Was das sexistische Manifest von Google über Silicon Valley sagt

Vor fünf Jahren wurde Silicon Valley von einer Welle schlechten Verhaltens so genannter „brogrammer“ überrascht, als reiche, eingebildete, zumeist weiße, männliche Gründer von Start-ups Dinge taten, die kindisch, nicht akzeptabel und einfach nur dumm waren. Der Großteil dieser Aktivitäten – wie die Platzierung von Pornografie auf PowerPoint-Folien – drehte sich um die ausdrückliche – oder wenigstens implizite – Herabwürdigung und Belästigung von Frauen. Die Herren der Schöpfung waren der Überzeugung, dass sie am Arbeitsplatz die Zügel in der Hand halten würden – oder dass sich das zumindest so gehört. Der aktuelle „Memo“-Skandal von Google zeigt, dass wir noch einen weiten Weg vor uns haben.

Es mag sein, dass die etablierteren und erfolgreicheren Unternehmen ihre Bewerber keinen Bikinifotos und anzüglichen Interviews aussetzen. Aber selbst Hightech-Giganten unterhalten eine Atmosphäre, in der Heteronormativität und männliche Bevorzugung so präsent ist, dass ein Ingenieur sich dadurch ermutigt fühlt, ziemlichen Unfug zusammenzuschreiben und zu verteilen, mit dem im Grunde alle weiblichen Kollegen auf einen Schlag belästigt werden.

Das ist eine Schande, weil viele der Technologieunternehmen vorgeben, dass sie diese Kultur ändern wollen. In diesem Sommer hielt ich bei Google in Großbritannien einen Vortrag über meine Arbeit als Technologiehistoriker und Geschlechtswissenschaft. Ich dachte, dass meine Rede die Denkweise der Menschen über Frauen im Computerwesen ändern könnte und sogar Frauen und genderqueere Leute, die bei Google arbeiten, helfen könnte. Der Umstand alleine war schon ironisch: Ich besuchte ein milliardenschweres Technologieunternehmen, um herauszustellen, dass Frauen im Technologieumfeld nicht genug Wertschätzung erhalten – und tat dies völlig umsonst.

Sich gemeinsamen Ängsten stellen

Ich ging zu Google mit einer wahnsinnigen Angst. Ich werde über das Thema meines demnächst erscheinenden Buches „Programmierte Ungleichheit“ sprechen. Das Buch handelt davon, wie Frauen im vereinigten Königreich aus dem Computerwesen getrieben werden. In den Vierzigern bis in die frühen Sechziger war der Großteil der im Computerwesen arbeitenden Menschen weiblich. Im Verlauf der sechziger und siebziger sank die Anzahl weiter, als Frauen einer absichtlichen institutionellen Diskriminierung ausgesetzt waren, die zum Ziel hatte, sie aus der Branche zu verbannen. Dies zog nicht Nachteile für Frauen nach sich – es torpedierte die einst so vielversprechende britische Computerindustrie.

Für den schlimmsten Fall nahm ich an, dass meine Rede mit einer Runde Fragespielchen enden würde, in der ich sehr wahrscheinlich gebeten werden würde, mich selbst all den Punkten auszusetzen, die im Google-Manifest aufgelistet werden. Etwas Ähnliches ist schon einmal passiert – und zwar nicht nur mir. Ich habe jahrelang Erfahrung gesamelt, und kann mit scharfen Kritikern und einem rauen Publikum umgehen. Ich beherrsche diese Kunst sowohl im Klassenzimmer als auch außerhalb.

Als ein Resultat dieser Erfahrung weiß ich nun, wie man mit solchen Situationen umgeht. Es ist jedoch mehr als nur entmutigend, meine Arbeit so missverstanden zu erleben. Ich habe den Schaden des mit „Bedrohung durch Stereotype“ betitelten Phänomens selber erlebt, den dieser auf Frauen ausüben kann: Die Annahme, minderwertig zu sein, kann eine Person sich nicht nur minderwertiger fühlen lassen, sondern sie tatsächlich unterbewusst ein solches Verhalten hervorrufen lassen, das ihren angeblichen niedrigeren Wert bestätigt. Beispielsweise schneiden Frauen messbar schlechter ab bei Matheprüfungen, nachdem sie einen Artikel gelesen haben, in dem es darum ging, dass Frauen ungeeignet sind, Mathe zu studieren. (Ein verwandtes Phänomen, das Hochstapler-Syndrom, ist im akademischen Umfeld weit verbreitet.)

Eine überraschende Reaktion

Während dies passierte, waren die Zuschauer informiert und interessiert an meiner Arbeit. Ich war beeindruckt und entzückt von dem hohen Grad der Rücksichtnahme, den die Fragen beinhielten. Eine Frage stach jedoch besonders heraus. Sie erschien wie das perfekte Beispiel, wieso die Technologieindustrie heute so zerstört ist, dass sie den Großteil ihres Talentes schwer behindert oder sogar zerschlägt, weil sie der Bedrohung durch Stereotype in großer Zahl ausgesetzt sind.

Eine Google-Entwicklerperson fragte mich, ob Frauen aufgrund biologischer Differenzen von Natur aus schlechtere Chancen hätten, gute Ingenieure zu werden. Ich verneinte diese Frage und wies darauf hin, dass diese Art von der pseudowissenschaftlich evolutionären Psychologie historisch mehrfach als falsch bewiesen wurde. Die biologische Determiniertheit ist eine gefährliche Waffe, die dazu benutzt wurde, um People of Color, Frauen und viele andere Mitmenschen ihrer Bürgerrechte und sogar ihrer Leben zu berauben – und das über Jahrhunderte hinweg.

Die Entwicklerperson, die diese Frage stellte, war selbst eine Frau. Sie sagte, dass sie sich als etwas Besonderes betrachtete, weil sie spürte, dass sie über weniger emotionaler Intelligenz und über mehr intellektuelle Intelligenz als die meisten anderen Frauen verfügte und diese Eigenschaften sie ihren Beruf besser ausüben lassen. Sie fragte sich, ob die meisten Frauen zum Scheitern verurteilt sind. Sie sprach mit der Unsicherheit einer Person, der mehrfach mitgeteilt wurde, dass „normale“ Frauen nicht begabt genug dafür seien, das zu tun, was sie tut oder der Mensch zu sein, der sie ist.

Ich versuchte, mich auf ihre Seite zu stellen und meine Antwort klar, aber nicht abweisend auszudrücken. Genau so funktioniert die strukturelle Diskriminierung; Es sickert in jeden einzelnen von uns ein und wir sind uns kaum darüber bewusst. Wenn wir uns nicht konstant gegen die hinterhältigen Folgen verteidigen, wenn wir nicht in der Lage sind, oder uns der Mut dazu fehlt, und es verstehen, wenn sie uns erklärt werden, verwandeln uns die Auswirkungen in eine schlechtere Version unserer selbst. Wir übernehmen das Ich, das von den negativen Stereotypen erwartet wird. Das größere Problem ist jedoch, dass es nicht auf der individuellen Ebene aufhört.

Ein strukturelles Problem

Diese Fehleinschätzungen ziehen sich durch alle Aspekte unserer Institutionen, die diese dann im Umkehrschluss nähren und (oft unabsichtlich) weiterverbreiten. Genau das ist passiert, als das Google-Manifest erschien. Und dies hat sich im anschließenden Medienrummel wiederholt.

Dass das Manifest als eine potenziell interessante oder illustrative Meinung gesehen wurde, die nicht nur etwas über Silicon Valley aussagt, sondern auch über die derzeitige politische Atmosphäre. Die Medien sind ebenso mitschuldig, denn für manche war diese Nachricht lediglich aufgrund des Schockeffekts erwähnenswert. Wieder andere betrachteten das Dokument als einen Gedankenanstoß, welcher Beachtung und eine Diskussion verdient, statt den Müll, der dort stand, als ein Beispiel für den autoreigenen Frauenhass, eine falsche Geschichtsauffassung und – wie einige Computerexperten bemerkten – ein mangelndes Verständnis für das Ingenieurwesen an sich.

Die vielen Leute, die offen und ausgesprochen aussagten, dass es genau das nicht ist, sollten verurteilt werden. Aber der bloße Fakt, dass sie ihre Zeit verschwenden mussten, um diesen Punkt anzusprechen zeigt, wie viel Schaden gedankenloser Sexismus und Frauenhass auf jeden Aspekt unserer Gesellschaft und unsere Wirtschaft ausübt.

Die Reaktion der Unternehmen

Google für seinen Teil hat den Autor nun entlassen. Den Schritt hatte man nach der schlechten Presse und wegen der negativen Schlagzeilen erwartet. Google hat sich jedoch verweigert, der Anordnung des US-Justizministeriums ebenso Folge zu leisten. Hier wurde bestimmt, dass eine Statistik herausgegeben werden sollte, die eine Auflistung des Gehaltsunterschiedes zwischen den männlichen und weiblichen Mitarbeitern beinhaltete. Das Unternehmen sagte aus, dass es schätzungsweise 100.000 US-Dollar kosten würde, diese Daten zusammenzustellen und beschwerte sich, dass die Übernahme dieser Kosten für ein milliardenschweres Unternehmen zu hoch seien.

Das Unternehmen ist zu einer kleinen Gabe – besonders verglichen mit ihren Erträgen – nicht bereit, um die schwerwiegenden, geschlechterbasierten Gehaltsunterschiede zu korrigieren. Ist es dann verwunderlich, dass manche Mitarbeiter – sowohl Männer als auch Frauen – die Leistungen der Frauen und ihre Identitäten als weniger wertvoll oder weniger geeignet für die Technologiebranche ansehen? Oder dass einige sogar von der Rechtmäßigkeit der Praxis überzeugt waren, und zwar gegen ihre eigenen Interessen?

Die Menschen nehmen sich ein Beispiel an den Institutionen. Unsere Regierungen, Unternehmen, Universitäten und Nachrichtenmedien formen unser Verständnis und Erwartungen von und an uns selbst in einer Art, die wir ohne ein genaues Verständnis von uns selbst und nachhaltiger Selbstreflexion nur zum Teil verstehen. Im Fall in Großbritannien kam diese institutionelle Selbstreflexion für die Technologiebranche im 20. Jahrhundert viel zu spät. Bleibt nur zu hoffen, dass die Vereinigten Staaten im 21. Jahrhundert etwas von dieser Geschichte lernen. In einer Zeit, in der sich das Technologieumfeld und die Regierungen immer mehr zusammenschließen, um zu definieren, wer wir als Nation sind, durchleben wir ein erschreckendes, aber zugleich auch enorm lehrreiches Moment.

Dieser Artikel erschien zuerst auf „The Conversation“ unter CC BY-ND 4.0. Übersetzung mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.


Image (adapted) „Businesswoman“ by greekfood-tamystika (CC0 Public Domain)


The Conversation

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Marie Hicks

Marie Hicks

ist an der Universität in Wisconsin-Madison Dozentin für Geschichte. Ihr Interesse gilt vor allem den Bereichen der Technologie, dem sozialen Geschlecht und dem modernen Europa (mit Fokus auf die Histroie der Informatik).

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