Sascha Lobo im Interview auf der Frankfurter Buchmesse (Bild: Julian Heck)

Sobooks: Die Verschmelzung von Buch und Internet

Sascha Lobo und Christoph Kappes haben auf der Frankfurter Buchmesse ihre Bücher-Plattform „Sobooks“ gelauncht. Über die Hintergründe und ihre Ziele sprach Sascha Lobo mit uns im Interview. // von Julian Heck

Sascha Lobo im Interview auf der Frankfurter Buchmesse (Bild: Julian Heck)

eBooks und Selfpublishing – das waren die Trendthemen der Frankfurter Buchmesse, die in den letzten Tagen in Frankfurt stattfand. Geht es nach Sascha Lobo und Christoph Kappes, sind Social Books das Trendthema des Buchmesse 2015. Die beiden haben am Freitag ihre Plattform „Sobooks“ – die Abkürzung für Social Books – gelauncht. Dort verkaufen sie Bücher, die im Browser oder in der Sobooks-App gelesen und direkt im Buch kommentiert werden können. Wie das funktioniert, welchen Mehrwert das hat und was wir von Sobooks in der nächsten Zeit erwarten können, das hat Sascha Lobo im Gespräch mit Julian Heck verraten.


Nachhören statt durchlesen? Hier findet sich das Interview mit Sascha Lobo auch als Audio-Aufnahme:


Julian Heck: Sascha, was ist Sobooks?

Sascha Lobo: Sobooks ist gleichzeitig eine Buchhandelsplattform und eine Lese-Community. Dadurch, dass wir das Buch ins Netz holen, dass wir Internet und Buch verschmelzen, dass wir eine Art Metering-System für eBooks im Internet sind, dadurch können wir die Segnungen der Vernetzung von Social Media über Verlinkung bis ins Buch hineinholen. Das heißt, dass bei uns zum Beispiel Diskussionen über ein Buch genau dort stattfinden, wo unserer Meinung nach der beste Ort dafür ist: das ist im Buch selbst. Ich kann also über ein Zitat in einem Buch direkt neben dem Zitat diskutieren. Die Verschmelzung von Buch und Internet war lange überfällig. Und genau das probieren wir mit Sobooks. Und zwar auch mit einer Betonung auf „probieren“, denn natürlich sind viele Konzepte, die wir hier vorstellen, vergleichsweise neu und ausgedacht – manchmal von uns und manchmal haben wir uns anregen lassen von anderen Leuten, klar. Und ob die langfristig funktionieren, das versuchen wir mit Sobooks herauszufinden. Ich bin hundertprozentig davon überzeugt, dass es so kommen wird. Die einzige Frage, die sich stellt, ist, ob wir es sind, die es am Ende auch umgesetzt haben werden.

Also ist Sobooks so etwas wie ein virtueller Leseclub?

Unsere erste große Kooperation ist mit einem Partner, über den wir uns irre freuen, weil er für den Literaturbereich in Deutschland eigentlich der beste Medienpartner ist, den man finden kann: die FAZ. Wir bauen den FAZ Lesesaal zusammen auf. Das bedeutet, man kann die gesamten Features von Sobooks auch auf FAZ.net nutzen. Das deutet schon die Richtung an, in die wir gehen wollen. Natürlich ist Sobooks ein riesiger Lesesaal, wenn man den Begriff Lesesaal als gemeinschaftliches Lesen betrachtet. Und dieses gemeinschaftliche Lesen, das ist eine ganz alte, ganz spannende Entwicklung. Salons, Lesezirkel und Leseringe gibt es schon lange. Und dafür mal eine digitale, soziale Übersetzung zu finden, das ist Sobooks auch.

Was ist Sobooks für Autoren?

Für Autoren ist Sobooks eine Möglichkeit, direkt im Produkt mit der Community zusammen zu kommunizieren, mit ihnen zu diskutieren. Das bedeutet, ich tue es nicht mehr auf irgendeiner Plattform woanders, wo man dann auch nicht nachvollziehen kann, wer mal über irgendein Zitat irgendwas gesagt hat, sondern der Autor reichert sein eigenes Werk mit den Kommentaren an. Gleichzeitig, weil wir im Internet sind, weil bei uns jeder Satz von außen verlinkbar ist, sind wir für Autoren eine Möglichkeit, ihre Community noch enger und noch näher einzubinden, als das bei irgendeiner anderen Plattform der Fall ist.

Sprechen wir mal über Datenschutz. Leser geben bei Sobooks viele Daten preis. Ist das für euch ein Geschäftsmodell? Wie geht ihr damit um?

Wer meine Veröffentlichungen in den letzten Monaten und Jahren verfolgt hat, der weiß, dass ich einen gewissen Wert auf die Datensituation lege, um es mal vorsichtig auszudrücken. Wir haben von Anfang an ein erklärtes Ziel. Dieses Ziel, eigentlich eine Vision, kann man beschreiben als Datensouveränität für den Nutzer. Ich bin der Überzeugung, dass sich der Datenschutz etwas weiterentwickeln sollte. Und wir versuchen, die Weiterentwicklung mit Sobooks voranzutreiben. Datensouveränität bedeutet, ich kann selbst festlegen, wer was wann und warum etwas mit meinen Daten macht. Manche Leute finden es total super, dass alle ihre Buchzitate der ganzen Welt zugänglich sind. Andere denken, ich möchte eigentlich nur, dass das Freunde sehen und Dritte sagen, dass geht überhaupt niemanden etwas an. Alle sollen bei uns mitmachen können. Anmelden kann man sich allein mit einer E-Mail-Adresse. Das heißt quasi, man kann bei uns pseudonym oder anonym ein Teil davon sein. Den Bezahlvorgang kann man in Deutschland aus rechtlichen Gründen nur sehr eingeschränkt anonymisieren, das ist klar. Aber wir versuchen, so weit wie möglich alles so zu machen, damit der Nutzer nur die Daten preisgibt, die er preisgeben möchte. Wir haben keine Werbepartner mit eingebunden, obwohl es da lukrative Angebote gab. Wir haben Daten, die wir auswerten, genau dann, wenn der Nutzer das möchte.

Allerdings, das ist wichtig: Wir sind eine sehr kleine Firma. Wir sind bis jetzt ganz privat finanziert. Wir haben drei Leute aus unserem direkten Umfeld, die wir gerne mögen und schätzen, als Investoren gewinnen können und haben eigenes Geld investiert. Aber wir sind klein. Das heißt, nicht jeder Punkt beim Datenschutz wird am Anfang so sein, dass er allen Leuten 100 Prozent Möglichkeiten bietet, ihre Version voll und ganz auszuleben. Wir wissen das und entwickeln es weiter – auch mit der Community. Anregungen in dieser Richtung nehmen wir gerne entgegen. Wir werden auch regelmäßig Abstimmungen machen, ob bestimmte Features gewünscht sind und welche, weil wir sie der Reihe nach entwickeln müssen. Will sagen: Wir sind nicht von Anfang an perfekt. Wir sind klein. Es wird Fehler geben. Es wird mit Sicherheit auch technische Sachen geben, wo auf einmal jemand doch sieht, dass das Buch gekauft wurde, obwohl er angekreuzt hat, das soll unsichtbar sein. Wir haben nämlich einen Knopf , der heißt: mach mich unsichtbar. Es wird bestimmt irgendwo herauskommen, dass wir übersehen haben, dass man das auf irgendeine Art doch sehen kann. Aber wir versuchen das so transparent wie möglich zu handhaben und wir versuchen uns zu verbessern und weiterzuentwickeln mit der Community.

Du hast mit Christopher Lauer auch ein Buch veröffentlicht: „Aufstieg und Niedergang der Piratenpartei„. Sobooks ist nämlich auch ein Verlag. Warum gerade dieses Buch als erstes Sobooks-Buch?

Das Buch, das Christopher Lauer und ich zusammen geschrieben haben, jetzt in der Finalisierung ist und am 27. Oktober erscheint, das ist schon sehr lange geplant. Und tatsächlich haben wir dann einfach gedacht, dass es eigentlich ganz gut wäre, es vorzustellen bei der Plattform-Vorstellung. Es ist wirklich so, dass das Phänomen Piratenpartei in der deutschen Parteienlandschaft ganz viele Leute mit einem gewissen Fragezeichen hinterlässt. Warum ist es passiert, dass da Leute zeitweise 14 Prozent in bundesweiten Umfragen bekommen haben (das war Anfang 2012) und warum sind die so wahnsinnig abgestürzt? Dazu hat jeder eine Meinung, aber ein Buch, das dieses Phänomen versucht zu erklären, das gab es bis jetzt nicht.

Der Grund, warum wir das nach vorne gestellt haben, war, weil wir gedacht haben, dass ein riesiger Mehrwert darin liegt, dass die Ereignisse von Christopher Lauer, der zeitweise auch Vorstand der Piraten und eine der kontroversesten und bekanntesten Figuren war, aus einer Innenperspektive und von mir aus einer Außenperspektive geschildert werden. Ich haben die Ereignisse von Anfang an mitverfolgt, war immer im Netz, war auch bei Twitter, bevor die Piraten auf Twitter waren. Ich habe also von Anfang an von außen gesehen, was passiert. Und wir dachten, dass diese Kombination extrem spannend sein kann. Ich glaube, dass wir auch extrem spannend. Da wird ein großer Erkenntnisgewinn stattfinden. Die Basis dieses Buches waren 60 Stunden Gespräche. Ich habe Stichworte gegeben, habe mitgeschrieben und wir haben uns die Geschichte angeschaut. Das ist ein Teil des Buches, nämlich die Erzählung von Christopher Lauer. Den anderen Teil des Buches haben wir gemeinsam verfasst, wo wir analysiert haben, was da eigentlich passiert, was es bedeutet. Das war auch für mich super spannend. Und wenn ich, der die Piraten extrem verfolgt hat, überraschend viel gelernt habe, dann wird das, glaube ich, für die meisten Leute spannend werden. Nicht für alle, weil wir wissen, dass einige alles vorher viel besser wussten als die, die es währenddessen getan haben. Aber ich glaube, dass für die große Öffentlichkeit ein großer Erkenntnisgewinn darin besteht.

Du hast vorhin beim Launch von Sobooks vom „Markt nach Amazon“ gesprochen. Ziemlich ambitioniert, oder?

Christoph Kappes hat vor wenigen Tagen ein Interview gegeben, in dem er völlig zutreffend gesagt hat, ein bisschen Größenwahn brauche es einfach, sonst mute man sich so etwas einfach nicht zu. Wir haben über zwei Jahre vorbereitet, viel Geld reingesteckt, mit vielen Leuten gesprochen, viele Verträge geschlossen, viel investiert in vielen Sinnen des Wortes. Ich glaube, wenn man nicht überzeugt ist, dass man etwas Großes zumindest versucht, dann hält man das gar nicht aus.

Das, was Amazon macht mit eBooks, ist der ganz schnöde eBook-Download. So wie iTunes vor fünf Jahren als einzige beherrschende Plattform im Musik-Business galt, weil sie die Hardware, Software und den Markt kontrolliert haben. Aber da waren sie halt doch nur die besten bei Musik-Downloads. Und dann kam Spotify und hat gesagt: Der Download ist gar nicht mehr so hipp, lasst uns doch Streaming machen und lasst und doch ein anderes Prinzip des Musikverkaufs finden. Und heute ist Spotify einer der prägenden Kräfte im Musikmarkt. Gleichzeitig ist es heute so, dass Amazon völlig unschlagbar scheint, aber eben nur Downloads verkauft und wir mit dem nächsten Schritt, das Buch ins Internet zu bringen, den Schritt weg vom Download machen.

Wie sehen bei dir beziehungsweise bei euch die nächsten Tage, Wochen und Monate aus? Auf was dürfen wir uns freuen?

Wir dürfen uns darauf freuen, dass ich heute am Freitagabend mit den Friends of Sobooks erhebliche Mengen an Alkohol zu mir nehmen werde und deswegen vermutlich bis Dienstagmittag kaum zurechnungsfähig sein werde. Direkt danach werden wir erst mal versuchen, Sobooks zu debuggen. Es ist ganz neu – wir sind erst ein paar Stunden alt zum Zeitpunkt des Interviews – und es sind deshalb natürlich noch Fehler drin. Es gibt Sachen, die wir schon fertig haben, die aber noch deployed werden müssen. Es ist bestimmt so, dass heute Nacht um 3 Uhr zum Beispiel die iOS-Variante im Browser von Safari zerhackt ist und bei Chrome geht es aber wieder und so weiter. Das heißt, in den nächsten Wochen werden wir die Plattform noch stabiler und lauffähiger machen und wir werden mehr Inhalte einstellen.

Wir streben natürlich irgendwann einen Vollkatalog an. Wenn wir alle Verlage davon überzeugt haben, dass die Inhalte bei uns total gut aufgehoben sind. Aber am Anfang fangen wir mit sehr wenigen, sehr ausgewählten Inhalten an. Wir wollen erst mal dieses Prinzip zum Laufen kriegen. Und dann irgendwann werden wir anfangen, Sobooks auch substanziell weiterzuentwickeln. Das Potential ist definitiv da, erheblich in ganz viele Richtungen. Wenn man mit Leuten, die irgendwie Interesse am Buch haben, redet, dann kommen nach ein paar Minuten die ersten Ideen. Und dann denken die, da könnte man doch ein Abo-Modell machen. Stimmt, könnte man, machen wir auch. Kommt noch in diesem Jahr. Man könnte doch nicht nur ein Abo-Modell machen, sondern auch ein Subskriptions-Modell machen. Stimmt, haben wir schon. Ist schon da. Bei uns kostet ein Buch 25 Prozent weniger bis zum Zeitpunkt der Veröffentlichung. Das ist die einzige Ausnahme des Buchpreisbindungsgesetzes in Deutschland.

Und so wird es weitergehen. Feature für Feature rollen wir aus. Und wir wollen darüber auch im Gespräch mit der Community bleiben. Wir werden also in der nächsten Zeit, wenn wir alle wieder nüchtern sind und die Plattform einigermaßen geschmeidig läuft, abstimmen lassen von der Community: Was sind denn die Features, die wir als nächstes ausrollen sollen. Feature A, B oder C, was möchtet ihr zuerst haben? Wir werden versuchen, Vorschläge einzuholen, was sich die Leute vorstellen können. Wir haben, das wird in der nächsten oder übernächsten Woche gelauncht, eine große Section mit rechtefreien Büchern, also Bücher, die man kostenlos lesen kann. Man muss sich einfach nur anonym anmelden, dann kann man bei uns alle rechtefreien Bücher lesen und kommentieren. Genau, wie es bei Sobooks funktioniert, ohne nur einen Cent zu bezahlen. Aber welche rechtefreien Bücher wollen die Leute lesen? Wollen sie das Gesamtwerk Karl Marx auf der Plattform haben oder eher die drei triefigsten Werke von Schiller, die am meisten den Herzschmerz abgebildet haben? Wissen wir nicht. Lassen wir einfach abstimmen. Das sind einige der Sachen, die uns in nächster Zeit erwarten.

Vielen Dank für das Interview.

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Julian Heck

Julian Heck

ist freier Journalist, Dozent und Lehrbeauftragter an der Hochschule Darmstadt. Er schreibt über die Themen Medien, Technik und digitale Wirtschaft. Zu seinen Auftraggebern gehören unter anderem etailment.de, LEAD digital, Mobilbranche, das Medium Magazin, MobileGeeks.de und die Friedrich-Ebert-Stiftung. Vom Medium Magazin wurde der Südhesse 2013 unter die "Top 30 bis 30" Nachwuchsjournalisten gewählt.

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