeiten. Denn: Jobsharing wird in der Regel nicht nur besser bezahlt, sondern ist auch für die Karriere interessanter. Die größte Herausforderung beim Jobsharing ist sicherlich, dass die Tandempartner ein eingespieltes Team sein sollten. Beide müssen ein hohes Organisationstalent aufweisen und sich blind vertrauen können. Ohne genaue Planung und hoher Kommunikationsfähigkeit funktioniert es nicht. Die Jobsharing-Partner müssen zwar nicht unbedingt beste Freunde sein, sollten aber ein freundschaftliches Verhältnis pflegen, sehr gut im Team funktionieren und sich ideal ergänzen können.

Ein Modell mit Zukunft

Während Jobsharing vor allem im Fokus etablierter Unternehmen steht, können auch Startups von diesem Modell profitieren. Junge Mitarbeiter haben so zum Beispiel die Möglichkeit, in mehreren Projekten gleichzeitig mitzuwirken und so ihren Arbeitsalltag so abwechslungsreicher zu gestalten. Unternehmen wiederum können mit solchen flexiblen Arbeitsmodellen qualifizierte Mitarbeiter anziehen und auch langfristig im Unternehmen halten. Auch für die Arbeit selbst ist es von Vorteil, wenn zwei Arbeitnehmer mit unterschiedlichen Stärken die gleiche Position ausfüllen. Das Unternehmen profitiert in diesem Fall nicht nur von der doppelten Kompetenz, sondern auch von der höheren Motivation sowie dem größeren Ideenreichtum, mit dem zwei Mitarbeiter eine Stelle ausfüllen. Ein weiterer Vorteil: Durch Jobsharing entstehen praktisch nie Totalausfälle. Wenn ein Tandempartner im Urlaub oder krank ist, füllt der andere Partner die Position aus. So kann sich ein Unternehmen beispielsweise auch das Geld für eine Urlaubsvertretung sparen. Auch wenn durch eine  Tandemstelle so zunächst höhere Personalkosten entstehen, können Firmen langfristig sogar sparen. Auch Lohndumping scheint derzeit bei Jobsharing nicht vorzukommen. Die Tandempartner einigen sich im Vorfeld auf die Aufteilung des Gehalts der vollen Stelle. Vielen scheint es dabei wichtiger zu sein, eine erfüllte Arbeit mit ihrer Freizeit vereinbaren zu können als viel Geld zu verdienen. Jobsharing scheint also eine Antwort auf die Vereinbarkeit von Karriere und Freizeit zu sein und wird daher wahrscheinlich auch in Deutschland in der Zukunft immer häufiger praktiziert werden.


Image (adapted) „Tandem“ by Jared Tarbell (CC BY 2.0)


Schlagwörter: , , , , , , , ,
Marinela Potor

Marinela Potor

begann ihren journalistischen Werdegang bei kleinen Lokalzeitungen und arbeitete dann während ihres Studiums als Reporterin für den Universitätsradiosender. Ihr Volontariat machte sie bei Radio Jade in Wilhelmshaven. Seit 2010 hat sie ihren Rucksack gepackt und bereist seitdem rastlos die Welt – und berichtet als freie Journalistin darüber. Über alle „inoffiziellen“ Geschichten schreibt sie in ihrem eigenen Blog fest. Mitglied des Netzpiloten Blogger Networks.

More Posts - Twitter