Social-Media-Sucht: Ein Tag im Leben einer Twittersüchtigen

Das Internet bietet nicht nur ungeahnte Möglichkeiten, es kann auch zu neuen Problemen führen. Eins davon ist die Social-Media-Sucht. Diese Sucht ist ein relativ neues Phänomen in unserer vernetzten Welt, das aber nicht nur die Abhängigen selbst betrifft, sondern auch ein Bild unserer Gesellschaft zeichnet. Die Sucht nach sozialen Netzwerke ist nicht nur die Sucht, ständig online zu sein. Facebook, Twitter, Instagram oder Whatsapp sind nicht nur ein Teil unseres Alltags und unseres Beruflebens, sie geben auch vielen Nutzern das Gefühl, mit dem Rest der Welt verbunden zu sein. Ein Gefühl, das abhängig machen kann.


Warum ist das wichtig? Social-Media-Sucht ist ein neuartiges Phänomen aus der Internetwelt, das unsere Gesellschaft nachhaltig beeinflusst.

  • Social-Media-Sucht ist eine ernstzunehmende Krankheit, unter der bereits 18 Prozent der Internetnutzer unter 30 Jahren leiden.

  • Die Sucht nach sozialen Netzwerken wie Twitter oder Facebook sagt viel über unseren Zeitgeist aus.

  • Nur wenn wir uns mit Netz-Phänomenen wie der Social Media Sucht befassen, können wir mehr über unsere Gesellschaft und unseren Umgang mit dem Internet lernen.


Hallo! Ich bin @marinalapotor und ich bin #twittersüchtig.

Dies ist mein erstes öffentliches Outing. Es ist mir wichtig, dass die Netzwelt mehr über meine Sucht erfährt. Denn ein Tag in meinem Leben verläuft nicht nach morgens, mittags und abends. Mein Tag folgt nur Tweets, Retweets und Followern:

7:15 Uhr

Mit dem Weckerklingeln greife ich nach dem Handy und öffne bereits meinen Twitter-Account. Ein kurzes Scannen der Tweets der letzten Nacht. Denn während ich geschlafen habe, hat die andere Hälfte der Welt fröhlich weiter gezwitschert.

7:23 Uhr

Mein erster Tweet des Tages:

„Die da draußen“ sind eine schwammige Masse aus Tweetern, Followern und Nachrichten-Updatern. Ich kenne vielleicht gerade mal 10 meiner Twitter-Freunde aus dem echten Leben. Dennoch habe ich das Gefühl, dass wir wirklich miteinander kommunizieren. Über Twitter bin ich stets mit Menschen verbunden, ein Nutzer aus Japan oder aus Australien ist für mich nur einen Klick entfernt.

8:43 Uhr

Eine solche Twitter-Freundin schreibt gerade, dass ihr kalt ist. Ich stehe auf und mache ein Foto von meiner sonnigen Fensteraussicht, um sie etwas aufzumuntern.

Twitter ist meine Verbindung zur Welt. Ohne die, fühle ich mich einsam und verloren. Ich kann es nicht viel länger als eine Stunde ohne Twitter aushalten. Bereits nach wenigen Minuten werde ich unruhig, meine Fingerspitzen kribbeln. Automatisch suche ich nach der Twitter-App auf meinem Handy und erst wenn ich sicher bin, dass ich wirklich alles Tweets der letzten Minuten gesehen habe, kann ich wieder aufatmen. Damit bin ich, nach einer Studie der Universität von Maryland, eine der vielen jungen Social Media Süchtigen.

Einige Studien gehen sogar davon aus, dass 18 Prozent der Social-Media-Nutzer, es nicht länger als zwei Stunden ohne ihre sozialen Netzwerke aushalten. Während einige stundenlang auf Facebook surfen und andere wiederum nicht von Whatsapp loskommen, kann ich mich nicht von Twitter trennen. Dabei gehöre ich nicht zu denjenigen, die wie @MileyCyrus alle zwei Minuten einen Skandal mit ihrem Tweet auslösen. Ich bin auch nicht der @KimKardashian-Typ, der sein Privatleben in 140 Zeilen preisgibt. Für mich befriedigt Twitter die Sucht, permanent auf dem neuesten Stand zu sein. Alle zwei Sekunden wird etwas neues getweetet und ich könnte die erste sein, die DIE Neuigkeit des Tages liest.

9:32 Uhr

Zwischen Kaffee und Frühstücksbrötchen schiele ich ununterbrochen auf meinen Newsfeed.

Im Zeitalter der Information ist der schnelle und ununterbrochene Zugang zu Neuigkeiten Macht. Wer nicht auf dem neuesten Stand bleibt, geht unter. Wer bis zum ersten Meeting im Büro nicht das virale YouTube-Video des Tages gesehen hat, gilt als Loser. Wer seinen Chef nicht mit den aktuellsten Statistiken aus dem Netz beeindrucken kann, ist unten durch. Social Media ist längst nicht mehr nur für den Feierabend. Fast jedes Unternehmen braucht mittlerweile Facebook, Twitter, Instagram, Pinterest, Google+ und am besten noch Tumblr. Wer den Hashtag des Tages bestimmt, macht das Rennen. Twitter bietet wie kein anderes soziales Netzwerk unmittelbaren Zugriff zu Informationen. Bevor die Nachricht ins Fernsehen kommt oder auf der Webseite publiziert wird, wird darüber getweetet.

10:00 Uhr

Skype-Termin mit einem Kunden. Es geht um die Gestaltung seines Blogs. Zu welchen Themen sollen wir heute schreiben? Ein kurzer Blick auf die Hashtag-Trends des Tages und meinen Newsfeed zeigen, dass der Tod von Schauspieler #HarryRowohlt heute in aller Munde ist. Wir einigen uns daher auf ein Porträt über Harry Rowohlt.

12:00 Uhr

Während ich den Artikel in die Tasten haue, vibriert mein Handy. Jedes Mal, wenn jemand einen meiner Tweets weitergibt, favorisiert oder mir folgt, schlägt mein Telefon Alarm. Gerade jetzt habe ich einen neuen Follower bekommen – für mich ein Adrenalinkick. Neben der Sucht nach ständigen Neuigkeiten, fühle ich mich durch Twitter wichtig. Was ich sage wird gelesen, kommentiert, weitergeleitet. Ich bin nicht nur am Puls der Zeit, ich bestimme den Puls der Zeit mit.

13:30 Uhr

Beim Mittagessen nutze ich die Zeit, um auf die Top-Tweets auf meinem Bildschirm zu antworten. 140 Zeichen, um spontan, schnell, clever und hippe Kommentare zum Weltgeschehen abzugeben. Der chilenische Filmdirektor Alejandro Jodorowsky hat Tweets die Haikus des 21. Jahrhunderts genannt. Für mich sind die 140 Zeichen jedes Mal eine neue Herausforderung. 140 Zeichen, um zu zeigen, dass ich auf dem neuesten Stand bind. 140 Zeichen, um zu zeigen, dass ich bestens informiert bin. 140 Zeichen, um zu zeigen, wie geistreich ich bin.

15:00 Uhr

Ich habe einen Interviewtermin. Bis mein Gesprächspartner Zeit für mich hat, checke ich fanatisch alle Tweets zu seiner politischen Agenda. Unwissen ist einfach keine Option mehr. Wer Zugang zu allen Datenbanken dieser Welt hat und etwas mal nicht weiß, gilt sofort als unprofessionell.

18:16 Uhr

Kaffeeklatsch mit Freunden. Es fühlt sich fast wie ein entspanntes Beisammensein an – abgesehen von meinem ständigen Schielen auf’s vibrierende Handy und heimlichen Posten von Tweets.

Twitter ist wie pausenloses Koffein. Man ist ständig auf Draht, immer wachsam, rutscht stets unruhig auf dem Stuhl herum und zwingt sich, seinem Gesprächspartner zuzuhören, bis man endlich wieder erleichtert auf’s Twitter-Konto gucken kann. Jeder neue Tweet gibt mir einen Adrenalinstoß, der aber nur kurze Zeit anhält – bis zum nächsten Tweet.

Auch wenn die Social-Media-Sucht als „weiche“ Sucht gilt, entwickeln Betroffene ähnliche Symptome wie Drogensüchtige:

  • Süchtige sind nur auf den Konsum von Social Media fokussiert und werden aggressiv, wenn sie nicht online sein können.

  • Einige bekommen ohne Social Media Entzugserscheinungen, fangen an zu schwitzen, zittern und werden rastlos.

  • Sie vernachlässigen ihren Freundeskreis und ihre Familie und vergessen auf essentielle Bedürfnisse wie Essen, Trinken oder Schlafen zu achten.

18:28 Uhr

Wann habe ich eigentlich das letzte Mal gegessen? Ich koche mir mein Abendessen. Doch selbst mit zwiebeltränenden Augen und spülmittelnassen Händen, kann ich es nicht lassen, meine Twitter-App wieder zu öffnen.

Ein Foto mit dem Handy schießen und sofort online posten, macht unseren Alltag noch schnelllebiger, noch direkter. Es gab mal eine Zeit, in der ich Twitter tatsächlich nur ab und zu auf dem PC genutzt habe. Diese Zeit vor Smartphones und Apps scheint eine Ewigkeit her zu sein. Der Gedanke, nicht ständig Zugang zu Twitter zu haben und nicht sofort alles loswerden zu können was ich sagen will, ist mittlerweile unvorstellbar.

21:00 Uhr

Es wird Zeit meinen Newsfeed wieder abzurufen. Abends habe ich nicht nur Zeit für die Nachrichten des Tages, sondern kann auch bei Tweets von Bloggern und Stars verweilen.

21:26 Uhr

22:06 Uhr

0:53 Uhr

Wo ist die Zeit geblieben? Ich konnte mich mal wieder den ganzen Abend nicht von meinem Handy losreißen.

Ab ins Bett – morgen ist schließlich wieder ein neuer Twitter-Tag!


Teaser & Image „Twitter Bird Logo Sketch, New“ (adapted) by Shawn Campbell (CC BY 2.0)


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Marinela Potor

Marinela Potor

begann ihren journalistischen Werdegang bei kleinen Lokalzeitungen und arbeitete dann während ihres Studiums als Reporterin für den Universitätsradiosender. Ihr Volontariat machte sie bei Radio Jade in Wilhelmshaven. Seit 2010 hat sie ihren Rucksack gepackt und bereist seitdem rastlos die Welt – und berichtet als freie Journalistin darüber. Über alle „inoffiziellen“ Geschichten schreibt sie in ihrem eigenen Blog fest.

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