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Was das sexistische Manifest von Google über Silicon Valley sagt

Businessfrau (adapted) (image by greekfood-tamystika [CC0] via pixabay)

Vor fünf Jahren wurde Silicon Valley von einer Welle schlechten Verhaltens so genannter „brogrammer“ überrascht, als reiche, eingebildete, zumeist weiße, männliche Gründer von Start-ups Dinge taten, die kindisch, nicht akzeptabel und einfach nur dumm waren. Der Großteil dieser Aktivitäten – wie die Platzierung von Pornografie auf PowerPoint-Folien – drehte sich um die ausdrückliche – oder wenigstens implizite – Herabwürdigung und Belästigung von Frauen. Die Herren der Schöpfung waren der Überzeugung, dass sie am Arbeitsplatz die Zügel in der Hand halten würden – oder dass sich das zumindest so gehört. Der aktuelle „Memo“-Skandal von Google zeigt, dass wir noch einen weiten Weg vor uns haben.

Es mag sein, dass die etablierteren und erfolgreicheren Unternehmen ihre Bewerber keinen Bikinifotos und anzüglichen Interviews aussetzen. Aber selbst Hightech-Giganten unterhalten eine Atmosphäre, in der Heteronormativität und männliche Bevorzugung so präsent ist, dass ein Ingenieur sich dadurch ermutigt fühlt, ziemlichen Unfug zusammenzuschreiben und zu verteilen, mit dem im Grunde alle weiblichen Kollegen auf einen Schlag belästigt werden.

Das ist eine Schande, weil viele der Technologieunternehmen vorgeben, dass sie diese Kultur ändern wollen. In diesem Sommer hielt ich bei Google in Großbritannien einen Vortrag über meine Arbeit als Technologiehistoriker und Geschlechtswissenschaft. Ich dachte, dass meine Rede die Denkweise der Menschen über Frauen im Computerwesen ändern könnte und sogar Frauen und genderqueere Leute, die bei Google arbeiten, helfen könnte. Der Umstand alleine war schon ironisch: Ich besuchte ein milliardenschweres Technologieunternehmen, um herauszustellen, dass Frauen im Technologieumfeld nicht genug Wertschätzung erhalten – und tat dies völlig umsonst.

Sich gemeinsamen Ängsten stellen

Ich ging zu Google mit einer wahnsinnigen Angst. Ich werde über das Thema meines demnächst erscheinenden Buches „Programmierte Ungleichheit“ sprechen. Das Buch handelt davon, wie Frauen im vereinigten Königreich aus dem Computerwesen getrieben werden. In den Vierzigern bis in die frühen Sechziger war der Großteil der im Computerwesen arbeitenden Menschen weiblich. Im Verlauf der sechziger und siebziger sank die Anzahl weiter, als Frauen einer absichtlichen institutionellen Diskriminierung ausgesetzt waren, die zum Ziel hatte, sie aus der Branche zu verbannen. Dies zog nicht Nachteile für Frauen nach sich – es torpedierte die einst so vielversprechende britische Computerindustrie.

Für den schlimmsten Fall nahm ich an, dass meine Rede mit einer Runde Fragespielchen enden würde, in der ich sehr wahrscheinlich gebeten werden würde, mich selbst all den Punkten auszusetzen, die im Google-Manifest aufgelistet werden. Etwas Ähnliches ist schon einmal passiert – und zwar nicht nur mir. Ich habe jahrelang Erfahrung gesamelt, und kann mit scharfen Kritikern und einem rauen Publikum umgehen. Ich beherrsche diese Kunst sowohl im Klassenzimmer als auch außerhalb.

Als ein Resultat dieser Erfahrung weiß ich nun, wie man mit solchen Situationen umgeht. Es ist jedoch mehr als nur entmutigend, meine Arbeit so missverstanden zu erleben. Ich habe den Schaden des mit „Bedrohung durch Stereotype“ betitelten Phänomens selber erlebt, den dieser auf Frauen ausüben kann: Die Annahme, minderwertig zu sein, kann eine Person sich nicht nur minderwertiger fühlen lassen, sondern sie tatsächlich unterbewusst ein solches Verhalten hervorrufen lassen, das ihren angeblichen niedrigeren Wert bestätigt. Beispielsweise schneiden Frauen messbar schlechter ab bei Matheprüfungen, nachdem sie einen Artikel gelesen haben, in dem es darum ging, dass Frauen ungeeignet sind, Mathe zu studieren. (Ein verwandtes Phänomen, das Hochstapler-Syndrom, ist im akademischen Umfeld weit verbreitet.)

Eine überraschende Reaktion

Während dies passierte, waren die Zuschauer informiert und interessiert an meiner Arbeit. Ich war beeindruckt und entzückt von dem hohen Grad der Rücksichtnahme, den die Fragen beinhielten. Eine Frage stach jedoch besonders heraus. Sie erschien wie das perfekte Beispiel, wieso die Technologieindustrie heute so zerstört ist, dass sie den Großteil ihres Talentes schwer behindert oder sogar zerschlägt, weil sie der Bedrohung durch Stereotype in großer Zahl ausgesetzt sind.

Eine Google-Entwicklerperson fragte mich, ob Frauen aufgrund biologischer Differenzen von Natur aus schlechtere Chancen hätten, gute Ingenieure zu werden. Ich verneinte diese Frage und wies darauf hin, dass diese Art von der pseudowissenschaftlich evolutionären Psychologie historisch mehrfach als falsch bewiesen wurde. Die biologische Determiniertheit ist eine gefährliche Waffe, die dazu benutzt wurde, um People of Color, Frauen und viele andere Mitmenschen ihrer Bürgerrechte und sogar ihrer Leben zu berauben – und das über Jahrhunderte hinweg.

Die Entwicklerperson, die diese Frage stellte, war selbst eine Frau. Sie sagte, dass sie sich als etwas Besonderes betrachtete, weil sie spürte, dass sie über weniger emotionaler Intelligenz und über mehr intellektuelle Intelligenz als die meisten anderen Frauen verfügte und diese Eigenschaften sie ihren Beruf besser ausüben lassen. Sie fragte sich, ob die meisten Frauen zum Scheitern verurteilt sind. Sie sprach mit der Unsicherheit einer Person, der mehrfach mitgeteilt wurde, dass „normale“ Frauen nicht begabt genug dafür seien, das zu tun, was sie tut oder der Mensch zu sein, der sie ist.

Ich versuchte, mich auf ihre Seite zu stellen und meine Antwort klar, aber nicht abweisend auszudrücken. Genau so funktioniert die strukturelle Diskriminierung; Es sickert in jeden einzelnen von uns ein und wir sind uns kaum darüber bewusst. Wenn wir uns nicht konstant gegen die hinterhältigen Folgen verteidigen, wenn wir nicht in der Lage sind, oder uns der Mut dazu fehlt, und es verstehen, wenn sie uns erklärt werden, verwandeln uns die Auswirkungen in eine schlechtere Version unserer selbst. Wir übernehmen das Ich, das von den negativen Stereotypen erwartet wird. Das größere Problem ist jedoch, dass es nicht auf der individuellen Ebene aufhört.

Ein strukturelles Problem

Diese Fehleinschätzungen ziehen sich durch alle Aspekte unserer Institutionen, die diese dann im Umkehrschluss nähren und (oft unabsichtlich) weiterverbreiten. Genau das ist passiert, als das Google-Manifest erschien. Und dies hat sich im anschließenden Medienrummel wiederholt.

Dass das Manifest als eine potenziell interessante oder illustrative Meinung gesehen wurde, die nicht nur etwas über Silicon Valley aussagt, sondern auch über die derzeitige politische Atmosphäre. Die Medien sind ebenso mitschuldig, denn für manche war diese Nachricht lediglich aufgrund des Schockeffekts erwähnenswert. Wieder andere betrachteten das Dokument als einen Gedankenanstoß, welcher Beachtung und eine Diskussion verdient, statt den Müll, der dort stand, als ein Beispiel für den autoreigenen Frauenhass, eine falsche Geschichtsauffassung und – wie einige Computerexperten bemerkten – ein mangelndes Verständnis für das Ingenieurwesen an sich.

Die vielen Leute, die offen und ausgesprochen aussagten, dass es genau das nicht ist, sollten verurteilt werden. Aber der bloße Fakt, dass sie ihre Zeit verschwenden mussten, um diesen Punkt anzusprechen zeigt, wie viel Schaden gedankenloser Sexismus und Frauenhass auf jeden Aspekt unserer Gesellschaft und unsere Wirtschaft ausübt.

Die Reaktion der Unternehmen

Google für seinen Teil hat den Autor nun entlassen. Den Schritt hatte man nach der schlechten Presse und wegen der negativen Schlagzeilen erwartet. Google hat sich jedoch verweigert, der Anordnung des US-Justizministeriums ebenso Folge zu leisten. Hier wurde bestimmt, dass eine Statistik herausgegeben werden sollte, die eine Auflistung des Gehaltsunterschiedes zwischen den männlichen und weiblichen Mitarbeitern beinhaltete. Das Unternehmen sagte aus, dass es schätzungsweise 100.000 US-Dollar kosten würde, diese Daten zusammenzustellen und beschwerte sich, dass die Übernahme dieser Kosten für ein milliardenschweres Unternehmen zu hoch seien.

Das Unternehmen ist zu einer kleinen Gabe – besonders verglichen mit ihren Erträgen – nicht bereit, um die schwerwiegenden, geschlechterbasierten Gehaltsunterschiede zu korrigieren. Ist es dann verwunderlich, dass manche Mitarbeiter – sowohl Männer als auch Frauen – die Leistungen der Frauen und ihre Identitäten als weniger wertvoll oder weniger geeignet für die Technologiebranche ansehen? Oder dass einige sogar von der Rechtmäßigkeit der Praxis überzeugt waren, und zwar gegen ihre eigenen Interessen?

Die Menschen nehmen sich ein Beispiel an den Institutionen. Unsere Regierungen, Unternehmen, Universitäten und Nachrichtenmedien formen unser Verständnis und Erwartungen von und an uns selbst in einer Art, die wir ohne ein genaues Verständnis von uns selbst und nachhaltiger Selbstreflexion nur zum Teil verstehen. Im Fall in Großbritannien kam diese institutionelle Selbstreflexion für die Technologiebranche im 20. Jahrhundert viel zu spät. Bleibt nur zu hoffen, dass die Vereinigten Staaten im 21. Jahrhundert etwas von dieser Geschichte lernen. In einer Zeit, in der sich das Technologieumfeld und die Regierungen immer mehr zusammenschließen, um zu definieren, wer wir als Nation sind, durchleben wir ein erschreckendes, aber zugleich auch enorm lehrreiches Moment.

Dieser Artikel erschien zuerst auf „The Conversation“ unter CC BY-ND 4.0. Übersetzung mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.


Image (adapted) „Businesswoman“ by greekfood-tamystika (CC0 Public Domain)


The Conversation

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Sexuell motivierte Übergriffe im virtuellen Raum

Girl Playing Video Game With Virtual Reality Headset

Auch wenn diverse Formen der sexuellen Belästigung bereits seit dem Anfang des Internets existieren, lassen kürzlich geschehene Ereignisse eine Wandlung des sexuellen Übergriffs im Internet erahnen. Sexuelle Übergriffe finden nun auch in der dritten Dimension statt. Störenfriede belästigen Frauen nun auch in der virtuellen Realität mittels eines Headsets.

Die Autorin Jordan Belamire berichtete von ihrer persönlichen Erfahrung mit virtueller sexueller Belästigung. Die körperlosen Hände des Avatars des Mannes im virtuellen Spiel QuiVr, einem Online-Spiel zum Bogenschießen, simulierten eine ständige Bedrängung von Belamires virtuellem Körper. Der Fremde berührte vor allem die Brust ihres Avatars. Danach jagte er sie durch die Spielwelt, obwohl sie ihn über den Spielchat darum gebeten hat, seine Taten zu unterlassen.

Einige der Antworten, insbesondere von den Entwicklern des Spiels, waren sehr unterstützend und positiv. Allerdings war die überwiegende Resonanz der Kommentare eher vorwurfsvoll und relativierend. Auch mit beleidigenden Kommentaren wurde Belamire konfrontiert. Mit der Analyse der Kommentare lässt sich die Ursache für solche Übergriffe, insbesondere Belästigungen im virtuellen Bereich, feststellen. Es kann anschließend erörtert werden, welche Maßnahmen getroffen werden können, um sie zu stoppen.

Wir müssen uns mit negativen Situationen unserer Gemeinschaften abfinden und neue Wege finden, um soziale Normen zu entwickeln und diese durchzusetzen. Als Expertin für Belästigungsfälle und Straftaten im Netz bin ich überzeugt, dass wir unsere Sichtweise bezüglich der Belästigungen im virtuellen Bereich ändern müssen. Insbesondere die Denkweise, dass Online-Belästigungen keine wirklichen Straftaten sind, weil das Internet nicht real ist, muss verändert werden. Wenn Menschen miteinander kommunizieren und miteinander umgehen, sind diese Vorgänge im virtuellen Bereich genauso wirklich wie in der Realität.

Im Loch der Online-Kommentare

Unterhalb eines emotionalen Kommentars eines QuiVR-Entwicklers, der sich für die Geschehnisse entschuldigt hatte und Besserung versprach, befindet sich folgender Kommentar: „Du bist überhaupt kein Opfer. Die VR-Gemeinschaft ist ein Opfer der Anhänger von politischer Korrektheit geworden.“ Ein weiterer Kommentator fügt hinzu: „Hier ist ein Ratschlag für Dich. SCHALTE DAS VERF***TE SPIEL AUS DU DUMME S******E!“ Ein anderer schreibt: „Ich muss schon sagen, ich habe keine verdammte Ahnung, was überhaupt als sexueller Übergriff gilt, wenn du DIESEN Vorfall als einen sexuellen Übergriff darstellst.“

Zwischenzeitlich bemerkten andere Benutzer, dass Belamire über den Vorfall hinwegsehen sollte, weil sie erotische Romane schreibt. Sie beschuldigten sie teilweise sogar, nur Aufmerksamkeit zu suchen. „Sie schreibt lesbische Romane für Erwachsene und fühlt sich belästigt von digitalen Handschuhen“ schreibt ein Benutzer in belächelnder, ironischer Weise. Es war schon immer so: wenn sich eine Frau bezüglich ihrer Sexualität als sehr sensibel darstellt, stimmt sie anscheinend jeglichen sexuellen Handlungen generell zu.

Was ist virtuell, was ist Realität?

Der überwiegende Konsens der aggressiven Kommentare liegt darin, dass Belamire beschuldigt wird, aus einer Mücke einen Elefanten zu machen, weil sich der Vorfall online abgespielt hat. Es waren ja nur „schwebende Hände“ in einer „virtuellen Welt“, welche sie ganz einfach hätte ausschalten oder ihr Headset abnehmen können.

Die aggressiven Spieler fragen sich anscheinend nie, warum es Männern egal ist, wenn sie Leute antreffen, die beim Spielen ihre Hände nicht bei sich lassen können und gerne in die Privatsphäre anderer einschreiten. Auch die Frage, wieso genau solche Spieler entscheiden dürfen, wer spielt und wer nicht, ist ihnen völlig egal. Ja, Belamire entschied sich dafür, dass Spiel zu spielen. Das heißt aber auf keinen Fall, dass sie sich dazu bereit erklärt hat, sexuell angegriffen zu werden.

Diese Überzeugungen zeigen sowohl die Geisteshaltung des Täters als auch der Leute auf, die solche Taten entschuldigen. In den Kommentarbereichen findet sich immer wieder die Darstellung, dass online vorgenommene Handlung nicht real sind, weil das Internet selber nicht wirklich existiert. Dadurch wird insbesondere solchen Handlungen eine gewisse Legitimität zugeschrieben.

Aus Spaß wird schnell Ernst

In dieser Welt der Täter und Dulder werden Menschen, die sich über Belästigungen beschweren, oft als schuldig angesehen. Die Tat wird oft damit gerechtfertigt, dass das Opfer selber fehlerhaft gehandelt habe. Es ist eine sehr gegensätzliche Idee: Das Argument, dass die Spiele nicht real seien, hält die aggressiven Kommentatoren nicht davon ab, Belamires Beschwerden persönlich zu nehmen.

„Spiele sollten ein Mittel sein, mit einem Avatar dieser Welt und diesen Regeln geistig in eine andere Welt zu entfliehen“ schreibt einer der Benutzer und will damit sagen, dass solche Maßnahmen zur Prävention von Online-Belästigungen seinem Drang nach Freiheit im Netz entgegenstehen könnten. Ein anderer schreibt: „Feministen wollen anscheinend, dass es ein Verbrechen ist, eine Frau auf der Straße anzusprechen. Nun wollen sie das Gleiche in der virtuellen Realität?“

Belamire wird deswegen oft kritisiert, weil sie sich über eine Belästigung beschwert, die nicht im echten Leben passiert ist. Im gleichen Kommentar wird man oft belehrt, dass eine Zensur im Orwell’schen Sinne bevorsteht. Ein Benutzer rät Belamire tatsächlich erst, das Spiel auszuschalten, nur um dann vorzuschlagen, dass Benutzern mit rigoroser Verbannung gestraft werden sollten, wenn diese sich wiederholt nicht an die Regeln halten. (Es gilt hier allerdings auch zu fragen, wieso er nicht einfach seinen Computer ausschaltet, wenn ihre Geschichte ihn so verärgert.)

Möbiusband: ein Stück Papier mit nur einer Seite

Der Benutzer formuliert einen Gedanken wie ein Möbiusband, zwei gegensätzliche Überzeugungen zusammengefasst in einer Idee: Die jeweilige Handlung war nicht real und sollte deswegen ignoriert werden. Jede Maßnahme, die zur Lösung der Handlung beiträgt, wäre jedoch real genug, dass wir uns um eine bevorstehende Zensur unserer Spiele sorgen müssen – und das regt uns auf.

Online-Erfahrungen sind reale Erfahrungen

Videospiele sind nicht nur fiktive Spielzeuge. Beleidigende und misshandelnde Handlungen sind deswegen nicht weniger real, weil sie im Rahmen einer vermittelnden Plattform vorgenommen werden. Verunglimpfende Äußerungen sind nicht weniger verleumdend, wenn sie online geäußert werden. Auch ungewollte sexuelle Handlungen sind virtuell genauso real, wie sie es in der Realität sind. Die hinzugefügte Computergrafik, der Spielcontroller oder ein Headset klassifizieren menschliche Interaktionen nicht als fiktiv.

Besonders bezüglich der virtuellen Realität sprechen wir noch einen weiteren Gegensatz an. Die oberste Prämisse der virtuellen Realität ist die beispiellose Simulation der Realität. Sie repräsentiert eine physische Erfahrung, die alle unsere Sinne beschäftigt und beinahe wirklich spürbar ist. Diese Erfahrung kann von keinem anderen Spiel vergleichbar simuliert werden.

Dies war das oberste Ziel der Spieledesigner seit dem Erfolg der Branche: Dem Körper eines Spielers vorzugaukeln, er befinde sich in einer fiktiven Spielwelt. Wir sollten also daher nicht überrascht sein, dass simulierte sexuelle Übergriffe deswegen real genug sind, um sie als ernsthaft einzustufen.

Das Problem wurde in einer direkten Diskussion über die Entwicklung sichererer VR-Spiele behandelt, die Ende Oktober im Rahmen der Game Connect Asia Pacific Konferenz in Melbourne geführt wurde. Eine VR-Entwicklerin namens Justin Colla, Mitbegründerin des Alta VR Studios, argumentiert, dass die sehr reale Natur der Spiele den Tätern mehr Spielraum lässt. Sie betont, dass „Spieler in der virtuellen Realität generierten Erinnerungen genauso wahrnähmen, als wären sie tatsächlich geschehen“.

Genau das, kombiniert mit der fehlenden Möglichkeit, einen Täter in seinem Handlungsspielraum durch physische Gegenmaßnahmen einzuschränken, ermächtigt die Täter dazu, solche Taten auszuführen, ohne Konsequenzen erwarten zu müssen. Übergriffe fühlen sich deswegen real an, weil das Opfer keine Möglichkeit hat, sich zu wehren.

Wir müssen uns für eine Möglichkeit entscheiden. Wir können nicht die simulierte Realität der VR anpreisen und zugleich die Kritik an Opfern von Belästigung zulassen. Es wäre fast lächerlich, wenn die Konsequenzen nicht so schlimm wären.

Antwort der Spielentwickler

Glücklicherweise handeln die Entwickler von QuiVr als positives Beispiel für die gesamte Industrie. Sie verfassten einen Artikel, in dem sie besonders darauf eingegangen sind, wieso sie Belamire Glauben schenken und darauf basierend persönliche Verantwortung für die Handlung übernehmen. Außerdem legten sie die einzelnen Schritte dar, um den Opfern von Belästigungen eine verbesserte Plattform zu bieten. Im Mittelpunkt steht hier eine so genannte „Power-Geste“:

Beide Hände zusammenfalten, die Zeigefinger anwinkeln und sie anschließend auseinander ziehen, als würde man ein Kraftfeld erschaffen. Völlig irrelevant wie es aktiviert wird, der Effekt ist sofort spürbar und offensichtlich – es wird eine Kraftwelle ausgestrahlt. Diese löst jeden Spieler in deiner Sicht auf damit dir ein persönlicher „safe space“ zur Verfügung gestellt wird.

Das ist ein sehr mutiger Schritt in die richtige Richtung. Es ist eine erlösende Maßnahme für Opfer von Belästigungen, die mit dieser starken Geste gleichzeitig ihrer Selbstbestimmung Ausdruck verleihen können. Es ist auch eine elegante Lösung. Allerdings wird die Lösung nicht für jedes VR-Spiel funktionieren. Es wird eine Veränderung der Denkweise erforderlich werden.

Während Spiele entwickelt werden, versuchen Produkttester oft, das Spiel auszutricksen – also Wege und Spielarten zu finden, die von den Entwicklern nicht gewollt sind. Diese Sicherheitskontrolleure sollten ebenso kontrollieren, welche Möglichkeiten existieren, sich gegenseitig zu schaden und zu belästigen. Entwickler sollten diese Möglichkeiten der Belästigung genauso behandeln wie andere Probleme des Spieldesigns. Es ist eben nicht „nur ein Spiel“.

Dieser Artikel erschien zuerst auf „The Conversation” unter CC BY-ND 4.0. Übersetzung mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.


Image (adapted) „Girl Playing Video Game With Virtual Reality Headset“ by verkeorg (CC BY-SA 2.0)


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Verschärfen Soziale Medien die politische Debatte in Großbritannien?

Westminster (adapted) (Image by Hernán Piñera [CC BY-SA 2.0] via flickr)

In der angespannten Atmosphäre, die Großbritannien nach der Ermordung des Parlamentsmitgliedes Jo Cox fest im Griff hält, ist die Sorge um den Ton der politischen Debatte im Land groß. Es gibt zwar keinen Hinweis darauf, dass die Sozialen Medien eine direkte Rolle in der Straftat spielten, doch die Aufmerksamkeit richtet sich darauf, wie diese generell die Wut der Menschen schüren. Parlamentsmitglied Stephen Kinnock teilte sich ein Büro mit Cox und die beiden waren gute Freunde. Nach dem Angriff wurde er desöfteren zitiert:

Wir müssen auf den Ton in unserer Politik und auf die Art und Weise, wie Politiker und die Presse miteinander reden, Acht geben… und auch auf die Art, wie die Sozialen Medien teilnehmen und diese Tendenzen verstärken. Es ist kein allzu großer Schritt zwischen dem Aussprechen von schrecklichen Dingen und einer schrecklichen Tat.

Die Sozialen Medien werden oft dafür angeprangert, einen öffentlichen Schauplatz für Meinungen zu bieten, die Leute niemals im echten Leben aussprechen würden (dies ist als der Online-Enthemmungs-Effekt bekannt) und dafür uneingeschränkt zu Belästigung und Missbrauch aufzurufen und eine Massenmentalität zu entwickeln . Doch die Rolle, die die Sozialen Medien politisch spielen, ist dank der Natur politischer Debatten viel komplizierter. Der feindliche Kommunikationsstil, den wir in der heutigen Politik beobachten können, ist mit Sicherheit kontraproduktiv und polarisiert Meinungen. Meinungsverschiedenheiten sind an sich großartig und das Herz der Demokratie. Aber, so argumentiert Politikwissenschaftlerin Susan Bickford, der demokratische Prozess ist nur dann erfolgreich, wenn man sich die Meinungen der Anderen tatsächlich anhört und sie nicht nur abtut. Und es verhält sich hier genauso wie persönliche Interaktion zwischen Politikern oder Fernsehdiskussionen – das Internet hat bewiesen, dass es nicht in der Lage ist, es Menschen zu ermöglichen, einander zuzuhören, dass es nun Versuche gibt, unsere Onlinekommunikation zu verändern, um uns zu besseren Zuhörern zu machen. Besonders in der Politik gibt es mehrere Dinge, die uns daran hindern, aktiv zuzuhören. Menschen neigen bewiesenermaßen dazu, Informationen, die ihre Überzeugungen und Positionen angreifen, abzutun, was als Bestätigungsbias bekannt ist. Und weil politische, kulturelle und religiöse Werte oft im Zentrum unserer Identität stehen, wird ein Angriff auf diese Werte schnell zu einem Angriff auf uns selbst und wie wir uns wahrnehmen. Wenn jemand gegen unsere Weltsicht argumentiert, nehmen wir das persönlich. Es wird argumentiert, dass wir, um in der Lage zu sein, uns die Meinung anderer Leute anzuhören, in der Lage sein müssen, unsere persönliche Identität von unseren Überzeugungen und Werten zu trennen. Das wird in einem politischen Umfeld, in dem Persönlichkeiten immer wichtiger werden, in dem ein einzelner politischer Anführer mehr und mehr Bedeutung als die Institutionen und Ideale, die er oder sie repräsentiert, erlangt, noch schwerer gemacht als es ohnehin schon ist. Diese erhöhte Persönlichkeitsbildung in der Politik wird von traditionellen Medien verstärkt, was politische Bindungen impliziert. Beispielsweise habe ich kürzlich eine kleine, noch nicht veröffentlichte Studie durchgeführt, die im Einklang mit anderen Untersuchungen aufzeigte, wie personalisierte Berichterstattung die Absicht junger Leute verringert, sich aktiv politisch zu beteiligen. Teilnehmer der Studie waren weniger gewillt, an politischen Aktivitäten wie Diskussionen, Wahlen oder ehrenamtlicher Arbeit teilzunehmen, nachdem Sie einen auf einen einzelnen Politiker fokussierten Bericht gelesen hatten als nach dem Lesen desselben Berichtes, der diesmal auf eine Partei oder die Regierung fokussiert war.

Es wird persönlich

Die Sozialen Medien jedoch sind ein zweischneidiges Schwert. Einerseits fördern sie die politische Beteiligung sowohl online als auch offline. In einer unveröffentlichten Studie, die ich durchgeführt habe, fand ich heraus, dass Menschen, die das Internet nutzen um zu diskutieren und unter Nachrichten zu kommentieren, wahrscheinlicher auch im echten Leben politisch aktiv waren. Dies deckt sich ebenfalls mit anderen Nachforschungen auf diesem Gebiet. Doch die Sozialen Medien fördern ebenfalls Polarisierung. Menschen tendieren dazu, sich mit Gleichgesinnten zu verbinden – und sich mit Inhalten zu beschäftigen, die ihre bereits existierenden Ansichten und Einstellungen reflektieren. Die Sozialen Medien fokussieren politische Diskussionen sogar noch mehr auf Personen, die aktive Profile auf Sozialen Netzwerken haben. Sie können besonders auffallen und somit mehr persönlichen Missbrauch von denen hervorrufen, die ihre Meinung nicht teilen. Der kürzlich angelaufene Kampagne „Reclaim the Internet“ hat die Höhe der Anzahl der Missbrauchsvofälle, dem Einzelne (und besonders Frauen) im Internet ausgesetzt sind, herausgestellt. Die Probleme des Cyberbullying und der Frauenhasser im Netz verdienen ernsthafte Beachtung für den negativen Einfluss den sie auf die Empfänger solchen Missbrauchs haben können. Trotzdem ist es wichtig, daran zu erinnern, dass nur wenige Menschen auch nach den gewalttätigen Tendenzen handeln, die sie online ausleben. Und leider sind solche Trends auch nicht nur auf die Ära der Sozialen Medien beschränkt. Es gibt kaum Beweise dafür, dass Missbrauch in Sozialen Medien zu Missbrauch jenseits des Netztes führt, wenn die Personen ansonsten nicht auffällig sind. Was können wir dagegen tun? Nutzer von Sozialen Medien müssen Missbrauch im Netz aktiv angreifen, die Plattformen selbst müssen effektiv und mit ernstzunehmenden Regularien auf Berichte solchen Missbrauchs reagieren. Die Polarisierung und Personalisierung der Politik ist allerdings ein sehr schwerwiegenderes Problem. Dieser Artikel erschien zuerst auf „The Conversation“ unter CC BY-ND 4.0. Übersetzung mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.


Image (adapted) „Westminster“ by Hernán Piñera (CC BY-SA 2.0)


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