Parallelen zwischen Hip Hop und der Mediendebatte #tag2020

Die Mediendebatte #tag2020 stößt auf wenig Interesse. Benjamin O’Daniel glaubt den Grund dafür gefunden zu haben und entdeckte Parallelen zum Hip Hop. Ich erinnere mich noch gut daran, wie wir als 15-Jährige abends in kleiner Runde vor unserem Turntable saßen. Aus den Boxen kam: Advanced Chemistry, Absolute Beginner, Main Concept. Natürlich auf Platte und nicht auf CD. Deutschsprachiger Hip Hop – das war damals noch Underground. Die Bands hatten kein Geld und waren nicht berühmt. Sie wollten einfach nur rappen. Ohne Kompromisse das rauslassen, was sie sich in ihren Köpfen zusammengereimt hatten. Sie erzählten von ihrem Leben und sprachen uns aus der Seele. Und genau deswegen wurden sie erfolgreich.

Irgendwann in einer lauen Sommernacht im Jahr 1998 ging ich durch die Bonner Innenstadt. Zwischen den Schaufensterpuppen im Karstadtfenster stand ein Fernseher. Aus den Boxen kam: das Freundeskreis-Video „Anna“. Deutschsprachiger Hip Hop wurde schlagartig Mainstream. Ausgekramt von einem hippen Kölner Fernsehsender namens Viva.

Heute sitzen wir an unseren Rechnern und konsumieren tagtäglich Underground. Hier eine liebevoll gestaltete Seite, dort ein großer Erzählkünstler. Videos, Podcasts, Texte – und so weiter. Eigentlich muss man es gar nicht mehr erklären, denn jeder hat längst seine persönlichen Nischenblogs und Communities gefunden. Der Unterschied zu damals: Durch das Netz ist der Underground extrem einfach zu finden und ständig verfügbar – so wie früher der Mainstream.

Underground ist unser neuer Mainstream.

Wir konsumieren ihn tagtäglich und haben uns längst daran gewöhnt. So sehr, dass wir vom eigentlichen Mainstream, also den Zeitungen, Magazinen und Sendern, erwarten, dass sie gefälligst auch so sein sollen. Anders kann man die vielen Debattenbeiträge auf Spiegel Online nicht interpretieren. Dort wird mehr Kreativität und Überraschung gefordert, mehr Experimente. Der Journalismus soll kämpferischer, ästhetischer, mutiger werden.

Tatsächlich sind das ja keine ungewöhnlichen Wünsche. Der Mainstream lebt schließlich davon, dass er Underground-Strömungen aufnimmt und kommerzialisiert. Und der Underground lebt davon, dass er irgendwann entdeckt wird und endlich Geld verdient. Nur dauert es heute keine 24 Stunden, bis etwas aus dem Underground in den Mainstream übergeschwappt ist. Die beiden Pole ziehen sich an wie Magneten – und prallen im nächsten Moment schon wieder voneinander ab.

Was bedeutet das für Journalisten und Verlage? Vielleicht müssen Medien viele stärker daran arbeiten, Mainstream und Underground zugleich zu sein. Vielleicht brauchen die Verlage nicht nur Datenjournalisten, Infografiker und scharfzüngige Schreiber. Sondern Künstler, die jeden Tag alles hinterfragen und den Laden immer wieder auf den Kopf stellen. Und geschickte Betriebswirte, die erkennen, wie sich damit Geld verdienen lässt.

Vielleicht sollte auf der nächsten Podiumsdiskussion einmal Jan Delay sitzen? Ein Hip Hop-Künstler, der sich immer wieder neu erfunden hat. Einer, der aus dem Underground kam, den Mainstream rockte, richtig Geld verdient und trotzdem immer “real” geblieben ist. Genau das, was sich alle wünschen.


Dieser Artikel erschien zuerst auf o-daniel.de.


Image (adapted) „Don’t Blame Yourself…Blame Hip-Hop“ by Angie Linder (CC BY-SA 2.0)


 

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